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FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit

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FUTURZWEI. Wir fangen schon mal an.

Eine andere, zukunftsfähige Kultur des Lebens und Wirtschaftens entsteht nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse oder moralische Appelle. Sie wird in unterschiedlichen Laboren der Zivilgesellschaft vorgelebt und ausprobiert. 

Verantwortungsbewusste Unternehmer, kreative Schulleitungen, Bürgerinitiativen, studentische Start-ups oder einzelne Bürgerinnen und Bürger zeigen, dass man das Unerwartbare tun kann. Sie nutzen ihre Handlungsspielräume, um zukunftsfähige Lebensstile und Wirtschaftsweisen zu entwickeln. Sie fangen schon mal an.

FUTURZWEI macht es sich zur Aufgabe, dieses Anfangen gesellschaftlich sichtbar und politisch wirksam zu machen. Auch das 21. Jahrhundert braucht Visionen von besseren, gerechteren und glücklicheren Lebensstilen. In unserem Zukunftsarchiv erzählen wir, wie solche Visionen ganz handfest in Wirklichkeit verwandelt werden. Und dass Veränderung nicht nur möglich wird, sondern dass sie auch Spaß macht und Gewinn an Lebensqualität bedeutet.

FUTURZWEI ist kein Netzwerk und keine Community, sondern eine gemeinnützige Stiftung, die ihre Mittel für das Projekt einer zukunftsfähigen, enkeltauglichen Gesellschaft einsetzt.

Das Zukunftsarchiv

Im Zukunftsarchiv werden Geschichten des Gelingens erzählt. Dabei geht es um Menschen, die ihre Welt verändern, indem sie Ideen über andere Formen des Produzierens, Wirtschaftens, Unterhaltens usw. umsetzen und damit Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit praktisch machen. Sie schaffen Labore und Experimentierräume einer enkeltauglichen Gesellschaft, und zwar ohne Auftrag und ohne, dass sie jemand dazu aufgefordert hätte. Sie machen Unerwartetes, weil sie es sinnvoll finden. Bei all dem wird Wissen erzeugt, das wir künftig brauchen werden. Deshalb ist alles, was Sie im Zukunftsarchiv lesen können, zum Weitererzählen und – besser noch – zur Nachahmung empfohlen.

Die Geschichten gliedern sich in die folgenden sechs Bereiche:

Saft und Stoff

Diese Geschichten erzählen von einem anderen Umgang mit Rohstoffen, Materialien und Energien. Sie handeln von Wegen, weniger Energie zu verbrauchen, mehr davon selbst herzustellen und sich von fossiler Energie endgültig zu verabschieden. Es geht um Stoffe, die hergestellt werden, ohne Schäden zu verursachen, und die auf Kreisläufe ausgelegt sind anstatt auf Einmalnutzung. Außerdem wird hier von Bauern, Winzerinnen und Pflanzenfreunden erzählt, die ihre Böden nicht übernutzen, die Gene ihrer Pflanzen intakt lassen oder ihr Terrain mit Effektiven Mikroorganismen auf natürliche Weise nachhaltig bewirtschaften.

Kaufen Essen Trinken

Geschichten in dieser Rubrik handeln von verantwortungsvollen Erzeugern und strategischen Konsumenten, denen es wichtig ist, unter welchen Bedingungen Waren produziert werden und welche Kosten Umwelt und Gesellschaft dabei tragen. Sie erzeugen und verbrauchen korrekt, fair und regional, oft unter Verzicht auf Fleisch, immer auf Müll und Umweltgifte. Oder gleich auf den klassischen Konsum, indem Dinge wiederverwendet, umgenutzt, selbstgemacht oder geteilt werden.

Nah und Fern

Hier finden Sie Geschichten über das, was ganz nahe liegt, auch wenn es fern scheint. Und wenn tatsächlich einmal etwas fern liegt, wie man es am besten erreicht. Also: Stories über Verkehr und Transport, über Tourismus und Reisen und über Möglichkeiten, Dinge gar nicht erst von weit her zu beschaffen, aber trotzdem alles Nötige vor Ort zu haben; zum Beispiel regionale Produktion und Wirtschaftskreisläufe, Regionalwährungen oder dörfliche Versorgungsstrukturen.

Wir Ihr Sie

Das sind Geschichten über Menschen, die neue Formen des Sozialen erproben und zeigen, dass sich durch Gemeinwohlorientierung das Bruttosozialglück erhöhen lässt. Dabei geht es auch um Solidarität, Verantwortung und gemeinschaftliches Engagement – kurz: um Wege aus einer Kultur, die verhängnisvollerweise dem zukunftsfeindlichen Slogan der Postbank folgt: „Unterm Strich zähl ich!“

Spielen und Lernen

Schülerinnen und Schüler, Jugendliche und Studierende müssen noch die längste Zeit in der Zukunft leben. Hier werden Geschichten erzählt, die zeigen, dass Bildung etwas ganz anderes sein kann als es die pseudofunktionalen Lernanstalten im G8-Zeitalter glauben machen. Und dass sich auch Ältere in Zukunftsfähigkeit bilden können. Die allerdings wird nicht unterrichtet, sondern gelebt.

Weiter und Breiter

Hier gibt es Geschichten über Multiplikatoren, Förderer, Stifter, Kommunikatoren und Netzwerker – kurz: Künstlerinnen und Künstler des Verbindens. Sie stellen Synergien zwischen Akteuren her, erzählen deren Erfolge weiter, verbreiten nachhaltige Praktiken oder generieren selbst Wissen über Strategien der Zukunftsfähigkeit.

Team

 

Nicholas Czichi-Welzer

Nicholas Czichi-Welzerwird nach seinem bestandenen Abitur nach Berlin gezogen sein, um sich dort auf ein Journalistik-Studium vorzubereiten. Er wird die Welt bereist haben und Zeitzeuge der Energierevolution gewesen sein, die die aufgeklärte, globale Gemeinschaft entwickelt und weltweit durchgesetzt haben wird. Er wird sich an seine früheren Berichte über die Probleme des Generationenvertrags und die Ressourcenknappheit zurückerinnert haben und lächelnd seinen Kopf über diese bewältigte Zeit geschüttelt haben. Bei FUTURZWEI wird Nicholas Autor und Videofilmer gewesen sein.

 

Sven Dämmig

Sven Dämmigwird als diplomierter Information Scientist, freiberuflicher WebProgrammierer, Netlabelaktivist und Social-Media-Experte bei FUTURZWEI und der Trans-Media-Akademie Hellerau e.V. gewesen sein. Zuvor hatte er u.a. bei Ars Electronica Linz und dem TU Electronic Music Studio Berlin mitgearbeitet.

 

Anne Giebel

Anne Giebelwird als Historikerin freiberuflich für FUTURZWEI gearbeitet haben. In der einfachen Zukunft wird sie eine geschichtswissenschaftliche Promotion über den Holocaust-Überlebenden und Unterhaltungsstar Hans Rosenthal geschrieben haben. Anne wird sich gefreut haben, durch FUTURZWEI entdeckt zu haben, dass sich inspirierende Geschichten nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Zukunft erzählen lassen.

 

Dana Giesecke

Dana Giesecke wird – nachdem sie zuerst Soziologie und Science Communication and Marketing studiert und von 2005 bis 2011 die Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen (KWI) geleitet hat – die wissenschaftliche Leitung der Stiftung FUTURZWEI übernommen haben. Schon als Soziologin, aber erst recht bei FUTURZWEI, wird sie erkannt haben, dass die Zukunft niemals einfach hereinbricht, sondern geformt wird, durch das, was in der Gegenwart passiert: Jeder wird an der Zukunft beteiligt gewesen sein.

 

Annette Jensen

Annette Jensenwird für FUTURZWEI geschrieben haben. Von 1998 an wird sie freie Journalistin in Berlin gewesen sein. Zuvor hatte sie acht Jahre lang als Redakteurin bei der taz gearbeitet, wo sie auch zusammen mit anderen das Ressort Wirtschaft und Umwelt gegründet hatte. Nachhaltigkeitsthemen waren auch danach ihr Schwerpunkt geblieben. Im Herbst 2011 war im Herder-Verlag ihr damals neuestes Buch erschienen: „Wir steigern das Bruttosozialglück. Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben.“

 

David Keller

David Kellerwird als studierter Psychologe, Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker am Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) in Projekten zur Erinnerungs- und KlimaKultur tätig gewesen und bei FUTURZWEI freier Mitarbeiter gewesen sein.

 

Ute Scheub

Ute Scheubwird für FUTURZWEI geschrieben haben. Sie wird promovierte Politikwissenschaftlerin, Publizistin, Freizeitmusikerin, -malerin und -gärtnerin (früherer Spitzname: „Unkraut“) gewesen sein – wissend, dass auf unbeackerter Zukunft gefährlicher Unfug jäh aufblüht, wenn man Vergangenheit und Gegenwart nicht gehegt, gepflegt, umgegraben und neu bepflanzt haben wird. 1978/79 war sie Mitbegründerin der taz. Neben Artikeln, Essays und Kurzgeschichten hat sie bislang zehn Bücher veröffentlicht. Zusammen mit Annette Jensen wird sie außerdem „GoodNews“-Ausgaben der taz und die Website www.visionews.net mit Erfolgsgeschichten und Vorzeigeprojekten aus aller Welt organisiert haben. Noch dazu wird sie sich ehrenamtlich in mehreren „glokalen“ Projekten engagiert haben. www.utescheub.de

 

Vanessa Stahl

Vanessa Stahlwird zunächst VWL, später Philosophie und Orientalistik studiert haben, um zu bemerken, dass ihr darin die sozialen und gesellschaftlichen Schnittpunkte, ergo unsere Umwelt, unser Zusammenleben und unsere Zukunft am wichtigsten gewesen sein werden. Weshalb? Weil es richtig gewesen sein und unsere Gesellschaft ohne Zukunftsvorstellungen nicht funktioniert haben wird. Ab 2008 war sie am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) tätig gewesen. Bei FUTURZWEI wird Vanessa Stahl freiberufliche Mitarbeiterin gewesen sein.

Luise Tremel

Luise TremelNachdem sie sich im Studium und dem ersten Arbeitslebensabschnitt der Vergangenheit gewidmet hatte, um sich über die Gegenwart klarer zu werden – sie hat Geschichte und Literaturwissenschaften studiert und bei der Bundeszentrale für politische Bildung Veranstaltungen und Multimediales zur deutschen Zeitgeschichte entwickelt – wird sie unter dem Einfluss von FUTURZWEI ihren Zeithorizont um noch ein Stück erweitert haben. In ihrer Doktorarbeit wird sie gesellschaftliche Veränderungsprozesse der Vergangenheit analysiert haben, um für das Stürzen auf die Zukunft zumindest theoretisch gewappnet gewesen zu sein.

 

Harald Welzer

Harald Welzerwird nach einer langen Zeit als Hochschullehrer, Galerist, Forscher und universeller Dilettant Direktor von FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit gewesen sein und mit dieser Aufgabe viel Spaß gehabt haben.

 

Wir danken


Hanna und Dieter Paulmann

sowie Eckhard Karnauke, Lara Mallien, Christiane Paul, Karl-Heinz Retzlaff, Prof. Karin Sander, Christoph Süss, Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Frank Schweikert, Peter Unfried, Klaus Wiegandt

Kooperationspartner

okeanos

OKEANOS - Stiftung für das Meer

 

forum fuer_verantwortung

Forum für Verantwortung

 

3sat kulturzeit

3sat | Kulturzeit

 

Yuno Logo

yuno (Gruner & Jahr)

 

UniFL

Universität Flensburg

 

Aldebaran logo

ALDEBARAN Marine Research & Broadcast

 

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Sie ist im hessischen Stiftungsverzeichnis eingetragen.

Zuständige Aufsichtsbehörde:

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Vorstand:

Hanna Paulmann, Dipl. rer. pol. Dieter Paulmann (Vorsitzender)

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Zukunftsarchiv

 
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270-sauberbus

So smooth so clean

In Hamburg fahren neuartige Busse der Hochbahn mit Wasserstoff und Brennstoffzellen – und dienen gleichzeitig als Speicher für erneuerbare Energien. Fahrer und Passagiere sind begeistert von der ebenso leisen wie butterweichen Fahrweise.

Reiseziel postfossil

In Hamburg fahren neuartige Busse der Hochbahn mit Wasserstoff und Brennstoffzellen – und dienen gleichzeitig als Speicher für erneuerbare Energien. Fahrer und Passagiere sind begeistert von der ebenso leisen wie butterweichen Fahrweise.

Das Ding sieht aus wie ein leckerer Apfel, frischgrün, bedeckt mit Wassertropfen. Aber Vorsicht, nicht reinbeißen! Denn unter der knackigen Schale liegt hartes Metall – es handelt sich um einen „SauberBus für die nächste Generation“. Das schöne Äußere verspricht außerdem: „Wasser statt Abgase“. Das heißt erst einmal nicht so viel; nicht alles, was außen grün ist, ist es auch im Kern.

 

Bitte einsteigen. Der sogenannte Brennstoffzellenhybridbus allerdings hält, was seine verlockende Erscheinung verspricht. Er fährt mit Wasserstoff, seine Abgase bestehen ausschließlich aus Wasserdampf. Seit Februar 2012 fährt er auf Buslinien der Hamburger Hochbahn. Wenn die frische äußere Schale nicht wäre, sähe er aus wie jeder andere Linienbus.

 

In Hamburg fahren bisher nur zwei dieser Busse, weitere werden gerade auf den Linienbetrieb vorbereitet. „Wir müssen Erfahrungen sammeln und die Technologie weiterentwickeln“, sagt Heinrich Klingenberg, der als Geschäftsführer der Hochbahn-Tochterfirma hySOLUTIONS Mobilitätssysteme für die ölfreie Zukunft ausheckt. Bisher ist der SauberBus mit rund anderthalb Millionen Euro pro Stück zwar in etwa fünfmal so teuer wie ein normaler Dieselbus, aber in Serie gefertigt wird der Preis deutlich sinken. Sie seien sehr zufrieden mit den Pilotfahrzeugen, ergänzt Projektbetreuer Joachim Will, dieser hier habe jetzt ein paar Tausend Kilometer zurückgelegt und fahre problemlos seine tägliche Schicht – und künftig sogar zwei Schichten pro Tag.

 

Losfahren. Wir fahren schon, und niemand hat es gemerkt. Das Fahrzeug gleitet wie durch eine Buttercremetorte, ohne das busübliche Ruckeln und Zuckeln. „Vor allem ältere Fahrgäste, die sich nicht mehr so sicher bewegen können, wissen das zu schätzen“, berichtet Projektbetreuer Will. Zudem ist der Antrieb so leise, dass man ihn fast nicht hört. „Die Leute im Bus fangen an zu flüstern“, lacht Will, „und mit dem Handy telefoniert auch kaum mehr jemand, weil alle anderen mithören können.“

 

Weiterfahren. Der SauberBus schnurrt, die Kulisse der Hafen-City huscht vorbei. Auf einer Anzeigetafel hinter dem Fahrer Stefan Schröder können interessierte Passagiere beobachten, wie das Fahrzeug funktioniert und warum es Hybridbus heißt: Obwohl es von Wasserstoff angetrieben wird, ist es im Grunde ein Elektrobus. In Brennstoffzellen, die zu stacks (Stapeln) in Reihe geschaltet sind, reagiert Wasserstoff mit Sauerstoff und wird zu Wasserdampf. Dabei wird elektrische Energie freigesetzt, die über einen Hochvolt-Zwischenkreis die Elektromotoren in den Radnaben versorgt. Diese Motoren wiederum treiben die Räder an – direkt, ohne Umwege, mit einem hohen Drehmoment. „Wenn der Bus nicht stark gedrosselt wäre, würde er an der Ampel jeden Porsche stehenlassen“, sagt Will. „Das ist aber nicht im Sinne unserer Fahrgäste.“

 

Bremsen. Die Ampel springt auf Rot, der Fahrer bremst, die Motoren werden zu Generatoren, mit denen Energie in die bordeigenen Lithium-Ionen-Batterien geleitet wird. Diese dienen als Energiepuffer, entlasten die Brennstoffzellen, erhöhen deren Lebensdauer und reduzieren den Wasserstoffverbrauch. „Die Batterie hat uns einen großen technologischen Sprung nach vorne ermöglicht. Der Vorgänger dieses Busses hat rund 20 Kilogramm Wasserstoff auf 100 Kilometer verbraucht, jetzt sind es nur noch um die neun“, erläutert Will.

 

Tanken. Der Fahrer steuert eine markante Tankstelle für Wasserstoff an, die dritte in Hamburg. Sie steht unter hohen grauen Säulen mitten in der Hafen-City, zwischen den neuen Gebäuden von Spiegel und ZDF. „Wir sind immer unter journalistischer Beobachtung“, grient Klingenberg. Busfahrer Schröder bringt eine Klemme am Fahrzeug an. „Der Bus muss zunächst geerdet werden, um mögliche statische Aufladungen zu vermeiden“, erklärt der hySOLUTIONS-Geschäftsführer, bevor der Fahrer mit einem Tankrüssel die Wasserstofftanks auffüllt. Es zischt nur ein wenig, und nach nicht einmal zehn Minuten ist der Bus vollgetankt.

 

Ist das nicht gefährlich, wenn Wasserstoff entweicht? „Benzin oder Diesel sind gefährlicher, in ungünstigen Gemischen mit Luft entweichen sie schlecht und bilden zündfähige Mischungen“, sagt Klingenberg. „Wasserstoff dagegen steigt immer sofort nach oben. Das ist einer der Gründe, weshalb die Tanks auf dem Busdach montiert sind. Wasserstoff erfordert zwar eigene Sicherheitsvorkehrungen, ist aber mindestens so gut beherrschbar wie Benzin, Diesel oder Gas.“

 

Den Wasserstoff erzeugt Vattenfall direkt vor Ort, indem Wasser unter Einsatz regenerativ erzeugter Energie in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird. Der Atomkraftbetreiber Vattenfall? Und das soll nachhaltig sein? „Der Wasserstoff wird hier ausschließlich durch erneuerbare Energien erzeugt“, versichert Klingenberg. Und zwar dann, wenn viel Wind wehe und sich überschüssige Windkraft im Netz befinde; die zu verbrauchen, fördert die Windkraft, denn bliebe sie ungenutzt, müssten vielleicht sogar Windanlagen abgeschaltet werden. Sauber, das Zusammenspiel zwischen Wasserstoffbus und Wind!

 

Weiterfahrt. Fahrer Stefan Schröder steigt wieder ein und gibt Gas, nein, Wasserstoff, nein, Strom. Der Bus schnurrt. Und Schröder, früher Gas- und Wasserinstallateur, schnurrt ebenfalls: „Ich fahr das Ding gerne. Wir kriegen so viel positive Resonanz von den Fahrgästen! Manche wollen nur noch damit fahren und fragen, wo und wann der Bus abfährt.“

 

„Die Kollegen sind begeistert“, sagt auch Joachim Will. „Schon allein aufgrund des ruckfreien Fahrens. Sie steigen nach acht, neun Stunden aus und sagen: Ich könnte noch weiterfahren. Das ist viel weniger anstrengend.“ Will organisiert die Schulungen für die Busfahrer – sie sollen den Fahrgästen die Technologie erklären können. „Wenn die Fahrer das verstehen, identifizieren sie sich“, sagt er. „Bisher haben wir 40 Leute ausgebildet. Aber die Warteliste ist sehr lang – fast alle wollen den SauberBus steuern.“ Joachim Will, der früher Elektromaschinenbauer war und seit 25 Jahren bei der Hochbahn arbeitet, findet seinen Job „hochspannend“.

 

Ankunftsziel postfossil. Der Hamburger Senat habe beschlossen, nach 2020 nur noch emissionsarme Busse einzusetzen, erläutert Heinrich Klingenberg. Darauf müsse sich die Hochbahn einstellen und neue Technologien rechtzeitig erproben. „Wir denken jetzt über einen neuen Betriebsbahnhof für 100 Busse nach, das erfordert schon eine ganz andere Infrastruktur.“ Außerdem sei man mit Kollegen aus London, Vancouver, Mailand und mit der PostAuto Schweiz AG im ständigen Informationsaustausch, weil dort auch schon Brennstoffzellenbusse führen.

 

„Ich gehöre zu den Menschen, die schon immer ohne Auto unterwegs waren“, sagt der Mobilitätsvordenker Klingenberg. „Wir müssen Mobilität neu definieren, weg vom Individualverkehr. Aber wenn wir das tun, dann müssen wir den Fahrgästen auch etwas Attraktives anbieten.“ Der SauberBus respektive der öffentliche Nahverkehr als Grünstromspeicher der postfossilen Ära – das klingt in der Tat attraktiv.

Ute Scheub
15. Mai 2012
www.sauberbus.de

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239-kikuna

Waldfrüchtchen

Kinder an Kunst und Natur heranzuführen – das hat sich Karin Wirnsberger mit ihrem Bildungszentrum kikuna zur Aufgabe gemacht. Bei ihr entdecken Kinder die Welt, die sie umgibt, im Kleinen wie im Großen. 

Drinnen und draußen

Kinder an Kunst und Natur heranzuführen – das hat sich Karin Wirnsberger mit ihrem Bildungszentrum kikuna zur Aufgabe gemacht. Bei ihr entdecken Kinder die Welt, die sie umgibt, im Kleinen wie im Großen. 

Mit ihren rötlichbraunen, zu Zöpfen gebundenen Haaren und ihren bunten Klamotten erinnert Karin Wirnsberger ein wenig an Pippi Langstrumpf. Auch ihr Atelier im baden-württembergischen Dornstadt-Bollingen verströmt einen Hauch von Villa Kunterbunt. An den Wänden hängen Bilder aus selbstgeschöpftem Papier und poppig-bunte Nistkästen, Insektenhotels aus vielfältigen Röhrchen und Zapfen sowie Kunstwerke, auf denen fette Spinnen in Wollfadengespinsten herumkrabbeln. „Manche Kinder kriegen einen hysterischen Anfall, wenn sie eine Spinne sehen. Dabei sind die wichtig als Nahrung für Vögel und fürs ganze Ökosystem“, kommentiert Karin Wirnsberger die künstlerischen Objekte. Alles, was hier hängt, von umgedrehten Blumentöpfen, die als Habitat für Ohrenkneifer dienen, bis zu selbstbemalten T-Shirts, hat Wirnsberger gemeinsam mit Kindern zusammengesetzt oder gestaltet. Welche Rolle Tiere, Pflanzen, Erde oder Steine in natürlichen Kreisläufen einnehmen, erfahren die Kinder, während sie im leeren Gurkenglas ein Miniatur-Kreislaufsystem aufbauen. Und wenn sie ein T-Shirt bepinseln, ist ihnen klar, wie das Baumwollhemd entstanden ist und wer alles daran mitgearbeitet hat.

 

kikuna – Kinder-Kunst-Natur hat Karin Wirnsberger ihre Projektwerkstatt genannt, die in einem alten Gebäude gegenüber Wirnsbergers Wohnhaus untergebracht ist. Entstanden ist sie aus einer persönlichen Krise: Während ihre Nachbarinnen eine Weile nach der Geburt der Kinder wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, war das für die gebürtige Österreicherin nicht möglich. Die Mutter zweier Kinder hatte vor der Familienphase als Umweltpädagogin in ihrem Heimatland freiberuflich Öko-Überprüfungen von Betrieben begleitet und die zukunftsfähige Gestaltung von Schulen vorangetrieben. In Deutschland, wo sie mit ihrer Familie lebt, fehlten ihr dann die nötigen Kontakte, um einfach weiterzumachen. Außerdem spürte sie, dass sie mittlerweile etwas anderes wollte: „Ich war früher vor allem Schreibtischtäterin und hab’ Texte geschrieben, die ich heute fast selbst nicht mehr verstehe.“

 

Nach der Geburt ihrer Tochter hatte Wirnsberger angefangen zu malen; ökologische Fachkenntnisse brachte sie aus ihrer Ausbildung als Umweltpädagogin mit. Ohne dass sie schon gewusst hätte, wohin das alles führen sollte, begann sie zu Hause, erste Kurse mit den Kindern von Nachbarn und Freunden durchzuführen. Ihr Motto: Was kann ich in und um das Haus für die Umwelt tun? Die teilnehmenden Jungen und Mädchen forschten und bastelten. Zwischendurch setzte sich Karin Wirnsberger ihre Melone auf und erzählte Geschichten vom Wassertropfen, den Kreuzspinnen oder den beiden Pinguinen Prima und Klima – und die Kinder durften mitbestimmen, wie es weitergehen sollte.

 

Etwa zur gleichen Zeit engagierte sich in ihrer neuen Heimat Dornstadt eine Bürgergruppe für einen Erlebnispfad im Wald – selbstverständlich war Karin Wirnsberger mit von der Partie. Heute können Spaziergänger auf dem Weg ausprobieren, wie weit sie im Vergleich zu Rehen und Hasen springen können. Oder sie erfahren, wie ein Eichhörnchen mitkriegt, wenn sich ein Marder anschleicht. Während der Arbeit am Erlebnispfad entstand die Idee, dass die Impulse der Umweltpädagogin auch für den Kindergarten interessant sein könnten – und auch dort war Karin Wirnsberger nun öfter präsent. Die Eltern wunderten sich bald, dass ihre Töchter und Söhne nicht mehr mit dem Auto zur Kita gebracht werden wollten und hakten nach, was es denn mit ökologischen Rucksäcken und Klimameilen auf sich habe, von denen ihr Nachwuchs jetzt dauernd erzählte. Als es schließlich darum ging, für Bollingen einen neuen Spielplatz zu bauen, war im Dorf ganz klar: Es sollte ein schöner Ort werden, der nicht nur für ein besseres Dorfklima sorgt, sondern auch dem Weltklima nützt. Mit Schubkarren, Schaufeln, Sägen und Pinseln rückten viele Familien an, und heute gibt es hinter dem bunten Zaun mit vielen Tierfiguren nicht nur phantasievolle Spielgeräte, sondern auch eine Streuobstwiese.

 

Organisch wie die Themen, mit denen sich kikuna beschäftigt, entwickelt sich auch die Kreativwerkstatt. Neben dem Programm im Atelier bietet kikuna inzwischen auch Vorträge, Ferienangebote, Fortbildungen für Pädagoginnen und geförderte Bildungsprojekte. Längst arbeitet Karin Wirnsberger in einem Team, zu dem Künstlerinnen, Sozial- und Naturpädagogen und Biologinnen gehören. Eine Bibliothek über dem Atelier steht Erzieherinnen, Lehrern und Eltern offen, und die Umweltpädagogin gibt Tipps für den Aufbau von Schülerfirmen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. „Das Ganze ist zeitweise mehr als ein Ganztagsjob“, bilanziert sie.

 

Obwohl kikuna schon mehrere Preise gewonnen hat, trägt sich das Ganze finanziell noch nicht. Für Sonderaktionen versucht die Umweltkünstlerin örtliche Unternehmen zu gewinnen, manchmal gibt es ein paar Zuschüsse von irgendwoher. So kommt der finanzielle Rückhalt ausgerechnet aus der Autoindustrie. „Da arbeitet mein Mann. Der sagt immer, ich sei sein teuerstes Hobby“, berichtet Wirnsberger lachend. Mit solchen Widersprüchen aber kann sie gut leben. „Nicht immer ist eine durchgängig nachhaltige Lebensweise möglich“, meint sie pragmatisch. „Mir kommt es darauf an, wie man Menschen zukunftsfähig und glücklich macht.“
Annette Jensen
16. Mai 2012
www.kikuna-welt.de

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259-quijote-kaffee

Bohnus-System

Das Hamburger Kollektiv Quijote ist Kaffee-Direktvermarkter und sorgt für Transparenz bei Preiskalkulation und Röstprofilen. Die Produzenten in Lateinamerika und Afrika verdienen so deutlich mehr als bei Fair-Trade-Labels wie Transfair.

Doch die Bohne

Das Hamburger Kollektiv Quijote ist Kaffee-Direktvermarkter und sorgt für Transparenz bei Preiskalkulation und Röstprofilen. Die Produzenten in Lateinamerika und Afrika verdienen so deutlich mehr als bei Fair-Trade-Labels wie Transfair.

Brutaler Mord an einer Kaffeepadmaschine! Krätzsch, quurks, tzzworks – von einem Auto überfahren! Seit dem 1. April kursiert im Internet ein filmischer Aufruf des Hamburger Kaffeeröstkollektivs Quijote, sich phantasievolle Methoden auszudenken, wie Kaffeepad-Maschinen gemeuchelt und aus dem Verkehr gezogen werden können. „Ökologisch sind die eine einzige Katastrophe, die Kaffeequalität ist mies und die beteiligten Konzerne ebenfalls“, sagt Andreas „Pingo“ Felsen, der Quijote zusammen mit seiner Freundin Steffi Hesse gegründet hat. Den originellsten Pad-Mördern hat Quijote deshalb eine „Abwrackprämie“ in Aussicht gestellt – ein Bonus, oder besser gesagt Bohnus.

 

Im Büro der kleinen Rösterei im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort steht der 39-jährige Pingo und kocht einen Cappuccino. Steffi Hesse, 34-jährige Fotografin und Designerin, packt derweil Pakete – Bestellungen von Privatkunden, Gastronomiebetrieben und Kollektiven, 100 bis 200 Kilogramm Kaffee täglich. Der dritte Kollektivist ist gerade nicht da, der vierte wurde gerade erst eingestellt. „Wir haben zu viel zu tun. Wir verstoßen volle Kanne gegen unsere eigenen Grundsätze“, stöhnt Steffi Hesse. Maximal 38 Wochenstunden – so wurde es eigentlich im Kollektivvertrag fixiert, der wie vieles andere auf der Website steht. „Ja, wir wachsen zu schnell“, bekräftigt Pingo.

 

Damit ist bereits klar, wofür sich das Team nicht die Bohne interessiert: für Wachstum, Gewinn oder Profit. „Wir haben uns selbst ein Ziel gesteckt: Mehr als 50 Tonnen Kaffee im Jahr wollen wir nicht vermarkten“, sagt Pingo und lässt frischen Espresso in eine Tasse rinnen. „Das werden wir wohl schon in zwei oder drei Jahren erreicht haben.“

 

Pingos halbes Leben dreht sich um die Bohne. Mitte der 1990er-Jahre verschlug es den Hamburger Buchhändler und Koch ins mexikanische Chiapas, wo er Menschenrechtsverletzungen dokumentierte und Lebensmittel zu Aufständischen transportierte. Die Bauern fragten ihn, ob er ihren Kaffee vermarkten könnte – so entstand 1999 das immer noch existierende Importprojekt Café Libertad, aus dem er später aber ausschied. Seinem Leib-und-Magen-Thema blieb Pingo jedoch treu und initiierte weitere Kaffeeprojekte. Und weil er sich ein Leben ohne Kollektiv nicht mehr vorstellen konnte, gründete er zusammen mit Steffi im November 2010 Quijote. Ein Leben im Kampf gegen Kaffeemühlen?

 

Zumindest im Kampf gegen die Mühlenflügel der Großkonzerne vom Schlage Tchibo. Die stellen aus Imagegründen zwar Kaffee mit dem Transfair-Siegel in die Regale der Supermärkte, bezahlen den Produzenten des angeblich fairen Kaffees aber kaum mehr als vorher, kritisiert Pingo und vollendet seinen Kaffee mit einer Krone aus Milchschaum. Der Transfair-Preis böte zwar einen minimalen Schutz gegen die spekulationsbedingten starken Preisschwankungen von Rohkaffee auf dem Weltmarkt; weil der vom Label garantierte Preis aber in den letzten Jahrzehnten kaum gestiegen sei, habe der normale Weltmarktpreis oft sogar höher gelegen. „In keinem Land reicht der Erlös aus dem Transfair-Siegel noch aus, um guten und nachhaltigen Kaffee zu produzieren“, lautet Pingos Einschätzung.

 

Transfair – inzwischen ein Malus? Oder, um im Bild zu bleiben, ein Mahlus? „Alle Ideen von Transfair finden wir toll, aber was daraus entstanden ist, ist traurig“, stellt Pingo klar. „Wir zahlen 2,90 Dollar pro Pfund Rohkaffee für die aktuelle Ernte unserer Partner in Ecuador, Brasilien und Guatemala und 3,60 Dollar in Äthiopien. Das ist immer noch zu wenig, aber weit mehr, als Tengelmann und Co bezahlen.“ Und im Gegensatz zu Tengelmann und Co macht Quijote seine Preiskalkulationen und Röstprofile auf der eigenen Webseite öffentlich zugänglich.

 

Ein ähnlicher Mahlus wie bei Transfair gilt in Pingos Augen auch für das Biosiegel. Für die offiziellen Untersuchungen müssen die Kleinbauern hohe Gebühren zahlen – und bekommen am Schluss nur einige Cent pro Packung mehr. „Wenn Produzenten, Händler und Kaffeeröster transparent arbeiten und glaubwürdig sind, dann brauchen sie kein Siegel“, sagt Pingo.

 

Pingo probiert den Cappuccino: „Hammer, so viel Frucht!“ Der volle Geschmack rühre auch daher, erklärt er, dass Quijote keinen Kaffee verkaufe, dessen Röstung länger als eine Woche zurückliege. Im Gegensatz zu Industriekaffee: „Der ist oft schon ein halbes Jahr alt.“ Noch besser wäre es natürlich, fügt er hinzu, wenn die Produzenten ihren Kaffee selbst weiterverarbeiten und damit mehr Gewinn erzielen würden. Aber wegen der unterschiedlichen Traditionen der Kaffeezubereitung in den Konsumentenländern seien viele Hersteller damit schlicht überfordert: in Honduras zum Beispiel müssten die Bauern ihre vergleichsweise kleinen Erntemengen dafür auf 15 verschiedene Arten rösten. 

 

Dann führt Pingo vom Büro in die Rösterei. Brasilianischer Rohkaffee in Jutesäcken liegt in den Regalen, verführerisches Kaffeearoma in der Luft: In einer türkischen Röstmaschine dreht sich bei rund 220 Grad eine Trommel voller grüner Kaffeebohnen über Gasflammen, nach 12 bis 18 Minuten sind sie dunkelbraun, werden gekühlt und luftdicht verpackt. Bisher noch in Aluminiumverpackungen, die das Quijote-Team demnächst gegen umweltfreundlichere Verbundstoffe austauschen will. Das wäre ein weiterer Bohnus.

 

Der größte Bohnus von Quijote – und ähnlich arbeitenden Betrieben wie Mitka, El Puente, Fairbindung oder Café Libertad – ist indes die Direktvermarktung und Direktverbindung zu den Kaffeebauern, denn sie schaltet die Zwischenhändler aus und ermöglicht dadurch deutlich höhere Einkaufspreise. Die Kollektivmitglieder reisen regelmäßig in die Anbauländer; ihre Produzenten sind allesamt basisdemokratisch organisierte Bio-Genossenschaften oder Familienbetriebe – in Brasilien, Ecuador, Honduras, Guatemala und Äthiopien. Eine vertrauensvolle und langfristige Kooperation mit diesen engagierten, qualitativ hochwertig arbeitenden Kaffeeproduzenten sei das Allerwichtigste, findet Pingo. Für diese Haltung wurde Quijote 2011 mit dem Karma Konsum Gründer Award ausgezeichnet.

Ute Scheub
08. Mai 2012

www.quijote-kaffee.de

www.trashtocash.de

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257-buergerbus-weyhe

Abgefahren

Der Busverkehr in den Außenbezirken des niedersächsischen Ortes Weyhe wird von Ehrenamtlichen gewährleistet: So bleiben Menschen auch ohne eigenes Auto mobil.

Bürger am Steuer, ungeheuer

Der Busverkehr in den Außenbezirken des niedersächsischen Ortes Weyhe wird von Ehrenamtlichen gewährleistet: So bleiben Menschen auch ohne eigenes Auto mobil.

Schwer atmend schiebt eine betagte Frau ihren Rollator den Bürgersteig entlang. Busfahrer Horst Christmann bremst, obwohl er noch 100 Meter von der Haltestelle entfernt ist. „Na, Sie wollen doch bestimmt wieder mit“, grinst er. Während der 67-Jährige den Gehwagen verstaut, erzählt ihm die deutlich ältere Dame von dem Rote-Kreuz-Treffen, bei dem sie gerade war. Dann fährt der Kleinbus weiter auf seiner Rundtour durch verschiedene Ortsteile der 30.000-Einwohner-Gemeinde Weyhe südlich von Bremen.

 

Nach und nach steigen auf Christmanns Tour sechs Fahrgäste zu und fahren jeweils für ein paar Stationen mit. Anita Schenton legt 1,80 Euro auf den Kassierteller und bekommt einen Fahrschein, der auch für die Weiterfahrt in einem öffentlichen Bus gültig wäre. „Der Bürgerbus ist wirklich eine gute Sache“, findet die 81-Jährige. Früher besaß sie ein Auto. „Dafür hab’ ich heute aber kein Geld übrig – und ich brauch’ es ja auch nicht mehr“, sagt die Rentnerin und schnallt sich auf einem der acht Plätze an.

 

Auch Annemarie Klarholz hat bis vor zehn Jahren noch selbst hinterm Steuer gesessen; nach einem Unfall legte ihr der Schwiegersohn jedoch nahe, dass sie mit ihren damals schon 82 Jahren nicht mehr selbst fahren solle. Seither nutzt sie den Bürgerbus fast täglich. „Ärztehaus, Lidl, Alte Wache – ich muss ja immer irgendwohin“, erzählt sie. Als Mitglied im Bürgerbus-Verein kann sie sogar kostenlos einsteigen.

 

Angefangen hat alles Ende der 1990er-Jahre. Angestoßen durch die Agenda 21, die 1992 auf der internationalen Nachhaltigkeitskonferenz in Rio de Janeiro beschlossen worden war und die alle Kommunen aufforderte, für die weltweiten Umweltprobleme eigenständig und vor Ort nach Lösungen zu suchen, gab es in Weyhe eine Bürgerbefragung. Die ergab, dass sich viele Leute eine bessere Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln wünschten. Mehrere Ortsteile waren damals mit dem Bus gar nicht zu erreichen, und vor allem die Bewohner der drei Altenheime und der Einrichtung für betreutes Wohnen fühlten sich abgehängt. So entstand die Idee „Bürger fahren für Bürger“. Eine Gruppe Engagierter suchte Mitstreiter, die bereit waren, ehrenamtlich ein- bis zweimal wöchentlich ein paar Stunden durch Weyhes Wohnsiedlungen zu kurven. Sie spähten zwei Strecken aus, die den größtmöglichen Nutzen für die Zielgruppen versprachen: Ältere, Mütter mit kleinen Kindern und Leute, die sich kein Auto leisten können.

 

Etwa zwei Jahre würde die Vorbereitung eines solchen Projekts dauern, meinten die Mentoren, die im niedersächsischen Rehburg-Loccum damals bereits einen Bürgerbus betrieben. „Doch so lange wollten wir nicht warten“, sagt Wolfgang Schmidt, ein Mann der ersten Stunde. Früher arbeitete er am Flughafen, inzwischen ist er ebenfalls Rentner. Innerhalb von wenigen Wochen konnte die Gruppe der für die Busaufsicht zuständigen Behörde über 20 Fahrer präsentieren, die einen Führerschein Klasse 3 besaßen und auch den notwendigen Gesundheitscheck erfolgreich absolviert hatten. Bei einigen Verwaltungsangestellten standen Wolfgang Schmidt und seine Mitstreiter gleich persönlich vor dem Schreibtisch – und wenn man die Papiere auf einem Aktenstapel ab- und zwischenlagern wollte, bestanden die Bürgerbus-Begeisterten auf eine sofortige Erledigung. So konnten die Weyher nach etwa sechs Monaten Vorbereitungszeit die ersten Runden drehen.

 

Seither – also seit ganzen zwölf Jahren – sind die beiden Busse nun werktags im Zweistundentakt unterwegs. 60.000 Euro hat das Land Niedersachsen für jedes Fahrzeug dazugegeben, die übrigen 25.000 Euro reichten Sponsoren wie die Sparkasse und der Zweckverband Verkehrsverbund Bremen-Niedersachsen dar. Die monatlichen Dieselkosten in Höhe von 1.000 bis 1.200 Euro kommen stets durch den Verkauf von Fahrscheinen, durch öffentliche Zuschüsse und Spendengelder zusammen.

 

Während die Fahrer am Anfang sehnsuchtsvoll nach potentiellen Fahrgästen Ausschau hielten und manchmal an einem ganzen Tag nur ein halbes Dutzend Passagiere das Angebot nutzten, steigen inzwischen jeden Monat etwa 2.500 Fahrgäste ein. Aufgrund dieses Erfolgs laufen inzwischen Verhandlungen, ob nicht demnächst ein ganz normaler, von der Stadt betriebener Bus mit einem professionellem Fahrer eine der Routen übernimmt. Und immer wieder fragen Initiativen aus anderen Orten an, ob die Weyher ihnen nicht Starthilfe geben können. „Wir haben in Niedersachsen schon zehn Bürgerbusse mit angeschoben“, berichtet Bürgerbus-Fahrer Horst Christmann mit unverhohlenem Stolz.

 

„Natürlich hatten wir das Ziel, dass Leute ihr Auto oder zumindest den Zweitwagen abschaffen“, meint Initiator Wolfgang Schmidt. Das aber sei eine Illusion gewesen. „Doch immerhin lassen einige Leute jetzt ab und zu das private Auto stehen und nutzen unseren Bus.“ Fahrer Horst Christmann, vor dessen Haus ein BMW und ein Mercedes parken, begründet sein ehrenamtliches Engagement vor allem damit, selbst etwas für Ältere tun zu wollen und nicht die ganze gesellschaftliche Verantwortung allein dem Staat aufzubürden. „Außerdem sind wir über kurz oder lang die Nächsten, die die Hilfe Freiwilliger im Alter brauchen werden“, sinniert der pensionierte Elektrotechnik-Ingenieur. Vor allem aber ist es der Spaß am Kontakt mit den Fahrgästen, der ihn motiviert; nicht selten fährt jemand einfach mal eine Runde mit, weil es so schön ist.

 

Gerade kommt ein alter Mann mühsam hereingehumpelt. Und obwohl er offenkundig Schmerzen hat, fragt er Christmann „Na, wollen Sie wieder eins von meinen Bonbons haben?“, und kramt in seiner Jackentasche. So kommt es, dass der 67-jährige Horst Christmann plötzlich in die Rolle eines Jungen schlüpft, der, weil er hilft, eine Süßigkeit dafür geschenkt bekommt.



 

Annette Jensen
03. Mai 2012

www.buergerbus-weyhe.de

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250-solarrentner

Spätzünder

Dietrich Papsch versucht im Erzgebirge, seine Mitbürger von einer umweltfreundlichen Lebensweise zu überzeugen. Dank ihm kann sich sein Heimatort in der Solarbundesliga behaupten.

Man nennt ihn Solarrentner

Dietrich Papsch versucht im Erzgebirge, seine Mitbürger von einer umweltfreundlichen Lebensweise zu überzeugen. Dank ihm kann sich sein Heimatort in der Solarbundesliga behaupten.

Dietrich Papsch steht im Heizungsraum seines Eigenheims und dreht am kleinen Rad des Reglerkästchens; Zahlenkolonnen hüpfen über einen kleinen Digitalbildschirm. Im dick gepolsterten Warmwasserspeicher herrschen im Moment 67 Grad, registriert der 74-Jährige zufrieden. Weil es im Erzgebirgsdörfchen Schellerhau auf 800 Höhenmetern heute aber kalt und wolkig ist, werden die Solarkollektoren auf dem Dach nicht genug Wärme für den ganzen Tag liefern. So wird der Holzpelletofen am Nachmittag noch zweieinhalb Stunden lang laufen müssen, erklärt der große, drahtige Mann. Die aus Sägespänen gepressten Pellets stammen aus der südbrandenburgischen Lausitz, ergänzt er und versichert, dass der Brenner im Sommer monatelang abgeschaltet bleibt. Dann duschen er und seine Frau ausschließlich mit sonnengewärmtem Wasser.

 

Akkurat notiert Papsch einmal wöchentlich alle Werte in einer Kladde. Wer in der Energiezentrale in seinem Einfamilienhaus vorbeischaut, dem erklärt Papsch das System mit Hilfe einer Schautafel und der bekommt selbstverständlich auch die beiden Photovoltaikanlagen auf den Schuppendächern zu sehen: In manchem Jahr waren bis zu 100 Interessierte hier – schließlich ist Dietrich Papsch inzwischen über das Erzgebirge hinaus bekannt. Viele Besucher kommen vor allem, weil sie gehört haben, dass sich so Geld sparen lässt – und tatsächlich sind die Holzabfälle als Heizstoff fast zwei Drittel billiger als Öl oder Gas. Papsch selbst allerdings geht es in erster Linie darum, unabhängig von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen zu sein. Vom Gasnetz wollte er sich vor ein paar Jahren in Anwesenheit der Lokalpresse mit viel Tamtam abkoppeln – doch als der Hahn zu seinem Haus abgestellt wurde, lag er im Krankenhaus. „Da war ich mal wieder von einer Leiter gefallen“, erklärt er.

 

Es ist nicht lang her, dass Papsch die meisten Umbauten im Haus eigenhändig gemacht hat. Unmittelbar nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 installierte er als erster im Dorf neun Siliziumplatten auf einer Gartenhütte – und galt damals in seiner Region als völlig exotisch. Doch inzwischen hat er nicht nur im Ortsteil Schellerhau mit seinen 460 Einwohnern fast zwei Dutzend Nachahmer gefunden, sondern auch 200 Haushalte im Hauptort Altenberg machen mit: Damit stieg der Ort in der Solarbundesliga auf – ein Ranking der Deutschen Umwelthilfe, das die Fläche der Solaranlagen im Verhältnis zur Einwohnerzahl als Maßstab hat. Einen erheblichen Anteil an diesem Erfolg hat der Energietisch Altenberg – ein Verein, in dem Handwerker, Lokalpolitikerinnen und Umweltschützer zusammenarbeiten. Den Vorsitz hat, wen wundert’s: Dietrich Papsch. Drei Bürgersolaranlagen auf öffentlichen Gebäuden gibt es inzwischen in dem Erzgebirgestädtchen; ab einem Kapitaleinsatz von 250 Euro kann jeder Einwohner mitmachen.

 

Den „Solarrentner“ nennen sie ihn hier – und auch wenn Papsch stets von „wir“ spricht, so ist es doch vor allem er, der täglich ein bis drei Stunden unterwegs ist und andere an seinem Wissen über erneuerbare Energien, Umwelt- und Ressourcenschutz teilhaben lässt. Papsch stellt sich vor Schulklassen, organisiert Messeauftritte, veranstaltet Stromwechselpartys und hält kostenlose Informationsveranstaltungen im Rathaus ab. Mehrfach im Monat ruft jemand an, der sein Haus isolieren oder eine neue Heizung anschaffen will, und Papsch gibt Tipps oder vermittelt Kontakte. Auch bei jedem Fest im Freundeskreis kommt er auf das Thema zu sprechen. „Wenn es um die Umwelt geht, kann er sich nicht bremsen“, berichtet seine Frau Christa mit einem halb nachsichtigen, halb besorgten Lächeln.

 

Den ersten Impuls für sein heutiges Engagement erhielt er schon vor Jahrzehnten. Anfang der 1960er-Jahre, da war Papsch ein junger Maschinenbauingenieur beim Gaskombinat Schwarze Pumpe in Brandenburg und errichtete eine Brikettfabrik, stand er zum ersten Mal vor einem Braunkohletagebau. Er war zutiefst schockiert: Das Loch erschien ihm wie eine gigantische Wunde, die man der Erde zugefügt hatte. „Natürlich hab’ ich mit Freunden und Kollegen darüber gesprochen. Ich frage mich heute öfters, ob ich schon damals hätte radikaler agieren sollen, mich einer Gruppe anschließen. Aber ich bin kein Held“, sagt Papsch. Gut zwei Jahrzehnte später fielen ihm bei einem Ausflug in die Heimat seiner Frau die abgestorbenen Wälder im Erzgebirge auf – und wieder überkam ihn dieses trostlose Gefühl, dass der Mensch die Erde zugrunde richtet.

 

Als Leiter im Vorstandssekretariat bei der Deutschen Waggonbau und später bei Bombardier traf er nach 1989 Umweltgrößen wie Franz Alt oder Hermann Scheer. Papsch war beeindruckt. Er forderte von seinem Betrieb eine BahnCard 100 statt eines Dienstwagens – und erntete eine Absage. Dann wolle er aber höchstens ein kleines Auto, beharrte Papsch. „Die haben mich gefragt, ob ich die Maßstäbe verderben will, und ich musste dann einen Passat nehmen“, berichtet der Rentner. Mit schlechtem Gewissen fuhr er anschließend mit dem Mittelklassewagen durch die Gegend. Und auch die Kurztrips per Flugzeug zur Konzernzentrale in Kanada gingen ihm gegen den Strich. Als er dann pensioniert war, wollte er endlich umsteuern – nun eben in seinem Alltag und so gut es ging.

 

Heute steht ein Hybridauto vor seiner Garage, und so häufig wie möglich nutzt Papsch den Bus. Urlaub macht er nur noch in Deutschland, Fleisch kommt nur selten auf den Tisch, Standby-Geräte gibt es in seinem Haushalt nicht, und auch Papiertaschentücher sind für Papsch inzwischen ein völliges Tabu. „Die großen Veränderungen werde ich wohl nicht mehr erleben, aber ich bin Optimist“, sagt Papsch. Jetzt als alter Mann ist er endlich mit sich im Reinen: „Es kommt auf die vielen kleinen Schritte an – und ich glaube, wir sind auf gutem Wege.“

Annette Jensen
26. April 2012
www.energietisch-altenberg.de

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251-niederkaufungen

Mitesser

Die Gärtnerbetriebe Rote Rübe und Wurzelwerk werden von ländlichen Kollektiven bewirtschaftet und versorgen städtische Mitesser – nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft. Produzierende und Konsumierende gestalten den Anbau gemeinsam.

Rote Rüben soll man küssen

Die Gärtnerbetriebe Rote Rübe und Wurzelwerk werden von ländlichen Kollektiven bewirtschaftet und versorgen städtische Mitesser – nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft. Produzierende und Konsumierende gestalten den Anbau gemeinsam.
Rin in die Kartoffeln. Harald Weinel wirkt nicht wie ein typischer Gärtner. Statt Strohhut und Schürze trägt er strubbeliges schwarzes Kurzhaar, Brille und Sweatshirt. Und er gehört zum dreiköpfigen Kollektiv Rote Rübein der Kommune Niederkaufungen bei Kassel, das nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft arbeitet. Was soll denn das sein? „Ganz einfach“, erklärt der 35-Jährige. Ein Hof versorge sein soziales Umfeld mit Lebensmitteln, und dieses zahle dem Hof einen Festpreis. Das Prinzip der gegenseitigen solidarischen Unterstützung habe für beide Seiten enorme Vorteile.

 

Und wie funktioniert das konkret? „Zunächst haben wir ausgerechnet, wie viele Menschen wir mit Gemüse versorgen können“, erklärt er. Anbieter sind in diesem Fall neben der Roten Rübe auch das Wurzelwerk – der Gärtnerbetrieb der 22-köpfigen Lebensgemeinschaft gASTWERKe. Was die beiden Betriebe produzieren, reicht für rund 240 Menschen, so die Berechnung. „Dann kalkulieren wir die jährlichen Betriebskosten, also Saatgut, Löhne, Maschinen und Pacht, und unterbreiten das Ergebnis unserer Konsumentengruppe. Und wir reden mit unseren Abnehmern gemeinsam darüber, was und wie viel angebaut werden soll“, sagt er. Je nach Einkommen zahlen die Käufer einen höheren oder niedrigeren Monatsbetrag, im Durchschnitt gut 50 Euro. Das sei weit weniger, als es im Bioladen kosten würde, rechnet der Kollektivgärtner vor. Schließlich ist der Vertrieb in der Solidarischen Landwirtschaft denkbar einfach: Das Frischgemüse wird an mehrere Abholstellen geliefert. In Kassel sind das drei Garagen, andernorts zwei weitere Stellen; außerdem verkaufen Rote Rübe und Wurzelwerk ihre Produkte auf herkömmliche Weise im eigenen Hofladen.

 

Die Vorteile dieser Zusammenarbeit stehen für die Rote Rübeaußer Frage: Die Hofgemeinschaft hat Planungssicherheit, ein garantiertes Einkommen und ist geschützt vor Ernteausfällen oder willkürlichen Zuckungen des Marktes. Und die Konsumierenden wissen genau, dass ihr Gemüse frisch und gesund ist; wer möchte, kann mit seinen Kindern die Tomaten oder Radieschen auf dem Acker besuchen.

 

Linsengerichte. Seinen normalen Arbeitstag verbringt der Gärtner Weinel säend und erntend auf anderthalb Hektar fruchtbarem Löß, auf denen er und die anderen beiden Roten Rüben eine ganze Palette an Gemüse und Kräutern anbauen. Das Land gehört zur malerischen Gemeinde Niederkaufungen, wo sich die gleichnamige 80-köpfige Kommune 1987 niedergelassen hat – und sich vom eigenen Acker ernährt. „Solch eine Gemüsevielfalt könnten wir nie zu marktüblichen Preisen anbieten, das geht nicht mit großen Maschinen, das ist alles Handarbeit“, sagt Weinel. Heutzutage müsse sich ein Landwirt auf ein oder zwei Sorten spezialisieren, um zu überleben – wer sich diesem Marktzwang verweigere und viele verschiedene Produkte anbaue, sei gezwungen, die für ein Linsengericht zu verkaufen. Auch die Rote Rübe musste ihr Gemüse früher im eigenen Hofladen zeitweilig unterhalb der Produktionskosten verhökern. Mit dem System der Solidarischen Landwirtschaft könne das nicht mehr passieren. „Wer einmal damit angefangen hat“, sagt Harald Weinel deshalb, „der will nie wieder was anderes machen.“

 

Wen der Hafer sticht. Die meisten Höfe, die Solidarische Landwirtschaft praktizieren, sind Familienbetriebe. „Wir sind fast die einzige Kommune, die das macht“, erklärt Gärtner Weinel – aber im Wendland gebe es noch mindestens eine weitere. SoLaWi, wie ihre Fans dazu sagen, wird inzwischen bundesweit von 23 Höfen praktiziert, Tendenz steigend; der älteste ist der seit 1988 auf diese Weise wirtschaftende Buschberghof nahe Hamburg. Das ist jedoch nichts im Vergleich zu Japan, wo das System der Teikei(Partnerschaftshöfe) inzwischen sogar ein Viertel aller Japaner versorgt.

 

Auch in den USA gibt es inzwischen rund 2.500 Höfe, die dort community-supported agriculture (von der Gemeinschaft unterstützte Landwirtschaft) heißen. In Frankreich wiederum nennt man sie association pour la maintenance de l’agriculture – AMAP (Verbund zum Erhalt der Landwirtschaft). Angesichts des allgemeinen Hofsterbens fühlte sich der südfranzösische Zweig von attac im Jahr 2001 vom Hafer gestochen und gründete den ersten AMAP-Hof nahe Aubagne in der Provence. Ein 2004 ebenfalls in Aubagne ins Leben gerufenes internationales Netzwerk der Solidarhöfe lässt deren Zahl seitdem europaweit in die Höhe schnellen. 2011 entstand daraus in Deutschland das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft.

 

Rumgurken I. „Auch wir machen das erst seit zwei Jahren“, sagt Harald Weinel. „Ehec-Plagen und anderes können uns nichts mehr anhaben. Und Nichtgenormtes, wie krumme Gurken, muss nicht mehr weggeschmissen werden.“ Anders als bei üblichen Abo-Kisten, in die auch „fremde“ Früchte gepackt würden, wenn die Kundschaft laut danach krähe, böten sie wirklich nur das an, was gerade auf dem Acker reif sei.

 

Wie ein Storch im Salat. Salat, findet Harald Weinel, sei ein „schwieriges Produkt“, noch schwieriger als Gurken. Ständig gebe es zu viel oder zu wenig, und seine Frische welke schnell dahin. Der Vorteil der Solidarischen Landwirtschaft, fügt er schnell hinzu, sei aber auch, dass eine mögliche Überproduktion kollektiv und mit einem gewissen Spaßfaktor beseitigt werden kann: „Wir rufen schon mal dazu auf, gemeinsam Tomaten einzukochen oder Sauerkraut zu stampfen. Vor allem den Kindern macht das Gemantsche einen Heidenspaß.“

 

Rumgurken II. Ungenormt wie die Gurken ist auch Weinels alternative Lebensgemeinschaft, die nach 25-jähriger Existenz in der Gemeinde Niederkaufungen akzeptiert und fest verankert ist. Der frühere Bürgermeister Günther Burghardt findet es „erfreulich“, dass die Bürger sähen, „es gibt noch was anderes als den Singverein und die Kneipe“. Die Kommune sorgt für Touristen aus dem In- und Ausland und hat zudem eine ganze Reihe von Jobs und Betrieben geschaffen: die von Bioland zertifizierte Ökogärtnerei der Roten Rübe nebst Hofladen, eine Obstmanufaktur, ein Planungsbüro für ökologisches Bauen, eine Schreinerei und Metallwerkstatt, die Kita Wühlmäuse, eine Tagespflege für Demenzkranke, ein Tagungshaus und eine Küche. Außerdem verfügt die Gemeinschaft über einen ganzen Fuhrpark von Elektrofahrzeugen vom E-Bike bis zum Lastenfahrzeug, mit denen man probeweise in der Gegend rumgurken kann. Holterdipolter auch über Wurzelwerk und abgeerntete Felder von roten Rüben.
Ute Scheub
26. April 2012

www.kommune-niederkaufungen.de

www.solidarische-landwirtschaft.org

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240-isocal

Heißes Eis

Die Firma isocal hat eine Idee von Albert Einstein in die Praxis umgesetzt: Heizen mit Eis. Ein in der Erde vergrabener Behälter speichert Energie auf einem Temperaturniveau, bei dem keine Isolierung nötig ist.

Eisheizung

Die Firma isocal hat eine Idee von Albert Einstein in die Praxis umgesetzt: Heizen mit Eis. Ein in der Erde vergrabener Behälter speichert Energie auf einem Temperaturniveau, bei dem keine Isolierung nötig ist.

Heizen mit Eis: Für den Laien klingt das genauso unglaublich wie die Schokoladendiät. Doch es geht tatsächlich, wie Alexander von Rohr vor einigen Jahren zunächst mit Hilfe eines schlichten Zinkeimers herausfand. Inzwischen haben deutschlandweit 180 Einfamilienhäuser einen Eisspeicher im Garten, und sogar ganze Siedlungen mit mehreren Hundert Wohnungen beziehen ihre Wärme vollständig aus gefrorenem Wasser. Damit sparen sie auf längere Sicht nicht nur die Hälfte ihrer Heizkosten. Die Technik ist auch völlig ungefährlich und überaus klimafreundlich.

 

Das physikalische Prinzip ist altbekannt, und kein Geringerer als Albert Einstein meldete darauf bereits 1930 ein Patent an. Eine Kopie seines Antrags hängt bei der kleinen Firma isocal in Friedrichshafen im Konferenzraum. „Allerdings hat es sich bis vor 20 Jahren nicht gelohnt, die Technik zu nutzen, weil Öl und Gas noch zu billig waren“, erläutert Maschinenbauingenieur Heiko Lüdemann, der zusammen mit seinem Berufskollegen Alexander von Rohr das 18-Personen-Unternehmen leitet.

 

„Wenn man Wärme erzeugt, entsteht Kälte – und umgekehrt. Energie kann ja nie verbraucht, sondern nur gewandelt werden“, benennt Lüdemann das physikalische Gesetz, das auch jedem Mittelstufenschüler bekannt sein sollte. Konkret geht die Sache so: Kristallisiert Wasser bei null Grad, wird dabei so viel Energie freigesetzt, wie nötig ist, um die gleiche Menge Wasser auf 80 Grad zu erhitzen. Natürlich kann man die beim Gefrieren entweichende Energie nicht unmittelbar zum Heizen einsetzen. Vielmehr nutzt isocal dafür zwei weitere physikalische Gesetze: Temperaturen in benachbarten Räumen gleichen sich aus. Und einige Substanzen verdampfen bei Minustemperaturen zu Gas und dehnen sich dabei aus.

 

Legt man nun ein mit einer sehr kalten Flüssigkeit gefülltes Rohr in einen Wasserbottich, so gefriert das Wasser rundherum – erstes Gesetz. Zugleich verwandelt sich die Flüssigkeit im Schlauch in Gas – zweites Gesetz – und treibt durch die Ausdehnung eine Pumpe an. Der Druck erwärmt die Pumpe, und mit dieser wird dann das Haus geheizt.

 

Weil im Erdreich auch im Winter Temperaturen von sechs bis acht Grad herrschen, schmilzt ein Teil des so produzierten Eises immer wieder. Auch der mit der Speicherapparatur zusammenarbeitende Solarkollektor auf dem Dach unterstützt das Tauen, sofern nicht im Haus warmes Wasser zum Duschen gebraucht wird. Die Erwärmung des Wassers im Eisspeicher führt dazu, dass sich die Kühlflüssigkeit im Rohr wieder stärker ausdehnt, die Pumpe Wärme abgibt – und so kann es immer weitergehen, bis der Winter zu Ende ist. „Man könnte natürlich auch von der Sonne erhitztes Wasser speichern und damit heizen. Aber dann bräuchte man eine extrem gute – und teure – Isolierung“, erläutert Lüdemann und ergänzt: „Wir speichern auf dem Temperaturniveau, auf dem es am billigsten ist.“

 

Rund 14.000 Euro kostet ein 10.000-Liter-Speicher für ein Einfamilienhaus; hinzu kommen noch etwa 20.000 Euro für Anschlüsse, Wärmepumpe, die Rohre in den Fußböden und die Arbeitsstunden der Handwerker. Aufgrund der hohen Energiemenge, die bei der Verwandlung von Wasser zu Eis frei wird, ist die Ausbeute aber beachtlich: Ein 10.000-Liter-Speicher reicht aus, um in unseren Breitengraden in einem Einfamilienhaus komplett auf eine andere Heizung zu verzichten. Dabei ist das Eis zunächst eine Art Abfallprodukt. Im Sommer dann lässt es sich aber bestens zum Kühlen nutzen.

 

Das dahinterstehende Wissen ist alles andere als neu. Was andere Firmen aber bisher davon abschreckte, die Technik einzusetzen, ist die immense Sprengkraft von Eis. Jeder, der je eine Flasche Wasser oder Bier auf dem eisigen Balkon oder in der Kühltruhe vergessen hat, kennt das Problem: Der Behälter platzt. Und genau für dieses Problem hat Alexander von Rohr, der früher als Entwickler in einem Heizungsbaubetrieb gearbeitet hat, eine schlaue Lösung gefunden. Während der Vereisungsprozess natürlicherweise von außen nach innen und von oben nach unten abläuft, sorgt seine Rohrkonstruktion dafür, dass bei den isocal-Speichern das Eis von unten nach oben und von innen nach außen entsteht.

 

Erstmals ausprobiert hat von Rohr das im Jahr 2004 in dem besagten Zinkeimer. Quer zum Boden schweißte er auf halber Höhe eine Leitung ein, füllte den Eimer mit Wasser und jagte minus 18 Grad kaltes Frostschutzmittel durch das Rohr. Die Eisschicht begann um die Mittelstrebe herum zu wachsen, die Außenwand des Eimers wurde nicht belastet.

 

Genauso funktioniert die Eisheizung heute auch im Großen: Die spiralförmigen Plastikrohre befinden sich in der Mitte und im unteren Teil des Behälters. Weil die Betonwände keinerlei mechanischer Belastung ausgesetzt sind, bescheinigt Lüdemann den Speichern eine Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren. Das Ganze ist außerdem so gut wie wartungsfrei. Und sollte es trotzdem mal zu einem Leck kommen, ist das für die Umwelt völlig ungefährlich: Schließlich befindet sich im Speicher ja nichts anderes als Wasser.

 

Theoretisch kann die Heizungsanlage deshalb auch im Sommer als Zisterne für den Garten genutzt werden. Allerdings solle man nicht vergessen, im Herbst wieder Wasser einzufüllen, sonst werde es im Winter ungemütlich, warnt Lüdemann. Zugleich gehen seine Überlegungen auch in eine andere Richtung. Man könnte die Konstruktion ja auch zur stromfreien Produktion von Kälte nutzen – zum Beispiel für die Fußballstadien bei der Weltmeisterschaft in Katar.

Annette Jensen
19. April 2012
www.isocal.de

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Rand-Erscheinung

Das Theater am Rand im Oderbruch serviert Kostbarkeiten – Theater, Musik, Kino, Landbrote, Umweltdebatten. Statt Eintritt zahlt man Austritt. Der Musiker Tobias Morgenstern hat das nachhaltige Gesamtkunstwerk in „vorauseilendem Ungehorsam“ aufgebaut.

Variationen in Stur und Moll

Das Theater am Rand im Oderbruch serviert Kostbarkeiten – Theater, Musik, Kino, Landbrote, Umweltdebatten. Statt Eintritt zahlt man Austritt. Der Musiker Tobias Morgenstern hat das nachhaltige Gesamtkunstwerk in „vorauseilendem Ungehorsam“ aufgebaut.

Die Landschaft des Oderbruchs: wild, menschenleer, feuchtneblig. Der Himmel spannt sich so weit, dass Sehnsucht aufkommt. Nach was? Keine Ahnung. Mittendrin taucht etwas auf wie ein Fluchtpunkt. Ein Treffpunkt für Visionäre und Verrückte. Ein einladendes Kraftzentrum. Ein Theater, gebaut aus mannsdicken Eichenstämmen, ganz am Rande von Raum und Zeit – fast direkt an die Oder geschmiegt, unmittelbar an der polnischen Grenze im brandenburgischen Örtchen Zollbrücke, dessen Brücke schon lange nicht mehr existiert.

 

Dafür schlägt nun das Theater eine Brücke: zwischen Kultur und Natur, Landwirtschaft und Landschaft, Städtern aus dem nahen Berlin und dem Landvolk des feuchten Oderbruch. „Randthemen“ sind seine Spezialität, und nicht nur die präsentiert es so überzeugend, dass es ein Wunder vollbringt: In einem 19-Seelen-Ort sind seine 200 Plätze fast immer ausgebucht.

 

Verantwortlich für diese wundersame Marginalie, in der die hektische Moderne zum Stillstand kommt, sind die Betreiber: der Musiker Tobias Morgenstern und der Schauspieler Thomas Rühmann. Die von Anthroposophie, Musik und Rhythmik beeinflusste Architektur der krummen Hölzer und schiefen Winkel formt sich zu zwei Bühnen, eine überdacht und eine open air mit Blick auf kreisende Seeadler und stolzierende Störche. Auf Permakulturbeeten rund ums Theater wächst roter Amaranth. Ein großes gelbes X, dem anti-atomaren Widerstandssymbol im Wendland nachempfunden, warnt den Energiekonzern Vattenfall davor, sich mit der Verpressung von Kohlendioxid in den Untergrund (CCS) den Zorn der Leute zuzuziehen. Auf den Toiletten dürfen sich Besucher ein paar Cent von einem Tellerchen nehmen – für die Zurücklassung „wertvoller Inhaltsstoffe“, die zur fruchtbaren Schwarzerde Terra Preta verarbeitet werden. Eintritt bezahlt hier auch niemand, nur Austritt am Ende des Abends – zu einem selbstgewählten Betrag. Das Ganze ist ein Gesamtkunstwerk der Nachhaltigkeit, dem seine Erbauer sichtlich Zeit ließen, organisch zu wachsen.

 

Einen Rückzugsraum am Rande der Zeit hatte er gesucht, der 1960 in Dresden geborene Tobias Morgenstern, als er Mitte der 1980er-Jahre das Fachwerkhaus nebenan bezog. Damals brauchte er einen stillen Ort zum Komponieren und Musizieren, wo er nur Vögel und Frösche hörte und den ewigen Wind. Aufgewachsen in einer musischen Familie, spielt er Akkordeon, seit er denken kann, besuchte ab seinem sechsten Lebensjahr eine Musikschule und studierte die Kunst der Klänge in Weimar. Vier Jahre lang machte der ebenso unangepasste wie vielseitige Morgenstern im Erich-Weinert-Ensemble der DDR-Armee einen auf braven Soldat Schwejk, nebenbei komponierte er Lieder, Ballettmusik, Chorstücke. 1987 gründete er die Musikgruppe L’art de passage, stilistisch irgendwo zwischen Tango, Jazz und Latin gelegen, und brachte damit die erste World Music in die miefige kleine DDR.

 

„Sehnsucht nach Veränderung“ hieß eine ihrer Langspielplatten, ein politisch programmatischer Titel, der rund 30.000 mal verkauft wurde. Der 52-jährige Morgenstern hat bis heute insgesamt etwa 60 CDs produziert – auch zusammen mit Schauspielern und Musikern von Barbara Thalheimer bis Rio Reiser. Aber l’art pour l’art war nie seine Sache; immer schon beschäftigten ihn die großen Zusammenhänge, die Politik, die Natur, die Kommunikation des Menschen mit seiner Landschaft.

 

In der Großstadt rennt die Zeit davon, hier am Rande des Grenzflusses scheint sie zu stocken. Die Landschaft lädt ein zum Hören, Sehen, dazu, die frische Luft zu fühlen, der Geschichte nachzuspüren. Wohl nicht zufällig war es anlässlich einer Lesung von Sten Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit im Berliner Maxim Gorki Theater, dass Morgenstern 1997 den vier Jahre älteren Schauspieler Thomas Rühmann kennenlernte. Der fragte, ob sie zusammen Das grüne Akkordeon von E. Annie Proulx inszenieren könnten, die Geschichte eines Akkordeons, das sich durch ein ganzes Jahrhundert spielt. Sie führten das Stück in Zollbrücke auf, nur vor Freunden, im Wohnzimmer von Morgenstern, das aus den Nähten platzte. Immer mehr kamen, der Musiker meißelte eine Wand heraus, aber der Platz reichte immer noch nicht.

 

Also entstand das Theater – zufällig, wie nebenher. „Es hat mir Spaß gemacht, ein Gelände zu entwerfen, Räume zu entwickeln“, sagt der Improvisationskünstler Morgenstern, dem ein wohlwollendes Bauamt seine „im vorauseilenden Ungehorsam“ entworfenen Gebäude noch im Nachhinein genehmigte. In den neuen Räumen wiederum formten sich neue Stücke. Seide zum Beispiel, das die Reise eines Seidenraupenhändlers bis ans Ende der Welt erzählt. Auch Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit, die szenisch-musikalisch inszenierte Geschichte des Nordpolfahrers John Franklin, der anders denkt, sieht und handelt als der Mainstream, gehört zum festen Repertoire des Hauses. „Die langsame Arbeit ist die wichtigere“, gibt sich Morgenstern überzeugt.

 

Überhaupt lässt man den Mainstream hier gern vorbeiziehen und widmet sich stattdessen den Randthemen. Dazu organisiert die Mitarbeiterin Juliane Scheel eine Veranstaltungsreihe: Windenergie. Hochwasserschutz. Amaranth-Anbau. Landwirtschaft ohne Gentechnik. Die weite Welt der Subsistenz. Geld – Wurzel allen Übels. Lebensmittellügen. Terra Preta. Viele hochkarätige Vortragende waren schon hier, brachten neues Wissen und viele Gäste mit.

 

Wenn eine Veranstaltung steigt, sind die Schlafplätze in den umliegenden Gasthäusern belegt, und auch deshalb ist das Theater bei der hiesigen Randbevölkerung beliebt. Die Gemeinde beteiligte sich an der Gestaltung der Außenanlagen, der Ziegenwirt von nebenan verkauft seinen Käse an die Gäste, und eine Frau, die sich extra zur Bäckerin umschulen ließ, verkauft nunmehr aus dem Holzbackofen bei jeder Vorstellung rund 50 schwere dunkle Brote.

 

Das Erfolgsgeheimnis des Theaters besteht wohl darin, dass hier pure Spielfreude am Werke ist. Von dem halben Dutzend Mitarbeitenden hat keiner jemals auf Gewinne spekuliert. Der Komponist, Produzent, Intendant und Bauherr Tobias Morgenstern kann von seiner Musik leben, der Schauspieler Thomas Rühmann von der seit 1998 laufenden ARD-Serie In aller Freundschaft, in der er einen Chefarzt spielt. Morgenstern steht dem Kapitalismus mit seinem Profitwahn genauso fern wie dem autoritären Staatssozialismus der DDR. Die Fieberkurve der Börse hat er auf ein Notenblatt gelegt und daraus ein in wilden Zacken verlaufendes Stück komponiert. Als Alternative sieht er das zinslose Regiogeld, ihm hat er ein Sonett gewidmet.

 

Zeit ist Geld? Nicht hier, nicht in diesem randständigen Örtchen, das in seinen utopisch anmutenden Entwürfen der Zukunft der Menschheit womöglich näher ist als jede Großstadt. 

