Wasser, Spitzkohl und Liebe

Was brauche ich wirklich? Unter diesem Motto testete der Aktionskünstler Wilm Weppelmann auf seiner schwimmenden Insel aFARM im Münsteraner Aasee 30 Tage lang seine 30 Grundbedürfnisse.


Einen ganzen sonnigen Monat auf einer schwimmenden Garteninsel wohnen. Aufwachen vom plätschernden Wasser. Den Schwänen nachschauen. Morgens Gemüse gießen, mittags in der Sonne sitzen, abends ernten. Was könnte es Schöneres geben? „Bloß weg hier!“, befand der Aktionskünstler Wilm Weppelmann nach einem Monat auf seiner Inselinstallation aFARM inmitten des Aasees in Münster.

Inzwischen sitzt der 57-Jährige wieder in seiner kleinen Wohnung, umgeben von Büchern und Bildern. Erzählt mit junger, heller Stimme, begleitet von impulsiven Gesten, wie sich die Zeit dehnte wie Kaugummi und wie glücklich er war, am Ende wieder ans Festland zu dürfen: „Am schlimmsten war die Handlungsohnmacht. Kein Auslauf. Keine Abwechslung.“ Weppelmann springt auf, offenbar froh über die wiedergewonnene Beinfreiheit, und wirft mit Schwung einen Stapel Presseartikel auf den Tisch. Hunderte von Texten sind in dieser Zeit über ihn erschienen, nebst Leserbriefen; an die 3.000 Mails hat er erhalten. Seit 2001 arbeitet der Ex-Theatermann und Ex-Verlagsmanager als Fotograf und Konzeptkünstler, noch nie brachte ihm eine Aktion so viel Resonanz ein wie aFARM. „Und noch nie wurde ich auf so viele Partys eingeladen“, sagt er mit einem lauten und herzlichen Lachen.

30 Tage lang hat er auf 30 Quadratmetern Insel, erleuchtet von 30 Kerzen plus Solarlampe, seine 30 Grundbedürfnisse zwischen Fressen und Moral in einer Kladde beschrieben. Als da wären, nun alphabetisch geordnet: Bewegung, Bildung, Familie, Friede, Geld, Gesundheit, Heimat, Humor, Kleidung, Kommunikation, Kultur, Lebensfreude, Licht, Luft, Meinungsfreiheit, Menschenrechte, Mobilität, Nahrung, Obdach, Religion, Respekt, Ruhe, Schlaf, Selbstbestimmung, Sexualität, Sprache, Strom, Wärme und Wasser.

Jeden Tag hat er ein Bedürfnis genauer erkundet, sich einen Reim mit 30 Worten darauf gemacht und den per Sprachrohr morgens, mittags und abends in die Ohren seines Fanpublikums im Schlafsack am Seeufer gerufen. „Raus raus raus aus dem haus“, begann der erste zum Thema Obdach, daran erinnernd, dass weltweit über 100 Millionen Menschen ohne ein Zuhause sind; „essen essen immer schneller essen schlafen fressen essen bald haben wir die ganze welt gegessen“, lautete der letzte Vers zum Thema Nahrung, den weltweit 800 Millionen Hungernden und der Welthungerhilfe gewidmet. Seine „Stadtausrufe“ wurden in der Zeitung nachgedruckt.

Was braucht der Mensch wirklich? Der Künstler, daheim umgrünt von Kräutern auf seiner Fensterbank, zitiert den US-Schriftsteller Henry David Thoreau, der in seinem Buch „Walden“ bereits vor mehr als 150 Jahren das einfache Leben propagierte: „Es wäre von einigem Vorteil, ein bedürfnisloses Grenzleben zu führen, wenn auch inmitten äußerlicher Zivilisation, bloß um zu erfahren, welches die größeren Lebensbedürfnisse sind.“ Mit der aFARM sei es ihm nicht darum gegangen, „individualistische Askese vorzuführen“, wie Weppelmann es formuliert, sondern „anstößig zu sein“ und die eigene Lebenspraxis im Kontext der ganzen Welt zu überprüfen.

