Fairreisen!

Das forum anders reisen fördert nachhaltigen Tourismus und innovative Reise-Ideen. Das von Flugreisenden verursachte CO2 wird bei der Klima-Agentur atmosfair kompensiert.


Reisen ist für Vorurteile, Bigotterie und Engherzigkeit lebensgefährlich, 
und viele unserer Leute benötigen es aus diesem Grunde dringend. 
(Mark Twain)


Auf Tourismus-Messen begegneten sie sich immer wieder. Und stellten fest, dass sie ähnlich tickten. Sie bemühten sich, eine andere Art von Reisen zu organisieren, eine, die lustbetont fremde Welten erkundet und doch gleichzeitig Rücksicht auf Umwelt, Land und Leute nimmt. 1998 schließlich schritt ein Dutzend Menschen zur Tat. Sie gründeten den Verein forum anders reisen, um einen Tourismus zu fördern, der „langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für ortsansässige Gemeinschaften“ ist. Inzwischen, berichtet Ute Linsbauer von der Freiburger Geschäftsstelle, sei das forum anders reisen auf eine Gemeinschaft von über 140 Reiseunternehmen angewachsen. Ihr Büro koordiniert alle Aktivitäten und gibt den gemeinsamen Katalog Reiseperlen heraus.


Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, 
welche die Welt nicht angeschaut haben. (Alexander von Humboldt)


Keine Reise machen ist auch keine Lösung, das wusste schon der Humanist von Humboldt. Natürlich produziere praktisch jede Art von Urlaub mehr oder weniger Treibhausgase, insbesondere das Fliegen, gibt Ute Linsbauer zu. Aber man dürfe nicht vergessen, dass es in den armen Ländern viele Menschen gebe, die vom Tourismus abhängig seien. Und: Auch wenn man aus Klimaschutzgründen auf Flugzeuge spuckt und nur Rad fährt, frisst vielleicht zu Hause der Kühlschrank lustig grinsend weiterhin Strom, und im Feriendomizil rumpelt ein zweiter. 


Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. (Loriot)


Blättert man im Reiseperlen-Katalog, fällt einem die Treibhausgasberechnung für jede Flugreise ins Auge. Der Veranstalter Biss-Reisen etwa bietet die Erkundung der zentralasiatischen Seidenstraße per Rad an; der Flug nach Taschkent verursache „ca. 2.970 kg klimarelevante Emissionen“, die man mit einer Überweisung von 70 Euro an die Klima-Agentur atmosfair kompensieren könne. Das Reiseunternehmen Weltweitwandern organisiert eine Trekking-Tour durch den Himalaya; für 4.640 Kilogramm Treibhausgase ist ein Ausgleich von 109 Euro an atmosfair zu bezahlen. Der Kompensations-Dienstleister wurde 2003 gemeinsam von der Umweltorganisation Germanwatch und dem forum anders reisen gegründet und fördert mit seinen Einnahmen Solar-, Biomasse- oder Energieeffizienzprojekte in Entwicklungsländern. Wirklich neutralisieren kann auch atmosfair die Treibhausgase nicht, gibt Linsbauer zu, aber immerhin kompensieren.


Als wir noch in der Wiege lagen, dacht’ keiner an den Liegewagen. Jetzt kann man nachts im Wagen liegen und sich in allen Lagen wiegen. (Kanon, Verfasser unbekannt)


Klar, mit dem Rad oder der Bahn zu fahren sei auf jeden Fall besser, sagt Ute Linsbauer. Die Mitglieder des forum anders reisen seien angehalten, in ihren Reiseangeboten immer wieder darauf hinzuweisen. Zudem veröffentlicht das Forum „Tipps zum CO2-Sparen im Urlaub“. „Fliegen Sie nur, wenn Sie nicht anders anreisen können“, heißt es darin, „denn Flugreisen sind der Klimakiller Nr. 1 im Tourismus. Sie verursachen bis zu 80% der CO2-Emissionen einer Reise.“ Man empfehle deshalb, weniger oft in die Ferne zu fliegen, dafür aber möglichst lange vor Ort zu bleiben. Auch die Reisebranche selbst solle mehr Verantwortung für den Klimaschutz übernehmen: „Kurztrips mit dem Flugzeug gehören nicht in ein nachhaltiges Angebotsportfolio.“


Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, 
ob man sich anständig benehmen muss 
oder ob schon deutsche Touristen da gewesen sind. 
(Kurt Tucholsky)


Und woran erkennt ein fernwehkranker Mensch, dass die Reiseangebote des Forums ihre selbstgesteckten hehren Ansprüche erfüllen? Wer als Reiseveranstalter dem Verein beitritt, erklärt Ute Linsbauer, der verpflichte sich, binnen zwei Jahren den sogenannten CSR-Prozess zu absolvieren. CSR steht für Corporate Social Responsibility und ist ein kleines rotes Siegel, das an Reiseveranstalter verliehen wird, die eine Reihe von Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Der Kriterienkatalog sei „das Herzstück“ des forum anders reisen, weil es die Grundsätze eines umwelt- und sozialverträglichen Reisens definiere.


Offroad-Touren mit Geländewagen oder Motorschlitten; Reiseziele, deren Flora, Fauna oder Gesellschaftsform durch Tourismus beschädigt werden könnten; Zubringerflüge innerhalb Deutschlands oder Flüge über 2.000 Kilometer mit einer Aufenthaltsdauer von weniger als zwei Wochen – all das bietet das forum ganz bewusst nicht an. Aber es gebe auch eine Menge Positivkriterien, sagt Linsbauer: Kleine familiengeführte Unterkünfte würden bevorzugt, die Angestellten müssten fair entlohnt werden, die Reisegruppen seien klein und gut betreut. Begegnungen zwischen Gästen und Einheimischen seien zu fördern und „rein folkloristische Veranstaltungen“ zu meiden. Reiseveranstalter müssten in einem sogenannten CSR-Bericht beweisen, dass sie sich an den Kriterienkatalog halten. Ein unabhängiger Zertifizierungsrat überprüfe dies und verleihe ihnen dann das Gütesiegel CSR-Tourism-Certified.


Rechte Ferienfreuden sind nur dort zu genießen, wo andere im Alltag stehen und dessen Mechanik bestreiten. Da hat der Tourist sein Glück... Wo hingegen alle auf Urlaub sind, an Ferienplätzen, in Heimen, in Sanatorien, am Strand, dort herrscht nur der Maskenball. (Martin Kessel)


Ein weiteres Anliegen der Reiseveranstalter sei es, berichtet Ute Linsbauer weiter, tiefere Einblicke in den politischen und kulturellen Alltag von Ländern zu fördern. Im Reiseperlen-Angebot finden sich deshalb zahlreiche Kulturreisen oder auch „Reisen in die Zivilgesellschaft“. Die Reiseführer sind in diesem Fall Autoren der tageszeitung, die Begegnungen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen organisieren – in Vietnam, der Türkei, Irland und anderswo. Türkei-Korrespondent Jürgen Gottschlich etwa kennt jeden Intellektuellen-Treffpunkt in Istanbul, und Großbritannien-Berichterstatter Ralf Sotschek begrüßt jedes irische Bierglas beim Namen.


Ist es nicht schrecklich, ständig andere auf Reisen zu schicken, während man selbst nur aus dem Bürofenster schauen kann? Ach nein, findet Ute Linsbauer. Langweilig sei es nie in der Freiburger Geschäftsstelle. Auch das forum habe sich dem CSR-Prozess unterworfen und überprüft, ob es ökologisch und sozial arbeitet. „Innerhalb von zwei Jahren haben wir unseren Stromverbrauch auf die Hälfte gesenkt“, sagt sie nicht ohne Stolz. „Ist das nicht fantastisch?“

Ute Scheub