Ute Scheub
19. April 2012
www.theateramrand.de

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236-toiletten-hamburg

Innere Werte

Die Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof werden in Kreislaufwirtschaft betrieben. In einem weltweit einmaligen System produzieren sie Dünger und fruchtbare Schwarzerde.

Humus aus dem Hauptbahnhof

Die Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof werden in Kreislaufwirtschaft betrieben. In einem weltweit einmaligen System produzieren sie Dünger und fruchtbare Schwarzerde.

Der Hamburger Bevölkerung ist vermutlich noch nicht klar, über welche inneren Werte sie verfügt. Hygienisiert, gelagert und kompostiert wird ein Teil ihrer Verdauungsprodukte zu geruchsfreiem Humus der besten Sorte. Unter der Obhut von Peter-Nils Grönwall, dem für Gewässerschutz zuständigen Beamten der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, werden damit Friedhofsanlagen, öffentliche Parks und Kleingärten gedüngt. Ein Teil der in diesen Grüngebieten wachsenden Sträucher wird später zu Energieholz verarbeitet und kann Strom, Wärme und Biokohle produzieren.

 

Der Ort, wo dieses weltweit einmalige urbane Kreislaufsystem seinen Ausgang nimmt, ist denkbar unscheinbar: die öffentlichen Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof. „Wenn Klugscheißer fliegen könnten, wäre das hier ein einziger Flughafen“, steht auf einem Schild neben dem Platz, wo die Toilettenfrau aufpasst. Wenn sie Besuch von Peter-Nils Grönwall bekommt, der die Anlage konzipiert hat, spendiert sie ihm einen Kaffee. Das Personal der öffentlichen Örtchen in der Hansestadt ist dem sozial denkenden Umweltfachmann dankbar. Der 63-jährige Ökonom und Soziologe hat für den Erhalt der Arbeitsplätze der Sanitärbediensteten gesorgt – und für die Erhöhung ihres Ansehens. Immer öfter inspizieren Wissenschaftler und Journalistinnen die abschnittsweise gläsernen Abwasserrohre der Hamburger Unterwelt.

 

Nichts daran ist eklig, alles erscheint erstaunlich sauber. Das liegt an dem raffinierten Trennungssystem, das die Ausscheidungen für die Weiterverarbeitung vorbereitet. Männer pinkeln in wasserlose Urinale; bei ihnen kann Flüssiges und Festes getrennt und in Kellertanks gesammelt werden. Bei Frauen ist die Trennung nicht möglich, aber die installierten GreenGain-Toiletten reduzieren die Abwassermenge pro Spülung um zweieinhalb Liter. Zusätzlich sorgen mikrobiologisch arbeitende Filter im Keller für eine fast vollständige Trennung der Stoffströme aus den Damenklos. Aufbereiteter Urin sei ein äußerst wertvoller Dünger, erläutert Grönwall, enthalte er doch neben wichtigen Spurenelementen jede Menge Stickstoff und Phosphor – letzteres ein für die Welternährung unverzichtbares Element, das global gesehen immer knapper wird.

 

Den im Untergrund des Bahnhofs ankommenden Kot vermischt die Anlage automatisch mit Pflanzenkohle und fermentiert sie mit Effektiven Mikroorganismen. Die begleitende Forschung des Harburger TU-Professors Ralf Otterpohl und der Leipziger Professorin Monika Krüger hat ergeben, dass beide Stoffe zusammen für die zuverlässige geruchsfreie Hygienisierung und Abtötung schädlicher Keime sorgen. Nach dieser Mischprozedur auf den Kompost gegeben, wird Humanabfall wieder zu Humus respektive zu der äußerst fruchtbaren Schwarzerde Terra Preta. Dass „Humus“ und „human“ eine gemeinsame Sprachwurzel haben, dass die Menschwerdung ohne fruchtbaren Boden nicht hätte gelingen können, darauf hat schon der Künstler Friedensreich Hundertwasser in seinem Gedicht „Die heilige Scheiße“ hingewiesen.

 

Dabei macht sich die Anlage im Hamburger Untergrund noch auf andere Weise um die Fruchtbarkeit verdient: Sie filtert medikamentöse Wirkstoffe und Antibabypillen-Hormone aus den menschlichen Ausscheidungen heraus – ganz im Gegensatz zu konventionellen Kläranlagen. Das von herkömmlichen Anlagen gereinigte Abwasser Hamburgs fließt über die Elbe in die Nordsee, mitsamt Nährstoffeinträgen, abgelagerten Medikamentenrückständen und Hormonen. Dadurch kommt es zu Anreicherungen im Gewässer – und zu Schaum- und Algenbildung. Solche Schadstoffe können Fische und Muscheln verweiblichen. Werden diese von Menschen gegessen, schließt sich ein anderer, ein unfreiwilliger hormoneller Kreislauf: Männer werden tendenziell unfruchtbar.

 

Seit Grönwall in den 1990er-Jahren den Betrieb der knapp 200 öffentlichen Toiletten der Hansestadt übernahm, „in versifftem Zustand“, wie er sagt, räumt er mit solchen Problemen auf. Zwar sind Humusproduktion und Filtertechnik noch den öffentlichen Toiletten am Hauptbahnhof vorbehalten, jedoch wurden sämtliche städtische Toiletten, vom noblen Jungfernstieg bis zu den Hamburger Badeseen, auf das ebenso saubere wie wassersparende GreenGain-System umgerüstet. Einige arbeiten zusätzlich mit Solarpumpen.

 

In den Toiletten am Hauptbahnhof hinterlassen jährlich rund 200.000 Menschen ihre Nährstoffe. Grönwalls Anlage spart dort nicht nur Lebensmittel – das zum Wegspülen missbrauchte Trinkwasser –, sondern auch jede Menge Material. Die Rohre sind dünner, es gibt darin keine Ablagerungen und deshalb kaum Wartungskosten. In der gesamten Hansestadt haben die Bemühungen des engagierten Umweltschützers Grönwall das Geld für Wasser, Strom, Rohre und Entsorgung von vorher jährlich drei Millionen Euro auf heute 631.000 Euro reduziert – eine Einsparung von rund vier Fünftel der Kosten. Und weil das neue System auch noch sauberer funktioniert und einen hygienischeren Eindruck hinterlässt als das alte, sind zudem die Kosten für Reparaturen aufgrund von Vandalismus und Zerstörungen zurückgegangen.

 

Dennoch hat Peter-Nils Grönwall, der über die Anti-Atomkraft-Bewegung zur Ökologie kam und seit 25 Jahren in der Umweltbehörde arbeitet, immer noch mit Widerständen und Vorurteilen zu kämpfen – vor allem seitens der Stadtplaner. „Die wollen die Anlagen immer irgendwo verstecken. Aber Menschen sollten zu Toiletten gehen können“, lächelt der Grauhaarige hinter seiner Brille. Längerfristig möchte der Umweltschützer sämtliche 200 städtischen Sanitäranlagen zu Humusproduzenten machen und damit eine neue urbane Kreislaufwirtschaft aufbauen. Deshalb redet er auch nie von Kot, sondern von Wertstoffen und Nährstoffen, die nicht in der Kanalisation verloren gehen dürften. Und die Toilettenfrau im Hamburger Bahnhof weiß vermutlich, warum sie den Spruch von den Klugscheißern angebracht hat. Sich dort hinzuhocken heißt: klug zu scheißen.

Ute Scheub
12. April 2012
www.hamburg.de/bsu

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237-halbzeitvegetarier

Zweitakter

Gleichgesinnte schließen sich auf der Internetplattform Halbzeitvegetarier zusammen, um weniger Fleisch zu essen. Die Initiatorin Katharina Rimpler sieht in dieser Methode einen sanften Weg, Alltagsgewohnheiten zu verändern.

Zusammen isst man weniger allein

Gleichgesinnte schließen sich auf der Internetplattform Halbzeitvegetarier zusammen, um weniger Fleisch zu essen. Die Initiatorin Katharina Rimpler sieht in dieser Methode einen sanften Weg, Alltagsgewohnheiten zu verändern.

Es war Lev Tolstoi, der sagte, der Mensch müsse die fleischhaltige Ernährung aufgeben, um den Sinn des Lebens zu finden und sich weiterentwickeln zu können. In der Kreuzersonate schreibt er: Wenn der Mensch einen moralischen Weg suche, so wäre das erste, worauf er verzichten müsse, das Fleisch. Neben einer Aufregung der Leidenschaften, die durch diese Nahrung verursacht werde, sei das Fleischessen an sich unsittlich, weil es die Tat des Mordens erfordere. Tolstois Feldzug gegen das Fleisch machte auch vor seiner eigenen Familie nicht Halt: Als ihn eines Tages seine Tante, eine überzeugte Fleischesserin, besuchte, servierte Tolstoi  ihr einen Truthahn, den er lebendig auf den Teller gebunden hatte, mit den Worten: „Umbringen musst du ihn schon selber, wir haben es nicht übers Herz bringen können“. Ganz klar: Der radikal denkende und handelnde Tolstoi hätte Menschen, die nur hin und wieder oder an nur einem Tag in der Woche auf Fleisch verzichten, als fadenscheinig und inkonsequent beschrieben.

 

Die gesellschaftskritischen Überzeugungen Tolstois in punkto Fleischkonsum würde die 159 Jahre jüngere und heute 25 Jahre alte Katharina Rimpler vielleicht teilen – die fundamentalistische „Methode Truthahn“ kann sie allerdings nicht gutheißen. Rimpler hat mit ihrer 2011 in Betrieb genommenen Internetplattform Halbzeitvegetarier eine barmherzige und sanfte Art entwickelt, weniger Fleisch zu konsumieren. Als chronisch finanziell klamme Studentin der Kulturwissenschaften schrieb sie einen EU-Antrag, und ihr Konzept, dass „zwei halbe Vegetarier auch ein ganzer“ sind, überzeugte. Mit dem Geld aus dem europäischen Programm JUGEND in Aktion und mit der Unterstützung eines befreundeten Webdesigners konnte es an die Realisation gehen.

 

Ihr Internetforum ist für diejenigen gemacht, die zwar darüber nachdenken, sich vegetarisch zu ernähren, das aber bisher noch nicht in die Tat umgesetzt haben. „Zu zweit ist man weniger allein“, und zu zweit ist es einfacher, selbstgesteckte Ziele zu erreichen. „Man kennt das auch aus anderen Situationen: Wenn man sich zum Joggen mit anderen verabredet, geht man eine soziale Bindung ein, das macht es freudvoller, sich zu überwinden und durchzuhalten, und es macht es schwieriger, Vereinbarungen zu brechen“, erläutert Rimpler das Tandemprinzip ihrer Halbzeitvegetarier. Dort schließen sich Paare, Freunde und Familienmitglieder oder auch völlig Fremde zusammen, um sich ohne externe Vorgaben zu verpflichten, ihren Fleischkonsum zu halbieren und den Fleischverzicht auszuprobieren. Die Tandempartner begeben sich in ein Selbstexperiment, motivieren sich gegenseitig und tauschen sich aus.

 

Katharina Rimpler macht – ganz nebenbei und von Berufs wegen – ein paar kulturwissenschaftliche Beobachtungen: „Männer werden zunächst von ihren Tandempartnerinnen überredet, bemerken dann aber schnell die Vorzüge der vegetarischen Kost, und es fällt ihnen auf, dass ein vegetarisch kochender Mann durchaus sexy sein kann.“ Die andere Hälfte der Halbzeitvegetarier – also die personelle Hälfte, die an manchen Tagen noch (!) immer Fleisch verzehrt –, tut das dann bewusster und konsumiert weniger wahllos: „Wenn die sogenannten Flexitarier dann hin und wieder Fleisch essen, so verzichten sie auf Rindfleisch und achten darauf, dass das Fleisch in biologischer Landwirtschaft erzeugt wurde“, freut sich Rimpler auch über diese Halb-Erfolge.

 

Um die Wahrheit, dass Massentierhaltung ungerecht, ungesund und unökologisch ist, kommt man selbst bei den einst farbenprächtigen Truthähnen nicht herum. Das bunte Federvieh aus Tolstois Zeiten ist heute zur bewegungsunfähigen weißen Mega-Pute der Massentierhaltung mutiert. Auf engsten Raum zusammengepfercht, verstümmelt und verletzt, mit Antibiotika vollgestopft, in gigantischen und hochtechnisierten Anlagen werden die Tiere erst gemästet und am Ende per Elektroschock im Wasserbad getötet. Wog der Truthahn im Hause Tolstois ungefähr elf Kilogramm, so kommt ein Mastvieh in der Gegenwart auf das Doppelte.

 

Eine „dumme Pute“ ist dabei heute eigentlich keiner mehr; alle sind gut informiert und kennen die Folgen unseres Fleischkonsums. Dennoch: Fast 50 Prozent der Männer und rund 18 Prozent der Frauen essen täglich Fleisch. Kommt also erst das Fressen, dann das Gewissen und die Moral? Nur geschätzte 7 Prozent der Deutschen ernähren sich fleischlos, sind also vom Wissen zu einer veränderten Alltagspraxis gelangt.

 

Hard-Liner des Vegetarismus und Veganer aber sehen in Rimplers Halbzeitvegetarier keine willkommene Unterstützung ihrer Bewegung, sondern kritisieren die Idee und greifen die junge Studentin öffentlich an. „Ich habe viel gelernt darüber, wie man eine Idee umsetzt, wie man sie öffentlich präsentiert, aber ich musste auch lernen, dass es Leute gibt, die einen anfechten, weil sie in den Halbzeitvegetariern eine Verweichlichung des Vegetarismus sehen“, erklärt Rimpler.

 

Die Kulturwissenschaftlerin selbst ist keine moralisierende Tolstoianerin und lebt auch nicht wie eine Asketin. Wenn sie bald zwei Jahre für die gemeinnützige Bildungsinitiative Teach First tätig sein wird, will sie bereits Kinder und Jugendliche mit ihrer Idee anstecken und sie vielleicht zu angehenden Halbzeitvegetariern machen. Denn: „Das Wissen ist nicht das Wichtigste“, sagt Katharina Rimpler, „Erziehung, Rituale und Traditionen, Gewohnheiten und eingefahrene Denkmuster wirken viel stärker.“ Ein vegetarisches Weihnachtsessen in Deutschland oder Thanksgiving ohne Truthahn in den USA – an diesem Tag werden allein 46 Millionen dieser Tiere in die Röhre geschoben – scheint für viele undenkbar. Ebenso ranken sich viele Kindheitserinnerungen lebenslang um das Thema Fleisch; Schnitzel, Rouladen, Sauerbraten, Kassler und Königsberger Klopse bleiben trotz vegetarischer Alternativen die Lieblingsgerichte der Deutschen. Insbesondere die ältere Generation glaubt an die Kraft und Wirkung von Fleisch, das sei das wertvollste Lebensmittel, mache stark und widerstandskräftig.

 

„Der Frühling ist die Zeit der Pläne, der Vorsätze“, sagte Lev Tolstoi. Vielleicht nehmen sich auch in diesem Frühling 2012 einige Menschen vor, den Truthahn von ihrem Teller loszubinden: Free the turkey!

Dana Giesecke
12. April 2012
www.halbzeitvegetarier.de

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231-initiative-moeckernkiez

Kiezlebauer

Die Initiative Möckernkiez baut in Berlin-Kreuzberg ein ganzes Stadtviertel für 1.000 Menschen – transkulturell, generationen-übergreifend und mit geringem ökologischen Fußabdruck. Miteinziehen wird die Nachhaltigkeitsforscherin Hildegard Kurt.

Gemeinschaftsinnig und rückzugsoffen

Die Initiative Möckernkiez baut in Berlin-Kreuzberg ein ganzes Stadtviertel für 1.000 Menschen – transkulturell, generationen-übergreifend und mit geringem ökologischen Fußabdruck. Miteinziehen wird die Nachhaltigkeitsforscherin Hildegard Kurt.

Mitten in Berlin entsteht ein drei Hektar großes neues Stadtviertel. Mit 400 Wohnungen für 1.000 Menschen, mit zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen, Kiezküche, Gewerbe und Hotel ist es das größte bundesweite Projekt dieser Art. Am südlichen Rand des Bürgerparks Gleisdreieck, wo früher Züge über Schotterflächen rollten, grüßen sich heute die Stadtteile Kreuzberg und Schöneberg an einer überwucherten Brache. Nun wird das alte Schienendreieck durch ein neues Wertedreieck ersetzt: Ökosozial, interkulturell und generationenübergreifend soll das Leben hier werden. Die Planungen der Initiative Möckernkiez sind weit fortgeschritten. Im Herbst 2012 ist Baubeginn, bis Mitte 2014 werden – Achtung, Futur zwei! – alle eingezogen sein, auch Hildegard Kurt.

 

Ein Kalenderspruch von Greenpeace, „Stepping lightly into the earth“, wurde für die promovierte Kulturwissenschaftlerin und Nachhaltigkeitsforscherin zum Handlungsmotto. Sie hat ihr letztes Buch danach benannt: Leicht auftreten – Unterwegs zu einer anderen Welt. „Leicht auftreten“ steht dabei für einen geringen ökologischen Fußabdruck, eine fragende Grundhaltung und eine elastische Widerstandsfähigkeit gegen Krisen, auch Resilienz genannt. Und weil die 54-jährige Autorin diese Einstellungen bei der Möckernkiez Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen verwirklicht sah, entschloss sie sich noch während des Buchschreibens, dort mitzumachen. Mit dieser Gesinnung, und mit ihrem Alter, ist sie durchaus typisch für die Mehrheit der Möckernkiez-Genossen.

 

Von ihrem zukünftigen Zuhause erzählt Hildegard Kurt in den Räumen des und. Institutes, das sie leitet. Sie strahlt vor Vorfreude – eine Frau wie in Aquarell gemalt, mit hellen Augen, hellen Haaren und hellem Lachen. Das Institut, getragen von einem Verein und maßgeblich vertreten durch die Mitgründerin Hildegard Kurt, will Zukunftsfähigkeit mit Kunst und Kultur verbinden, deshalb der Name. Dafür widmet sich das und. Institut Kulturprojekten, Symposien und sozialen Plastiken. Dem Mädchen Hildegard wurde das ökologische Denken wohl schon in die Wiege gelegt, wuchs es doch auf einem kinderreichen Bauernhof in einem rheinland-pfälzischen Dorf auf. „Vom Wesen her Bäuerin und Künstlerin“, zäh, ausdauernd und lebendig, beschreibt Kurt sich selbst.

 

An der Seite ihres inzwischen verstorbenen Mannes, des türkischen Dichters Kemal Kurt, lebte sie jahrelang als freischaffende Übersetzerin. Bis zum Erdgipfel von Rio 1992. „Zum ersten Mal wurden Entwicklung und Umwelt zusammengedacht. Mir war, als würde sich ein Fenster auftun in eine Gesellschaft, die nicht mehr ideologisch und nicht mehr konsumistisch ist. Alles ist möglich – bitte anschnallen!“ Auf die Aufbruchsstimmung folgte die Enttäuschung. „Aber dann fing ich an zu forschen: Wie ist die Konsumkultur zu überwinden? Wie können wir leicht auftreten?“

 

Die Initiatoren des Möckernkiezes gingen derweil einen ähnlichen Weg. Ulrich Haneke, SPD-Urgestein aus Kreuzberg, verteilte 2007 auf einem Bürgerfest einen Aufruf zur Gründung einer Baugenossenschaft, damit die „Ureinwohner“ nicht durch zahlungskräftigere Zugezogene vertrieben würden. Das Flugblatt gelangte unter anderem in die Hände der Politikwissenschaftlerin Aino Simon. Sie träumte zusammen mit ihrem Mann schon länger davon, ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, also ebenfalls „leicht aufzutreten“. Sie träumte auch von barrierefreiem Gemeinschaftswohnen mit ihrer im Rollstuhl sitzenden Mutter und einem Gemeinschaftsspielplatz für ihre kleine Tochter. Der alte Sozialdemokrat und die junge Mutter trafen sich und wurden zum Erfolgsgespann des Projektes.

 

Haneke und Simon sitzen zusammen im Vorstand der Genossenschaft und des Vereins Möckernkiez, welcher die Kiezbewohner mit Kultur und Veranstaltungen versorgt. Vier Jahre lang arbeiteten beide ehrenamtlich, nunmehr beziehen sie jeweils ein kleines Gehalt von der Genossenschaft, die voraussichtlich stolze 90 Millionen Euro für die Realisierung des Projekts ausgeben wird. Größere und kleinere Wohnungen sollen es werden, keine Hochhäuser oder Betonklötze.

 

Jedes Genossenschaftsmitglied müsse für 30 Prozent der Wohnungskosten aufkommen, die anderen 70 Prozent finanziere ein Bankenkonsortium, erklärt die zukünftige Bewohnerin Hildegard Kurt. Für eine 50 Quadratmeter große Wohnung sind das rund 30.000 Euro Eigenanteil. Eine beachtliche Summe. Ist das noch „leichtes Auftreten“? Die Kulturwissenschaftlerin hat selbst Zweifel, denn Kreuzberger Sozialleistungsempfänger könnten das nie bezahlen. Andererseits: „Die Genossen, die hier mitmachen, sind auch keine Reichen“, sagt sie. Bei den Mitgliederversammlungen herrsche die Stimmung: Das schaffen wir! Die hohen Kosten würden ja nicht durch Luxusansprüche, sondern durch hohe ökosoziale Standards verursacht. Kurt erzählt mit leuchtenden Augen, wie der Solararchitekt Rolf Disch, einer der fünf Architekten des Areals, bei einer Versammlung aufgestanden sei und verkündet habe: Mit Plusenergiehäusern könne man sofort anfangen, und auf die Politik und ihre Energiewende solle man bloß nicht warten!

 

„Wir sind keine Schöner-Wohnen-Initiative, sondern eine Initiative Besser-Miteinander-Leben. Niemand wird an diesem Projekt verdienen“, sagt auch die 32-jährige Aino Simon. Die Generationen könnten sich gegenseitig helfen. Auch die Kulturen? „Da sind wir noch nicht zufrieden“, gibt sie zu, die Zahl der Migranten entspreche bei weitem nicht dem Kreuzberger Durchschnitt, die deutsche Mittelschicht überwiege. Sie habe sich persönlich sehr um türkische Mitglieder bemüht, aber viele täten sich mit dem Genossenschaftsmodell schwer und wollten lieber Eigentumswohnungen kaufen.

 

Gärten wird es auch geben, natürlich, und Hildegard Kurt freut sich schon darauf. Vorher müssen innerhalb der Genossenschaft noch einige „spannende“ Dinge geklärt werden, und auch diesem Prozess sieht die Kulturwissenschaftlerin neugierig entgegen: Schaffen die Genossinnen und Genossen es, sich durch Solardächer und Blockheizkraftwerk von steigenden Energiekosten abzukoppeln? Wer bekommt die helleren Wohnungen, wer die dunkleren oder lauteren? Soll es einen gemeinschaftlichen Waschsalon geben? Soll das ganze Viertel strikt autofrei bleiben, oder gelten Ausnahmen für Rollstuhlfahrende? Und überhaupt, wie viel Abweichung und Andersartigkeit muss erlaubt sein? „Das ganze Projekt muss gemeinschaftsinnig und rückzugsoffen bleiben“, auf diese schöne Formel hätten sich die Mitglieder auf einem Workshop verständigt, berichtet Vorständlerin Aino Simon.

 

Ihr Mann Nils Simon wiederum brachte bei einer der Versammlungen die Resilienz ins Spiel. Damit sei auch die Fähigkeit eines Gemeinwesens gemeint, in einer Situation der Knappheit vorbeugend zu handeln und funktionsfähig zu bleiben. Resiliente Gesellschaften und Gruppen seien eher in der Lage, den Epochenbruch zu bewältigen, der mit dem Ende der industriellen Wachstumsgesellschaft bevorstehe.

 

„Wie bewegend, nun gemeinsam mit Hunderten anderer Menschen Teil einer so weitreichenden und dabei so konkreten Initiative zu sein“, schreibt Hildegard Kurt in Leicht auftreten. Und: „Dass die Mitgliederversammlungen dieser Initiative in einer Kirche stattfinden, berührt mich immer wieder. Zeigt sich doch darin, dies ist kein privates Projekt, sondern es hat eine gesellschaftliche Dimension. Wir sind eine Stadtentwicklungsinitiative.“
Ute Scheub
04. April 2012

www.moeckernkiez.de

www.und-institut.de

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232-vaude

Abrüstung

Die Outdoor-Firma Vaude am Bodensee versucht, so ökologisch und sozial wie möglich zu produzieren. Das erfordert einen permanenten Abwägungsprozess.

Wer immer strebend sich bemüht

Die Outdoor-Firma Vaude am Bodensee versucht, so ökologisch und sozial wie möglich zu produzieren. Das erfordert einen permanenten Abwägungsprozess.

Weil es daheim so wenig Erhebungen gab, zog es den Norddeutschen und begeisterten Bergsteiger Albrecht von Dewitz früh in den Süden. Er quartierte sich in einem abgelegenen Ortsteil des Städtchens Tettnang unweit des Bodensees ein und fuhr so oft wie möglich in die Alpen. Auf seinen Touren ärgerte er sich immer wieder über sein Equipment – und so beschloss der gelernte Kaufmann 1974, selbst einen Laden für Bergsteigerausrüstung aufzubauen. Als er die Firma nach seinen Initialen v. D. auf den Namen Vaude taufte, machte er sich keine Vorstellung davon, dass er gerade den Grundstein für ein Unternehmen legte, das einmal weltweit präsent sein und in punkto Umwelt- und Sozialstandards als vorbildlich gelten sollte.

 

Zunächst handelte von Dewitz auch nur mit Seilen und Karabinern. Doch wurde schnell klar, dass es auf dem Markt weder Gamaschen noch Rucksäcke gab, die seinen Vorstellungen entsprachen. So fragte er Hansjörg Egger aus der Nachbarschaft, ob er nicht Lust habe, eine eigene Produktion aufzubauen. Egger war schließlich Landmaschinentechniker – und da sei es für ihn ja bestimmt nicht schwierig, sich auf Nähmaschinen umzustellen, meinte von Dewitz. Egger belegte einen Kurs, kaufte einige gebrauchte Maschinen, und aus Platzmangel musste der Schreibtisch am ersten Vaude-Firmensitz neben der Dusche platziert werden. Die noch wenigen Mitarbeiter entwickelten neue Projekte abends am Biertisch, und wenn das Wetter schön war oder es etwas zu feiern gab, ließen sie den Betrieb einfach geschlossen.

 

Wer die Natur liebt, sollte sie schützen – und wer Produkte in die Welt setzt, sollte sich damit beschäftigen, was mit ihnen nach dem Gebrauch passiert, meinte von Dewitz schon in den 1990er-Jahren. 1994 forderte er seine Kundschaft auf, ausrangierte Jacken und Schlafsäcke zurückzugeben. Doch die Reaktionen auf den Produktrückruf waren äußerst mager. Gleichzeitig versuchte die Firma auch in den Bereichen, die sie direkter beeinflussen konnte, die Umwelt- und sozialen Belastungen zu reduzieren. Sie befasste sich mit dem Material- und Wassereinsatz der Kleidungsproduktion, und als in den 1980er-Jahren das neue Firmengebäude in Tettnang errichtet wurde, ließ von Dewitz seine Naturverbundenheit in Form von Sprüchen in den Fußboden einarbeiten: „Die Alpen sind für uns die liebsten Nachbarn“ oder „Wir sind ganzheitlich“. Er gab auch den Auftrag, ein Kinderhaus für den Nachwuchs der inzwischen 480-köpfigen Mitarbeiterschar zu planen, und als ein Großteil der Produktion dann doch wegen der geringeren Lohnkosten nach Asien verlagert wurde, schaute sich der Chef persönlich an, wie es dort um die Arbeitsbedingungen bestellt war.

 

„Es gab bereits damals zahlreiche Puzzlesteine im Nachhaltigkeitsbereich, aber vieles war unstrukturiert und auch nicht sehr effektiv“, bilanziert die vor einigen Jahren bei Vaude als Umweltbeauftragte eingestellte Hilke Patzwall die Bemühungen der Gründergeneration. Mit Hilfe des europäischen Umweltmanagementsystems EMAS durchforstet sie seither systematisch alle Betriebsteile und versucht kontinuierlich, Verbesserungen durchzusetzen. Das fängt beim Energieverbrauch der nun schon wieder in die Jahre gekommenen Gebäude in Tettnang an, geht über Fahrgemeinschaften und Spritspar-Schulungen für die Beschäftigten bis hin zur E-Bike-Tankstelle vor dem Haus. Selbstverständlich wird dabei auch die Logistik nicht ausgespart: Wie kommt eine Jacke am klimafreundlichsten von der Fabrik in den Laden?

 

Ab 2015 will Vaude bei Taschen ganz auf PVC verzichten, obwohl es für dessen technische Eigenschaften noch keinen Ersatz gibt. „Entweder haben wir bis dahin etwas anderes gefunden – oder es gibt eben keine Taschen mehr“, formuliert Patzwall die selbstverordnete Abstinenz. Auch die anderen Materialien werden eingehend auf Wasserverbrauch bei der Rohstoffgewinnung, effiziente Einsatzmöglichkeiten und Schadstoffe untersucht. Die Relevanz verschiedener Belastungen abwägen, die eigenen Einflussmöglichkeiten einschätzen und dann die relativ beste Lösung finden – das ist der Alltag des EMAS-Verfahrens. „Das ist zwar nicht sexy und eignet sich nicht für Werbebotschaften, aber die Organisationsstruktur haben Profis erdacht, und sie ist handhabbar“, fasst die 38-jährige Umweltbeauftragte zusammen.

 

Auch die Tochter des Firmengründers und heutige Chefin Antje von Dewitz benennt klar die Grenzen des EMAS-Ansatzes: „An vielen Stellen könnten wir noch weiter sein, aber wenn eine Alternative 50 Prozent teurer ist oder die Funktionalität einschränkt, dann ist das nicht machbar.“ Auf 10 bis 15 Prozent schätzt sie die Mehrkosten, die Vaude gemessen am Branchenschnitt durch seinen selbstgesetzten öko-fairen Anspruch zu tragen hat.

 

Qualität und Langlebigkeit der Produkte sind dafür wichtige Bausteine. 15 Leute sind in Tettnang damit beschäftigt, Gebrauchtes wieder auf Vordermann zu bringen. Da werden an Rucksäcken und anderen Outdoor-Utensilien Flecken entfernt, Dreiangel geflickt oder Reißverschlüsse repariert. „Die Frauen dort haben sich selbst um umweltfreundlicheres Waschmittel gekümmert“, freut sich Patzwall. Nebenan werden Fahrradtaschen hergestellt; die helle Produktionshalle wirkt eher wie eine Manufaktur als wie eine Fabrik. In der Ecke steht eine von Hansjörg Egger konstruierte Reißverschluss-Einschweißmaschine, deren viele Rädchen, Rollen, Spulen und Schalter an ein Kunstwerk von Jean Tinguely erinnern.

 

Zusammen mit anderen Outdoor-Herstellern will Vaude einen neuen Versuch starten, die von den Kunden ausrangierte Ausrüstung umweltfreundlich und sozial weiterzuverwenden. „Ein geschlossener Recyclingkreislauf ist aber völlig unrealistisch“, dämpft Patzwall zu hohe Erwartungen. Schon der Sortier- und Transportaufwand wäre viel zu hoch. Geplant ist vielmehr eine enge Kooperation mit Altkleiderverwertern, die dem Verband Fairwertung angehören, der in diesem Bereich die strengsten sozialen und ökologischen Kriterien vertritt.

 

Anders als fast alle Markenfirmen, die Textilien in Asien fertigen lassen, lässt sich Vaude von der Fairware-Foundation überprüfen, so wie es die „Kampagne für saubere Kleidung“ empfiehlt, die sich seit langem für weltweit anständige Arbeitsbedingungen im Textilbereich einsetzt. Unabhängige Kontrolleure recherchieren, ob die Arbeitsbedingungen in Vietnam und China den proklamierten Anforderungen entsprechen. Aus Burma hat sich Vaude aus diesem Grund schon vor einer Weile zurückgezogen.

 

Vaude ist ein Beispiel dafür, dass der Anspruch „Nachhaltigkeit“ im Alltag eines mittelständischen Produktionsunternehmens immer nur Richtschnur und nie 100-prozentige Umsetzung sein kann. Dass die Firma hier gleichwohl Herausragendes leistet, belegt nicht zuletzt der deutsche Nachhaltigkeitspreis 2011, den Vaude in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategien (KMU)“ erhielt.

 

Für eine bessere Zukunft scheut Vaude schon lange keine Mühen. Nach dem Unternehmensziel gefragt, antwortet die vierfache Mutter Antje von Dewitz: „Ich will, dass die acht Stunden, die die Menschen hier täglich herkommen, positiv für sie sind und dass es auch den Leuten in den Zulieferfirmen gut geht. Und ich möchte, dass der ökologische Fußabdruck des Unternehmens möglichst klein ist.“ Kurz und knapp: Wir sind ganzheitlich.

Annette Jensen
04. April 2012

www.vaude.com

www.emas.de

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Strassenkunst

Die Künstlerin Ursula Cyriax hat sich um die Kreativität zukünftiger Generationen verdient gemacht und ein soziokulturelles Projekt in eine hessische Kleinstadt gebracht. Damit stiftete sie die Einwohner an, Transformationsprozesse nicht einfach passiv zu ertragen, sondern aktiv mitzugestalten.

Kunst-Ambulanz gegen Tristesse

Die Künstlerin Ursula Cyriax hat sich um die Kreativität zukünftiger Generationen verdient gemacht und ein soziokulturelles Projekt in eine hessische Kleinstadt gebracht. Damit stiftete sie die Einwohner an, Transformationsprozesse nicht einfach passiv zu ertragen, sondern aktiv mitzugestalten.

 

Zwischen den sanften Mittelgebirgshügeln des oberen Lahntals ruht die hessische Kleinstadt Biedenkopf, 750 Jahre alt, samt enger Gassen, pittoreskem Fachwerk und Landgrafenschloss. Zweifelsohne ein malerisches und romantisches Städtchen – und bis vor kurzem ein ausgewähltes Kaff, um sich lebendig begraben zu lassen.

 

Denn in Biedenkopf haben demographischer und gesellschaftlicher Wandel eine ziemliche Tristesse hinterlassen: Die Stadt schrumpft, weil junge Leute ihrer Heimat nach dem Schulabschluss den Rücken kehren; das Handwerk und der Einzelhandel haben mit argen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil die allerorts üblichen Einkaufscenter auf die Wiese gepflanzt werden; die Kluft zwischen gut situierten und armen Einwohnern wird immer größer, weil die Mittelstandswelten aussterben; hier und da stehen Wohnungen und Geschäfte leer, weil Käufer fehlen und die Stadtverwaltung machtlos ist.

 

Nichts von dieser gegenwärtigen Situation hat etwas mit der heilen Welt gemein, an die sich Ursula Cyriax aus ihrer Kindheit erinnert. Ihre Heimatprovinz scheint sich verwandelt zu haben, depressives Grau hat sich unter die einst frohen Farben der Kleinstadt gemischt. Seitdem die in Berlin lebende Künstlerin das Elternhaus in Biedenkopf vererbt bekam, zieht sie sich regelmäßig dorthin zurück, um der Großstadt zu entkommen, und erhält so immer wieder neue Eindrücke von der schleichenden Veränderung. An einem sonnigen Frühlingstag im Biedenkopf des Jahres 2010 dann stand Cyriax im duftenden Lavendelgarten und ließ das Unkrautjäten plötzlich sein. Ihr wurde bewusst, dass sie die Zeit, Zuwendung und Liebe, die sie gerade den Blumen zuteil werden ließ, nicht am eigenen Gartenzaun enden lassen dürfe.

 

So kam es, dass eine Kosmopolitin – Cyriax lebte zeitweise in New York und war an Ausstellungen im Metropolitan Museum und in der Neuen Nationalgalerie Berlin beteiligt – ein kulturelles Konjunkturprogramm für das Provinzstädtchen erfand. Das soziokulturelle Kunstprojekt Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011 sollte die Bewohner Biedenkopfs aus ihrer Starre lösen und dazu motivieren, die Attraktivität ihrer Stadt unter aktiver Teilnahme für sich, für ihre Kinder und ihre Kindeskinder zu bewahren und wieder mit Leben zu füllen.

 

„Die Identitätsträger einer Stadt sind deren Bewohner, also muss man diese auch aktivieren“, erklärt die politisch denkende Frau ihr Konzept Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011, in dem künstlerische Exzentrik fehl am Platz ist. In Zahlen gesprochen: Es galt, 6.000 Biedenkopfer und 8.000 Einwohner der umliegenden Gemeinden in einen künstlerischen, demokratischen Prozess einzubinden und über den Zeitraum eines Jahres für neun lebensnahe und -praktische Einzelinitiativen zu mobilisieren.

 

Dabei sollte sich Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011 nicht nur als nachhaltig im Hinblick auf die Revitalisierung der Innenstadt erweisen, sondern auch die für die Skulpturen verwendeten Materialien mussten nachhaltig sein. „In unserer Wegwerfgesellschaft produzieren wir viel zu viel Müll. Deshalb war das Upcycling, also aus Weggeworfenem etwas Wertvolles machen, in vielen der Biedenkopfer Projekte ganz zentral“, sagt Cyriax.

 

Als Ursula Cyriax 18 Jahre alt war, schrieb sie 100 Dinge auf einen Zettel, die in ihrem Leben unbedingt Wirklichkeit werden sollten. Darunter: ein Frühstück mit den Rolling Stones – und  tatsächlich: das hat geklappt. Bis heute gibt es für sie kein „Geht nicht“ oder „Ja, aber“ und noch immer schaut sie zuversichtlich ins Leben. So war für die 58-jährige Aktionistin auch bei den Skulpturen, Projekten der Weg vom Gedanken zur Umsetzung kein weiter. Sie zog ins Biedenkopfer Rathaus, zu kirchlichen Institutionen, zu regionalen Unternehmen und Handwerkern, zu wissenschaftlichen Einrichtungen, zur lokalen Presse und gewann alle für ihre Idee zur kulturellen und sozialen Stadterneuerung. „Es ist verrückt: man überlegt sich etwas Schönes, und dann funktioniert auch alles. Und vor allem: alle wirken mit!“, blickt Ursula Cyriax auf das vergangene Jahr 2011 in Biedenkopf zurück.

 

Beim Guerilla Knitting zum Beispiel wurden Jung und Alt, Arm und Reich aufgerufen, aussortierte Wolle im Rathaus abzugeben. Aus den gesammelten Wollresten sollten kleine Strickarbeiten gefertigt werden, die an Straßenbegrenzungen, Haltegriffen, Verkehrsschildern und Gartenzäunen angebracht werden und den öffentlichen Raum verschönern sollten. „Es wurde so viel gespendet, dass die Kulturdezernentin wie eine New Yorker Bag Lady zwischen den Wollresten in Tüten an ihrem Schreibtisch saß“, lacht die Anstifterin. In Wohnzimmern, Schulen, Senioren- und Pflegeheimen, in der Kirchengemeinde und sogar in einer Gruppe Demenzkranker wurde fortan pausenlos gestrickt. 483 Einzelstücke fügten sich letztlich zu einem farbenfrohen Patchwork, das den Marktplatz „dekorierte“ und keineswegs nur von Großmüttern hergestellt worden war. Denn Stricken war plötzlich cool. Selbst Männer trauten sich: „Ich hab den Jungs einfach erzählt, dass es in New York Clubs gibt, wo harte Kerle bei Bier und Chips stricken. Und auch Johnny Depp wäre ohne die Kunst des Persenning-Stichs beim Segelflicken in der Karibik verloren gewesen“, berichtet Cyriax und lächelt raffiniert. „Eine Strickerin sagte damals zu mir Wir machen die Welt einfach ein bisschen wärmer. Wir sind jetzt alle Guerillas. Da wusste ich: es wirkt!“

 

Die eigene Stadt umzugestalten und Abfall als Ressource zu begreifen war auch die Idee für einen 5 Meter hohen Wegweiser, der aus ausrangierten Skiern gebaut wurde und nun auf einer Verkehrsinsel steht. Die lila gestrichenen Ski-Spitzen zeigen mit exakter Angabe der Entfernung in die Himmelsrichtung ausländischer Städte, aus denen hinzugezogene Biedenköpfer ursprünglich stammen. Menschen aus 64 Nationen sind in Biedenkopf ansässig geworden. Buenos Aires, Singapur, Riga, Lissabon und Kuala Lumpur – Biedenkopf ist, wenn man genauer hinschaut, kein Hinterland, sondern international. „Die Welt ist eh trostlos, wo man hinschaut, diese Aktion bringt Farbe in die Stadt, da freu ich mich, dass ich daran mitgeholfen hab“, hat ein kräftiger Helfer beim Aufbau der Skulptur zu der Konzeptkünstlerin Cyriax gesagt. Heute ist der Wegweiser ein Teil des Stadtbildes geworden.

 

Das Skulpturen-Jahr war aber auch sonst ereignisreicher als die Zeit davor: mit einer Liebesschlösser-Aktion auf einer Brücke, einer Survival-Nacht in freier Natur, einer Modenschau mit Biedenkopfer Topmodels, einem ganz legalen Graffiti-Projekt oder einer Einzelausstellung für ein voluminöses Upcycling-Galakleid. In Biedenkopf war jetzt was los! Dabei wandte sich Ursula Cyriax vor allem an Jugendliche und deren Lebensthemen und lud sie ein, eigene Zukunftsvisionen zu gestalten, an sich selbst zu glauben und ihre Ängste zu überwinden.

 

Die lokale Presse, der Hinterländer Anzeiger, konnte ein Jahr lang die Seiten mit Sensationen füllen, und der Filmemacher Otmar Hitzelberger begleitete die Highlights mit seiner Kamera. Sein Film schafft den Spagat zwischen sozialem Realismus und einer eindringlichen Reportage, auf die letztlich alle Beteiligten stolz sind. Mittendrin, immer im Bild und immer im Dauereinsatz, die Initiatorin Ursula Cyriax, nie sozialpflegerisch, nie belehrend, nie agitatorisch.

 

Das Biedenkopfer Spektakel ist nun vorbei, doch Ursula Cyriax wird mit neuen Plänen wiederkommen. Muss sie ja sowieso: zum Unkrautjäten im Lavendel-Garten.

Dana Giesecke
29. März 2012

www.atelier-mc.de

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213-montessori-muenchen

Lebenslanges Lehren

An der integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße gehört es zum Konzept, dass ältere Menschen mitunterrichten. Die spätberufenen Lehrer halten es mit Wilhelm Busch: „Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh“.

Senioren machen Schule

An der integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße gehört es zum Konzept, dass ältere Menschen mitunterrichten. Die spätberufenen Lehrer halten es mit Wilhelm Busch: „Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh“.

 

Die Idee kam einigen Eltern beim Putzen. Sie machten einen Münchener Montessori-Kindergarten sauber und plauderten über dieses und jenes. Wie toll es doch wäre, wenn die Großeltern in der Nähe wohnen würden, träumten die einen – und ja, das sei wirklich ein großer Vorteil, bestätigten die anderen und berichteten, dass der Austausch ihrer Kinder mit Oma und Opa für beide Seiten bereichernd sei. Und dann stand plötzlich die Frage im Raum: Warum sollten sie, da die wirklichen Großeltern zum Teil weit weg seien, nicht ältere Leute aus der Umgebung in das von ihnen geplante Montessori-Schulprojekt einbinden?

 

Tatsächlich ist die Werkstatt der Generationen heute das Alleinstellungsmerkmal der seit 2008 bestehenden integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße. Zum pädagogischen Konzept der Schule gehört, dass Mädchen und Jungen, einschließlich behinderter Kinder, von der ersten bis zur zehnten Klasse ohne Leistungsdruck und Noten lernen. Einmal in der Woche steht bei jeder Gruppe auch WdG – Werkstatt der Generationen – auf dem Stundenplan. Für das, was der Senior oder die Seniorin den Kindern dort anbietet, gilt vor allem ein Kriterium: Es sollte ihm oder ihr Spaß machen. Oft sind das Dinge, die sich aus dem Berufsleben der Laienlehrkräfte ableiten, manchmal aber auch völlig andere Leidenschaften.

 

Im Werkraum nimmt ein Dutzend Schülerinnen und Schüler gerade Apfelsinenkartons auseinander, die der Seniorlehrer und freischaffende Künstler Helmut Stöcklhuber auf die Tische gelegt hat. Erstaunt stellt die 11-jährige Karoline fest, dass der Kasten lediglich aus einem geschickt gefalteten Bogen Pappe besteht. Während sie nun ihrerseits versucht, ein dreidimensionales Objekt aus Papier zu bauen, interessiert sich ihr Klassenkamerad Victor dafür, wie er den Kasten so zeichnen kann, dass er räumlich aussieht. Ihm gefällt, dass jede Woche ein älterer Mensch vorbeikommt – solange er dabei selbst etwas tun kann. „Nur in der Klasse sitzen und sprechen find ich nicht so gut.“

 

Ein paar Räume weiter sitzt ein ehemaliger Rundfunkredakteur an einem Tisch, vor ihm lagern und lümmeln Kinder aus den unteren Klassenstufen auf einem runden Teppich, andere hocken auf Bänken und Stühlen. „Vier kleine Hexelein, die aßen Kräuterbrei, das eine ist davon geplatzt, da warens nur noch ...“ „Drei“ rufen die Kinder und singen voller Elan den Refrain und fordern am Schluss energisch „Zugabe“. Bei den Jugendlichen nebenan geht es dagegen sehr ruhig zu. Ein bärtiger Mann mit Brille berichtet von einem Freund in Sizilien, der von Schutzgelderpressern heimgesucht wurde. Ein Junge hakt mehrfach nach, der Rest schweigt. Nach der Stunde wird klar, dass sie durchaus interessiert zugehört haben: Mehrere diskutieren untereinander weiter.

 

„Wir fragen die Schüler regelmäßig, was ihnen gefallen hat, wovon es mehr geben sollte und was nicht so gut war“, berichtet die Initiatorin und Projektleiterin Anke Könemann, Mutter einer neunjährigen Schülerin der Montessori-Schule. Könemann hat die WdG-Arbeit ehrenamtlich aufgebaut, indem sie Kontakte zur Caritas und zu Servicecentern für Senioren spann und Flyer in Arztpraxen und Apotheken auslegte. Inzwischen melden sich viele Ältere auf eigene Initiative. Zusammen mit drei Pädagoginnen bereitet Könemann die durchschnittlich 65- bis 70-Jährigen auf ihre Klassenbesuche vor, unterstützt und berät sie bei der Themenplanung. Während der Projektstunden sind außerdem ein oder mehrere Pädagogen dabei, so dass sich die Senioren auf ihr Thema konzentrieren können und von der Situation nicht überfordert werden.

 

Dabei sind die Projekte keine Einbahnstraße: So haben Jung und Alt beispielsweise gemeinsam einen Handyclip erstellt und damit sogar einen Wettbewerb gewonnen. Noch findet der Generationenkontakt ausschließlich in der Schule statt, doch Anke Könemann und ihre Kolleginnen denken weiter: Vielleicht werden ältere Schüler demnächst auch Demente besuchen; schließlich gehöre auch das zum Leben.

 

Mehrmals im Jahr lädt Könemann interessierte Seniorinnen und Senioren zu einer Informationsveranstaltung ein. Manche bieten anschließend einmalige Veranstaltungen an, andere kommen regelmäßig in die Balanstraße. Zur zweiten Gruppe zählt Pia Richter-Haaser. Sie bringt jede Woche eine andere Person ihrer Generation mit, die über ihren Berufs- oder Lebensweg berichtet. Die Kinder lernen nicht nur, dass es vielfältige Sichtweisen und Erfahrungen gibt, sondern auch, dass vieles nicht glatt läuft und häufig auch Um- und Zickzackwege nötig sind, um zum Ziel zu kommen. Auch Senior Torsten Hartmann ist immer wieder vor Ort: Er will den Kindern Anreize geben, sich für Technik zu interessieren. Wenn er spürt, dass es gefunkt hat, empfindet er „Genugtuung und Freude“ – und das sei dann seine Bezahlung.

Annette Jensen
22. März 2012
www.montessori-muenchen.de

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  • 270-sauberbus

    So smooth so clean

    In Hamburg fahren neuartige Busse der Hochbahn mit Wasserstoff und Brennstoffzellen – und dienen gleichzeitig als Speicher für erneuerbare Energien. Fahrer und Passagiere sind begeistert von der ebenso leisen wie butterweichen Fahrweise.

    Reiseziel postfossil

    In Hamburg fahren neuartige Busse der Hochbahn mit Wasserstoff und Brennstoffzellen – und dienen gleichzeitig als Speicher für erneuerbare Energien. Fahrer und Passagiere sind begeistert von der ebenso leisen wie butterweichen Fahrweise.

    Das Ding sieht aus wie ein leckerer Apfel, frischgrün, bedeckt mit Wassertropfen. Aber Vorsicht, nicht reinbeißen! Denn unter der knackigen Schale liegt hartes Metall – es handelt sich um einen „SauberBus für die nächste Generation“. Das schöne Äußere verspricht außerdem: „Wasser statt Abgase“. Das heißt erst einmal nicht so viel; nicht alles, was außen grün ist, ist es auch im Kern.

     

    Bitte einsteigen. Der sogenannte Brennstoffzellenhybridbus allerdings hält, was seine verlockende Erscheinung verspricht. Er fährt mit Wasserstoff, seine Abgase bestehen ausschließlich aus Wasserdampf. Seit Februar 2012 fährt er auf Buslinien der Hamburger Hochbahn. Wenn die frische äußere Schale nicht wäre, sähe er aus wie jeder andere Linienbus.

     

    In Hamburg fahren bisher nur zwei dieser Busse, weitere werden gerade auf den Linienbetrieb vorbereitet. „Wir müssen Erfahrungen sammeln und die Technologie weiterentwickeln“, sagt Heinrich Klingenberg, der als Geschäftsführer der Hochbahn-Tochterfirma hySOLUTIONS Mobilitätssysteme für die ölfreie Zukunft ausheckt. Bisher ist der SauberBus mit rund anderthalb Millionen Euro pro Stück zwar in etwa fünfmal so teuer wie ein normaler Dieselbus, aber in Serie gefertigt wird der Preis deutlich sinken. Sie seien sehr zufrieden mit den Pilotfahrzeugen, ergänzt Projektbetreuer Joachim Will, dieser hier habe jetzt ein paar Tausend Kilometer zurückgelegt und fahre problemlos seine tägliche Schicht – und künftig sogar zwei Schichten pro Tag.

     

    Losfahren. Wir fahren schon, und niemand hat es gemerkt. Das Fahrzeug gleitet wie durch eine Buttercremetorte, ohne das busübliche Ruckeln und Zuckeln. „Vor allem ältere Fahrgäste, die sich nicht mehr so sicher bewegen können, wissen das zu schätzen“, berichtet Projektbetreuer Will. Zudem ist der Antrieb so leise, dass man ihn fast nicht hört. „Die Leute im Bus fangen an zu flüstern“, lacht Will, „und mit dem Handy telefoniert auch kaum mehr jemand, weil alle anderen mithören können.“

     

    Weiterfahren. Der SauberBus schnurrt, die Kulisse der Hafen-City huscht vorbei. Auf einer Anzeigetafel hinter dem Fahrer Stefan Schröder können interessierte Passagiere beobachten, wie das Fahrzeug funktioniert und warum es Hybridbus heißt: Obwohl es von Wasserstoff angetrieben wird, ist es im Grunde ein Elektrobus. In Brennstoffzellen, die zu stacks (Stapeln) in Reihe geschaltet sind, reagiert Wasserstoff mit Sauerstoff und wird zu Wasserdampf. Dabei wird elektrische Energie freigesetzt, die über einen Hochvolt-Zwischenkreis die Elektromotoren in den Radnaben versorgt. Diese Motoren wiederum treiben die Räder an – direkt, ohne Umwege, mit einem hohen Drehmoment. „Wenn der Bus nicht stark gedrosselt wäre, würde er an der Ampel jeden Porsche stehenlassen“, sagt Will. „Das ist aber nicht im Sinne unserer Fahrgäste.“

     

    Bremsen. Die Ampel springt auf Rot, der Fahrer bremst, die Motoren werden zu Generatoren, mit denen Energie in die bordeigenen Lithium-Ionen-Batterien geleitet wird. Diese dienen als Energiepuffer, entlasten die Brennstoffzellen, erhöhen deren Lebensdauer und reduzieren den Wasserstoffverbrauch. „Die Batterie hat uns einen großen technologischen Sprung nach vorne ermöglicht. Der Vorgänger dieses Busses hat rund 20 Kilogramm Wasserstoff auf 100 Kilometer verbraucht, jetzt sind es nur noch um die neun“, erläutert Will.

     

    Tanken. Der Fahrer steuert eine markante Tankstelle für Wasserstoff an, die dritte in Hamburg. Sie steht unter hohen grauen Säulen mitten in der Hafen-City, zwischen den neuen Gebäuden von Spiegel und ZDF. „Wir sind immer unter journalistischer Beobachtung“, grient Klingenberg. Busfahrer Schröder bringt eine Klemme am Fahrzeug an. „Der Bus muss zunächst geerdet werden, um mögliche statische Aufladungen zu vermeiden“, erklärt der hySOLUTIONS-Geschäftsführer, bevor der Fahrer mit einem Tankrüssel die Wasserstofftanks auffüllt. Es zischt nur ein wenig, und nach nicht einmal zehn Minuten ist der Bus vollgetankt.

     

    Ist das nicht gefährlich, wenn Wasserstoff entweicht? „Benzin oder Diesel sind gefährlicher, in ungünstigen Gemischen mit Luft entweichen sie schlecht und bilden zündfähige Mischungen“, sagt Klingenberg. „Wasserstoff dagegen steigt immer sofort nach oben. Das ist einer der Gründe, weshalb die Tanks auf dem Busdach montiert sind. Wasserstoff erfordert zwar eigene Sicherheitsvorkehrungen, ist aber mindestens so gut beherrschbar wie Benzin, Diesel oder Gas.“

     

    Den Wasserstoff erzeugt Vattenfall direkt vor Ort, indem Wasser unter Einsatz regenerativ erzeugter Energie in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird. Der Atomkraftbetreiber Vattenfall? Und das soll nachhaltig sein? „Der Wasserstoff wird hier ausschließlich durch erneuerbare Energien erzeugt“, versichert Klingenberg. Und zwar dann, wenn viel Wind wehe und sich überschüssige Windkraft im Netz befinde; die zu verbrauchen, fördert die Windkraft, denn bliebe sie ungenutzt, müssten vielleicht sogar Windanlagen abgeschaltet werden. Sauber, das Zusammenspiel zwischen Wasserstoffbus und Wind!

     

    Weiterfahrt. Fahrer Stefan Schröder steigt wieder ein und gibt Gas, nein, Wasserstoff, nein, Strom. Der Bus schnurrt. Und Schröder, früher Gas- und Wasserinstallateur, schnurrt ebenfalls: „Ich fahr das Ding gerne. Wir kriegen so viel positive Resonanz von den Fahrgästen! Manche wollen nur noch damit fahren und fragen, wo und wann der Bus abfährt.“

     

    „Die Kollegen sind begeistert“, sagt auch Joachim Will. „Schon allein aufgrund des ruckfreien Fahrens. Sie steigen nach acht, neun Stunden aus und sagen: Ich könnte noch weiterfahren. Das ist viel weniger anstrengend.“ Will organisiert die Schulungen für die Busfahrer – sie sollen den Fahrgästen die Technologie erklären können. „Wenn die Fahrer das verstehen, identifizieren sie sich“, sagt er. „Bisher haben wir 40 Leute ausgebildet. Aber die Warteliste ist sehr lang – fast alle wollen den SauberBus steuern.“ Joachim Will, der früher Elektromaschinenbauer war und seit 25 Jahren bei der Hochbahn arbeitet, findet seinen Job „hochspannend“.

     

    Ankunftsziel postfossil. Der Hamburger Senat habe beschlossen, nach 2020 nur noch emissionsarme Busse einzusetzen, erläutert Heinrich Klingenberg. Darauf müsse sich die Hochbahn einstellen und neue Technologien rechtzeitig erproben. „Wir denken jetzt über einen neuen Betriebsbahnhof für 100 Busse nach, das erfordert schon eine ganz andere Infrastruktur.“ Außerdem sei man mit Kollegen aus London, Vancouver, Mailand und mit der PostAuto Schweiz AG im ständigen Informationsaustausch, weil dort auch schon Brennstoffzellenbusse führen.

     

    „Ich gehöre zu den Menschen, die schon immer ohne Auto unterwegs waren“, sagt der Mobilitätsvordenker Klingenberg. „Wir müssen Mobilität neu definieren, weg vom Individualverkehr. Aber wenn wir das tun, dann müssen wir den Fahrgästen auch etwas Attraktives anbieten.“ Der SauberBus respektive der öffentliche Nahverkehr als Grünstromspeicher der postfossilen Ära – das klingt in der Tat attraktiv.

    Ute Scheub
    15. Mai 2012
    www.sauberbus.de

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  • 239-kikuna

    Waldfrüchtchen

    Kinder an Kunst und Natur heranzuführen – das hat sich Karin Wirnsberger mit ihrem Bildungszentrum kikuna zur Aufgabe gemacht. Bei ihr entdecken Kinder die Welt, die sie umgibt, im Kleinen wie im Großen. 

    Drinnen und draußen

    Kinder an Kunst und Natur heranzuführen – das hat sich Karin Wirnsberger mit ihrem Bildungszentrum kikuna zur Aufgabe gemacht. Bei ihr entdecken Kinder die Welt, die sie umgibt, im Kleinen wie im Großen. 

    Mit ihren rötlichbraunen, zu Zöpfen gebundenen Haaren und ihren bunten Klamotten erinnert Karin Wirnsberger ein wenig an Pippi Langstrumpf. Auch ihr Atelier im baden-württembergischen Dornstadt-Bollingen verströmt einen Hauch von Villa Kunterbunt. An den Wänden hängen Bilder aus selbstgeschöpftem Papier und poppig-bunte Nistkästen, Insektenhotels aus vielfältigen Röhrchen und Zapfen sowie Kunstwerke, auf denen fette Spinnen in Wollfadengespinsten herumkrabbeln. „Manche Kinder kriegen einen hysterischen Anfall, wenn sie eine Spinne sehen. Dabei sind die wichtig als Nahrung für Vögel und fürs ganze Ökosystem“, kommentiert Karin Wirnsberger die künstlerischen Objekte. Alles, was hier hängt, von umgedrehten Blumentöpfen, die als Habitat für Ohrenkneifer dienen, bis zu selbstbemalten T-Shirts, hat Wirnsberger gemeinsam mit Kindern zusammengesetzt oder gestaltet. Welche Rolle Tiere, Pflanzen, Erde oder Steine in natürlichen Kreisläufen einnehmen, erfahren die Kinder, während sie im leeren Gurkenglas ein Miniatur-Kreislaufsystem aufbauen. Und wenn sie ein T-Shirt bepinseln, ist ihnen klar, wie das Baumwollhemd entstanden ist und wer alles daran mitgearbeitet hat.

     

    kikuna – Kinder-Kunst-Natur hat Karin Wirnsberger ihre Projektwerkstatt genannt, die in einem alten Gebäude gegenüber Wirnsbergers Wohnhaus untergebracht ist. Entstanden ist sie aus einer persönlichen Krise: Während ihre Nachbarinnen eine Weile nach der Geburt der Kinder wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, war das für die gebürtige Österreicherin nicht möglich. Die Mutter zweier Kinder hatte vor der Familienphase als Umweltpädagogin in ihrem Heimatland freiberuflich Öko-Überprüfungen von Betrieben begleitet und die zukunftsfähige Gestaltung von Schulen vorangetrieben. In Deutschland, wo sie mit ihrer Familie lebt, fehlten ihr dann die nötigen Kontakte, um einfach weiterzumachen. Außerdem spürte sie, dass sie mittlerweile etwas anderes wollte: „Ich war früher vor allem Schreibtischtäterin und hab’ Texte geschrieben, die ich heute fast selbst nicht mehr verstehe.“

     

    Nach der Geburt ihrer Tochter hatte Wirnsberger angefangen zu malen; ökologische Fachkenntnisse brachte sie aus ihrer Ausbildung als Umweltpädagogin mit. Ohne dass sie schon gewusst hätte, wohin das alles führen sollte, begann sie zu Hause, erste Kurse mit den Kindern von Nachbarn und Freunden durchzuführen. Ihr Motto: Was kann ich in und um das Haus für die Umwelt tun? Die teilnehmenden Jungen und Mädchen forschten und bastelten. Zwischendurch setzte sich Karin Wirnsberger ihre Melone auf und erzählte Geschichten vom Wassertropfen, den Kreuzspinnen oder den beiden Pinguinen Prima und Klima – und die Kinder durften mitbestimmen, wie es weitergehen sollte.

     

    Etwa zur gleichen Zeit engagierte sich in ihrer neuen Heimat Dornstadt eine Bürgergruppe für einen Erlebnispfad im Wald – selbstverständlich war Karin Wirnsberger mit von der Partie. Heute können Spaziergänger auf dem Weg ausprobieren, wie weit sie im Vergleich zu Rehen und Hasen springen können. Oder sie erfahren, wie ein Eichhörnchen mitkriegt, wenn sich ein Marder anschleicht. Während der Arbeit am Erlebnispfad entstand die Idee, dass die Impulse der Umweltpädagogin auch für den Kindergarten interessant sein könnten – und auch dort war Karin Wirnsberger nun öfter präsent. Die Eltern wunderten sich bald, dass ihre Töchter und Söhne nicht mehr mit dem Auto zur Kita gebracht werden wollten und hakten nach, was es denn mit ökologischen Rucksäcken und Klimameilen auf sich habe, von denen ihr Nachwuchs jetzt dauernd erzählte. Als es schließlich darum ging, für Bollingen einen neuen Spielplatz zu bauen, war im Dorf ganz klar: Es sollte ein schöner Ort werden, der nicht nur für ein besseres Dorfklima sorgt, sondern auch dem Weltklima nützt. Mit Schubkarren, Schaufeln, Sägen und Pinseln rückten viele Familien an, und heute gibt es hinter dem bunten Zaun mit vielen Tierfiguren nicht nur phantasievolle Spielgeräte, sondern auch eine Streuobstwiese.

     

    Organisch wie die Themen, mit denen sich kikuna beschäftigt, entwickelt sich auch die Kreativwerkstatt. Neben dem Programm im Atelier bietet kikuna inzwischen auch Vorträge, Ferienangebote, Fortbildungen für Pädagoginnen und geförderte Bildungsprojekte. Längst arbeitet Karin Wirnsberger in einem Team, zu dem Künstlerinnen, Sozial- und Naturpädagogen und Biologinnen gehören. Eine Bibliothek über dem Atelier steht Erzieherinnen, Lehrern und Eltern offen, und die Umweltpädagogin gibt Tipps für den Aufbau von Schülerfirmen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. „Das Ganze ist zeitweise mehr als ein Ganztagsjob“, bilanziert sie.

     

    Obwohl kikuna schon mehrere Preise gewonnen hat, trägt sich das Ganze finanziell noch nicht. Für Sonderaktionen versucht die Umweltkünstlerin örtliche Unternehmen zu gewinnen, manchmal gibt es ein paar Zuschüsse von irgendwoher. So kommt der finanzielle Rückhalt ausgerechnet aus der Autoindustrie. „Da arbeitet mein Mann. Der sagt immer, ich sei sein teuerstes Hobby“, berichtet Wirnsberger lachend. Mit solchen Widersprüchen aber kann sie gut leben. „Nicht immer ist eine durchgängig nachhaltige Lebensweise möglich“, meint sie pragmatisch. „Mir kommt es darauf an, wie man Menschen zukunftsfähig und glücklich macht.“
    Annette Jensen
    16. Mai 2012
    www.kikuna-welt.de

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  • 259-quijote-kaffee

    Bohnus-System

    Das Hamburger Kollektiv Quijote ist Kaffee-Direktvermarkter und sorgt für Transparenz bei Preiskalkulation und Röstprofilen. Die Produzenten in Lateinamerika und Afrika verdienen so deutlich mehr als bei Fair-Trade-Labels wie Transfair.

    Doch die Bohne

    Das Hamburger Kollektiv Quijote ist Kaffee-Direktvermarkter und sorgt für Transparenz bei Preiskalkulation und Röstprofilen. Die Produzenten in Lateinamerika und Afrika verdienen so deutlich mehr als bei Fair-Trade-Labels wie Transfair.

    Brutaler Mord an einer Kaffeepadmaschine! Krätzsch, quurks, tzzworks – von einem Auto überfahren! Seit dem 1. April kursiert im Internet ein filmischer Aufruf des Hamburger Kaffeeröstkollektivs Quijote, sich phantasievolle Methoden auszudenken, wie Kaffeepad-Maschinen gemeuchelt und aus dem Verkehr gezogen werden können. „Ökologisch sind die eine einzige Katastrophe, die Kaffeequalität ist mies und die beteiligten Konzerne ebenfalls“, sagt Andreas „Pingo“ Felsen, der Quijote zusammen mit seiner Freundin Steffi Hesse gegründet hat. Den originellsten Pad-Mördern hat Quijote deshalb eine „Abwrackprämie“ in Aussicht gestellt – ein Bonus, oder besser gesagt Bohnus.

     

    Im Büro der kleinen Rösterei im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort steht der 39-jährige Pingo und kocht einen Cappuccino. Steffi Hesse, 34-jährige Fotografin und Designerin, packt derweil Pakete – Bestellungen von Privatkunden, Gastronomiebetrieben und Kollektiven, 100 bis 200 Kilogramm Kaffee täglich. Der dritte Kollektivist ist gerade nicht da, der vierte wurde gerade erst eingestellt. „Wir haben zu viel zu tun. Wir verstoßen volle Kanne gegen unsere eigenen Grundsätze“, stöhnt Steffi Hesse. Maximal 38 Wochenstunden – so wurde es eigentlich im Kollektivvertrag fixiert, der wie vieles andere auf der Website steht. „Ja, wir wachsen zu schnell“, bekräftigt Pingo.

     

    Damit ist bereits klar, wofür sich das Team nicht die Bohne interessiert: für Wachstum, Gewinn oder Profit. „Wir haben uns selbst ein Ziel gesteckt: Mehr als 50 Tonnen Kaffee im Jahr wollen wir nicht vermarkten“, sagt Pingo und lässt frischen Espresso in eine Tasse rinnen. „Das werden wir wohl schon in zwei oder drei Jahren erreicht haben.“

     

    Pingos halbes Leben dreht sich um die Bohne. Mitte der 1990er-Jahre verschlug es den Hamburger Buchhändler und Koch ins mexikanische Chiapas, wo er Menschenrechtsverletzungen dokumentierte und Lebensmittel zu Aufständischen transportierte. Die Bauern fragten ihn, ob er ihren Kaffee vermarkten könnte – so entstand 1999 das immer noch existierende Importprojekt Café Libertad, aus dem er später aber ausschied. Seinem Leib-und-Magen-Thema blieb Pingo jedoch treu und initiierte weitere Kaffeeprojekte. Und weil er sich ein Leben ohne Kollektiv nicht mehr vorstellen konnte, gründete er zusammen mit Steffi im November 2010 Quijote. Ein Leben im Kampf gegen Kaffeemühlen?

     

    Zumindest im Kampf gegen die Mühlenflügel der Großkonzerne vom Schlage Tchibo. Die stellen aus Imagegründen zwar Kaffee mit dem Transfair-Siegel in die Regale der Supermärkte, bezahlen den Produzenten des angeblich fairen Kaffees aber kaum mehr als vorher, kritisiert Pingo und vollendet seinen Kaffee mit einer Krone aus Milchschaum. Der Transfair-Preis böte zwar einen minimalen Schutz gegen die spekulationsbedingten starken Preisschwankungen von Rohkaffee auf dem Weltmarkt; weil der vom Label garantierte Preis aber in den letzten Jahrzehnten kaum gestiegen sei, habe der normale Weltmarktpreis oft sogar höher gelegen. „In keinem Land reicht der Erlös aus dem Transfair-Siegel noch aus, um guten und nachhaltigen Kaffee zu produzieren“, lautet Pingos Einschätzung.

     

    Transfair – inzwischen ein Malus? Oder, um im Bild zu bleiben, ein Mahlus? „Alle Ideen von Transfair finden wir toll, aber was daraus entstanden ist, ist traurig“, stellt Pingo klar. „Wir zahlen 2,90 Dollar pro Pfund Rohkaffee für die aktuelle Ernte unserer Partner in Ecuador, Brasilien und Guatemala und 3,60 Dollar in Äthiopien. Das ist immer noch zu wenig, aber weit mehr, als Tengelmann und Co bezahlen.“ Und im Gegensatz zu Tengelmann und Co macht Quijote seine Preiskalkulationen und Röstprofile auf der eigenen Webseite öffentlich zugänglich.

     

    Ein ähnlicher Mahlus wie bei Transfair gilt in Pingos Augen auch für das Biosiegel. Für die offiziellen Untersuchungen müssen die Kleinbauern hohe Gebühren zahlen – und bekommen am Schluss nur einige Cent pro Packung mehr. „Wenn Produzenten, Händler und Kaffeeröster transparent arbeiten und glaubwürdig sind, dann brauchen sie kein Siegel“, sagt Pingo.

     

    Pingo probiert den Cappuccino: „Hammer, so viel Frucht!“ Der volle Geschmack rühre auch daher, erklärt er, dass Quijote keinen Kaffee verkaufe, dessen Röstung länger als eine Woche zurückliege. Im Gegensatz zu Industriekaffee: „Der ist oft schon ein halbes Jahr alt.“ Noch besser wäre es natürlich, fügt er hinzu, wenn die Produzenten ihren Kaffee selbst weiterverarbeiten und damit mehr Gewinn erzielen würden. Aber wegen der unterschiedlichen Traditionen der Kaffeezubereitung in den Konsumentenländern seien viele Hersteller damit schlicht überfordert: in Honduras zum Beispiel müssten die Bauern ihre vergleichsweise kleinen Erntemengen dafür auf 15 verschiedene Arten rösten. 

     

    Dann führt Pingo vom Büro in die Rösterei. Brasilianischer Rohkaffee in Jutesäcken liegt in den Regalen, verführerisches Kaffeearoma in der Luft: In einer türkischen Röstmaschine dreht sich bei rund 220 Grad eine Trommel voller grüner Kaffeebohnen über Gasflammen, nach 12 bis 18 Minuten sind sie dunkelbraun, werden gekühlt und luftdicht verpackt. Bisher noch in Aluminiumverpackungen, die das Quijote-Team demnächst gegen umweltfreundlichere Verbundstoffe austauschen will. Das wäre ein weiterer Bohnus.

     

    Der größte Bohnus von Quijote – und ähnlich arbeitenden Betrieben wie Mitka, El Puente, Fairbindung oder Café Libertad – ist indes die Direktvermarktung und Direktverbindung zu den Kaffeebauern, denn sie schaltet die Zwischenhändler aus und ermöglicht dadurch deutlich höhere Einkaufspreise. Die Kollektivmitglieder reisen regelmäßig in die Anbauländer; ihre Produzenten sind allesamt basisdemokratisch organisierte Bio-Genossenschaften oder Familienbetriebe – in Brasilien, Ecuador, Honduras, Guatemala und Äthiopien. Eine vertrauensvolle und langfristige Kooperation mit diesen engagierten, qualitativ hochwertig arbeitenden Kaffeeproduzenten sei das Allerwichtigste, findet Pingo. Für diese Haltung wurde Quijote 2011 mit dem Karma Konsum Gründer Award ausgezeichnet.

    Ute Scheub
    08. Mai 2012

    www.quijote-kaffee.de

    www.trashtocash.de

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  • 257-buergerbus-weyhe

    Abgefahren

    Der Busverkehr in den Außenbezirken des niedersächsischen Ortes Weyhe wird von Ehrenamtlichen gewährleistet: So bleiben Menschen auch ohne eigenes Auto mobil.

    Bürger am Steuer, ungeheuer

    Der Busverkehr in den Außenbezirken des niedersächsischen Ortes Weyhe wird von Ehrenamtlichen gewährleistet: So bleiben Menschen auch ohne eigenes Auto mobil.

    Schwer atmend schiebt eine betagte Frau ihren Rollator den Bürgersteig entlang. Busfahrer Horst Christmann bremst, obwohl er noch 100 Meter von der Haltestelle entfernt ist. „Na, Sie wollen doch bestimmt wieder mit“, grinst er. Während der 67-Jährige den Gehwagen verstaut, erzählt ihm die deutlich ältere Dame von dem Rote-Kreuz-Treffen, bei dem sie gerade war. Dann fährt der Kleinbus weiter auf seiner Rundtour durch verschiedene Ortsteile der 30.000-Einwohner-Gemeinde Weyhe südlich von Bremen.