Das bedürfnislose Grenzleben: Für Wilm Weppelmann, rahmten es 30 Tage lang Gaskocher, Gießkanne, Klappmatratze, Kompostklo, Wasserkanister und wenige weitere Utensilien. Auf sechs Tonnen Inselerde wuchsen Kohlrabi, Mangold, Spitzkohl; zudem hatte er je zwei bis drei Kilo Müsli, Nudeln und Reis auf seine Insel importiert. Den Verbrauch hatte er vorher genau durchgerechnet: zwei Scheiben Brot pro Tag, vier Liter Wasser, acht Blatt Klopapier. Hätte er mehr gegessen, als die Vorräte hergaben, hätte er gefastet, das war seine selbst auferlegte Disziplin. Weppelmann verließ die Insel Ende September sprichwörtlich erleichtert: ganze dreieinhalb Kilo nahm er ab.

Zugleich verließ er sein künstliches Eiland um viele Erkenntnisse reicher. Zum Beispiel, dass es dank guter Vorbereitung nicht schwer war, auf wenigen Quadratmetern die wichtigsten materiellen Grundbedürfnisse zu befriedigen. Schon eher fehlte es an Bewegung, trotz durchritualisiertem Tagesablauf mit Kniebeugen und Auf-der-Stelle-Laufen. Noch viel mehr vermisst: Familie, Kommunikation, Kultur. Trotz mitgebrachter Bücher, trotz zahlreicher Pressebesuche, trotz herübergereichtem Kuchen freundlicher Tretbootfahrerinnen.

Und es fehlte auch, erstaunlicherweise, an Ruhe. „Ich hab schlecht geschlafen. Der Aasee mitten in der Stadt, der ist ja so laut“, sagt er, „auf meiner Insel war ich raus und doch mitten drin.“ Zeitungen und das Internet aber habe er nicht gebraucht: „Die Welt schwappte in wohltuender Unkenntnis einfach weiter.“ Dass er zum täglichen Stadtthema wurde, habe er erst später gemerkt. Sein Fazit der Inselerfahrung: An die materiellen Beschränkungen habe er sich „sehr schnell gewöhnt“, kein Problem. Aber „die menschlichen Defizite bei Kommunikation und Berührung, die machten mir zu schaffen“, gibt er rückblickend zu.

Für Weppelmann, in einer westfälischen Handwerksfamilie mit zwei Brüdern auf dem Dorf aufgewachsen, gehört die Subsistenzwirtschaft im Garten zu den prägendsten Kindheitserfahrungen. Auf seinen Regalen stapeln sich an die 2.000 Gartenbücher. Diese braucht er für seinen Schrebergarten, den er seit 2005 zu einem Ort und Hort für eine Freie Gartenakademie verwandelt. Auf blühenden 420 Quadratmetern organisiert der Künstler jedes Jahr ein sattes Sach- und Kulturprogramm, mit Open-Air-Vorträgen und Konzerten. Fans kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Zudem: „Ich bin ein Sommerloch“, freut er sich, denn die Münsteraner Zeitungen begleiten fast jede seiner Veranstaltungen.

Seine Inszenierungen zum Thema Stadtgärtnern sind indes weder blümchenhaft noch nett, sondern loten auch Schattenseiten aus. In Weingarten am Bodensee installierte er einen „Hungergarten – Hunger gestern und heute“, mit Steckrüben und anderen Kulturpflanzen, „an denen Krieg, Blut und Totschlag klebt“, wie er sagt. Die „Angst Afrikas“ lässt Mais auf sandigem Boden wachsen, der hierzulande zur Gewinnung von Agrosprit verheizt wird. Leben und Sterben an den Rändern der Gesellschaft ist der rote Faden, der sich durch seine Installationen und Fotoausstellungen zieht.

Besonders angetan haben es ihm die historischen schwimmenden Gärten, wie es sie in Myamar oder Mexiko gab, die Inseln überquellender Fruchtbarkeit und Fülle waren. Und wie fühlt sich die Fülle in einer deutschen Provinzstadt an, von einer Insel mitten im Aasee aus betrachtet? „Münster, eine der reichsten Städte Deutschlands, ist sehr selbstgefällig und schaut deshalb zu wenig über den Tellerrand hinaus. Es ist gut hier zu leben, aber die Zukunft verlangt mehr als eine gründlich gekehrte Grünpromenade. Sie verlangt ein Engagement für die Stadt im Wandel.“ Vielleicht schlagen Weppelmanns Inselerkenntnisse die entscheidenden Wellen ins Stadtinnere.

Ute Scheub