Gelassenes Fortkommen statt rasenden Stillstands

Der Verein zur Verzögerung der Zeit versucht durch intensives Diskutieren und humorvolle Aktionen, zum Innehalten zu animieren. 


Vor Kurzem wurde hier noch eine Skimeisterschaft ausgetragen, nun krabbeln ein paar Menschen die Piste in Garmisch-Partenkirchen hinauf. Sie richten ihre Blicke intensiv auf den Boden, manchmal wühlen sie im Schnee. Es scheint, als ob sie irgendetwas suchen. Nur was? Den erstaunten Beobachtern erklären sie, dass sie Hundertstelsekunden aufspüren wollen. Schließlich müssten diejenigen, die es vor ein paar Tagen nicht aufs Siegertreppchen geschafft hätten, die winzigen Zeiteinheiten ja irgendwo verloren haben.

 

Die Suchenden im Schnee sind Mitglieder des Vereins zur Verzögerung der Zeit und sie verbindet ein Anliegen: Sie wollen auf die eskalierende Zeitverdichtung in der Gegenwart aufmerksam machen. Etwa 1.000 Menschen haben sich inzwischen zu einer Gesinnungsgemeinschaft zusammengeschlossen, berichtet Peter Heintel, emeritierter Professor für Philosophie und Gruppendynamik aus Klagenfurt. Vor knapp einem Vierteljahrhundert hat er die Organisation gegründet. Der Impuls kam Heintel spontan, als ihn ein Kollege als Redner zu einem Kongress mit dem Thema „Beschleunigung und Zeitempfinden“ einlud. Mit Blick auf seinen proppenvollen Terminkalender wollte Heintel absagen – „es sei denn, wir gründen einen Verein zur Verzögerung der Zeit“, schlug er vor. Gesagt, getan.

 

„Die Mitglieder verpflichten sich zum Innehalten, zum Nachdenken dort, wo blinder Aktivismus und partikulares Interesse Scheinlösungen produzieren“, heißt es im Gründungsmanifest. In einer Ära, in der Pausen als Leere, Langeweile oder uneffektiver Luxus gelten, wollen die Mitglieder ohne vereinsmeierischen Aufwand einen gesünderen Umgang mit Zeit fördern. Dabei geht es ihnen nicht nur um das eigene Wohlbefinden, sondern auch um das Abbremsen einer Wirtschaft, die immer schneller immer mehr produziert, dadurch immer mehr Ressourcen verbraucht und das Klima zunehmend aus dem Gleichgewicht bringt.

 

„Für mich erwies sich die Vereinsgründung natürlich als paradox, weil sie mir noch mehr Arbeit einbrachte“, sagt Heintel und lacht, während er mit ausgeschaltetem Handy auf dem Balkon seiner Almhütte sitzt. Die ersten zehn Jahre hatte der heute 73-Jährige den Vereinsvorsitz inne. Die regionalen Gruppen, in die der Verein aufgeteilt ist, organisieren zwar viele Aktionen selbständig, doch der jährliche Kongress bedarf der übergreifenden Vorbereitung. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt beim Umgang mit der Zeit in Wirtschaft und Bildung – und in der Suche nach Alternativen. Darüber hinaus gibt der Verein das Blatt Zeitpresse heraus, das „die Eigenzeitlichkeit des Vereins berücksichtigend, stets zur rechten Zeit, mindestens aber zweimal im Jahr“ erscheint. 

 

Weniger entspannt klingt dagegen das vorherrschende Credo der Gegenwart: Zeit ist Geld. Wer in weniger Tagen, Stunden, Sekunden mehr herzustellen vermag, gewinnt – und sorgt dafür, dass sich das Rad des Kapitalismus schneller dreht. Geräte, die kurz nach der Garantiezeit kaputtgehen, verursachen exponentiell wachsende Müllberge. Sich immer rascher wandelnde Moden fördern eine monokulturelle Landwirtschaft, die Baumwolle für den Weltmarkt produziert – ohne Rücksicht auf Wasserhaushalt, hungernde Nachbarn oder Artenvielfalt. Am erfolgreichsten ist, wer die Eigenzeitlichkeit natürlicher Prozesse so weit wie möglich ausschaltet. 