     

    Nach und nach steigen auf Christmanns Tour sechs Fahrgäste zu und fahren jeweils für ein paar Stationen mit. Anita Schenton legt 1,80 Euro auf den Kassierteller und bekommt einen Fahrschein, der auch für die Weiterfahrt in einem öffentlichen Bus gültig wäre. „Der Bürgerbus ist wirklich eine gute Sache“, findet die 81-Jährige. Früher besaß sie ein Auto. „Dafür hab’ ich heute aber kein Geld übrig – und ich brauch’ es ja auch nicht mehr“, sagt die Rentnerin und schnallt sich auf einem der acht Plätze an.

     

    Auch Annemarie Klarholz hat bis vor zehn Jahren noch selbst hinterm Steuer gesessen; nach einem Unfall legte ihr der Schwiegersohn jedoch nahe, dass sie mit ihren damals schon 82 Jahren nicht mehr selbst fahren solle. Seither nutzt sie den Bürgerbus fast täglich. „Ärztehaus, Lidl, Alte Wache – ich muss ja immer irgendwohin“, erzählt sie. Als Mitglied im Bürgerbus-Verein kann sie sogar kostenlos einsteigen.

     

    Angefangen hat alles Ende der 1990er-Jahre. Angestoßen durch die Agenda 21, die 1992 auf der internationalen Nachhaltigkeitskonferenz in Rio de Janeiro beschlossen worden war und die alle Kommunen aufforderte, für die weltweiten Umweltprobleme eigenständig und vor Ort nach Lösungen zu suchen, gab es in Weyhe eine Bürgerbefragung. Die ergab, dass sich viele Leute eine bessere Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln wünschten. Mehrere Ortsteile waren damals mit dem Bus gar nicht zu erreichen, und vor allem die Bewohner der drei Altenheime und der Einrichtung für betreutes Wohnen fühlten sich abgehängt. So entstand die Idee „Bürger fahren für Bürger“. Eine Gruppe Engagierter suchte Mitstreiter, die bereit waren, ehrenamtlich ein- bis zweimal wöchentlich ein paar Stunden durch Weyhes Wohnsiedlungen zu kurven. Sie spähten zwei Strecken aus, die den größtmöglichen Nutzen für die Zielgruppen versprachen: Ältere, Mütter mit kleinen Kindern und Leute, die sich kein Auto leisten können.

     

    Etwa zwei Jahre würde die Vorbereitung eines solchen Projekts dauern, meinten die Mentoren, die im niedersächsischen Rehburg-Loccum damals bereits einen Bürgerbus betrieben. „Doch so lange wollten wir nicht warten“, sagt Wolfgang Schmidt, ein Mann der ersten Stunde. Früher arbeitete er am Flughafen, inzwischen ist er ebenfalls Rentner. Innerhalb von wenigen Wochen konnte die Gruppe der für die Busaufsicht zuständigen Behörde über 20 Fahrer präsentieren, die einen Führerschein Klasse 3 besaßen und auch den notwendigen Gesundheitscheck erfolgreich absolviert hatten. Bei einigen Verwaltungsangestellten standen Wolfgang Schmidt und seine Mitstreiter gleich persönlich vor dem Schreibtisch – und wenn man die Papiere auf einem Aktenstapel ab- und zwischenlagern wollte, bestanden die Bürgerbus-Begeisterten auf eine sofortige Erledigung. So konnten die Weyher nach etwa sechs Monaten Vorbereitungszeit die ersten Runden drehen.

     

    Seither – also seit ganzen zwölf Jahren – sind die beiden Busse nun werktags im Zweistundentakt unterwegs. 60.000 Euro hat das Land Niedersachsen für jedes Fahrzeug dazugegeben, die übrigen 25.000 Euro reichten Sponsoren wie die Sparkasse und der Zweckverband Verkehrsverbund Bremen-Niedersachsen dar. Die monatlichen Dieselkosten in Höhe von 1.000 bis 1.200 Euro kommen stets durch den Verkauf von Fahrscheinen, durch öffentliche Zuschüsse und Spendengelder zusammen.

     

    Während die Fahrer am Anfang sehnsuchtsvoll nach potentiellen Fahrgästen Ausschau hielten und manchmal an einem ganzen Tag nur ein halbes Dutzend Passagiere das Angebot nutzten, steigen inzwischen jeden Monat etwa 2.500 Fahrgäste ein. Aufgrund dieses Erfolgs laufen inzwischen Verhandlungen, ob nicht demnächst ein ganz normaler, von der Stadt betriebener Bus mit einem professionellem Fahrer eine der Routen übernimmt. Und immer wieder fragen Initiativen aus anderen Orten an, ob die Weyher ihnen nicht Starthilfe geben können. „Wir haben in Niedersachsen schon zehn Bürgerbusse mit angeschoben“, berichtet Bürgerbus-Fahrer Horst Christmann mit unverhohlenem Stolz.

     

    „Natürlich hatten wir das Ziel, dass Leute ihr Auto oder zumindest den Zweitwagen abschaffen“, meint Initiator Wolfgang Schmidt. Das aber sei eine Illusion gewesen. „Doch immerhin lassen einige Leute jetzt ab und zu das private Auto stehen und nutzen unseren Bus.“ Fahrer Horst Christmann, vor dessen Haus ein BMW und ein Mercedes parken, begründet sein ehrenamtliches Engagement vor allem damit, selbst etwas für Ältere tun zu wollen und nicht die ganze gesellschaftliche Verantwortung allein dem Staat aufzubürden. „Außerdem sind wir über kurz oder lang die Nächsten, die die Hilfe Freiwilliger im Alter brauchen werden“, sinniert der pensionierte Elektrotechnik-Ingenieur. Vor allem aber ist es der Spaß am Kontakt mit den Fahrgästen, der ihn motiviert; nicht selten fährt jemand einfach mal eine Runde mit, weil es so schön ist.

     

    Gerade kommt ein alter Mann mühsam hereingehumpelt. Und obwohl er offenkundig Schmerzen hat, fragt er Christmann „Na, wollen Sie wieder eins von meinen Bonbons haben?“, und kramt in seiner Jackentasche. So kommt es, dass der 67-jährige Horst Christmann plötzlich in die Rolle eines Jungen schlüpft, der, weil er hilft, eine Süßigkeit dafür geschenkt bekommt.



     

    Annette Jensen
    03. Mai 2012

    www.buergerbus-weyhe.de

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  • 250-solarrentner

    Spätzünder

    Dietrich Papsch versucht im Erzgebirge, seine Mitbürger von einer umweltfreundlichen Lebensweise zu überzeugen. Dank ihm kann sich sein Heimatort in der Solarbundesliga behaupten.

    Man nennt ihn Solarrentner

    Dietrich Papsch versucht im Erzgebirge, seine Mitbürger von einer umweltfreundlichen Lebensweise zu überzeugen. Dank ihm kann sich sein Heimatort in der Solarbundesliga behaupten.

    Dietrich Papsch steht im Heizungsraum seines Eigenheims und dreht am kleinen Rad des Reglerkästchens; Zahlenkolonnen hüpfen über einen kleinen Digitalbildschirm. Im dick gepolsterten Warmwasserspeicher herrschen im Moment 67 Grad, registriert der 74-Jährige zufrieden. Weil es im Erzgebirgsdörfchen Schellerhau auf 800 Höhenmetern heute aber kalt und wolkig ist, werden die Solarkollektoren auf dem Dach nicht genug Wärme für den ganzen Tag liefern. So wird der Holzpelletofen am Nachmittag noch zweieinhalb Stunden lang laufen müssen, erklärt der große, drahtige Mann. Die aus Sägespänen gepressten Pellets stammen aus der südbrandenburgischen Lausitz, ergänzt er und versichert, dass der Brenner im Sommer monatelang abgeschaltet bleibt. Dann duschen er und seine Frau ausschließlich mit sonnengewärmtem Wasser.

     

    Akkurat notiert Papsch einmal wöchentlich alle Werte in einer Kladde. Wer in der Energiezentrale in seinem Einfamilienhaus vorbeischaut, dem erklärt Papsch das System mit Hilfe einer Schautafel und der bekommt selbstverständlich auch die beiden Photovoltaikanlagen auf den Schuppendächern zu sehen: In manchem Jahr waren bis zu 100 Interessierte hier – schließlich ist Dietrich Papsch inzwischen über das Erzgebirge hinaus bekannt. Viele Besucher kommen vor allem, weil sie gehört haben, dass sich so Geld sparen lässt – und tatsächlich sind die Holzabfälle als Heizstoff fast zwei Drittel billiger als Öl oder Gas. Papsch selbst allerdings geht es in erster Linie darum, unabhängig von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen zu sein. Vom Gasnetz wollte er sich vor ein paar Jahren in Anwesenheit der Lokalpresse mit viel Tamtam abkoppeln – doch als der Hahn zu seinem Haus abgestellt wurde, lag er im Krankenhaus. „Da war ich mal wieder von einer Leiter gefallen“, erklärt er.

     

    Es ist nicht lang her, dass Papsch die meisten Umbauten im Haus eigenhändig gemacht hat. Unmittelbar nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 installierte er als erster im Dorf neun Siliziumplatten auf einer Gartenhütte – und galt damals in seiner Region als völlig exotisch. Doch inzwischen hat er nicht nur im Ortsteil Schellerhau mit seinen 460 Einwohnern fast zwei Dutzend Nachahmer gefunden, sondern auch 200 Haushalte im Hauptort Altenberg machen mit: Damit stieg der Ort in der Solarbundesliga auf – ein Ranking der Deutschen Umwelthilfe, das die Fläche der Solaranlagen im Verhältnis zur Einwohnerzahl als Maßstab hat. Einen erheblichen Anteil an diesem Erfolg hat der Energietisch Altenberg – ein Verein, in dem Handwerker, Lokalpolitikerinnen und Umweltschützer zusammenarbeiten. Den Vorsitz hat, wen wundert’s: Dietrich Papsch. Drei Bürgersolaranlagen auf öffentlichen Gebäuden gibt es inzwischen in dem Erzgebirgestädtchen; ab einem Kapitaleinsatz von 250 Euro kann jeder Einwohner mitmachen.

     

    Den „Solarrentner“ nennen sie ihn hier – und auch wenn Papsch stets von „wir“ spricht, so ist es doch vor allem er, der täglich ein bis drei Stunden unterwegs ist und andere an seinem Wissen über erneuerbare Energien, Umwelt- und Ressourcenschutz teilhaben lässt. Papsch stellt sich vor Schulklassen, organisiert Messeauftritte, veranstaltet Stromwechselpartys und hält kostenlose Informationsveranstaltungen im Rathaus ab. Mehrfach im Monat ruft jemand an, der sein Haus isolieren oder eine neue Heizung anschaffen will, und Papsch gibt Tipps oder vermittelt Kontakte. Auch bei jedem Fest im Freundeskreis kommt er auf das Thema zu sprechen. „Wenn es um die Umwelt geht, kann er sich nicht bremsen“, berichtet seine Frau Christa mit einem halb nachsichtigen, halb besorgten Lächeln.

     

    Den ersten Impuls für sein heutiges Engagement erhielt er schon vor Jahrzehnten. Anfang der 1960er-Jahre, da war Papsch ein junger Maschinenbauingenieur beim Gaskombinat Schwarze Pumpe in Brandenburg und errichtete eine Brikettfabrik, stand er zum ersten Mal vor einem Braunkohletagebau. Er war zutiefst schockiert: Das Loch erschien ihm wie eine gigantische Wunde, die man der Erde zugefügt hatte. „Natürlich hab’ ich mit Freunden und Kollegen darüber gesprochen. Ich frage mich heute öfters, ob ich schon damals hätte radikaler agieren sollen, mich einer Gruppe anschließen. Aber ich bin kein Held“, sagt Papsch. Gut zwei Jahrzehnte später fielen ihm bei einem Ausflug in die Heimat seiner Frau die abgestorbenen Wälder im Erzgebirge auf – und wieder überkam ihn dieses trostlose Gefühl, dass der Mensch die Erde zugrunde richtet.

     

    Als Leiter im Vorstandssekretariat bei der Deutschen Waggonbau und später bei Bombardier traf er nach 1989 Umweltgrößen wie Franz Alt oder Hermann Scheer. Papsch war beeindruckt. Er forderte von seinem Betrieb eine BahnCard 100 statt eines Dienstwagens – und erntete eine Absage. Dann wolle er aber höchstens ein kleines Auto, beharrte Papsch. „Die haben mich gefragt, ob ich die Maßstäbe verderben will, und ich musste dann einen Passat nehmen“, berichtet der Rentner. Mit schlechtem Gewissen fuhr er anschließend mit dem Mittelklassewagen durch die Gegend. Und auch die Kurztrips per Flugzeug zur Konzernzentrale in Kanada gingen ihm gegen den Strich. Als er dann pensioniert war, wollte er endlich umsteuern – nun eben in seinem Alltag und so gut es ging.

     

    Heute steht ein Hybridauto vor seiner Garage, und so häufig wie möglich nutzt Papsch den Bus. Urlaub macht er nur noch in Deutschland, Fleisch kommt nur selten auf den Tisch, Standby-Geräte gibt es in seinem Haushalt nicht, und auch Papiertaschentücher sind für Papsch inzwischen ein völliges Tabu. „Die großen Veränderungen werde ich wohl nicht mehr erleben, aber ich bin Optimist“, sagt Papsch. Jetzt als alter Mann ist er endlich mit sich im Reinen: „Es kommt auf die vielen kleinen Schritte an – und ich glaube, wir sind auf gutem Wege.“

    Annette Jensen
    26. April 2012
    www.energietisch-altenberg.de

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  • 251-niederkaufungen

    Mitesser

    Die Gärtnerbetriebe Rote Rübe und Wurzelwerk werden von ländlichen Kollektiven bewirtschaftet und versorgen städtische Mitesser – nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft. Produzierende und Konsumierende gestalten den Anbau gemeinsam.

    Rote Rüben soll man küssen

    Die Gärtnerbetriebe Rote Rübe und Wurzelwerk werden von ländlichen Kollektiven bewirtschaftet und versorgen städtische Mitesser – nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft. Produzierende und Konsumierende gestalten den Anbau gemeinsam.
    Rin in die Kartoffeln. Harald Weinel wirkt nicht wie ein typischer Gärtner. Statt Strohhut und Schürze trägt er strubbeliges schwarzes Kurzhaar, Brille und Sweatshirt. Und er gehört zum dreiköpfigen Kollektiv Rote Rübein der Kommune Niederkaufungen bei Kassel, das nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft arbeitet. Was soll denn das sein? „Ganz einfach“, erklärt der 35-Jährige. Ein Hof versorge sein soziales Umfeld mit Lebensmitteln, und dieses zahle dem Hof einen Festpreis. Das Prinzip der gegenseitigen solidarischen Unterstützung habe für beide Seiten enorme Vorteile.

     

    Und wie funktioniert das konkret? „Zunächst haben wir ausgerechnet, wie viele Menschen wir mit Gemüse versorgen können“, erklärt er. Anbieter sind in diesem Fall neben der Roten Rübe auch das Wurzelwerk – der Gärtnerbetrieb der 22-köpfigen Lebensgemeinschaft gASTWERKe. Was die beiden Betriebe produzieren, reicht für rund 240 Menschen, so die Berechnung. „Dann kalkulieren wir die jährlichen Betriebskosten, also Saatgut, Löhne, Maschinen und Pacht, und unterbreiten das Ergebnis unserer Konsumentengruppe. Und wir reden mit unseren Abnehmern gemeinsam darüber, was und wie viel angebaut werden soll“, sagt er. Je nach Einkommen zahlen die Käufer einen höheren oder niedrigeren Monatsbetrag, im Durchschnitt gut 50 Euro. Das sei weit weniger, als es im Bioladen kosten würde, rechnet der Kollektivgärtner vor. Schließlich ist der Vertrieb in der Solidarischen Landwirtschaft denkbar einfach: Das Frischgemüse wird an mehrere Abholstellen geliefert. In Kassel sind das drei Garagen, andernorts zwei weitere Stellen; außerdem verkaufen Rote Rübe und Wurzelwerk ihre Produkte auf herkömmliche Weise im eigenen Hofladen.

     

    Die Vorteile dieser Zusammenarbeit stehen für die Rote Rübeaußer Frage: Die Hofgemeinschaft hat Planungssicherheit, ein garantiertes Einkommen und ist geschützt vor Ernteausfällen oder willkürlichen Zuckungen des Marktes. Und die Konsumierenden wissen genau, dass ihr Gemüse frisch und gesund ist; wer möchte, kann mit seinen Kindern die Tomaten oder Radieschen auf dem Acker besuchen.

     

    Linsengerichte. Seinen normalen Arbeitstag verbringt der Gärtner Weinel säend und erntend auf anderthalb Hektar fruchtbarem Löß, auf denen er und die anderen beiden Roten Rüben eine ganze Palette an Gemüse und Kräutern anbauen. Das Land gehört zur malerischen Gemeinde Niederkaufungen, wo sich die gleichnamige 80-köpfige Kommune 1987 niedergelassen hat – und sich vom eigenen Acker ernährt. „Solch eine Gemüsevielfalt könnten wir nie zu marktüblichen Preisen anbieten, das geht nicht mit großen Maschinen, das ist alles Handarbeit“, sagt Weinel. Heutzutage müsse sich ein Landwirt auf ein oder zwei Sorten spezialisieren, um zu überleben – wer sich diesem Marktzwang verweigere und viele verschiedene Produkte anbaue, sei gezwungen, die für ein Linsengericht zu verkaufen. Auch die Rote Rübe musste ihr Gemüse früher im eigenen Hofladen zeitweilig unterhalb der Produktionskosten verhökern. Mit dem System der Solidarischen Landwirtschaft könne das nicht mehr passieren. „Wer einmal damit angefangen hat“, sagt Harald Weinel deshalb, „der will nie wieder was anderes machen.“

     

    Wen der Hafer sticht. Die meisten Höfe, die Solidarische Landwirtschaft praktizieren, sind Familienbetriebe. „Wir sind fast die einzige Kommune, die das macht“, erklärt Gärtner Weinel – aber im Wendland gebe es noch mindestens eine weitere. SoLaWi, wie ihre Fans dazu sagen, wird inzwischen bundesweit von 23 Höfen praktiziert, Tendenz steigend; der älteste ist der seit 1988 auf diese Weise wirtschaftende Buschberghof nahe Hamburg. Das ist jedoch nichts im Vergleich zu Japan, wo das System der Teikei(Partnerschaftshöfe) inzwischen sogar ein Viertel aller Japaner versorgt.

     

    Auch in den USA gibt es inzwischen rund 2.500 Höfe, die dort community-supported agriculture (von der Gemeinschaft unterstützte Landwirtschaft) heißen. In Frankreich wiederum nennt man sie association pour la maintenance de l’agriculture – AMAP (Verbund zum Erhalt der Landwirtschaft). Angesichts des allgemeinen Hofsterbens fühlte sich der südfranzösische Zweig von attac im Jahr 2001 vom Hafer gestochen und gründete den ersten AMAP-Hof nahe Aubagne in der Provence. Ein 2004 ebenfalls in Aubagne ins Leben gerufenes internationales Netzwerk der Solidarhöfe lässt deren Zahl seitdem europaweit in die Höhe schnellen. 2011 entstand daraus in Deutschland das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft.

     

    Rumgurken I. „Auch wir machen das erst seit zwei Jahren“, sagt Harald Weinel. „Ehec-Plagen und anderes können uns nichts mehr anhaben. Und Nichtgenormtes, wie krumme Gurken, muss nicht mehr weggeschmissen werden.“ Anders als bei üblichen Abo-Kisten, in die auch „fremde“ Früchte gepackt würden, wenn die Kundschaft laut danach krähe, böten sie wirklich nur das an, was gerade auf dem Acker reif sei.

     

    Wie ein Storch im Salat. Salat, findet Harald Weinel, sei ein „schwieriges Produkt“, noch schwieriger als Gurken. Ständig gebe es zu viel oder zu wenig, und seine Frische welke schnell dahin. Der Vorteil der Solidarischen Landwirtschaft, fügt er schnell hinzu, sei aber auch, dass eine mögliche Überproduktion kollektiv und mit einem gewissen Spaßfaktor beseitigt werden kann: „Wir rufen schon mal dazu auf, gemeinsam Tomaten einzukochen oder Sauerkraut zu stampfen. Vor allem den Kindern macht das Gemantsche einen Heidenspaß.“

     

    Rumgurken II. Ungenormt wie die Gurken ist auch Weinels alternative Lebensgemeinschaft, die nach 25-jähriger Existenz in der Gemeinde Niederkaufungen akzeptiert und fest verankert ist. Der frühere Bürgermeister Günther Burghardt findet es „erfreulich“, dass die Bürger sähen, „es gibt noch was anderes als den Singverein und die Kneipe“. Die Kommune sorgt für Touristen aus dem In- und Ausland und hat zudem eine ganze Reihe von Jobs und Betrieben geschaffen: die von Bioland zertifizierte Ökogärtnerei der Roten Rübe nebst Hofladen, eine Obstmanufaktur, ein Planungsbüro für ökologisches Bauen, eine Schreinerei und Metallwerkstatt, die Kita Wühlmäuse, eine Tagespflege für Demenzkranke, ein Tagungshaus und eine Küche. Außerdem verfügt die Gemeinschaft über einen ganzen Fuhrpark von Elektrofahrzeugen vom E-Bike bis zum Lastenfahrzeug, mit denen man probeweise in der Gegend rumgurken kann. Holterdipolter auch über Wurzelwerk und abgeerntete Felder von roten Rüben.
    Ute Scheub
    26. April 2012

    www.kommune-niederkaufungen.de

    www.solidarische-landwirtschaft.org

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  • 240-isocal

    Heißes Eis

    Die Firma isocal hat eine Idee von Albert Einstein in die Praxis umgesetzt: Heizen mit Eis. Ein in der Erde vergrabener Behälter speichert Energie auf einem Temperaturniveau, bei dem keine Isolierung nötig ist.

    Eisheizung

    Die Firma isocal hat eine Idee von Albert Einstein in die Praxis umgesetzt: Heizen mit Eis. Ein in der Erde vergrabener Behälter speichert Energie auf einem Temperaturniveau, bei dem keine Isolierung nötig ist.

    Heizen mit Eis: Für den Laien klingt das genauso unglaublich wie die Schokoladendiät. Doch es geht tatsächlich, wie Alexander von Rohr vor einigen Jahren zunächst mit Hilfe eines schlichten Zinkeimers herausfand. Inzwischen haben deutschlandweit 180 Einfamilienhäuser einen Eisspeicher im Garten, und sogar ganze Siedlungen mit mehreren Hundert Wohnungen beziehen ihre Wärme vollständig aus gefrorenem Wasser. Damit sparen sie auf längere Sicht nicht nur die Hälfte ihrer Heizkosten. Die Technik ist auch völlig ungefährlich und überaus klimafreundlich.

     

    Das physikalische Prinzip ist altbekannt, und kein Geringerer als Albert Einstein meldete darauf bereits 1930 ein Patent an. Eine Kopie seines Antrags hängt bei der kleinen Firma isocal in Friedrichshafen im Konferenzraum. „Allerdings hat es sich bis vor 20 Jahren nicht gelohnt, die Technik zu nutzen, weil Öl und Gas noch zu billig waren“, erläutert Maschinenbauingenieur Heiko Lüdemann, der zusammen mit seinem Berufskollegen Alexander von Rohr das 18-Personen-Unternehmen leitet.

     

    „Wenn man Wärme erzeugt, entsteht Kälte – und umgekehrt. Energie kann ja nie verbraucht, sondern nur gewandelt werden“, benennt Lüdemann das physikalische Gesetz, das auch jedem Mittelstufenschüler bekannt sein sollte. Konkret geht die Sache so: Kristallisiert Wasser bei null Grad, wird dabei so viel Energie freigesetzt, wie nötig ist, um die gleiche Menge Wasser auf 80 Grad zu erhitzen. Natürlich kann man die beim Gefrieren entweichende Energie nicht unmittelbar zum Heizen einsetzen. Vielmehr nutzt isocal dafür zwei weitere physikalische Gesetze: Temperaturen in benachbarten Räumen gleichen sich aus. Und einige Substanzen verdampfen bei Minustemperaturen zu Gas und dehnen sich dabei aus.

     

    Legt man nun ein mit einer sehr kalten Flüssigkeit gefülltes Rohr in einen Wasserbottich, so gefriert das Wasser rundherum – erstes Gesetz. Zugleich verwandelt sich die Flüssigkeit im Schlauch in Gas – zweites Gesetz – und treibt durch die Ausdehnung eine Pumpe an. Der Druck erwärmt die Pumpe, und mit dieser wird dann das Haus geheizt.

     

    Weil im Erdreich auch im Winter Temperaturen von sechs bis acht Grad herrschen, schmilzt ein Teil des so produzierten Eises immer wieder. Auch der mit der Speicherapparatur zusammenarbeitende Solarkollektor auf dem Dach unterstützt das Tauen, sofern nicht im Haus warmes Wasser zum Duschen gebraucht wird. Die Erwärmung des Wassers im Eisspeicher führt dazu, dass sich die Kühlflüssigkeit im Rohr wieder stärker ausdehnt, die Pumpe Wärme abgibt – und so kann es immer weitergehen, bis der Winter zu Ende ist. „Man könnte natürlich auch von der Sonne erhitztes Wasser speichern und damit heizen. Aber dann bräuchte man eine extrem gute – und teure – Isolierung“, erläutert Lüdemann und ergänzt: „Wir speichern auf dem Temperaturniveau, auf dem es am billigsten ist.“

     

    Rund 14.000 Euro kostet ein 10.000-Liter-Speicher für ein Einfamilienhaus; hinzu kommen noch etwa 20.000 Euro für Anschlüsse, Wärmepumpe, die Rohre in den Fußböden und die Arbeitsstunden der Handwerker. Aufgrund der hohen Energiemenge, die bei der Verwandlung von Wasser zu Eis frei wird, ist die Ausbeute aber beachtlich: Ein 10.000-Liter-Speicher reicht aus, um in unseren Breitengraden in einem Einfamilienhaus komplett auf eine andere Heizung zu verzichten. Dabei ist das Eis zunächst eine Art Abfallprodukt. Im Sommer dann lässt es sich aber bestens zum Kühlen nutzen.

     

    Das dahinterstehende Wissen ist alles andere als neu. Was andere Firmen aber bisher davon abschreckte, die Technik einzusetzen, ist die immense Sprengkraft von Eis. Jeder, der je eine Flasche Wasser oder Bier auf dem eisigen Balkon oder in der Kühltruhe vergessen hat, kennt das Problem: Der Behälter platzt. Und genau für dieses Problem hat Alexander von Rohr, der früher als Entwickler in einem Heizungsbaubetrieb gearbeitet hat, eine schlaue Lösung gefunden. Während der Vereisungsprozess natürlicherweise von außen nach innen und von oben nach unten abläuft, sorgt seine Rohrkonstruktion dafür, dass bei den isocal-Speichern das Eis von unten nach oben und von innen nach außen entsteht.

     

    Erstmals ausprobiert hat von Rohr das im Jahr 2004 in dem besagten Zinkeimer. Quer zum Boden schweißte er auf halber Höhe eine Leitung ein, füllte den Eimer mit Wasser und jagte minus 18 Grad kaltes Frostschutzmittel durch das Rohr. Die Eisschicht begann um die Mittelstrebe herum zu wachsen, die Außenwand des Eimers wurde nicht belastet.

     

    Genauso funktioniert die Eisheizung heute auch im Großen: Die spiralförmigen Plastikrohre befinden sich in der Mitte und im unteren Teil des Behälters. Weil die Betonwände keinerlei mechanischer Belastung ausgesetzt sind, bescheinigt Lüdemann den Speichern eine Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren. Das Ganze ist außerdem so gut wie wartungsfrei. Und sollte es trotzdem mal zu einem Leck kommen, ist das für die Umwelt völlig ungefährlich: Schließlich befindet sich im Speicher ja nichts anderes als Wasser.

     

    Theoretisch kann die Heizungsanlage deshalb auch im Sommer als Zisterne für den Garten genutzt werden. Allerdings solle man nicht vergessen, im Herbst wieder Wasser einzufüllen, sonst werde es im Winter ungemütlich, warnt Lüdemann. Zugleich gehen seine Überlegungen auch in eine andere Richtung. Man könnte die Konstruktion ja auch zur stromfreien Produktion von Kälte nutzen – zum Beispiel für die Fußballstadien bei der Weltmeisterschaft in Katar.

    Annette Jensen
    19. April 2012
    www.isocal.de

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  • 238-theater-am-rand

    Rand-Erscheinung

    Das Theater am Rand im Oderbruch serviert Kostbarkeiten – Theater, Musik, Kino, Landbrote, Umweltdebatten. Statt Eintritt zahlt man Austritt. Der Musiker Tobias Morgenstern hat das nachhaltige Gesamtkunstwerk in „vorauseilendem Ungehorsam“ aufgebaut.

    Variationen in Stur und Moll

    Das Theater am Rand im Oderbruch serviert Kostbarkeiten – Theater, Musik, Kino, Landbrote, Umweltdebatten. Statt Eintritt zahlt man Austritt. Der Musiker Tobias Morgenstern hat das nachhaltige Gesamtkunstwerk in „vorauseilendem Ungehorsam“ aufgebaut.

    Die Landschaft des Oderbruchs: wild, menschenleer, feuchtneblig. Der Himmel spannt sich so weit, dass Sehnsucht aufkommt. Nach was? Keine Ahnung. Mittendrin taucht etwas auf wie ein Fluchtpunkt. Ein Treffpunkt für Visionäre und Verrückte. Ein einladendes Kraftzentrum. Ein Theater, gebaut aus mannsdicken Eichenstämmen, ganz am Rande von Raum und Zeit – fast direkt an die Oder geschmiegt, unmittelbar an der polnischen Grenze im brandenburgischen Örtchen Zollbrücke, dessen Brücke schon lange nicht mehr existiert.

     

    Dafür schlägt nun das Theater eine Brücke: zwischen Kultur und Natur, Landwirtschaft und Landschaft, Städtern aus dem nahen Berlin und dem Landvolk des feuchten Oderbruch. „Randthemen“ sind seine Spezialität, und nicht nur die präsentiert es so überzeugend, dass es ein Wunder vollbringt: In einem 19-Seelen-Ort sind seine 200 Plätze fast immer ausgebucht.

     

    Verantwortlich für diese wundersame Marginalie, in der die hektische Moderne zum Stillstand kommt, sind die Betreiber: der Musiker Tobias Morgenstern und der Schauspieler Thomas Rühmann. Die von Anthroposophie, Musik und Rhythmik beeinflusste Architektur der krummen Hölzer und schiefen Winkel formt sich zu zwei Bühnen, eine überdacht und eine open air mit Blick auf kreisende Seeadler und stolzierende Störche. Auf Permakulturbeeten rund ums Theater wächst roter Amaranth. Ein großes gelbes X, dem anti-atomaren Widerstandssymbol im Wendland nachempfunden, warnt den Energiekonzern Vattenfall davor, sich mit der Verpressung von Kohlendioxid in den Untergrund (CCS) den Zorn der Leute zuzuziehen. Auf den Toiletten dürfen sich Besucher ein paar Cent von einem Tellerchen nehmen – für die Zurücklassung „wertvoller Inhaltsstoffe“, die zur fruchtbaren Schwarzerde Terra Preta verarbeitet werden. Eintritt bezahlt hier auch niemand, nur Austritt am Ende des Abends – zu einem selbstgewählten Betrag. Das Ganze ist ein Gesamtkunstwerk der Nachhaltigkeit, dem seine Erbauer sichtlich Zeit ließen, organisch zu wachsen.

     

    Einen Rückzugsraum am Rande der Zeit hatte er gesucht, der 1960 in Dresden geborene Tobias Morgenstern, als er Mitte der 1980er-Jahre das Fachwerkhaus nebenan bezog. Damals brauchte er einen stillen Ort zum Komponieren und Musizieren, wo er nur Vögel und Frösche hörte und den ewigen Wind. Aufgewachsen in einer musischen Familie, spielt er Akkordeon, seit er denken kann, besuchte ab seinem sechsten Lebensjahr eine Musikschule und studierte die Kunst der Klänge in Weimar. Vier Jahre lang machte der ebenso unangepasste wie vielseitige Morgenstern im Erich-Weinert-Ensemble der DDR-Armee einen auf braven Soldat Schwejk, nebenbei komponierte er Lieder, Ballettmusik, Chorstücke. 1987 gründete er die Musikgruppe L’art de passage, stilistisch irgendwo zwischen Tango, Jazz und Latin gelegen, und brachte damit die erste World Music in die miefige kleine DDR.

     

    „Sehnsucht nach Veränderung“ hieß eine ihrer Langspielplatten, ein politisch programmatischer Titel, der rund 30.000 mal verkauft wurde. Der 52-jährige Morgenstern hat bis heute insgesamt etwa 60 CDs produziert – auch zusammen mit Schauspielern und Musikern von Barbara Thalheimer bis Rio Reiser. Aber l’art pour l’art war nie seine Sache; immer schon beschäftigten ihn die großen Zusammenhänge, die Politik, die Natur, die Kommunikation des Menschen mit seiner Landschaft.

     

    In der Großstadt rennt die Zeit davon, hier am Rande des Grenzflusses scheint sie zu stocken. Die Landschaft lädt ein zum Hören, Sehen, dazu, die frische Luft zu fühlen, der Geschichte nachzuspüren. Wohl nicht zufällig war es anlässlich einer Lesung von Sten Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit im Berliner Maxim Gorki Theater, dass Morgenstern 1997 den vier Jahre älteren Schauspieler Thomas Rühmann kennenlernte. Der fragte, ob sie zusammen Das grüne Akkordeon von E. Annie Proulx inszenieren könnten, die Geschichte eines Akkordeons, das sich durch ein ganzes Jahrhundert spielt. Sie führten das Stück in Zollbrücke auf, nur vor Freunden, im Wohnzimmer von Morgenstern, das aus den Nähten platzte. Immer mehr kamen, der Musiker meißelte eine Wand heraus, aber der Platz reichte immer noch nicht.

     

    Also entstand das Theater – zufällig, wie nebenher. „Es hat mir Spaß gemacht, ein Gelände zu entwerfen, Räume zu entwickeln“, sagt der Improvisationskünstler Morgenstern, dem ein wohlwollendes Bauamt seine „im vorauseilenden Ungehorsam“ entworfenen Gebäude noch im Nachhinein genehmigte. In den neuen Räumen wiederum formten sich neue Stücke. Seide zum Beispiel, das die Reise eines Seidenraupenhändlers bis ans Ende der Welt erzählt. Auch Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit, die szenisch-musikalisch inszenierte Geschichte des Nordpolfahrers John Franklin, der anders denkt, sieht und handelt als der Mainstream, gehört zum festen Repertoire des Hauses. „Die langsame Arbeit ist die wichtigere“, gibt sich Morgenstern überzeugt.

     

    Überhaupt lässt man den Mainstream hier gern vorbeiziehen und widmet sich stattdessen den Randthemen. Dazu organisiert die Mitarbeiterin Juliane Scheel eine Veranstaltungsreihe: Windenergie. Hochwasserschutz. Amaranth-Anbau. Landwirtschaft ohne Gentechnik. Die weite Welt der Subsistenz. Geld – Wurzel allen Übels. Lebensmittellügen. Terra Preta. Viele hochkarätige Vortragende waren schon hier, brachten neues Wissen und viele Gäste mit.

     

    Wenn eine Veranstaltung steigt, sind die Schlafplätze in den umliegenden Gasthäusern belegt, und auch deshalb ist das Theater bei der hiesigen Randbevölkerung beliebt. Die Gemeinde beteiligte sich an der Gestaltung der Außenanlagen, der Ziegenwirt von nebenan verkauft seinen Käse an die Gäste, und eine Frau, die sich extra zur Bäckerin umschulen ließ, verkauft nunmehr aus dem Holzbackofen bei jeder Vorstellung rund 50 schwere dunkle Brote.

     

    Das Erfolgsgeheimnis des Theaters besteht wohl darin, dass hier pure Spielfreude am Werke ist. Von dem halben Dutzend Mitarbeitenden hat keiner jemals auf Gewinne spekuliert. Der Komponist, Produzent, Intendant und Bauherr Tobias Morgenstern kann von seiner Musik leben, der Schauspieler Thomas Rühmann von der seit 1998 laufenden ARD-Serie In aller Freundschaft, in der er einen Chefarzt spielt. Morgenstern steht dem Kapitalismus mit seinem Profitwahn genauso fern wie dem autoritären Staatssozialismus der DDR. Die Fieberkurve der Börse hat er auf ein Notenblatt gelegt und daraus ein in wilden Zacken verlaufendes Stück komponiert. Als Alternative sieht er das zinslose Regiogeld, ihm hat er ein Sonett gewidmet.

     

    Zeit ist Geld? Nicht hier, nicht in diesem randständigen Örtchen, das in seinen utopisch anmutenden Entwürfen der Zukunft der Menschheit womöglich näher ist als jede Großstadt. 

    Ute Scheub
    19. April 2012
    www.theateramrand.de

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  • 236-toiletten-hamburg

    Innere Werte

    Die Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof werden in Kreislaufwirtschaft betrieben. In einem weltweit einmaligen System produzieren sie Dünger und fruchtbare Schwarzerde.

    Humus aus dem Hauptbahnhof

    Die Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof werden in Kreislaufwirtschaft betrieben. In einem weltweit einmaligen System produzieren sie Dünger und fruchtbare Schwarzerde.

    Der Hamburger Bevölkerung ist vermutlich noch nicht klar, über welche inneren Werte sie verfügt. Hygienisiert, gelagert und kompostiert wird ein Teil ihrer Verdauungsprodukte zu geruchsfreiem Humus der besten Sorte. Unter der Obhut von Peter-Nils Grönwall, dem für Gewässerschutz zuständigen Beamten der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, werden damit Friedhofsanlagen, öffentliche Parks und Kleingärten gedüngt. Ein Teil der in diesen Grüngebieten wachsenden Sträucher wird später zu Energieholz verarbeitet und kann Strom, Wärme und Biokohle produzieren.

     

    Der Ort, wo dieses weltweit einmalige urbane Kreislaufsystem seinen Ausgang nimmt, ist denkbar unscheinbar: die öffentlichen Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof. „Wenn Klugscheißer fliegen könnten, wäre das hier ein einziger Flughafen“, steht auf einem Schild neben dem Platz, wo die Toilettenfrau aufpasst. Wenn sie Besuch von Peter-Nils Grönwall bekommt, der die Anlage konzipiert hat, spendiert sie ihm einen Kaffee. Das Personal der öffentlichen Örtchen in der Hansestadt ist dem sozial denkenden Umweltfachmann dankbar. Der 63-jährige Ökonom und Soziologe hat für den Erhalt der Arbeitsplätze der Sanitärbediensteten gesorgt – und für die Erhöhung ihres Ansehens. Immer öfter inspizieren Wissenschaftler und Journalistinnen die abschnittsweise gläsernen Abwasserrohre der Hamburger Unterwelt.

     

    Nichts daran ist eklig, alles erscheint erstaunlich sauber. Das liegt an dem raffinierten Trennungssystem, das die Ausscheidungen für die Weiterverarbeitung vorbereitet. Männer pinkeln in wasserlose Urinale; bei ihnen kann Flüssiges und Festes getrennt und in Kellertanks gesammelt werden. Bei Frauen ist die Trennung nicht möglich, aber die installierten GreenGain-Toiletten reduzieren die Abwassermenge pro Spülung um zweieinhalb Liter. Zusätzlich sorgen mikrobiologisch arbeitende Filter im Keller für eine fast vollständige Trennung der Stoffströme aus den Damenklos. Aufbereiteter Urin sei ein äußerst wertvoller Dünger, erläutert Grönwall, enthalte er doch neben wichtigen Spurenelementen jede Menge Stickstoff und Phosphor – letzteres ein für die Welternährung unverzichtbares Element, das global gesehen immer knapper wird.

     

    Den im Untergrund des Bahnhofs ankommenden Kot vermischt die Anlage automatisch mit Pflanzenkohle und fermentiert sie mit Effektiven Mikroorganismen. Die begleitende Forschung des Harburger TU-Professors Ralf Otterpohl und der Leipziger Professorin Monika Krüger hat ergeben, dass beide Stoffe zusammen für die zuverlässige geruchsfreie Hygienisierung und Abtötung schädlicher Keime sorgen. Nach dieser Mischprozedur auf den Kompost gegeben, wird Humanabfall wieder zu Humus respektive zu der äußerst fruchtbaren Schwarzerde Terra Preta. Dass „Humus“ und „human“ eine gemeinsame Sprachwurzel haben, dass die Menschwerdung ohne fruchtbaren Boden nicht hätte gelingen können, darauf hat schon der Künstler Friedensreich Hundertwasser in seinem Gedicht „Die heilige Scheiße“ hingewiesen.

     

    Dabei macht sich die Anlage im Hamburger Untergrund noch auf andere Weise um die Fruchtbarkeit verdient: Sie filtert medikamentöse Wirkstoffe und Antibabypillen-Hormone aus den menschlichen Ausscheidungen heraus – ganz im Gegensatz zu konventionellen Kläranlagen. Das von herkömmlichen Anlagen gereinigte Abwasser Hamburgs fließt über die Elbe in die Nordsee, mitsamt Nährstoffeinträgen, abgelagerten Medikamentenrückständen und Hormonen. Dadurch kommt es zu Anreicherungen im Gewässer – und zu Schaum- und Algenbildung. Solche Schadstoffe können Fische und Muscheln verweiblichen. Werden diese von Menschen gegessen, schließt sich ein anderer, ein unfreiwilliger hormoneller Kreislauf: Männer werden tendenziell unfruchtbar.

     

    Seit Grönwall in den 1990er-Jahren den Betrieb der knapp 200 öffentlichen Toiletten der Hansestadt übernahm, „in versifftem Zustand“, wie er sagt, räumt er mit solchen Problemen auf. Zwar sind Humusproduktion und Filtertechnik noch den öffentlichen Toiletten am Hauptbahnhof vorbehalten, jedoch wurden sämtliche städtische Toiletten, vom noblen Jungfernstieg bis zu den Hamburger Badeseen, auf das ebenso saubere wie wassersparende GreenGain-System umgerüstet. Einige arbeiten zusätzlich mit Solarpumpen.

     

    In den Toiletten am Hauptbahnhof hinterlassen jährlich rund 200.000 Menschen ihre Nährstoffe. Grönwalls Anlage spart dort nicht nur Lebensmittel – das zum Wegspülen missbrauchte Trinkwasser –, sondern auch jede Menge Material. Die Rohre sind dünner, es gibt darin keine Ablagerungen und deshalb kaum Wartungskosten. In der gesamten Hansestadt haben die Bemühungen des engagierten Umweltschützers Grönwall das Geld für Wasser, Strom, Rohre und Entsorgung von vorher jährlich drei Millionen Euro auf heute 631.000 Euro reduziert – eine Einsparung von rund vier Fünftel der Kosten. Und weil das neue System auch noch sauberer funktioniert und einen hygienischeren Eindruck hinterlässt als das alte, sind zudem die Kosten für Reparaturen aufgrund von Vandalismus und Zerstörungen zurückgegangen.

     

    Dennoch hat Peter-Nils Grönwall, der über die Anti-Atomkraft-Bewegung zur Ökologie kam und seit 25 Jahren in der Umweltbehörde arbeitet, immer noch mit Widerständen und Vorurteilen zu kämpfen – vor allem seitens der Stadtplaner. „Die wollen die Anlagen immer irgendwo verstecken. Aber Menschen sollten zu Toiletten gehen können“, lächelt der Grauhaarige hinter seiner Brille. Längerfristig möchte der Umweltschützer sämtliche 200 städtischen Sanitäranlagen zu Humusproduzenten machen und damit eine neue urbane Kreislaufwirtschaft aufbauen. Deshalb redet er auch nie von Kot, sondern von Wertstoffen und Nährstoffen, die nicht in der Kanalisation verloren gehen dürften. Und die Toilettenfrau im Hamburger Bahnhof weiß vermutlich, warum sie den Spruch von den Klugscheißern angebracht hat. Sich dort hinzuhocken heißt: klug zu scheißen.

    Ute Scheub
    12. April 2012
    www.hamburg.de/bsu

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  • 237-halbzeitvegetarier

    Zweitakter

    Gleichgesinnte schließen sich auf der Internetplattform Halbzeitvegetarier zusammen, um weniger Fleisch zu essen. Die Initiatorin Katharina Rimpler sieht in dieser Methode einen sanften Weg, Alltagsgewohnheiten zu verändern.

    Zusammen isst man weniger allein

    Gleichgesinnte schließen sich auf der Internetplattform Halbzeitvegetarier zusammen, um weniger Fleisch zu essen. Die Initiatorin Katharina Rimpler sieht in dieser Methode einen sanften Weg, Alltagsgewohnheiten zu verändern.

    Es war Lev Tolstoi, der sagte, der Mensch müsse die fleischhaltige Ernährung aufgeben, um den Sinn des Lebens zu finden und sich weiterentwickeln zu können. In der Kreuzersonate schreibt er: Wenn der Mensch einen moralischen Weg suche, so wäre das erste, worauf er verzichten müsse, das Fleisch. Neben einer Aufregung der Leidenschaften, die durch diese Nahrung verursacht werde, sei das Fleischessen an sich unsittlich, weil es die Tat des Mordens erfordere. Tolstois Feldzug gegen das Fleisch machte auch vor seiner eigenen Familie nicht Halt: Als ihn eines Tages seine Tante, eine überzeugte Fleischesserin, besuchte, servierte Tolstoi  ihr einen Truthahn, den er lebendig auf den Teller gebunden hatte, mit den Worten: „Umbringen musst du ihn schon selber, wir haben es nicht übers Herz bringen können“. Ganz klar: Der radikal denkende und handelnde Tolstoi hätte Menschen, die nur hin und wieder oder an nur einem Tag in der Woche auf Fleisch verzichten, als fadenscheinig und inkonsequent beschrieben.

     

    Die gesellschaftskritischen Überzeugungen Tolstois in punkto Fleischkonsum würde die 159 Jahre jüngere und heute 25 Jahre alte Katharina Rimpler vielleicht teilen – die fundamentalistische „Methode Truthahn“ kann sie allerdings nicht gutheißen. Rimpler hat mit ihrer 2011 in Betrieb genommenen Internetplattform Halbzeitvegetarier eine barmherzige und sanfte Art entwickelt, weniger Fleisch zu konsumieren. Als chronisch finanziell klamme Studentin der Kulturwissenschaften schrieb sie einen EU-Antrag, und ihr Konzept, dass „zwei halbe Vegetarier auch ein ganzer“ sind, überzeugte. Mit dem Geld aus dem europäischen Programm JUGEND in Aktion und mit der Unterstützung eines befreundeten Webdesigners konnte es an die Realisation gehen.

     

    Ihr Internetforum ist für diejenigen gemacht, die zwar darüber nachdenken, sich vegetarisch zu ernähren, das aber bisher noch nicht in die Tat umgesetzt haben. „Zu zweit ist man weniger allein“, und zu zweit ist es einfacher, selbstgesteckte Ziele zu erreichen. „Man kennt das auch aus anderen Situationen: Wenn man sich zum Joggen mit anderen verabredet, geht man eine soziale Bindung ein, das macht es freudvoller, sich zu überwinden und durchzuhalten, und es macht es schwieriger, Vereinbarungen zu brechen“, erläutert Rimpler das Tandemprinzip ihrer Halbzeitvegetarier. Dort schließen sich Paare, Freunde und Familienmitglieder oder auch völlig Fremde zusammen, um sich ohne externe Vorgaben zu verpflichten, ihren Fleischkonsum zu halbieren und den Fleischverzicht auszuprobieren. Die Tandempartner begeben sich in ein Selbstexperiment, motivieren sich gegenseitig und tauschen sich aus.

     

    Katharina Rimpler macht – ganz nebenbei und von Berufs wegen – ein paar kulturwissenschaftliche Beobachtungen: „Männer werden zunächst von ihren Tandempartnerinnen überredet, bemerken dann aber schnell die Vorzüge der vegetarischen Kost, und es fällt ihnen auf, dass ein vegetarisch kochender Mann durchaus sexy sein kann.“ Die andere Hälfte der Halbzeitvegetarier – also die personelle Hälfte, die an manchen Tagen noch (!) immer Fleisch verzehrt –, tut das dann bewusster und konsumiert weniger wahllos: „Wenn die sogenannten Flexitarier dann hin und wieder Fleisch essen, so verzichten sie auf Rindfleisch und achten darauf, dass das Fleisch in biologischer Landwirtschaft erzeugt wurde“, freut sich Rimpler auch über diese Halb-Erfolge.

     

    Um die Wahrheit, dass Massentierhaltung ungerecht, ungesund und unökologisch ist, kommt man selbst bei den einst farbenprächtigen Truthähnen nicht herum. Das bunte Federvieh aus Tolstois Zeiten ist heute zur bewegungsunfähigen weißen Mega-Pute der Massentierhaltung mutiert. Auf engsten Raum zusammengepfercht, verstümmelt und verletzt, mit Antibiotika vollgestopft, in gigantischen und hochtechnisierten Anlagen werden die Tiere erst gemästet und am Ende per Elektroschock im Wasserbad getötet. Wog der Truthahn im Hause Tolstois ungefähr elf Kilogramm, so kommt ein Mastvieh in der Gegenwart auf das Doppelte.

     

    Eine „dumme Pute“ ist dabei heute eigentlich keiner mehr; alle sind gut informiert und kennen die Folgen unseres Fleischkonsums. Dennoch: Fast 50 Prozent der Männer und rund 18 Prozent der Frauen essen täglich Fleisch. Kommt also erst das Fressen, dann das Gewissen und die Moral? Nur geschätzte 7 Prozent der Deutschen ernähren sich fleischlos, sind also vom Wissen zu einer veränderten Alltagspraxis gelangt.

     

    Hard-Liner des Vegetarismus und Veganer aber sehen in Rimplers Halbzeitvegetarier keine willkommene Unterstützung ihrer Bewegung, sondern kritisieren die Idee und greifen die junge Studentin öffentlich an. „Ich habe viel gelernt darüber, wie man eine Idee umsetzt, wie man sie öffentlich präsentiert, aber ich musste auch lernen, dass es Leute gibt, die einen anfechten, weil sie in den Halbzeitvegetariern eine Verweichlichung des Vegetarismus sehen“, erklärt Rimpler.

     

    Die Kulturwissenschaftlerin selbst ist keine moralisierende Tolstoianerin und lebt auch nicht wie eine Asketin. Wenn sie bald zwei Jahre für die gemeinnützige Bildungsinitiative Teach First tätig sein wird, will sie bereits Kinder und Jugendliche mit ihrer Idee anstecken und sie vielleicht zu angehenden Halbzeitvegetariern machen. Denn: „Das Wissen ist nicht das Wichtigste“, sagt Katharina Rimpler, „Erziehung, Rituale und Traditionen, Gewohnheiten und eingefahrene Denkmuster wirken viel stärker.“ Ein vegetarisches Weihnachtsessen in Deutschland oder Thanksgiving ohne Truthahn in den USA – an diesem Tag werden allein 46 Millionen dieser Tiere in die Röhre geschoben – scheint für viele undenkbar. Ebenso ranken sich viele Kindheitserinnerungen lebenslang um das Thema Fleisch; Schnitzel, Rouladen, Sauerbraten, Kassler und Königsberger Klopse bleiben trotz vegetarischer Alternativen die Lieblingsgerichte der Deutschen. Insbesondere die ältere Generation glaubt an die Kraft und Wirkung von Fleisch, das sei das wertvollste Lebensmittel, mache stark und widerstandskräftig.

     

    „Der Frühling ist die Zeit der Pläne, der Vorsätze“, sagte Lev Tolstoi. Vielleicht nehmen sich auch in diesem Frühling 2012 einige Menschen vor, den Truthahn von ihrem Teller loszubinden: Free the turkey!

    Dana Giesecke
    12. April 2012
    www.halbzeitvegetarier.de

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  • 231-initiative-moeckernkiez

    Kiezlebauer

    Die Initiative Möckernkiez baut in Berlin-Kreuzberg ein ganzes Stadtviertel für 1.000 Menschen – transkulturell, generationen-übergreifend und mit geringem ökologischen Fußabdruck. Miteinziehen wird die Nachhaltigkeitsforscherin Hildegard Kurt.

    Gemeinschaftsinnig und rückzugsoffen

    Die Initiative Möckernkiez baut in Berlin-Kreuzberg ein ganzes Stadtviertel für 1.000 Menschen – transkulturell, generationen-übergreifend und mit geringem ökologischen Fußabdruck. Miteinziehen wird die Nachhaltigkeitsforscherin Hildegard Kurt.

    Mitten in Berlin entsteht ein drei Hektar großes neues Stadtviertel. Mit 400 Wohnungen für 1.000 Menschen, mit zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen, Kiezküche, Gewerbe und Hotel ist es das größte bundesweite Projekt dieser Art. Am südlichen Rand des Bürgerparks Gleisdreieck, wo früher Züge über Schotterflächen rollten, grüßen sich heute die Stadtteile Kreuzberg und Schöneberg an einer überwucherten Brache. Nun wird das alte Schienendreieck durch ein neues Wertedreieck ersetzt: Ökosozial, interkulturell und generationenübergreifend soll das Leben hier werden. Die Planungen der Initiative Möckernkiez sind weit fortgeschritten. Im Herbst 2012 ist Baubeginn, bis Mitte 2014 werden – Achtung, Futur zwei! – alle eingezogen sein, auch Hildegard Kurt.

     

    Ein Kalenderspruch von Greenpeace, „Stepping lightly into the earth“, wurde für die promovierte Kulturwissenschaftlerin und Nachhaltigkeitsforscherin zum Handlungsmotto. Sie hat ihr letztes Buch danach benannt: Leicht auftreten – Unterwegs zu einer anderen Welt. „Leicht auftreten“ steht dabei für einen geringen ökologischen Fußabdruck, eine fragende Grundhaltung und eine elastische Widerstandsfähigkeit gegen Krisen, auch Resilienz genannt. Und weil die 54-jährige Autorin diese Einstellungen bei der Möckernkiez Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen verwirklicht sah, entschloss sie sich noch während des Buchschreibens, dort mitzumachen. Mit dieser Gesinnung, und mit ihrem Alter, ist sie durchaus typisch für die Mehrheit der Möckernkiez-Genossen.

     

    Von ihrem zukünftigen Zuhause erzählt Hildegard Kurt in den Räumen des und. Institutes, das sie leitet. Sie strahlt vor Vorfreude – eine Frau wie in Aquarell gemalt, mit hellen Augen, hellen Haaren und hellem Lachen. Das Institut, getragen von einem Verein und maßgeblich vertreten durch die Mitgründerin Hildegard Kurt, will Zukunftsfähigkeit mit Kunst und Kultur verbinden, deshalb der Name. Dafür widmet sich das und. Institut Kulturprojekten, Symposien und sozialen Plastiken. Dem Mädchen Hildegard wurde das ökologische Denken wohl schon in die Wiege gelegt, wuchs es doch auf einem kinderreichen Bauernhof in einem rheinland-pfälzischen Dorf auf. „Vom Wesen her Bäuerin und Künstlerin“, zäh, ausdauernd und lebendig, beschreibt Kurt sich selbst.

     

    An der Seite ihres inzwischen verstorbenen Mannes, des türkischen Dichters Kemal Kurt, lebte sie jahrelang als freischaffende Übersetzerin. Bis zum Erdgipfel von Rio 1992. „Zum ersten Mal wurden Entwicklung und Umwelt zusammengedacht. Mir war, als würde sich ein Fenster auftun in eine Gesellschaft, die nicht mehr ideologisch und nicht mehr konsumistisch ist. Alles ist möglich – bitte anschnallen!“ Auf die Aufbruchsstimmung folgte die Enttäuschung. „Aber dann fing ich an zu forschen: Wie ist die Konsumkultur zu überwinden? Wie können wir leicht auftreten?“

     

    Die Initiatoren des Möckernkiezes gingen derweil einen ähnlichen Weg. Ulrich Haneke, SPD-Urgestein aus Kreuzberg, verteilte 2007 auf einem Bürgerfest einen Aufruf zur Gründung einer Baugenossenschaft, damit die „Ureinwohner“ nicht durch zahlungskräftigere Zugezogene vertrieben würden. Das Flugblatt gelangte unter anderem in die Hände der Politikwissenschaftlerin Aino Simon. Sie träumte zusammen mit ihrem Mann schon länger davon, ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, also ebenfalls „leicht aufzutreten“. Sie träumte auch von barrierefreiem Gemeinschaftswohnen mit ihrer im Rollstuhl sitzenden Mutter und einem Gemeinschaftsspielplatz für ihre kleine Tochter. Der alte Sozialdemokrat und die junge Mutter trafen sich und wurden zum Erfolgsgespann des Projektes.

     

    Haneke und Simon sitzen zusammen im Vorstand der Genossenschaft und des Vereins Möckernkiez, welcher die Kiezbewohner mit Kultur und Veranstaltungen versorgt. Vier Jahre lang arbeiteten beide ehrenamtlich, nunmehr beziehen sie jeweils ein kleines Gehalt von der Genossenschaft, die voraussichtlich stolze 90 Millionen Euro für die Realisierung des Projekts ausgeben wird. Größere und kleinere Wohnungen sollen es werden, keine Hochhäuser oder Betonklötze.

     

    Jedes Genossenschaftsmitglied müsse für 30 Prozent der Wohnungskosten aufkommen, die anderen 70 Prozent finanziere ein Bankenkonsortium, erklärt die zukünftige Bewohnerin Hildegard Kurt. Für eine 50 Quadratmeter große Wohnung sind das rund 30.000 Euro Eigenanteil. Eine beachtliche Summe. Ist das noch „leichtes Auftreten“? Die Kulturwissenschaftlerin hat selbst Zweifel, denn Kreuzberger Sozialleistungsempfänger könnten das nie bezahlen. Andererseits: „Die Genossen, die hier mitmachen, sind auch keine Reichen“, sagt sie. Bei den Mitgliederversammlungen herrsche die Stimmung: Das schaffen wir! Die hohen Kosten würden ja nicht durch Luxusansprüche, sondern durch hohe ökosoziale Standards verursacht. Kurt erzählt mit leuchtenden Augen, wie der Solararchitekt Rolf Disch, einer der fünf Architekten des Areals, bei einer Versammlung aufgestanden sei und verkündet habe: Mit Plusenergiehäusern könne man sofort anfangen, und auf die Politik und ihre Energiewende solle man bloß nicht warten!

     

    „Wir sind keine Schöner-Wohnen-Initiative, sondern eine Initiative Besser-Miteinander-Leben. Niemand wird an diesem Projekt verdienen“, sagt auch die 32-jährige Aino Simon. Die Generationen könnten sich gegenseitig helfen. Auch die Kulturen? „Da sind wir noch nicht zufrieden“, gibt sie zu, die Zahl der Migranten entspreche bei weitem nicht dem Kreuzberger Durchschnitt, die deutsche Mittelschicht überwiege. Sie habe sich persönlich sehr um türkische Mitglieder bemüht, aber viele täten sich mit dem Genossenschaftsmodell schwer und wollten lieber Eigentumswohnungen kaufen.

     

    Gärten wird es auch geben, natürlich, und Hildegard Kurt freut sich schon darauf. Vorher müssen innerhalb der Genossenschaft noch einige „spannende“ Dinge geklärt werden, und auch diesem Prozess sieht die Kulturwissenschaftlerin neugierig entgegen: Schaffen die Genossinnen und Genossen es, sich durch Solardächer und Blockheizkraftwerk von steigenden Energiekosten abzukoppeln? Wer bekommt die helleren Wohnungen, wer die dunkleren oder lauteren? Soll es einen gemeinschaftlichen Waschsalon geben? Soll das ganze Viertel strikt autofrei bleiben, oder gelten Ausnahmen für Rollstuhlfahrende? Und überhaupt, wie viel Abweichung und Andersartigkeit muss erlaubt sein? „Das ganze Projekt muss gemeinschaftsinnig und rückzugsoffen bleiben“, auf diese schöne Formel hätten sich die Mitglieder auf einem Workshop verständigt, berichtet Vorständlerin Aino Simon.

     

    Ihr Mann Nils Simon wiederum brachte bei einer der Versammlungen die Resilienz ins Spiel. Damit sei auch die Fähigkeit eines Gemeinwesens gemeint, in einer Situation der Knappheit vorbeugend zu handeln und funktionsfähig zu bleiben. Resiliente Gesellschaften und Gruppen seien eher in der Lage, den Epochenbruch zu bewältigen, der mit dem Ende der industriellen Wachstumsgesellschaft bevorstehe.

     

    „Wie bewegend, nun gemeinsam mit Hunderten anderer Menschen Teil einer so weitreichenden und dabei so konkreten Initiative zu sein“, schreibt Hildegard Kurt in Leicht auftreten. Und: „Dass die Mitgliederversammlungen dieser Initiative in einer Kirche stattfinden, berührt mich immer wieder. Zeigt sich doch darin, dies ist kein privates Projekt, sondern es hat eine gesellschaftliche Dimension. Wir sind eine Stadtentwicklungsinitiative.“
    Ute Scheub
    04. April 2012

    www.moeckernkiez.de

    www.und-institut.de

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  • 232-vaude

    Abrüstung

    Die Outdoor-Firma Vaude am Bodensee versucht, so ökologisch und sozial wie möglich zu produzieren. Das erfordert einen permanenten Abwägungsprozess.

    Wer immer strebend sich bemüht

    Die Outdoor-Firma Vaude am Bodensee versucht, so ökologisch und sozial wie möglich zu produzieren. Das erfordert einen permanenten Abwägungsprozess.

    Weil es daheim so wenig Erhebungen gab, zog es den Norddeutschen und begeisterten Bergsteiger Albrecht von Dewitz früh in den Süden. Er quartierte sich in einem abgelegenen Ortsteil des Städtchens Tettnang unweit des Bodensees ein und fuhr so oft wie möglich in die Alpen. Auf seinen Touren ärgerte er sich immer wieder über sein Equipment – und so beschloss der gelernte Kaufmann 1974, selbst einen Laden für Bergsteigerausrüstung aufzubauen. Als er die Firma nach seinen Initialen v. D. auf den Namen Vaude taufte, machte er sich keine Vorstellung davon, dass er gerade den Grundstein für ein Unternehmen legte, das einmal weltweit präsent sein und in punkto Umwelt- und Sozialstandards als vorbildlich gelten sollte.

     

    Zunächst handelte von Dewitz auch nur mit Seilen und Karabinern. Doch wurde schnell klar, dass es auf dem Markt weder Gamaschen noch Rucksäcke gab, die seinen Vorstellungen entsprachen. So fragte er Hansjörg Egger aus der Nachbarschaft, ob er nicht Lust habe, eine eigene Produktion aufzubauen. Egger war schließlich Landmaschinentechniker – und da sei es für ihn ja bestimmt nicht schwierig, sich auf Nähmaschinen umzustellen, meinte von Dewitz. Egger belegte einen Kurs, kaufte einige gebrauchte Maschinen, und aus Platzmangel musste der Schreibtisch am ersten Vaude-Firmensitz neben der Dusche platziert werden. Die noch wenigen Mitarbeiter entwickelten neue Projekte abends am Biertisch, und wenn das Wetter schön war oder es etwas zu feiern gab, ließen sie den Betrieb einfach geschlossen.

     

    Wer die Natur liebt, sollte sie schützen – und wer Produkte in die Welt setzt, sollte sich damit beschäftigen, was mit ihnen nach dem Gebrauch passiert, meinte von Dewitz schon in den 1990er-Jahren. 1994 forderte er seine Kundschaft auf, ausrangierte Jacken und Schlafsäcke zurückzugeben. Doch die Reaktionen auf den Produktrückruf waren äußerst mager. Gleichzeitig versuchte die Firma auch in den Bereichen, die sie direkter beeinflussen konnte, die Umwelt- und sozialen Belastungen zu reduzieren. Sie befasste sich mit dem Material- und Wassereinsatz der Kleidungsproduktion, und als in den 1980er-Jahren das neue Firmengebäude in Tettnang errichtet wurde, ließ von Dewitz seine Naturverbundenheit in Form von Sprüchen in den Fußboden einarbeiten: „Die Alpen sind für uns die liebsten Nachbarn“ oder „Wir sind ganzheitlich“. Er gab auch den Auftrag, ein Kinderhaus für den Nachwuchs der inzwischen 480-köpfigen Mitarbeiterschar zu planen, und als ein Großteil der Produktion dann doch wegen der geringeren Lohnkosten nach Asien verlagert wurde, schaute sich der Chef persönlich an, wie es dort um die Arbeitsbedingungen bestellt war.

     

    „Es gab bereits damals zahlreiche Puzzlesteine im Nachhaltigkeitsbereich, aber vieles war unstrukturiert und auch nicht sehr effektiv“, bilanziert die vor einigen Jahren bei Vaude als Umweltbeauftragte eingestellte Hilke Patzwall die Bemühungen der Gründergeneration. Mit Hilfe des europäischen Umweltmanagementsystems EMAS durchforstet sie seither systematisch alle Betriebsteile und versucht kontinuierlich, Verbesserungen durchzusetzen. Das fängt beim Energieverbrauch der nun schon wieder in die Jahre gekommenen Gebäude in Tettnang an, geht über Fahrgemeinschaften und Spritspar-Schulungen für die Beschäftigten bis hin zur E-Bike-Tankstelle vor dem Haus. Selbstverständlich wird dabei auch die Logistik nicht ausgespart: Wie kommt eine Jacke am klimafreundlichsten von der Fabrik in den Laden?

     

    Ab 2015 will Vaude bei Taschen ganz auf PVC verzichten, obwohl es für dessen technische Eigenschaften noch keinen Ersatz gibt. „Entweder haben wir bis dahin etwas anderes gefunden – oder es gibt eben keine Taschen mehr“, formuliert Patzwall die selbstverordnete Abstinenz. Auch die anderen Materialien werden eingehend auf Wasserverbrauch bei der Rohstoffgewinnung, effiziente Einsatzmöglichkeiten und Schadstoffe untersucht. Die Relevanz verschiedener Belastungen abwägen, die eigenen Einflussmöglichkeiten einschätzen und dann die relativ beste Lösung finden – das ist der Alltag des EMAS-Verfahrens. „Das ist zwar nicht sexy und eignet sich nicht für Werbebotschaften, aber die Organisationsstruktur haben Profis erdacht, und sie ist handhabbar“, fasst die 38-jährige Umweltbeauftragte zusammen.

     

    Auch die Tochter des Firmengründers und heutige Chefin Antje von Dewitz benennt klar die Grenzen des EMAS-Ansatzes: „An vielen Stellen könnten wir noch weiter sein, aber wenn eine Alternative 50 Prozent teurer ist oder die Funktionalität einschränkt, dann ist das nicht machbar.“ Auf 10 bis 15 Prozent schätzt sie die Mehrkosten, die Vaude gemessen am Branchenschnitt durch seinen selbstgesetzten öko-fairen Anspruch zu tragen hat.

     

    Qualität und Langlebigkeit der Produkte sind dafür wichtige Bausteine. 15 Leute sind in Tettnang damit beschäftigt, Gebrauchtes wieder auf Vordermann zu bringen. Da werden an Rucksäcken und anderen Outdoor-Utensilien Flecken entfernt, Dreiangel geflickt oder Reißverschlüsse repariert. „Die Frauen dort haben sich selbst um umweltfreundlicheres Waschmittel gekümmert“, freut sich Patzwall. Nebenan werden Fahrradtaschen hergestellt; die helle Produktionshalle wirkt eher wie eine Manufaktur als wie eine Fabrik. In der Ecke steht eine von Hansjörg Egger konstruierte Reißverschluss-Einschweißmaschine, deren viele Rädchen, Rollen, Spulen und Schalter an ein Kunstwerk von Jean Tinguely erinnern.

     

    Zusammen mit anderen Outdoor-Herstellern will Vaude einen neuen Versuch starten, die von den Kunden ausrangierte Ausrüstung umweltfreundlich und sozial weiterzuverwenden. „Ein geschlossener Recyclingkreislauf ist aber völlig unrealistisch“, dämpft Patzwall zu hohe Erwartungen. Schon der Sortier- und Transportaufwand wäre viel zu hoch. Geplant ist vielmehr eine enge Kooperation mit Altkleiderverwertern, die dem Verband Fairwertung angehören, der in diesem Bereich die strengsten sozialen und ökologischen Kriterien vertritt.

     

    Anders als fast alle Markenfirmen, die Textilien in Asien fertigen lassen, lässt sich Vaude von der Fairware-Foundation überprüfen, so wie es die „Kampagne für saubere Kleidung“ empfiehlt, die sich seit langem für weltweit anständige Arbeitsbedingungen im Textilbereich einsetzt. Unabhängige Kontrolleure recherchieren, ob die Arbeitsbedingungen in Vietnam und China den proklamierten Anforderungen entsprechen. Aus Burma hat sich Vaude aus diesem Grund schon vor einer Weile zurückgezogen.

     

    Vaude ist ein Beispiel dafür, dass der Anspruch „Nachhaltigkeit“ im Alltag eines mittelständischen Produktionsunternehmens immer nur Richtschnur und nie 100-prozentige Umsetzung sein kann. Dass die Firma hier gleichwohl Herausragendes leistet, belegt nicht zuletzt der deutsche Nachhaltigkeitspreis 2011, den Vaude in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategien (KMU)“ erhielt.

     

    Für eine bessere Zukunft scheut Vaude schon lange keine Mühen. Nach dem Unternehmensziel gefragt, antwortet die vierfache Mutter Antje von Dewitz: „Ich will, dass die acht Stunden, die die Menschen hier täglich herkommen, positiv für sie sind und dass es auch den Leuten in den Zulieferfirmen gut geht. Und ich möchte, dass der ökologische Fußabdruck des Unternehmens möglichst klein ist.“ Kurz und knapp: Wir sind ganzheitlich.

    Annette Jensen
    04. April 2012

    www.vaude.com

    www.emas.de

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  • 226-atelier-mc

    Strassenkunst

    Die Künstlerin Ursula Cyriax hat sich um die Kreativität zukünftiger Generationen verdient gemacht und ein soziokulturelles Projekt in eine hessische Kleinstadt gebracht. Damit stiftete sie die Einwohner an, Transformationsprozesse nicht einfach passiv zu ertragen, sondern aktiv mitzugestalten.

    Kunst-Ambulanz gegen Tristesse

    Die Künstlerin Ursula Cyriax hat sich um die Kreativität zukünftiger Generationen verdient gemacht und ein soziokulturelles Projekt in eine hessische Kleinstadt gebracht. Damit stiftete sie die Einwohner an, Transformationsprozesse nicht einfach passiv zu ertragen, sondern aktiv mitzugestalten.

     

    Zwischen den sanften Mittelgebirgshügeln des oberen Lahntals ruht die hessische Kleinstadt Biedenkopf, 750 Jahre alt, samt enger Gassen, pittoreskem Fachwerk und Landgrafenschloss. Zweifelsohne ein malerisches und romantisches Städtchen – und bis vor kurzem ein ausgewähltes Kaff, um sich lebendig begraben zu lassen.

     

    Denn in Biedenkopf haben demographischer und gesellschaftlicher Wandel eine ziemliche Tristesse hinterlassen: Die Stadt schrumpft, weil junge Leute ihrer Heimat nach dem Schulabschluss den Rücken kehren; das Handwerk und der Einzelhandel haben mit argen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil die allerorts üblichen Einkaufscenter auf die Wiese gepflanzt werden; die Kluft zwischen gut situierten und armen Einwohnern wird immer größer, weil die Mittelstandswelten aussterben; hier und da stehen Wohnungen und Geschäfte leer, weil Käufer fehlen und die Stadtverwaltung machtlos ist.

     

    Nichts von dieser gegenwärtigen Situation hat etwas mit der heilen Welt gemein, an die sich Ursula Cyriax aus ihrer Kindheit erinnert. Ihre Heimatprovinz scheint sich verwandelt zu haben, depressives Grau hat sich unter die einst frohen Farben der Kleinstadt gemischt. Seitdem die in Berlin lebende Künstlerin das Elternhaus in Biedenkopf vererbt bekam, zieht sie sich regelmäßig dorthin zurück, um der Großstadt zu entkommen, und erhält so immer wieder neue Eindrücke von der schleichenden Veränderung. An einem sonnigen Frühlingstag im Biedenkopf des Jahres 2010 dann stand Cyriax im duftenden Lavendelgarten und ließ das Unkrautjäten plötzlich sein. Ihr wurde bewusst, dass sie die Zeit, Zuwendung und Liebe, die sie gerade den Blumen zuteil werden ließ, nicht am eigenen Gartenzaun enden lassen dürfe.

