Money makes the world go wrong

Seit fast zwei Jahrzehnten lebt Heidemarie Schwermer ohne Geld. Sie bekommt dennoch, was sie braucht, und gibt, was sie kann.


„Ich bin so reich“, sagt sie immer wieder. „Reich an Erlebnissen, an Erfahrungen, an Vertrauen und Liebe. Ich gebe und bekomme so viel. Lebe ein Leben voller Abenteuer und Fülle. Geld lenkt doch nur ab vom Wesentlichen.“ Das formuliert eine, die materiell ärmer nicht sein könnte: Seit 17 Jahren lebt Heidemarie Schwermer ohne Geld.

71 Jahre zählt die frühere Lehrerin und Psychotherapeutin – und sieht doch viel jünger aus. Die zweifache Mutter und dreifache Großmutter kann so mädchenhaft lachen, dass die weißblonden Haare fliegen und die grünen Augen blitzen. Derzeit hütet sie die Zweizimmerwohnung einer verreisten Freundin in Herne bei Dortmund. Dort versorgt sie ihre Besucherin großzügig mit Mahlzeiten – wobei sich die anfangs schwer tut, sich beschenken zu lassen von einer Person, die scheinbar nichts hat. „Ja“, lacht Heidemarie Schwermer, „Nehmen ist viel schwerer denn Geben! Das musste ich auch mühsam lernen.“ Ein Bioladen überlässt ihr regelmäßig Gemüse, das krumm oder unansehnlich gewachsen ist, und Lebensmittel über dem Verfallsdatum.

Seit 17 Jahren lebt Heidemarie Schwermer in Wohnungen von Freundinnen und Bekannten, die im Urlaub oder auf Geschäftsreisen sind. „Immer ergab sich etwas; unter einer Brücke musste ich noch nie schlafen.“ Ihre Lebenserfahrung sei, dass sie bekomme, was sie brauche. Erstaunlich bei einer, die 1942 im heutigen Litauen geboren wurde und traumatische Fluchterfahrungen machen musste: „Wir waren Lumpenpack, als wir in Deutschland ankamen.“ Das traurige Flüchtlingsmädchen von einst habe sich damals selbst versprochen: „Ich werde alles dafür tun, an einer schönen Welt mitzuwirken. In dieser Welt soll es keine Kriege mehr geben. Und jeder Mensch soll in Würde leben.“

Sie geht zum Schrank ihrer Freundin und zieht eine Liste heraus. „Hier hab ich die Menschen aufgelistet, die ich zu meiner Beerdigung einladen will“, sagt sie so fröhlich, als ginge es um die nächste Gartenparty. Seit kurzem weiß sie, dass sie Krebs hat – Gebärmutterkrebs in fortgeschrittenem Stadium. „Andere klagen: Warum gerade ich? Ich sage: Ja, warum ich gerade nicht? Die Krankheit ist auch eine Chance, sich mit dem eigenen Leben noch einmal intensiv auseinander zu setzen. Ich gönne mir eine Auszeit und probiere alternative Heilmethoden. Sicher, ich möchte schon weiterleben. Aber wenn es sein muss, dann gehe ich. Ich hab’ ja immer auf dem Sprung gelebt.“

Anders als früher, ist sie jetzt zumindest krankenversichert, das kam ihr mit der Pensionsberechtigung ins Haus. Ihre Einkünfte aus der Rente allerdings verschenkt sie an Freunde und Bedürftige. Auf ihrer Website schreibt sie: „Ich habe Karzi – so nenne ich meinen unliebsamen Gast – begrüßt, mit ihm ein Abkommen vereinbart. Er verlässt mich, wenn ich mir meine Störungen anschaue und daran arbeite, sie aufzulösen.“

Immer wieder hat Heidemarie Schwermer ihr altes Leben abgelegt, um eine neue Ebene zu erreichen. Sie will „in die Tiefe“ und ist auf eine unaufdringliche, keineswegs missionarische Art sehr spirituell: „Ich glaube an Engel. Du nicht? Macht nichts. Gleichzeitig bin ich politisch.“

