Mutig und fesch samma – mitten in Berlin

Das Veränderungsatelier Bis es mir vom Leibe fällt veredelt Kleider und rettet sie damit vor der unverdienten Vergessenheit. Eine Attacke auf die große Verschwendung.


„Mutig samma ned, aba fesch samma“ – dieser böse Spruch über die Österreicher müsste für Lisa Prantner umformuliert werden, denn sie hat beides: Mut und Stil. Zwei notwendige Eigenschaften, wenn man selbst Mode macht und gleich zwei Geschäfte in der Mitte Berlins betreibt. Unternehmensberater würden es als geradezu wahnsinnig bewerten, in einer der besten Lagen der Hauptstadt ein kleines Geschäft zu eröffnen, das gemeinhin als Änderungsservice bezeichnet würde. Doch genau das hat Lisa Prantner getan.

 

Der Laden mit dem theatralischen Namen Bis es mir vom Leibe fällt ist allerdings keine normale Änderungsschneiderei. Seit gut einem Jahr hat das Veränderungsatelier geöffnet – und eine kleine Vorsilbe macht hier den großen Unterschied: Hinter diesen Schaufenstern wird eben nicht ge-, sondern verändert.

 

Drei junge Frauen bewahren in Prantners Auftrag alte und neue Kleider vor dem Vergessen. Sie nennen sich „Wachküsserinnen“, weil sie in Kleiderschränken Schlafendes zum Leben erwecken, indem sie nähen, filzen, stricken, sampeln, upcyceln... Hier dreht sich alles um die Wiederbelebung von Textilien, die sich bereits in der Welt befinden und für die in der Wegwerfgesellschaft eigentlich eine kürzere Lebensdauer vorgesehen war: Massenware, über die, wirtschaftlich gewollt, der Trend hinwegfegt; Fehl- und Frustkäufe, die letztlich nur für die Wachstumswirtschaft produziert wurden; Billigware zum Niedrigpreis, auf Kosten anderer. Oder auch Sachen, die verschlissen sind oder gefunden wurden, die man geschenkt oder vererbt bekam, sich angeeignet hat oder die man aus emotionalen Gründen nie wieder loslassen möchte.

 

Nach der Behandlung durch Bis es mir vom Leibe fällt sind die Kleider nicht nur einzigartig, sondern plötzlich wieder charaktervoll und verführerisch. Dafür wird im kleinen Laden viel getan: aufgepeppt, repariert, umgeformt, umgenutzt und bis zur letzten Faser alles wiederverwendet. Kein Kundenwunsch bleibt unerfüllt oder wird abgelehnt. „Selbst eine einzelne selbstgestrickte Socke, wo nur eine Masche wiederaufgenommen werden muss, wird von uns angenommen“, bekräftigt die als Modedesignerin ausgebildete Esther Kaya Stögerer, zeigt das Beweisstück und beschaut es liebevoll mit großen dunklen Augen. Völlig klar: So etwas will man einfach bei sich behalten, bis es einem eben vom Leibe (oder vom Fuße) fällt.

 

Reparieren statt wegwerfen, vereinzigartigen statt verbrauchen, oder etwas Altes für etwas ganz Neues verwenden – dafür werfen sich die drei Verändererinnen kräftig ins (Näh)zeug. Hier sind Profis am Werk, und man spürt den Stolz der Chefin, als sie ihre Mitarbeiterinnen vorstellt: Neben Esther Kaya Stögerer arbeiten Kathrin Dilßner, eine Herrenmaßschneiderin und Kostümbildnerin, und Judith Veith, ebenfalls eine gelernte Schneiderin, im Atelier. Ob Frosch, ob Klamotte oder ob Mensch – jeder möchte von den Dreien wachgeküsst werden, am liebsten gleich -geknutscht.

 

Ja, das Wachküssen ist die romantisierende Auslegung dessen, was im Veränderungsatelier praktiziert wird, aber doch einen ernsten Kern hat: Es geht eben nicht nur um modische Oberflächenattribute, sondern die Arbeit geht auch unserer Kultur „an den Kragen“. Das Reparieren richtet sich gegen die Verschwendung von Ressourcen, das manuelle Vereinzigartigen kennt keine Massenfertigung unter miesen Arbeitsbedingungen, keine Ausbeutung, Kinderarbeit und auch keine Konformität durch den Geschmack der Mehrheit.