     

    So kam es, dass eine Kosmopolitin – Cyriax lebte zeitweise in New York und war an Ausstellungen im Metropolitan Museum und in der Neuen Nationalgalerie Berlin beteiligt – ein kulturelles Konjunkturprogramm für das Provinzstädtchen erfand. Das soziokulturelle Kunstprojekt Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011 sollte die Bewohner Biedenkopfs aus ihrer Starre lösen und dazu motivieren, die Attraktivität ihrer Stadt unter aktiver Teilnahme für sich, für ihre Kinder und ihre Kindeskinder zu bewahren und wieder mit Leben zu füllen.

     

    „Die Identitätsträger einer Stadt sind deren Bewohner, also muss man diese auch aktivieren“, erklärt die politisch denkende Frau ihr Konzept Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011, in dem künstlerische Exzentrik fehl am Platz ist. In Zahlen gesprochen: Es galt, 6.000 Biedenkopfer und 8.000 Einwohner der umliegenden Gemeinden in einen künstlerischen, demokratischen Prozess einzubinden und über den Zeitraum eines Jahres für neun lebensnahe und -praktische Einzelinitiativen zu mobilisieren.

     

    Dabei sollte sich Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011 nicht nur als nachhaltig im Hinblick auf die Revitalisierung der Innenstadt erweisen, sondern auch die für die Skulpturen verwendeten Materialien mussten nachhaltig sein. „In unserer Wegwerfgesellschaft produzieren wir viel zu viel Müll. Deshalb war das Upcycling, also aus Weggeworfenem etwas Wertvolles machen, in vielen der Biedenkopfer Projekte ganz zentral“, sagt Cyriax.

     

    Als Ursula Cyriax 18 Jahre alt war, schrieb sie 100 Dinge auf einen Zettel, die in ihrem Leben unbedingt Wirklichkeit werden sollten. Darunter: ein Frühstück mit den Rolling Stones – und  tatsächlich: das hat geklappt. Bis heute gibt es für sie kein „Geht nicht“ oder „Ja, aber“ und noch immer schaut sie zuversichtlich ins Leben. So war für die 58-jährige Aktionistin auch bei den Skulpturen, Projekten der Weg vom Gedanken zur Umsetzung kein weiter. Sie zog ins Biedenkopfer Rathaus, zu kirchlichen Institutionen, zu regionalen Unternehmen und Handwerkern, zu wissenschaftlichen Einrichtungen, zur lokalen Presse und gewann alle für ihre Idee zur kulturellen und sozialen Stadterneuerung. „Es ist verrückt: man überlegt sich etwas Schönes, und dann funktioniert auch alles. Und vor allem: alle wirken mit!“, blickt Ursula Cyriax auf das vergangene Jahr 2011 in Biedenkopf zurück.

     

    Beim Guerilla Knitting zum Beispiel wurden Jung und Alt, Arm und Reich aufgerufen, aussortierte Wolle im Rathaus abzugeben. Aus den gesammelten Wollresten sollten kleine Strickarbeiten gefertigt werden, die an Straßenbegrenzungen, Haltegriffen, Verkehrsschildern und Gartenzäunen angebracht werden und den öffentlichen Raum verschönern sollten. „Es wurde so viel gespendet, dass die Kulturdezernentin wie eine New Yorker Bag Lady zwischen den Wollresten in Tüten an ihrem Schreibtisch saß“, lacht die Anstifterin. In Wohnzimmern, Schulen, Senioren- und Pflegeheimen, in der Kirchengemeinde und sogar in einer Gruppe Demenzkranker wurde fortan pausenlos gestrickt. 483 Einzelstücke fügten sich letztlich zu einem farbenfrohen Patchwork, das den Marktplatz „dekorierte“ und keineswegs nur von Großmüttern hergestellt worden war. Denn Stricken war plötzlich cool. Selbst Männer trauten sich: „Ich hab den Jungs einfach erzählt, dass es in New York Clubs gibt, wo harte Kerle bei Bier und Chips stricken. Und auch Johnny Depp wäre ohne die Kunst des Persenning-Stichs beim Segelflicken in der Karibik verloren gewesen“, berichtet Cyriax und lächelt raffiniert. „Eine Strickerin sagte damals zu mir Wir machen die Welt einfach ein bisschen wärmer. Wir sind jetzt alle Guerillas. Da wusste ich: es wirkt!“

     

    Die eigene Stadt umzugestalten und Abfall als Ressource zu begreifen war auch die Idee für einen 5 Meter hohen Wegweiser, der aus ausrangierten Skiern gebaut wurde und nun auf einer Verkehrsinsel steht. Die lila gestrichenen Ski-Spitzen zeigen mit exakter Angabe der Entfernung in die Himmelsrichtung ausländischer Städte, aus denen hinzugezogene Biedenköpfer ursprünglich stammen. Menschen aus 64 Nationen sind in Biedenkopf ansässig geworden. Buenos Aires, Singapur, Riga, Lissabon und Kuala Lumpur – Biedenkopf ist, wenn man genauer hinschaut, kein Hinterland, sondern international. „Die Welt ist eh trostlos, wo man hinschaut, diese Aktion bringt Farbe in die Stadt, da freu ich mich, dass ich daran mitgeholfen hab“, hat ein kräftiger Helfer beim Aufbau der Skulptur zu der Konzeptkünstlerin Cyriax gesagt. Heute ist der Wegweiser ein Teil des Stadtbildes geworden.

     

    Das Skulpturen-Jahr war aber auch sonst ereignisreicher als die Zeit davor: mit einer Liebesschlösser-Aktion auf einer Brücke, einer Survival-Nacht in freier Natur, einer Modenschau mit Biedenkopfer Topmodels, einem ganz legalen Graffiti-Projekt oder einer Einzelausstellung für ein voluminöses Upcycling-Galakleid. In Biedenkopf war jetzt was los! Dabei wandte sich Ursula Cyriax vor allem an Jugendliche und deren Lebensthemen und lud sie ein, eigene Zukunftsvisionen zu gestalten, an sich selbst zu glauben und ihre Ängste zu überwinden.

     

    Die lokale Presse, der Hinterländer Anzeiger, konnte ein Jahr lang die Seiten mit Sensationen füllen, und der Filmemacher Otmar Hitzelberger begleitete die Highlights mit seiner Kamera. Sein Film schafft den Spagat zwischen sozialem Realismus und einer eindringlichen Reportage, auf die letztlich alle Beteiligten stolz sind. Mittendrin, immer im Bild und immer im Dauereinsatz, die Initiatorin Ursula Cyriax, nie sozialpflegerisch, nie belehrend, nie agitatorisch.

     

    Das Biedenkopfer Spektakel ist nun vorbei, doch Ursula Cyriax wird mit neuen Plänen wiederkommen. Muss sie ja sowieso: zum Unkrautjäten im Lavendel-Garten.

    Dana Giesecke
    29. März 2012

    www.atelier-mc.de

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  • 213-montessori-muenchen

    Lebenslanges Lehren

    An der integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße gehört es zum Konzept, dass ältere Menschen mitunterrichten. Die spätberufenen Lehrer halten es mit Wilhelm Busch: „Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh“.

    Senioren machen Schule

    An der integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße gehört es zum Konzept, dass ältere Menschen mitunterrichten. Die spätberufenen Lehrer halten es mit Wilhelm Busch: „Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh“.

     

    Die Idee kam einigen Eltern beim Putzen. Sie machten einen Münchener Montessori-Kindergarten sauber und plauderten über dieses und jenes. Wie toll es doch wäre, wenn die Großeltern in der Nähe wohnen würden, träumten die einen – und ja, das sei wirklich ein großer Vorteil, bestätigten die anderen und berichteten, dass der Austausch ihrer Kinder mit Oma und Opa für beide Seiten bereichernd sei. Und dann stand plötzlich die Frage im Raum: Warum sollten sie, da die wirklichen Großeltern zum Teil weit weg seien, nicht ältere Leute aus der Umgebung in das von ihnen geplante Montessori-Schulprojekt einbinden?

     

    Tatsächlich ist die Werkstatt der Generationen heute das Alleinstellungsmerkmal der seit 2008 bestehenden integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße. Zum pädagogischen Konzept der Schule gehört, dass Mädchen und Jungen, einschließlich behinderter Kinder, von der ersten bis zur zehnten Klasse ohne Leistungsdruck und Noten lernen. Einmal in der Woche steht bei jeder Gruppe auch WdG – Werkstatt der Generationen – auf dem Stundenplan. Für das, was der Senior oder die Seniorin den Kindern dort anbietet, gilt vor allem ein Kriterium: Es sollte ihm oder ihr Spaß machen. Oft sind das Dinge, die sich aus dem Berufsleben der Laienlehrkräfte ableiten, manchmal aber auch völlig andere Leidenschaften.

     

    Im Werkraum nimmt ein Dutzend Schülerinnen und Schüler gerade Apfelsinenkartons auseinander, die der Seniorlehrer und freischaffende Künstler Helmut Stöcklhuber auf die Tische gelegt hat. Erstaunt stellt die 11-jährige Karoline fest, dass der Kasten lediglich aus einem geschickt gefalteten Bogen Pappe besteht. Während sie nun ihrerseits versucht, ein dreidimensionales Objekt aus Papier zu bauen, interessiert sich ihr Klassenkamerad Victor dafür, wie er den Kasten so zeichnen kann, dass er räumlich aussieht. Ihm gefällt, dass jede Woche ein älterer Mensch vorbeikommt – solange er dabei selbst etwas tun kann. „Nur in der Klasse sitzen und sprechen find ich nicht so gut.“

     

    Ein paar Räume weiter sitzt ein ehemaliger Rundfunkredakteur an einem Tisch, vor ihm lagern und lümmeln Kinder aus den unteren Klassenstufen auf einem runden Teppich, andere hocken auf Bänken und Stühlen. „Vier kleine Hexelein, die aßen Kräuterbrei, das eine ist davon geplatzt, da warens nur noch ...“ „Drei“ rufen die Kinder und singen voller Elan den Refrain und fordern am Schluss energisch „Zugabe“. Bei den Jugendlichen nebenan geht es dagegen sehr ruhig zu. Ein bärtiger Mann mit Brille berichtet von einem Freund in Sizilien, der von Schutzgelderpressern heimgesucht wurde. Ein Junge hakt mehrfach nach, der Rest schweigt. Nach der Stunde wird klar, dass sie durchaus interessiert zugehört haben: Mehrere diskutieren untereinander weiter.

     

    „Wir fragen die Schüler regelmäßig, was ihnen gefallen hat, wovon es mehr geben sollte und was nicht so gut war“, berichtet die Initiatorin und Projektleiterin Anke Könemann, Mutter einer neunjährigen Schülerin der Montessori-Schule. Könemann hat die WdG-Arbeit ehrenamtlich aufgebaut, indem sie Kontakte zur Caritas und zu Servicecentern für Senioren spann und Flyer in Arztpraxen und Apotheken auslegte. Inzwischen melden sich viele Ältere auf eigene Initiative. Zusammen mit drei Pädagoginnen bereitet Könemann die durchschnittlich 65- bis 70-Jährigen auf ihre Klassenbesuche vor, unterstützt und berät sie bei der Themenplanung. Während der Projektstunden sind außerdem ein oder mehrere Pädagogen dabei, so dass sich die Senioren auf ihr Thema konzentrieren können und von der Situation nicht überfordert werden.

     

    Dabei sind die Projekte keine Einbahnstraße: So haben Jung und Alt beispielsweise gemeinsam einen Handyclip erstellt und damit sogar einen Wettbewerb gewonnen. Noch findet der Generationenkontakt ausschließlich in der Schule statt, doch Anke Könemann und ihre Kolleginnen denken weiter: Vielleicht werden ältere Schüler demnächst auch Demente besuchen; schließlich gehöre auch das zum Leben.

     

    Mehrmals im Jahr lädt Könemann interessierte Seniorinnen und Senioren zu einer Informationsveranstaltung ein. Manche bieten anschließend einmalige Veranstaltungen an, andere kommen regelmäßig in die Balanstraße. Zur zweiten Gruppe zählt Pia Richter-Haaser. Sie bringt jede Woche eine andere Person ihrer Generation mit, die über ihren Berufs- oder Lebensweg berichtet. Die Kinder lernen nicht nur, dass es vielfältige Sichtweisen und Erfahrungen gibt, sondern auch, dass vieles nicht glatt läuft und häufig auch Um- und Zickzackwege nötig sind, um zum Ziel zu kommen. Auch Senior Torsten Hartmann ist immer wieder vor Ort: Er will den Kindern Anreize geben, sich für Technik zu interessieren. Wenn er spürt, dass es gefunkt hat, empfindet er „Genugtuung und Freude“ – und das sei dann seine Bezahlung.

    Annette Jensen
    22. März 2012
    www.montessori-muenchen.de

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  • 210-transition-towns

    Entzug

    Der weltweiten Bewegung der Transition Towns haben sich mittlerweile fast 1.000 Städte und Gemeinden angeschlossen. Sie entwickeln Praktiken und Konzepte für das Leben nach dem Öl.

    Schluss mit den Drogen

    Der weltweiten Bewegung der Transition Towns haben sich mittlerweile fast 1.000 Städte und Gemeinden angeschlossen. Sie entwickeln Praktiken und Konzepte für das Leben nach dem Öl.
    Die entscheidende Idee kam dem Iren Rob Hopkins bei der Lektüre eines medizinischen Artikels über Alkoholismus. Unsere Gesellschaften sind vom Billigöl genauso abhängig wie Säufer von der Flasche, durchfuhr es den 1968 geborenen Künstler. Wenn unser Suchtstoff zu Ende geht, wird es uns hart erwischen, wir werden schwere postfossile Belastungsstörungen erleben. Aber wenn wir uns rechtzeitig darauf einstellen, wird die Transition, der Übergang in das postfossile Zeitalter, eine Zeit der Befreiung sein.

     

    Die Bewegung der Transition Towns gründete Hopkins 2005 zusammen mit einigen Studierenden. Die erste solche Town war das irische Kinsale, die zweite das südenglische Totnes. Anfang 2012 umfasste die Bewegung bereits fast 1.000 Kommunen und Kieze, Dörfer und Städte in 35 Ländern. In Deutschland, Österreich und der Schweiz waren etwa 60 Initiativen aktiv; weitere Schwerpunktländer sind Australien, Brasilien, Großbritannien, Irland, Kanada und die USA.

     

    Das postfossile Leben „könnte so fantastisch sein“, sagt Rob Hopkins in Nils Aguilars Film Voices of Transition. Mit seiner Stupsnase und den Segelohren wirkt der 44-jährige Hopkins ein wenig lausbubenhaft. „Wir könnten mehr Zeit füreinander haben, wir könnten entspannter sein. Unsere Hände würden wir wieder für kreative, nützliche Aktivitäten nutzen. Wir hätten weniger Schulden und mehr Zeit zum Spielen und um das Leben zu feiern.“

     

    Nils Aguilar, ein in Tübingen aufgewachsener und in Berlin lebender Franzose mit spanischen Vorfahren, war so fasziniert vom Charisma Rob Hopkins’ und von dessen Visionen, dass er diese in den Mittelpunkt seines Films stellte. Der 31-jährige Lockenkopf hat Soziologie und Philosophie studiert; seine filmische Dokumentation über die Probleme der konventionellen Agrarwirtschaft und mögliche Auswege, mögliche Transitions, hat er vollkommen unabhängig in jahrelanger Arbeit parallel zu seiner Masterarbeit produziert, geschnitten und fertiggestellt. „Ich hatte zwölf Hüte gleichzeitig auf, vom Regisseur bis zum Farbkorrektor. Danach war auch ich fertig“, gesteht Aguilar. Aber er habe das Projekt unbedingt machen wollen. Als „Wandervogel“ sei er über schwäbische Streuobstwiesen gestreunt und habe schon früh eine „Leidenschaft für die Landwirtschaft“ entwickelt. Dass sein Film nun zur Gründung neuer Transition Townsbeitrage, unter anderem in Tübingen, das sei für ihn eine „große Genugtuung“.

     

    Totnes und Tübingen – die Bewegung gedeiht vor allem „in Städtchen mit Kopfsteinpflaster und Eisdielen“, wie es Nils Aguilar formuliert. „Könnt ihr euch euren Ort ohne Öl vorstellen?“, hatte der Transition-Town-Gründer Rob Hopkins in Totnes gefragt. Ihm ging es darum, Gemeinschaften gegen den kommenden Ölpreisschock „resilient“ zu machen, was man mit „elastisch krisenfest“ übersetzen könnte. Mit Filmvorführungen und Workshops mobilisierte er den „lokalen Genius“ der rund 8.500 Einwohner von Totnes, die zahlreiche Arbeitsgruppen und Projekte zur Eigenversorgung und Energiereduzierung der Wirtschaft und zur Wiederbesinnung auf lokale Kreisläufe gründeten. Die Bürgermeisterin erklärte den Ort zur „Energiewendestadt“, die Gemeinde verabschiedete einen „Aktionsplan zur Energiereduktion“, Bürger pflanzten Obst- und Nussbäume, legten Gemeinschaftsgärten und Tauschringe an und führten eine lokale Währung ein, das Totnes Pound. Touristen begeisterten sich so dafür, dass sie schon viele „Pfunde“ mitgehen ließen. Selbst ökologisch korrekte Beerdigungen gibt es: Ein lokales Unternehmen bietet Bestattungen in Särgen aus Recycling-Pappe an.

     

    Mit der Zahl der Transition Towns vermehrten sich auch die Zahl der Ideen und Projekte für das postfossile Zeitalter. Drei davon hält Filmemacher Nils Aguilar für besonders zukunftsträchtig: Regiowährungen, Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften und Energiekooperativen. Auch in Witzenhausen, einer der deutschen Transition Towns, wurde ein Regiogeld eingeführt, die Kirschblüte. Weitere starke Initiativen gibt es etwa in Freiburg und Bielefeld. Sie diskutieren über gerechtes Wirtschaften und legen Permakulturgärten mit Terra Preta an. „Ich bin total hoffnungsvoll“, sagt Aguilar. „In Deutschland ist kaum eine Initiative älter als ein Jahr, die Bewegung beginnt ja erst. Sie ist pragmatisch. Sie ist inklusiv. Sie verbindet Nachbarn. Sie holt Menschen aller Altersklassen, Schichten und Hautfarben zusammen. Sie ist extrem fruchtbar.“

     

    So fruchtbar wie der Ökolandbau – denn die Transition Towns haben sich zum Ziel gesetzt, ohne erdölbasierten Dünger und ohne Pestizide auszukommen. Rob Hopkins und auch Nils Aguilar haben sich von der Permakultur inspirieren lassen, einem Mitte der 1970er-Jahre von zwei Australiern entwickelten Konzept zur Schaffung nachhaltiger naturnaher Kreisläufe. Ursprünglich nur agrarisch gedacht, umfasst die Permakultur inzwischen auch Landschaftsplanung, dezentrale Energieversorgung und Sozialgestaltung. „Wie eine grüne Brille“ wirkte dieses Denkprinzip auf Hopkins: „Plötzlich sieht man keine Probleme mehr, sondern nur noch Lösungen.“

     

    Das wirksamste Mittel, um Menschen zu begeistern, sieht der Permakulturlehrer Hopkins im Erzählen von Geschichten. „Eine Zeit ist gefüttert mit Geschichten“, sagt er in Aguilars Film. „Etwa: Dieser Lippenstift wird dich glücklich machen! Dieses Shampoo wird dein Liebesleben verbessern! – Statt dieser Geschichten müssen wir neue erzählen, die uns durch die nächsten 20 Jahre tragen.“ Hopkins Augen leuchten: „Etwa über die Stadt, die ihr eigenes Geld druckt und Parkplätze in Gemüsegärten verwandelt.“ Und Filmer Aguilar ergänzt: „Die größten und wichtigsten Initiativen beginnen winzig, mit einem Traum oder einem Spatenstich. Unsere heute gesäten Transition-Samen muten vielleicht klein an, aber die werden noch sehr kräftig sprießen, wenn bald die Alternative alternativlos wird.“
    Ute Scheub
    15. März 2012

    www.transitionnetwork.org

    www.voicesoftransition.org

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  • 203-bis-es-mir-vom-leibe-faellt

    Vereinzigartigt

    Das Veränderungsatelier Bis es mir vom Leibe fällt veredelt Kleider und rettet sie damit vor der unverdienten Vergessenheit. Eine Attacke auf die große Verschwendung.

    Mutig und fesch samma – mitten in Berlin

    Das Veränderungsatelier Bis es mir vom Leibe fällt veredelt Kleider und rettet sie damit vor der unverdienten Vergessenheit. Eine Attacke auf die große Verschwendung.

    „Mutig samma ned, aba fesch samma“ – dieser böse Spruch über die Österreicher müsste für Lisa Prantner umformuliert werden, denn sie hat beides: Mut und Stil. Zwei notwendige Eigenschaften, wenn man selbst Mode macht und gleich zwei Geschäfte in der Mitte Berlins betreibt. Unternehmensberater würden es als geradezu wahnsinnig bewerten, in einer der besten Lagen der Hauptstadt ein kleines Geschäft zu eröffnen, das gemeinhin als Änderungsservice bezeichnet würde. Doch genau das hat Lisa Prantner getan.

     

    Der Laden mit dem theatralischen Namen Bis es mir vom Leibe fällt ist allerdings keine normale Änderungsschneiderei. Seit gut einem Jahr hat das Veränderungsatelier geöffnet – und eine kleine Vorsilbe macht hier den großen Unterschied: Hinter diesen Schaufenstern wird eben nicht ge-, sondern verändert.

     

    Drei junge Frauen bewahren in Prantners Auftrag alte und neue Kleider vor dem Vergessen. Sie nennen sich „Wachküsserinnen“, weil sie in Kleiderschränken Schlafendes zum Leben erwecken, indem sie nähen, filzen, stricken, sampeln, upcyceln... Hier dreht sich alles um die Wiederbelebung von Textilien, die sich bereits in der Welt befinden und für die in der Wegwerfgesellschaft eigentlich eine kürzere Lebensdauer vorgesehen war: Massenware, über die, wirtschaftlich gewollt, der Trend hinwegfegt; Fehl- und Frustkäufe, die letztlich nur für die Wachstumswirtschaft produziert wurden; Billigware zum Niedrigpreis, auf Kosten anderer. Oder auch Sachen, die verschlissen sind oder gefunden wurden, die man geschenkt oder vererbt bekam, sich angeeignet hat oder die man aus emotionalen Gründen nie wieder loslassen möchte.

     

    Nach der Behandlung durch Bis es mir vom Leibe fällt sind die Kleider nicht nur einzigartig, sondern plötzlich wieder charaktervoll und verführerisch. Dafür wird im kleinen Laden viel getan: aufgepeppt, repariert, umgeformt, umgenutzt und bis zur letzten Faser alles wiederverwendet. Kein Kundenwunsch bleibt unerfüllt oder wird abgelehnt. „Selbst eine einzelne selbstgestrickte Socke, wo nur eine Masche wiederaufgenommen werden muss, wird von uns angenommen“, bekräftigt die als Modedesignerin ausgebildete Esther Kaya Stögerer, zeigt das Beweisstück und beschaut es liebevoll mit großen dunklen Augen. Völlig klar: So etwas will man einfach bei sich behalten, bis es einem eben vom Leibe (oder vom Fuße) fällt.

     

    Reparieren statt wegwerfen, vereinzigartigen statt verbrauchen, oder etwas Altes für etwas ganz Neues verwenden – dafür werfen sich die drei Verändererinnen kräftig ins (Näh)zeug. Hier sind Profis am Werk, und man spürt den Stolz der Chefin, als sie ihre Mitarbeiterinnen vorstellt: Neben Esther Kaya Stögerer arbeiten Kathrin Dilßner, eine Herrenmaßschneiderin und Kostümbildnerin, und Judith Veith, ebenfalls eine gelernte Schneiderin, im Atelier. Ob Frosch, ob Klamotte oder ob Mensch – jeder möchte von den Dreien wachgeküsst werden, am liebsten gleich -geknutscht.

     

    Ja, das Wachküssen ist die romantisierende Auslegung dessen, was im Veränderungsatelier praktiziert wird, aber doch einen ernsten Kern hat: Es geht eben nicht nur um modische Oberflächenattribute, sondern die Arbeit geht auch unserer Kultur „an den Kragen“. Das Reparieren richtet sich gegen die Verschwendung von Ressourcen, das manuelle Vereinzigartigen kennt keine Massenfertigung unter miesen Arbeitsbedingungen, keine Ausbeutung, Kinderarbeit und auch keine Konformität durch den Geschmack der Mehrheit.

     

    Dass die Kampfansage ernst gemeint ist, zeigt ein an der Atelierwand hängendes Foto des Veränderungsteams, auf dem als tableau vivant – ein durch lebende Personen arrangiertes Gemälde – Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix nachgestellt ist. Damals, im Frankreich der Julirevolution 1830, das im Originalbild zu sehen ist, erhoben sich die Pariser Bürger gegen die reaktionäre Politik; heute kämpfen die lang- und rothaarige Prantner und ihr Team ebenfalls für eine Erneuerung – für die Erneuerung einer reparaturbedürftigen Welt. Nicht mit Gewehren, Pistolen und Lanzen, wie die Protagonisten des Originalgemäldes, sondern mit Schneider- und Designutensilien. Nicht unter der französischen Trikolore, sondern unter der Fahne des Labels. Ganz zentral, als Allegorie der Freiheit: die Anführerin Lisa Prantner.

     

    „Ich könnte das nicht. Die Mädchen sind Vollblut-Schneiderinnen und strotzen vor Upcycling- und Man-könnte-doch-Ideen – ich bin da mehr Designerin“, gesteht die Chefin im weit schwingenden folkloristischen Rock mit Vivienne-Westwood-Karo-Print, der in der Hüfte mit Applikationen einer schwarzen Herrenhose aus den 1920er-Jahren kombiniert wurde. Die rührige Frau kann das auch aus einem weiteren Grund nicht: Einen Hof weiter befindet sich das Atelier Lisa D., wo sie seit 1995 ihre eigenen Kollektionen verkauft – dort muss sie vor Ort sein. Bis es mir vom Leibe fällt überlässt sie vertrauensvoll „ihren Mädchen“.

     

    Den eigenen Lebensweg erzählt Prantner wie eine Kausalitätskette: Zuerst war sie Kunsterzieherin, dann Performance-Künstlerin, und schließlich entschied sie sich ganz bewusst für die Praxis: Auch Modedesign ist für Prantner Handwerkskunst. Ihre „alte“ soziale Umwelt nimmt diese persönliche Entwicklung als einen Rückschritt wahr, erzählt die Kleidererfinderin lachend: „Auf der Bühne im Wiener Burgtheater konnte ich durch pure Performance nichts ausrichten, was von Dauer ist, heute kann ich aktiv eingreifen“. Doch eines ist geblieben: Wie einst im Burgtheater provoziert sie gern.

     

    Dazu gehört, nachhaltiger ökologischer Mode mit Ironie und auch Misstrauen zu begegnen: „Weil man nie sicher sagen kann, ob ein Stoff voll und ganz ökologisch ist und ob mit den Arbeiterinnen in den singalesischen Webereien wirklich fair umgegangen wird, heißt meine nächste Öko-Linie Das richtige Kostüm im falschen Leben“. Es ist wahre Freude, die sie am Spiel zwischen dem Glamour ihrer Branche und der Kulturkritik Adornos hat. Richtig auch im falschen Leben versucht Lisa Prantner aber ihre Mitarbeiterinnen zu behandeln: „Klar, ich bin die Chefin!  Das merkt nur keiner, weil es hier demokratisch zugeht.“ Stupide Abläufe gibt es bei Lisa D. nicht. Jeden Monat wird ein Designtag für alle Mitarbeiterinnen von Lisa D. und Bis es mir vom Leibe fällt organisiert, wo die Schneiderinnen sich gegenseitig beflügeln, austauschen, anstecken und gemeinsam neue Dinge entwickeln können.

     

    „Das Veränderungsatelier war die beste Idee meines Lebens! – Egal was andere sagen“, resümiert die Design-Amazone Prantner. Trotzdem war sie am Eröffnungstag von Bis es mir vom Leibe fällt nicht vor Ort. Sie rief aus der Ferne in Berlin an und sagte freudig: „Mädels, macht schon mal den Laden auf!“ Das ist Performance.

    Dana Giesecke
    07. März 2012

    www.lisad.com/bisesmirvomleibefaellt

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  • 202-stadtwerke-muenchen-bmw

    Kühlwasser

    Serverräume fressen normalerweise extrem viel Strom, weil sie pausenlos gekühlt werden müssen. Bei BMW in München wird die Raumtemperatur mit Hilfe von Grundwasser gesenkt.

    Konzerngehirn, natürlich gekühlt

    Serverräume fressen normalerweise extrem viel Strom, weil sie pausenlos gekühlt werden müssen. Bei BMW in München wird die Raumtemperatur mit Hilfe von Grundwasser gesenkt.

     

    Das Gehirn des Weltkonzerns BMW liegt im Keller und ist über eine Wendeltreppe zu erreichen. Riesige Kabelbündel durchziehen den Raum, in langen Reihen stehen Tausende von Rechnern, die in schwarzen und grauen Schränken gestapelt sind. Die Maschinen brummen leise und signalisieren durch gelegentlich blinkende Lämpchen, dass sie arbeiten. Einige absolvieren vielleicht gerade Crashtests, andere verarbeiten die Bestellungen aus aller Welt oder zeigen Entwicklungsingenieuren, welchen mechanischen Spannungen ihre Werkstücke bei hohen Geschwindigkeiten standhalten müssen. Aus den Rückseiten der Maschinen pustet Luft, die an Saharawind erinnert. Trotzdem ist der Raum angenehm temperiert: Aus kleinen Löchern im Boden strömt permanent kalte Luft herein.

     

    „Ohne Kühlung wäre es hier bald so heiß wie in einer Sauna. Doch schon bei 40 Grad würden die ersten Rechner abstürzen“, erklärt Alfred Hubner. Der Ingenieur für Versorgungstechnik war schon länger nicht mehr hier; er ist seit einer Weile im Ruhestand. Doch heute ist der drahtige Mann noch einmal vorbeigekommen. Schließlich ist es zu einem großen Teil sein Verdienst, dass bei der Kühlung der BMW-Serverfarm auf elektrische Kältemaschinen fast vollständig verzichtet und stattdessen Grundwasser genutzt wird. 10 Millionen Kilowattstunden Strom spart BMW auf diese Weise pro Jahr – so viel wie etwa 3.000 Münchner Haushalte im gleichen Zeitraum verbrauchen.

     

    Hubner ist kein Radikalökologe. Schon als Junge begeisterten ihn schnelle Motorräder, und als er mit 29 Jahren eine Stelle bei BMW bekam, erfüllte sich ein Traum. Zugleich sorgt er sich aber um die Umwelt: „Wir haben ja nur einen blauen Planeten.“ So mahnt er seine Kinder, beim Verlassen des Raums das Licht auszuknipsen und für Partybesuche Fahrgemeinschaften zu bilden. Auch er selbst pendelte in den letzten Jahren mit dem Zug zur Arbeit und nutzte seinen Wagen nur am Wochenende für Sportausflüge in die Alpen. Dass schwere Autos nicht umweltfreundlich sind, ist dem 62-Jährigen klar. „Doch wir sind eben verspielt – und die Kunden verlangen schnelle Fahrzeuge.“ Hubners Schlussfolgerung aus alledem: Wenn schon nicht das Produkt, so soll doch zumindest die Produktion bei BMW so umweltfreundlich wie möglich sein.

     

    Schon als im Jahr 2000 mit der Planung des konzerneigenen Forschungs- und Innovationszentrum Projekthaus in der Münchner Knorrstraße begonnen wurde, überlegten Hubner und seine Kollegen, wie sie den enormen Elektrizitätsbedarf des Rechnerraums senken könnten. Schließlich steigt der Energieverbrauch durch keine andere technische Neuerung so rasch wie durch die immer weiter wachsenden Computerzentren. In Frankfurt – mit seinen vielen Banken, dem Flughafen und einem der größten Internetknotenpunkte weltweit – sollen heute etwa 20 Prozent des gesamten Stroms für Server draufgehen. Der mit Abstand höchste Anteil wird für die Kühlung der Maschinen benötigt.

     

    Dass er sich nicht damit abfinden wollte, wie üblich eine Kompressionskältemaschine zu bestellen, erklärt Hubner mit der BMW-Unternehmenskultur. „Hier entstehen dauernd neue Ideen, weil die Firma den Leuten Freiräume gibt, nach links und rechts zu gucken. Ein Das haben wir noch nie so gemacht hört man hier einfach nicht.“

     

    Vielleicht saß er gerade in einer der zahlreichen, zu Kommunikation und Kaffeeklatsch einladenden Nischen im Betrieb, als er mitbekam, dass der BMW-Umweltreferent vorher beim Münchner Wasserwirtschaftsamt gearbeitet hatte. „Das war ein glücklicher Zufall, denn wir hätten ja ansonsten gar nicht die Kompetenz gehabt, was über Grundwasser zu wissen“, sagt Huber. Eine Probebohrung auf dem Bauplatz brachte allerdings nicht die erhofften Ergebnisse: Da war viel Sand und kaum Wasser.

     

    Eine Weile danach gab es auf Initiative von BMW einen Workshop mit den Münchner Stadtwerken. „Wir wollten mit denen reden, was man zusammen schaffen kann für ganz München, nicht nur für BMW“, beschreibt Hubner die Motivation. Neben den Fachingenieuren kamen auch Vertreter aus den Chefetagen – in beiden Unternehmen habe damals so etwas wie Aufbruchstimmung geherrscht, erinnert sich Hubner. Dazu zeigt er ein paar schlecht belichtete Fotos: Etwa 30 Männer sitzen an Tischen oder bemalen Flipcharts. Hier entstand die Idee, das Grundwasser aus einer etwa vier Kilometer vom BMW-Gelände entfernten Wasserunterführung abzuzapfen. Der sogenannte Düker sorgt schon seit langem dafür, dass ein aus den Alpen kommender unterirdischer Strom einen U-Bahn-Tunnel unterquert. Im Prinzip müsse man da nur eine Pumpe reinhalten, das Wasser zu BMW leiten, daraus mittels Wärmetauschern kalte Luft herstellen und das ein paar Grad wärmere Wasser nördlich des U-Bahn-Schachts wieder in die Erde leiten, so der Vorschlag eines Stadtwerketechnikers.

     

    „Wir haben das dann als Team realisiert; als Einzelkämpfer hätte man mit sowas keine Chance“, sagt Hubner. Vor allem die wichtigen Leute in beiden Unternehmen mussten informiert und überzeugt werden. Zum Glück saßen die schon beim Workshop alle mit am Tisch.

     

    Der Startschuss für den ersten Teil erging im Sommer 2003. Inzwischen kommen bei BMW pro Sekunde etwa 240 Liter Grundwasser an, das eine Temperatur von 10 bis 12 Grad hat. Es fließt durch dicke Rohre in einen silbrigen Kasten und wird wenig später mit einer Temperatur von etwa 17 Grad an einer anderen Stelle wieder herausgeleitet. Im Sommer werden auf diese Weise neben den drei BMW-Rechenzentren auch die Büros gekühlt. Nur an ganz wenigen Tagen müssen stromfressende Kältemaschinen zugeschaltet werden.

     

    Für den Autokonzern hat sich das Projekt finanziell schon längst ausgezahlt: Konventionell erzeugte Kühlung wäre doppelt so teuer. Die Anlage ist außerdem sehr zuverlässig; mit Ausnahme der Wartungszeiten läuft sie fast immer. Die Zu- und Ableitungen quer durch die Stadt haben die Stadtwerke bezahlt – und auf diese Weise einen Großkunden an sich gebunden.

     

    „Allein mit dem Argument Umweltschutz kann man in einem großen Konzern nicht viel erreichen“, ist Hubner überzeugt. Doch wenn man Klimaschutz mit Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit verbinde, dann habe man gute Karten. „Die treibende Kraft bei uns ist ja immer, die Fixkosten pro Fahrzeug zu senken.“ Ob dieser Effekt aus Umweltsicht wünschenswert ist, ist allerdings eine andere Frage.

    Annette Jensen
    01. März 2012

    www.swm.de

    Abschlussbericht Fernkälte

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  • 194-manomama

    Augschburgdenim

    Sie macht alles anders als andere Textilunternehmer: Sina Trinkwalder zahlt anständige Löhne, verwendet gute Materialien und beweist, dass solchermaßen produzierte Kleidung auch dann bezahlbar bleiben kann, wenn sie in Deutschland gefertigt wird. 

    Mode made in Germany

    Sie macht alles anders als andere Textilunternehmer: Sina Trinkwalder zahlt anständige Löhne, verwendet gute Materialien und beweist, dass solchermaßen produzierte Kleidung auch dann bezahlbar bleiben kann, wenn sie in Deutschland gefertigt wird. 

     

    Noch sind die drei Hallen in Augsburgs altem Textilviertel grau, leer und kalt; nur ein riesiger Holztisch steht unter dem Atelierdach, dessen Fenster den optimalen Lichteinfall fürs Zuschneiden von Stoff bieten. Doch morgen wird der Maler kommen und die Wände violett streichen, denn schon in zehn Tagen sollen hier riesige Stoffballen lagern, mehrere Dutzend Nähmaschinen rattern und etwa 60 Menschen ihr Geld verdienen. „Das muss klappen, und das klappt auch“, sagt Sina Trinkwalder – und wer sie eine Weile erlebt hat, wird daran nicht zweifeln.

     

    Keine Frage: Die 34-jährige Chefin von Manomama ist eine außergewöhnliche Unternehmerin. Während fast alle Textilfirmen ihre deutschen Produktionsstätten dichtgemacht haben, weil die Löhne hier angeblich zu hoch sind, hat Sina Trinkwalder sich genau aus diesem Grund für die Branche entschieden. Und während die großen Markenunternehmen ihre Stoffe dort bestellen, wo es weltweit gerade am billigsten ist, hat sie eine Färberei auf der schwäbischen Alb und eine Weberei in Osnabrück beauftragt. Sämtliche Materialien sind ökologisch – bis hin zum Garn. „Das geht alles, wenn man keine riesigen Margen verdienen will“, meint die Frau mit den langen schwarzen Haaren und der Hornbrille. Während sie sich im noch leeren Büro auf den Fußboden setzt, hält sie mit temperamentvollen Gesten einen Kurzvortrag darüber, dass Lohnfertiger für eine Markenjeans oder ein Edelsakko nur fünf bis zehn Prozent des Endverkaufspreises bekommen, und dass horrende Summen für Werbung und Zwischenhandel draufgehen. Dann klingelt ihr Handy, sie entschuldigt sich, eine Leiter fehlt, und sie muss noch schnell das Heizungsproblem lösen. Nervös macht sie das alles nicht, im Gegenteil wirkt sie spielerisch und völlig stressfrei. Und nachdem sie alles rasch organisiert hat – garniert mit ein paar scherzhaften Bemerkungen –, knüpft sie nahtlos an das vorher Gesagte an.

     

    Über 1.000 Bewerbungen sind bei Manomama für die rund 40 neuen, unbefristeten Stellen eingegangen. Augsburg war früher eine bedeutende Textilstadt, und so kamen die meisten Briefe von Facharbeiterinnen, die schon lange beim Arbeitsamt gemeldet sind und ihren 50. Geburtstag bereits hinter sich haben. Sina Trinkwalders Auswahlkriterien waren so speziell wie das gesamte Projekt: Lange arbeitslos zu sein galt ebenso als Pluspunkt wie Kinder allein erziehen zu müssen, während Bewerberinnen aus festen Anstellungsverhältnissen keine Chance hatten. „Ein Freund sagt, ich habe einen Dachschaden, das könne alles nicht klappen, und ich solle doch zumindest nach Akkord bezahlen. Aber bei mir verdient jeder mindestens zehn Euro in der Stunde; alles andere erscheint mir unwürdig“, stellt Sina Trinkwalder klar.

     

    Es ist nun knapp zwei Jahre her, dass sie das Bekleidungsunternehmen Manomama gegründet hat. Der Name entstammt dem Kindermund ihres inzwischen siebenjährigen Sohnes. Er war es auch, der für sie den Ausschlag gab, radikal mit ihrem früheren beruflichen Leben zu brechen. Doch von vorn: Sina Trinkwalders Aufstieg begann bereits vor dem Abitur. Damals hatte sie zusammen mit ihrem späteren Mann eine Werbeagentur gegründet, die bald sehr gut lief und beiden ein luxuriöses Leben ermöglichte: „Ein großes Auto, mit 25 Jahren schon fünf Rolexuhren und jeden Abend essen gehen.“ Die Kunden schätzten Sina Trinkwalder, immer häufiger wurde sie auch als Unternehmensberaterin zu Rate gezogen. „Da ging es dann oft darum, die Effizienz zu erhöhen – und das hieß häufig, Frauen im Direktvertrieb einzusparen.“ Zunächst dachte sie kaum darüber nach, was das eigentlich bedeutete, aber nach der Geburt ihres Sohns stellte sie sich immer häufiger die Sinnfrage: „Wie soll aus der nächsten Generation was Gutes werden, wenn die Mütter so unter Druck stehen?“ Außerdem stellte sie fest, dass es sie anödete, immer nur mehr Geld zu verdienen. Und so kam sie eines Abends nach Hause und war sich plötzlich absolut sicher: So wie bisher wollte sie nicht weitermachen. Ihren Mann zu überzeugen war nicht schwer. Im Gegenteil: Er war sofort bereit, das gemeinsam Ersparte in einen Neuanfang zu stecken.

     

    „Ich hatte von Mode überhaupt keine Ahnung“, sagt die 34-Jährige – und tatsächlich würde niemand auf die Idee kommen, dass die uneitel gekleidete Frau die Chefin eines Bekleidungsunternehmens sein könnte. Ihre Füße stecken in schwarzen Turnschuhen, und ihren silbernen Pullover hat ihr Sohn recht zutreffend einmal als Kettenhemd beschrieben. Dass sie sich dennoch für die Branche entschieden hat, erklärt sie mit dem Bedürfnis, etwas wieder gutzumachen – schließlich arbeiten in der Textilindustrie vorwiegend Frauen. Und dazu, dass Frauenjobs prekärer oder ganz gestrichen werden, hatte sie in ihrem vorherigen Beruf immer wieder beigetragen.

     

    „Pippi Langstrumpf hat gesagt: Ich kann alles. Und ich ergänze: Was ich nicht kann, kann ich lernen.“ Sie orderte bei einem Fachhändler die beste Nähmaschine, die es auf dem Markt gab, und steppte zunächst ein paar krüppelige Stofftiere zusammen. Doch der Rückwärtsgang schien nicht zu funktionieren, und so forderte sie den Verkäufer auf, die defekte Maschine auszutauschen. Der kam vorbei und stellte voller Verwunderung fest, dass die Kundin offenbar keine Ahnung vom Zusammenspiel von Nadel und Faden hatte. Noch viel erstaunter war er, als er von ihren Plänen erfuhr, in Kürze eine Näherei mit mehreren Angestellten zu eröffnen. „Du spinnst, Mädle“, war sein Kommentar – und dann reagierte er, wie viele Menschen auf die energiegeladene junge Frau reagieren, die mit Witz, derbem Charme und Idealismus die Gabe hat, andere Menschen mitzureißen: Seit jener Begegnung unterstützt er sie nach Kräften.

     

    So lernte Sina Trinkwalder innerhalb von ein paar Wochen leidlich nähen. Sie wusste nun auch, welche Maschinen sie für ihren Laden braucht. „Ich hör’ gern zu und lass’ mir brutal viel sagen. Je mehr Input ich von irgendwoher kriegen kann, desto besser.“ So kann sie sich beim Aufbau ihres Unternehmens auf viele Freunde verlassen, außerdem auf Professoren oder Ingenieure, die sich in der Textilproduktion auskennen. „Sie ist wie der FC Bayern München: Entweder die Leute lieben oder hassen sie“, beschreibt ihr Mann die Wirkung seiner Frau. Insbesondere bei anderen Wirtschaftskapitänen scheint es eher in die zweite Richtung zu gehen, zeigen sich doch einige von Sina Trinkwalders kompromissloser Art provoziert.

     

    Die ersten Angestellten von Manomama waren eine Näherin und eine Schnittmacherin, und es dauerte nicht lange, bis Sina Trinkwalder zwölf Mitarbeiterinnen hatte. Die Kleidungsstücke werden nach den Wünschen der Kundinnen angefertigt, die diese via Internet mitteilen. Wer sich einen Manomama-Maßanzug oder ein T-Shirt schicken lässt, erfährt über das Etikett, welche Näherin das Stück gefertigt hat. „Ich will die Anonymität zwischen Produzenten und Konsumenten aufheben“, begründet die Chefin dieses Vorgehen.

     

    Die Sache läuft – und inzwischen hat Sina Trinkwalder einen Kooperationspartner gewonnen, der ihr künftig zuverlässig große Mengen Textilien abnehmen wird. Wer das ist, ist noch geheim; doch die neuen Arbeitsplätze seien auf Jahre gesichert, verspricht Trinkwalder. „Es ist wie ein Märchen – und absolut cool, dass es wahr ist.“

     

    Annette Jensen
    23. Februar 2012

    www.manomama.de

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  • 70-restauration-aao

    Resteküche

    Die Restauration a.a.O. in Hannover praktiziert Kochen als eine Kunstgattung. Ein Gastmahl des Künstlers Dieter Froelich ist aber durchaus alltagsweltlich und überaus nachhaltig.

    Kitchen-Story

    Die Restauration a.a.O. in Hannover praktiziert Kochen als eine Kunstgattung. Ein Gastmahl des Künstlers Dieter Froelich ist aber durchaus alltagsweltlich und überaus nachhaltig.

    „In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog.“ Was Marcel Proust hier beschreibt, nennen die Amerikaner heute kurz „Comfort Food“ und meinen damit Speisen, die nicht nur den Magen erfreuen, sondern auch das Herz.

     

    Dem Hannoveraner Dieter Froelich (53), hauptberuflich Künstler, manchmal aber auch Künstlerkoch und Kochkünstler, wird der amerikanische Lifestyle-Begriff ein Graus sein. Aber er weiß genau, wovon Proust sprach. Froelich kennt die geheime Kraft des Essens, er kennt die Historie und die Psychologie der Esskultur, und er experimentiert kulinarisch in seiner ganz eigenen Versuchsküche der Restauration a.a.O.

     

    Der Begriff der „Restauration“ bezeichnet die Wiederherstellung eines alten Zustandes und die Stärkung von alten, meist politischen Vorstellungen. In Froelichs Restauration a.a.O. geht es um zweierlei Wiederherstellungsmaßnahmen: Es werden überkommene Ernährungstraditionen reanimiert und das körperliche Wohlgefühl der Gäste revitalisiert, das kurzzeitig durch Hunger gestört war. 

     

    Die Restauration a.a.O. ist kein alteingesessenes Spitzenrestaurant der wirtschaftlichen und politischen Hautevolee Hannovers. Deshalb kann weder ein Reiseführer noch ein Stadtplan, ein Gourmetführer, ein Navigationssystem oder ein ortskundiger Taxifahrer helfen, die Restauration a.a.O. zu finden – denn „a.a.O.“ heißt „am angegebenen Ort“. Es handelt sich um ein fahrendes Speiselokal, das sich erst verortet, wenn es gerufen wird, egal wohin – ob in einen Kunstverein, in eine stillgelegte Industriehalle oder ein privates Esszimmer. (Der Leser sollte jetzt um Himmels willen nicht denken „Ahh, ein Catering-Service“ – schon vergessen? Wir befinden uns mit Dieter Froelich in einer Phase der Restauration!) Die Restauration a.a.O. ist reaktionär und mobil reaktionsfähig.

     

    Wird Froelich zum Kochen gebeten, packt er die gesamte vagabundierende Küche in seinen VW-Bus, denn er verarbeitet die Zutaten seiner Speisen direkt am  angegebenen Ort. Froelich hat fast seine gesamte Ausstattung auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen zusammengesucht und so viele alte Dinge aus ihrer Nutzlosigkeit befreit. Er hat sie restauriert, wiederbelebt! Teller, Schüsseln, Gläser und Besteck, von denen seine Gäste essen und trinken, sind so individuell und manchmal auch so alt wie diese selbst. Das weiße Porzellan trägt stets den blauen, klaren Schriftzug der Restauration a.a.O. Und es wird schnell klar, dass man es mit einem Gesamtkunstwerk zu tun hat. Bleibt die Frage, was das für das Menü zu bedeuten hat.

     

    Froelich ärgert, was heutzutage in den Restaurantküchen „verbrochen“ wird: Der „affektierten Speise, dem überpuderten Dessertteller oder dem manieriert daher kommenden Appetithappen“ möchte der Kochkünstler etwas entgegensetzen, denn den heutigen Umgang mit Rohstoffen und Zutaten empfindet er als „falsch verstandene Kreativität“. Froelich möchte sich „auf würdige Weise“ mit der Bereitung des Essens beschäftigen. Ihm geht es dabei um das handwerkliche Kochen, um generelle Prinzipien und um „Archetypen von Speisen“. Dafür ist eine Rückbesinnung auf die Kochtraditionen notwendig – jenseits der Moden.

     

    Der Mann mit dem klassischen Kochhalstuch serviert Gerichte, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen: Kloß, Knödel, Pudding, Klops, Wurst, Pastete und Terrine. Und, ganz wichtig: Es geht ihm um Resteverwertung; nichts soll aus Überfluss weggeworfen werden. Wird ein Tier geschlachtet, verarbeitet die moderne Küche nur die „attraktiven“ Teile – wie Filet und Kotelett –, nicht aber Innereien, Kopf und Gliedmaßen. Diese sind tabuisiert, weil sie zu sehr an das Opfer erinnern, und gelten bestenfalls als Hausmannskost. Der Kenner der Koch- und Zubereitungsweisen Froelich aber demonstriert, dass nachhaltiges Kochen nicht den Beigeschmack einer Armeleuteküche haben muss. Er reaktiviert dafür in Vergessenheit geratene Rezepte aus Kochbüchern vergangener Jahrhunderte, die in modernen Ohren auch seltsam klingen können, zum Beispiel  „Von huner fuessen ein essen“, ein Rezept aus dem Wiener Dorotheenkloster des 14./15. Jahrhunderts.

     

    Bei jeder Festlichkeit, die die Restauration a.a.O. ausrichtet, gibt Dieter Froelich eine Einführung in seine Kochphilosophie und erklärt den Gästen seine Zutatenauswahl und die Methoden der Zubereitung. Er nennt das „Aufklärungsarbeit“. Jeder Gast erhält ein zum Anlass gefertigtes Textheft, das des Koches Reflektionen zu den servierten Speisen und zum Thema Nachhaltigkeit enthält. Wer auf den Geschmack kommt und wer künftig selbst in der eigenen Küche mehr Reste verwerten möchte, kann mehr als 350 Rezepte in Froelichs Buch Topografie der Gemengsel und Gehäcksel nachlesen.

     

    Ein Mahl der Restauration a.a.O. wird für jeden Gast ein ganz besonderes sein. Und so ein Abend kann die eigene Kochpraxis verändern, denn Froelichs Küche ist einfach und unkompliziert, regional und alltagstauglich, traditionell und nachhaltig, aber vor allem: überaus schmackhaft!

    Dana Giesecke
    18. Januar 2012

    www.restauration-a-a-o.de

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  • 170-schmidttakahashi

    Lumpensampler

    Das Berliner Modelabel schmidttakahashi macht unter dem Titel Reanimation – Wiederbelebungsmaßnahmen aus Altkleidern Haute Couture.

    Jacke wird Hose

    Das Berliner Modelabel schmidttakahashi macht unter dem Titel Reanimation – Wiederbelebungsmaßnahmen aus Altkleidern Haute Couture.

    „Entwerft doch lieber Teile, die so gut sind, dass man sie nicht wegschmeißen will“, hatte ihr Professor geraten, als sie ihm die Idee für ihre Diplom-Kollektion vorstellten; sie planten, neue Kleidungsstücke aus Altkleidern, aus Weggegebenem zusammenzusetzen. Doch Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi, damals beide kurz vor dem Abschluss ihres Studiums an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, waren kühn und unbeirrt, auch von der Skepsis ihres Betreuers, und begannen mit der Arbeit an ihren ersten textilen „Wiederbelebungsmaßnahmen“. Dass sie innerhalb weniger Jahre Inhaberinnen eines angesagten Modelabels sein könnten, mit Runway-Schauen und Showrooms, kam den Design-Studentinnen damals, 2008, nicht in den Kopf.

     

    Das Kleidungsstück mit der Nummer 100001-00 – erste Kollektion, allererstes Teil – hängt aus Nostalgie noch heute im Berliner Atelier. Darin erwachen drei aussortierte Klamotten zu neuem Leben: Im Kragen, in den Schultern und Taschen ist Unikat 100001-00 ein schwarz glänzender Smoking, in den Armen ein feiner brauner Cashmere-Pullover, im Rücken und den Lenden ein grober blauer Wollpulli – und alles in allem eben ein schmidttakahashi-Strickblazer. Ein phänomenaler Blazer; leider für Herren. Kann ich meinen Freund dazu bringen, so was anzuziehen? Aus Altkleidern? Ich könnte behaupten, das Teil stammt aus der aktuellen Boss-Kollektion – er liebt Hugo Boss. Müsste ich nur das Label fingieren.

     

    Der erfolgreich hinters Licht Geführte besäße ein umwerfendes Kleidungsstück, würde aber – weshalb ich den Betrug doch nicht versuche – um die besondere Freude gebracht, die der Besitz eines schmidttakahashi-Piece verspricht. Denn der aufgeklärte Eigentümer von Unikat 100001-00 darf sich in dem Wissen sonnen, dass für seinen Blazer keine Stoffe neu produziert werden mussten, dass nichts aufwändig und umweltfeindlich transportiert wurde, und dass das Geld direkt bei den Damen landet, die das Jackett per Hand genäht haben – das soll Hugo Boss erstmal nachmachen.

     

    Das Bezauberndste am schmidttakahashi-Tragen aber ist, dass man ein Einzelstück hat, eine Zusammenstellung, die es so nur einmal gibt – und deren Zusammensetzung sich exakt rekonstruieren lässt. Letzteres geht über intuitives Entdecken – dieser sandfarbene Ärmel muss von einem anderen Teil stammen als der geblümte Kragen da – oder ganz nüchtern, mit Hilfe des schon genannten Nummerncodes. Den bekommt nicht nur die glückliche Käuferin, sondern den erhalten auch die Personen, deren ausgediente Klamotten im schmidttakahashi-Teil zu neuem Glanz gekommen sind. Geschichtsinteressierte Neubesitzer können über den Code unsentimentale Aussortierer aufspüren, oder nostalgische Kleiderspender die Neugier befriedigen, ob aus dem geliebten Pelzmantel nun ein T-Shirt geworden ist oder ein Abendkleid.

     

    Derart nummerierte Kleidungsstücke kann man Anfang 2012 schon zum fünften Mal auf der halbjährlichen Berliner Fashion Week bewundern. Von Schmuddelecke (oder -container) nicht ein Hauch, und Designerin Takahashi lässt in ihrer Pullikleid-Eigenkreation alle anwesenden Fashionistas erblassen. Auch der Diplomarbeitsbetreuer ist mittlerweile Anhänger der Reanimation; Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi hätten über die Arbeit mit schon festgelegten Stoffen einen ganz eigenen Stil entwickelt, hat der Professor sein frühes Urteil beeindruckt revidiert. 

     

    Was sind das also für Frauen, die den Modezirkus mit der Ansage betreten haben, aus Altkleidern Haute Couture machen zu können? Und die sich in den bisher vier Jahren ihrer gemeinsamen Wiederbelebungsaktivitäten einen Namen gemacht haben, der von der Vogue bis ins greenpeace magazin, von der ZEIT bis ins Modeblog Les Mads strahlt?

     

    Sie – und ihre Mode – wirken behutsam und klar, festgelegt und experimentierfreudig zugleich. Weniger ätherisch gesagt: Eugenie Schmidt, Anfang 30, aus Tadschikistan, und Mariko Takahashi, Ende 30, aus Japan, haben in Berlin Modedesign respektive Textil- und Flächendesign studiert. Irgendwann im Laufe des Studiums stellten sie fest, dass beide besonders die mit Kleidungsstücken verbundenen Gefühle und Erinnerungen interessant finden. Und sie beschlossen, nicht einfach neue Teile, frische Projektionsflächen für Emotionen, zu gestalten – wie es von angehenden Designerinnen zu erwarten wäre. Stattdessen wollten sie in abgelegten Kleidern nach den scheinbar erloschenen Erfahrungen suchen; in einen anderen Zusammenhang gebracht, könnten diese wieder aufblühen, um sich in einen neuen, vielschichtigeren Erfahrungsschatz zu fügen.

     

    Von organischen Stoffkreisläufen oder Cradle-to-Cradle-Ideen – Müll gibt es nicht, in Verbrauchtem keimt Neues – ist das nicht weit entfernt. Und so sind Schmidt und Takahashi seit ihrer ersten Runway-Show 2009 insbesondere von den umweltinteressierteren Modeliebhabern beachtet worden: auf der Fashion Week sind sie Teil des GREENshowroom, und auch den RecyclingDesignpreis haben sie schon gewonnen. Ob sie wirklich „green“ seien, wüssten sie aber gar nicht so genau, gesteht Takahashi: „Wir nehmen auch Leder und Synthetik, wenn jemand es abgibt, wir sind keine Veganer oder so.“

     

    Grün oder nicht, in jedem Fall ist das, was schmidttakahashi betreiben, Slow Fashion: die Kundin setzt sich auseinander mit dem, was sie kauft, und sie stopft nicht gigantische Mengen billigen Zeugs in ihre Tüten. Damit ihre Arbeitsweise aber für die Designerinnen nicht Super-Slow Fashion bedeuten muss, haben sie unlängst eine zweite Linie lanciert. Neben den enorm aufwändigen Unikaten – für jedes einzelne Teil wird auf der Grundlage der gerade verfügbaren Kleiderspenden eine eigene Form und Zusammensetzung entwickelt – gibt es nun Duplikate. Im Schnitt haben die ein Unikat zum Vorbild, weichen aber in Material und Farbe davon ab; sie erlauben es Schmidt und Takahashi erstmals, ihre Kleidungsstücke in unterschiedlichen Größen anzubieten. In gewisser Weise entspringen auch diese zahlenmäßig sehr begrenzten Duplikate Wiederbelebungsprozessen – reanimiert ist das Unikat – und stellen einen Weg der Einsparung von Ressourcen dar.   

     

    Möchte man sich die Entstehung eines schmidttakahashi-Stücks konkreter ausmalen, so kann man auf der Webseite des Labels im „Altkleiderarchiv“ stöbern und wird sich an das Kinderbuch erinnert fühlen, wo Elefantenbeine zum Krokodilsrumpf und dem Giraffenhals kombiniert werden konnten: Nichts passt, und irgendwie geht alles. Im Archiv finden sich Stofftaschentücher zwischen Hosen, Spitzenhemdchen neben Mützen. Dass ein schäbiges London-Shirt schon „reanimated“ wurde, zeigt ein Banner an, eine Pluster-Steg-Jogginghose scheint es (noch?) nicht zu sein. Womit würde ich diese absurde Hose zusammenschneidern? Was für ein Kleidungsstück würde das überhaupt, für welches Körperteil? Und passt dazu womöglich der viel zu kurze, aber wunderbare Samtrock von meiner Mutter, der seit Jahren in meinem Schrank wartet – auf was wartet der eigentlich? Auf Wiederbelebung?! 

    Luise Tremel
    23. Januar 2012

    www.schmidttakahashi.de

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  • 100-aldebaran

    Stier der Meere

    Frank Schweikert macht mit seinem Schiff ALDEBARAN vieles: Forschen, Bilden, Senden, Öffentlichkeitsarbeit für Nachhaltigkeit. Ein Bericht über einen Journalisten ganz ungewöhnlicher Art.

    Leinen los!

    Frank Schweikert macht mit seinem Schiff ALDEBARAN vieles: Forschen, Bilden, Senden, Öffentlichkeitsarbeit für Nachhaltigkeit. Ein Bericht über einen Journalisten ganz ungewöhnlicher Art.

    Hartnäckigkeit kann man Frank Schweikert wirklich nicht absprechen. Seit fast 20 Jahren betreibt der Journalist die ALDEBARAN als Forschungs- und Medienschiff und verfolgt mit ihr die Idee, dass man die Ergebnisse der Meeresforschung schneller und interessanter an die Leute bringt, wenn man sie direkt vom Ort der Forschung aus sendet: vom Schiff also. Das Ende der Arbeitsteilung zwischen Forscher und Reporter ist zwar bis heute noch nicht flächendeckend eingetreten, aber, wie gesagt, Frank Schweikert gehört zu den Hartnäckigen.


    Schon als Schüler hatte er für die Zeitung Badische Neueste Nachrichten geschrieben, war dann nach dem Abitur zum Sender SWF3 gegangen und Rundfunk- und Fernsehjournalist geworden. Neben dem Schreiben gehörte zu seinen Passionen das Meer, also studierte er folgerichtig noch Biologie auf Diplom. Den Wunsch seines Professors nach einer anschließenden Promotion lehnte er jedoch ab, weil es ihn nervte, „auf wie viel Wissen Wissenschaftler herumsitzen, ohne es weiterzugeben.“ Frank Schweikert passierte dann etwas, was nicht vielen Menschen passiert: Ihm lief ein Schiff zu – das havarierte Exemplar eines Schiffes, mit dem er schon seit vielen Jahren geliebäugelt hatte, das er sich aber intakt nie hätte leisten können.


    Mit dem Plan, aus dem Hurricane-Wrack ein Forschungs- und Medienschiff entstehen zu lassen, ging er 1991 zur Bank, bekam zu seiner nicht geringen Verwunderung ein Darlehen von 200.000 D-Mark und ließ das Schiff auf- und umbauen: seitdem ist Schweikert der Kapitän der ALDEBARAN, benannt nach dem hellsten Stern im Sternzeichen des hartnäckigen Stiers.


    1992 ging es los mit der ersten Reportagefahrt. Schweikerts bis heute zündende Idee war es, das alte Ü-Wagen-Konzept (Anm. d. Red.: Übertragungswagen) des Hörfunks auf die maritimen Hotspots der Nachhaltigkeit zu übertragen: im Meer genau dorthin zu fahren, wo Veränderungen in der Ökologie hautnah zu spüren und zu beschreiben sind. Seine Radioübertragungen direkt von der See waren höchst innovativ, aber durchaus nicht immer beliebt. Als die ALDEBARAN in ihrer ersten Sendung von der Rückkehr des Herings in die Flensburger Förde berichtete, empörte sich der für Umweltthemen zuständige ARD-Redakteur: „Jetzt haben wir uns mit den Umweltverbänden jahrelang Mühe gegeben, die Ostsee totzureden, da kommt die ALDEBARAN und macht sie wieder lebendig!“


    Gute Nachrichten sind eben schlecht für die etablierten Medien, auch wenn man sie gerade im Feld der Nachhaltigkeit eigentlich gut gebrauchen könnte. Aber hier hat sich ein professioneller Katastrophismus breitgemacht, dem mutmachende Erfolgsberichte eher ungelegen kommen. Frank Schweikert ließ sich davon nicht beirren. Inzwischen waren sie alle mal auf dem Schiff gewesen: Heroen der Meeresforschung wie Jacques-Yves Cousteau, der Umweltpolitik wie Klaus Töpfer, dazu eine Menge Minister, Bundespräsidenten usw.


    Schweikert ist neben allem anderen auch noch ein Technikfreak, und so gelang es ihm, mit der ALDEBARAN vieles als erster zu machen: nicht nur die Ostsee vom Totenbett zurückzuholen, sondern zum Beispiel auch die erste Email von einem Schiff zu versenden (1994!), die erste Unterwasser-Live-Moderation durchzuführen (1996), den ersten digitalen Fernsehschnittplatz auf einem Schiff zu installieren (1998) oder die erste Fulldome-Unterwasseraufnahme für Planetarien zu machen.


    Die Expeditionen der ALDEBARAN lassen sich heute, nach zwei Jahrzehnten, kaum mehr zählen, die Schülerprojekte, die an Bord durchgeführt worden sind und prägende Einblicke in die praktizierte Nachhaltigkeitsforschung vermittelt haben, auch nicht. Trotz der chronisch prekären Finanzierung arbeitet Schweikert ständig an der Erweiterung seiner rastlosen Aktivitäten für Klima, Meer und Bildung: im Moment nimmt er gerade – zusammen mit Hartmut Graßl, dem deutschen Klimaforscher der ersten Stunde – den weltweit ersten Klimasender in Angriff: One Climate TV hat unlängst die europaweite Sendelizenz erhalten. Nun fehlen, wie immer, noch ein paar hunderttausend Euro zur Realisierung des regelmäßigen Sendebetriebs, aber die kriegt Frank Schweikert, der Hartnäckige, bald zusammen. Ohne jeden Zweifel.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.aldebaran.org

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  • 110-forum-anders-reisen

    Weltanschauung

    Das forum anders reisen fördert nachhaltigen Tourismus und innovative Reise-Ideen. Das von Flugreisenden verursachte CO2 wird bei der Klima-Agentur atmosfair kompensiert.

    Fairreisen!

    Das forum anders reisen fördert nachhaltigen Tourismus und innovative Reise-Ideen. Das von Flugreisenden verursachte CO2 wird bei der Klima-Agentur atmosfair kompensiert.

    Reisen ist für Vorurteile, Bigotterie und Engherzigkeit lebensgefährlich, 
und viele unserer Leute benötigen es aus diesem Grunde dringend. 
(Mark Twain)


    Auf Tourismus-Messen begegneten sie sich immer wieder. Und stellten fest, dass sie ähnlich tickten. Sie bemühten sich, eine andere Art von Reisen zu organisieren, eine, die lustbetont fremde Welten erkundet und doch gleichzeitig Rücksicht auf Umwelt, Land und Leute nimmt. 1998 schließlich schritt ein Dutzend Menschen zur Tat. Sie gründeten den Verein forum anders reisen, um einen Tourismus zu fördern, der „langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für ortsansässige Gemeinschaften“ ist. Inzwischen, berichtet Ute Linsbauer von der Freiburger Geschäftsstelle, sei das forum anders reisen auf eine Gemeinschaft von über 140 Reiseunternehmen angewachsen. Ihr Büro koordiniert alle Aktivitäten und gibt den gemeinsamen Katalog Reiseperlen heraus.


    Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, 
welche die Welt nicht angeschaut haben. (Alexander von Humboldt)


    Keine Reise machen ist auch keine Lösung, das wusste schon der Humanist von Humboldt. Natürlich produziere praktisch jede Art von Urlaub mehr oder weniger Treibhausgase, insbesondere das Fliegen, gibt Ute Linsbauer zu. Aber man dürfe nicht vergessen, dass es in den armen Ländern viele Menschen gebe, die vom Tourismus abhängig seien. Und: Auch wenn man aus Klimaschutzgründen auf Flugzeuge spuckt und nur Rad fährt, frisst vielleicht zu Hause der Kühlschrank lustig grinsend weiterhin Strom, und im Feriendomizil rumpelt ein zweiter. 


    Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. (Loriot)


    Blättert man im Reiseperlen-Katalog, fällt einem die Treibhausgasberechnung für jede Flugreise ins Auge. Der Veranstalter Biss-Reisen etwa bietet die Erkundung der zentralasiatischen Seidenstraße per Rad an; der Flug nach Taschkent verursache „ca. 2.970 kg klimarelevante Emissionen“, die man mit einer Überweisung von 70 Euro an die Klima-Agentur atmosfair kompensieren könne. Das Reiseunternehmen Weltweitwandern organisiert eine Trekking-Tour durch den Himalaya; für 4.640 Kilogramm Treibhausgase ist ein Ausgleich von 109 Euro an atmosfair zu bezahlen. Der Kompensations-Dienstleister wurde 2003 gemeinsam von der Umweltorganisation Germanwatch und dem forum anders reisen gegründet und fördert mit seinen Einnahmen Solar-, Biomasse- oder Energieeffizienzprojekte in Entwicklungsländern. Wirklich neutralisieren kann auch atmosfair die Treibhausgase nicht, gibt Linsbauer zu, aber immerhin kompensieren.


    Als wir noch in der Wiege lagen, dacht’ keiner an den Liegewagen. Jetzt kann man nachts im Wagen liegen und sich in allen Lagen wiegen. (Kanon, Verfasser unbekannt)


    Klar, mit dem Rad oder der Bahn zu fahren sei auf jeden Fall besser, sagt Ute Linsbauer. Die Mitglieder des forum anders reisen seien angehalten, in ihren Reiseangeboten immer wieder darauf hinzuweisen. Zudem veröffentlicht das Forum „Tipps zum CO2-Sparen im Urlaub“. „Fliegen Sie nur, wenn Sie nicht anders anreisen können“, heißt es darin, „denn Flugreisen sind der Klimakiller Nr. 1 im Tourismus. Sie verursachen bis zu 80% der CO2-Emissionen einer Reise.“ Man empfehle deshalb, weniger oft in die Ferne zu fliegen, dafür aber möglichst lange vor Ort zu bleiben. Auch die Reisebranche selbst solle mehr Verantwortung für den Klimaschutz übernehmen: „Kurztrips mit dem Flugzeug gehören nicht in ein nachhaltiges Angebotsportfolio.“


    Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, 
ob man sich anständig benehmen muss 
oder ob schon deutsche Touristen da gewesen sind. 
(Kurt Tucholsky)


    Und woran erkennt ein fernwehkranker Mensch, dass die Reiseangebote des Forums ihre selbstgesteckten hehren Ansprüche erfüllen? Wer als Reiseveranstalter dem Verein beitritt, erklärt Ute Linsbauer, der verpflichte sich, binnen zwei Jahren den sogenannten CSR-Prozess zu absolvieren. CSR steht für Corporate Social Responsibility und ist ein kleines rotes Siegel, das an Reiseveranstalter verliehen wird, die eine Reihe von Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Der Kriterienkatalog sei „das Herzstück“ des forum anders reisen, weil es die Grundsätze eines umwelt- und sozialverträglichen Reisens definiere.


    Offroad-Touren mit Geländewagen oder Motorschlitten; Reiseziele, deren Flora, Fauna oder Gesellschaftsform durch Tourismus beschädigt werden könnten; Zubringerflüge innerhalb Deutschlands oder Flüge über 2.000 Kilometer mit einer Aufenthaltsdauer von weniger als zwei Wochen – all das bietet das forum ganz bewusst nicht an. Aber es gebe auch eine Menge Positivkriterien, sagt Linsbauer: Kleine familiengeführte Unterkünfte würden bevorzugt, die Angestellten müssten fair entlohnt werden, die Reisegruppen seien klein und gut betreut. Begegnungen zwischen Gästen und Einheimischen seien zu fördern und „rein folkloristische Veranstaltungen“ zu meiden. Reiseveranstalter müssten in einem sogenannten CSR-Bericht beweisen, dass sie sich an den Kriterienkatalog halten. Ein unabhängiger Zertifizierungsrat überprüfe dies und verleihe ihnen dann das Gütesiegel CSR-Tourism-Certified.


    Rechte Ferienfreuden sind nur dort zu genießen, wo andere im Alltag stehen und dessen Mechanik bestreiten. Da hat der Tourist sein Glück... Wo hingegen alle auf Urlaub sind, an Ferienplätzen, in Heimen, in Sanatorien, am Strand, dort herrscht nur der Maskenball. (Martin Kessel)


    Ein weiteres Anliegen der Reiseveranstalter sei es, berichtet Ute Linsbauer weiter, tiefere Einblicke in den politischen und kulturellen Alltag von Ländern zu fördern. Im Reiseperlen-Angebot finden sich deshalb zahlreiche Kulturreisen oder auch „Reisen in die Zivilgesellschaft“. Die Reiseführer sind in diesem Fall Autoren der tageszeitung, die Begegnungen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen organisieren – in Vietnam, der Türkei, Irland und anderswo. Türkei-Korrespondent Jürgen Gottschlich etwa kennt jeden Intellektuellen-Treffpunkt in Istanbul, und Großbritannien-Berichterstatter Ralf Sotschek begrüßt jedes irische Bierglas beim Namen.


    Ist es nicht schrecklich, ständig andere auf Reisen zu schicken, während man selbst nur aus dem Bürofenster schauen kann? Ach nein, findet Ute Linsbauer. Langweilig sei es nie in der Freiburger Geschäftsstelle. Auch das forum habe sich dem CSR-Prozess unterworfen und überprüft, ob es ökologisch und sozial arbeitet. „Innerhalb von zwei Jahren haben wir unseren Stromverbrauch auf die Hälfte gesenkt“, sagt sie nicht ohne Stolz. „Ist das nicht fantastisch?“

    Ute Scheub
    19. Januar 2012

    www.forumandersreisen.de

    www.atmosfair.de

    www.tourcert.org

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  • 125-forum-fuer-verantwortung

    Aufklärer

    Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können: Der ehemalige Metro-Manager Klaus Wiegandt widmet sich heute mit seiner Stiftung Forum für Verantwortung dem Thema Nachhaltigkeit.

    Der harte Hund

    Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können: Der ehemalige Metro-Manager Klaus Wiegandt widmet sich heute mit seiner Stiftung Forum für Verantwortung dem Thema Nachhaltigkeit.

