Häuser zu Kraftwerken!

Der Architekt Rolf Disch baute vor über zehn Jahren Freiburgs erste Plusenergie-Siedlung. Heute denkt er über die Stadt der Zukunft nach.


Die bunte Siedlung in Freiburgs Rosa-Luxemburg-Straße erzeugt mehr Energie als ihre Bewohner verbrauchen. „Mein Körper und die Tasse Kaffee reichen völlig aus, um das ganze Haus zu wärmen“, sagt der pensionierte Grund- und Hauptschullehrer Wolfgang Schnürer und freut sich diebisch, wenn seine Besucher ihn für ein bisschen verrückt halten.

 

Sein Wohnzimmer mit der riesigen, dreifach verglasten Fensterfront ist exakt nach Süden ausgerichtet; der Dachüberstand sorgt dafür, dass die hochstehende brütende Sommersonne abgeschirmt, die spärlichere Wintersonne hingegen voll genutzt wird. Durch ein unscheinbares Rohr strömt permanent frische Luft hinein, die dank eines Wärmetauschers fast die gleiche Temperatur hat wie der Innenraum. Doch selbstverständlich können Schnürer und seine Frau bei Bedarf auch die Fenster öffnen. Weil das Dach mit Photovoltaikmodulen gepflastert ist, erzeugt das Haus 36 Kilowattstunden Energie pro Quadratmeter und Jahr – mehr als dort fürs Heizen, Duschen, Kochen, Fernsehen und Internetsurfen verbraucht werden, wie das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie vor kurzem in einer Studie bestätigt hat. „Im Sommer werden wir fürs Wohnen bezahlt“, sagt Schnürer und grinst: „Ich guck’ jetzt lächelnd zu, wie der Ölpreis steigt.“

 

Gebaut hat die Solarsiedlung vor über zehn Jahren der Architekt Rolf Disch – ein unprätentiöser Mann von mittlerweile Anfang Sechzig, der einst als Maurer und Schreiner anfing und in seiner Jugend gegen das geplante Atomkraftwerk bei Wyhl auf die Straße ging. „Wir haben damals immer gesagt: Wir können nicht nur dagegen sein, sondern müssen auch sagen, wofür wir sind.“ Disch begann, Solarmobile zu konstruieren, und gewann in einer dieser 20 Kisten bei der ersten Australiendurchquerung 1987 sogar den Weltmeistertitel. Dann aber konzentrierte er sich auf Architektur – schließlich hatte er inzwischen Bautechnik studiert.

 

Das Heliotrop war sein erstes Meisterwerk – ein Versuchsgebäude, an dem er Anfang der 1990er-Jahre viele verschiedene Techniken ausprobiert hat und in dem er zusammen mit seiner Frau lebt. Der dreistöckige, überwiegend gläserne Turm steht nicht weit von der Solarsiedlung entfernt am Waldrand auf einem schmalen drehbaren Sockel. Das Haus kann sich so an kalten Tagen zur Sonne ausrichten, um viel Licht und Wärme durch die Spezialverglasung zu lassen. An heißen Sommertagen kehrt es dem Feuerball den Rücken, und es bleibt angenehm kühl im Inneren. Auch sonst ist der zylindrische Bau sehr umweltfreundlich: In den Rohren der Balkonbrüstung wird warmes Wasser erzeugt, die Waschmaschine nutzt Regenwasser, und es gibt ein Kompostklo sowie eine Schilfkläranlage fürs Abwasser.

 

Als Rolf Disch Ende der 1990er-Jahre dann die Freiburger Plusenergie-Siedlung plante, traf er auf wenig Zustimmung. „Die gesamte Immobilienbranche Freiburgs sagte, das könne nicht funktionieren.“ Auch die Banken winkten ab. Passivhäuser galten damals als das Nonplusultra – ein Gebäude mit weniger als zehn Kilowattstunden Verbrauch pro Quadratmeter und Jahr als Wolkenkuckucksheim. So war es für Rolf Disch äußerst schwierig, das nötige Geld zusammenzubekommen. Schließlich begeisterte sich ein privater Investor für die Idee. Selbst als der erste Bauabschnitt stand und die Bewohner sich hochzufrieden äußerten, hielt der Widerstand an. Konventionelle Bauträger bekamen den Zuschlag für das Gelände nebenan, auf dem Disch die Siedlung gerne erweitert hätte.

 

Ein Zitat von Arthur Schopenhauer scheint ihm besonders treffend, wenn er seine Erfahrung beschreiben soll. „Neue Ideen durchlaufen drei Phasen: Anfangs werden sie belächelt, später bekämpft, und irgendwann sind sie selbstverständlich.“ Der da so gelassen spricht, strahlt die Überzeugung aus, dass die zweite Phase schon weitgehend hinter ihm liegt und seine Position sowieso bald überall zur Normalität geworden sein wird.

 

Doch Disch geht es um mehr als um die Errichtung von ein paar Vorbildhäusern: Auch der gesamte Wohnungsbestand müsse saniert werden. Vor kurzem hat er in Frankreich ein mittelalterliches Gebäude zum Plusenergie-Haus umgebaut. Und selbstverständlich gehört für Disch, der vorwiegend mit Fahrrad und Bahn unterwegs ist und sich nicht erinnern kann, wann er zuletzt geflogen ist, auch eine nachhaltige Mobilität zur Architekturplanung. Ein Kernelement ist für ihn die gemeinsame Nutzung von Autos. Deshalb sind die Carsharing-Parkplätze für einen Bewohner der Solarsiedlung auch einfacher zu erreichen als der eigene Wagen.

 

Vor Rolf Dischs innerem Auge existiert sie schon – die Stadt der Zukunft: Weil es viel weniger Privat-PKWs gibt, können Straßen und Parkplatzflächen rückgebaut werden. Zudem wird es auch deshalb deutlich leiser, weil Elektroautos kaum Geräusche machen. „Die Städte werden traumhaft“, prognostiziert Disch. Und doch – er ist auch ungeduldig. Im November 2010 hat er ein Manifest veröffentlicht: „Der Klimawandel muss eingedämmt werden, die fossil-nuklearen Ressourcen laufen aus. Und was machen wir? Wir veranstalten Kongresse. In Kioto, Kopenhagen und Cancún. ... Die Weltvernunft ist verrannt in Negationen: Verbote, Reduktionen, Strafzahlungen. ... Lasst uns nicht das Alte langsam eindämmen, sondern das Neue aufbauen ... Häuser zu Kraftwerken!“

Annette Jensen