 

„Vieles von dem, was geschieht, entzieht sich aber auch jeder menschlichen Wahrnehmung und Entscheidung“, konstatiert Heintel. Der Aktienhandel mit der Chance auf Milliardengewinne oder -verluste findet in Millisekunden statt. Solche Entwicklungen thematisiert der Verein beim Jahreskongress auf theoretischer Ebene und in der Praxis durch künstlerische Aktionen. So sah sich beispielsweise ein Bankmitarbeiter mit der Beschwerde von Kunden konfrontiert, die ohne Erfolg Geld aus einem Automaten zu ziehen versuchten. Zunächst versuchte der Mann es selbst, bis er die Chipkarte der vermeintlichen „Zeit-ist-Geld-Bank“ näher betrachtete. Die „Kunden“ entpuppten sich als Zeitvereinsmitglieder und verwickelten ihn in ein längeres Gespräch über den Irrsinn einer zerstörerischen Wirtschaft, die aus Geld noch mehr Geld machen will und die niemanden wirklich zufrieden machen kann. Immerhin: Der Bankmitarbeiter nahm sich Zeit und hörte zu.

 

Auch gängige Managementmethoden zielen darauf ab, dass Arbeitsergebnisse immer schneller vorliegen, kritisiert Heintel: „Zielvereinbarung klingt an sich demokratisch. Tatsächlich aber handelt es sich um Zeit- und Leistungsvorgaben. Auch die europäischen Studienbedingungen sieht der Experte durch den Bologna-Prozess einer Dynamisierung unterworfen: „Die Verschulung macht die Studenten angespannt und hektisch, die vorgegebene Zeitstrukturierung verhindert Autonomie und Kreativitätsentwicklung.“ Genau das aber seien die notwendigen Ressourcen, um die Probleme der Welt anzugehen.

 

Der angemessene Umgang mit Zeit hat Heintel schon immer beschäftigt. Als Kind schaute er gerne sinnierend in die Luft und erlebte, dass sich eigene Gedankenfäden am besten in gefühlter Grenzenlosigkeit von Zeit und Raum spinnen lassen. Solche theoretischen Überlegungen in der Realität zu überprüfen und Theorien anschließend an die Beobachtungen anzupassen, braucht Zeit. Genau deshalb wollte Heintel als Gründungsrektor der Universität Klagenfurt bereits Anfang der 1970er-Jahre Forschung und Lehre ganz anders organisieren als üblich: Menschen mit Berufserfahrung sollten hier Themen aus der Praxis reflektieren und umfassend untersuchen können. Vier Jahre kämpfte er mit diesem Standpunkt gegen die konservative Politik, dann schmiss er hin. Schließlich gründete er sein eigenes Institut für Interventionsforschung und kulturelle Nachhaltigkeit, in dem Doktoranden in Heintels Sinne arbeiten können. Den Forschungen folgen stets Rückkopplungen in die Praxis. Schwerpunkte des Instituts sind Stadt- und Regionalforschung, Bildung, gesellschaftliches Lernen und Interventionsmöglichkeiten der Wissenschaften.

 

Während der Professor der theoretische Vordenker des Vereins ist, versucht Vorstandsmitglied Martin Liebmann, das Organisationsziel vor allem durch paradoxe Interventionen im öffentlichen Raum zu fördern: „Kommerzfreie Räume zurückerobern, Menschen durch Aktionen ohne Kalkül und ohne Kommerz verwirren, Gesprächsräume öffnen – das inszenieren wir gern“, fasst er zusammen. Im Frühjahr 2014 konfrontierten er und einige Mitstreiter Berlin-Bummler mit Flyern. Darauf wurden für jeweils ein paar Euro Dienstleistungen angeboten, um Zeit für sich selbst zu gewinnen. Zu den Offerten gehörten Spaziergänge für 7,50 Euro; endlich einmal ausschlafen sollte 14,99 Euro kosten und ein gutes Gespräch war mit 50 Cent veranschlagt. So mancher Berliner ließ sich zu selbigen verführen – und das war dann für beide Seiten gratis.

 

Derweil genießt Vereinsgründer Heintel das Privileg, auf seiner Almhütte ohne Uhr zu leben. Manchmal sitzt er stundenlang auf der Terrasse und blickt in die Landschaft: Welch ein Hochgenuss – und ganz ohne Ressourcenverbrauch.

Annette Jensen