    Wenn man wissen will, wie Vorstände großer Konzerne, CEOs oder Leiter großer Familienunternehmen „als Menschen“ wirklich sind, lohnt es sich, ihre Chauffeure zu fragen. Die verbringen viel Zeit mit ihnen, erleben sie gestresst oder entspannt, zu allen denkbaren Uhrzeiten, in jedem denkbaren Kontext. Der frühere Fahrer von Klaus Wiegandt jedenfalls hält große Stücke auf den Ex-Topmanager. Er erzählt, dass Wiegandt nie eine Spur von Arroganz, Ignoranz oder Überheblichkeit gezeigt habe; im Gegenteil, immer sei der Chef aufmerksam, freundlich und loyal auch Angestellten wie ihm gegenüber gewesen; in deutlichem Unterschied übrigens zu vielen der früheren Geschäfts- und Verhandlungspartner Wiegandts, die doch gelegentlich ein ziemlich großkotziges Verhalten an den Tag gelegt hätten.

     

    Es ist noch gar nicht so lange her, dass Wiegandt einer der Führenden in der deutschen Wirtschaft war. 1976, mit 37 Jahren, wurde er Generalbevollmächtigter der Einzelhandelsgruppe Rewe Leibbrand. Schon ein Jahr später machte ihn Willi Leibbrand zum Mitgesellschafter der Familienholding. 1991 wurde er Chef des Handelsunternehmen Asko, das 1996 in der Metro AG aufging. Wiegandt war einer der Mitinitiatoren der Fusionierung von Asko, Kaufhof und Metro zum größten deutschen Handelsunternehmen. Zu den 60 Milliarden DM jährlichem Umsatz, auf die die drei damals zusammen kamen, sattelten Wiegandt und seine Kollegen innerhalb von drei Jahren nochmals 40 drauf; da war die Metro dann mit 100 Milliarden Umsatz nach Wal-Mart das zweitgrößte Handelsunternehmen der Welt. In seinem Vertrag hatte Wiegandt eine Klausel, dass er mit 60 Jahren aussteigen konnte – aber dazu gleich mehr. Man kann schon an dieser Kurzbiographie erkennen, dass Klaus Wiegandt als Verhandlungspartner und Stratege offenbar ein harter Hund war; mit Sanftheit schafft man keinen Großkonzern. 

     

    Seine Fähigkeit, Freundlichkeit und Verbindlichkeit im Umgang mit Deutlichkeit und Härte in der Sache zu kombinieren, hat Wiegandt sich bewahrt, obwohl er heute ganz andere Dinge macht als früher. Im Jahr 2000, kurz nachdem er mit 60 den Metro-Konzern verlassen hatte, gründete er nämlich die Stiftung Forum für Verantwortung, und seither engagiert er sich so konsequent für Nachhaltigkeit, wie er das zuvor für den Erfolg der von ihm geleiteten Firmen getan hat. In Kooperation mit der ebenfalls von ihm initiierten ASKO EUROPA-STIFTUNG und der Europäischen Akademie im saarländischen Otzenhausen stellt Wiegandt seither vieles auf die Beine: So veranstaltet er jedes Jahr ein hochkarätiges Kolloquium, zu dem er Denker wie Jared Diamond oder den Grenzen-des-Wachstums-Autor Dennis Meadows nach Otzenhausen holt. Oder er gibt eine Taschenbuchreihe im S. Fischer Verlag heraus, die sich in den ersten 13 Bänden dem Zustand der Erde und der Wirtschaft gewidmet hat – mit demoralisierenden Ergebnissen. Aber: im Unterschied zu vielen Büchern zur Nachhaltigkeit hat sich die Reihe von Klaus Wiegandt eine breite Leserschicht erschlossen. Inzwischen sind mehr als 150.000 Exemplare verkauft worden; die Reihe erscheint seit einigen Jahren mit gutem Erfolg auch im englischsprachigen Raum.

     

    Klaus Wiegandts Idee war es, die komplexen Themen – vom Zustand der Erde bis zur Zukunft der Ernährung – von renommierten Autorinnen und Autoren verständlich und kompakt darstellen und dies in einer preiswerten Taschenbuchausgabe bei einem Publikumsverlag erscheinen zu lassen. Der zuständige Lektor hatte starke Zweifel an den Erfolgsaussichten einer solchen Reihe, aber Wiegandt wäre nicht Wiegandt, wenn ihn das abgeschreckt hätte. Er machte dem Verlag ein Angebot zur Mitfinanzierung der Reihe, die inzwischen eines der Vorzeigeprojekte des Verlags geworden ist und sich auch wirtschaftlich hervorragend rechnet.

     

    Wer Klaus Wiegandt bei Vorträgen und Diskussionen erlebt, ist fasziniert: Er argumentiert sachlich, bestimmt und höchst engagiert. Man denkt unwillkürlich: authentisch. Der macht keine Show. Als ehemaligem Wirtschaftsmenschen nimmt man ihm ab, dass er weiß, was er tut. Und wenn Wiegandt sich für die Nachhaltigkeit engagiert, dann nimmt er genauso wenig ein Blatt vor den Mund wie früher in der Wirtschaft. In einem Interview mit der Lebensmittel-Zeitung etwa wird er gefragt, ob er denn nun, da immer mehr Unternehmen sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schrieben, zufrieden sei. Seine Antwort: „Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen, die vorgeben, nachhaltig zu wirtschaften, ihrem Geschäftsbericht einfach einen grünen Anstrich geben.“

     

    Solche Dinge sagt er auch Oberbürgermeistern deutscher Großstädte, Ministerinnen, Vorstandsvorsitzenden und auch sonst allen, zu denen er spricht. Inzwischen ist Wiegandt ein sehr gefragter Referent und Berater in Fragen der Nachhaltigkeit und der gesellschaftlichen Transformation geworden: gerade weil er weiß, wovon er spricht, wenn er sagt, wie unendlich schwierig es ist, eine Wirtschaft umzubauen, die zum Beispiel wegen völlig falscher Preise für Energie unter hohen Umweltkosten von überall her Lebensmittel herankarrt, die man regional ebenso gut erzeugen könnte. Und selbstkritisch gesteht er ein, dass er und seinesgleichen lange Zeit genau die Fehler gemacht haben, an deren Korrektur er mit seiner Stiftung jetzt arbeitet: Er habe mit dafür gesorgt, dass regionale Molkereien und Brauereien aufgeben mussten, weil die Preise, die ein Konzern wie die Metro an die Zulieferer bezahlt, große Unternehmenseinheiten voraussetzen. Kleine regionale Betriebe können da nicht mithalten.

     

    Heute wird er nicht müde zu sagen, dass das ökologisch nicht vertretbar sei, und dass gerade die reichen Industriegesellschaften Vorreiter für den nachhaltigen Umbau sein müssten. Ideen dafür hat er genug. Mit dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat er Lehrmaterialien entwickeln lassen, in denen zentrale Fragen der Nachhaltigkeit für Lehrer und andere Multiplikatoren aufbereitet worden sind – ebenfalls ein sehr erfolgreiches Projekt. Seine Buchreihe bekommt nun, nach den ersten 13 Bänden, einen anderen Fokus: Künftig wird es hier um die Perspektiven einer nachhaltigen Gesellschaft gehen – wie sie also mit weniger Mobilität und Ressourcenaufwand höhere Lebensqualität erzielen kann.

     

    Nach mehr als zehn Jahren intensiven zivilgesellschaftlichen Engagements sieht Wiegandt heute gute Chancen für die Transformation: Die Gesellschaft diskutiert kritisch über Wachstum, stellt neue Fragen, wie man eigentlich leben will und sollte. „Die Menschen werden offener für Veränderungen“, sagt der ehemalige Wirtschafts- und heutige Transformationsmann, und das motiviert ihn natürlich noch mehr. Im Augenblick überzeugt er gerade ehemalige Konkurrenten und Mitstreiter, ihm Spenden für ein neues Kolloquium zu geben, das sich vor allem an den Nachwuchs richtet. Auch Studierenden will er auf diesen Kolloquien internationale Topwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler präsentieren und sie gemeinsam an den zentralen Fragen einer zukunftsfähigen Gesellschaft arbeiten lassen. Wiegandt ist sich keineswegs zu schade dafür, Klinken putzen zu gehen, und dabei ist er, wen wundert’s, so überzeugend, dass die Angesprochenen widerspruchslos ihren Beitrag leisten. Der frühere Metro-Mann Erwin Conradi traut seinem Ex-Kollegen durchaus zu, dass er die Gesellschaft in Sachen Nachhaltigkeit ein deutliches Stück bewegen kann: „Den Klaus sollte niemand unterschätzen“, erzählte er einem Journalisten der ZEIT. „Das ist ein ausgezeichneter Stratege. Der erreicht sein Ziel.“

    Harald Welzer
    20. Januar 2012

    www.forum-fuer-verantwortung.de

    www.mut-zur-nachhaltigkeit.de

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  • 121-mobility

    Gemeinschaftskarre

    Die Schweizer Genossenschaft Mobility ist weltweit die erste Carsharing-Firma, die in einem ganzen Land präsent ist. Aus zwei grünen Selbsthilfegruppen ist ein hochmodernes Dienstleistungsunternehmen geworden.

    Nutzen ohne zu putzen

    Die Schweizer Genossenschaft Mobility ist weltweit die erste Carsharing-Firma, die in einem ganzen Land präsent ist. Aus zwei grünen Selbsthilfegruppen ist ein hochmodernes Dienstleistungsunternehmen geworden.

    Als Daniel Furrer sich Ende Juni 2011 entschied, beim Schweizer Carsharing-Unternehmen Mobility einzusteigen, wusste der 26-Jährige aus Zürich noch nicht, dass das eine Entscheidung fürs Leben sein würde: Er bekam die Mitgliedsnummer 100.000, und so werden ihm bis zum Ende seiner Tage die Grundgebühren der Autoteilgemeinschaft erlassen.

     

    Der Softwareentwickler mit den dunklen Locken und dem breiten Grinsen hat noch nie ein eigenes Auto besessen – und das aus ganz praktischen Erwägungen. „Da müsste ich mich ja um Versicherung, Reparaturen und einen Parkplatz kümmern – hier in Zürich extrem teuer – und ich müsste das Auto regelmäßig beim Straßenverkehrsamt vorführen. Dazu habe ich keine Lust und keine Zeit“, begründet er seine Haltung. In seiner Heimatstadt ist er außerdem mit Bus und Straßenbahn meist deutlich schneller; und wenn er alle paar Wochen doch mal ein Auto braucht, um zu einer Squashhalle aufs Land oder mit einem schweren Einkauf nach Hause zu kommen, dann holt er sich eben einen der kleinen roten Mobility-Wagen.

     

    Ein knappes Vierteljahrhundert hat es gedauert, bis aus zwei Selbsthilfegruppen mit zusammen 22 Mitgliedern eine Genossenschaft mit sechsstelliger Beteiligtenzahl geworden ist. Die Idee, Autos zu teilen und so Platz auf den Straßen sowie Autonutzern Geld zu sparen, kam zwei Männern in der Schweiz fast zeitgleich. Im kleinen Stans scharte Conrad Wagner eine Freundesgruppe um sich, die ab sofort gemeinsam einen roten Opel Kadett und ein Motorrad nutzten. Im Mai 1987 gründeten sie die AutoTeilet-Genossenschaft – kurz ATG. Wer fahren wollte, trug sein Anliegen in eine Liste ein und holte den Schlüssel aus einem handgefertigten Holzkästchen.

     

    Etwa zwei Wochen später entstand unabhängig davon in Zürich die ShareCom Genossenschaft – auch diese Gruppe stand unter dem Motto: Nutzen statt besitzen. Sie bezog das aber nicht allein auf Autos, sondern auch auf andere Gegenstände wie Langlaufski oder Videokameras. Hier war der Initiator Charles Nufer, ein Informatiker und grüner Überzeugungstäter, der schon bald ein ausgeklügeltes elektronisches Reservierungssystem entwickelte.

     

    Eine Weile lang fuhren die beiden Organisationen nichtsahnend nebeneinander her – und bei beiden tauchten ähnliche Fragen auf: Sollte man sich als Dienstleister verstehen und ein möglichst rasches Wachstum anstreben oder sich lieber auf Gleichgesinnte konzentrieren? Eine Strategie gab es weder hier noch da, doch beide Genossenschaften wuchsen schnell. 1991 hatte die ATG schon fast 600 Mitglieder und 35 Autos, und auch Sharecom legte deutlich zu. Es war auch kurzzeitig von einer Fusion die Rede, doch die Chemie zwischen den beiden Leithammeln stimmte nicht, und das Vorhaben platzte.

     

    Aufwind kam dafür von wissenschaftlicher Seite: Eine Studie im Auftrag des Schweizer Bundesamts belegte, dass Autobesitzer, die zu Carsharern mutieren, ihr Gesamtfahraufkommen um 17 Prozent reduzieren – und, weil sie vermehrt andere Verkehrsmittel nutzen, 48 Prozent Energie einsparen. Das rief Mitte der 1990er-Jahre auch den Züricher Stadtrat auf den Plan, der den ausufernden Autoverkehr in der größten Stadt der Schweiz eindämmen wollte. Für das Pilotprojekt züri mobil, das Bus- und Bahnjahresabos mit der Nutzung von Mietwagen verbinden sollte, suchten die Züricher Verkehrsbetriebe einen Kooperationspartner. ATG machte schließlich das Rennen – und katapultierte das Carsharing in der Schweiz auf einen rasanten Wachstumskurs.

     

    1997 wurde aus den beiden Ur-Organisationen die neue Genossenschaft Mobility, die mit 12.000 Mitgliedern startete und schon ein halbes Jahr später 5.000 weitere Kunden dazu gewonnen hatte. Die Genossenschaft mit den hüpfenden Buchstaben im Logo wurde weltweit zum ersten Carsharing-Unternehmen, das in einem ganzen Land präsent ist. Auch zwischen den Schweizer Bahnen (SBB) und Mobility gab es bald ein Kombi-Abonnement, und irgendwann weitete sich das Angebot auch auf Gelegenheitsnutzer aus, die keine Genossenschaftsmitglieder waren.

     

    Heute stehen 2.600 knallrote Leihfahrzeuge in 470 Schweizer Ortschaften herum – oder rollen über Schweizer Straßen. Der Zugang ist denkbar einfach: Für Reservierungen ist das Callcenter in Luzern täglich – selbst an Heiligabend – 24 Stunden lang besetzt; man kann sich aber auch übers Internet oder per SMS anmelden. Nötig sind lediglich die Mitglieds- und PIN-Nummer, der Ort und die gewünschte Nutzungsdauer – schon ist der Bordcomputer informiert und lässt die Tür aufspringen, sobald die rote Mobility-Mitgliedskarte vors Fenster gehalten wird. Zum Fuhrpark gehören nicht nur Kleinwagen, sondern auch Alfa Romeos und Cabriolets, die vom Mobility-Team regelmäßig gewartet und gereinigt werden. Auch die Kundschaft ist bunt gemischt – von ökogrünen Freaks bis zu geschniegelten Unternehmern.

     

    Bis zum nächsten Mobility-Parkplatz sind es in der Regel nur fünf Minuten, sagt Daniel Furrer, der als Programmierer bei Google arbeitet. Nur einmal gab es am gewünschten Standort keinen Wagen mehr: „Da musste ich dann zehn Minuten gehen“, berichtet der 100.000ste Mobility-Genosse. 

    Annette Jensen
    20. Januar 2012

    www.mobility.ch

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  • 92-gea

    Brennstoff

    Heini Staudinger probiert einfach aus, wozu er Lust hat. Seit drei Jahrzehnten verkauft er ökologische Schuhe. In der Zwischenzeit hat er 100 Arbeitsplätze geschaffen – und scheißt si ned an.

    Eine „richtige“ Firma

    Heini Staudinger probiert einfach aus, wozu er Lust hat. Seit drei Jahrzehnten verkauft er ökologische Schuhe. In der Zwischenzeit hat er 100 Arbeitsplätze geschaffen – und scheißt si ned an.

    Als Heini Staudinger zum Besitzer einer maroden Schuhfabrik wurde, entließ er keine Arbeiter, um den Betrieb zu sanieren, sondern schmiss die Werbefuzzis raus. Aber da etwas Werbung sein muss, entwickelte er zusammen mit seinem Freund Didi den Brennstoff – eine Zeitschrift, die hauptsächlich über Nachhaltigkeitsthemen informiert, aber ebenso Gedichte, Songtexte und anderes Sonderbares enthält. Okay, auch ein paar eher klein gehaltene Anzeigen mit Schuhen, Matratzen und Möbeln, die Staudinger in seiner Firma, der GEA, produziert, finden darin Platz. In einer der ersten Ausgaben sollte unter anderem der ins Österreichische übersetzte Text des Beatles-Klassikers Let it be erscheinen, für den Heini Staudinger den famosen Titel Scheiß di ned an! gefunden hatte. Kurz vor Drucklegung kamen ihm dann doch Bedenken – der Brennstoff sollte in den Augen der Leser schließlich ein seriöses Produkt sein. Staudinger ging mit seinem Manuskript und seinen Zweifeln zu seinem Mitstreiter Didi, aber der schaute ihn nur kurz an und knurrte: „Scheiß di ned an!“ So landete der Text im Heft. Und Scheiß di ned an! liefert schon fast das ganze Programm, für das Heini Staudinger steht.


    Eigentlich ist Staudinger die perfekte Verkörperung von jemandem, von dem alle immer dachten, dass aus ihm nichts Vernünftiges werden würde. Ein eher unkonventioneller und unberechenbarer Typ, der alles Mögliche nur nichts zu Ende studiert hat; jemand, der mit dem Fahrrad nach Tansania fährt, nachdem die erste Reise mit dem Moped zu lange gedauert hat, weil das Ding ständig kaputt war. Nach jahrelangem Herumstudieren gründete Staudinger sein erstes Geschäft in Wien, weil ihm an einem Freund sogenannte Earth Shoes aus Dänemark gefallen hatten. Staudinger trampte nach Dänemark und bestellte gleich eine größere Menge, um sie in Österreich zu verkaufen. Geld hatte er keines für die Bestellung, und auch für die Anmietung eines Geschäfts in Wien war keine Kohle da. Aber so risikofreudig, wie er ohne jede Mittel in Dänemark die Bestellung unterschrieben hatte, so wagemutig unterzeichnete er den Mietvertrag – schließlich braucht man einen Laden, wenn man Schuhe verkaufen will. Scheiß di ned an!


    Freunde liehen ihm fürs Erste kleinere Beträge, mit denen er seine Rechnungen abstottern konnte, und das Geschäft lief von Anfang an nicht schlecht. Das war 1980. Drei Jahre später ergab sich eine Kooperation mit einer selbstverwalteten Schuhfabrik im niederösterreichischen Waldviertel, die aber leider mies lief. 1991 fürchteten die Waldviertler Schuhmacher, dass sie auf den Schulden der Firma sitzen bleiben könnten, und suchten einen neuen Eigentümer. Auf diese Weise wurde Heini Staudinger Schuhfabrikant. Sein damaliger Miteigentümer Gerhard Benkö wanderte kurze Zeit später nach Afrika aus, und Staudinger siedelte sein Wiener Unternehmen, das inzwischen neben Schuhen auch Sitzmöbel und Betten produzierte, ins strukturschwache Waldviertel über. Die Schuhfabrik hatte zwölf Arbeiter, als Staudinger sie übernahm; heute arbeiten dort 120 Leute.


    2006 musste Staudinger dann seinen Miteigentümer Benkö auszahlen, der sich allerdings schon jahrelang nicht mehr ums Geschäft gekümmert hatte. Das nervt Heini Staudinger bis heute – andererseits waren die Verhältnisse nun klar. So klar, dass die GEA mit der Weltwirtschaftskrise erst richtig durchstartete – seit der Pleite von Lehman Brothers Inc. stieg der Umsatz um 100 Prozent, die Zahl der Geschäfte um 50 Prozent. Der Schuhfabrikant sieht da durchaus einen Zusammenhang; er weiß lediglich noch nicht, welchen. Nach wie vor bezahlt er sich selbst weniger als seinen Mitarbeitern. Und nach wie vor versucht er, die GEA nachhaltiger zu machen, zum Beispiel indem so viele Materialien wie möglich direkt aus dem Waldviertel bezogen werden. Da aber nach dem Niedergang der heimischen Schuhindustrie keine Gerbereien mehr in der Region zu finden sind, liegt vor einer wirklichen Regionalisierung der Produktion noch ein weites Stück Weg.


    Aber Schwierigkeiten interessieren Staudinger nicht. Er habe eben Glück, und wenn das Glück anhalte, dann werde die GEA „irgendwann einmal sogar eine richtige Firma“. Naja, einen „richtigen Chef“, mit Businessplan, Smartphone, keiner Zeit und unbegrenztem Genieverdacht gegen sich selbst wird die GEA voraussichtlich nie haben. Letztes Jahr war Heini Staudinger übrigens mal wieder in Tansania. Mit dem Fahrrad. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.gea.at

    www.gea-brennstoff.at

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  • 114-2000-watt-gesellschaft

    Weniger ist Mehr

    In Zürich hat das Volk dafür gesorgt, dass radikales Energiesparen und eine Minimierung des Autoverkehrs in der Gemeindeordnung festgeschrieben sind. Die Stadtverwaltung setzt das mit Freude um.

    Das Volk verlangt weniger! – Weniger Energie

    In Zürich hat das Volk dafür gesorgt, dass radikales Energiesparen und eine Minimierung des Autoverkehrs in der Gemeindeordnung festgeschrieben sind. Die Stadtverwaltung setzt das mit Freude um.

    Die Abteilung für Umwelt- und Gesundheitsschutz der Züricher Stadtverwaltung stellt für ihre 150 Beschäftigten keinen einzigen Parkplatz zur Verfügung. „Ich kenne keinen Mitarbeiter, der mit dem Auto kommt. Es ist ja auch schweineteuer, wenn man acht Stunden lang eine Parkuhr füttert“, sagt Amtsdirektor Bruno Hohl, ein drahtiger 61-Jähriger, der selbst jeden Tag ins Büro radelt und schon seit Mitte der 1990er-Jahre unmotorisiert lebt. Der Mann mit der grauen Einstein-Frisur steht in der ersten Reihe, wenn es darum geht, Zürich in eine 2000-Watt-Metropole umzubauen – dieses Energiebudget wird pro Kopf und Jahr angestrebt. So haben es die Stimmbürgerinnen und -bürger der größten Schweizer Stadt in einer Volksabstimmung Ende 2008 beschlossen. Im Klartext bedeutet es: Der durchschnittliche Energieverbrauch eines Zürichers oder einer Züricherin muss um zwei Drittel sinken; bis 2050 soll so jede in der Stadt lebende Person nur noch für eine Tonne klimaschädliches CO2 verantwortlich sein.

     

    „Ich hätte damals keine Flasche Wein darauf verwettet, dass wir die Mehrheit schaffen“, sagt Hohl in Erinnerung an den Herbst 2008. Sicher, seine gesamte Umgebung legte sich für ein Gelingen ins Zeug. Aber es gab eben auch laute Stimmen, die warnten, solch ein Beschluss würde ein wirtschaftliches Harakiri bedeuten. Und Hohl fürchtete, dass die Zeit für eine breite Zustimmung noch nicht reif sei. Doch nach außen verbreitete er stets Optimismus, wie es seinem Naturell entspricht: „Ich hab’ immer gesagt: Wir brauchen ja nur 50 Prozent plus eine Stimme.“ Und dann, am Abend des 30. November 2008, stand fest: 76 Prozent der Züricherinnen und Züricher hatten „Ja“ angekreuzt. Seither steht das Ziel in der Gemeindeordnung, und die Politik muss sich daran ausrichten. „Ich war überwältigt: Wir haben jetzt ganz klar den Auftrag.“ Noch heute klingt in Hohls Stimme bei diesem Satz Begeisterung und Freude mit.

     

    Die Ursprungsidee der 2000-Watt-Gesellschaft stammt von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Wie sich da was genau berechnet und ob nicht Kilowattstunden die geeignetere Einheit wäre, stand für den Juristen Hohl nie im Vordergrund: „Ich seh’ das nicht akademisch, Hauptsache, es geht vorwärts. Wir müssen ein Minus von zwei Dritteln schaffen – Ende der Durchsage“, fasst er die Aufgabe für sich selbst zusammen.

     

    In jeder Entscheidung, in jedem Politikfeld der Stadt soll das Ziel nun mitbedacht werden. Hohl und seine Mitstreiter aus seinem Amt sind bestens vernetzt mit Menschen in den anderen Departementen: „Jeder von uns weiß, wo die anderen hinwollen, was für die in unserem Zusammenhang wichtig ist.“ Hatten die Architekten im Hochbaudepartement bis vor 15 Jahren fast nur die Ästhetik im Blick, so sind ihnen Verdichtung und Energieeffizienz heute ebenso wichtig – und dem Gesundheits- und Umweltdepartement, zu dem Hohls Umwelt- und Gesundheitsschutz gehört, die Kriterien der Baufachleute. Gemeinsam plädieren sie gegenüber den Investoren dafür, die gesetzlich vorgeschriebenen Standards noch zu übertreffen. Und sie alle betonen heute die Vorteile einer kompakteren Bauweise: Statt überall ein paar Abstandspflanzen und Rasenstückchen einzuplanen, können Grünflächen zusammengeführt und großzügiger angelegt werden.

     

    Hierarchien spielen dabei für Behördenleiter Hohl keine Rolle; entscheidend sind Sachkunde und echtes Interesse an der Umsetzung. Auch in Wirtschaftsverbände hinein, zu den Hochschulen und zur Kulturszene hat er viele Drähte: „Kulturelle Unterschiede oder Parteibücher haben mich nie abgeschreckt. Wenn wir ein gemeinsames Ziel haben, arbeiten wir zusammen.“ Hohl, der sich selbst als Menschenfreund bezeichnet, ist ein sehr zugewandter Mann. Im intensiven Gespräch vergisst er völlig seinen dichtgetakteten Terminkalender.

     

    Gerade beschäftigt ihn, wie die Schulen eingebunden werden können – ein Bereich, in dem ein fast unüberschaubares Geflecht von Behörden und Instanzen herrscht. Nach vielen Gesprächen ist inzwischen klar, dass bis zu fünf Züricher Schulen als erste ausprobieren sollen, wie eine nachhaltige Lehranstalt aussehen kann. Vom Hausmeister bis zum Matheunterricht – überall soll das 2000-Watt-Ziel präsent sein. Dabei beraten und unterstützen Hohl und seine Leute von außen; konkret umsetzen und ausführen aber müssen es die Schulangehörigen selbst.

     

    Auch bei der Auswechslung der städtischen Dieselbusse war Hohls Amt behilflich: „Wir sind solidarisch mit den Kollegen von den Verkehrsbetrieben, informieren sie, liefern ihnen Kontakte und Argumente, wenn es zum Beispiel darum geht, einen höheren Anschaffungspreis zu rechtfertigen; danach aber ist es ihr Geschäft, und wir können uns zurücklehnen“, beschreibt der Beamte die Rolle seiner Abteilung. Das konsequente Vermeiden von Parallelorganisation spart nicht nur Kosten, sondern auch Ärger und Reibungsverluste.

     

    Wo die Abteilung für Umwelt- und Gesundheitsschutz finanzielle Unterstützung leistet, sorgt sie freilich anschließend für ein Controlling. Auch das Coaching-Programm für kleine und mittelständische Unternehmen ist nur dann kostenlos, wenn der Betrieb danach auch tatsächlich etwas umsetzt. Zugeschnitten ist das Angebot auf die konkreten Bedürfnisse der Unternehmen. „Mein Großvater war Bäckermeister. Ich weiß, dass solche Leute wenig Zeit haben, weil sie nach Ladenschluss noch die Buchhaltung und alles mögliche andere erledigen müssen“, sagt Hohl. Deshalb kommt bei Interesse ein Berater vorbei, schaut sich den Betrieb an und gibt Tipps, wo das Geld am besten investiert ist – für die Umwelt und die Betriebskasse gleichermaßen.

     

    Dass die Zusammenarbeit vieler Institutionen in Zürich so gut klappt, führt der Amtsleiter vor allem auf Erfahrungen zurück, die die 390.000-Einwohner-Stadt in den 1980er-Jahren gemacht hat. Damals campierte in einem Park neben dem Hauptbahnhof Europas größte offene Drogenszene mit zeitweise bis zu 5.000 Junkies; an jedem dritten Tag starb dort jemand an einer Überdosis. Sowohl das harte Vorgehen der Polizei als auch eine Laisser-faire-Strategie hatten das Problem nur weiter verschärft. „Dass damals jeder für sich gearbeitet hat, ist gründlich in die Hose gegangen“, erinnert sich Hohl, der seit 1984 bei der Stadtverwaltung angestellt ist. Erst als Ärzte, das Rote Kreuz, die Drogenhilfe, die Polizei, das Gesundheitsdepartement und noch einige weitere Institutionen eine gemeinsame Strategie entwickelten, konnte man die Zahl der Drogentoten und Fixer reduzieren. Diese Erfahrung habe die Züricher Stadtverwaltung nachhaltig geprägt, sagt Hohl, der damals selbst im Sozialdepartement gearbeitet hat.

     

    Und die Bevölkerung treibt Politiker und Verwaltung ständig weiter an. Im September 2011 haben die Bürgerinnen und Bürger Zürichs dafür gestimmt, innerhalb von zehn Jahren den bereits heute sehr hohen Anteil von Fuß-, Fahrrad- und öffentlichem Verkehr um weitere zehn Prozent zu erhöhen. Ohne Zweifel – das wird nicht einfach, zumal der konservativ regierte Kanton ständig zu bremsen versucht. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Radweg. Das Straßenbahnnetz muss dann eben noch weiter und forscher ausgebaut werden – und auch mit Hilfe der bundesweiten Luft- und Lärmrichtlinien lässt sich der Autoverkehr mit Sicherheit noch weiter eindämmen, ist Hohl überzeugt. Zugleich aber dürfe es nicht zu einer Blockade zwischen Stadt und Land kommen, warnt er. Kompromisse, auch Enttäuschungen darüber, dass ein klares Ziel zunächst abgeschliffen wird, gehörten dazu. „Aber unser Trend stimmt – es geht voran.“

    Annette Jensen
    19. Januar 2012

    www.stadt-zuerich.ch/2000watt

    www.2000watt.ch

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  • 75-prinzessinnengarten

    Guerilleros

    In Berlin-Kreuzberg haben sich zwei junge Leute von Kubas Gemeinschaftsgärten inspirieren lassen und den Prinzessinnengarten aufgebaut. Das Besondere: Er ist tragbar. Gemüse wächst in Säcken und Bäckerkisten – damit wird das Grünzeug mobil wie Guerilleros.

    Der grüne Che und seine Garten-Guerilla

    In Berlin-Kreuzberg haben sich zwei junge Leute von Kubas Gemeinschaftsgärten inspirieren lassen und den Prinzessinnengarten aufgebaut. Das Besondere: Er ist tragbar. Gemüse wächst in Säcken und Bäckerkisten – damit wird das Grünzeug mobil wie Guerilleros.

    Wenn er lächelt, sieht Robert Shaw unter seiner Revoluzzermütze dem jungen Che Guevara verblüffend ähnlich. Wenn nur die blauen Augen nicht wären. Zudem ist der Guerilla-Gärtner im Vergleich zum Guerillero ideologisch unverkrampft: Er kämpft nicht für den Umsturz der Gesellschaft, sondern für den Umsturz von Säcken. Bei der Ernte von Kartoffeln, die in Reis- oder Mehlsäcken wachsen, „brauchen wir nur den Sack umzukippen“, lacht er.


    Aus der Prinzessinnenstraße, die dem Projekt seinen Namen gab, weht Autolärm herüber und erinnert daran, dass sich der Prinzessinnengarten in einem zubetonierten Teil von Berlin-Kreuzberg befindet. Doch die Brachfläche am Moritzplatz, die jahrzehntelang im Schatten der Mauer vor sich hindämmerte, ist seit Juni 2009 ein grünes Paradies. Die beiden Projektinitiatoren Robert Shaw (33) und Marco Clausen (37) haben den Schutt vom Gelände geräumt und zusammen mit Freunden und Nachbarn einen 6.000 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten aufgebaut. Jetzt grünt und blüht es überall. Auch der geflügelte Gartenrotschwanz, im steinernen Herzen der Metropole selten geworden, hat hier eine Zuflucht gefunden.


    Unter Robinien stehen lange Tische und Bänke für Besucher, in einem umgebauten Schiffscontainer können sie Cuba Libre, Kaffee oder Saft bestellen. Hier lümmelt der grüne Che in einem Stuhl. Robert Shaw erzählt, dass ihn die agricultura urbana auf Kuba inspiriert hat. 1999 lebte er als Filmstudent in Santa Clara, das während der kubanischen Revolution vom echten, vom roten Che erobert wurde. Der dortige Gemeinschaftsgarten war für ihn ein „Entspannungsort“, wo er hinging, um nach zu vielen Mojitos „einen Kater auszukurieren oder mit Nachbarn zu quatschen.“ Ende 2008 sprach Shaw den Historiker Marco Clausen an, der in Kreuzberg eine Bar betrieb. Ob er sich vorstellen könne, in einem Nachbarschaftsgarten die Gastronomie aufzubauen?


    Im Juli 2009 unterschrieben die beiden den Pachtvertrag. Die Stadt als Vermieterin behielt sich jedoch vor, die Fläche schnellstmöglich zu verkaufen. Aus dieser Not entwickelten Shaw und Clausen das Konzept eines mobilen Bio-Gartens, der im Falle einer Räumung woanders hinziehen kann. Nomadisch Grün heißt deshalb ihre gemeinnützige GmbH, die mit Jugendlichen arbeitet, Workshops, Konzerte und Veranstaltungen organisiert und Ein-Euro-Jobbern zu neuen Perspektiven verhilft.


    Von Amaranth bis Zuckerschoten – in hunderten von mobilen Beeten werden Gemüse, seltene Kulturpflanzen und Kräuter angebaut. Salbei, Guter Heinrich und Gelbe Melde wiegen sich in Kübeln, Kürbisse ranken aus Bäckerkisten, mit Karton abgedichtet und mit Komposterde gefüllt, Kartoffeln und Tomaten wachsen in Säcken. Das revolutionäre Gartenkonzept hat zudem den Vorteil, dass die Pflanzen nicht in verseuchten Stadtböden, sondern in Öko-Komposterde aufwachsen. Privatleute oder Betriebe wie der benachbarte Aufbau Verlag haben Beetpatenschaften übernommen. Die essbaren Produkte gehören jedoch allen; sie werden verkauft oder im Gartencafé verarbeitet.


    Che Guevara sah seine Guerilla als Avantgarde – und scheiterte damit. Grüne Guerilla-Gardeners finden wesentlich mehr Resonanz – auch deshalb, weil sie nur Samenbomben werfen. Die gleichnamige Bewegung nahm 2000 ihren Anfang in London. Seitdem werden weltweit, auch in Berlin, Brachflächen mit Samen beworfen oder Baumscheiben ohne Erlaubnis begrünt. Die Initiatoren des Prinzessinnengartens stehen in dieser Tradition, sind aber legale Pächter. Und „Avantgarde und Trendsetter“, wie Christa Müller sagt, deren Stiftung Interkultur ein Netz von 120 interkulturellen Gemeinschaftsgärten fördert und berät – vom niedersächsischen Aurich bis zum bayerischen Rosenheim. Auch Nomadisch Grün wird finanziell unterstützt.


    In Berlin stromern den ganzen Tag Junge und Alte, Türken, Russinnen und Deutsche, Professorinnen und Erwerbslose durchs Gelände. Eine türkische ältere Frau, freundlich unter ihrem Kopftuch hervorlächelnd, möchte Paprika gegen „Miss“ tauschen. „Minze?“, rätselt Robert Shaw. Nein, „Mist“, die Frau möchte als Düngemittel etwas von dem Kamelmist, den ein kleiner Zirkus als einzige Bezahlung für sein Winterquartier hinterließ; natürlich bekommt sie einen Haufen. „Der Zirkus war noch mobiler als wir“, lacht Marco Clausen. Auch die Kräuter, die in aufgeschnittenen Milchtüten gezüchtet und für 3,50 Euro pro Tetrapack verkauft werden, sind beweglich. „Mojito-Minze“, lächelt der grüne Che in Erinnerung an die Drinks auf Kuba. Die junge Generation wolle sich „auf unideologische Weise urbane Räume aneignen, ökologisch und fair produzieren und sich selbst als produktiv wahrnehmen. Und schöne Orte schaffen, in denen man grenzüberschreitend denken und fühlen kann“, kommentiert Soziologin Müller.


    Dass sie keine gelernten Gärtner sind, halten die beiden Grün-Nomaden sogar für einen Vorteil: „Wir müssen offen sein und Ratschläge von allen Seiten einholen.“ Neben der ökologischen wollen sie die soziale Vielfalt fördern. Der Austausch zwischen verschiedenen Kulturen, Schichten und Generationen laufe hier von ganz allein, schwärmt Marco Clausen. Neulich erst hätten zwei Frauen aus Frankreich und Sibirien zusammen Tomaten gepflanzt, und ein älterer Mann aus der Türkei habe geraten, sie tiefer zu setzen. „Es stellte sich heraus: Er war Professor für Gartenbau. Wir haben von ihm Tomatenzucht gelernt und er von uns Kartoffelzucht in Säcken.“ Man übt hier Selbstversorgung, aber auch sinnliche Wahrnehmung. „Die Leute merken: Es ist genussvoll, sich selbstproduziertes Gemüse auf die Pizza zu legen.“ Der grüne Che ist also auch ein Genuss-Guerillero.

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.prinzessinnengarten.net

    www.stiftung-interkultur.de

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  • 101-green-music-initiative

    Hitparade

    Die Initiative Clubmob lässt die Berliner Diskothek SO36 ergrünen. 100 Prozent des Gewinns fließen in eine energetische Sanierung der Location.

    Das SO36 kennt (k)ein Morgen

    Die Initiative Clubmob lässt die Berliner Diskothek SO36 ergrünen. 100 Prozent des Gewinns fließen in eine energetische Sanierung der Location.

    All die Nachtschwärmer, die sich im kalten Dezember 2011 in den legendären Berliner Club SO36 aufgemacht haben, werden später ihren Enkeln berichten können, dass sie dort das Tanzbein geschwungen (wie es noch die Ur-Ur-Großeltern formuliert hätten) und vielleicht sogar die „Oma“ kennengelernt haben. Und: „Dort fand der erste Clubmob Berlins statt, der im Nachhinein die gesamte Szene revolutionierte. Und ich war dort.“ „Opaaaaaa, was war denn das, ein Clubmob?“, werden die Kindeskinder fragen. Der künftige Greis Patty Schünemann könnte darüber berichten, wie er mit 31 Jahren zum Kopf der Initiative Clubmob gehörte, die das Nachtleben ergrünen ließ. Hinter der Initiative steckt ein breites Bündnis aus Berliner Einrichtungen: die Green Music Initiative, die der Musik- und Entertainmentbranche die Nachhaltigkeit nahezubringen sucht, die Zukunftswerkstatt Morgenlande, die BUNDjugend, die Medienagentur Sinnwerkstatt, der Energieversorger Naturstrom, der Energieberatungsanbieter Berliner Energiecheck sowie zahlreiche ehrenamtlich Engagierte.


    Dass die rund 300 Teilnehmer des ersten Berliner Clubmobs irgendwann einmal mit Oma und Opa angesprochen werden könnten, war ihnen in jener Nacht 2011 noch nicht anzusehen. Nicht besonders alt und auch nicht sonderlich gebrechlich gaben sich die Clubberinnen und Mobber, die das SO36 stürmten, dort stundenlang feierten, tanzten, konsumierten und auf diese Weise dem Management eine vierstellige Summe Gewinn einbrachten. „Dreimal so viele Leute wie sonst an Montagen“, zieht Mitinitiatorin Christina Rupprecht von Morgenlande stolz Bilanz, in deren Kreativwerkstatt die Idee zum Clubmob im Juni 2011 geboren wurde. „Der Clubmob hatte sich schnell in der Berliner Nachhaltigkeitsszene und im Grass-Roots-Movement herumgesprochen. Gibt ’ne Menge Initiativen und Organisationen, die uns unterstützt haben. Naja, und dann sind noch ein paar Ahnungslose ins SO36 gestolpert“, grinst sie. Aber ganz egal – auch wenn die Veranstaltung ein Flop geworden wäre, das SO36 musste sich im Vorfeld einer energetischen Durchleuchtung durch den Berliner Energiecheck unterziehen und sich der Initiative Clubmob gegenüber verpflichten, einen Teil des eingenommenen Geldes in eine energetische Renovierung zu reinvestieren.


    Doch der Dinosaurier der Berliner Clubszene – das SO36 existiert seit mehr als 20 Jahren – ging aufs Ganze und sagte die Verwandlung von 100 Prozent des Gewinns in Energieeffizienz zu. „Das ist sogar bei Carrotmobs eher eine Seltenheit, außerdem sind wir echt glücklich, dass ein etablierter – und fast schon traditioneller – Club die Vorreiterrolle einnehmen möchte“, sagt Ian Delu von der Sinnwerkstatt mit ernstgemeinter Bewunderung. Nun aber, am Morgen danach, als sich der Pulk und der Kater wieder verzogen haben, stehen neue umweltschonendere Kühlgeräte ganz oben auf dem Wunschzettel der SO36-Leitung. Die Kühlung der Getränke ist nämlich bisher mit so vorsintflutlichen Geräten erfolgt, dass selbst die Experten des Berliner Energiechecks ratlos waren, weil ihnen dafür keine Werte und Kennzahlen vorlagen. Bekannt ist allerdings, dass die Kühlung 40 Prozent des Energieaufwandes des Etablissements ausmacht.


    Auch Roman Dashuber von der Green Music Initiative zeigt sich mit dem Ergebnis der Spontanaktion sehr zufrieden: „Bleibt immer spannend, man kann die Leute eben nicht berechnen“. Trotzdem ist er nach der anstrengenden Vorbereitungszeit und der durchgemachten Nacht kaputt und müde. Ja, die Initiative Clubmob hat sich für diese Premiere ins Zeug gelegt und großen Aufwand betrieben: Die Sinnwerkstatt, Agentur für nachhaltige Medienkreationen, konzipierte eine Kampagne mit eigener Webseite, prägnantem Logo, facebook-Präsenz und sogar einem selbstproduzierten Trailer. Im Spot radelt Dashuber höchstpersönlich einer Menge Partywütender hinterher. Im wahren Leben ist er aber eher der Mann, der voran geht. Deswegen hofft er auch, dass sich die Idee des Clubmobs weiterträgt und in anderen deutschen Städten Nachahmer findet. Die Kampagne jedenfalls ist ressourcensparend und energieeffizient angelegt, denn jeder künftige Clubmob kann sie wiederverwerten: „Nur Ort und Zeit müssen ausgetauscht werden. Soll jeder nutzen – alles Open Source“, bewirbt Dashuber die gute Sache. Der Vorbildcharakter des SO36 liegt ihm besonders am Herzen: „Man soll sehen, das es auch energieeffiziente Einrichtungen dieser Art geben kann“.


    Auch in Nordrhein-Westfalen ist Bewegung im Nachtleben: dort wird mit dem Pilotprojekt Green Club Index NRW seit April 2011 der CO2-Rucksack von sechs Clubs gezielt ermittelt und anschließend das schwere Gepäck über spezielle Maßnahmen erleichtert. Akteure in Bielefeld, Köln, Frankfurt und Darmstadt haben ebenso Interesse angemeldet, die Energiebilanz des lokalen Nightlife zu verbessern. So wird die Idee des Clubmobs weitere Kreise ziehen.


    Der Clubmob ist aber nur eine von vielen wichtigen – und durchaus coolen – Aktionen, die die Green Music Initiative unterstützt oder selbst auf die Beine stellt, um die Musik- und Entertainmentbranche klimaverträglicher zu machen. Dabei bleibt kein Bereich verschont: Konzerthallen, Tour- und Equipment-Busse, Musikredaktionen, Bandtransporte, Ressourcen für CD-Cover und und und. Überall soll grünes Bewusstsein implementiert und Energie gespart werden. Für die Green Music Initiative kommt der ideale Konzertbesucher mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Veranstaltungsort und produziert dort keinen Müll. Die ideale Musikerin stellt dem Veranstalter bestimmte Klimaschutzbedingungen, ohne deren Einlösung sie nicht auftritt. Der ideale Eventmanager erfüllt diese natürlich gern.


    Auf keinen Fall sollen dabei Musik und Spaß auf der Strecke bleiben; das soll insbesondere die Fahrrad-Disko demonstrieren. Diese ist, wie auch der Clubmob, ein soziales Experiment: Denn nur, wenn sich ausreichend Menschen auf Fahrrädern abstrampeln und Strom erzeugen, hat der DJ Saft für seine Turntables.


    Roman Dashuber dreht seit eineinhalb Jahren bei der Green Music Initiative an den Knöpfen und schiebt die Regler. Zuvor studierte er an der Technischen Universität Berlin Psychologie und vertiefte sich auf eigene Faust in die Umweltpsychologie, weil solch ein Schwerpunkt damals noch nicht angeboten wurde. Nebenbei engagierte er sich vielerorts ehrenamtlich und gehörte zum initiierenden Team des UniSolar Projekts, das seitdem sauberen Strom aus einer studenteneigenen Photovoltaikanlage in das Berliner Stromnetz einspeist. Energieeffizienz und erneuerbare Energien stehen also seit langer Zeit auf Dashubers ganz persönlicher Hitliste.


    Heute will er über die Aktivitäten der Green Music Initiative zeigen, dass die Musikbranche auch mit der Hälfte des derzeitigen Energieverbrauchs gute Festivals, Konzerte und Partys veranstalten kann: „Es gibt immer ein paar Stellschrauben, die eine ganze Menge Energie einsparen können, ohne der Stimmung eines Festivals oder einer Clubnacht auch nur ein bisschen Abbruch zu tun. Wenn irgendwann auch diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, müssen wir uns was Neues ausdenken. Aber keine Angst: Die Musik wird nicht leiser gedreht. Wir sind doch keine Partykiller.“

    Dana Giesecke
    18. Januar 2012

    www.clubmob.de

    www.greenmusicinitiative.de

    www.greenclubindex.de

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  • 88-impuls

    Kafkas Neue Welt

    Impuls will die große Transformation hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft mitorganisieren.

    Mission: Vision!

    Impuls will die große Transformation hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft mitorganisieren.

    Impuls. Agentur für angewandte Utopien – der Name macht neugierig. „Utopie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Nicht-Ort“. Was also ist das für eine seltsame Agentur ohne Ort? Ein Asyl für Zukunftserkunder auf fliegenden Teppichen? Ein Garten, in dem Blütenträume in den Himmel wachsen?


    Die Agentur entpuppt sich als gemeinnütziger Verein, im September 2010 gegründet von gut zwei Dutzend junger Leute verschiedener Professionen, die ihr Büro in einer Altbauwohnung in Berlin-Treptow eingerichtet haben. Die drei hauptamtlichen Geschäftsführer Benjamin Kafka, David Wagner und Johannes Krause sitzen hier nicht im Lotussitz, sondern an Computern, sie nippen auch nicht an Orchideennektar, sondern an Biokaffee. Impuls ist in der realen Welt angesiedelt und braucht deshalb auch das nötige Kleingeld zum Überleben. Das nimmt der Verein durch Expertisen und Beratungsaufträge ein – etwa für eine staatliche Entwicklungsorganisation oder eine Fraktion des Europaparlaments. Und dennoch: „Impuls ist ein Ort, an dem angewandte Utopien gedacht werden und Menschen sich mit visionärer Energie und enthusiastischem Realismus an die Umsetzung machen“, heißt es auf der Webseite.


    Am Tag der Mitgliederversammlung des Vereins können Interessierte an solch einem Utopien-Workshop teilnehmen. Einige junge Menschen sitzen im Kreis und kritzeln Antworten auf Papierbögen. Die Fragen stellt die Umweltjuristin Henrike Wegener, die den Workshop zusammen mit dem Ökonomen Benjamin Kafka leitet. Fragen, die es in sich haben: Welche Visionen hast du für die nächsten Jahre? Was müsstest du loslassen, damit sie Wirklichkeit werden? Wer kann dir dabei helfen? Was sind deine vitalsten Energiequellen? Welche Spuren willst du hinterlassen haben, wenn du im letzten Moment deines Lebens zurückblickst?


    Nach einer halben Stunde intensiver Schreiberei geht das Ganze über in eine Malstunde. Stellen wir uns vor, die Große Transformation habe stattgefunden, quasi über Nacht – woran würden wir am Morgen erkennen, dass alles anders ist? Wie sähe eine ideale nachhaltige Gesellschaft aus?, fragt Henrike Wegener. Einige nagen an ihren Stiften. Es ist nicht leicht, Ahnungen von einem Nicht-Ort aufs Papier zu bringen – zumal wenn man keine Zeichen-Übung hat und Angst, dass es kitschig wird. Anderen ist das wurscht, hingebungsvoll malen sie sonnenfarbene Spiralen oder grün sprießende Landschaften. Der Autorin dämmert: Utopien kann man zwar nicht wirklich anwenden, aber verwenden. Sie sind auch eine Form erneuerbarer Energien, sie speisen das Prinzip Hoffnung und verbinden die persönliche Dimension mit der globalen.


    „Unsere Gesellschaft leidet an großer Visionsarmut“, begründet Geschäftsführer Kafka die Notwendigkeit solcher Workshops. Impuls-Mitbegründerin Wegener ergänzt: „Finanzkrise, Klimakrise, die Krisen hören ja gar nicht mehr auf. Wir wissen zwar im Prinzip, wie sie lösbar wären, aber es passiert nichts – weil es uns an Utopien mangelt.“


    Der Utopie entgegensegeln – darum ging es auch in einem der ersten Impuls-Projekte im Sommer 2011. Zwei Frauen rüsteten ein Segelboot mit Windrad und Solarzellen energetisch auf und segelten damit über die Ostsee, auf der Suche nach Pionierprojekten. In dem südfinnischen Ort Mariehamn etwa entdeckten sie City-Busse und eine lokale Bahn, die seit Mai 2011 klimaneutral mit altem Fischöl aus einer Fischfabrik fahren. In einem zweiten Projekt, finanziert durch den Berliner Senat und den Evangelischen Entwicklungsdienst, entwickelten 15 Menschen Kampagnenformen, bei denen neben Strategie und Außenwirkung die Frage nach der tieferen Motivation und Haltung der Teilnehmenden im Mittelpunkt stand. Und ein dritter Auftrag widmete sich der Zusammenarbeit zwischen Politikern, Wirtschaftsführern und Zivilgesellschaft in Südafrika und Indonesien, die sich gemeinsam der Bewältigung absehbarer Klimaveränderungen widmen sollen.


    Die Agentur für angewandte Utopien arbeitet also gleichzeitig sehr lokal und sehr global – und damit, im philosophischen Sinne, tatsächlich an einem Nicht-Ort. Sie seien auf drei Feldern tätig, die sie „Garten“, „Labor“ und „Werkstatt“ genannt hätten, erläutert Benjamin Kafka. Im „Garten“ gehe es um das Wachsenlassen von Fertigkeiten, die man für die Große Transformation benötigt – zum Beispiel im Rahmen einer Klimakampagne. Das „Labor“ kreise um den Aufbau von Lernpartnerschaften mit europäischen Organisationen, etwa den Transition Towns, und um die Veränderung mentaler Strukturen. Und in der „Werkstatt“ widme man sich dem Handeln und der gesellschaftlichen Außenwirkung.


    Viele Menschen wüssten inzwischen, ergänzt der Ökonom, dass „die große Erzählung der modernen Industriegesellschaft mit ihrem Glauben an ewiges Wirtschaftswachstum zu Ende geht.“ Nun gehe es darum, eine neue Erzählung zu finden. Krisen, sagt Benjamin Kafka, seien immer auch Keimzellen einer besseren Zukunft.

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.impuls.net

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  • 62-radio-umweltreporter

    Radiokids

    Das Osnabrücker Radio-Projekt Raum OS macht aus Haupt- und Realschülern Reporter. Mit dem Mikrofon sammeln sie Eindrücke vom Umweltverhalten örtlicher Unternehmen.

    Die Graswurzelreporter

    Das Osnabrücker Radio-Projekt Raum OS macht aus Haupt- und Realschülern Reporter. Mit dem Mikrofon sammeln sie Eindrücke vom Umweltverhalten örtlicher Unternehmen.

    „Atomkraftwerke? Die explodieren ja ständig“, weiß der zwölfjährige Robin aus Osnabrück und ergänzt: „Wind- und Sonnenenergie sind viel besser.“ Robin besucht den Realschulzweig der Käthe-Kollwitz-Schule, und an diesem Dienstagnachmittag ist es für ihn, Christina, Felice, Marcel und Julian mal wieder Zeit für ihre freiwillige Arbeitsgemeinschaft: Die Haupt- und Realschüler nehmen an einem umweltpädagogischen Pilotprojekt des Bürgersenders osradio teil, an dessen Ende eine von den Schülern recherchierte und produzierte Radiosendung zum Thema Umwelt steht. Die zentralen Techniken des Radiomachens haben die Teenager bereits von der Projektleiterin Simone Wölfel, Medienpädagogin und Geschäftsführerin des örtlichen Bürgerradios, gelernt. Heute steht ein Rhetoriktraining auf dem Programm, damit die jungen Reporter in den anstehenden Interviewsituationen sicher auftreten können: schließlich werden ihre Interviews von osradio später tatsächlich gesendet. „Rhetorik? Sie wollen uns beibringen, vernünftig zu sprechen“ – Robin kennt sich aus.


    Seit Anfang 2011 leitet Simone Wölfel das Projekt Raum OS Radio Umweltreporter, das als Arbeitsgemeinschaft (AG) oder Wahlpflichtfach an bislang acht Haupt- und Realschulen im Kreis Osnabrück angeboten wird. Die Themen für ihre Magazinsendung sollen die Schülerinnen und Schüler selbst entwickeln – doch die studierte Medienpädagogin Wölfel, selbst Mutter einer schulpflichtigen Tochter, hat sich ein paar Anregungen überlegt: „Woher kommt der Strom in Osnabrück?“, könnte man beispielsweise die Firma Solarlux fragen oder recherchieren welche regionalen Großküchen bereits auf Biokost umgestellt haben. Wichtig ist der Radiomacherin, auch die Zukunftsfragen der Jugendlichen anzusprechen. Dieser Zugang hat sich auch bei den Schülern der Käthe-Kollwitz-Schule als erfolgreich erwiesen.


    Felice überlegt, Polizist zu werden und möchte in einem Interview mit einem Kommissar vertiefen, mit welchen Umweltdelikten man bei der Polizei in Berührung kommt. Auch Robin, der einen Tischler interviewen will, hat sich unter Wölfels behutsamer Anleitung bewusst gemacht, an welchen Stellen dieser Handwerker mit Fragen der Nachhaltigkeit zu tun hat: „Verbrennen Sie Ihre Sägespäne? Woher kommt Ihr Holz, und wie sparen Sie Energie?“ wird der Zwölfjährige vom Meister wissen wollen. Julian und Marcel planen einen Besuch bei den Stadtwerken, um den örtlichen Elektrobus zu inspizieren: Wieso gibt es den überhaupt? Wie oft wird die Batterie aufgeladen – und wo die alten Batterien entsorgt, fragen sie sich.


    Um den Jugendlichen die Recherche zu erleichtern, hat Simone Wölfel bislang etwa 15 Osnabrücker Einrichtungen und Unternehmen ins Boot geholt; Bäckereien, die Stadtwerke, der Zoo und mehrere mittelständische Unternehmen bilden ein Netzwerk, auf das die Umweltreporter zurückgreifen können. „Für die Firmen ist das natürlich auch Werbung“, erklärt die schlaksige Journalistin. Und die Schüler dürfen hinter sonst verschlossene Türen blicken und erhalten eine Vorstellung von unterschiedlichsten Berufen. Möglicherweise begegnen ihnen beim Recherchieren auch künftige Arbeitgeber.


    Solche Anreize sind nötig, brannte doch den Siebtklässlern der Käthe-Kollwitz-Schule anfangs nicht die Erderwärmung auf den Nägeln, sondern vielmehr das Klima, in dem sie ihren Alltag bestreiten. Vor kurzem ist im Umfeld der Schule ein Mann erstochen worden; ein 17-Jähriger gilt als tatverdächtig. Über solche Ereignisse, über Gewalt und Mobbing hätten die Schülerinnen und Schüler zunächst diskutieren wollen, erzählt Wölfel. Auch Musikthemen standen ihnen näher als der Umweltschutz. „Das steht einfach nicht im Lehrplan“, ergänzt Lehrer Ralf Reber und bedauert: „Besonders die Neuntklässlerinnen interessieren sich wohl mehr für Kosmetika.“


    Die Herausforderung, medienpädagogische Zugänge für Haupt- und Realschüler zu entwickeln, hat Simone Wölfel gerne angenommen. In einem früheren Projekt, den Funkflöhen, hatte sie bereits Erfahrungen mit Grundschulen gesammelt. Mädchen und Jungen aus 16 Schulen erforschten dabei die Natur und produzierten 30-minütige Radiosendungen von Kindern für Kinder. Eine Klasse ging der Frage auf den Grund, warum Wasser so wichtig ist; eine andere wollte von einem Jäger wissen, warum er Tiere erlegt und was den Wald kaputt macht. An drei Schulen ziehen die Lehrer mittlerweile eigenständig mit den Schülern und dem Mikrofon los und begeben sich auf Ton- und Spurensuche. Damit auch das Hauptschulprojekt irgendwann ohne Wölfel auskommen kann, wurden die Lehrer der beteiligten Schulen zunächst selbst zu Schülern und absolvierten ein Multiplikatoren-Training.


    „Es melden sich vor allem die weniger technikscheuen Lehrer“, berichtet Simone Wölfel. Und das ist wichtig, setzt das Projekt doch unter anderem bei der Medienbegeisterung der Schüler an. Neben dem Rhetorik- und dem Medientraining bietet die AG einen Geo-Caching-Ausflug, bei dem die Schüler nicht nur ihre Umwelt neu entdecken, sondern auch den GPS-Empfang ihrer Handys austesten können. Für den Schnitt ihrer vier bis fünf Beiträge und Interviews verwenden die Schüler eine im Schulcomputer installierte freie Software, und auch die Moderationstexte und die Musikauswahl liegen ganz in der Hand der Teenager.


    Bei einem so hohen Spaßfaktor können Wölfel und ihre Kollegen mit den Schülern auch ein paar kritische Fragen diskutieren – zum Beispiel zu den Themen Konsum und Lebensstil. Mit einer interaktiven Umfrageübung machen sich die Schüler im Rahmen der AG unsere ressourcenaufwendige Lebensführung bewusst. Da kehren auch die angehenden Reporter vor der eigenen Tür und diskutieren über Mülltrennung und energieverbrauchende Geräte. Auf Nachfrage berichtet Christina: „Meine Eltern lassen immer das Licht brennen.“ Marcel ergänzt: „Bei meinem Opa läuft ständig der Wasserhahn…“ – „Immerhin, das ist dir schon aufgefallen!“, lobt Wölfel die Junior-Reporter für ihren neuerdings geschärften Blick auf die persönliche Umwelt.


    Christina ist noch unschlüssig, womit sie sich im Interview befassen will. „Geh zu McDonald’s!“, schlägt Robin vor. Dort war er erst am vergangenen Sonntag und hat bemerkt, dass das Schnellrestaurant nur über eine einzige Müllklappe verfügt. Hinsichtlich des für die geliebten Pommes verwendeten Frittierfettes gibt er zu bedenken: „Man weiß nicht, wo das alles hingekippt wird.“ Seit sie auf den Aushang der Raum-OS-AG reagiert haben, ist es nicht mehr allein die Fernsehsendung Galileo, die die Haupt- und Realschüler für solche Fragen sensibilisiert.


    Der Sendeplatz zwischen zehn und elf Uhr am Sonntagvormittag ist schon für die Jugendlichen reserviert. Auf der lokalen Frequenz 104,8 wird dann ganz Osnabrück und Umgebung erfahren, was aus der Spritztour mit dem Elektrobus geworden ist, ob sich ein Tischler für Nachhaltigkeit interessiert und für welche Umweltdelikte es Gefängnisstrafen gibt. Also: stell endlich den Wasserhahn ab, Opa, und schalt das Radio ein!

    Anne Giebel
    18. Januar 2012

    www.raum-os.de

    www.funkfloehe.de

    www.osradio.de

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  • 104-gemeinwohl-oekonomie

    Nix Pusteblume!

    Die in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus aktive Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie will eine dritte Wirtschaftsform jenseits von Kapitalismus und Sozialismus aufbauen.

    Die Wirtschaft vom Kopf auf die Füße stellen

    Die in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus aktive Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie will eine dritte Wirtschaftsform jenseits von Kapitalismus und Sozialismus aufbauen.

    Christian Felber steht gerne kopf. Wenn der Ausdruckstänzer und Ökonomie-Dozent einen Vortrag hält, beginnt er den bisweilen mit dem Kopf auf dem Boden und den Füßen in der Luft. Vielleicht liegt es ja an dieser umgekehrten Perspektive, dass der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie auch die Wirtschaft umdrehen will – weg vom Profit- und hin zum Gemeinwohlprinzip. Die Wirtschaft sollte dem Menschen dienen und nicht umgekehrt, findet der 39-jährige Wiener.


    Der Grundgedanke, nach dem der rotblonde Mann mit dem dezenten Dreitagebart die Ökonomie auf den Kopf – oder sind es die Füße? – stellen will, ist genial einfach. Der Kapitalismus, sagt Felber, fördere die schlechtesten Eigenschaften der Menschen, nämlich Gier, Geiz, Egoismus, Verantwortungslosigkeit, gnadenlose Konkurrenz und Umweltzerstörung. Kein nobelpreisgekrönter Ökonom habe jemals mit einer Studie beweisen können, dass Wettbewerb die beste Methode sei, sagt er. Im Gegenteil zeigten fast 90 Prozent aller Untersuchungen aus der Spieltheorie, der Sozialpsychologie und der Neurobiologie, dass Kooperation Menschen viel nachhaltiger motiviere als Konkurrenz. Zusammenarbeit begünstige Wertschätzung, Anerkennung und gelingende Beziehungen. Konkurrenz arbeite dagegen mit Angst und Ausgrenzung.


    Felber verweist auf eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann Stiftung vom Juli 2010, in der sich rund 90 Prozent der Befragten in Deutschland und Österreich eine „neue Wirtschaftsordnung“ wünschten. Wie wäre es also, wenn man die Sehnsucht der Menschen ernst nähme? Und die Förderung der besten menschlichen Eigenschaften ins Zentrum stellen würde? Wenn Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation und Solidarität – kurzum: das Gemeinwohl – das Ziel und der Leitstern der Wirtschaft wären? Felber sei ein „Anarchomarxist“ und „herz-jesu-marxistischer Enteignungseuphoriker“, wetterte ob solcher Fragestellungen der Chefredakteur der konservativen Wiener Zeitung Die Presse in mehreren Leitartikeln.


    In seinem letzten Buch, das Anfang 2012 in einer erweiterten Neuauflage erscheint, hat Christian Felber in Zusammenarbeit mit einigen attac-nahen Unternehmen das Modell praxisnah ausgearbeitet. Ganz allein das Gemeinwohl zu definieren stehe ihm nicht an, sagt er. Das könne letztlich nur demokratisch geschehen, in einem Wirtschaftskonvent. Solange es den nicht gibt, schlägt er ein Punktesystem vor, anhand dessen gemeinwohlorientierte Betriebe ausgezeichnet werden. Pluspunkte gibt es etwa dafür, dass ein Unternehmen die Beschäftigten mitbestimmen lässt, Frauen in Führungspositionen wählt, einen hohen Anteil der Vorprodukte aus der Region, aus Fair-Trade- oder biologischem Anbau bezieht, transparent agiert, Know-how freiwillig weitergibt oder einen Betriebskindergarten einrichtet.


    Je höher die Punktzahl, desto größer könnten irgendwann einmal rechtliche oder finanzielle Vorteile sein, etwa ein niedrigerer Steuersatz oder günstigere Kredite bei der ebenfalls im Aufbau befindlichen Demokratischen Bank, schlägt Felber vor. Die verschiedenen Stufen der Gemeinnützigkeit von Firmen sollen mit handylesbaren Farbbalken und Strichcodes auf deren Produkten dargestellt werden, sodass Kunden und Käuferinnen eine klare Orientierung haben, was sie da erstehen.


    Einer der rund hundert Pionierbetriebe, die Ende 2011 mit einer solchen „Gemeinwohl-Bilanz“ aufwarten konnten, ist das Beratungsunternehmen Sattler Energie Consulting aus dem österreichischen Gmunden. Die Vorlage dafür, die „Gemeinwohl-Matrix“ mit insgesamt 18 Kriterien, lieferte der Verein um Christian Felber. Der Prokurist der Beratungsfirma, Kurt Krautgartner, grübelte in einer Wochenendschicht über dem Kriterienkatalog. Bei der Energieeffizienz ist die Firma vorbildlich, in anderen Bereichen gibt es durchaus Nachbesserungsbedarf: Die Küche etwa könnte mehr Bioprodukte und der Betrieb mehr Frauen vertragen. Das Logo der Gemeinwohl-Ökonomie, ein fliegender Pusteblumensamen, ist nun auch auf der Webseite des Betriebes zu sehen.


    Kopfüber haben sich Felbers Mitstreiter in das Abenteuer gestürzt, die Wirtschaft  umzudrehen. Anfang 2012 gehörten der Gemeinwohl-Bewegung insgesamt bereits rund 570 Unternehmen an, knapp 1.100 Privatpersonen und über 80 Organisationen und Vereine – darunter auch attac Österreich, dessen Sprecher Felber ist. Die meisten Unternehmen sind kleine Dienstleistungsbetriebe, aber es finden sich auch etablierte mittelständische, etwa die Sparda-Bank München mit rund 700 Beschäftigten.


    Und die Bewegung breitet sich rasant aus – in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien, Spanien und weiteren Ländern, koordiniert vom Verein zur Förderung der Gemeinwohlökonomie in Wien. Zwei Frauen im Verein kümmern sich hauptamtlich um die Organisation, daneben gibt es zahlreiche Freiwillige, die in verschiedenen „Energiefeldern“ arbeiten.


    „Das erste Dax-Unternehmen hat sich auch schon bei uns gemeldet“, erzählt Felber. Ein Millionenkonzern, der auf Gemeinwohl umstellen will? Wird der Börsenkapitalismus etwa morgen abgeschafft? Das sicher nicht, lacht er, das Unternehmen wolle bloß „in Kontakt bleiben“. Einer Aktiengesellschaft ist es zudem de facto verboten, für das Gemeinwohl zu arbeiten, da deren Vorstand per Gesetz verpflichtet ist, die Rendite anonymer und entsprechend verantwortungsloser Aktienbesitzer zu maximieren. Aber weil inzwischen auch weitsichtigere Vorstandsmitglieder darin ein Problem sähen und sich die Bewegung sehr schnell ausweite, sei er insgesamt „ziemlich optimistisch“, sagt Christian Felber.


    Der Aktivist schätzt, dass sich in den nächsten Jahren „viele tausend“ Unternehmen an diesem Prozess beteiligen werden, beraten und begleitet von den Ansprechpartnern des Vereins. Auch hätten sich erste Gemeinden gemeldet, die einen „Gemeinwohl-Index“ erstellen und die Lebensqualität in ihrer Region messen wollten. Eine Landesregierung habe in Aussicht gestellt, den Prozess der Beratung und Zertifizierung zu fördern. „Vielleicht in fünf Jahren“, so Felber, werden die verschiedenen Stränge der Gemeinwohlwirtschaft so stark sein, dass man Wirtschaftskonvente in einzelnen Ländern werde abhalten können.


    In Felbers Vorstellung von einer „evolutionären Demokratie“ wäre der Wirtschaftskonvent ein neuer Souverän, der Gesetze für den Übergang in eine Gemeinwohlökonomie erlassen würde. Feindliche Übernahmen, Börsenspekulation und Gewinnausschüttungen an Personen, die Unternehmen nur besitzen, aber nicht darin mitarbeiten, könnten dann verboten werden, sagt der Kopfstandfan, „alle Unternehmen wären vom allgemeinen Wachstumszwang und gegenseitigen Fresszwang erlöst.“ Und die Wirtschaft auf die Füße gedreht.

    Ute Scheub
    19. Januar 2012

    www.gemeinwohl-oekonomie.org

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  • 115-jecke-fairsuchung

    Alaaf!

    Der Kölner Verein Jecke Fairsuchung engagiert sich für den Einsatz ökologisch produzierter und fair gehandelter Kamelle bei Karnevalszügen in der Region.

    Faire Kamelle

    Der Kölner Verein Jecke Fairsuchung engagiert sich für den Einsatz ökologisch produzierter und fair gehandelter Kamelle bei Karnevalszügen in der Region.

    „Kamelle, Strüssjer fair bestellt – am Zugweg steht die Eine Welt“. So lautet die Gravur der apfelsinengroßen Metallplakette, die Roland Pareik in den Händen hält. Das sei das Jahresmotto des Ordens 2008, erklärt Pareik, Vorstandsmitglied des Kölner Vereins Jecke Fairsuchung. Am oberen Ende nimmt die Plakette die Konturen von vier prominenten Baudenkmälern an – allem voran der Kölner Dom, dessen zwei Türme spitz herausragen. Darunter sind bunt gekleidete Comic-Figuren aus verschiedenen Ländern der Welt zu sehen, die ausgelassen einen Karnevalszug vor hierzulande typischer Kleinstadtkulisse begleiten.

     

    Eigentlich braucht es nicht mehr als diesen Orden, um das Anliegen der Jecken Fairsuchung zu begreifen. Beheimatet in einer der größten Karnevalshochburgen der Republik, tritt die 2006 gegründete Initiative nicht an, den Rheinländern ihr Jahrhunderte altes Brauchtum streitig machen. Die lokale Tradition des Karneval, der man mit Begeisterungsstürmen (so gehört es sich für überzeugte Jeckinnen und Jecken), teilnahmslosem Achselzucken (wohl vor allem bei Zugezogenen zu beobachten) oder mit fluchtartigem Verlassen der Kampfzone begegnet, wird vielmehr gezielt genutzt, um einen ersten Schritt in Richtung einer besseren Welt zu gehen: Seit Jahren schon engagiert sich der Verein dafür, dass nicht herkömmliche Süßigkeiten, sondern ökologisch hergestellte und fair gehandelte Kamelle in den Tüten der Karnevalsbegeisterten landen.

     

    So kulturell vielfältig wie der Karneval sind auch die Kamelle, die der Verein den Karnevalsgesellschaften ans Herz legt: Mango-Fruchtgummis aus Paraguay, Maniokchips aus Indonesien, Sesamriegel und Schokoladenfußbälle. Damit die Feiernden auch merken, dass sie es mit einem besonderen „Fang“ zu tun haben, leuchtet auf den meisten Päckchen das Logo der Jecken Fairsuchung: Eine Weltkugel, gekrönt mit einer bunten Narrenkappe. Kurz und bündig – im Karnevalstaumel ist bekanntlich mit eingeschränkter Aufnahmefähigkeit zu rechnen – werden die Jeckinnen und Jecken zudem über Herkunft und Fair-Trade-Anteil informiert. Auch über „Faire Strüssjer“ – Schnittblumen aus menschen- und umweltschonender Produktion – unterrichtet der Verein.

     

    Pareik, studierter Biologe und schon lange im Umweltbildungsbereich aktiv, hat die Jecke Fairsuchung bei ihrer Mission von Anfang an begleitet. Die Idee entstand 2001 im Arbeitskreis „Köln in globaler Partnerschaft“ der Lokalen Agenda 21. Anfänglich stieß das Vorhaben auf taube Ohren. „Früher war das Bewusstsein für fairen Handel und das Wissen um die Produktionsbedingungen in den armen Ländern des Südens noch wesentlich geringer ausgeprägt“, konstatiert Pareik. Ein weiteres Problem: Die großen Vereine in den Karnevalshochburgen hätten oftmals langjährige Verträge mit Lebensmittelkonzernen abgeschlossen, die diese mit konventionellen „Wurfmaterialien“ versorgten. „Eine kleine Initiative, die für fair gehandelte Kamelle wirbt, hatte da schlechte Karten“.

     

    Doch wurden bald erste Erfolge erzielt: Mehrere Schulen erklärten sich bereit, auf fair gehandelte Kamelle zurückzugreifen. Und auch andere Karnevalszüge aus nahe gelegenen Städten wie Düsseldorf oder Neuss zeigten Interesse an der fairen Alternative. Nicht zuletzt durch prominente Partner – Schirmherr der Kampagne ist der Fernsehmoderator Jean Pütz, tatkräftige Unterstützung kommt auch von den Kölner Tatort-Kommissaren Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär – konnte sich die Initiative schnell einen Namen machen.

