Von welchen, die loswandern, die Welt zu verändern

Zum dritten Mal werden in diesem Sommer rund 150 bildungsbewegte und ‑geplagte junge Menschen aus ihrem Schul- oder Unialltag ausbrechen, um sich auf Wanderschaft gen Berlin zu begeben. Das Motto der Funkenflieger: den Bildungsweg selbst in die Hand nehmen oder besser: auf andere Füße stellen.


Am Anfang der Funkenflug-Bewegung stand der Wunsch zweier junger Regisseure, die transformative Kraft bewegter Bilder zu erforschen. Anders gesagt: Wie können Filme dazu beitragen, die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln? Als eine mögliche Antwort auf diese Frage, drehten Krishna Saraswati und Jan Raiber Filme über Menschen, die den Mut hatten, für ihre Träume einzustehen. Mit diesem Material tingelten sie 2012 durch Schulen und Universitäten. Denn dort galt es aus Sicht der jungen Männer, den Keim für eine bessere Gesellschaft zu legen. Raibers Augen leuchten, wenn er an diese Zeit zurückdenkt: „Wir waren ganz baff von all den Ideen, die sich an der einfachen Frage entzündeten, was die Leute gerne an ihrer Schule oder Uni verändern würden.“ Gleichzeitig erkannte der Filmemacher, dass Schüler und Studierende in unserem Bildungssystem am wenigsten zu sagen hätten. „Als letztes Glied in der Nahrungskette“, wie er sagt, müssten sie die Entschlüsse von oben einfach schlucken. „Ist es nicht absurd, dass Bildung nicht von denen gestaltet werden kann, die sie vor allem betrifft?“, fragt Raiber.

Dieser Widerspruch ließ die zwei Regisseure nicht mehr los, und langsam setzte sich in ihren Köpfen ein Gedanke fest: Man stelle sich vor, es ist Schule und keiner geht hin! Stattdessen brechen alle zu einem Sternlauf gen Berlin auf, lassen die starren Strukturen, den Leistungszwang, das ständige Bewerten und Vergleichen hinter sich und nehmen sich Zeit für die wirklich wichtigen Fragen: Was will ich lernen? Welche Fähigkeiten, welches Wissen will ich mir aneignen und auf welche Weise? Was bedeutet Bildung – für mich und für die Gesellschaft? Und flugs saßen Raiber und Saraswati wieder in Klassenzimmern und Seminarräumen. Statt der Filme aber stellten sie diesmal ihre Idee vor. Das Feuer war sofort entfacht und die Initiatoren erkannten für ihre eigene Arbeit, dass es wohl sinnvoller wäre, die Welt zu verändern und das zu filmen, als mit Filmen allein die Welt zu verändern. Denn alles was die Zuhörerinnen wissen wollten war: „Und wann geht’s los?“

Bis sich die ersten Funkenfliegerinnen und -flieger tatsächlich auf den Weg machten, dauerte es dann noch bis zum Frühsommer 2013; schließlich musste eine Menge vorbereitet werden. Schon das gestaltete sich für die rund 100 Beteiligten als ein Prozess der Selbstermächtigung: Wanderwillige aus Schulen und Universitäten fanden sich in Ortsgruppen zusammen, bestimmten ihre jeweilige Laufroute, organisierten Elternabende für besorgte Erziehungsbevollmächtigte und verhandelten mit Lehrerinnen und Schulleitungen darüber, wie lange sie das Klassenzimmer gegen die freie Natur eintauschen dürfen. Manche Schüler wurden ganze sechs Wochen vom Unterricht freigestellt, andere steckten sich den Lernstoff in den Wanderrucksack, bereiteten sich während des Unterwegsseins auf ihr Mathe-Abi vor oder führten ein Reisetagebuch für den Deutschunterricht. Etliches konnte aber nicht im Vorfeld geplant werden, denn der Flug eines Funkens ist schwer vorherzusehen. Wo würden sie übernachten? Und würde ihr Plan aufgehen, unangekündigt Schulen zu besuchen, um ihre Idee weiterzutragen?