 

Dass die Kampfansage ernst gemeint ist, zeigt ein an der Atelierwand hängendes Foto des Veränderungsteams, auf dem als tableau vivantein durch lebende Personen arrangiertes Gemälde – Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix nachgestellt ist. Damals, im Frankreich der Julirevolution 1830, das im Originalbild zu sehen ist, erhoben sich die Pariser Bürger gegen die reaktionäre Politik; heute kämpfen die lang- und rothaarige Prantner und ihr Team ebenfalls für eine Erneuerung – für die Erneuerung einer reparaturbedürftigen Welt. Nicht mit Gewehren, Pistolen und Lanzen, wie die Protagonisten des Originalgemäldes, sondern mit Schneider- und Designutensilien. Nicht unter der französischen Trikolore, sondern unter der Fahne des Labels. Ganz zentral, als Allegorie der Freiheit: die Anführerin Lisa Prantner.

 

„Ich könnte das nicht. Die Mädchen sind Vollblut-Schneiderinnen und strotzen vor Upcycling- und Man-könnte-doch-Ideen – ich bin da mehr Designerin“, gesteht die Chefin im weit schwingenden folkloristischen Rock mit Vivienne-Westwood-Karo-Print, der in der Hüfte mit Applikationen einer schwarzen Herrenhose aus den 1920er-Jahren kombiniert wurde. Die rührige Frau kann das auch aus einem weiteren Grund nicht: Einen Hof weiter befindet sich das Atelier Lisa D., wo sie seit 1995 ihre eigenen Kollektionen verkauft – dort muss sie vor Ort sein. Bis es mir vom Leibe fällt überlässt sie vertrauensvoll „ihren Mädchen“.

 

Den eigenen Lebensweg erzählt Prantner wie eine Kausalitätskette: Zuerst war sie Kunsterzieherin, dann Performance-Künstlerin, und schließlich entschied sie sich ganz bewusst für die Praxis: Auch Modedesign ist für Prantner Handwerkskunst. Ihre „alte“ soziale Umwelt nimmt diese persönliche Entwicklung als einen Rückschritt wahr, erzählt die Kleidererfinderin lachend: „Auf der Bühne im Wiener Burgtheater konnte ich durch pure Performance nichts ausrichten, was von Dauer ist, heute kann ich aktiv eingreifen“. Doch eines ist geblieben: Wie einst im Burgtheater provoziert sie gern.

 

Dazu gehört, nachhaltiger ökologischer Mode mit Ironie und auch Misstrauen zu begegnen: „Weil man nie sicher sagen kann, ob ein Stoff voll und ganz ökologisch ist und ob mit den Arbeiterinnen in den singalesischen Webereien wirklich fair umgegangen wird, heißt meine nächste Öko-Linie Das richtige Kostüm im falschen Leben“. Es ist wahre Freude, die sie am Spiel zwischen dem Glamour ihrer Branche und der Kulturkritik Adornos hat. Richtig auch im falschen Leben versucht Lisa Prantner aber ihre Mitarbeiterinnen zu behandeln: „Klar, ich bin die Chefin!  Das merkt nur keiner, weil es hier demokratisch zugeht.“ Stupide Abläufe gibt es bei Lisa D. nicht. Jeden Monat wird ein Designtag für alle Mitarbeiterinnen von Lisa D. und Bis es mir vom Leibe fällt organisiert, wo die Schneiderinnen sich gegenseitig beflügeln, austauschen, anstecken und gemeinsam neue Dinge entwickeln können.

 

„Das Veränderungsatelier war die beste Idee meines Lebens! – Egal was andere sagen“, resümiert die Design-Amazone Prantner. Trotzdem war sie am Eröffnungstag von Bis es mir vom Leibe fällt nicht vor Ort. Sie rief aus der Ferne in Berlin an und sagte freudig: „Mädels, macht schon mal den Laden auf!“ Das ist Performance.

Dana Giesecke