     

    „Als gemeinnütziger Verein verkaufen wir die Kamelle nicht, sondern verbreiten Wissen über faire Alternativen und geben Adressen an, wo diese bezogen werden können“, klärt Christine Lieser auf. Die Studentin der Regionalwissenschaften Lateinamerika arbeitet seit 2010 in der Geschäftsstelle des Vereins, ihre Stelle ist die einzige, für die ein kleiner Etat vorhanden ist. Während des Studiums für entwicklungspolitische Fragestellungen sensibilisiert, kam sie über eine Ausschreibung zur Jecken Fairsuchung. Das ambitionierte Vereinsziel: Langfristig sollen zehn Prozent der Ausgaben für Wurfmaterial im Straßenkarneval auf fair gehandelte Produkte entfallen.

     

    Vorbehalte, ausschließlich fair produzierte Kamelle zu beziehen, kämen nicht zuletzt von kleinen Vereinen. „Für den gleichen Preis gibt es natürlich deutlich größere Mengen an konventionellem Wurfmaterial“, räumt Lieser ein. Doch die Mehrkosten sind gut investiert: Der Fairhandels-Aufschlag garantiert den Bauern für ihre Rohstoffe einen wesentlich höheren Preis, sodass Produktions- und Lebenshaltungskosten tatsächlich gedeckt werden können. Zudem werden Sozialprojekte, Bildungsangebote und Infrastrukturmaßnahmen finanziert.

     

    Dass mit einer konsequenten Umstellung auf faire Kamelle tatsächlich Gutes bewirkt werden kann, leuchtet ein, wenn man sich die Mengen an Wurfmaterial vergegenwärtigt, die allein beim Kölner Rosenmontagszug – dem größten Karnevalszug Deutschlands – zum Einsatz kommen: Unter dem Motto „Köln hat was zu beaten“ wurden 2011 über 300 Tonnen Bonbons, 700.000 Schokoladentafeln und mehr als 300.000 Strüßjer unter den 1,5 Millionen Zuschauern verteilt.

     

    Die Besucherzahlen verraten zugleich etwas über die ökonomische Bedeutung des Karnevals: Schätzungen gehen von einem jährlichen Umsatz von mindestens einer Milliarde aus, der allein in Köln, Düsseldorf und Mainz erwirtschaftet wird. Bei solchen Massenfestivitäten fällt bekanntlich viel Müll an – nach dem Kölner Rosenmontagszug 2011 kamen 390 Kubikmeter davon zusammen. Auch fair gehandelte Kamelle können dieses Problem nicht lösen, obgleich auf eine ökologisch vertretbare Verpackung geachtet wird. Die Haltung des Vereins ist hier eindeutig: Lieber mit der lokalen Kultur arbeiten als gegen sie – und durch Aufklärungskampagnen dennoch zu einer besseren Welt beitragen. Karneval feiern mit gutem Gewissen ist der Jecken Fairsuchung daher nicht genug: In Kooperation mit Lehrkräften ist eine „Aktivmappe Faire Kamelle“ entstanden, die Schülerinnen und Schüler mit den Grundsätzen fairer Lebensmittelproduktion vertraut machen soll.

     

    Öffentlichkeitswirksam zeichnet der Verein zudem einmal im Jahr Karnevalsaktivisten aus, die sich vorbildlich für den fairen Handel engagiert haben. Mit einem Augenzwinkern wird auch hier an die materielle Kultur des Karnevals angeknüpft: Die Preisträger bekommen einen eigens gestalteten Orden überreicht, dessen Design die Idee von der „Einen Welt“ auf den Punkt bringt. Wie passend, dass im Jahr 2012 die Welthauptstadt des Karnevals – Rio de Janeiro – auch den Nachhaltigkeits-Weltgipfel beherbergt. Bei der Jecken Fairsuchung heißt es daher: „Weltgipfel in Rio – Kamelle fair und bio“.

    David Keller
    19. Januar 2012

    www.jeckefairsuchung.net

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  • 10-stiftung-intact

    Schlepperbande

    Im Schweizer Städtchen Burgdorf betreiben Langzeitarbeitslose einen Lieferdienst für schwere Einkäufe und reduzieren dadurch den Autoverkehr.

    Grüezi, darf ich Ihre Tasche heimfahren?

    Im Schweizer Städtchen Burgdorf betreiben Langzeitarbeitslose einen Lieferdienst für schwere Einkäufe und reduzieren dadurch den Autoverkehr.

    „Depot Hauslieferdienst“ steht über einem Durchgang wenige Meter neben den Kassen des Migros-Supermarkts im schweizerischen Burgdorf. Dahinter befindet sich ein schlichtes Holzregal, in dem schon zwei blaue Einkaufstaschen lagern. „Donnerstags bis samstags ist das hier rappelvoll“, sagt Stefanie Fluri, die den Blumenstand nebenan betreibt und die Vignetten für den Lieferdienst verkauft – schlichte, blau-weiße Aufkleber. Drei Franken kostet der Transport eines 20-Kilo-Gepäckstücks; ein Jahresabo mit beliebig vielen Lieferungen schlägt mit 150 Franken zu Buche. Der Kunde muss nur einen Zettel mit seiner Adresse ausfüllen und ihn an die Tasche anheften; spätestens drei Stunden später kann er alles an seiner Wohnungstür entgegennehmen.

     

    In regelmäßigen Abständen taucht im Migros ein Fahrradkurier auf, der die Tüten in einen leuchtend-blauen Anhänger lädt und damit durch Burgdorfs verkehrsberuhigte Innenstadt in Richtung Bahnhof entschwindet. Dort befindet sich die Zentrale des Hauslieferdienstes, der ein knappes Dutzend Langzeitarbeitslose beschäftigt. Der Kurier betritt das große Zelt, in dem neben einem bewachten Fahrradparkplatz für Pendler auch sein Arbeitgeber untergebracht ist. Er stellt die Taschen zu anderen Gepäckstücken, die Kollegen anderswo eingesammelt haben. Nun werden die Lieferungen nach Zielstraßen neu zusammengestellt – und auf geht’s.

     

    Lee Julian raucht noch schnell eine Zigarette, bevor er aufbricht. „Wir alle haben Elektroräder, hier in Burgdorf geht es schließlich bergauf und bergab, und oft haben wir 100 Kilo zu schleppen“, berichtet der 24-Jährige, der mit seinem Bart und den langen Haaren ein bisschen aussieht wie Rübezahl, nur eben mit Fahrradhelm. Seit er hier schuftet, bekommt er zusätzlich zum Sozialgeld in Höhe von 760 Franken noch einmal 400 bis 500 Franken vom Arbeitsamt. Für den Fall, dass er zwei Monate durchhält, hat ihm sein Berufsberater einen Ausbildungsplatz zum Pflegeassistenten zugesagt. „Ich finde das eine gute Sache hier: Ich muss nicht zu Hause sitzen und Däumchen drehen und kann der Gesellschaft etwas zurückgeben“, sagt der junge Mann mit der gesunden Gesichtsfarbe und schiebt nach: „Hier verdiene ich außerdem noch ein bisschen was dazu und kriege auch häufiger Trinkgeld.“ Zwischen 20 und 30 Mal am Tag bricht er auf, um eine Fuhre wegzuschaffen.

     

    Der Lieferdienst ist inzwischen gut etabliert in dem 15.000-Einwohner-Städtchen nördlich von Bern. Bei allen größeren Lebensmittelläden fahren die Kuriere regelmäßig vorbei. Steht bei einem Hobbymarkt oder einer Boutique Gepäck zum Wegradeln bereit, rufen die Ladenbesitzer beim Velodienst an. Weil sie ihr Auto nicht mehr als Lagerraum und Transportmittel brauchen, kommen mehr Kunden zu Fuß, per Rad oder mit dem Bus zum Einkaufen. Die Haushalte, die den Bringdienst nutzen, haben ihre Autofahrten um 21 Prozent reduziert.

    Annette Jensen
    12. Januar 2012

    www.stiftung-intact.ch

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  • 59-younicos

    Sonnentank

    Die Berliner Solarfirma Younicos entwickelt formschöne Speicher für Haus und Büro sowie Sonnentankstellen.

    Die Geschichte von Yill und Yana

    Die Berliner Solarfirma Younicos entwickelt formschöne Speicher für Haus und Büro sowie Sonnentankstellen.

    Yill ist eine Schönheit. Glatt. Weiß. Rund. Kein Model, sondern ein Modell: ein zukunftsträchtiger Solarspeicher. Mit ausziehbarem Griff fahrbar wie ein Rollkoffer. Hergestellt  wurde Yill von Younicos, einer Solarfirma mit 40 Mitarbeitern in Berlin-Adlershof.


    Yill wurde aber nicht des schönen Designs wegen entworfen, sondern aufgrund eines Problems: Den erneuerbaren Energien fehlen Speicher, wenn der Wind nicht weht und die Sonne scheint. Umgekehrt gesagt: Wenn die Sonne kräftig scheint, dann kann Yill den Sonnenstrom aufnehmen, der bei Younicos über die Solarmodule auf dem Dach geerntet wird. Als Speicher dient ein robuster Lithium-Titanat-Akku, der seine Benutzer drei Tage lang unabhängig macht von der Steckdose.


    Yill lässt sich in den Park ziehen oder in einen Partykeller; sie sorgt überall für Energieautarkie. Und sie könnte sogar die Architektur revolutionieren, denn teure Kabelverlegungen in Büroräumen, Altbauten und Fabriklofts würden überflüssig: Schnell mal ein paar Yills hergerollt und Computer daran angeschlossen, und schon lässt sich eine Arbeitsgruppe installieren. Allerdings gibt es bisher nur 15 Prototypen für jeweils mehrere tausend Euro – solange Yill nicht in Serie produziert wird, ist sie teuer.


    Der Chef von Yill ist Clemens Triebel – 53 Jahre alt, quirlig, umtriebig, lausbubenhaft. Der studierte Maschinenbauingenieur, einer der beiden Mitbegründer von Younicos, träumt von der kommenden Energiedemokratie, die „Häuptling Atom“ und „Häuptling Fossil“ entmachten wird. Triebel hat eine linke Geschichte, er demonstrierte gegen Atomkraft und gehörte ab 1985 zum Kreuzberger Kollektiv Wuseltronik, das schon sehr früh Wind- und Solarmodelle zusammenbastelte. Zusammen mit anderen Visionären gründeten die Wuseltroniker 1996 die Solarmodulfirma Solon, die zeitweilig der größte Solarmodulhersteller Europas war und Younicos nun als Untermieter beherbergt. „Let the fossils rest in peace“ ist der Leitspruch von Younicos, und deshalb wird auf firmeneigenen dunklen Grabplatten schon jetzt der letzten Bohrinsel gedacht, des letzten Öltankers, der letzten Zapfsäule.


    Yana ist die große Schwester von Yill, und auch sie bietet einen ästhetischen Anblick. Auf dem firmeneigenen Rasen steht ein rostfarbener Kubus mit einem ausladenden, 50 Quadratmeter großen Solardach. Der Rost-Würfel beherbergt einen großen Vanadium-Redox-Flow-Akku, der 100 Kilowattstunden Strom speichern kann. Damit lässt sich sommerlicher Sonnenüberschuss einlagern und eine Solartankstelle betreiben, die derzeit die Elektroroller und -autos der Younicos-Belegschaft versorgt. Die Firma Gildemeister, mit der Younicos kooperiert, hat bisher acht Yana-Solartankstellen verkauft. 99.000 Euro kostet die Batterie und 340.000 Euro eine ganze Tankstelle – inklusive „intelligenten Steckdosen“, die die Benutzer erkennen. Weitere Yanas sind bestellt.


    So schön Yill und Yana auch sind – für Triebel sind sie kein Selbstzweck. Ihm geht es darum zu demonstrieren, dass eine hundertprozentige Versorgung mit dezentralen erneuerbaren Energien möglich ist. „Und dass das Spaß macht.“

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.younicos.com

    www.wuseltronik.com

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  • 60-wildpoldsried

    Sparfüchse

    Wendelin Einsiedler hat ein Dorf im Allgäu auf den Energiespartrip gebracht. Weil alle davon profitieren, protestiert hier auch niemand gegen Windräder.

    Bauer schafft Aufwind

    Wendelin Einsiedler hat ein Dorf im Allgäu auf den Energiespartrip gebracht. Weil alle davon profitieren, protestiert hier auch niemand gegen Windräder.

    Am liebsten sitzt Bauer Wendelin Einsiedler auf seinem Balkon und schaut den Windrädern beim Drehen zu. „Windpapst“ nennen ihn die Leute in Wildpoldsried. Doch allzu viel Muße hat der CSU-Vorsitzende des 2.500-Einwohner-Dorfes im bayrischen Allgäu nicht. Denn der 55-Jährige mit den vielen Lachfältchen und dem rötlichbraunen Bart hat ein klares Ziel: Sein Dorf soll so wenig Energie wie möglich verbrauchen und so viel wie möglich erzeugen – beides, ohne das Klima zu belasten.


    Während sich in anderen Orten Menschen gegen Windräder sträuben, spricht in Wildpoldsried niemand von einer „Verspargelung“ der Landschaft. Im Gegenteil. Der Grund ist einfach: Alle Einwohner hatten die Möglichkeit, sich am Bau finanziell zu beteiligen – und so profitiert heute ein Großteil der Haushalte von den Einnahmen. „Ein Investor von außen würde hier nie eine Genehmigung kriegen“, ist sich Einsiedler sicher. Auch Susi Vogl, die das Koordinationsbüro Energie- und Klimaschutz im Rathaus managt, betont die Vorteile: „Solche Bürgeranlagen stärken den Zusammenhalt im Ort, weil davon nicht RWE, e.on oder sonst wer profitiert.“


    Für die Pachteinnahmen hat Wendelin Einsiedler ebenfalls eine Regelung ersonnen, die Konflikte unwahrscheinlich macht: Es kassiert nicht nur der Bauer, auf dessen Acker die Anlage steht, sondern auch alle Nachbarn im Umkreis von 300 Metern. „Wir haben den Konzernen schon viel abgezwackt“, sagt der Landwirt – und das findet er richtig gut, weil das Geld jetzt vor Ort bleibt. „Die Großen arbeiten doch gegen alle Vernunft. Da muss man ja nur an die Gefahren der Atomkraft denken.“ Bei solchen Themen kann sich Einsiedler, der sich selbst als ruhigen Menschen beschreibt, auch richtig aufregen. „Man kann doch nur mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie!“


    Mitte der 1990er-Jahre interessierte sich in Wildpoldsried außer Einsiedler noch kaum jemand für den Klimawandel – inzwischen weiß jedes Kind bestens Bescheid. Energiesparen ist hier zum Volkssport geworden. Das liegt wohl vor allem daran, dass sich damit auch Geld verdienen lässt.


    Wo es geht, greifen die Wildpoldsrieder auf eigene Ressourcen zurück. Um herauszufinden, wie gut oder schlecht ihre Häuser isoliert sind, beauftragten sie die örtlichen Ballonsportfreunde Feuer und Flamme. Die schwebten an einem schönen Wintertag hoch in den Himmel und schossen Fotos von den Dächern: Wo der Schnee geschmolzen war, war die Dämmung ersichtlich miserabel. Der Gemeinderat organisierte anschließend für alle Interessierten eine günstige Energieberatung. Auch zum Thema Heizungsumwälzpumpen, die häufig ununterbrochen laufen und dadurch viel Strom verschleißen, machte der Gemeinderat den Bürgern ein Angebot: Ein Ratsmitglied, das hauptberuflich in einer Herstellerfirma für Heizungspumpen arbeitete, würde alle Haushalte besuchen, die das wünschten. Der Gutachter inspizierte dann tatsächlich die Anlagen aller interessierten Haushalte und handelte anschließend mit seinem Arbeitgeber für die massenhafte Erneuerung einen günstigen Preis aus.


    Besonders erfolgreich war eine Aktion zum kollektiven Einkauf von Solarmodulen. Der Großauftrag bescherte den Beteiligten nicht nur einen fetten Rabatt, sondern veranlasste den Lieferanten auch, seine Firmenzentrale nach Wildpoldsried zu verlegen – wo er seither Steuern zahlt.


    Alle Gemeindegebäude in Wildpoldsried werden heute mit Fernwärme aus bayrischen Holzpellets geheizt, und auch ein Großteil der Wohnungen und Privathäuser sind inzwischen an das Wärmenetz angeschlossen. Viele Bewohner der Straßen, in denen noch keine Leitungen liegen, drängen auf einen Ausbau des Netzes. Schließlich sparen diejenigen, die jetzt auf eine Ölheizung verzichten können, etwa die Hälfte der Betriebskosten.


    Summa summarum erzeugt Wildpoldsried heute über dreimal so viel Energie wie es verbraucht – und im kommenden Sommer wird sich die produzierte Strommenge durch zwei 180 Meter hohe Windanlagen noch einmal deutlich erhöhen.


    Wendelin Einsiedler und seine Mitstreiter wollen gar nicht mehr aufhören mit dem Optimieren. Sie haben mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, mit dem regionalen Netzbetreiber und Siemens verhandelt – und alle gemeinsam testen nun in Wildpoldsried ein „intelligentes Stromnetz“, das die Balance zwischen Stromherstellung und -verbrauch verbessern soll und dadurch so manchen Leitungsneubau überflüssig machen könnte. Auch Elektrofahrzeuge kommen bei dem auf zwei Jahre angelegten Versuch zum Einsatz. Selbstverständlich sitzt auch Wendelin Einsiedler öfters hinterm Steuer eines E-Autos, das er sich mit zwei anderen teilt. „Wenn das mit Batterieautos klappt, dann sind wir hier wirklich autark“, frohlockt der 55-Jährige.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.wildpoldsried.de

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  • 61-veggiday

    Donderdag

    In mehreren Städten Belgiens und Deutschlands kommt in den städtischen Kantinen und Schulmensen weniger Fleisch auf die Teller. Dabei geht es um Klima- und Gesundheitsschutz – und um Genuss.

    Donderdag ist Veggiedag

    In mehreren Städten Belgiens und Deutschlands kommt in den städtischen Kantinen und Schulmensen weniger Fleisch auf die Teller. Dabei geht es um Klima- und Gesundheitsschutz – und um Genuss.

     

    Die Bewegung begann in der belgischen Stadt Gent. Jeder Donnerstag ist dort Veggiedag: Da kommt vor allem Fleischloses auf den Tisch. So haben es die Stadtverordneten im Frühjahr 2009 beschlossen – und so setzen es die Köche in den öffentlichen Kantinen und Schulmensen um. Auch in jedem Restaurant soll zumindest ein vegetarisches Gericht auf der Speisekarte stehen.


    Die Idee stammt von der Ethischen Vegetariervereinigung Flandern (EVA). Sie versuchte im Herbst 2008, den Genter Stadtpolitikern den Veggiedag schmackhaft zu machen. Fast zeitgleich kam damals der Vorsitzende des internationalen Klimarats IPCC, Rajendra Pachauri, nach Gent und hielt einen Vortrag an der Universität. „Natürlich geht man da hin, wenn ein Nobelpreisträger bei uns vor Ort spricht“, sagt Tom Balthazar, der in der Stadtregierung für Umwelt und Soziales zuständig ist. Was der indische Umweltwissenschaftler dort berichtete, elektrisierte den Politiker: Die weltweite Fleischproduktion ist für mindestens 18 Prozent des gegenwärtigen Ausstoßes an klimaschädlichen Gasen verantwortlich. Jedes Jahr werden Millionen Hektar Regenwald zerstört, um auf den gerodeten Flächen Viehfutter anzubauen. Hinzu kommt, dass aus jeder Kuh vorne und hinten täglich 300 Liter des Klimakillers Methan entweichen und dass Schafe und Ziegen die Atmosphäre auf ähnliche Weise belasten. Das Einfachste, was ein Bürger zum Klimaschutz beitragen kann, sei der Verzicht auf Fleisch, so die Botschaft des Wissenschaftlers.


    Die linksliberale Stadtregierung in Gent reagierte prompt – nicht zuletzt überzeugt durch den Genuss eines vegetarischen Menüs, das der flandrische Starkoch Philippe van den Bulck den Politikern servierte. Auch sonst waren die Voraussetzungen in der 240.000-Einwohner-Stadt nordwestlich von Brüssel günstig: Schließlich rühmt sie sich, die größte Dichte vegetarischer Restaurants weltweit zu besitzen. „Die Opposition war nicht dagegen, fand das Thema allerdings eher marginal und machte sich ein bisschen über uns lustig“, so Balthazar. Von den Schlachtern im Stadtgebiet kamen ebenfalls ein paar Kommentare, die das Ganze ins Lächerliche ziehen sollten. Offen protestiert aber hat bisher nur der Belgische Bauernverband, der das vermeintliche „Fleischverbot“ geißelte.


    Im Mai 2009 wurde Gent bei einer großen Party auf dem Gemüsemarkt von Tom Balthazar zur „Vegetarierhauptstadt Europas“ erklärt. Kinder führten vor dem historischen Schlachthaus ein Theaterstück auf: Eine Banane vertreibt das Beefsteak. Mit Lust, Spaß und Argumenten versuchen die Initiatoren, ihre Mitbürger zu überzeugen. Eine fleischarme Ernährung ist schließlich nicht nur gut fürs Klima, sondern auch für die eigene Gesundheit, denn häufiger Fleischgenuss kann zu Herzinfarkten, Gefäßkrankheiten und manchen Krebsarten führen. 


    Als tabu hingegen gilt in Gent jeglicher Zwang: So müssen die Genter Beamten und Stadtangestellten, die das Gefühl haben, ohne Fleisch vom Fleisch zu fallen, auch donnerstags nicht darauf verzichten. Trotzdem wählen etwa zwei Drittel die vegetarischen Angebote – und inzwischen gibt es auch an jedem anderen Wochentag ein entsprechendes Gericht. In den Schulkantinen wird der Veggiedag sogar zu 90 Prozent angenommen.


    Schon zum zweiten Mal lässt Gent nun spezielle Stadtpläne drucken, um Besuchern und Einheimischen das Auffinden vegetarischer Gaststätten zu erleichtern. Deren Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. In einem Dutzend Genter Restaurants gibt es heute überhaupt kein Fleisch mehr, insgesamt fast 100 haben vegetarische Angebote auf der Speisekarte. Darüber hinaus sind inzwischen zahlreiche vegetarische Kochkurse im Angebot. „Bei uns ist Vegetarismus keine Nischenangelegenheit mehr“, führt Pascal Goethals von der Genter Stadtverwaltung aus und verweist auf eine Umfrage, bei der sich immerhin 19 Prozent der flandrischen Bevölkerung zumindest als „Teilzeit-Vegetarier“ bekennen; im Landesdurchschnitt sind es drei bis vier Prozent.


    Derweil sehen sich Tom Balthazar und seine Mitstreiter mit einer Flut von Emails und Telefonanrufen aus aller Welt konfrontiert. Gerade waren Delegationen aus Südkorea und Japan vor Ort, und auch in der brasilianischen Millionenstadt São Paulo interessieren sich viele für die Erfahrungen. In Deutschland hat das Beispiel inzwischen schon mehrere Nachahmer gefunden: In Bremen und Schweinfurt wurden sogenannte Veggidays eingeführt, in Wiesbaden läuft eine entsprechende Kampagne.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.gent.be/donderdagveggiedag

    www.veggiday.de

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  • 123-recyclingboerse

    second design

    Müllvermeidung, Arbeitsplätze und Design – die Kreativität der Herforder RecyclingBörse! kennt keine Grenzen.

    Der verborgene Sinn weggeworfener Dinge

    Müllvermeidung, Arbeitsplätze und Design – die Kreativität der Herforder RecyclingBörse! kennt keine Grenzen.

    Ein Zaun aus alten Langlaufskiern, ein Windspiel aus CDs, ein halber Globus als Lampenschirm, eine Autoscheibe als Dachunterstand: wer das Gelände der Herforder RecyclingBörse! betritt, merkt schnell, welch unkonventioneller Wind hier weht. Was eben noch Müll war, wird von Menschen, die eben noch arbeitslos waren, als Ware für die Second-Hand-Kaufhäuser und Läden der RecyclingBörse! aufbereitet oder zerlegt und wiederverwertet. Auch an diesem Nachmittag herrscht reges Treiben – der eine sucht im Kaufhaus nach günstigem Weihnachtsschmuck, besonderen Büchern oder einer Jacke. Die andere kommt vorbei, um ein paar Stühle und eine alte Kamera zu spenden. „Wir sind ein großer Flohmarkt“, erklärt Geschäftsführer Udo Holtkamp mit Understatement. Mehrere tausend Tonnen Müll konnten durch das Sozialunternehmen bislang vermieden und als Waren in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden – auch Kunst und Kultur profitieren davon.

     

    „Gerade erst habe ich ein paar alte Spielzeugpistolen an das Berliner Museum der Dinge abgegeben“, erzählt der ehemalige Buchhändler und kramt aus einer Kiste waffeleisenförmige Untersetzer hervor, die eine Gestalterin aus gebrauchten Bundeswehrdecken geschaffen hat. Um solch müllvermeidende Innovationen ging es der RecyclingBörse!, als sie 2007 den RecyclingDesignpreis ins Leben rief. Der Preis fordert Kreative auf, sich – frei nach dem Dadaisten Kurt Schwitters – auf die Suche nach dem „verborgenen Sinn weggeworfener Dinge“ zu machen. Zuletzt, 2011, gewann eine Designerin, die aus einem PVC-Rohr und einem alten Traktorschlauch einen Hocker baute. Im Februar 2012 wird der Preis zum fünften Mal vergeben: 600 Gestalter aus 38 Ländern haben ihre aus „weggeworfenen Dingen“ geschaffenen Gebrauchs- und Dekorationsgegenstände eingereicht. Den Besten unter ihnen winken ein von der RecyclingBörse! gestiftetes Preisgeld und eine Ausstellung, unter anderem im örtlichen Prestigebau, dem Kunstmuseum MARTa Herford.

     

    Mit dem RecyclingDesignpreis und der MARTa-Kooperation ist das Sozialunternehmen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dort stand es nicht immer. Alles begann 1983 mit einigen Arbeitslosen aus der „links-alternativen Ecke“, die Anstoß an der Müllverbrennungsanlage nahmen und ihre Suche nach Arbeit mit der Suche nach Alternativen zur Wegwerfkultur kombinierten. Sie gründeten den Arbeitskreis Recycling e.V., der seit 1984 die RecyclingBörse! als einen Zweckbetrieb unterhält. Die – letztlich denkbar simple – Idee, brauchbare Artikel vor der Mülldeponie zu retten und zu günstigen Preisen zu verkaufen, stand schnell: doch mangelte es an Spenden. „Das Bürgertum sah in uns linkes Pack – unterstützt haben uns zunächst nur die armen Socken“, erläutert Holtkamp.

     

    Dass dennoch eine Erfolgsgeschichte erzählt werden kann, in der aus Arbeitslosen tatsächlich Mitarbeiter und aus ihrem anfangs skeptischen Umfeld Spenderinnen und Kunden geworden sind, liegt, laut Holtkamp, vor allem am Dialog mit der Kultur. Mit ein paar provokanten Kunstprojekten brachte sich der Arbeitskreis im Laufe der 1980er- und 1990er-Jahre ins Gespräch, lobte 1999 einen regionalen Recyclingkunstpreis und acht Jahre später schließlich den, inzwischen internationalen, RecyclingDesignpreis aus. Aus Alt wurde Kunst; die Bildungsbürger entdeckten, was „Müll“ alles kann – und das Recyclingprinzip landete in den Salons der kulturbeflissenen Gesellschaft.

     

    Von diesem Umdenken profitierte die RecyclingBörse!, die sich im Laufe der Jahre über immer mehr Anerkennung und Spenden freuen durfte. Mittlerweile gilt sie, ohne das Provokationsprinzip an den Nagel gehängt zu haben, als mittelständischer Integrationsbetrieb. Etwa 115 Personen bietet die Börse derzeit eine kurz- oder längerfristige Arbeitsgelegenheit. Damit verschafft sie vielen Langzeitarbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern eine Perspektive, eine neue Qualifikation, einen erweiterten Horizont. Gemeinsam mit dem Herforder Designer Oliver Schübbe zerlegte beispielsweise eine Gruppe jugendlicher Langzeitarbeitsloser gespendete Möbel und schuf aus dem so gewonnenen Restholz die Regale und Tresen, die mittlerweile in den drei Ladenfilialen der RecyclingBörse! zu finden sind. Auch eine Kantine für das Herforder Second-Hand-Kaufhaus ist auf diese Weise entstanden. Hier rastet, wer sich vom Stöbern erholen will – und trifft womöglich auf einen Mitarbeiter, der gerade aus zwei oder drei alten Fahrrädern ein neues zusammengeschraubt hat.

     

    Auch auf dem Bielefelder Wertstoffhof hat Holtkamp kürzlich einen Arbeitsplatz geschaffen: ein lernbehinderter Jugendlicher überzeugt nun die Bürger vor Ort, ihre brauchbaren Sachen nicht wegzuschmeißen, sondern zu spenden. „Das soll so eine Art Blaupause sein – vielleicht klappt es auch in anderen Städten.“ In Holtkamps Glatzkopf tummeln sich die Blaupausen. Schulen als Recyclingsammelstellen – warum nicht? Die Eltern brächten ihre Kinder doch eh mit dem Auto – da könnten sie Sperriges gleich mittransportieren und die Schüler an die Müllproblematik heranführen.

     

    Gezieltes Sammeln hat sich bei der Börse schon öfters bewährt: Seit 2002 organisiert sie ihre Altkleidersammlungen über den örtlichen Umweltkalender, der 130.000 Haushalte erreicht. Durch die mit der Kommune koordinierte Textilsammlung wurden viele Herforder auf die RecyclingBörse! aufmerksam: der Umsatz stieg im Jahr darauf um 30 Prozent. „Die Leute haben sich an unsere Sammlungsaktionen gewöhnt.“

     

    Die Werbetrommel rühren die Börsianer dennoch weiter. Beim Stadtfest sind sie mit einer Altkleidermodenschau, beim Weltkindertag mit selbstgebasteltem Spielzeug und beim Carnival der Kulturen mit originellen Wurfmaschinen vertreten. Dass das nicht nur Umsatz bringt, sondern auch Spaß macht, zeigt eine Fotodokumentation, die die Mitarbeiter in ihrem Spind aufbewahren. „Ich würde sogar bei einem Fest der CDU mitmachen“, sagt Holtkamp, der eine Designer-Brille zum Antiatomkraft-Button und einer alten Lederweste trägt.

     

    Die Grenzen seiner Arbeit kennt er dennoch ganz genau: „Sustainable Design ist besser als Recyclingdesign“, reflektiert Holtkamp. Und: die Waren, die sich bei ihnen nicht verkaufen lassen, landen unvermeidbar doch in der Müllverbrennungsanlage, gegen die die Gründer der Börse einst demonstrierten. „Eigentlich müssten wir überflüssig werden, aber ich habe es aus Altersgründen aufgegeben, den Kapitalismus zu bekämpfen“, raunt Holtkamp und treibt stattdessen das kreative Spiel „Aus Alt mach…“ munter weiter. Dessen Reiz ist auch den Japanern nicht verborgen geblieben. Kurz nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima stellte sich das japanische Designmagazin Axis die Frage: wohin mit all dem Müll? Das Ergebnis der Recherche: eine Reportage über die RecyclingBörse! im fernen Herford.

    Anne Giebel
    20. Januar 2012

    www.recyclingboerse.org

    www.recyclingdesignpreis.org

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  • 64-tagwerk

    Know How

    Die wohl größte Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Deutschlands entstand im bayrischen Dorfen, weil ihre Mitglieder eine Alternative zur Lebensmittelindustrie suchten.

    Weltverbesserung beginnt im Kochtopf

    Die wohl größte Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Deutschlands entstand im bayrischen Dorfen, weil ihre Mitglieder eine Alternative zur Lebensmittelindustrie suchten.

    Über ihren Beitrag zum Zustand der Welt entscheiden die Menschen am Herd. Davon sind die Mitglieder der Tagwerk-Genossenschaft seit langem überzeugt. Deshalb druckt das Unternehmen aus Dorfen bei München auf jede Getreidetüte die genaue Adresse des Bauern, der die Körner angebaut hat. Auch die Herkunft von Wurst, Gurken oder Käse können die Käufer nachvollziehen. Der größte Teil des Angebots stammt aus der nahen Umgebung, und wer hier einkauft, kann sicher sein, dass er oder sie weder Pestizide noch gentechnisch veränderte Lebensmittel im Kochtopf hat.


    Die Geschichte der wohl größten Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Deutschlands beginnt Mitte der 1980er-Jahre. Damals zog sich ein bunt gemischtes Grüppchen aus Friedensbewegten und Umweltschützerinnen, Linken und Christen ein Wochenende lang in ein Kloster zurück. Viele von ihnen hatten es satt, eingeschweißte Fleischlappen, Tütensuppen und Obst unbekannter Herkunft in ihre Einkaufswagen legen zu müssen. „Uns ging es damals nicht so sehr um die Gesundheit, sondern um politische Fragen und Umweltschutz“, stellt die spätere Vorstandsfrau Inge Asendorf klar.


    Die Mitglieder der Initiative wollten nicht länger einem immer mächtigeren Netz von Lebensmittelkonzernen ausgeliefert sein. Denn bei diesen sahen sie die Hauptverantwortung für den Hunger in armen Ländern. Die gigantischen Unternehmen bezögen ihre Produkte ausschließlich von agroindustriellen Großbetrieben, die mit modernen Maschinenparks billig für den Weltmarkt produzieren und dadurch die Existenz von Millionen Kleinbauern aufs schärfste bedrohen. Weiterhin führe der Anbau von wenigen Hochertragssorten zu einer gefährlichen Verarmung der biologischen Vielfalt. „Zwingen uns die Verhältnisse, ein Leben auf Kosten anderer und der Umwelt zu führen?“, fragten sich die Klausurteilnehmenden und setzten dem ein Manifest entgegen: „Wir wollen überschauen können, was wir tun. Wir wollen verstehen können, wie es funktioniert. Wir wollen verantworten können, was wir tun.“


    Als ersten Schritt beschloss die Gruppe, eine Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft mit einer befreundeten Biobauernfamilie aufzubauen. Die Gemeinschaft wuchs rasch, bald kamen weitere Höfe und eine Bäckerei dazu. Einige Gruppenmitglieder stellten sich nun regelmäßig auf Wochenmärkte und verkauften Milch, Kohl und Brot – man hatte Spaß miteinander und genoss noch dazu leckeres Essen. Schließlich gründeten 48 der bisherigen Gemeinschaftsmitglieder eine Genossenschaft, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl einen rapiden Nachfragezuwachs erfuhr.


    Wie andere Kolleginnen rutschte auch Inge Asendorf in die neue Aufgabe „einfach so hinein, weil da lustige und interessante Leute waren und es einen menschlichen Zusammenhalt gab.“ Der ist in der Tagwerk-Zentrale in Dorfen auch heute noch zu spüren. Die Genossenschaft sitzt in einem hervorragend gedämmten Ziegelbau, der mit einer Solaranlage auf dem Dach und einem Holzhackschnitzel-Blockheizkraftwerk im Keller ausgestattet ist und in dem selbst die Abwärme der Kühlräume nutzbar gemacht wird.


    Die Grundsatzdiskussionen sind mittlerweile ausgestanden: Es gibt hier Taschenrechner und Computer; manche der Produkte haben mehr als 50 Kilometer hinter sich, weil die Menschen in Dorfen und Landshut nun auch mal Nudeln oder saure Gurken aus ferneren Gefilden essen wollen. Selbst Tomaten im Februar sind nicht mehr tabu. „Es war bitter, das zu akzeptieren – aber es ist praxisfern, die Leute überzeugen zu wollen, im Winter auf Sommergemüse zu verzichten“, sagt Aufsichtsrätin Hanna Ermann. Ein Tagwerker begegnete dem auf seine Weise: Er verfasste ein jahreszeitliches Kochbuch mit vielen kreativen Rezepten und lustigen Sprüchen.


    Lange Zeit arbeiteten alle von der Packerin bis zur Chefin zum Einheitslohn von etwa 10 Euro pro Stunde; inzwischen werden die rund 20 Angestellten nach einem etwas differenzierteren Gehaltssystem bezahlt. Zur Genossenschaft gehören außer Kundinnen und Vermarktern etwa 100 Produzenten – Biobauern, Gärtnerinnen, Imker, Metzgerinnen, Bäckereien und Käsereien. Zu kaufen gibt es Tagwerk-Produkte in acht Läden sowie auf dutzenden von Wochenmärkten und im Naturkosthandel bis nach München.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.tagwerk.net

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  • 65-solar-buerger-genossenschaft

    Rekord(ver)dach(t)

    Bürgerenergiegenossenschaften sind schwer im Kommen. Die Solar-Bürger-Genossenschaft in Freiburg vereint verschiedene Solarprojekte unter einem Dach und erspart anderen die Mühe der Neugründung.

    Alle unter einem Solardach

    Bürgerenergiegenossenschaften sind schwer im Kommen. Die Solar-Bürger-Genossenschaft in Freiburg vereint verschiedene Solarprojekte unter einem Dach und erspart anderen die Mühe der Neugründung.

    Es begann alles mit einem Weltrekord. Auf dem Dach eines Speditionsunternehmens im hessischen Bürstadt dehnten sich im Jahr 2005 Solarmodule auf der Fläche von acht Fußballfeldern, insgesamt rund 45.000 Quadratmetern – seinerzeit die weltgrößte Dachflächenanlage der Welt. Der Sonnenfleck, wie das Projekt genannt wurde, war maßgeblich das Werk von Erhard Renz.


    Der 57-jährige Frühpensionär mit dem schütteren Haar und dem fröhlichen Lachen lebt in Bürstadt nur acht Kilometer vom Atomkraftwerk Biblis entfernt. Dass er wenige Tage vor dem Super-GAU in Tschernobyl eine Tochter bekommen hatte, verstärkte damals seine Abneigung gegen die Atomkraft nur noch mehr. Der Industriekaufmann, der bei Daimler Benz im Rechnungswesen arbeitete, wollte zeigen, dass es auch anders geht, und machte sich ab den 1990er-Jahren für  Windenergie stark. Doch sein Engagement für einen Windpark an der Nordsee frustrierte ihn: Viele Beteiligte „hatten nur Interesse an der Rendite“. Seit 2000, dem Jahr der Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und der damit verbundenen erleichterten Förderung von Solarenergie, engagierte sich Erhard Renz auch für Solaranlagen, hielt Vorträge, dachte sich lustige Solarwettbewerbe zwischen Kommunen aus und wurde Schritt für Schritt zum „Sonnenflüsterer“ – so heißt auch seine Webseite. Das Weltmeisterdach in Bürstadt war zwar das größte Projekt, bei dem der unermüdliche Freizeitaktivist mitgemischt hat, aber nur eines von vielen.


    Was den Überzeugungstäter Renz an seinem „Sonnenfleck“ aber letztlich doch störte, war die Pro-Kopf-Mindestbeteiligung von 50.000 Euro. Die Menschen, die in seine Vorträge strömten, hatten nicht so viel Geld. Auf einer Solarmesse in Freiburg sprach er deshalb Burghard Flieger an, einen ausgewiesenen Experten für Genossenschaften, der auch Qualifizierungsseminare für Gründungswillige anbietet. Zusammen erarbeiteten Renz und Flieger ein Genossenschaftsmodell, bei dem Engagierte sich schon mit 100 Euro beteiligen konnten. „100 Euro hat fast jeder, und wer einmal in ein Solardach investiert hat, bleibt der Branche treu“, so die Erfahrung von Renz. Anfang 2005 gründeten die beiden mit weiteren elf Mitstreitern die Solar-Bürger-Genossenschaft. Zu Beginn des Jahres 2012 hat die Genossenschaft 120 Mitglieder, die mehr als 800 Anteile zu je 100 Euro halten. Auch Prominente sind darunter, etwa der Kabarettist Arnulf Rating. „Den hab’ ich nach einem Auftritt bei uns in der Gegend drei Stunden lang vollgeflüstert“, lacht der „Sonnenflüsterer“.


    Die Solargeno, wie sie abgekürzt heißt, war die dritte deutsche Bürgersolargenossenschaft überhaupt und die erste bundesweit aktive. Sie löste einen wahren Gründerboom aus. Seit 2008 vermehren sich „Genos“ rasant, Ende 2011 waren es rund 300, davon allein in Baden-Württemberg 45. Und 2012, glaubt Solargeno-Vorstandsmitglied Burghard Flieger, werden es noch mehr. Schließlich ist 2012 das von der UNO ausgerufene Internationale Jahr der Genossenschaften – 150 Jahre, nachdem Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch dieses Modell der Solidarökonomie in Deutschland eingeführt haben. Also, trotz der FDP-verursachten Kürzung der Solarstromförderung: Noch mehr Solarmodule auf noch mehr Dächern werden noch mehr Genossen und Genossinnen erfreuen.


    Ganz einfach war der Weg auch für die Solargeno nicht, bei ihren Projekten gab es immer wieder technisch oder organisatorisch bedingte Verzögerungen. Doch eine besondere Eigenschaft von Genossenschaften verhilft ihnen in der Regel zu Erfolg: Sie können neue Standorte erschließen, an die Einzelpersonen oder Unternehmen nicht herankommen. Gerade in ländlichen Regionen finden sich jede Menge Speicher, kommunale Gebäude, Supermärkte oder Kirchen, die „eins aufs Dach“ verdienen. Dachbesitzer können die Flächen gratis vergeben oder vermieten, wenn sie sich nicht selbst engagieren möchten.


    Auch die Freiburger Solar-Bürger-Genossenschaft hat nunmehr drei Anlagen auf Großdächern in unterschiedlichen Regionen am Laufen: eine auf dem Feuerwehrhaus von Bürstadt, eine auf der Christoph-Graupner-Schule in Darmstadt und seit Ende 2011 die größte und neueste auf dem Werk von Gummi-Mayer im pfälzischen Landau, die mehr als eine halbe Million Kilowattstunden pro Jahr ins Netz einspeisen wird. „Ich bin beseelt von diesem Projekt“, bekannte Dachbesitzer Mayer bei der Anlageneinweihung und wünschte sich „Sonnenschein in den Seelen aller Beteiligten“. Mit diesem dritten Projekt konnte die Solargeno ihre Stromproduktion immerhin verzehnfachen, und weitere Solardächer sowie gemeinschaftlich betriebene Blockheizkraftwerke in Freiburg und Umgebung sind laut Burghard Flieger in Vorbereitung.


    Jeden Morgen geht die Sonne auf, und wenn die Solardächer einmal arbeiten, werfen sie jährlich rund vier bis sechs Prozent Rendite ab – auf 20 Jahre Laufzeit gerechnet. Das erste Ziel der Solargeno aber ist nicht die Rendite, sondern, so die Satzung, „eine Demokratisierung der Energiewirtschaft und die Förderung der Energiewende hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung mit Bürgerbeteiligung“. Nicht Offshore-Windkraft und das Sahara-Mammutprojekt Desertec, sondern nur die dezentralen erneuerbaren Energien ermöglichten den nötigen „Systemwechsel“, heißt es ergänzend auf der Webseite. „Man muss sie nicht suchen, freilegen und ausgraben, dann an einen zentralen Ort bringen, um sie wieder zu verteilen, sondern kann sie unmittelbar dort gewinnen, wo sie gebraucht werden.“ Überall, auf dem kleinsten Dach, kann man Sonne ernten.


    Allerdings verstößt die Solargeno in einem Punkt gegen das strikt regionale „Kirchturmprinzip“ des Genossenschaftserfinders Raiffeisen. Sie verstehe sich „auch als Dachorganisation für Projekte von lokalen Gruppen, die vor Ort ihre eigene Anlage realisieren wollen, ohne dafür selbst den Weg der Genossenschaftsgründung zu gehen“, heißt es in der Satzung. Wenn eine Bürgerinitiative nur ein einziges Solarprojekt realisieren
    wolle und den bürokratischen Aufwand scheue, dann sei sie bei der Solargeno richtig, erläutert Erhard Renz. Auch Beratung, Qualifizierung und Vernetzung seien bei ihnen zu bekommen, ergänzt Burghard Flieger. Ein Dach für alle Dächer gewissermaßen. Vielleicht irgendwann noch ein Weltrekord?

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.solargeno.de

    www.energiegenossenschaften-gruenden.de

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  • 66-schweizerische-bundesbahnen

    Volkswaggon

    In der Schweiz ergeht es Bahnreisenden besser als anderswo. Und das nicht nur, weil in dortigen Zügen die Angestellten freundlich „Grüezi“ sagen und der Kaffee schmeckt.

    Die Bahn ein Traum

    In der Schweiz ergeht es Bahnreisenden besser als anderswo. Und das nicht nur, weil in dortigen Zügen die Angestellten freundlich „Grüezi“ sagen und der Kaffee schmeckt.

    Preisfrage: Welche europäische Kulturhauptstadt erlaubt es sich, ihren städtischen Straßenbahnverkehr nach 22 Uhr ruhen zu lassen? Die Antwort ist einfach: die verkehrstechnisch höchst innovative Ruhrmetropole Essen. Dort gilt öffentlicher Nahverkehr ohnedies als Resttransportmittel für die, die sich kein Auto leisten können. Radfahren ist ebenfalls tödlich. Auf die Frage, wie das denn alles komme, sagte mir einmal eine ehemalige Verkehrsdezernentin, es handele sich um ein mentalitätsgeschichtliches Phänomen, das auf die 1950er-Jahre zurückgehe: auch der deutsche Arbeiter habe ein Anrecht auf ein Auto und auf dessen bedingungslosen Einsatz. Deshalb holt man im Ruhrgebiet auch heute noch die Zigaretten mit dem Auto, niemals anders. Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel: reserviert für Loser.


    Nächste Preisfrage: In welcher europäischen Hauptstadt hat knapp die Hälfte der Haushalte kein eigenes Auto mehr? Die Antwort ist Bern, Hauptstadt der Schweiz. In diesem Land legen die Einwohner pro Kopf mehr als doppelt so viele Kilometer mit der Bahn zurück als beispielsweise in Deutschland. Warum? Weil jede größere Stadt im Halbstundentakt, manche sogar im Viertelstundentakt erreicht wird. Weil man bis ins letzte Dorf Anschluss hat. Weil die Züge pünktlich sind. Weil der Verbund mit anderen öffentlichen Verkehrsmitteln funktioniert. Die Zeitschrift des Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat einmal den Brief eines deutschen Schweizurlaubers abgedruckt, der fassungslos berichtete, dass man mit dem Bus aus Luzern, der um 16.18 Uhr in Weggis eintrifft, das Schiff um 16.19 Uhr erwischt. Das stimmt. Ich habe es ausprobiert, als mein sinnloses Auto in Luzern in der Werkstatt stand. Ein anderer Leser berichtet, dass ein schweizerischer Busfahrer bei einer zweiminütigen Verspätung den Anschlusszug angerufen habe, der dann – selbstverständlich – auf die Passagiere des Busses gewartet habe.


    Treibt einem so etwas als Nutzer der Deutschen Bahn (DB) schon die Tränen der Rührung in die Augen, dann haut einen das Studium der Prospekte der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) regelrecht um: das General-Abo, das der hiesigen BahnCard 100 entspricht, aber erheblich günstiger ist und Ermäßigungen zum Beispiel für junge Menschen bis 25 Jahre genauso vorsieht wie für Studierende oder Behinderte, kann man, wenn man es eine Weile nicht braucht, am Schalter hinterlegen, wo man die entsprechenden Wochen auf die Laufzeit angerechnet bekommt. Problemlos wird eine Ersatzkarte ausgestellt, falls man sein Ticket mal vergessen hat (Tipp für Verwegene: Versuchen Sie das mal beim DB-Service). Man bekommt auch ein General-Abo für seinen Lumpi, klassenlos. Ich zitiere aus dem SBB-Prospekt: „Das Hunde-GA trägt keinen Klassenvermerk und ist sowohl in der 2. Klasse wie auch in der 1. Klasse gültig.“


    Man kann sein Fahrrad an jedem Schweizer Bahnhof abgeben und am übernächsten Tag dort abholen, wo man es haben möchte. Man kann es auch selbst mitnehmen. Man erhält dafür eine geeignete Transporttasche am Gepäckschalter. So kostenlos wie die Mitnahme selbst. Für Phasen erhöhten Fahrgastaufkommens haben die Bahntechniker Modulwagen entwickelt, die ohne Komplikationen an die Züge angehängt oder ihnen sogar vorgespannt werden können – die Deutsche Bahn schmeißt Fahrgäste aus dem Zug, wenn der überfüllt ist. Noch mehr? Ein Halbtax-Abo, das der BahnCard 50 der DB entspricht, aber neben den SBB-Zügen die meisten Bergbahnen, Schifffahrtslinien und Busse einschließt, kostet für drei Jahre weniger als die deutsche Karte für ein Jahr. Habe ich schon erwähnt, dass die Züge alle pünktlich fahren? Sauber sind? Freundliches Personal haben? Guten Kaffee servieren?


    Was heißt das alles? Die Schweizer Bahn ist ein Lifestyle-Produkt. Die Kultur des öffentlichen Transports ist in der Schweiz so chic wie andernorts das SUV (von denen es in der Schweiz, freilich, immer noch zu viele gibt). Die Hälfte der knapp 8 Millionen Einwohner der Schweiz besitzt ein Bahn-Abo; davon fahren 2,4 Millionen mit dem Halbtax-Abo, fast eine halbe Million sind sogar General-Abonnenten. Auch wenn es in der Schweiz schneit, und das tut es mitunter, fahren die Züge und Busse. Niemand braucht die Umständlichkeiten der Parkplatzsuche, des Vignettenkaufs, des Tankens usw. in Kauf zu nehmen, um von A nach B zu kommen. Kurz: Die Schweizer Bahn zeigt, wie ein Land funktioniert, in dem der öffentliche Verkehr kein ungeliebtes Add-on zum Auto ist – sondern angenehm, komfortabel, nachhaltig. Die Schweizer Bahn möchte übrigens nicht an die Börse. Was soll sie da auch? Ihre Aufgabe sieht sie in der möglichst zuverlässigen Bereitstellung von demokratischer Mobilität. Eine höchst zukunftsfähige Auffassung vom Stakeholder-Value.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.sbb.ch

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  • 67-zuericher-verkehr

    Bremser

    In Zürich werden Autos systematisch ausgebremst, Busse und Bahnen haben eingebaute Vorfahrt. Das verdanken die Züricher hauptsächlich dem früheren Autonarr Ruedi Aeschbacher.

    Bitte alle umsteigen: vom Alfa Romeo auf die Straßenbahn

    In Zürich werden Autos systematisch ausgebremst, Busse und Bahnen haben eingebaute Vorfahrt. Das verdanken die Züricher hauptsächlich dem früheren Autonarr Ruedi Aeschbacher.

    Dass Ruedi Aeschbacher zu Zürichs Autofeind Nummer eins werden würde, war lange Zeit nicht absehbar. In der Schulzeit hatte der Eisenbahnersohn seine Klassenkameraden oft beneidet, wenn sie montags von Ausflügen im Familienwagen berichteten. Er war begeistert, als sein Schwiegervater ihm und seiner Frau kurz nach der Hochzeit einen VW schenkte, und später, als junger Staatsanwalt, leistete er sich ein rotes Alfa-Romeo-Cabriolet. Das sei wirklich „wunderschön“ gewesen, sagt der 70-Jährige und lächelt dabei fast ein bisschen verlegen, als hätte er gerade über seinen ersten Kuss berichtet. Als er dann 1978 erstmals als Stadtrat kandidierte, stand ein erlesener Fuhrpark vor dem Aeschbacherschen Haus: zwei Ferrari, der rote Alfa Romeo, der VW sowie ein Pferdetransporter seiner Frau.


    Als Vertreter der bürgerlich-konservativen Evangelischen Volkspartei ergatterte er 1978 einen der neun Sitze im Stadtrat und wurde Leiter des Züricher Bauamts. Nun war er zuständig für Stadtplanung und Straßenbau in der größten Stadt der Schweiz. „Damals hatte ich noch einen totalen Frontscheibenblick“, beschreibt sich der Mann selbst. Er wetterte gegen polizeiliche Vorgaben, die die Autofahrer zu Umwegen zwangen, damit die Straßenbahnschienen an einer Kreuzung nicht mehr dauernd blockiert würden. „Wenn ich lese, was ich damals in einem Interview gesagt habe, werde ich heute noch rot“, sagt der Mann mit dem dichten, nur leicht ergrauten Haar – und wieder ist da dieses zarte Lächeln, das zeigt, dass das jetzt ganz ernst gemeint ist.


    Und dann hat sich seine Wahrnehmung grundlegend geändert: „Es waren die Probleme, mit denen ich konfrontiert wurde.“ Seit den 1970er-Jahren floss der Verkehr in Zürich nur noch zäh, die Luft war schlecht, und wenn morgens und am Nachmittag Blech an Blech stand, suchten sich viele Pendler Schleichwege durch die Wohnquartiere: „Die frästen dann durch die engen Straßen, und die Leute hatten Angst, ihre Kinder weiter draußen spielen zu lassen.“ Laufend standen jetzt Delegationen von Anwohnern bei ihm im Amtszimmer und forderten Taten. Die ersten versuchte Aeschbacher noch zu beruhigen, und er ermahnte die Eltern, gut auf ihren Nachwuchs aufzupassen.


    Doch die Leute aus einer Genossenschaftssiedlung ließen sich nicht so leicht abspeisen. Der Lärm sei unerträglich, berichteten sie – und als Aeschbacher abwiegelte, lud ihn eine Frau ein, eine Nacht in ihrer Wohnung an der Weststraße zu verbringen. Nur zwischen zwei und vier Uhr fand der Stadtrat Schlaf, obwohl das Fenster geschlossen war. „Das hat mir damals einen Kick gegeben“, berichtet Aeschbacher; schließlich kannte er die Straße selbst gut, aus Kindertagen, in denen er noch auf der Fahrbahn Ball gespielt hatte. Hinzu kam, dass sich auch seine Frau nicht mehr traute, den eigenen Nachwuchs unbegleitet auf die Straße zu schicken.


    Eineinhalb Jahre war Aeschbacher im Amt, als er seine Kehrtwende vollzog. „Ich hab da angefangen, wo die Not am größten war: in den lauten Stadtquartieren.“ In Delft und anderen holländischen Städten studierte er, wie man durch kleine Erhebungen und Bäume den Verkehrsfluss verlangsamt und Straßen durch bauliche Maßnahmen als Schleichwege unattraktiv macht. „Schwellenruedi“ tauften ihn die Zeitungen damals. Schnell wurde deutlich, dass die zunächst geplanten 500 Meter Verkehrsschwellen pro Jahr lächerlich wenig waren angesichts von 600 Kilometern Wohnstraßen. Zudem standen jetzt die Anwohner der Durchgangsstraßen bei Aeschbacher auf der Matte und protestierten, dass sie nun noch stärker belastet würden. Damit war klar: Abhilfe konnte nur eine Reduzierung des Autoverkehrs insgesamt bringen.


    Der Ausbau von Bus- und Bahnverkehr fand genau wie die Bevorzugung von Radfahrern und Fußgängern allgemeine Zustimmung. Dagegen stieß sein Plan, die Zahl der Parkplätze drastisch zu reduzieren, auf erbitterten Widerstand. „Bis zum Bundesgericht wurde darüber in mehreren Fällen gestritten. Das war sehr mühsam“, erzählt Aeschbacher. Immerhin 5.000 der 60.000 öffentlichen Parkplätze Zürichs wurden in seiner Amtszeit bis 1994 abgebaut; heute existieren auf öffentlichem Gelände schätzungsweise nur noch 40.000. Viele der frei gewordenen Flächen wurden in Straßencafés oder Fahrradstationen umgewandelt; der Röntgenplatz, über den früher täglich 25.000 Fahrzeuge rauschten, gehört heute komplett Fußgängern, Radlern und spielenden Kindern.


    Auch die Entscheidung, den öffentlichen Verkehrsmitteln eine grüne Welle zu verschaffen, während Pendler laufend rot sehen – technisch gelöst über Induktionsschleifen einige hundert Meter vor den Ampeln – war nicht leicht durchzusetzen. Zürichs Polizeipräsident protestierte: Der Autoverkehr sei nun mal da und müsse so problemlos wie möglich durch die Stadt geleitet werden. Doch Aeschbacher ließ sich nicht mehr bremsen. Er veranlasste eine massive Reduzierung der Auto-Fahrstreifen zugunsten von Straßenbahnschienen. Die Bürgersteige an den Haltestellen wurden so weit in den Straßenraum hineingebaut, dass Autos an haltenden Bussen und Trams heute nicht mehr vorbeikommen. So können sich die Nutzer des öffentlichen Verkehrs beim Aus- und Einsteigen sicher fühlen. Und die Erfahrung machen, dass sie ständig vorneweg fahren und schneller ankommen. Außerdem liegt mittlerweile jede Wohnung und jedes Büro im Stadtgebiet maximal 300 Meter von der nächsten Haltestelle entfernt. Weil Busse, Straßen- und S-Bahnen darüber hinaus bestens vertaktet sind und eine automatische Standortbestimmung alle 14 Sekunden die genaue Lage jedes Fahrzeugs überprüft, ist der öffentliche Verkehr in Zürich sensationell pünktlich.


    Nur jeder zweite Haushalt in Zürich besitzt heute noch ein Auto. Die Zahl der Bus- und Bahnpassagiere steigt und steigt, die gesamte Stadtverwaltung kommt mit dem Rad, zu Fuß oder per Straßenbahn zur Arbeit. Auch für Banker ist es selbstverständlich, öffentlich zu fahren. Nach langen Konflikten erlaubt es die konservative Kantonsregierung nun, dass Wohnungsbaugenossenschaften in Zürich Häuser ohne Autostellplätze bauen.


    Aeschbacher wohnt inzwischen außerhalb der Innenstadt – und braucht doch nur 20 Minuten für die 22 Kilometer in die City. „Im Auto wäre ich eine Dreiviertelstunde unterwegs.“ Auch nachts und an den Wochenenden ist das Angebot gut. So hat der frühere Bauamtsleiter 1996 sein letztes Auto verkauft – und für das Geld einen schönen Teppich erstanden. Zwei Jahre lang hat er noch das Auto eines Nachbarn mitbenutzt. Dann hat er den Schlüssel zurückgegeben.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012
    www.zuerich.ch

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  • 68-beeta

    Antiallergikum

    Ilona Parsch hat im mecklenburgischen Sanitz so lange herumexperimentiert, bis ein Öko-Reinigungsmittel aus Rote-Bete-Saft herauskam.

    Flecken weg mit Roter Bete

    Ilona Parsch hat im mecklenburgischen Sanitz so lange herumexperimentiert, bis ein Öko-Reinigungsmittel aus Rote-Bete-Saft herauskam.

    Ilona Parsch ist mit einer besonderen Gabe gesegnet: Sie hat fast immer das Gefühl, Glück zu haben. Schwierigkeiten erscheinen der 57-Jährigen wie Sprungbretter – hin zu einem noch besseren Leben. Tatsächlich hat sie einen erstaunlichen Weg hinter sich: Von der Angestellten in einem Tante-Emma-Laden zur erfolgreichen Unternehmerin und Inhaberin eines europäischen Patents.


    Ilona Parsch ist eine optimistische Frau, die nicht nur gerne redet, sondern ebenso gerne zupackt. Auch zu DDR-Zeiten, als Verkäuferin in einem Dorf-Konsum, war die kräftige Frau mit dem kaum zu bändigenden, blonden Lockenschopf durchaus zufrieden: Sie schwatzte gern mit den Kunden, und die Herrschaft über das kleine Sortiment machte ihr Spaß. Nur als der Ofen in dem Geschäft einmal so stark rußte, dass sie den offen liegenden Käse nicht mehr anbieten wollte, bekam sie eine Verwarnung. Sonst aber fühlte sie sich wohl in der Abgeschiedenheit des mecklenburgischen Dörfchens Sanitz.


    Als dann die Mauer fiel, saß sie gerade mit ihrem neugeborenen zweiten Sohn zu Hause. Kurz danach war der Tante-Emma-Laden abgewickelt, und auch ihr Ehemann war verschwunden. „Er nahm den Trabbi, ich behielt die Schwalbe (Motorroller, Anm. d. Red)“, berichtet Parsch ohne Groll. Das Arbeitsamt schickte die alleinerziehende Mutter zu einem Lehrgang. „Und dann hatte ich Glück: Eine Reinigungsfirma aus Bayern suchte Leute in Rostock.“ Jetzt war sie verantwortlich für einen kleinen Trupp, der mehrere Supermärkte putzte. Die Arbeit gefiel ihr – nur die scharfen Reinigungsmittel machten ihr zu schaffen; die Augen brannten ihr häufig, und im Gesicht bekam sie rote Flecken.


    Bald darauf verschwand jedoch die Ladenkette, und wenig später zog sich auch die bayrische Putzfirma aus Mecklenburg zurück. Arbeitslos aber wollte Ilona Parsch auf keinen Fall werden. „Ich hatte Glück: Mehrere der neuen Kunden sagten, dass ich gerne bei ihnen weitermachen könnte.“ Sie überlegte nicht lange, gründete ihr eigenes Geschäft und stellte ein paar ihrer Kolleginnen an. Eine Weile lang ging das gut, dann aber meldete sich die Industrie- und Handelskammer. „Reinigung nach Hausfrauenart“ sei kein Dauerzustand; wenn sie ihr Unternehmen längerfristig betreiben wolle, brauche sie einen Meistertitel im Gebäudereinigerhandwerk, beschied man ihr. Eineinhalb Jahre lang besuchte Ilona Parsch an den Wochenenden die Meisterkurse, in der Woche putzte sie und organisierte den Betrieb – und zu Hause hatte sie ja auch noch zwei Kinder zu versorgen. Und da kommt er wieder, der Hinweis auf das Schicksal, das es doch offenbar gut mit ihr meinte: „Zu meinem Glück hatte ich eine Nachbarin, die mich kräftig unterstützt hat.“


    Als einzige Frau saß Ilona Parsch in der Meisterklasse. Immer wieder forderte sie von ihrem Dozenten Informationen über sanftere Chemikalien. „In unserem Bereich haben ja fast alle mit Allergien zu tun. Die Männer aber haben mich nur belächelt.“ Auch der Lehrer winkte ab. „Für den gab es nur die chemische Keule. Ohne Oxalsäure aus der Chemiefabrik geht der Dreck nicht ab, hat er immer gesagt“, berichtet Parsch. Das aber mochte sie nicht glauben. Und so begann sie, in ihrem Betrieb zu experimentieren – zunächst mit Essig, was aber nicht die gewünschten Ergebnisse brachte.


    Kurz nachdem sie ihre Fachurkunde hatte, wurde der Meisterzwang im Reinigungsgewerbe abgeschafft. „Ich bin trotzdem froh, dass ich das damals gemacht habe; ich hab da ja viel gelernt“, bilanziert Ilona Parsch. Ausgestattet mit chemischen Kenntnissen machte sie sich auf die Suche nach Alternativen zu synthetischen Putzmitteln, die nicht nur bei ihr, sondern auch bei vielen Berufskolleginnen Allergien verursachten. Sie besorgte sich alte Pflanzenbücher und entdeckte dabei einen natürlichen Produzenten jener Oxalsäure, die ihr Dozent so hoch gelobt hatte: Rhabarber.

     

    „Zum Glück“ gab es an der Universität Rostock ein Patentinformationszentrum – und „zum Glück“ saßen dort Menschen, die sich mit Computern auskannten. Die fanden schnell heraus, dass in einem Putzmittel aus dem Hause Henkel auch ein bisschen Rhabarber steckt. Mit einem Großkonzern aber wollte sich Parsch auf keinen Fall anlegen – und so suchte sie weiter.


    Die Küche in ihrem liebevoll gestalteten Häuschen wurde zum Labor. Wenn ihre Söhne aus der Schule kamen, trafen sie ihre Mutter häufig an, wie sie Pflanzenstengel, -blätter und -knollen zerrieb, zerstampfte, presste oder pürierte. Ilona Parsch fand heraus, dass Zuckerrübenblätter zwar sehr viel Oxalsäure enthalten, die daraus gewonnene Flüssigkeit aber oxidiert und schwarz wird. Dagegen verliert der Saft von Rote Bete seine intensive Farbe, wenn er eine Weile im Licht steht, und sieht dann aus wie Roséwein. Auch die Putztests mit dem Pflanzensekret verliefen gut: Backbleche ließen sich mit ein paar Spritzern im Wasser fast mühelos reinigen, ebenso wie Toilettenschüsseln oder angelaufene Metallgegenstände. Haut- und Augenreizungen stellte Parsch dagegen nicht fest. Sie ergänzte noch einige weitere pflanzliche Substanzen – und machte sich dann wieder auf den Weg zum Patentinformationszentrum. Bei ihren Recherchen trafen die Mitarbeiter auf kein geschütztes Produkt, in dem rote Rüben eine Rolle spielten – und so meldete Ilona Parsch selbst Schutz für ihre Erfindung an. Ein europäisches Patent durchzusetzen aber ist teuer. „Ich hatte Glück: Ich habe die Hälfte als Förderung vom Land bekommen.“


    Zunächst putzten nur sie und ihre Kollegen, wie sie ihre Angestellten nach wie vor nennt, mit beeta. 100 bis 200 Liter Saft brauchte sie dafür jährlich. Die Knollen baute ein Bauer für sie an, sie selbst rührte dann alles mit der Hand zusammen. Manche Kunden waren begeistert über den Ökoputzbetrieb, anderen war das egal. „Hauptsache, es ist anschließend sauber, haben die Forschungseinrichtungen an der Uni gesagt“, berichtet Parsch.


    Derweil studierte ihr älterer Sohn Wirtschaftsingenieurwesen und erzählte allerorts von der Erfindung seiner Mutter, nicht ohne Stolz. Professoren und Reporter kamen auf Ilona Parsch zu, sie wurde sogar zu Vorträgen eingeladen. „Ich hatte totales Lampenfieber, hab’ einen ganzen Stapel Zettel vollgeschrieben“, erinnert sie sich. Das ist inzwischen längst verflogen: Wenn sie heute vor Küchenchefs oder in Hauswirtschaftsschulen spricht, redet sie frei.


    Nach einem Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt, das die Ursprungsrezeptur noch einmal verfeinerte, wagte ihr Sohn die Ausgründung eines Betriebs. Der stellt neben dem Allzweckreiniger inzwischen auch Spül- und Waschmittel, Holzreiniger und Handseife aus Rote-Bete-Saft her und verkauft die Produkte über Kataloge, bei Manufactum und in Bioläden.


    Seine Mutter leitet derweil weiter ihren Reinigungsbetrieb mit zwei Dutzend Angestellten. Häufig wird sie inzwischen persönlich angerufen, wenn jemand einen hartnäckigen Fleck entdeckt hat, zum Beispiel auf einem Polster. Sie kennt alle Tricks – und es macht ihr Spaß herauszufinden, wie sie die Verschmutzung ganz ohne Rand wegkriegt. „Ich hab’ Glück gehabt: Meine Arbeit ist mein Hobby geworden“, bilanziert Ilona Parsch – und lacht.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.beeta.eu

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  • 69-rolf-disch

    Baumeister

    Der Architekt Rolf Disch baute vor über zehn Jahren Freiburgs erste Plusenergie-Siedlung. Heute denkt er über die Stadt der Zukunft nach.

    Häuser zu Kraftwerken!

    Der Architekt Rolf Disch baute vor über zehn Jahren Freiburgs erste Plusenergie-Siedlung. Heute denkt er über die Stadt der Zukunft nach.

    Die bunte Siedlung in Freiburgs Rosa-Luxemburg-Straße erzeugt mehr Energie als ihre Bewohner verbrauchen. „Mein Körper und die Tasse Kaffee reichen völlig aus, um das ganze Haus zu wärmen“, sagt der pensionierte Grund- und Hauptschullehrer Wolfgang Schnürer und freut sich diebisch, wenn seine Besucher ihn für ein bisschen verrückt halten.

     

    Sein Wohnzimmer mit der riesigen, dreifach verglasten Fensterfront ist exakt nach Süden ausgerichtet; der Dachüberstand sorgt dafür, dass die hochstehende brütende Sommersonne abgeschirmt, die spärlichere Wintersonne hingegen voll genutzt wird. Durch ein unscheinbares Rohr strömt permanent frische Luft hinein, die dank eines Wärmetauschers fast die gleiche Temperatur hat wie der Innenraum. Doch selbstverständlich können Schnürer und seine Frau bei Bedarf auch die Fenster öffnen. Weil das Dach mit Photovoltaikmodulen gepflastert ist, erzeugt das Haus 36 Kilowattstunden Energie pro Quadratmeter und Jahr – mehr als dort fürs Heizen, Duschen, Kochen, Fernsehen und Internetsurfen verbraucht werden, wie das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie vor kurzem in einer Studie bestätigt hat. „Im Sommer werden wir fürs Wohnen bezahlt“, sagt Schnürer und grinst: „Ich guck’ jetzt lächelnd zu, wie der Ölpreis steigt.“

     

    Gebaut hat die Solarsiedlung vor über zehn Jahren der Architekt Rolf Disch – ein unprätentiöser Mann von mittlerweile Anfang Sechzig, der einst als Maurer und Schreiner anfing und in seiner Jugend gegen das geplante Atomkraftwerk bei Wyhl auf die Straße ging. „Wir haben damals immer gesagt: Wir können nicht nur dagegen sein, sondern müssen auch sagen, wofür wir sind.“ Disch begann, Solarmobile zu konstruieren, und gewann in einer dieser 20 Kisten bei der ersten Australiendurchquerung 1987 sogar den Weltmeistertitel. Dann aber konzentrierte er sich auf Architektur – schließlich hatte er inzwischen Bautechnik studiert.

     

    Das Heliotrop war sein erstes Meisterwerk – ein Versuchsgebäude, an dem er Anfang der 1990er-Jahre viele verschiedene Techniken ausprobiert hat und in dem er zusammen mit seiner Frau lebt. Der dreistöckige, überwiegend gläserne Turm steht nicht weit von der Solarsiedlung entfernt am Waldrand auf einem schmalen drehbaren Sockel. Das Haus kann sich so an kalten Tagen zur Sonne ausrichten, um viel Licht und Wärme durch die Spezialverglasung zu lassen. An heißen Sommertagen kehrt es dem Feuerball den Rücken, und es bleibt angenehm kühl im Inneren. Auch sonst ist der zylindrische Bau sehr umweltfreundlich: In den Rohren der Balkonbrüstung wird warmes Wasser erzeugt, die Waschmaschine nutzt Regenwasser, und es gibt ein Kompostklo sowie eine Schilfkläranlage fürs Abwasser.

     

    Als Rolf Disch Ende der 1990er-Jahre dann die Freiburger Plusenergie-Siedlung plante, traf er auf wenig Zustimmung. „Die gesamte Immobilienbranche Freiburgs sagte, das könne nicht funktionieren.“ Auch die Banken winkten ab. Passivhäuser galten damals als das Nonplusultra – ein Gebäude mit weniger als zehn Kilowattstunden Verbrauch pro Quadratmeter und Jahr als Wolkenkuckucksheim. So war es für Rolf Disch äußerst schwierig, das nötige Geld zusammenzubekommen. Schließlich begeisterte sich ein privater Investor für die Idee. Selbst als der erste Bauabschnitt stand und die Bewohner sich hochzufrieden äußerten, hielt der Widerstand an. Konventionelle Bauträger bekamen den Zuschlag für das Gelände nebenan, auf dem Disch die Siedlung gerne erweitert hätte.

     

    Ein Zitat von Arthur Schopenhauer scheint ihm besonders treffend, wenn er seine Erfahrung beschreiben soll. „Neue Ideen durchlaufen drei Phasen: Anfangs werden sie belächelt, später bekämpft, und irgendwann sind sie selbstverständlich.“ Der da so gelassen spricht, strahlt die Überzeugung aus, dass die zweite Phase schon weitgehend hinter ihm liegt und seine Position sowieso bald überall zur Normalität geworden sein wird.

     

    Doch Disch geht es um mehr als um die Errichtung von ein paar Vorbildhäusern: Auch der gesamte Wohnungsbestand müsse saniert werden. Vor kurzem hat er in Frankreich ein mittelalterliches Gebäude zum Plusenergie-Haus umgebaut. Und selbstverständlich gehört für Disch, der vorwiegend mit Fahrrad und Bahn unterwegs ist und sich nicht erinnern kann, wann er zuletzt geflogen ist, auch eine nachhaltige Mobilität zur Architekturplanung. Ein Kernelement ist für ihn die gemeinsame Nutzung von Autos. Deshalb sind die Carsharing-Parkplätze für einen Bewohner der Solarsiedlung auch einfacher zu erreichen als der eigene Wagen.