Doch sieh an: Ein Ort zum Schlafen fand sich immer. „Die Menschen sind viel freundlicher, als man denkt!“, freut sich Raiber über seine Zeitgenossen. Gut 100 Schulen öffneten den Wandersleuten auf ihrem Weg nach Berlin die Tore. „Das Schöne an sprühenden Funken ist ja, dass sie jederzeit auf andere Menschen überspringen können“, erklärt er den Weg der Verbreitung. „Wie sehen eure Wünsche aus?“, fragten die wandernden Funkenflieger in Klassenzimmern und draußen auf der Straße. Und sie verteilten Zettel, die sie später samt darauf notierten Wünschen wieder einsammelten. In krakeliger Schrift steht auf einem geschrieben: „Ich will mich nicht mehr mit meinen Klassenkameraden messen müssen.“ Woanders fordert eine flotte Feder: „Schüler als Schulminister, nicht irgendwelche Politiker!“

Irene Nenoff-Herchenbach, heute 27 Jahre alt und gerade dabei, ihre Diplomarbeit in Psychologie zu schreiben, lief die ersten beiden Jahre als Funkenfliegerin von Leipzig aus nach Berlin. Im Gepäck hatte sie ihre zwei kleinen Kinder und eine gehörige Portion Mut, um die vermeintlichen Sicherheiten des Alltags hinter sich zu lassen. „Die Erfahrung, jederzeit loslaufen zu können, hinterließ ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl“, erzählt Nenoff-Herchenbach voller Begeisterung. „‚Nichts muss, alles kann’ ist seitdem unser Leitfaden für den Alltag geworden.“ Ihre heitere Gelassenheit verrät, wie wohltuend es sein kann, sich von vorgegebenen Strukturen und Konventionen – zum Beispiel Kinder schon früh in staatlichen Institutionen unterzubringen – zu lösen.

Den wandernden Funkenfliegerinnen geht es weder um einen rein individuellen Reifeprozess, noch vertreten sie ein ausschließlich politisches Anliegen. Vielmehr zeigen die Erfahrungen der ersten Wanderungen, dass das eine vom anderen nicht zu trennen ist. So war das Laufen für Irene Nenoff-Herchenbach zu Beginn vor allem eine Zeit der Selbstreflexion, die sie jedoch immer mehr dazu brachte, das deutsche Bildungssystem zu hinterfragen. Initiator Raiber, der natürlich auch seine Wanderschuhe schnürte, hingegen erlebte den umgekehrten Wandel: „Für mich stellte der Lauf zuerst einen politischen Akt für das Recht auf selbstbestimmtes Lernen dar. Bis mir nach und nach immer bewusster wurde, dass ich erst einmal mich selbst transformieren muss, um für die große Veränderung kämpfen zu können.“

Bei sich selbst anfangen! Überhaupt mit etwas anfangen! Darin spiegelt sich wider, was die circa 500 Funkenflieger, die sich untereinander gar nicht alle kennen, wohl am ehesten vereint. Auch Nenoff-Herchenbach sieht das so: „Funkenflug ist wie ein Trampolin: Jeder kommt mit seinem eigenen Anliegen, mit seinen Fragen und Projektideen, und bekommt dafür während des Laufens und in der Gemeinschaft neue Impulse.“ Von diesem Trampolin-Effekt künden Projekte wie der Fahrradbus – ein gemeinschaftlich entwickeltes Muskelkraftmehrpersonenfahrzeug – oder das Freie Uniexperiment – eine Initiative, die Rahmenbedingungen für ein selbstgestaltetes, gemeinschaftliches Studium aufbaut – die aus dem und durch das Funkenflug-Netzwerk entstanden sind. Und wer weiß, welch Wirkkraft die bisher gesammelten 3.000 Wünsche noch entfalten werden, wenn sie – so ist der Plan – zu Beginn des dritten Funkenflug-Lauf im Mai 2015 in verschiedenen Medien veröffentlicht werden.

Präsentiert, reflektiert und gefeiert werden die über drei Jahre gesammelten Wandererfahrungen dann ab dem 19. Juni 2015 in Berlin; genauer gesagt: im FEZ, wo zwei Wochen lang die Funken schlagen werden. Ein offener Ort, genauso wie es jedem und jeder offen steht, sich als Teil des Funkenflug-Netzwerkes zu verstehen. Aber Vorsicht, denn das könnte bedeuten, dass man sich mit Rucksack und in Wanderschuhen auf der Straße wiederfindet. Denn wenn der Funke überspringt, bringt er Gesichter zum Leuchten, Gedanken zum Tanzen und manchmal eben auch Füße zum Wandern.

Astrid Emmert