1978 schon hat sie ihren bequemen Beamtenstatus gekündigt, wurde Psychotherapeutin und Motopädin. Und 1994, als noch niemand von Tauschringen redete, gründete sie in Dortmund eine „bargeldlose Zone“, den Gib&Nimm-Tauschring. Haareschneiden gegen Kuchenbacken, Haushaltshilfe gegen Wintermantel – zehn Jahre lang wurde dort ohne jede Abrechnung getauscht. „Die Mitglieder sagten irgendwann: Wir brauchen Geld für einen Computer und ein Büro. Ich antwortete: Wenn wir etwas brauchen, dann bekommen wir das auch – ohne Geld. Die Tür ging auf, und ein junger Computerspezialist suchte ein neues Betätigungsfeld. Und wir fanden ein Büro im AStA-Gebäude. So ging das immer.“

1996 reichte ihr das nicht mehr. Sie wollte noch konsequenter leben: vollständig ohne Geld. Kündigte ihre Wohnung, verschenkte ihre Möbel, freute sich, als alles leer war. „Anfangs wusste ich ja gar nicht, wohin mich das noch treibt.“ Heute ist klar: weit! Heidemarie Schwermer wurde von der Presse entdeckt, zu Talkshows eingeladen, zu Vorträgen, oft mit 500 Zuhörenden, in ganz Deutschland, nach Österreich, Italien und Spanien. Ein Film über sie, Living without money, ist in 30 Ländern zu sehen. Sie schrieb drei Bücher, die übers Internet gratis oder billig erhältlich sind. Sie wurden in 15 Sprachen übersetzt, eines erhielt den Tiziano-Terzani-Preis. „Auch in Japan und Griechenland bist du berühmt“, sagte ihr neulich jemand.

Doch die Autorin selbst besitzt kein einziges ihrer Bücher, nicht mal in ihrem Rollkoffer, in den ihre gesamte persönliche Habe passt – Kleidungsstücke, Schuhe, Drogerieartikel. „Erinnerungsstücke hab’ ich bei einer Freundin deponiert, Fotos bei meinen Kindern.“

Woher nimmt sie diesen Mut? Die Zuversicht, dass alles gut geht? Die Fähigkeit, auch für eine Abendmahlzeit aus nichts außer Kartoffeln dankbar zu sein? „Ich lebe sehr einfach und zugleich sehr bewusst. Ich habe gelernt, mich an Kleinigkeiten zu erfreuen“, erzählt sie. Hindernisse und negative Reaktionen auf ihr Lebensmodell sieht sie grundsätzlich positiv, sie könne ja daran wachsen. Natürlich sei dies kein Modell für jedermann und jedefrau, gibt sie freimütig zu, denn sie lebe ja indirekt vom Geld anderer, und auch der Gegensatz zwischen arm und reich bleibe bestehen. Aber sie träumt von dem Moment, in dem alle auf Geld verzichten: „Ich stelle mir das vor wie eine Erleuchtung.“

Immer wieder, berichtet sie, mache sie die Erfahrung, dass die Dinge zu ihr kämen, wenn sie sie brauche – ob Schuhe, Verkehrstickets oder eine neue Brille. Vielleicht hat sie aber auch durch ihre mutige Lebensführung eine andere Brille aufgesetzt: Sie nimmt vor allem das Schenken und Beschenktwerden wahr, das Positive, Lebendige und Verbindende zwischen Menschen. „Die Leute kümmern sich um mich, schicken mir Handykarten, meine Ärztin schenkt mir Heilmittel. Und ich kümmere mich um sie – ich mache viel psychotherapeutische Beratung. Ohne jede Berechnung. Gib und nimm.“ Wie zur Bestätigung klingelt ihr Handy, eine Bekannte in seelischer Not möchte einen Rat. Tauschringe, fährt sie danach fort, in denen Leistungen mit Punkten oder Zeitwährungen abgerechnet werden, die gefallen ihr nicht so sehr. „Dann kann man ja gleich beim Geld bleiben.“

Heidemarie Schwermer glaubt fest daran, dass die Bewegung der Demonetarisierung weitergehen wird. In Berlin kommt Rafael Fellmer ohne Geld aus, in Großbritannien Mark Boyle, etwa ein Dutzend Leute lebt so in Europa. „Mein Leben ohne Geld hat mich vorangetrieben“, schreibt die 71-Jährige auf ihrem Blog, „hat mir eine neue einfachere Welt gezeigt, die für mich schon Fakt ist und die ich als Zukunftsmodell empfinde... Ich bin glücklich über mein Leben in Fülle.“

Ute Scheub