     

    Vor Rolf Dischs innerem Auge existiert sie schon – die Stadt der Zukunft: Weil es viel weniger Privat-PKWs gibt, können Straßen und Parkplatzflächen rückgebaut werden. Zudem wird es auch deshalb deutlich leiser, weil Elektroautos kaum Geräusche machen. „Die Städte werden traumhaft“, prognostiziert Disch. Und doch – er ist auch ungeduldig. Im November 2010 hat er ein Manifest veröffentlicht: „Der Klimawandel muss eingedämmt werden, die fossil-nuklearen Ressourcen laufen aus. Und was machen wir? Wir veranstalten Kongresse. In Kioto, Kopenhagen und Cancún. ... Die Weltvernunft ist verrannt in Negationen: Verbote, Reduktionen, Strafzahlungen. ... Lasst uns nicht das Alte langsam eindämmen, sondern das Neue aufbauen ... Häuser zu Kraftwerken!“

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.rolfdisch.de

    www.solarsiedlung.de

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  • 167-nexthamburg

    Claim your City

    Sie zeigen, wie Bürger ihre Stadt gestalten würden, wenn man sie denn ließe: Nexthamburg ist ein Labor für Ideen zum Wandel der Hansestadt.

    Hanseatische Schwarmintelligenz

    Sie zeigen, wie Bürger ihre Stadt gestalten würden, wenn man sie denn ließe: Nexthamburg ist ein Labor für Ideen zum Wandel der Hansestadt.

    Auf den großen Spanplatten, die zusammengesetzt einen Plan der inneren Stadt Hamburg darstellen, sind vielfältig und bunt die erstaunlichsten Entwürfe zur Entwicklung von Flächen, Gebäudekomplexen, Straßenzügen zu sehen – von der Alster bis zum Wall, vom Michel bis zum Fernsehturm. Die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der dritten Planungsrunde von Nexthamburg sind selbst beeindruckt, was sie in kleinen, wechselnden Teams aller Altersgruppen auf die Beine gestellt haben. In der Katharinenkirche, dem Veranstaltungsort, wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, und obwohl keiner einen „Plan“ hat, entsteht eine Dynamik, die alle zum Ziel bringt: zu Visionen für Hamburg. Die Teilnehmenden kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft, sind Bewohner mit Lust zur Gestaltung ihrer Stadt. Frei von politischen Vorgaben entwickeln Hamburgerinnen und Hamburger in den Planungssitzungen und in „Zukunftscamps“ von Nexthamburg ein eigenes Konzept für die Hamburger Innenstadt oder Bürgervisionen für die nächsten Jahrzehnte.

     

    Seit der Prozess der Gentrifizierung begehrte Viertel der Innenstadt zwar „aufwertet“, gleichzeitig aber auch in ihrer kulturellen Identität bedroht, und seit viele Bewohner wegen der gestiegenen Mieten ihre Kieze verlassen müssen, regt sich in der Bevölkerung enormer Widerstand gegen die Bauvorhaben der Behörden. Doch nur mit Dagegensein lässt sich kein Betonkopf aufhalten oder überzeugen. Den Bewohnern solcher von Gentrifizierung betroffener Viertel war schnell klar, dass man Vertreter unterschiedlicher Interessen miteinander ins Gespräch bringen müsse. Im Dialog gäbe es womöglich mehr Raum für Kreativität; wechselseitiges Entgegenkommen könnte das nüchterne Feilschen um Kostenfaktoren ablösen.

     

    Hier sahen auch Stadtplaner Julian Petrin und Softwareexperte Rajiv Patwardhan Handlungsbedarf. Sie gründeten im April 2009 mit einem Team von Raumplanerinnen, Projektmanagern, Ökonominnen und vielen anderen Unterstützern Nexthamburg, ein unabhängiges Crowdsourcing-Projekt. Auf der Internetseite des Projekts können sich Interessierte kostenlos anmelden, anstehende „Aufgaben“ für Hamburg durchforsten, „Lösungen“ vorschlagen, in ihrem persönlichen Szenario Nexthamburg eine Reihe von „Lösungen“ zu einer umfassenden Vision für die Stadt kombinieren oder die Zukunftsvorstellungen anderer Hamburger kommentieren. Ziel ist es, so einen realen Planungsprozess auszulösen. Bisher wurden auf der Online-Plattform zu 24 „Aufgaben“ an die 600 „Lösungen“ und 130 Nexthamburg-Visionen formuliert. Unter den mit Voten höchst dotierten Ideen befinden sich ein Monte Altona auf dem alten Gleisfeld mit Wohnhäusern, eine stromerzeugende Joggingstrecke rund um die Alster oder ein Bauernhof auf einem ehemaligen Hochbunker.

     

    So beweist die Nexthamburg-Community, die mittlerweile über 5.000 aktive Mitglieder zählt, dass Veränderungsvorschläge nicht immer ein riesiges Budget brauchen. Doch nur die Stadtverwaltung hat die Mittel, die Gestaltung und Umsetzung der Vorschläge zu ermöglichen. Doch kann und will die Stadt etwas von den neuen Ideen umsetzen? Bisher können die Macherinnen und Macher des Projekts nur versprechen, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass die Ideen bei Verwaltung und Politik gehört werden.

     

    Eine freie Ideenschmiede wie Nexthamburg zeigt, welche Formen die Bürgerbeteiligung in Zukunft einmal annehmen könnte. Dabei ist es wichtig, den Stimmen der Bürger-Planerinnen und -Planer Gewicht zu verleihen. Ihre vielfältigen ökologischen, ergonomischen, ästhetischen und baulichen Lösungen sollen nun wissenschaftlich auf Nachhaltigkeit geprüft werden. Auch ein Buch mit den besten Zukunftsideen wird erscheinen. Das Team denkt längst über Hamburg hinaus: Letztlich geht es um lebendige Zukunftsvisionen für urbanes Leben. Ansatz und Slogan von Nexthamburg lassen sich problemlos übertragen: Next City – Die besten Ideen für die Stadt von morgen!

    Erschienen in Oya 07/2011 

    Stella Loewenberg
    22. Januar 2012

    www.nexthamburg.de

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  • 72-remei

    reine Weste

    Die Remei AG produziert ökologische Bekleidung – und möchte damit nicht eigene Gewinne maximieren, sondern Baumwollbauern ein besseres Leben ermöglichen.

    Bauernbefreiung

    Die Remei AG produziert ökologische Bekleidung – und möchte damit nicht eigene Gewinne maximieren, sondern Baumwollbauern ein besseres Leben ermöglichen.

    Patrick Hohmann ist ein freundlicher, bescheiden wirkender Schweizer, der auf merkwürdige Weise jugendlich wirkt. Hohmann ist 61 Jahre alt, Ingenieur von Beruf und Chef eines Textilunternehmens, der Remei AG. Er ist in Ägypten geboren, schon als junger Mann durch die Welt gereist und natürlich auch als Unternehmer viel in Afrika und Asien unterwegs gewesen. Davon abgesehen war bis vor einigen Jahren in Patrick Hohmanns Leben alles weitgehend normal, so, wie es sich für einen Schweizer Unternehmer gehört.


    Bis ihn irgendwann das deutliche Gefühl beschlich, dass Armut, Ausbeutung und Gesundheitsschäden durch Herbizide und Pestizide im Baumwollanbau auch auf sein Konto als Textilunternehmer gingen. Das wollte er nicht länger verantworten, und Patrick Hohmann begann, sein Unternehmen umzubauen. Heute produziert er immer noch T-Shirts – heute aber hauptsächlich, um seinen Baumwollbauern ein gutes Leben zu ermöglichen. Warum das so gekommen ist, darauf kann Patrick Hohmann selbst keine rechte Antwort geben. Es schien ihm einfach nötig, als Unternehmer Verantwortung zu zeigen.


    Aber Verantwortung ist eine ziemlich teure und riskante Angelegenheit, wenn sie auf dem Markt stattfindet und nicht nur in Leitbildern und Unternehmensberichten. Sie fängt nämlich am Beginn der Wertschöpfungskette an, beim einzelnen Arbeiter auf den Baumwollfeldern und bei den Bedingungen, unter denen er sein bisschen Geld verdient. Um die zu verändern, dachte Patrick Hohmann, müsste er auf jeden Zwischenhandel verzichten, und die Arbeiter müssten selbst wieder Produzenten werden. Also gab er ihnen Kredite und erlaubte ihnen, selbst darüber zu bestimmen, wie viel sie wie liefern würden. Einzige Voraussetzung: sie verzichteten auf jeden Einsatz von Chemie. Das senkte ihre Kosten und war gut für ihre Gesundheit, gab ihnen Unabhängigkeit von der Industrie und ließ langsam auch ihre Böden besser werden.


    Für Patrick Hohmann war das allerdings erstmal nicht so gut, denn natürlich wurden seine Produkte teurer, und er ging mit seinem Unternehmen fast pleite. Aber das Gefühl, jetzt genau das richtig zu machen, was er vorher immer falsch gemacht hatte, verließ ihn nicht. Seine Garne waren von erheblich besserer Qualität als zuvor, und niemand kam mehr dadurch zu Schaden, wie sie hergestellt wurden. Und vor Ort in Tansania und in Indien ging es seinen Leuten gut. Das einzige Problem war der heimische Markt. Patrick Hohmann hielt durch, den hämischen Kommentaren der Konkurrenz zum Trotz. Und weil ihm zur selben Zeit die parallelen Trends zu Fair Trade und Bioanbau plötzlich Rückenwind verschafften, kam die Remei AG aus den roten Zahlen heraus und Hohmann zu ganz neuen Unternehmenszielen.


    Die berechnen sich heute nicht mehr nach dem Umsatz und der Zahl der verkauften T-Shirts, sondern nach der Zahl der Bauern, deren Leben das Unternehmen verändert. 10.000, sagt Patrick Hohmann, will er schaffen – und lächelt. Aber damit nicht genug. Die bioRe-Stiftung, die er auch noch gegründet hat, unterstützt Dorfschulen, ein mobiles Gesundheitszentrum, Biogasanlagen – was eben so gebraucht wird in den Teilen der Welt, die bislang vor allem Gegenden waren, in denen Menschen für zu wenig Geld unter zu hohen Kosten für ihre Gesundheit zu billige Sachen für uns produzierten.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.remei.ch

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  • 73-regionalwert

    Bioboomer

    Biobauer ist nicht gleich Biobauer: Wer 70 verschiedene Gemüsesorten anbaut, ist normalerweise nicht konkurrenzfähig. Christian Hiß suchte Abhilfe – und ersann die Regionalwert AG.

    Biobauer gründet Aktiengesellschaft

    Biobauer ist nicht gleich Biobauer: Wer 70 verschiedene Gemüsesorten anbaut, ist normalerweise nicht konkurrenzfähig. Christian Hiß suchte Abhilfe – und ersann die Regionalwert AG.

    Ein Bauer gründet eine Aktiengesellschaft, damit sein Betrieb klein und vielfältig bleiben kann. Was im ersten Moment wie ein Paradox klingt, ist genau das Konzept der Regionalwert AG, die Christian Hiß vor ein paar Jahren gegründet hat und die sich prächtig entwickelt.


    Christian Hiß ist auf einem Demeter-Hof in der Nähe von Freiburg groß geworden. Anfang der 1980er-Jahre machte er sich mit einem Gärtnerhof selbständig; damals war er ein junger Kerl, gerade einmal 20 Jahre alt. Auf seinen Feldern baute er dutzende Gemüsesorten an, nutzte und vermehrte eigenes Saatgut, und auch eine kleine Kuhherde gehörte zum Betrieb – ein richtiger Hoforganismus also, wie das im anthroposophischen Fachjargon heißt. Er wurde zwar nicht reich damit, aber sein Leben gefiel ihm, und der Hof warf genug ab, um den Jungbauern und seine wachsende Familie zu ernähren.


    Dann aber, um die Jahrtausendwende, brach in Deutschland der Bioboom los – und überraschenderweise wurde es dadurch für Christian Hiß finanziell immer schwieriger. Viele der neuen Biobetriebe wirtschafteten nämlich ähnlich wie die konventionellen – nur eben ohne Pestizide und Kunstdünger: Sie spezialisierten sich auf einzelne Gemüsesorten und setzten große Maschinen ein. „Auf einem Hof, der 70 verschiedene Gemüsesorten anbaut, betragen die Herstellungskosten für ein Kilo Biokarotten vielleicht zwei Euro. Ein Biobetrieb, der ausschließlich Karotten anbaut, hat aber nur 80 Cent Kosten“, rechnet Hiß vor. Doch für ihn war klar, dass er auf die Vielfalt seines Hofes nicht verzichten wollte. Deshalb sann er auf Abhilfe. „Ich wollte in dem Bereich, in dem ich mich auskenne, eine Kapitalwirtschaft schaffen, die die sozialökologischen Effekte des Wirtschaftens in die Gesamtrechnung einbezieht“, formuliert es der inzwischen 50-Jährige. So meldete er sich zu einem Fernstudium an einer britischen Universität an und büffelte am Feierabend ökonomische Theorien und Bilanzrechnung. Nach einer Weile kam ihm die Idee, eine Aktiengesellschaft zu gründen – ausgerechnet die Betriebsform, die am stärksten mit Effizienz und Kapitalismus assoziiert ist.


    Seit 2006 existiert sie – die Regionalwert AG, und sie funktioniert nach ganz eigenen Kriterien. Ziel ist es nicht, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern eine kleinteilige und gesunde Landwirtschaft zu erhalten. Schon mehrere Bauernhöfe und ein Winzerbetrieb gehören zum Unternehmen – und weil deren Produktion allein finanziell kaum tragfähig ist, hat die Aktiengesellschaft auch mehrere Bioläden, eine Großhandlung, eine Trockenobstmanufaktur, ein Catering-Unternehmen, einen Hauslieferservice und ein Gasthaus aufgekauft oder sich daran beteiligt. Diese Firmen nehmen nicht nur die Erzeugnisse der Bauern ab, sondern erzielen auch die nötigen Gewinne. 16 Betriebe hat die Regionalwert AG inzwischen in ihrem Portefeuille; laufend kommen neue hinzu.


    Auch die Zahl der Aktionäre wächst ständig. Knapp 500 Bürgerinnen und Bürger überwiegend aus der Freiburger Region sind inzwischen an dem zwei Millionen Euro schweren Unternehmen beteiligt. Wer hier einmal eingestiegen ist, darf seine Anteilsscheine zwar weiterverkaufen – doch nur an Investoren, die vom Vorstand akzeptiert werden. Außerdem ist es zwar denkbar, dass ein reicher Mensch Mehrheitseigner wird, doch kann dieser trotzdem nie mehr als 20 Prozent der Stimmrechte bekommen. So scheint eine feindliche Übernahme ausgeschlossen. 


    Auch für die Frage der Hofnachfolge hat Vorstand Christian Hiß mit der Regionalwert AG eine Antwort gefunden. Als Vater von drei Söhnen möchte er diese bei ihrer Berufswahl nicht einschränken. Zugleich wünscht er sich wie jeder andere Bauer, dass sein Hof weiterexistiert, wenn er aufs Altenteil wechselt. Doch das ist heutzutage alles andere als selbstverständlich: In Hiß’ Heimatdorf Eichstetten ist in den vergangenen 30 Jahren etwa die Hälfte der Bauernhöfe verschwunden, weil es in der Familie keinen Nachfolger gab – und es sich kein junger Landwirt leisten konnte, 400.000 bis 800.000 Euro für den Kauf aufzubringen. So viel etwa kostet in der Region ein durchschnittlicher Familienbetrieb mit rund 50 Hektar Land, Stall und anderen Gebäuden. Meist gingen die Äcker und Weiden deshalb an bereits existierende Betriebe – die nicht nur immer größer wurden, sondern auch technisch weiter aufgerüstet: Der Pestizid- und Düngereinsatz steigt seit den 1950er-Jahren steil an, und die Vermarktungswege werden ebenfalls immer länger.


    Die Regionalwert AG will diesen Trend brechen. Sie kauft Höfe auf und verpachtet sie an junge Biobauern, die wie Hiß auf Vielfalt setzen und eigenes Saatgut vermehren. Doch nicht nur die dort Beschäftigten stehen in der Verantwortung. „Mit der AG wollte ich auch möglichst viele Bürger einbinden. Sie sollen mitentschieden, welche Landwirtschaft sie in ihrer Region haben wollen“, fasst Hiß seine Motivation zusammen. Auf der jährlichen Hauptversammlung können die Anteilseigner nicht nur abstimmen, ob Vorstand und Aufsichtsrat gut oder schlecht gearbeitet haben. Sie entscheiden auch, wie mit dem Spannungsverhältnis zwischen guter Landwirtschaft und Geldverdienen umgegangen werden soll. „Das Unternehmen ist auch ein gesellschaftliches Forum“, sagt Hiß.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.regionalwert-ag.de

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  • 74-quartiermeister

    Kiezzischer

    Saufen für die Nachbarschaft: Sebastian Jacob aus Berlin-Neukölln verzapfte die Idee vom Sozialbier. Pro Kasten Quartiermeister gehen drei Euro an soziale Projekte.

    Bier von hier erbitt’ ich mir

    Saufen für die Nachbarschaft: Sebastian Jacob aus Berlin-Neukölln verzapfte die Idee vom Sozialbier. Pro Kasten Quartiermeister gehen drei Euro an soziale Projekte.

    Prost!

    Man kreiere eine lokale Biermarke, saufe sie vor Ort und unterstütze damit Nachbarschaftsprojekte. Im Sommer 2009, ausgerechnet während der Vorbereitung auf sein Examen, kam dem damaligen Jurastudenten Sebastian Jacob diese ebenso einfache wie geniale Idee. „Menschen engagieren sich gerne lokal, und sie haben gerne Spaß dabei“, sagt Jacob, inzwischen Rechtsreferendar. „Ich dachte mir: Trinken für die Nachbarschaft, das kann sich rumsprechen – am besten bei einem Bier.“ Seit 2010 gibt es den Quartiermeister in Jacobs Heimatstadt Berlin zu kaufen, in 0,33-Liter-Flaschen. Pro Kasten gehen drei Euro an soziale Projekte.


    Zum (Gemein-)Wohl!

    Die Bierkonzerne machten gewaltige Gewinne, von denen die Allgemeinheit nichts habe, sagt der 31-Jährige. Zudem störe ihn die kartellmäßige Aufteilung des Biermarktes. Also suchte Sebastian Jacob für die Produktion seines Sozialbieres nach einer kleineren, inhabergeführten Brauerei. Zu seinem Bedauern fand er in Berlin keine. Aber im 150 Kilometer entfernten Gardelegen in Sachsen-Anhalt entdeckte er einen Betrieb, der seinen Vorstellungen entsprach. Von dort bezieht er nun ein Pils aus regionalen Zutaten und zum ermäßigten Preis.


    Cheers!

    Parallel dazu klapperte der leidenschaftliche Biertrinker die Kneipen in seiner Nachbarschaft, seinem „Kiez“ ab – und stieß bei vielen Wirten auf offene Ohren. Inzwischen wird der Quartiermeister in etwa 30 Lokalen in Neukölln und Kreuzberg getrunken. Anfangs fuhr Jacob noch selbst quer durch sein Revier, um per Lastenrad die Bestellungen abzuliefern; diese Schwerstarbeit haben ihm längst Getränkefirmen abgenommen. Quartiermeister-Fans, die sich nicht auf den Auswärtsgenuss beschränken wollen, können das Bier inzwischen auch bei mehreren Händlern eigenhändig abholen oder aber – ab zehn Kästen aufwärts – für ihre nächste Party frei Haus liefern lassen.


    Şerefe!

    Sebastian Jacob fühlt sich wohl im Multikulti-Bezirk. Die Vielfalt gefällt ihm ebenso wie die günstigen Mieten, und er habe deshalb etwas zurückgeben wollen, sagt er. Die drei Euro Gewinn pro Bierkasten wandern zunächst in die Kasse des 30-köpfigen Vereins Quartiermeister e.V. und fließen dann an Kiezprojekte, die einen Förderantrag gestellt haben. 1.000 bis 1.500 Euro monatlich verteilt der Verein auf diese Weise. Ende 2011 feierten die Vereinsmitglieder mit einer Party den Verkauf der 100.000sten Flasche und die Vergabe von insgesamt mehr als 10.000 Euro an Nachbarschaftsinitiativen. Unter anderem wurde ein interkultureller Fußballverein gefördert, ein Kulturverein mit Floßkino, ein Netzwerk für Schülerhilfe und die Kulturloge, die Menschen mit Niedrigeinkommen kostenlosen Eintritt zu Kulturveranstaltungen verschafft.


    Salute!

    Der junge Rechtsreferendar braucht auch deshalb manchmal selbst einen Schluck, weil er ein zeitaufwändiges Hobby betreibt. Rund 30 Stunden in der Woche arbeitet er ehrenamtlich, ohne einen Cent zu verdienen, für das Sozialbier. Was will er denn später mal sein, Jurist oder Quartiermeister? „Beides“, sagt er. „Sozialunternehmertum“ interessiere ihn sehr, und einen Preis für „zukunftsweisendes Engagement“ hat er von der Robert-Bosch-Stiftung auch schon erhalten.


    Feuer, Futt unn Funke, es werdd noch aan getrunke!

    Auch in Frankfurt am Main hat der Quartiermeister inzwischen ein Quartier aufgeschlagen. Eine Stadtteilinitiative in der Hessenmetropole habe die Idee so toll gefunden, erzählt Sebastian Jacob, dass sie das Bier auch vor Ort verkaufen wollte. Das gehe nicht, erklärte er ihnen, weil das Bier doch „von hier“ sein solle. Sein Verein bot aber an, beim Aufbau der Verkaufsstruktur zu helfen. Die Frankfurter fanden einen lokalen Hersteller, das Herborner Brauhaus, und los ging’s. Ähnliche Projekte – lokale Produktion plus ehrenamtliche Struktur vor Ort – seien noch in der Pipeline, verrät Jacob.


    Nastrovje!

    Eine Brauerei direkt in Berlin zu haben, das wäre ein Sahnehäubchen, oder Bierschäumchen, auf dem ganzen Projekt. Das Problem sei jedoch, dass alle Großbrauereien zu noch größeren Konzernen gehörten und die Mikrobrauereien zwar tolle Konzepte, aber Vertriebsprobleme hätten, erklärt der Ober-Quartiermeister. Da sie nicht pasteurisieren könnten, gebe es Haltbarkeitsprobleme und auch Schwierigkeiten mit der Flaschenabfüllung.


    Doch in der Zukunft, sinniert er, werde vielleicht auch das lösbar. Und darauf: Skol! Yamas! Op uw gezondheid! Mazel tov! Salamati! Cin cin!

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.quartiermeister.org

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  • 127-juergen-reckin

    Saat gut!

    Kulturpflanzen, die sich selbst vermehren, gehören zur Lebensgrundlage. Jürgen Reckin unterstützt ihr Gedeihen mit Expertise und Raum für Wildwuchs.

    Wilde Vielfalt

    Kulturpflanzen, die sich selbst vermehren, gehören zur Lebensgrundlage. Jürgen Reckin unterstützt ihr Gedeihen mit Expertise und Raum für Wildwuchs.

    In der Schorfheide nördlich von Berlin, im Ort Finowfurt, lebt Jürgen Reckin und vermehrt seine Schätze. Einige hat er aus den entferntesten Winkeln der Welt zusammengetragen. „Bei den Amish in den USA fand ich eine Salatform, die bei uns schon lange ausgestorben ist, den Hirschzungensalat. Er kann sich selbst aussäen und wächst heute wild überall in meinem Garten. Pflanzen, die den Wildformen nahestehen, sind ursprünglicher in ihrer Biochemie und enthalten eine viel höhere Konzentration an nahrhaften oder heilsamen Inhaltsstoffen.“
    Jürgen Reckin schloss in den 1970er-Jahren zunächst ein Lehrerstudium ab, studierte dann Biologie, Chemie und Ökologie in Potsdam. Bei Professor Hans Karl Oskar Stubbe, dem weit über die Grenzen der DDR bekannten Agrarwissenschaftler und Genetiker, Gründungsdirektor des Instituts für Kulturpflanzenforschung in Gatersleben in Sachsen-Anhalt, promovierte er über kanadischen Wasserreis. Seine Professoren schickten den engagierten Studenten gerne auf Reisen in sozialistische Bruderländer. Im Rahmen eines UNESCO-Projekts zum Erhalt der Vielfalt von Kulturpflanzen besuchte Jürgen Reckin sogar Vietnam. „Da ging es ums Ganze. Der dort übliche Reis wollte in den kälteren Gegenden nicht gut wachsen. Der Vietnam-Krieg war gerade erst zu Ende, alles lag voller Kriegsgerät. Es drohten Versorgungsengpässe und Hungersnöte. Mir fiel ein, dass ich aus Ungarn einen Reis kannte, der auch kalte Winter verträgt. Er ließ sich in Vietnam im großen Stil sehr gut anbauen.“

     

    Die Pflanzen-Mitbringsel aus dem Ausland gingen nicht nur nach Gatersleben. Jürgen Reckin richtete auch ein großes Gartengelände in der Schorfheide ein. Die DDR maß einem solchen Reservoir der Vielfalt noch einen Wert zu; doch nach dem Fall der Mauer sank das Interesse an dem wilden Garten. Jürgen Reckin hat daran festgehalten; um einige der vor langer Zeit mitgebrachten Sorten kümmert er sich nach wie vor in Eigenregie.

     

    Jürgen Reckin fand auch nach 1989 eine Tätigkeit, die ihn reisen ließ. Als Mitarbeiter der kleinen bayerischen Naturheilmittel-Firma Pharmos Natur ging es für ihn jetzt in tropische Länder, deren Pflanzenvielfalt ihn förmlich berauschte: „Zu sehen, wie ein Grundmuster, eine Struktur, eine physiologische Eigenart, wie Geschmack, Farbe oder Form, beinahe bis zum Gehtnichtmehr variabel sind – das macht Spaß, und wenn man sich damit beschäftigt, kommt etwas Gutes dabei heraus.“ Aus Reckins Arbeit im Rahmen von Pharmos entstand unter anderem ein Naturheilmittel auf der Basis von grüner Papaya – und daraus ein Fair-Trade-Projekt mit angegliederter Schule.

     

    Es ist ein Glücksfall, dass in den letzten Jahren einige Studenten, beispielsweise von der Fachhochschule Eberswalde, auf Jürgen Reckin aufmerksam geworden sind. Sie wollen mit ihm forschen und experimentieren, seinen einmaligen Erfahrungsschatz heben. Zum Beispiel solche Kunstgriffe lernen: „Den sogenannten ewigen Kohl kann man eigentlich nur vegetativ vermehren, er blüht nie. Ewiger Kohl ist enorm gesund, er enthält erstaunlich viel Glutein und pro 100 Gramm 5000 Mikrogramm Beta-Carotin. Gewöhnlicher Blattsalat schafft es nur auf 1800 Mikrogramm. Ich habe ihn zum Blühen gebracht, indem ich ihn ein bisschen gequält habe. Eigentlich soll man Pflanzen nicht quälen, aber in diesem Fall war der einzige Weg, den Kohl so stark austrocknen zu lassen, bis er aus Not Blüten getrieben hat. Dann ließ er sich spontan mit violettblättrigem Grünkohl aus Schweden kreuzen. Beide Sorten sind nicht sehr winterhart, aber in der Spaltungs-Generation der Kreuzung mendeln Kombinationen heraus, von denen Einzelpflanzen selbst die extremen Temperaturen des letzten Winters überstanden haben. Sie sind bis in die Sprossenspitze grün geblieben.“

     

    Mit einer Studentengruppe möchte Jürgen Reckin jetzt einen Apfel züchten, der sich wie ein Wildapfel aus dem Kern vermehren kann, aber nicht so sauer ist wie ein wilder Apfel, sondern so lecker schmeckt, dass ihn auch Kinder gerne essen.

     

    Wenn Laien in die Saatgutvermehrung einsteigen wollen – wohin sollen sie sich wenden? Jürgen Reckin empfiehlt Bücher für das Selbststudium, oder man könne im Schaugarten von Dreschflegel mithelfen, eines Zusammenschlusses ökologisch wirtschaftender Betriebe für Saatgutvermehrung. Der Ertrag des gemeinsamen Saatgutversands stützt einen Verein, in dem züchterisch wie politisch gearbeitet wird. „Wer im Bereich Pflanzenzucht selbst aktiv werden will, muss vor allem beobachten lernen“, erklärt Jürgen Reckin. „Den Lebenszyklus der Pflanzen studieren, verstehen, wie sie sich auf natürliche Weise aussamen, wo man eingreifen muss, um kein wildes Durcheinander zu verursachen, und wo man die Vielfalt einfach sich selbst überlässt.“ Ja, richtig. Beobachten lernen! 

    Erschienen in Oya 06/2011

    Lara Mallien
    20. Januar 2012

    www.dreschflegel-saatgut.de 

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  • 77-morgenland

    Familienfest

    In Liechtenstein wurde 2011 erstmals die „enkeltaugliche Zukunft“ gefeiert. Das MorgenLand-Festival ist Labor für zukunftsfähige Ideen und Praxis.

    Enkeltauglich

    In Liechtenstein wurde 2011 erstmals die „enkeltaugliche Zukunft“ gefeiert. Das MorgenLand-Festival ist Labor für zukunftsfähige Ideen und Praxis.

    Eigentlich wollte Christof Brockhoff, 26, einer von diesen Erfolgstypen aus der Wirtschaft werden, mit einem scharfen Titel wie CEO oder Vice President, Spitzengehalt und Leben hart am Burn-out. Nach einigen Semestern Wirtschaftswissenschaften schienen ihm Titel, Gehalt und Burn-out allerdings gar nicht mehr sinnvoll, im Gegenteil. Der Grund: Die ab dem ersten Tag des Studiums pausenlos wiederholte Mitteilung, Unternehmen befänden sich im knallharten globalen Wettbewerb, begann Brockhoff regelrecht zu zermürben, zumal er nie eine Antwort auf die Frage bekam, warum das denn bitte so sei. Warum können denn Unternehmen keinen anderen Zweck haben als „anzugreifen“, zu „erobern“, zu „gewinnen“? Wenn schon ein Glaubenssystem, sagte er sich, dann doch keines, das wie Krieg ist. Und bitte ein zukunftsfähiges – schließlich ist es exakt dieser unablässige Wettbewerb, der den Planeten mit wachsender Geschwindigkeit ruiniert.


    Christof Brockhoff schmiss also, zum Schrecken seiner Eltern, das Studium und erfand einen Begriff: Enkeltauglichkeit. Enkeltauglich müsse das Wirtschaften wieder werden, Chancen der Zukunftsgestaltung öffnen, die nicht immer schon von denen konsumiert werden, die heute am Drücker sitzen. Zum Begriff fehlte nun noch die Aktion. Brockhoff ist als Liechtensteiner Bewohner eines ziemlich kleinen Landes mit wenigen Einwohnern und kurzen Wegen, was durchaus günstig ist, wenn man schnell etwas tun will, was landesweite Aufmerksamkeit erfahren soll. Was könnte dafür geeigneter sein als ein Festival – und zwar das erste Festival der Enkeltauglichkeit, nicht nur im kleinen Liechtenstein, sondern weltweit.

     

    Christof Brockhoff spannte ehemalige Kommilitonen, Freunde, Verwandte und alle möglichen Leute, die er gut und wichtig findet, ein und schuf das MorgenLand-Festival: ein transgenerationelles Fest, auf dem der jüngste Referent dreizehn und die älteste Sprecherin 96 war. Unter Verzicht auf die üblichen Konjunktivexzesse („wir müssten“, „wir könnten“ „wir sollten“) trat hier zum Beispiel Mike Bonanno von den Yes Men auf und erklärte, wie man subversive Dinge gegen autokratische Konzerne treiben und damit in die Nachrichten kommen kann, formulierten Enkel Manifeste und gaben Weltklasse-Musiker wie Frick/Helbock einen Vorgeschmack einer besseren, eben enkeltauglichen Welt. An dieser Welt soll in den kommenden Jahren immer konkreter gearbeitet werden: MorgenLand ist nämlich nicht als Einmal-Event konzipiert, sondern als Labor zukünftiger Möglichkeiten, die die kurze Zeit des Festivals überdauern sollen.


    Das Catering war vegan, und alle Rohstoffe stammten aus der Umgebung; spontane Arbeitsgruppen zur „Nutzungsinnovation“ funktionierten Park- in Tennisplätze und imaginierte Badeanstalten um, und am Ende war es ziemlich unmöglich, keine Idee zur Verbesserung des Umgangs mit dem Planeten mitzunehmen. Eintritt kostete das alles nicht: die Teilnehmer gaben, was es ihnen wert war, oder halfen bei der Organisation oder beim Catering mit. Hat funktioniert, drei Tage lang, ganz ohne Wettbewerb. Und ohne Krieg.


    Der Vater von Christof Brockhoff übrigens, ehemals Leiter einer Werbeagentur, hatte die Aufgabe, die Referenten und Musikerinnen zum Bahnhof zu shutteln. Er wundert sich heute, weshalb er vor kurzem noch geschockt war, als sein Sohn das Studium abbrach. Inzwischen erscheint ihm das, was Christof jetzt macht, viel plausibler: „Uns ist ja jetzt erst klargeworden, was man heute tun muss. Und tun kann.“ In die Organisation des MorgenLands waren denn auch alle Familienmitglieder einbezogen, wie übrigens auch sehr viele Liechtensteiner bis hin zum geschäftsführenden Staatsoberhaupt, Erbprinz Alois, das mehrmals persönlich bei Veranstaltungen auftauchte. Auch der Familienhund der Brockhoffs war das komplette Festival hindurch anwesend; sein Beitrag war, wie der des Thronfolgers, ein atmosphärischer. Der gelingende Umbau der Welt, von dem das MorgenLand-Festival eine Vorstellung gab, ist eben eine Sache von allen; Enkeltauglichkeit kann man nicht delegieren.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.morgenland.li

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  • 78-baedergesellschaft-luenen

    Badewonne

    Die nordrhein-westfälische Stadt Lünen hat das erste Passivhaus-Schwimmbad Europas errichtet. Das wird auf Dauer viel Energie sparen, und damit auch Heiz- und Stromkosten.

    Schwimmen in der Thermoskanne

    Die nordrhein-westfälische Stadt Lünen hat das erste Passivhaus-Schwimmbad Europas errichtet. Das wird auf Dauer viel Energie sparen, und damit auch Heiz- und Stromkosten.

    Aus dem großen Schwimmbecken schaut man durch riesige Fenster ins Grüne, nebenan haben es sich ein paar Mütter in Liegestühlen bequem gemacht und beobachten ihren Nachwuchs, der seit Stunden im Wasser planscht. „Ich fühl’ mich hier wie im Urlaub“, sagt eine der sichtbar entspannten Frauen.


    Für alle, die ein neues Schwimmbad planen, ist ein Besuch in der 90.000-Einwohner-Stadt Lünen nördlich von Dortmund ein Muss. Dort steht das erste Passivhaus-Hallenbad Europas, das Lippe Bad. Das kommt mit halb so viel Wärmezufuhr und Strom aus wie herkömmliche Badeanstalten. Die Badegäste müssen deshalb aber nicht bibbern – ganz im Gegenteil. Die Wassertemperaturen der fünf Beckenbereiche liegen zwischen 28 und 32 Grad Celsius, und die Lufttemperatur ist jeweils zwei Grad höher.

     

    Die Idee dazu kam Gerd Koch, Prokurist der Stadtwerke Lünen und der Bädergesellschaft Lünen, im Jahr 2006. Schon seit einer Weile hatte er sich den Kopf zerbrochen, wie die Stadt es langfristig bewerkstelligen solle, ihren Bürgern Möglichkeiten zum Schwimmen zu bieten. Schließlich sind Bäder die teuersten öffentlichen Sportflächen – und weil Lünen wie viele andere Kommunen seit Jahren mehr oder weniger am Nothaushalt vorbeischrammt und Schwimmbäder zu den „freiwilligen Leistungen“ einer Kommune zählen, schien alles darauf hinzudeuten, dass der Betrieb der zwei Hallen- und zwei Schulsportbäder auf Dauer nicht zu bezahlen sein würde. Hinzu kam, dass alle vier Gebäude aus den 1950er- und 1970er-Jahren stammten, einer Zeit, in der energiesparendes Bauen für Architekten noch kein Thema war. „Man kann da zwar ein bisschen was verbessern. Aber aus einem Ackergaul wird nie ein Rennpferd“, fasst Koch seine damaligen Gedanken zusammen.


    Im September 2007 traf er auf einer Veranstaltung Wolfgang Feist, einen ausgewiesenen Experten für gut isolierte Passivhäuser. Ob die Bauweise auch bei einem Hallenbad funktioniere, fragte Koch. Feist wusste es nicht. So baten die beiden die Deutsche Bundesstiftung Umwelt um finanzielle Unterstützung und gaben eine bauphysikalische Studie in Auftrag. „Die hat bestätigt, dass so ein Vorhaben sehr, sehr aussichtsreich ist“, referiert der Lüner Prokurist – und betont, dass die rund 50 Seiten starke Studie mit konkreten Hinweisen für jeden kostenlos im Internet einzusehen ist und heruntergeladen werden kann. Dass seine Stadt die erste mit einem Passivhaus-Schwimmbad ist, findet er nicht so entscheidend. Wichtiger ist ihm, dass das Beispiel Schule macht.


    Nachdem der Rat der Stadt Lünen das Vorhaben gebilligt hatte, setzten sich alle zusammen, die Ahnung vom Schwimmbadwesen haben: Bauingenieure und Architektinnen, Schwimmmeister und Reinigungsfachkräfte. Am Anfang jeder Überlegung stand der Grundsatz, dass sich die Badegäste wohl fühlen sollen – schließlich kommen sie sonst nicht wieder. Die Abwesenheit von Moder und anderen unangenehmen Gerüchen ist dafür ebenso essentiell wie das Gefühl, dass es warm genug ist. Allerdings hängt es nicht allein von der Lufttemperatur ab, ob Menschen in nassen Badeanzügen beim Herumlaufen frieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Luftfeuchtigkeit. Anders gesagt: Durch eine Erhöhung des Wassergehalts in der Luft kann man die Wärme drosseln, ohne dass den Nutzern kalt wird – und auf diese Weise Energie sparen. Auch verdunstet bei höherer Luftfeuchtigkeit weniger Badewasser, was den Wärmeerhalt ebenfalls begünstigt.


    Auf der anderen Seite birgt eine hohe Luftfeuchtigkeit jedoch die Gefahr, dass kühlere Wände und Fenster beschlagen und sich Schimmel bildet. Im Schwimmbad von Lünen passiert das nicht, trotz extrem hoher Luftfeuchtigkeit. Das ganze Gebäude ist eine Art Thermoskanne – dank Dreifachverglasung und einer 30 Zentimeter dicken Wärmedämmung, in die die ganze Halle quasi eingepackt ist. So sind die Innenwände warm, und das Wasser kondensiert nicht; das Auftreten von Schimmel ist deshalb auch nicht zu erwarten. Wer sich nicht für Energieeffizienz und Luftfeuchtigkeitsanteil interessiert, bekommt von alledem auch nichts mit: In der Halle fühlt man sich keineswegs an die feuchten Tropen zu Zeiten des Monsuns oder an ein nebliges Dampfbad erinnert.


    Die gesamte Anlage ist unterkellert; ein Gewirr von dünnen Wasser- und Abwasserrohren und dicken Aluröhren für die Luft, manche davon dick mit Isoliermaterial gepampert, durchziehen den Raum. Es strömt und rauscht leise; hinter einer Stahltür brummen zwei Blockheizkraftwerke. Vor allem Biogas wird hier zum Heizen und zur Stromerzeugung verwendet. Stolz zeigt Badleiter Thomas Claus auf einen riesigen orangefarbenen Schrank, in dem die hereinströmende Frischluft über den Gegenstrom von drinnen geheizt wird. „Wir haben uns bei der Wärmerückgewinnung für den Mercedes entschieden“, so Claus. Zwar waren die Anschaffungskosten der Anlage etwas höher als der Marktdurchschnitt, dafür ist sie aber auch extrem leistungsfähig: Der Temperaturverlust ist minimal, und es muss nur wenig nachgeheizt werden.


    Auch sonst hat man bei den Anfangsinvestitionen überall auf Qualität und geringe Verbrauchswerte gesetzt. Denn wenn man die gesamte Lebenszeit eines Schwimmbads betrachtet, entfallen durchschnittlich nur etwa zehn Prozent des Finanzbedarfs auf die Baukosten, während der Betrieb mit 90 Prozent zu Buche schlägt. So hat der Bau des Lippe Bads zwar etwa zwei Millionen Euro mehr gekostet als eine konventionelle Halle, doch zugleich erwartet die Stadt im Vergleich zum Standard jährliche Einsparungen von etwa 200.000 Euro bei den Energie-, Wasser- und Abwasserkosten. Bereits nach zehn Jahren werden sich die Mehrkosten also amortisiert haben. Weil die durchschnittliche Nutzungszeit eines öffentlichen Schwimmbads bei rund 40 Jahren liegt, lohnt sich das allemal.


    Wie hoch die Verbrauchswerte tatsächlich sind, wird derzeit wissenschaftlich untersucht. Doch schon heute reisen Interessierte aus anderen Kommunen scharenweise nach Lünen. In der Szene der Schwimmbadbauer ist der Ort längst kein weißer Fleck mehr. Bisher gibt es nur einen einzigen Wermutstropfen: Weil die alten vier Bäder in Lünen dicht gemacht wurden, haben viele Bürger jetzt einen weiteren Weg zur Schwimmhalle.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.baeder-luenen.de

    Bauuntersuchung zum Download

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  • 79-lemonaid

    coole Brause

    Junge Leute vertreiben leckere Fair-Trade-Limonaden und Bio-Eisteesorten. Die Gewinne aus LemonAid und ChariTea stecken sie in Sozialprojekte.

    Flüssige Entwicklungshilfe

    Junge Leute vertreiben leckere Fair-Trade-Limonaden und Bio-Eisteesorten. Die Gewinne aus LemonAid und ChariTea stecken sie in Sozialprojekte.

    In einer Wohngemeinschaftsküche im Hamburger Stadtteil St. Pauli pressten Paul Bethke und Jakob Berndt wochenlang Limetten aus, der Schweiß triefte ihnen fast in den Saft. Sie mixten ihre Zutaten – ohne den Schweiß – so lange, bis ihnen die Mischung schmeckte. Das war, im Jahr 2009, der Anfang des Erfrischungsgetränkes LemonAid und des Eistees ChariTea. Mittlerweile gibt es fünf Sorten: Limonen- und Maracuja-Limonade, Grün-, Rot- und Schwarztee. Alle Zusätze stammen aus zertifiziertem Bioanbau und fairem Handel.


    Man nehme eine Prise fairen Grüntee aus Sri Lanka. Der Ökonom Paul Bethke, mittlerweile 30 Jahre alt, ging zeitweise in Sri Lanka zur Schule, später arbeitete er dort für die deutsche Entwicklungsorganisation GTZ. Was er sah, gefiel ihm aber nicht: Gelder seien oftmals ziellos ausgegeben worden, sagt er, die Entwicklungshelfer seien vor allem in der Business Class geflogen und hätten sich über Land in dicken Jeeps fortbewegt. Wenn man das Geld für Projekte selbst verdienen müsste, würde man es nicht so sorglos rauswerfen, sagte er sich damals. Also sprach er im Jahre 2009 seinen alten Schulfreund an, den gleichaltrigen Jakob Berndt. Der sei in seiner Werbeagentur doch auch beruflich unzufrieden – wie wäre es denn, schlug Bethke vor, wenn sie ihre Talente ab sofort für den sozialen Wandel einsetzen würden? Jakob Berndt war begeistert, kündigte, und zusammen machten die beiden sich an die Arbeit.


    Man nehme eine Portion gerechten Schwarztee, ebenfalls aus Sri Lanka. ChariTea – dass der Name des Teegetränks an das englische Wort für Wohltätigkeit erinnert, ist natürlich kein Zufall. Aber die Initiatoren, zu denen sich bald darauf der Ex-Unternehmensberater Felix Langguth gesellte, wollten mehr als Wohlfahrt; sie wollten sich für soziale Gerechtigkeit engagieren. Sie gründeten neben ihrer LemonAid Beverages GmbH einen gemeinnützigen Verein, der die Gewinne aus dem Getränkeverkauf zurück in die Anbauländer der Rohstoffe bringt. Bislang sind das fünf Cent pro 0,33-Liter-Pflandflasche, die für 1,60 Euro verkauft wird.


    In Sri Lanka trägt der Verein damit zu kostenfreier medizinischer Versorgung bei und unterstützt ein Gemeindezentrum in Colombo sowie das Bildungszentrum DTI, das Jugendlichen handwerkliche Ausbildungs- und Computerkurse anbietet. Um ethnische Spannungen zwischen Tamilen und Singhalesen im früheren Bürgerkriegsland abzubauen, werden die Schüler in den Klassen und den Wohntrakten des DTI bewusst gemischt. Und auf der Plantage, von der die Hamburger ihren Tee beziehen, bestimmt ein 30-köpfiges Komitee von Plantagenarbeitern, was mit den Gewinnen aus dem fairen Handel passieren soll. Die Gruppe hat damit bisher unter anderem einen Kindergarten, ein Kulturzentrum, medizinische Betreuung und Bildungsstipendien für Kinder finanziert.


    Man nehme eine Prise fairen Tee aus Südafrika. Den Rooibostee für den roten ChariTea bezieht LemonAid Beverages von der Kleinbauernkooperative Heiveld nordwestlich von Kapstadt. Während des Apartheid-Regimes war es den Schwarzen verboten gewesen, Rooibos-Tee in großem Stil anzubauen. Die Heiveld-Genossenschaft schrieb Geschichte, denn zusammen mit einer weiteren Kooperative ist sie der bisher einzige Zusammenschluss schwarzer Bauern in Südafrika. In Zusammenarbeit mit einer lokalen Nichtregierungsorganisation hat der Hamburger Verein in den letzten Jahren Solarpanels und energieeffiziente Holzöfen für Genossenschaftsmitglieder zur Verfügung gestellt.

     

    „Wir haben den fairen Handel aus dem Reformhaus befreit“, sagt Jakob Berndt nicht ohne Stolz. Ein Ziel des Hamburger Trios ist es, „junge Leute für die Idee des nachhaltigen Konsums zu begeistern“, wie Berndt es nennt. Die LemonAid- und ChariTea-Pfandflaschen kreisen mit ihrem coolen Design mittlerweile auf vielen Partys und Festivals; daneben sind sie in Kneipen, Cafés, BIO-COMPANY- und Alnatura-Supermärkten zu kaufen. Viel verdienen würden die Drei nicht, dafür erführen sie jede Menge immaterielle Bereicherung, unter anderem durch ihre Reisen in die Anbaugebiete ihrer Rohstoffe.


    Man nehme einen Schluck gerechten Limettensaft aus Brasilien. Jakob Berndt hat schon mehrfach die lateinamerikanischen Produzenten besucht. Zum Beispiel die Kooperative Coagrosol, in der sich 60 Kleinbauern aus der brasilianischen Region Itápolis nach einem Aufstand zusammengeschlossen hatten. Sie hatten es satt, der Ausbeutung durch internationale Lebensmittelkonzerne schutzlos ausgeliefert zu sein. Dank des Kontakts zu den jungen Hamburgern und zu anderen Fair-Trade-Projekten können sie ihren Limettensaft nun zu fairen Preisen verkaufen. Von den Gewinnen haben sie bereits ein Ernährungsprogramm für unterernährte Kleinkinder, eine Computerschule, einen Kindergarten und ein Handwerksprojekt für Jugendliche finanziert.


    Man nehme eine Portion Rohrzucker aus Paraguay. Auch in Brasiliens Nachbarstaat Paraguay haben sich 200 Kleinbauern zu einer Kooperative zusammengeschlossen, der Asocaze, von der LemonAid Beverages seinen Biorohrzucker bezieht. Nach dem Geschmack der Zuckerrohrschneider enthalte ihr Erfrischungsgetränk allerdings viel zu wenig Zucker, lacht Berndt. „Zu sauer“, befanden sie bei einem seiner Besuche. Jetzt bezahlen die Bauern aus den Erlösen des fairen Handels Fortbildungen im Bereich der ökologischen Landwirtschaft sowie eine kommunale Zahnarztpraxis, die die Karies der Zuckerarbeiter bekämpft. Darüber hinaus hat der LemonAid-Verein Tische, Stühle, Tafeln und Computer für vier Grundschulen in der Region gestiftet und unterstützt einen Kinderhort samt Kochprojekt.


    Man füge die Zutaten in viele Liter nordbayrisches Wasser und schüttele kräftig. Zucker, Limettensaft und alle anderen Zutaten werden nicht zum Firmensitz nach Hamburg transportiert, sondern in einen Bio-Abfüllbetrieb in Nordbayern, der LemonAid und ChariTea bundesweit ausliefert. LemonAid Beverages hat inzwischen bereits anderthalb Millionen Flaschen verkauft. Zusätzlich zu den guten Konditionen, die sie durch den fairen Handel bieten, verteilten die Jungunternehmer 2010 über ihren Verein rund 40.000 Euro Gewinn und 2011 sogar doppelt so viel. „Wir sind in vieler Hinsicht sehr erfolgreich“, freut sich Jakob Berndt.


    Alle Zutaten zusammen ergeben: flüssige Entwicklungshilfe.

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.lemonaid-charitea-ev.org

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  • 80-latherm

    Wärmekiste

    Die Dortmunder Firma LaTherm transportiert Abwärme in Containern. Die wurde bisher einfach in die Atmosphäre geblasen – jetzt heizt sie Schwimmbäder und Betriebshallen.

    Hitze auf Rädern

    Die Dortmunder Firma LaTherm transportiert Abwärme in Containern. Die wurde bisher einfach in die Atmosphäre geblasen – jetzt heizt sie Schwimmbäder und Betriebshallen.

    Vor dem Schwimmbad in Dortmund-Brackel steht ein blauer Container. Der fühlt sich von außen kalt an – und doch ist darin so viel Wärme gespeichert, dass die beiden Schwimmbadbecken daraus zwei Tage lang beheizt werden können.


    Die im Container gelagerte Hitze stammt von einem neun Kilometer entfernten Kraftwerk, das Methangas aus einer stillgelegten Mülldeponie in Strom verwandelt. Bis Ende 2009 entließ es die dabei anfallende Abwärme einfach in die Luft. Seither aber wird das Kraftwerkskühlwasser so lange durch einen Container der Firma LaTherm gepumpt, bis sich Vor- und Rücklauftemperatur auf etwa 80 Grad angeglichen haben. Nach fünf bis sechs Stunden ist der Container voll geladen. Dann schraubt ein LKW-Fahrer die Schläuche ab, hängt den Container hinten an seinen Lastwagen, fährt zum Schwimmbad, stellt den Anhänger ab und schließt ihn dort an zwei Rohre an, die aus einer Wiese vor dem Gebäude herausragen. Jetzt läuft die Prozedur umgekehrt ab: Abgekühltes Heizungswasser aus der Halle wird durch das im Container eingebaute Rohrsystem geleitet, mit Hilfe von Wärmetauschern erhitzt und fließt anschließend zurück ins Gebäude.


    „Wir machen Wärme transportabel“, fasst der Physiker Heinz-Werner Etzkorn zusammen. Etzkorn leitet das Dortmunder Unternehmen LaTherm, das in einem Gründerzentrum am Hafen untergebracht ist. LaTherm nutzt die gleiche Technik, die auch bei kleinen Jackentaschenheizkissen zum Einsatz kommt: diese Plastikbeutelchen sind mit einer zähflüssigen Substanz gefüllt und werden warm und hart, sobald man ein Metallplättchen in ihrem Innern knickt. Das Geheimnis dieser Handwärmer und auch der LaTherm-Container heißt Natriumacetat-Trihydrat – es handelt sich dabei um ein Salz, das auch zum Kochen geeignet und entsprechend völlig ungefährlich ist. Es hat die Eigenschaft, bei einer Temperatur oberhalb von 58,5 Grad flüssig zu werden, unterhalb dieser Marke aber zu kristallisieren. Das Salz wechselt von einem Zustand in den anderen, sobald es einen Impuls durch ein fremdes Molekül bekommt. Bei der Taschenheizung wird dieser Impuls vom Knicken des Metallplättchens ausgelöst, im LaTherm-Container erledigen das die Ecken und Kanten der Konstruktion. Das Besondere an dem kristallisiertem Salz: Es hält die Temperatur für lange Zeit auf 58,5 Grad, auch wenn ständig Wärme abgeführt wird. So lassen sich in einem standardgroßen 20-Fuß-Container 2,5 Megawattstunden Energie speichern – so viel wie ein durchschnittliches Einfamilienhaus in drei Monaten an Wärme braucht. Weil es sich um einen physikalischen Vorgang handelt, kann er beliebig oft wiederholt werden.


    „Innovationen sind meist das Ergebnis einer Schwachstellen-Analyse“, sagt Heinz-Werner Etzkorn, ein ruhiger Zeitgenosse mit Bart und tiefer Stimme. Als eine zentrale Schwachstelle der Energieversorgung hatte der 63-Jährige vor einigen Jahren ausgemacht, dass in Deutschland Wärme in riesigem Umfang einfach als „senkrechte Spende an den Himmel geschickt wird.“ Würde man diese Wärmemengen mit Hilfe von Erdgas erzeugen, wären sie schon heute jährlich 25 Milliarden Euro wert – Tendenz steigend. Zugleich wird anderswo Wärme neu produziert, um Häuser, Büros, Produktionshallen und öffentliche Gebäude zu heizen. Allein die deutschen Kommunen sind zusammen für die Beheizung von 260 Millionen Quadratmeter Flächen zuständig.


    Der Bau von Fernwärmenetzen lohnt sich trotz dieser Wärmeverschwendung jedoch in vielen Fällen nicht. So liegt die schwimmbadheizende Dortmunder Müllkippe viel zu weit weg von möglichen Wärmekunden, und darüber hinaus ist absehbar, dass ihre Ausgasungen nach und nach abnehmen und irgendwann ganz versiegen werden; ein aufwändiges Rohrsystem würde sich hier nie amortisieren. Auch Tausende von Biogasanlagen befinden sich in der Regel auf dem Land und erzeugen daher meist ausschließlich Strom.


    „Ich mach’ gerne neue Sachen, weil ich gerne was Neues lerne“, sagt Heinz-Werner Etzkorn, der früher zahlreiche Innovationen für die Sensor- und Beschichtungstechnik entwickelt hat. Nachdem er 15 Jahre lang das Essener Gaswärme-Institut leitete, gründete er zusammen mit einigen Gleichgesinnten die Firma LaTherm. Zwei Jahre lang tüftelte Etzkorn an der genauen Konstruktion des Containers und am Geschäftsmodell herum, dann, im November 2009, fand endlich die erste Wärmelieferung statt. Seither können Produktion und Nutzung von Wärme zeitlich und räumlich entkoppelt werden.


    Für seine Kunden sucht das Unternehmen heiße Quellen und Spediteure und versorgt dann ihre Gebäude mit Grundlastwärme – d.h. mit der Menge an Wärme, die ein Gebäude immer benötigt, zur gleichmäßigen Grundbeheizung. Zwölf Container sind inzwischen im Einsatz. Wenn ein Bauer die auf seinem Hof erzeugte Wärme selbst vermarkten will, kann er bei LaTherm auch einen Container kaufen.


    Der Wärmetransport ist im Stadtgebiet auf Strecken bis 20 Kilometer wirtschaftlich, auf dem Land sind es wegen der geringeren Staugefahr ein paar Kilometer mehr. Gegenwärtig liegen durchschnittlich 7,5 Kilometer zwischen Wärmequelle und -abnehmer; der Transport schmälert die positive Energiebilanz um etwa 3,5 Prozent. Weil er kaum Energie verliert, könnte der Container theoretisch auch eine Weile lang irgendwo herumstehen, bevor er genutzt wird. Auch eine Einsatzpause, etwa übers Wochenende, ist kein Problem.


    In Heinz-Werner Etzkorns Kopf arbeitet es freilich schon wieder. Gerade überlegt er, wie er das Gewicht der Containerkonstruktion um 20 Prozent senken könnte – damit noch mehr Salz hineinpasst und die Effizienz entsprechend steigt. Und natürlich: Er hat da auch schon wieder eine Idee.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.latherm.de

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  • 81-langenegg

    talentierte Scheine

    Der Ort Langenegg hat eigene Geldscheine eingeführt, damit die Leute möglichst viel Geld vor Ort ausgeben. Das hat das 150 Jobs geschaffen, und sogar das Verkehrsaufkommen ist geringer geworden.

    Gemeinde aktiviert Talente

    Der Ort Langenegg hat eigene Geldscheine eingeführt, damit die Leute möglichst viel Geld vor Ort ausgeben. Das hat das 150 Jobs geschaffen, und sogar das Verkehrsaufkommen ist geringer geworden.

    In der 1.100-Seelen-Gemeinde Langenegg im österreichischen Vorarlberg gibt es seit einigen Jahren eine eigene Währung. Die Raiffeisenbank verwandelt jeden Monat Euros von knapp 90 Kundenkonten in eine gleiche Menge Talente – das sind professionell gestaltete Scheine mit Fotos aus dem Dorf. „Am Anfang gab es einen Aufschrei: Was, schon wieder eine neue Währung!“, berichtet Karl Herburger, der in dem kleinen Kreditinstitut arbeitet. Doch er nahm sich viel Zeit, um den Sinn der Sache zu erklären: Schließlich hat fast kein Ort von der Größe Langeneggs noch einen Dorfladen. Auch die Bank, die Käserei, das Café, der Friseur und einige Handwerker hätten größere Schwierigkeiten, wenn der Wirtschaftskreislauf vor Ort nicht so gut funktionieren würde.


    „Es geht uns mit der Regionalwährung vor allem um Bewusstseinsarbeit: Die Leute sollen nachdenken, wo sie ihre Euros hinrollen lassen“, fasst Bürgermeister Georg Moosbrugger zusammen; er ist parteilos wie der gesamte Gemeinderat. Der Beschluss fiel vor gut drei Jahren einstimmig. „Uns beneiden viele, dass es bei uns keinen Fraktionszwang gibt. Das ist wohl auch der Grund, warum bei uns vieles klappt“, mutmaßt der smarte, weltgewandte 52-Jährige.


    Ingesamt fast 12.000 Euro monatlich tauschen die Langenegger inzwischen in Talente um. Manche haben ein Abonnement für 25 Euro, andere wechseln sogar regelmäßig 300 Euro in die Regionalwährung. Wer mitmacht, bekommt beim Einkauf fünf Prozent Rabatt. Den finanziert die Gemeinde aus ihrem Steuersäckchen. Die Geschäftsleute können die eingenommenen Talente zwar zurück in Euro verwandeln, müssen dafür aber eine Gebühr entrichten. So versuchen auch sie, möglichst viel Geld vor Ort auszugeben. Und weil der Gemeinderat Vereine nur in der Lokalwährung fördert, erledigen die Vereinsmitglieder ihren Einkauf für Weihnachtsfeiern und Sommerfeste ebenfalls vor Ort.


    So hat Langenegg ein erstaunlich gut sortiertes Lebensmittelgeschäft – normalerweise gilt ein Laden für das Alltägliche erst als rentabel, wenn 8.000 Personen im Einzugsgebiet wohnen. Etwa ein Zehntel der Einnahmen des Geschäfts wird inzwischen in Talenten gemacht. „Vor allem Mitte des Monats, wenn die Leute das Geld drüben abholen, ist das hier voll“, berichtet die Kassiererin Jutta Sutterlüti und zeigt auf zwei Fächer in ihrer Kassenlade, wo es neben Euroscheinen auch Scheine der Regionalwährung gibt; farblich sortiert sind die Werte leicht zu unterscheiden. Auf ungerade Talent-Beträge gibt sie Cent-Münzen heraus: „Kompliziert ist das alles nicht.“


    Immerhin acht Menschen verdienen neben Jutta Sutterlüti in diesem Geschäft ihr Geld. Auch die Raiffeisenbank könnte ohne die eigene Währung wohl kaum auf Dauer drei Arbeitsplätze halten, und die örtlichen Handwerker profitieren ebenfalls. Insgesamt 150 Arbeitsplätze hat Langenegg in den vergangenen Jahren durch eine gezielte Förderung der regionalen Wirtschaftskreisläufe geschaffen, schätzt Moosbrugger. Das macht Langenegg nicht nur zu einem lebendigen, lebenswerten Ort. Es spart auch viel Pendlerverkehr und – weil möglichst viele Waren vor Ort gehandelt werden – besonders auch den Transportaufwand. Neben der eigenen Währung haben dazu die günstigen Gewerbemieten in den dorfeigenen Immobilien entscheidend beigetragen.


    Auch was die Architektur ihrer Gebäude angeht, sind die Langenegger kreativ – und umweltfreundlich. Mehrere Gemeindehäuser wurden in den vergangenen Jahren neu errichtet. Bei architektonischen Entscheidungen spielte für die Volksvertreter nicht nur die Ästhetik eine entscheidende Rolle, sondern sie verlangten auch eine energiesparende Passivbauweise sowie die Verwendung von Holz aus der Umgebung. „Das alles hat nur 1,2 Prozent höhere Kosten verursacht“, betont Moosbrugger, ein gelernter Sonderpädagoge. Den Langenegger Verkehr zu reduzieren hat auch über die direkten Auswirkungen der Regionalwährung hinaus hohe Priorität. Deshalb sind Bustickets sehr preiswert, und Vereine, die für einen gemeinsamen Ausflug öffentliche Verkehrsmittel nutzen, bekommen Zuschüsse – in Talenten selbstverständlich. Einen erheblichen Teil der täglichen Einkaufswege legen die Langenegger dank der guten Infrastruktur zu Fuß zurück. Und wenn sie doch hin und wieder ein Auto brauchen, können sie auch das kleine Dienstauto des Bürgermeisters ausleihen.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.langenegg.at

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  • 82-laedele

    Anti-Aldi

    Im baden-württembergischen Schienen betreibt eine Dorfgemeinschaft einen Laden. Die meisten Waren kommen aus der Region.

    Tante Emma und die Genossen

    Im baden-württembergischen Schienen betreibt eine Dorfgemeinschaft einen Laden. Die meisten Waren kommen aus der Region.

    Im 700-Einwohner-Dorf Schienen hoch oben über dem Bodensee steht ein Häuschen mit großen Schaufenstern und grün-weißen Markisen. Der Tante-Emma-Laden gehört nicht einem Besitzer allein, sondern gleich 260 Menschen, und er bietet alles, was man im Alltag braucht. Der Salat, den es hier morgens um acht zu kaufen gibt, war zwei Stunden zuvor noch auf dem Feld, und auch Fleisch, Fisch, Brot, Wein, Obst, Gemüse, Schnaps, Honig, die ortstypische Marmelade Imax und Blumen stammen aus der nahen Umgebung. Von anderen notwendigen Produkten wie Zahnpasta oder Haarwaschmittel liegt nur jeweils eine Sorte im Regal. Die sind dafür auch nicht teurer als in einem herkömmlichen Supermarkt.


    Das kleine Dorf Schienen hat eine Entwicklung hinter sich wie tausende anderer Dörfer. Erst verschwand die Post, dann machte die Sparkasse dicht, und schließlich gab auch die Lebensmittelhändlerin auf. Ohne Auto war der Alltag kaum noch zu bewältigen: Der nächste Supermarkt liegt im zehn Kilometer entfernten Moos, und die Busverbindungen dorthin sind schlecht. Bei solchen Versorgungsstrukturen werden alte Menschen abhängig von ihren Kindern oder Nachbarn. Eine inzwischen typische Situation: In Deutschland können acht Millionen Menschen keinen Lebensmittelladen mehr zu Fuß erreichen; für die großen Handelsketten ist eine Filiale erst ab einem Einzugsgebiet von 8.000 Menschen interessant.


    Viele Schienener waren mit dieser Situation unglücklich. Da kam einer von ihnen auf die Idee, eine Genossenschaft zu gründen. „Wir hatten ja kaum Ahnung vom Lebensmittelhandel. Aber wenn man so etwas anfängt, dann muss man einfach daran glauben, dass es geht – und dann geht es auch“, meint Andrea Kasper, heute Vizechefin der Genossenschaft. Nach längeren Diskussionen war der Gemeinderat bereit, ein heruntergekommenes kleines Gebäude im Dorfzentrum zur Verfügung zu stellen und half, bei der EU Fördergelder zu beantragen, damit eine Heizung und Dämmmaterial gekauft werden könnten. Die Initiatoren hatten ausgerechnet, dass monatlich 20.000 Euro Umsatz nötig sein würden, um Miete, Strom und den Lohn der zwei Angestellten sowie einer Aushilfe zu finanzieren. Außerdem mussten Kühlschränke und Regale angeschafft werden. Eine Umfrage im Dorf ergab, dass die Rechnung aufgehen könnte. Andrea Kasper und ihre Mitstreiter verteilten Flugblätter – und 260 Schienener zeichneten einen oder mehrere 50-Euro-Anteile; sie wurden Miteigentümer des kleinen Geschäfts. Der Umbau konnte beginnen.


    Ein Schreinermeister nahm sich zwei Wochen Urlaub, Jugendliche und Rentner schufteten ehrenamtlich auf der Baustelle. Ein schöner, ein unverwechselbarer Laden sollte es werden – das ist gelungen. Im Sommer 2006 wurde s’Lädele mit einem großen Dorffest eingeweiht.


    Etwa die Hälfte der Waren, die man im Lädele kaufen kann, stammt aus der unmittelbaren Umgebung. Oft bringt ein Genossenschaftsmitglied sie auf seinem Nachhauseweg von einem der Bauern mit, so dass nicht extra ein Lieferwagen losfahren muss. „Ich kauf’ heut’ praktisch alles im Lädele“, sagt Andrea Kasper, die eine sechsköpfige Familie zu versorgen hat. Das erspart ihr nicht nur viel Fahrzeit, sondern – weil sie jederzeit alles frisch besorgen kann – auch den Betrieb eines zweiten Kühlschranks. Zu ihrem eigenen Erstaunen belastet s’Lädele ihre Haushaltskasse keineswegs. „Früher hab’ ich vieles bei Aldi gekauft. Aber da nimmt man ja jedes Mal einen Haufen Zeug mit, das man nicht braucht und das man eigentlich auch gar nicht haben will.“ Das Beste aber ist: Schienen hat jetzt wieder ein Herz – einen Treffpunkt in der Mitte des Dorfes.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.laedele-schienen.de

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  • 83-kraftwerk1

    Raumteiler

    In Zürichs ehemaligem Industriegebiet hat sich eine ökologische Wohn- und Arbeitsgenossenschaft angesiedelt. Jeder kann hier so viel Gemeinschaft genießen, wie ihm gut tut.

    Ein Dorf im Großstadthaus

    In Zürichs ehemaligem Industriegebiet hat sich eine ökologische Wohn- und Arbeitsgenossenschaft angesiedelt. Jeder kann hier so viel Gemeinschaft genießen, wie ihm gut tut.

    Bettina Büsser schleppt einen großen Topf mit Fleischstücken in die Gemeinschaftsküche von KraftWerk1. Drei andere Frauen messen Mehl ab und blättern in einem Kochbuch: Heute soll es Wildpfeffer mit Spätzle geben. 40 Leute treffen sich mittwochs im Gemeinschaftsraum, und jedes Mal bereitet eine andere Kleingruppe das Essen vor. „Ich finde das eine brillante Idee: Wir kommen zusammen und essen – und natürlich spart es auch Strom und andere Kosten, wenn nicht jeder für sich alleine etwas zubereitet“, sagt die 52-jährige Büsser, Bewohnerin der Züricher Niedrigenergiesiedlung KraftWerk1. Diesen Namen haben die Projektinitiatoren gewählt, nachdem sie viel über das Ende des Industriezeitalters diskutiert hatten und sich einig waren, dass die menschliche Kreativität als Energiequelle und damit als Kraftwerk der Zukunft anzusehen sei.


    Aus dem Gemeinschaftsraum im achten Stock hat man einen wunderbaren Blick über die Dächer von Zürich und Zugang zu einer riesigen Terrasse, auf der im Sommer Liegestühle stehen und in großen Hochbeeten Küchenkräuter sprießen. „Das hier ist eine sehr gute Art zu leben“, sagt Büsser, die von Anfang an dabei ist und sich mit acht anderen eine Wohnung teilt. Ihr Freund lebt ebenfalls im Haus, hat aber ein eigenes Appartement. Jeder findet im KraftWerk1 so viel Gemeinschaft, wie ihm behagt.


    Etwa 250 Menschen wohnen und 90 arbeiten hier. Die aus drei schlichten Gebäuden bestehende Siedlung liegt in Zürichs ehemaligem Industriegebiet, in dem heute vor allem Bürokästen das Gesicht des Stadtteils prägen. Niemand in der Genossenschaftssiedlung hat eine eigene Waschmaschine – dafür gibt es in einem freundlichen Raum im Erdgeschoss eine Gemeinschaftswaschküche. Schräg gegenüber befindet sich die „Pantoffelbar“ – ein Raum mit Theke, Kühlschrank und Sofas. Nebenan wird jeden Abend zwei Stunden lang Biogemüse aus einer regionalen Gartenkooperative zum Einkaufspreis verkauft; an der Kasse stehen ehrenamtlich KraftWerks-Genossen.


    Auch sonst finden die Bewohnerinnen und Gelegenheitseinkäufer aus der Nachbarschaft hier im Konsumdepot vieles, was sie im Alltag brauchen. Martin Bachmann organisiert den Laden und erhält dafür ein kleines Salär, das alle Bewohner durch eine Mietumlage finanzieren. „Wir haben eine bezahlbare Wohnung, und ich kenne hier fast alle Leute. Das finde ich super“, sagt der dünne 45-Jährige, der drei Jahre lang auf einer Warteliste stand, bevor er 2006 mit seiner Familie einziehen konnte.


    Jeder Bewohner von KraftWerk1 hat durchschnittlich 36 Quadratmeter zur Verfügung – und damit deutlich weniger als der Schweizer Durchschnittsbürger, der über etwa 45 Quadratmeter verfügen kann. Dafür haben die KraftWerker aber die Möglichkeit, Gemeinschaftsräume zu nutzen und Gäste in Besucherzimmern unterzubringen. Auch ein eigenes Auto ist hier überflüssig: Wenige Schritte entfernt hält die Straßenbahn, und vor dem Haus gibt es zudem ein paar Parkplätze für die knallroten Car-Sharing-Autos von Mobility.


    Die Idee für das Wohnprojekt stammt von einer Gruppe Künstlerinnen und Architekten, die auf den Züricher Industriebrachen Anfang der 1990er-Jahre Performances veranstalteten und Installationen aufbauten. Einer von ihnen war Andreas Hofer. Der 49-Jährige amüsiert sich noch immer, wenn er an die Verhandlungen denkt, die er damals mit Maklern und Bankerinnen geführt hat. Anfänglich forderte die Finanzbranche, die frei werdenden Industrieareale müssten wieder durch Dienstleistungsunternehmen genutzt werden. Diesen Träumen machte die Immobilienkrise 1992 jedoch ein Ende. In der folgenden Phase der allgemeinen Ratlosigkeit öffnete sich für die KraftWerk1-Aktivisten ein historisches Fenster: Ihnen wurde eine Industriebrache zur Nutzung angeboten, und der bisherige Besitzer übernahm sogar die Kosten für die Planung der Niedrigenergiesiedlung.


    KraftWerk1 ist inzwischen längst über die Genossenschaft selbst hinausgewachsen. So hat die Wohngruppe nicht nur ein zweites KraftWerk fertiggestellt und plant derzeit eine Großsiedlung am nördlichen Rand von Zürich. Andreas Hofer hat im Dachverband aller Züricher Wohnungsgenossenschaften auch das Projekt Mehr als Wohnen angestoßen, das in den Nachbarschaften der Stadt einen nachhaltigen Lebensstil etablieren soll.


    Die Zeiten dafür sind günstig: Zum einen haben die Züricher in einer Volksabstimmung beschlossen, den horrenden Mietsteigerungen durch eine Ausweitung von Wohnungsbaugenossenschaften beizukommen; ihr Anteil soll von bisher 20 auf 33 Prozent erhöht werden. Zum zweiten ist in der Gemeindeordnung der größten Schweizer Stadt seit 2008 das Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft festgeschrieben. Die dafür notwendigen Energieeinsparungen lassen sich nur erreichen, wenn Neubauten hervorragend gedämmt und kompakt gebaut werden. Auch hocheffiziente, gemeinschaftlich genutzte Hausgeräte wie Waschmaschinen oder gemeinsames Kochen verkürzen den Weg zum 2000-Watt-Ziel. Es geht um einen neuen Lebensstil – so wie er sich im KraftWerk1 bereits abzeichnet. Dass das nichts mit Verzicht, sondern im Gegenteil mit Gewinn an Lebensqualität zu tun hat, kann dort jeder Besucher spüren.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.kraftwerk1.ch

    www.mehralswohnen.ch

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  • 84-klimaschutzplus-stiftung

    Solargroschen

    Psst, nicht den Bankern weitersagen: Die Klimaschutz+ Stiftung fördert erneuerbare Energien, Gerechtigkeit und Frieden und vervielfacht dabei ihre Geldbeträge. Die Idee stammt von einer Schülerin.

