Variationen in Stur und Moll

Das Theater am Rand im Oderbruch serviert Kostbarkeiten – Theater, Musik, Kino, Landbrote, Umweltdebatten. Statt Eintritt zahlt man Austritt. Der Musiker Tobias Morgenstern hat das nachhaltige Gesamtkunstwerk in „vorauseilendem Ungehorsam“ aufgebaut.


Die Landschaft des Oderbruchs: wild, menschenleer, feuchtneblig. Der Himmel spannt sich so weit, dass Sehnsucht aufkommt. Nach was? Keine Ahnung. Mittendrin taucht etwas auf wie ein Fluchtpunkt. Ein Treffpunkt für Visionäre und Verrückte. Ein einladendes Kraftzentrum. Ein Theater, gebaut aus mannsdicken Eichenstämmen, ganz am Rande von Raum und Zeit – fast direkt an die Oder geschmiegt, unmittelbar an der polnischen Grenze im brandenburgischen Örtchen Zollbrücke, dessen Brücke schon lange nicht mehr existiert.

 

Dafür schlägt nun das Theater eine Brücke: zwischen Kultur und Natur, Landwirtschaft und Landschaft, Städtern aus dem nahen Berlin und dem Landvolk des feuchten Oderbruch. „Randthemen“ sind seine Spezialität, und nicht nur die präsentiert es so überzeugend, dass es ein Wunder vollbringt: In einem 19-Seelen-Ort sind seine 200 Plätze fast immer ausgebucht.

 

Verantwortlich für diese wundersame Marginalie, in der die hektische Moderne zum Stillstand kommt, sind die Betreiber: der Musiker Tobias Morgenstern und der Schauspieler Thomas Rühmann. Die von Anthroposophie, Musik und Rhythmik beeinflusste Architektur der krummen Hölzer und schiefen Winkel formt sich zu zwei Bühnen, eine überdacht und eine open air mit Blick auf kreisende Seeadler und stolzierende Störche. Auf Permakulturbeeten rund ums Theater wächst roter Amaranth. Ein großes gelbes X, dem anti-atomaren Widerstandssymbol im Wendland nachempfunden, warnt den Energiekonzern Vattenfall davor, sich mit der Verpressung von Kohlendioxid in den Untergrund (CCS) den Zorn der Leute zuzuziehen. Auf den Toiletten dürfen sich Besucher ein paar Cent von einem Tellerchen nehmen – für die Zurücklassung „wertvoller Inhaltsstoffe“, die zur fruchtbaren Schwarzerde Terra Preta verarbeitet werden. Eintritt bezahlt hier auch niemand, nur Austritt am Ende des Abends – zu einem selbstgewählten Betrag. Das Ganze ist ein Gesamtkunstwerk der Nachhaltigkeit, dem seine Erbauer sichtlich Zeit ließen, organisch zu wachsen.

 

Einen Rückzugsraum am Rande der Zeit hatte er gesucht, der 1960 in Dresden geborene Tobias Morgenstern, als er Mitte der 1980er-Jahre das Fachwerkhaus nebenan bezog. Damals brauchte er einen stillen Ort zum Komponieren und Musizieren, wo er nur Vögel und Frösche hörte und den ewigen Wind. Aufgewachsen in einer musischen Familie, spielt er Akkordeon, seit er denken kann, besuchte ab seinem sechsten Lebensjahr eine Musikschule und studierte die Kunst der Klänge in Weimar. Vier Jahre lang machte der ebenso unangepasste wie vielseitige Morgenstern im Erich-Weinert-Ensemble der DDR-Armee einen auf braven Soldat Schwejk, nebenbei komponierte er Lieder, Ballettmusik, Chorstücke. 1987 gründete er die Musikgruppe L’art de passage, stilistisch irgendwo zwischen Tango, Jazz und Latin gelegen, und brachte damit die erste World Music in die miefige kleine DDR.

 

„Sehnsucht nach Veränderung“ hieß eine ihrer Langspielplatten, ein politisch programmatischer Titel, der rund 30.000 mal verkauft wurde. Der 52-jährige Morgenstern hat bis heute insgesamt etwa 60 CDs produziert – auch zusammen mit Schauspielern und Musikern von Barbara Thalheimer bis Rio Reiser. Aber l’art pour l’art war nie seine Sache; immer schon beschäftigten ihn die großen Zusammenhänge, die Politik, die Natur, die Kommunikation des Menschen mit seiner Landschaft.

 

In der Großstadt rennt die Zeit davon, hier am Rande des Grenzflusses scheint sie zu stocken. Die Landschaft lädt ein zum Hören, Sehen, dazu, die frische Luft zu fühlen, der Geschichte nachzuspüren. Wohl nicht zufällig war es anlässlich einer Lesung von Sten Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit im Berliner Maxim Gorki Theater, dass Morgenstern 1997 den vier Jahre älteren Schauspieler Thomas Rühmann kennenlernte. Der fragte, ob sie zusammen Das grüne Akkordeon von E. Annie Proulx inszenieren könnten, die Geschichte eines Akkordeons, das sich durch ein ganzes Jahrhundert spielt. Sie führten das Stück in Zollbrücke auf, nur vor Freunden, im Wohnzimmer von Morgenstern, das aus den Nähten platzte. Immer mehr kamen, der Musiker meißelte eine Wand heraus, aber der Platz reichte immer noch nicht.

 

Also entstand das Theater – zufällig, wie nebenher. „Es hat mir Spaß gemacht, ein Gelände zu entwerfen, Räume zu entwickeln“, sagt der Improvisationskünstler Morgenstern, dem ein wohlwollendes Bauamt seine „im vorauseilenden Ungehorsam“ entworfenen Gebäude noch im Nachhinein genehmigte. In den neuen Räumen wiederum formten sich neue Stücke. Seide zum Beispiel, das die Reise eines Seidenraupenhändlers bis ans Ende der Welt erzählt. Auch Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit, die szenisch-musikalisch inszenierte Geschichte des Nordpolfahrers John Franklin, der anders denkt, sieht und handelt als der Mainstream, gehört zum festen Repertoire des Hauses. „Die langsame Arbeit ist die wichtigere“, gibt sich Morgenstern überzeugt.

 

Überhaupt lässt man den Mainstream hier gern vorbeiziehen und widmet sich stattdessen den Randthemen. Dazu organisiert die Mitarbeiterin Juliane Scheel eine Veranstaltungsreihe: Windenergie. Hochwasserschutz. Amaranth-Anbau. Landwirtschaft ohne Gentechnik. Die weite Welt der Subsistenz. Geld – Wurzel allen Übels. Lebensmittellügen. Terra Preta. Viele hochkarätige Vortragende waren schon hier, brachten neues Wissen und viele Gäste mit.

 

Wenn eine Veranstaltung steigt, sind die Schlafplätze in den umliegenden Gasthäusern belegt, und auch deshalb ist das Theater bei der hiesigen Randbevölkerung beliebt. Die Gemeinde beteiligte sich an der Gestaltung der Außenanlagen, der Ziegenwirt von nebenan verkauft seinen Käse an die Gäste, und eine Frau, die sich extra zur Bäckerin umschulen ließ, verkauft nunmehr aus dem Holzbackofen bei jeder Vorstellung rund 50 schwere dunkle Brote.

 

Das Erfolgsgeheimnis des Theaters besteht wohl darin, dass hier pure Spielfreude am Werke ist. Von dem halben Dutzend Mitarbeitenden hat keiner jemals auf Gewinne spekuliert. Der Komponist, Produzent, Intendant und Bauherr Tobias Morgenstern kann von seiner Musik leben, der Schauspieler Thomas Rühmann von der seit 1998 laufenden ARD-Serie In aller Freundschaft, in der er einen Chefarzt spielt. Morgenstern steht dem Kapitalismus mit seinem Profitwahn genauso fern wie dem autoritären Staatssozialismus der DDR. Die Fieberkurve der Börse hat er auf ein Notenblatt gelegt und daraus ein in wilden Zacken verlaufendes Stück komponiert. Als Alternative sieht er das zinslose Regiogeld, ihm hat er ein Sonett gewidmet.

 

Zeit ist Geld? Nicht hier, nicht in diesem randständigen Örtchen, das in seinen utopisch anmutenden Entwürfen der Zukunft der Menschheit womöglich näher ist als jede Großstadt. 

Ute Scheub