    Die Drei-Solargroschen-Oper

    Psst, nicht den Bankern weitersagen: Die Klimaschutz+ Stiftung fördert erneuerbare Energien, Gerechtigkeit und Frieden und vervielfacht dabei ihre Geldbeträge. Die Idee stammt von einer Schülerin.

    Die Idee kam Marie Ende 2007 auf dem Flughafen von Rom. Die Schülerin und Friedensaktivistin aus Heidelberg war damals erst 16 Jahre alt. „Egal, wo wir sind“, überlegte sie nach einer Diskussion von Jugendorganisationen mit Nobelpreisträgern, „es geht immer um die drei Themen Klimaschutz, Gerechtigkeit und Frieden. Kann man das nicht in einem Projekt verbinden?“ Den 53-jährigen Energieberater Peter Kolbe, der Marie als Tutor eines Jugendprojektes nach Italien begleitet hatte, ließ ihr Wunsch nicht mehr los. Am 10.10.2010 um 10.10 Uhr wurde er Wirklichkeit: Die Klimaschutz+ Stiftung begann zu arbeiten.


    Nicht nur die Schnapszahl ihres Startdatums ist einmalig, sondern auch das Finanz- und Mitbestimmungsmodell der Stiftung. Der Mindesteinsatz jedes Zustifters solle pro Tag je ein Cent für Klimaschutz, Gerechtigkeit und Frieden sein, so die Überlegung des Projektteams. Macht im Monat 90 Cent und im Jahr knapp elf Euro – ein solidarischer Mindestbeitrag, der auch kleinen Leuten das Mitmachen ermöglichen soll. Alle Geldgeber dürfen mitbestimmen, in welche gemeinwohlorientierten Projekte das Geld fließen soll. Und eine ausgeklügelte Konstruktion, die auf den Finanzierungsbedingungen für erneuerbare Energien in Deutschland beruht, verdoppelt die Beträge der Zustiftenden und vervielfacht sie in ihrer Wirkung. Das System mitausgetüftelt hat Vorstandsmitglied Kolbe. Aus Maries Idee wird auf diese wundersame Weise eine Drei-Solargroschen-Oper für Klimaschutz, Gerechtigkeit und Frieden.


    Bühne frei für die Oper! Erster Akt, der erste Solargroschen fällt: Die Stiftung macht sich zwei Instrumente der sogenannten Energiewende zunutze: das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und günstige Kredite der staatlichen KfW-Bank für den Ausbau umweltfreundlicher Energien. So erhöht Klimaschutz+ die Summe, die sie in erneuerbare Energien investieren kann; sie ist per Satzung dazu verpflichtet, sämtliche Zustiftungsmittel zu deren Förderung zu verwenden. Mit dem Geld werden Solaranlagen errichtet – bisher sind es zwei, eine dritte ist in Planung.


    Zweiter Akt, der zweite Solargroschen fällt: Weil der Betrieb von Solarprojekten und Bürgerkraftwerken laut Finanzamt eine gewerbliche Tätigkeit ist und im Widerspruch zur Gemeinnützigkeit der Stiftung steht, stellte sich das Stiftungsteam eine Energiegenossenschaft zur Seite, die die Bürgerkraftwerke betreibt. Die Mehrheit der Genossen gehört dem Stiftungsbeirat an, wodurch sichergestellt ist, dass die Kraftwerksgewinne stets den Zielen des Gesamtprojektes dienen. Die Stiftung leiht nun der Genossenschaft ihre Geldmittel, und die Genossenschaft beantragt bei der KfW-Bank einen Kredit in der selben Höhe mit günstigen Zinsraten. „Für jeden gestifteten Euro werden zwei Euro in die Energiewende und den Klimaschutz investiert“, sagt Kolbe.


    Dritter Akt, der dritte Solargroschen fällt: Die Genossenschaftsanlagen speisen während ihrer 20-jährigen Laufzeit Solarstrom ins Netz, der über das EEG vergütet wird. Mit dem einen Teil der EEG-Erträge werden die Betriebskosten finanziert und der Bankkredit zurückgezahlt, mit dem anderen Teil wird das Stiftungsdarlehen einschließlich Zinsen an die Stiftung zurückgezahlt. Die Darlehens- und Zinsbeträge werden dann – tätärätää, Finale! – an gemeinnützige Projekte im In- und Ausland ausgeschüttet. Alle gespendeten Stiftungsmittel und Gewinne fließen also über den „Umweg Klimaschutz“ vollständig in die Projektförderung. „Unser Ziel ist es, rund das Doppelte der ursprünglichen Stiftungsmittel über zwanzig Jahre auszuschütten“, sagt der Geografiestudent, Mitinitiator und Kassenwart Yannik Hake. „Die von allen Stromkunden mitfinanzierten Gewinne werden so eingesetzt, dass sie vollständig dem Gemeinwohl dienen statt den Energiekonzernen“, ergänzt Peter Kolbe.


    Was passiert nun mit den Solargroschen? Marie und alle anderen Geldgeber können innerhalb der Stiftung eigene Töpfe gründen – für Projekte, die sie mit ihrem Geld fördern wollen. Naturliebhaber Peter Kolbe zählt Beispiele auf: Ein Jugendsportverein nahe Heidelberg fördert ein Aidswaisenhaus in Tansania. Gymnasiasten in Neckargemünd haben sich zusammen mit ihren Eltern zum Einsparen von täglich mindestens drei Cent Stromkosten verpflichtet; das eingesparte Geld von mindestens 90 Cent pro Kopf und Monat wandert in einen Schultopf.


    Die Belegschaft des Heidelberger Umweltinstituts ifeu, wo Kolbe lange Jahre gearbeitet hat, unterstützt ein Biolandwirtschaftsprojekt in Ruanda, das gleichzeitig Klimaschutz und Armutsbekämpfung betreibt. Und Bürger in Schriesheim nahe Heidelberg beschlossen, den ersten kommunalen Stiftungstopf aufzulegen und damit ein Solardach für ihr Rathaus zu finanzieren. Die Erträge aus der Solaranlage werden ihrerseits in neue bürgernahe Projekte fließen. Es scheint fast, als sei hier das Perpetuum mobile der Nachhaltigkeit erfunden worden.


    Zukunftsfähigkeit, Enkeltauglichkeit, Verantwortung für die kommenden Generationen – das sind für Peter Kolbe die wichtigsten Aspekte dieser generationenübergreifenden Stiftung. Kolbe erlebte 2003 die Demonstrationen Heidelberger Schüler gegen den Irakkrieg und war damals tief davon beeindruckt, „dass die jungen Leute öffentlich die UN-Charta vorlasen und das Recht der Völker auf eine Welt ohne Krieg und Gewalt einforderten. Ich gab ihnen meine Telefonnummer – das war der Anfang.“ Seither unterstützt der dreifache Familienvater ehrenamtlich jugendliches Engagement. Im Stiftungsteam tummeln sich deshalb jede Menge junge Leute; zwei der sechs Vorstandsmitglieder sind Studierende und entstammen dem Umfeld des Heidelberger Schüler-Friedens-Büros.


    Auch der hochkarätig besetzte Beirat spiegelt das breite Themenspektrum der Klimaschutz+ Stiftung wider. Renée Ernst sitzt dort, Ex-Beauftragte für die deutsche Kampagne zu den UN-Millennium-Entwicklungszielen; Hans Graf von Sponeck, früherer Chef des UN-Programms „Öl für Lebensmittel“ im Irak, der nach heftigem Streit mit den USA sein Amt niederlegte; Thomas Bruha von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen; oder Peter Hennicke, ehemaliger Chef des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Und nicht zuletzt Ursula Sladek, Gründerin und Geschäftsführerin der Elektrizitätswerke Schönau, die dem Stiftungsbeirat vorsitzt.


    Die „Schönauer Stromrebellen“, wie sie sich bei ihrer Gründung nach dem Super-GAU von Tschernobyl nannten, sind von der Klimaschutz+-Idee so begeistert, dass sie einen eigenen „K+ Ökostromtarif“ einrichteten und den Schönauer Sonnencent an die Stiftung weiterleiten. Ihre Stromkunden können selbst entscheiden, welche Projekte sie damit unterstützen wollen. Zudem spendet der Ökostromanbieter für jede neue Kundin, die in diesen Tarif wechselt, 25 Euro an die Klimaschutz+ Stiftung. Damit die Drei-Solargroschen-Oper noch lange auf dem Spielplan bleibt.

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.klimaschutzplus.org

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  • 85-juwi

    Windanbeter

    Zwei Pfälzer Bauernsöhne gründeten 1996 eine Umweltfirma. Heute ist juwi eines der schnellstwachsenden Unternehmen Deutschlands und unterstützt Kommunen dabei, Strom und Wärme selbst zu erzeugen.  

    100 Prozent – und zwar schnell!

    Zwei Pfälzer Bauernsöhne gründeten 1996 eine Umweltfirma. Heute ist juwi eines der schnellstwachsenden Unternehmen Deutschlands und unterstützt Kommunen dabei, Strom und Wärme selbst zu erzeugen.  

    Schon wieder stehen im rheinhessischen Wörrstadt Baukräne – und schon wieder errichtet juwi ein neues Bürogebäude. Es ist das dritte innerhalb von vier Jahren. Kaum ein anderes Unternehmen wächst so rasant wie jenes, das sich dem Motto verschrieben hat: 100 Prozent erneuerbar – und zwar schnell!


    Begonnen hat alles in einem Krankenhausbett Mitte der 1990er-Jahre. Darin lag Matthias Willenbacher mit einer Knieverletzung und las in einer Provinzzeitung. Der damals 25-jährige Student stieß auf einen Artikel über ein paar Leute, die in der Eifel ein Windrad aufgestellt hatten. Die Lektüre elektrisierte ihn: Wind gab es in seiner Heimat nördlich von Kaiserslautern fast immer – das wusste der Bauernsohn, der in seiner Jugend oft auf dem Feld gearbeitet hatte. Die Vorstellung, ohne viel Arbeit, nur über das Einfangen des Windes, Geld zu verdienen, erschien ihm überaus verlockend. Deshalb stand für ihn gleich fest, dass er auf dem elterlichen Hof keine Hobbyanlage bauen wollte, sondern ein richtiges, professionelles Windrad.


    Sein Vater und seine Mutter waren keineswegs begeistert: Woher er denn die Investitionssumme in Höhe von einer knappen Million D-Mark nehmen wolle? Sie jedenfalls wären nicht bereit, ihr Erspartes dafür herzugeben. Doch Matthias Willenbacher, sonst ein recht braver Junge, war nicht zu bremsen. Ein paar Wochen später präsentierte er seinen Eltern acht Personen, die zur Finanzierung der Mühle beitragen wollten. Schließlich ließen sich die Eltern erweichen und stellten ein Stück Land zur Verfügung.


    Während Vater und Sohn Willenbacher auf dem Schneebergerhof noch versuchten, Windmessungen durchzuführen, war Fred Jung schon einen Schritt weiter. Er wohnte ein paar Kilometer entfernt, war auch Sohn eines Landwirts und träumte ebenfalls von einem eigenen Windrad. Ein paar Monate zuvor hatte er einen Laternenpfahl auf einem Acker seiner Eltern errichtet und daran ein Anemometer befestigt, um die örtliche Kraft des Windes zu messen. Die Werte schienen vielversprechend, doch bekam er keine Baugenehmigung. Zufällig erfuhren die beiden Bauernsöhne voneinander, und nachdem Matthias Willenbacher die Aufzeichnungen des anderen gesehen hatte, war für ihn klar: Sein Windtraum sollte auf der Stelle Wirklichkeit werden.


    Als er den Vertrag über 900.000 Mark unterschrieb, legte Willenbacher die Hand über die letzten drei Nullen: „Das sah dann nicht mehr nach so viel aus.“ Ein paar Tage später verabredeten sich die beiden jungen Windanbeter und gründeten eine Firma, mit der sie auch anderen zu der Fähigkeit verhelfen wollten, ihre eigene Energie zu erzeugen. Wie die heißen sollte? „Ju“ sagte Jung spontan. „Wi“ gab Willenbacher zurück – juwi. Das alles geschah 1996.


    Zunächst arbeiteten die beiden allein, doch seit sie 1999 die erste Mitarbeiterin einstellten, verdoppelt sich die Personalstärke fast jährlich. Denn den beiden Gründern war schnell klar geworden, dass der Bau neuer Windräder allein die Energiefragen ihrer Kunden nicht lösen würde. So begannen sie, sich auch mit Photovoltaikanlagen, Bioenegie und Geothermie zu beschäftigen – und weil viele Gemeinden, die den Großteil der juwi-Kunden ausmachen, das zwar alles gerne haben wollen, aber keine Ahnung haben, was für sie am günstigsten ist, gibt es bei juwi inzwischen maßgeschneiderte Konzepte. Die können von der Planung über den Bau bis hin zu Wartung und Betrieb ganzer Anlagenparks reichen – je nach Bedarf. Dabei gehört es zur Unternehmensphilosophie, die Menschen vor Ort in die Planung einzubinden.


    In Morbach im Rhein-Hunsrück-Kreis reicht die Strommenge aus Wind, Sonne, Holz, Grasschnitt und Gülle bereits aus, um die 11.000 Einwohner in den 19 zur Gemeinde gehörigen Dörfern zu versorgen. Auch der juwi-Heimatort Wörrstadt wird wohl schon in diesem Jahr zur 100-Prozent-Region werden.


    Willenbacher und Jung haben sich schon vor Erreichen dieser Marke wieder neue Ziele gesetzt: Gerade lassen sie eine Anlage bauen, die aus Wasser mit Hilfe von Windstrom Methan herstellt. Weil Gas anders als Strom speicherbar ist, könnten so Stromüberschüsse an wind- und sonnereichen Tagen eingefangen und während einer Flaute genutzt werden; zu Ende gedacht, ließen sich damit sogar autonome Energieinseln errichten.


    Ende 2010 verdienten in der Firmenzentrale in Wörrstadt 700 Menschen ihr Geld – bald sollen es 1.500 sein. Auch in vielen anderen Ländern von Polen über die USA, Chile, Südafrika bis nach Indien hat juwi inzwischen Büros. Während andere Unternehmen händeringend nach Fachkräften suchen, bekommt juwi auf jede Stellenausschreibung Dutzende von Bewerbungen: Das kompromisslose Firmenziel der Vollversorgung mit erneuerbaren Energien fasziniert viele Leute.


    Auch wenn das Interesse an juwi inzwischen groß ist, kommt ein Börsengang für die beiden Gründer nicht in Betracht. „Wir möchten nur Dinge tun, die wir für richtig und sinnvoll halten“, sagt Matthias Willenbacher. Sich an fremden Renditeerwartungen oder Quartalsberichten orientieren – undenkbar. Die Firmenzentrale hat einige Millionen Euro mehr gekostet als ein üblicher Bau: Die dreistöckigen Bürogebäude, die angeblich zu den energieeffizientesten der Welt gehören und von der Deutschen Umwelthilfe ausgezeichnet worden sind, bestehen aus Holz und erzeugen mehr Energie als sie verbrauchen. Die Computeranlage und die Küchengeräte der Mensa sind extrem energieeffizient; serviert werden überwiegend Lebensmittel aus der Region. Es gibt Sporträume, den firmeneigenen Kindergarten „Juwelchen“, im ganzen Haus verteilte Sofaecken und einen Andachtsraum. „So was hätte wohl kein Shareholder mitgemacht“, mutmaßt Fred Jung.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.juwi.de

    www.100-prozent-erneuerbar.de

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  • 86-jack-in-the-box

    Hochboxen

    Nicht Müll recyceln, sondern Neues und Besseres daraus herstellen ist das Motto von JACK IN THE BOX. Das Arbeitslosenprojekt in Köln baut Metallräume aus Übersee-Containern.

    Alte Kisten aufmöbeln

    Nicht Müll recyceln, sondern Neues und Besseres daraus herstellen ist das Motto von JACK IN THE BOX. Das Arbeitslosenprojekt in Köln baut Metallräume aus Übersee-Containern.

    Hinter dem Güterbahnhof von Köln-Ehrenfeld liegt eine holprige Sackgasse. Die Hallen, zu denen sie führt, sehen von außen verkommen und verlassen aus – doch sobald man die Eisentür mit dem Aufdruck JACK IN THE BOX geöffnet hat, betritt man eine sehr lebendige Welt. In einem ehemaligen Kartoffellager stehen Bohrer, Sägen und andere Maschinen, auf einem riesigen Werkbanktisch lagern auseinandergenommene Apfelsinenkisten aus Holz. Eine Frau zerschneidet die mit bunter Schrift und Symbolen bedruckten Kisten in Stücke und setzt die Teile kunstvoll zu neuen Mustern zusammen. So entstehen Sitzplatten für Hocker oder Deckplatten für Sideboards. Deren Unterteile bestehen aus flachgelegten, ausrangierten Umkleidespinden. Auch alte Ölfässer lassen sich zu einer Hausbar umfunktionieren. Mattbunt lackiert wirken diese Möbel durchaus edel.


    Gerd Hoffmann wurde vor ein paar Jahren vom Arbeitsamt hierher geschickt und leitet nun zusammen mit einer Kollegin die Upcycling-Abteilung. „Ich bin aufgrund meines hohen Alters seit fast zehn Jahren arbeitslos“, sagt der 59-Jährige ironisch, aber ohne Bitterkeit. Denn seinen Alltag hier bei JACK IN THE BOX will der gelernte Schweißer nicht mehr missen. „Ich erlebe hier Freundschaft und Anerkennung und eine seelische Befriedigung durch unsere Produkte.“ Zudem hat er seine künstlerische Ader entdeckt, die er in Metallskulpturen auslebt.


    Die Ursprungsidee für JACK IN THE BOX stammt von dem Sozialarbeiter Martin Schmittseifer – der einzige hier, der nicht vorher erwerbslos war. Auf einer Radtour durch den Kölner Hafen fiel sein Blick auf einen Stapel Seecontainer, aufgeschichtet wie riesige Legosteine. „Es war eine spontane Eingebung“, sagt der schlanke, große Mann mit Dreitagebart und Parka. Schon damals, 2006, arbeitete er mit Langzeitarbeitslosen und ärgerte sich häufig, dass die meisten Beschäftigungsprojekte für die Öffentlichkeit unsichtbar waren und darüber hinaus weder den Betroffenen noch der Gesellschaft großen Nutzen brachten.


    Warum sollten Erwerbslose nicht diese Metallkisten zu günstigen Wohn- oder Ausstellungsräumen umbauen, damit etwas gleichermaßen Sinnvolles und Sichtbares schaffen und für sich selbst vielleicht sogar einen festen Job? Außerdem wäre der Umbau ausrangierter Seecontainer eine Form von Upcycling, überlegte Schmittseifer: Aus Schrott könnten Räume entstehen, aus mehreren Containern vielleicht sogar ganze Häuser.


    Inzwischen stehen in Kölner Stadtteilzentren eine ganze Reihe derartig hergestellter Gruppenräume, es gibt Boxen für Fahrräder und auf einem Campingplatz ein Versorgungszentrum aus umgebauten Containern. 1.500 bis 2.500 Euro kostet so ein ausrangierter Eisenkasten, in den die Leute von JACK IN THE BOX je nach Bedarf Fenster, Türen, Zwischenwände, Toilettenräume und Isolierung einbauen. Die Idee für die Upcycling-Möbel kam später hinzu.


    Mehrere Architekten haben inzwischen bei JACK IN THE BOX ihren eigenen Arbeitsplatz geschaffen, einen Öffentlichkeitsarbeiter gibt es auch, und einige Leute in den Werkstätten sind schon seit Jahren dabei. Die meisten kommen zwar nach wie vor nicht ohne staatliche Unterstützung aus, zumal die Aufträge nur unregelmäßig eingehen; doch „Aufstocker“ – Hilfsempfänger, die sich etwas dazuverdienen – gibt es schließlich auch in vielen rein kommerziellen Betrieben.


    „Wir sind bekannt in der Stadt. Im WDR haben sie uns auch schon als innovative Beschäftigungsförderung vorgestellt. Viele Arbeitslose sagen beim Amt, dass sie hierher zugewiesen werden wollen“, sagt Ulla Kathea, gelernte Zahntechnikerin, Kunstautodidaktin und zusammen mit Gerd Hoffmann Leiterin der Upcycling-Abteilung.


    Zusätzlich zur Hartz-IV-Grundsicherung verdient Kathea bei JACK IN THE BOX 160 Euro im Monat. „Wenn es mir ums Geld ginge, würde ich das hier nicht machen“, stellt sie klar. Doch zum einen genießt sie die vielfältigen Kontakte zu Künstlern, Design-Studierenden und Theaterleuten, die hier ein- und ausgehen und zusammen mit JACK IN THE BOX  zahlreiche Veranstaltungen organisieren. Zum anderen findet sie ihre Arbeit unzweifelhaft sinnvoll. Die meisten, die hier bis zu einem Jahr als Ein-Euro-Jobber arbeiten, haben psychische Probleme oder mit Drogen zu tun. „Wir hier sind alle Individualisten. Hier kann man die eigene Kraft wiederfinden“, beschreibt Ulla Kathea ihre Empfindung, was die Qualität des Projekts ausmacht.


    Das sieht auch Michael Hilsdorf so, der sich lange Zeit desorientiert fühlte und nach einem Arbeitsunfall den Eindruck hatte, sein Körper mache nicht mehr mit. „Ich kann mich selbst jetzt viel besser einschätzen“, sagt der 27-Jährige. „Ich habe im Umgang mit den anderen herausgefunden, in welche Richtung ich jetzt gehen will.“

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.koelnerbox.de

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  • 87-stiftung-interkultur

    Esperanto

    Die in München ansässige Stiftung Interkultur fördert, vernetzt und berät interkulturelle Gärten sowie Projekte des Urban Gardening.

    Die grüne Sprache

    Die in München ansässige Stiftung Interkultur fördert, vernetzt und berät interkulturelle Gärten sowie Projekte des Urban Gardening.

    Wie verständigen sich eigentlich die aus aller Welt stammenden Gärtnerinnen und Aktivisten interkultureller Gärten, die seit Jahrzehnten im Einwandererland Deutschland gemeinsam Boden beackern? Ganz einfach: in der grünen Sprache. Der Begriff ist eine Wortschöpfung des äthiopischen Agraringenieurs Tassew Shimeles, der die Internationalen Gärten in Göttingen mitaufbaute und heute Teil des neunköpfigen Teams der Stiftung Interkultur mit Sitz in München ist.


    Die grüne Sprache nicht erfunden, aber maßgeblich verbreitet hat Christa Müller, die Geschäftsführerin der Stiftung. Die promovierte Soziologin hat nach eigenem Bekenntnis „zwei linke Hände“ und beobachtet lieber als selbst zu gärtnern. Doch durch ihre Herkunft aus einem ostwestfälischen Dorf, mit einem Schneidermeister als Vater und einer bäuerlichen Mutter, weiß sie kleinbäuerliche und handwerkliche Produktionsweisen zu schätzen. Die 51-Jährige ist eine passionierte Feldforscherin, und ihr erstes Forschungsobjekt waren 1999 eben jene Internationalen Gärten in Göttingen, eines der ersten interkulturellen Gartenprojekte überhaupt.


    In den inzwischen preisüberhäuften Göttinger Gärten begriff sie schnell, was für ein unglaubliches Potenzial dem Urban Gardening innewohnt – wie es über die Sprache der Natur ungewöhnliche Begegnungen ermöglicht, wie es en passant Integration, Selbstversorgung und soziales Miteinander fördert und wie es Flüchtlinge und Migrantinnen zum Erzählen darüber ermuntert, welch schöne Feste in ihren Gärten früher gefeiert wurden und welche Kräuter sie zu Hause angepflanzt haben.

     

    „Der Arzt und die Analphabetin zeigen sich gegenseitig, was sie wissen und können, in grüner Sprache“, berichtet Müller. Der Garten an sich sei „eine lernende Organisation“,  formuliert sie in den ihr eigenen ebenso blumenreichen wie druckreifen Sätzen. Gemeinsam, sagt sie, werde geackert, gekocht, gegessen und gefeiert. Mit der Kurdin Najeha Abid, einer weiteren Begründerin der Internationalen Gärten, sei sie damals manchmal durch Göttingen geschlendert, „und Najeha hatte die Taschen voller Obst und Gemüse und verschenkte sie überall. Was für eine Kultur der Gastfreundlichkeit und des Überflusses.“ Die Arabistin aus Bagdad, die 1982 aus dem Irak flüchten musste, bearbeitet nunmehr in der Stiftung Interkultur den Schwerpunkt Gesundheit und Ernährung.


    Christa Müller schrieb 2002 ein Buch über die Göttinger Gärten, Wurzeln schlagen in der Fremde, das zum Auslöser für unzählige Nachfragen aus Gemeinden und Stadtverwaltungen wurde. Ob sie nicht helfen könnte, auch bei ihnen einen solchen Garten zu gründen...? Müller sprach mit dem Mäzen Jens Mittelsten Scheid, dem Erben des Unternehmens Vorwerk, der ebenfalls „die grüne Sprache“ versteht und Projekte der Eigenarbeit fördert. Er hatte die anstiftung gegründet, seine Eltern ertomis, daraus wurde die Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis, die ihrerseits 2003 die Stiftung Interkultur ins Leben rief. Mit Stiftungsgeldern baute Müller eine Beratungs- und Vernetzungsstelle in München auf. Und organisierte 2003 ein erstes Netzwerktreffen interkultureller Gärten.


    Seitdem gibt es jedes Jahr Netzwerktagungen, „immer da, wo ein Gartenprojekt uns einlädt“, erzählt Christa Müller. Die Themen sind jedes Mal anders, aber alle haben mit der grünen Sprache zu tun: „Interkulturelle Gärten und multikulturelle Kultur“, „Visionen für ein Europa von unten“, „Gesundheit und Ernährung“, „die Interkulturellen Gärten als ressourcenreiche Räume“, „Naherfahrungsräume für Kinder und Jugendliche“ oder „Kulturpflanzenvielfalt“. Es ist wohl auch die Kulturmenschenvielfalt, die den Erfolg der Stiftung und der von ihr unterstützten Stadtgärten ausmacht.


    Ende 2011 gab es bundesweit bereits 120 interkulturelle Gärten, weitere 66 waren in Planung – eine reiche Ernte, die die Stiftung Interkultur hier einfährt. Die Gartenformen sind dabei so unterschiedlich wie die dort wachsenden Pflanzen: In Berlin etwa haben die Prinzessinnengärten mobile Beete aus alten Bäckerkisten entwickelt, und im Rosenduft-Garten entdeckten bosnische Flüchtlingsfrauen, welche Kraft das Anpflanzen von Gemüse und Blumen aus der Heimat für die Überwindung von Kriegstraumata geben kann. In Oberhausen setzen Sozialhilfeempfängerinnen ein Zeichen gegen ihre Entwürdigung, indem sie ihr eigenes Essen anbauen, statt sich an „Tafeln“ abspeisen lassen zu müssen. Und in der schrumpfenden Stadt Dessau eignen sich Bewohner, unterstützt von einer engagierten Stadtverwaltung, freiwerdende Flächen zur Gestaltung an. Solche Projekte erhalten vom Münchner Team umfassende Unterstützung und Beratung: Wie sollte der Garten aussehen, seine Rechtsform, die Aktivitäten rund um das Gärtnern? Auf Antrag steuert die Stiftung eine kleine Summe zur Anschubfinanzierung bei und gibt Tipps, wo vielleicht weitere Gelder zu holen sind. 


    Ein Blick auf die Webseite der Stiftung Interkultur offenbart ins Kraut schießende Aktivitäten auf einem fruchtbar gemachten Feld. Mit einem vergleichsweise geringen Jahresbudget von rund 300.000 Euro und gerade mal dreieinhalb Vollzeitstellen stemmen die Gartenliebhaber einen wahren Blütenreigen an Veranstaltungen, Veröffentlichungen, Seminaren, Netzwerktreffen und Forschungsprojekten. Die Stiftung koordiniert zudem ein weitverzweigtes Netzwerk von Forschern und Doktorandinnen aus der Stadtplanung, den Sozialwissenschaften oder der Botanik. Und wie verständigen sich alle? Natürlich in grüner Sprache.

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.stiftung-interkultur.de

    www.anstiftung-ertomis.de

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  • 124-bollewick

    Wachstumsmodell

    Ein umtriebiger Bürgermeister bringt mit neuen Ideen die Dorfentwicklung in Mecklenburg-Vorpommerns Hinterland voran. 

    Die Scheune im Dorf lassen

    Ein umtriebiger Bürgermeister bringt mit neuen Ideen die Dorfentwicklung in Mecklenburg-Vorpommerns Hinterland voran. 

    Bollewick ist nicht gerade das, was man als romantisches Dorf bezeichnen würde. Zu DDR-Zeiten war die mecklenburgische Gemeinde südlich der Müritz vor allem deshalb bekannt, weil sie schon von weitem zu riechen war. Die Gülle von den 650 Kühen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) und die Chemikalien der Kläranlage flossen in einen Teich – und manchmal auch daneben. So blieben den damals knapp 400 Dorfbewohnern nach der Wende vor allem eine schwere Altlast, eine riesige, marode Scheune und ein paar Häuser längs der Straße. Alle Zeichen standen auf Bevölkerungsschwund, so wie er in weiten Teilen Mecklenburgs heute zu beobachten ist. Und doch geschieht in Bollewick das Gegenteil: Der Ort wächst.

     

    Das liegt gewiss zum Großteil an Bürgermeister Bertold Meyer. Gleich nach der Wende begann der heute 55-Jährige, auf eine selbstbewusste Dorfentwicklung zu setzen. „Wir haben hier die größte Feldsteinscheune Deutschlands, vielleicht sogar Europas“, pries er das von einem Landjunker im 19. Jahrhundert errichtete Gebäude regelmäßig als großen Trumpf Bollewicks. Während Experten prognostizierten, dass der Uringeruch niemals aus der Scheune verschwinden werde und die 10.000 Quadratmeter Fläche in solch einem kleinen Ort nicht sinnvoll zu nutzen sein würden, sorgte Meyer dafür, dass Arbeitslose den Stall restaurierten. Tatsächlich beherbergt die Scheune heute nicht nur ein Hotel und ein Biorestaurant, sondern auch einen Tanzsaal sowie knapp zwei Dutzend Verkaufsräume und Werkstätten. Die finden großen Anklang, unter anderen beim Kürschner und dem Drechsler, einem Schreiner und der Glaserin, dem Seidenblumenverkauf und einem Friseursalon.

     

    Es sind Busreisende und Touristen von der nahen Mecklenburgischen Seenplatte, die es insbesondere an Regentagen, vor Ostern oder Weihnachten zum Einkaufsbummel hierher zieht. 150.000 Besucher werden inzwischen jährlich in Bollewick gezählt. Zwar trifft das heimelig-nostalgische Flair und so manches kunstgewerbliches Produkt nicht unbedingt den Geschmack eines distinktionsbewussten Metropolenpublikums; doch die Sache scheint zu funktionieren.

     

    Heute leben in Bollewick deutlich mehr Menschen als zu DDR-Zeiten – was zum Teil auf Eingemeindungen, zum Teil auf Zuwanderung zurückgeht –, und auf die 660 Einwohner kommen immerhin drei Kindertagesstätten. Doch Meyer will mehr. Neben dem sanierten Dorfteich soll eine neue Siedlung für Ruheständler entstehen, die hier in schöner Landschaft und umgeben von Gleichgesinnten „ihr letztes Nest“ bauen wollen. Acht Interessenten treffen sich schon regelmäßig, und sogar aus Neuseeland haben sich heimkehrwillige Deutsche angemeldet, verkündet Meyer.

     

    Im Moment ist der umtriebige Bürgermeister damit beschäftigt, seine Dörfler von einer gemeinsamen Wärmeversorgung zu überzeugen. Ein junger, aus Holland stammender Bauer erzeugt seit Sommer 2011 Strom aus dem Mist seiner 200 Kühe – doch die dabei entstehende Wärme entweicht in den Orbit. Wenn neben der Scheune 40 Privathaushalte mitmachen, lohnt sich der Bau eines Fernwärmenetzes, hat Meyer berechnet. So tingelt er von Küchentisch zu Küchentisch und erklärt den Bürgern, dass sie statt 8,7 Cent pro Liter Heizöl für die gleiche Wärmemenge nur noch 7,1 Cent bezahlen müssten, würden sie ihre Häuser anschließen lassen. Außerdem könnte das Netz noch ein paar wärmenutzende Betriebe versorgen, überlegt Meyer. Vielleicht ließe sich ein Dörrobstproduzent hierher locken oder eine Wäscherei, die Textilien für die Hotels an der Müritz reinigt?

     

    Meyer lebt seit seiner Geburt in Bollewick. Und auch wenn es hier früher schrecklich stank und der Müll der LPG einfach herumlag – er hat seinen Heimatort stets geliebt. Dass Mecklenburg-Vorpommerns Hinterland vor allem mit hoher Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Hoffnungslosigkeit assoziiert wird, findet Meyer ignorant. „Wir sind der Garten der Metropolen“, hat er als Werbespruch für seine Region geprägt. Gute Luft, Lebensmittel, Erholung und Energie – all das liefern die ländlichen Regionen den Städten. Warum sollte man da nicht selbstbewusst sein? 

    Annette Jensen
    20. Januar 2012

    www.diescheune.de

    www.bollewick.net

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  • 89-ihringer-schutzgemeinschaft

    Organismenspritze

    Hans Gugel und seine Schutzgemeinschaft kurieren kranke Bäume. Unter anderem die von der Miniermotte befallenen Kastanienbäume auf dem Jüdischen Friedhof von Ihringen am Kaiserstuhl.

    Die Baumretter

    Hans Gugel und seine Schutzgemeinschaft kurieren kranke Bäume. Unter anderem die von der Miniermotte befallenen Kastanienbäume auf dem Jüdischen Friedhof von Ihringen am Kaiserstuhl.

    „Da liegt Karl Marx begraben“, lacht Hans Gugel und deutet auf einen Grabstein im Jüdischen Friedhof des Weinstädtchens Ihringen am Kaiserstuhl. Dieser Namensvetter des berühmten Marx, erzählt er, sei Vorsänger und Lehrer gewesen, wie er selbst. Gugel war Sportlehrer, jetzt ist er im Ruhestand – zumindest formal. In Wirklichkeit arbeitet der 71-Jährige mit dem braungebrannten freundlichen Gesicht unter den weißen Haaren immer noch fast rund um die Uhr: als Sporttherapeut, Biogärtner, Baumretter und Vorsitzender der Ihringer Schutzgemeinschaft zur Rettung bedrohter Kulturen (Gugel war Vorsitzender bis Dezember 2011, ist aber weiterhin als „EM-Berater“ für die Schutzgemeinschaft tätig, Anm. d. Red.).


    Die alten Kastanienbäume auf dem denkmalgeschützten Friedhof liegen ihm sehr am Herzen – auch weil die Ruhestätte in seinen Augen ein besonders schützenswerter Ort ist. Gleich mehrfach, erzählt Gugel, wurde sie von Rechtsradikalen überfallen. 1990 stießen diese fast 200 Grabsteine um und hinterließen Naziparolen; rund 4.000 Anwohner protestierten damals mit einem Schweigemarsch. 2007 zertrümmerten Neonazis erneut einen Teil der verwitterten Steine.


    Die Steine sind seit 2009 restauriert, aber nun wird der Friedhof von anderer Seite angegriffen. Die Raupen der Miniermotte setzen den weißblühenden Rosskastanien im Friedhof zu – wie in ganz Mitteleuropa. Gegen den Befall gibt es bisher kein wirksames Mittel. Im nahen Freiburg wird das Laub der städtischen Kastanienbäume in einer Sondermüllanlage verbrannt. „Die behandeln die Miniermotten wie die Aufständischen in Afghanistan“, schüttelt Gugel den Kopf. Der passionierte Biogärtner arbeitet lieber andersherum: Er stärkt das Immunsystem der Bäume und damit ihre Vitalität. Die behandelten Kastanien haben dichte Kronen und sehen tatsächlich wesentlich besser aus als die unbehandelten vor der hohen Friedhofsmauer mit ihren eingerollten welken Blättern.


    Das Geheimnis von Hans Gugel heißt Effektive Mikroorganismen, abgekürzt EM. Das Wissen darüber stammt größtenteils aus Asien, wo die Milchsäurefermentierung von Küchenabfällen unter dem Namen Bokashi schon seit Jahrhunderten bekannt ist. Milchsäurebakterien – vitale Verdauungshelfer im menschlichen Darm, aber auch im Erdboden – sind der Hauptbestandteil von EM. Ungefähr zwölf Mal im Jahr bohrt der Naturliebhaber Gugel kleine Löcher in die Erde unter den Bäumen und versorgt deren Saugwurzeln mit EM-Flüssigkeit.


    Der Nachteil dieser Methode war, dass sie den Rentner fast ruiniert hätte. Allein die Materialkosten für eine Gießaktion betrugen rund 250 Euro, und schon nach einem Jahr Behandlung hatte Gugel ein sattes Minus auf dem Konto. Also gründete er einen Verein, die Ihringer Schutzgemeinschaft zur Rettung bedrohter Kulturen, die Spenden sammelt und Baumpatenschaften organisiert. Eine hat ein Apotheker übernommen, eine andere der örtliche Pfarrer mit seinen Konfirmanden. Neun ehrenamtliche Vereinsmitglieder betreuen seit 2010 einige Dutzend kranke Bäume an öffentlichen Orten – nicht nur Kastanien, sondern auch Linden, Bergahorn- und Walnussbäume.


    Auch auf dem christlichen Gemeindefriedhof von Ihringen sind die Baumschützer aktiv. Den überschatten zwei imposante, über 120 Jahre alte Kastanienbäume. Ihre Kronen sind dicht, und in ihrem oberen Drittel ist kein Miniermottenfraß mehr sichtbar. „Früher, vor unseren Gießaktionen, musste der Friedhofsgärtner schon Ende Juli ihr welkes Laub wegharken, jetzt werfen sie ihre Blätter erst nach dem ersten Frost ab“, sagt der Vereinsgründer Hans Gugel nicht ohne Stolz.


    Täglich werkelt der gelernte Winzer in seinem Biogarten, er sät, erntet, keltert Wein, backt Brot, berät Leute, hält Kurse ab, stellt EM in beheizten Fermentern selber her. Was motiviert ihn? „Regierungen kann ich nicht ändern“, sagt er. „Aber ich habe das wunderschöne Gefühl, täglich einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten.“

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.ihringer-schutzgemeinschaft.de

    www.em-kaiserstuhl.de

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  • 90-hotel-victoria

    Effizient gebettet

    Das Ehepaar Späth leitet in Freiburg das Hotel Victoria und versteht sich als völlig unpolitisch. Doch beim Thema Umweltschutz sind die Späths Überzeugungstäter.

    Klimaneutrale Luxusherberge

    Das Ehepaar Späth leitet in Freiburg das Hotel Victoria und versteht sich als völlig unpolitisch. Doch beim Thema Umweltschutz sind die Späths Überzeugungstäter.

    Das Hotel Victoria, wenige Schritte vom Freiburger Bahnhof entfernt, ist nicht das, was man sich gemeinhin unter „öko“ vorstellt: Das altehrwürdige Gründerzeithaus wurde 1875 erbaut, die Zimmer mit den hohen Stuckdecken und glänzenden Parkettböden sind gediegen eingerichtet. Selbstverständlich gibt es hier im Sommer eine Klimaanlage, und auch sonst müssen die Gäste auf nichts verzichten, was sie aus anderen Vier-Sterne-Hotels gewöhnt sind. Doch wurde das Haus schon mehrfach als „klimafreundlichstes Hotel der Welt“ ausgezeichnet, und auch sonst schont der Betrieb die Umwelt.


    Im Frühstückszimmer tummeln sich überwiegend Schlips- und Kragenmänner, man liest Welt, FAZ und Handelsblatt, und auch Hoteldirektor Bertram Späth und seine Frau Astrid wirken äußerst seriös. Doch die beiden sind Überzeugungstäter – wie viele ihrer Altersgenossen im Freiburger Raum, die im Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl vor über 30 Jahren sozialisiert wurden. Die Späths wollten neben dem Protest auch konkrete Schritte in eine bessere Welt unternehmen. Genau das haben sie in den letzten Jahrzehnten konsequent und pragmatisch getan – wenngleich sie sich selbst als äußerst unpolitisch verstehen.


    Als sie das Hotel 1985 übernahmen, fingen Astrid und Bertram Späth zunächst beim Frühstück an. Sie begannen, Biolebensmittel von regionalen Bauern zu beziehen – was nicht nur eine alternative Landwirtschaft unterstützt, sondern auch zu einer Senkung des Mülls um immerhin etwa zehn Prozent führte, weil massenhaft Verpackungen eingespart werden konnten. Auch die Wäscheberge des Victoria wurden ab sofort mit phosphatfreiem Pulver gereinigt, obwohl die Industrie den baldigen Ruin der Waschmaschinen prognostiziert hatte; das stellte sich später als falscher Alarm heraus. An die große Glocke hängten die beiden diese Umstellungen nicht: „Damals hätte so was noch nicht zu einem Vier-Sterne-Hotel gepasst“, blickt Bertram Späth zurück.


    Bald darauf begannen die Hoteliers mit dem Energieumbau. „Zuerst haben wir geguckt, wo man Energie einsparen kann, ohne dass es die Gäste merken“, berichtet der Mittfünfziger. Bewegungsmelder, dreifach verglaste Fenster und Sparlampen, die dank gelber Schirme nicht als solche zu erkennen sind, brachten schon mal 15 Prozent Einsparung. Später schafften die Späths LED-Lampen an, dämmten die Wände mit 24 Zentimeter dicken Platten und statteten die Räume mit Thermostaten aus. Ein Computer hilft außerdem dabei, Stromverbrauchsspitzen zu kappen: Wenn gleichzeitig sehr viele Gäste Föhne und Fernseher laufen lassen, schalten Waschmaschinen und Klimaanlage kurzfristig auf Pause.


    Auch ihren Energielieferanten haben die Späths gewechselt, schließlich garantieren ihnen die Elektrizitätswerke Schönau, dass die jährlich benötigten 210.000 Kilowattstunden aus erneuerbaren Quellen stammen. Zusätzlich beteiligten sie sich an einem Windpark und ließen selbst auf dem Flachdach des Victoria eine Photovoltaikanlage aufstellen und vier kleine Windräder errichten. Wer es wissen will, kann die aktuelle Stromproduktion auf der Digitalanzeige an der Rezeption beobachten.


    Interessierte, die sich in wachsender Zahl im Hotel Victoria einmieten, nimmt Bertram Späth gerne mit in seinen Keller, wo eine Holzpelletheizung rumpelt: Die wie Hühnerfutter aussehenden Knödel aus gepressten Spänen stammen aus einem acht Kilometer entfernten Sägewerk. „Bis wir nachgefragt haben, war das Material Abfall“, berichtet der Hoteldirektor. 50.000 Liter Heizöl werden damit jedes Jahr ersetzt, und dem Weltklima erspart die Neuerung jährlich immerhin 150 Tonnen Kohlendioxid. Nachdem inzwischen auch der 1980 errichtete Anbau bestens isoliert ist, benötigt das Victoria aber sowieso nur noch 70 Prozent der einstigen Heizenergie.


    Ebenfalls sehr innovativ ist die Klimaanlage. Davon zu sehen sind nur zwei Gullydeckel im Hof, unter denen sich zwei etwa 20 Meter tiefe Brunnen verbergen. Während andere Hotels im Sommer viel Strom für das Kühlen der Innenräume verschwenden, saugt im Victoria eine Pumpe das 10 bis 13 Grad kalte Grundwasser an, schleust es durchs Hotel und lässt es ein paar Meter weiter in den Boden zurückfließen. Nur die Pumpe braucht ein bisschen Strom; der weitaus größte Teil des Energiebedarfs einer konventionellen Klimaanlage fällt weg.


    Im Prinzip könnte jedes Hotel so verfahren. Auf längere Sicht teurer ist das keineswegs – im Gegenteil. Nachahmern rät Bertram Späth, sich beim Umbau ein zuverlässiges Ingenieurbüro zu suchen. Schließlich sollte man auf jeden Fall vermeiden, dass die Gäste irgendwann im Dunkeln oder Kalten sitzen. Im Victoria ist das bisher noch nie passiert. Und die Zimmer sind auch nicht teurer als in vergleichbaren Herbergen.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.hotel-victoria.de

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  • 91-bundspechte

    Wildwichtel

    In der zersiedelten Region neben dem Braunkohletagebau bei Garzweiler engagieren sich Jugendliche für bessere Lebensbedingungen von Bienen, Eisvögeln und Hühnern.

    Wildnis ins Revier

    In der zersiedelten Region neben dem Braunkohletagebau bei Garzweiler engagieren sich Jugendliche für bessere Lebensbedingungen von Bienen, Eisvögeln und Hühnern.

    Jonas ist aufgeregt. Der 12-Jährige rennt über ein Brett, das als Brücke über den kleinen Bach liegt, und kraxelt den steilen Hang hinauf. Auf einer kleinen Plattform bleibt er stehen: In ein paar Metern Höhe haben die Jüchener BUNDspechte hier den Lehm mit einem Spaten abgestochen und wuchernde Kräuter entfernt: ein idealer Nistplatz für Eisvögel. Zwar ist bisher noch keiner der exotisch schillernden Vögel eingezogen. Doch ein paar Kilometer entfernt gibt es mehrere Exemplare, weshalb die Jugendlichen den Ort seit einigen Jahren hoffnungsfroh pflegen. Während der 15-jährige Max das Brett versteckt, damit kein ungebetener Besucher den Brutplatz inspiziert, springt Jonas über die Wiese und entdeckt dabei zwei lange Federn. „Die sind von einem Fasan“, erklärt ihm Dominik. Jonas steckt die Federn an seine Brille – er ähnelt dem prächtigen Vogel zumindest daran, dass er interessiert angeschaut wird.


    Jüchen ist nicht gerade das, was man eine romantische Ecke nennen würde. Die Gemeinde südlich von Mönchengladbach ist extrem zersiedelt, nebenan klafft der gigantische Braunkohletagebau Garzweiler, und die nahe Autobahn hat riesige Lagerhäuser angezogen. Die Bauern pflügen hier bis an den Straßenasphalt; kein Fleckchen Erde soll ungenutzt bleiben. Und ausgerechnet hier findet sich eine der engagiertesten Jugendgruppen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Geleitet wird sie von Luzie Fehrenbacher, einer 55-jährigen Biologin. Als sie früher mit ihren eigenen Kindern herumstromerte, wollten sich deren Freunde anschließen; so entstand die erste Gruppe. Zwar ist Fehrenbachers Nachwuchs längst aus dem Haus, doch sind neue Interessenten nachgerückt. Zur Zeit besteht die Gruppe aus sieben Jungen. „Dass im Moment keine Mädchen mehr dabei sind, ist schade und wird sich hoffentlich demnächst wieder ändern“, meint die Leiterin.


    Die Gruppe engagiert sich im Naturschutz, etwa indem sie mit Hilfe von Totholz einen begradigten Fluss wieder zum Mäandern bringt und so den natürlichen Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten ausweitet. Die BUNDspechte gehen aber auch gezielt auf Erwachsene zu. „Kein Ei mit der Drei“ heißt die Aktion, die sie jährlich zu Ostern vor Supermärkten veranstalten. Dabei informieren sie über die verschiedenen Formen der Hühnerhaltung und was die auf die Eier gedruckten Ziffern bedeuten. Vor Eiern mit der Ziffer Drei, die aus Legebatterien stammen, warnen sie eindringlich – in Deutschland sind solche Eier seit 2010 verboten, aber aus anderen EU-Ländern konnten sie bis 2012 noch importiert werden. „Ein Mann hat danach zu mir gesagt, dass er jetzt nur noch Bio-Eier kaufen will“, erzählt Max.


    Außerdem statten die Jugendlichen jedes Jahr den Gärtnerinnen und Gärtnern des Ortes einen Besuch ab und verteilen Pflanzen, die auf Insekten besonders anziehend wirken – dabei suchen sie dann auch das Gespräch über Sinn und Notwendigkeit von Artenvielfalt. „Es macht Spaß, die Leute anzusprechen. Wir erziehen sie“, sagt der 12-jährige Linus, der seit etwa einem Jahr dabei ist.


    Auch hinter dem Gymnasium und an mehreren Wegrändern sprießen vielfältige Blumen und Gräser, seitdem die Gruppe dort Wildwiesensamen verstreut hat. Das Geld für ihre Aktionen nehmen sie ein, indem sie alte Handys einsammeln, für die sie pro Stück 1,50 Euro von der Deutschen Umwelthilfe bekommen. „In Handys ist sogar Gold drin“, weiß Jonas – und dass man so etwas nicht einfach wegschmeißen sollte. Auch ihr Preisgeld, das sie beim Sparkassen-Wettbewerb für ehrenamtliches Engagement gewonnen haben, investieren sie in ihre Arbeit.


    Im privaten Leben der Jungen spielt das Umweltthema heute eine größere Rolle als früher. Linus begründet seine Vorliebe fürs Fahrrad mit dem Klimawandel. Dabei machen die Jungen in der zersiedelten Region die Erfahrung, dass ihre Eltern sie dauernd irgendwo abholen müssen, mit dem Auto selbstverständlich. Max berichtet, dass bei ihm in der Schule die Heizungen in den Fluren auf Hochtouren laufen. „Da müsst ihr mal nachhaken“, rät Betreuerin Luzie Fehrenbacher.


    Besonders beeindruckend für die Gruppe sind Begegnungen mit Tieren – sei es mit ihrem Patenschaf „Wuschel“, das zu einer seltenen Haustierrasse gehört und auf einem Biohof lebt, mit einer Schlange, der sie auf einer im BUND-Wettbewerb gewonnenen Reise in die Sächsische Schweiz begegnet sind, oder bei einem Ausflug mit dem Bus nach Kranenburg, wo sie einen riesigen Schwarm Wildgänse beobachten konnten. „Toll, dass es so was überhaupt noch gibt“, meint Dominik.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.bund-juechen.de

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  • 93-hartz-iv-moebel

    Selfmade

    Der deutsch-vietnamesische Architekt Le van Bo baut Hartz IV Möbel, unter anderem in Schulen: 100 Hände schaffen in 100 Minuten ein Regal für 1.000 Bücher.

    Soziale Konstruktionen: Jeder ist ein Tischler

    Der deutsch-vietnamesische Architekt Le van Bo baut Hartz IV Möbel, unter anderem in Schulen: 100 Hände schaffen in 100 Minuten ein Regal für 1.000 Bücher.

    Obwohl es Sonnabend ist, sind die Türen der Richard-Grundschule in Berlin-Neukölln nicht verschlossen. Es bewegt sich was im Innern: Der Möbeldesigner Le van Bo steht vor einer Schultafel mit der Kreideaufschrift „Wir bauen eine Bibliothek“ — und das ist ernst gemeint. An diesem Nachmittag findet ein Happening statt, an dessen Ende mindestens zehn Meter selbstproduzierte Regale stehen sollen: Die Initiative des Vereins Bildung ohne Grenzen e.V. möchte Kindern in Berlin-Neukölln einen Raum voll Wissen schenken.

     

    Die Lautstärke im Klassenzimmer ist ohrenbetäubend, alles schreit durcheinander, es herrscht Chaos. Doch als der 34-jährige Le van Bo seine Stimme erhebt, lauschen die 9- bis 12-jährigen Kids. Der deutsche Architekt mit vietnamesischen Wurzeln möchte von den Schülerinnen und Schülern einige Fragen beantwortet wissen: „Wer von euch hat schon mal einen Hammer oder ein anderes Werkzeug in der Hand gehabt? Und wer hat jemals ein Möbelstück gebaut? Warum bauen wir heute selbst eine Bibliothek? Warum kaufen wir uns nicht einfach eine?“

     

    Die Antworten kommen prompt: Die Schüler scheinen von zu Hause einige schlechte Erfahrungen mit Möbeln schwedischer Bauart zu haben, denn sie wünschen sich Bücherregale, die lange halten und nicht gleich wieder weggeworfen werden müssen, die aus echtem Holz sind und die, wenn sie dann doch mal kaputt gehen, wieder repariert werden können. Le van Bo ist eine echte Autorität; er darf hier und heute Regeln aufstellen. Und so lauten die Gesetze des Tages: „Vor dem Akkubohrer sind alle gleich! Es herrscht gegenseitiger Respekt! Und wer etwas weiß oder etwas kann, zeigt es den anderen!“

     

    Speziell für diese Aktion hat der Architekt ein neues Möbelstück entwickelt, das Berliner Hocker heißt und ein variables Teil mit vielen Funktionen ist. Man kann den Hocker als Sitzgelegenheit, als Beistelltisch, als Lesepult benutzen – und viele dieser Hocker übereinander gestapelt bilden eben ein Bücherregal. Der Vorarbeiter Le van Bo streckt einen Prototypen in die Höhe und erklärt: „Jeder Hocker besteht aus vier Holzplatten, zehn Schrauben und kostet nur zehn Euro pro Stück – aber nur, wenn man alles selbst zusammenbaut.“ Das hehre Ziel lautet: Innerhalb von 100 Minuten sollen so viele Hocker produziert sein, dass daraus eine Regalwand für die schuleigene Bibliothek angeordnet werden kann.

     

    Und noch eine Bitte hat Le van Bo: „Jeder, der an einem Hocker mitgebaut hat, soll ihn mit seinem Namen signieren.“ Das ist dem Designer besonders wichtig, denn schließlich wisse man ja nicht, wo sich just dieses Regalteil in 20 Jahren befinden werde – und doch solle man jedes Element dem Erschaffer sowie Ort und Zeit der Entstehung zuordnen können. Mit dem was er tut – und baut – denkt Le van Bo in Zukunfts-Kategorien: Ihm geht es auch um die kommende Generation und um das, was irgendwann einmal sein könnte.

     

    Dann geht es endlich los: Alle dürfen nach Bauanleitung selbst Hand anlegen. Doch die meisten Schüler verwandeln sich nicht in brave Tischler, sondern in Akkubohrer-Terminatoren. Alle Unbewaffneten müssen sich vorerst in Sicherheit bringen, um das nackte Leben zu retten. Nach einigen Nahkämpfen zieht dann doch noch konstruktives Bauen ein, und zwar in atemberaubender Geschwindigkeit.

     

    Das Holz für 100 Hocker ist binnen anderthalb Stunden verbraucht. Die Schüler Ahmad und Oğuzhan schreiben megastolz ihre Namen in den Hocker; es ist eben auch ihrer. Wie von Le van Bo verlangt, benennen sie auch den Entstehungsort, um den Hocker in weiter Zukunft auf der Landkarte verortbar zu machen: „44“ steht nun unter dem Namen Ahmad und die Zahl 36 bei Oğuzhan. Die Frage, wie der Benutzer der Zukunft wissen soll, dass mit „36“ das nördliche Kreuzberg und mit „44“ Neukölln gemeint ist, stellt sich den beiden Jungen gar nicht. Ist auch egal – Hauptsache bohren. Le van Bo zeigt sich zufrieden, seine Mission ist geglückt: Alle haben Spaß und ein gemeinsames Erfolgserlebnis. Ganz nebenbei besitzt nun die Schule auch eine neue Bibliothek.

     

    Unter dem Label Hartz IV Möbel hat Le van Bo in seinem beachtlichen Sortiment neben dem Hocker noch weitere Möbelstücke, mit denen man ein 20 Quadratmeter großes Zimmer komplett zum Schlafen, Arbeiten und Erholen ausstatten kann. Das Design ist stets vom Bauhaus inspiriert, und so erinnern die Entwürfe seiner Stühle – wie beispielsweise der 24-Euro-Chair – stark an Arbeiten von Mies van der Rohe und Marcel Breuer. Das ist gewollt, und auch Le van Bos politische und soziale Mission steht dem Bauhaus nahe: denn Hartz IV Möbel bedeutet eigentlich nichts anderes als „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ und „Design für alle“.

     

    Und weil van Bo keine eigene Fabrik hat und die Möbel für alle auch nicht in Handarbeit selbst herstellen kann, ist sein Showroom das Internet. Auf seiner Webseite stehen Baupläne all seiner Modelle kostenlos zum Download zur Verfügung – für jeden, der sich handwerklich genug zutraut und der bereit ist, Le van Bo ein paar Fragen zu beantworten. Den Designer interessiert, welche Leute seine Möbel bauen wollen, woher sie kommen, was sie über die Zukunft denken und was für sie wahre Lebensqualität darstellt. „Die Baupläne bezahlt man bei mir mit Offenheit, nicht in Euro“, sagt er. Außerdem verlangt er von den Nachbauern stets eine kleine Geschichte über die Entstehung des Möbelstücks. Er sammelt, so könnte man sagen, Geschichten handwerklicher Erfolgserlebnisse.

     

    Über Nachhaltigkeit und andere Formen des Wirtschaftens macht van Bo sich natürlich auch Gedanken. Er sieht in der Rückbesinnung auf das Handwerk (wieder grüßt das Bauhaus) und in der Formel „Konstruieren statt Konsumieren“ einen Weg, an ein von Kinderarbeit und Niedriglöhnen freies Produkt zu gelangen. Das eigenhändige Bauen und Konstruieren ist für ihn keine hohe Kunst – jeder kann das. Und wer es sich dennoch nicht zutraut, kann Le van Bos Kurse an der Volkshochschule besuchen. Dort instruiert der Meister persönlich, und man wird ihn sagen hören: „Jeder ist ein Künstler!“ – äh nein: „Jeder ist ein Tischler!“

    Dana Giesecke
    18. Januar 2012

    www.hartzivmoebel.de

    www.bildog.de

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  • 94-ecosign

    Hohe Schule

    ecosign in Köln-Ehrenfeld ist die einzige Design-Ausbildungsstätte, die Nachhaltigkeit ins Zentrum stellt.

    Aus Billy mach Gunkel

    ecosign in Köln-Ehrenfeld ist die einzige Design-Ausbildungsstätte, die Nachhaltigkeit ins Zentrum stellt.

    Karin-Simone Fuhs ist eine ungewöhnliche Frau. So ungewöhnlich wie die von ihr gegründete Designschule ecosign/Akademie für Gestaltung. Die Ausbildungsstätte in Köln-Ehrenfeld bietet das deutschlandweit bisher einzige Designstudium, bei dem Nachhaltigkeit nicht nur ein Unterrichtsfach unter vielen darstellt, sondern als grundlegendes Konzept in jedem Detail steckt.


    Geprägt wurde die heute 43-jährige Karin-Simone Fuhs von abenteuerlustigen Eltern. Die ersten zwölf Lebensjahre verbrachte die Tochter eines Testfahrers und einer Hausfrau in Ägypten. Als sie dann Anfang der 1980er-Jahre nach Deutschland kam, erlitt sie einen Kulturschock. „Alles war so unterkühlt, so abgestumpft gegenüber dem Rest der Welt, so dekadent“, erzählt sie. Weil es sich einsam fühlte, begann das Mädchen, sich in Philosophiebüchern zu vergraben, verschlang Hans Jonas’ Prinzip Verantwortung. Joseph Beuys inspirierte sie mit seiner Perspektive, dass alles Gestaltete einen gesellschaftlichen Kontext hat. So beschloss Fuhs, Design zu studieren – und stellte bald enttäuscht fest: „Es ging nur darum, Sachen schön zu machen und gut zu verkaufen.“


    Mit 24 Jahren kam ihr der Gedanke, selbst eine Hochschule zu gründen, bei der Nachhaltigkeit kein Thema unter anderen wäre, sondern die Grundlage der gesamten Institution. Sie schrieb ein Konzept. Doch die Banken wollten der jungen Frau nicht einmal einen Termin geben. Nach zähem Ringen ergatterte sie dann doch einen Kredit über 200.000 D-Mark. „Ich wusste: Wenn das schief geht, dann hast du ein Problem.“


    Im ersten Jahrgang kamen 18 Studenten und fünf Dozenten, ein Semester später waren es bereits doppelt so viele. Bei Aufnahmegesprächen und der Rekrutierung von Mitarbeitern formuliert Fuhs keine starren Anforderungen, sondern lässt sich auf das ein, was die Interessierten zu tun gedenken. Die Freiheit führt auch zu Konflikten: Einige Studierende versuchten sogar zeitweise, den Nachhaltigkeitsanspruch über Bord zu kippen. Erst seit Ende der 1990er Jahre ist ecosign in ruhigerem Fahrwasser. Seither sind rund 250 Studierende ausgebildet worden.


    Zum Beispiel Sandra Gunkel. Die zeigt auf einen Hocker: „Er heißt Gunkel, so wie ich – weil er meine Gestalterpersönlichkeit widerspiegelt.“ Dann lädt sie die Besucherin ein, sich auf Gunkel niederzulassen. Die Sitzfläche besteht aus schmalen, hochkant gestellten Pressspanplatten, ist ergonomisch geformt und entsprechend bequem. Die Hockerbeine hat die 25-Jährige aus dem selben Material gebaut und an der Seite mattpink lackiert. Vor kurzem hieß Gunkel noch Billy und war ein Ikea-Regal – das vermutlich am häufigsten entsorgte Möbelstück hierzulande. Genau deshalb hat die Studentin sich für den Rohstoff entschieden. „Ich wollte das Material nutzen, von dem es im Sperrmüll die größten Mengen gibt“, erklärt sie. Meistens würden Billigmöbel weggeschmissen, weil die Beschichtung abgeplatzt ist und darunter die unschöne Spanplatte auftaucht. Genau diese Perspektive dreht die junge Frau mit dem schwarzen Zopf um: Das Versteckte rückt ins Zentrum, und ihr Hocker gewinnt durch ihre Gestaltung eine ästhetische Qualität, die das Billy-Bord nie hatte.


    In der ecosign-Akademie lernen die Studierenden, ihre Arbeit in großen Zusammenhängen zu sehen. „Gegenwärtig krempelt sich das Verständnis von Design so grundlegend um wie die Kunst zu Beginn des 18. Jahrhunderts. In den 1970er- und 1980er-Jahren sollte die Formsprache über den Warencharakter der Gegenstände hinwegtäuschen. Heute geht es um Komplexitätskompetenz“, sagt Philosophiedozent Bernd Draser. Das beginnt schon bei der Materialauswahl. Bei ecosign ist es keine zu vernachlässigende Frage, unter welchen Bedingungen Rohstoffe gewonnen werden, wieviel Gift dabei entsteht, wie es um den Arbeitsschutz bestellt ist und welche Wege das Material zurücklegen muss, bevor es in der Werkstatt landet.


    Fast in der Hälfte der Kurse geht es um Kulturwissenschaft und Philosophie; das soll den Blick dafür schärfen, was das eigene Tun für die Gesellschaft bedeutet. Dabei nehmen die Studierenden großen Einfluss auf die Inhalte. „Am Anfang ist das frustrierend, wenn der Lehrer erst einmal gar nichts sagt und man sich mit der eigenen Kreativität alleingelassen fühlt. Aber jeder bekommt so viel Betreuung, wie er braucht“, sagt Elmar Sander, der selbst vor vier Jahren sein Studium abgeschlossen hat und heute als Lehrkraft das Curriculum mitentwickelt.


    Auch das Akademiegebäude selbst ist nachhaltig und wohltuend gestaltet: Fußböden aus Holz, an den Wänden Ökofarben, deren unterschiedliche Töne von einer Feng-Shui-Beraterin ausgewählt wurden. In den meisten Unterrichtsräumen steht ein großer Tisch im Zentrum; etwa ein Dutzend Studierende pro Kurs sind hier die Regel. In der Küche herrscht Hochbetrieb; nebenan im großen, hellen Gemeinschaftsraum lümmeln sich Studierende auf eckigen Sofas oder diskutieren mit ihren Dozenten am Thekentisch.


    Dabei ist es für viele der angehenden Designer nicht einfach, die monatlichen Studiengebühren von 390 Euro aufzubringen, auch wenn es für das Studium BAföG gibt. „Ein Großteil von uns arbeitet ziemlich viel,“ sagt Charlotte Weyand, die sich selbst mit Inventuren und anderen Gelegenheitsjobs über Wasser hält und keinen Tag in der Woche frei hat. Die höheren Semester verdienen in der Regel aber schon Geld durch Designaufträge, und 90 Prozent haben direkt im Anschluss an das Examen einen Job, schätzt Direktorin Fuhs.


    „Heute sind wir keine exotische Insel mehr“, sagt Philosophiedozent Bernd Draser. Hochschulen, das Umweltbundesamt, zahlreiche Firmen, Kultur- und Arbeitslosenprojekte kooperieren mit ecosign. Die Zahl der Bewerber übersteigt bei weitem die 40 Plätze im Winter- und die 20 im Sommersemester. „Aber wir wollen das nicht ausweiten. Eine intensive Arbeitsatmosphäre ist uns wichtiger als dass wir reich werden“, betont der Philosophiedozent, der wie fast alle hier nicht fest angestellt ist, sondern gegen Honorar arbeitet.


    Die Entwürfe und Ideen, die die ecosigner in die Welt bringen, sind extrem vielfältig. Jonathan Schäper, der im zweiten Semester studiert, hat einen Tacho gebaut, der die CO2- und Spriteinsparungen durchs Radfahren misst und Grundlage eines Bonussystems von Krankenversicherungen werden könnte. Eine Autofirma allerdings war nicht so begeistert von der Zusammenarbeit. Ihren Auftrag, eine ökologische Armaturenfront zu gestalten, beantworteten einige Studierende mit dem Bau von Fahrrädern. Fuhs muss lachen. „Die waren erst einmal sauer. Aber insgesamt läuft die Zusammenarbeit vor allem mit kleineren und mittelständischen Firmen sehr gut.“

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.ecosign.net

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  • 95-blue-economy

    Blaumann

    Green Economy ist nur was für Reiche, Blue Economy dagegen was für alle, sagt Gunter Pauli. Der belgische Wirtschaftsprofessor will in zehn Jahren Millionen von Jobs schaffen.

    Das Blaue vom Himmel

    Green Economy ist nur was für Reiche, Blue Economy dagegen was für alle, sagt Gunter Pauli. Der belgische Wirtschaftsprofessor will in zehn Jahren Millionen von Jobs schaffen.

    „Das Beste soll das Billigste sein, das Nötige umsonst!“, ruft Gunter Pauli den rund tausend Sozialunternehmern auf der Potsdamer Konferenz Vision Summit 2011 zu. Die grüne Wirtschaft sei nur etwas für Reiche, bei seiner Blue Economy dagegen fielen „gut“ und „billig“ zusammen – zum Wohle der Armen und des blauen Planeten. So wie die Natur keinen Müll kenne und aus allem etwas Neues produziere, so solle auch die Menschheit jeden Abfall als Ausgangsstoff für das nächste Produkt einsetzen. Eine solche Kaskade mache die Herstellungsprozesse gleichzeitig ökologischer und billiger – so Paulis zentrale Botschaft, die er gutgelaunt verkündet. Am Ende bekommt der aus Belgien stammende Wirtschaftsprofessor von seinem Publikum stehende Ovationen.


    Bekannt geworden ist der 56-Jährige durch seinen Einstieg beim Bioseifen-Hersteller Ecover. Anfang der 1990er-Jahre hatte er die kurz vor der Pleite stehende Fabrik übernommen und zu einem grünen Pionierbetrieb umgebaut. Da das Waschpulver vollständig biologisch abbaubar war, wurde er als grüner Unternehmer gleich mehrfach ausgezeichnet. Als er sich aber in Indonesien den Ursprung seines Hauptrohstoffs anschaute, nämlich riesige Palmölplantagen, reagierte er schockiert: „Damit unsere Flüsse sauberer werden, zerstören wir indonesische Regenwälder und die Heimat des Orang-Utan“, konstatierte er – und schmiss hin. Seitdem will er eine „blaue Wirtschaft“: blau wie der Himmel, das Wasser, der Planet.


    In einem Bericht für den Club of Rome, dem Pauli auch selbst angehört, hat die von ihm gegründete Stiftung Zero Emissions Research Initiative (ZERI) 100 Öko-Innovationen zusammengetragen. Folgt man Pauli, haben diese das Potenzial, in den nächsten zehn Jahren weltweit Millionen von Arbeitsplätzen zu schaffen. Sein internationales Netzwerk von Forschern und Wissenschaftlerinnen soll alles in die Tat umsetzen.


    Etwa ein Drittel der Innovationen wird bereits von Betrieben hergestellt, ein weiteres Drittel gibt es als Prototypen, das letzte Drittel harrt der Realisierung. Seit 2010 veröffentlicht die Stiftung auf ihrer Webseite jede Woche eine andere innovative Geschäftsidee, um weltweit Nachahmer zu ermutigen – alles nach dem Open-Source-Prinzip.


    Ein ZERI-Projekt ist die Zucht von Edelpilzen auf Kaffeesatz. In einem anderen werden für trockene Küstenregionen Treibhäuser entwickelt, in denen Meerwasser verdunstet – das kondensierte Süßwasser bewässert die Pflanzen, nebenbei wird Salz gewonnen. Eine weitere Idee ist Glasschaum aus Altglas, der gut isoliert, Treibhausgase bindet und als preisgünstiger Baustoff für Wände, Dächer und Hydrokulturen dient.

     

    Andere Innovationen sind Hightech-Projekte. Zum Beispiel: Ein Team des Fraunhofer-Instituts entwickelte Mobiltelefone, die ihre Energie aus dem Schalldruck der menschlichen Stimme und dem Temperaturunterschied zwischen Körper und Gerät gewinnen. Milliarden von Batterien, auch in Armbanduhren, Hörgeräten oder MP3-Playern, sollen durch diese Technik irgendwann überflüssig werden. „Etwas durch Nichts ersetzen“, nennt Pauli das.


    Der Weltbürger Pauli, derzeit mit seiner Familie in Südafrika ansässig, ist kein Technokrat, sondern ein Visionär. Ihm geht es weniger um technische als um komplexe ökosoziale Lösungen. Auf der kanarischen Insel El Hierro arbeitet er mit dem Gouverneur zusammen. Dieser ist dabei, für die 10.000 Bewohner 6.000 Elektroautos zu kaufen und die örtlichen Tankstellen in Ladestationen für Solar- und Windstrom umzubauen. Erneuerbare Energien sollen zugleich Meer- in Süßwasser verwandeln, mit dem die Bauern ihre Felder wässern können. Im Gegenzug müssen die campesinos versprechen, spätestens nach acht Jahren vollständig auf Pestizide zu verzichten.


    Der Mann, der sechs Sprachen fließend spricht und auf vier Kontinenten gelebt hat, ist ein begnadeter Kommunikator. Immer wieder gelingt es ihm, innovative Erfinder aufzuspüren. Dazu gehören zum Beispiel die französischen Architekten Nicola Delon und Raphaël Ménard. Sie haben Windturbinen konstruiert, die sich in Hochspannungsmasten einbauen lassen. Der Aufwand für Stromerzeugung und -transport sinkt dramatisch, weil die Pfeiler ja bereits existieren. Pauli, der mit einem Wissenschaftlerteam den Himalaya-Staat Bhutan in die Energieautarkie begleitet, bekam im wahrsten Sinne des Wortes Wind von der Erfindung der Franzosen, „und huii, bin ich dahin. Ich muss die Leute sehen, muss spüren: Haben sie ein Herz? Oder machen sie das nur wegen des Geldes? Wenn sie ein Herz haben, kann ich reden. Also hab’ ich mit denen verhandelt.“ Jetzt entsteht eine Fabrik in Indien, die die Strommasten im benachbarten Bhutan bestücken soll. Auch direkt vor dem Werkstor wartet ein weites Einsatzfeld. Auf dem Subkontinent stehen laut Pauli zwei Millionen Freileitungsständer. „Zwei Millionen! Damit könnte ich den Atomausstieg in Indien mitorganisieren.“

    Annette Jensen und Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.zeri.org

    www.community.blueeconomy.de

    www.gunterpauli.com

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  • 96-biowert

    Grasplastik

    Der Chemiker Michael Gass hat früher viel Geld verdient. Weil er sich nicht mehr an der Vergiftung der Welt beteiligen wollte, hat er ein Verfahren zur Gewinnung von Kunststoff aus Gras entwickelt.

    Natürlicher Kunststoff

    Der Chemiker Michael Gass hat früher viel Geld verdient. Weil er sich nicht mehr an der Vergiftung der Welt beteiligen wollte, hat er ein Verfahren zur Gewinnung von Kunststoff aus Gras entwickelt.

    Michael Gass stellt Plastik aus Wiese her. Staatliche Forschungsförderung hat er für seine Erfindung nie bekommen – die Fachleute hielten sein Vorhaben für eine spinnerte Idee. Doch die Sache funktioniert: Die von seiner Firma BIOWERT in Hessen produzierten Computertastaturen und -mäuse, Taschenlampen, Werkzeugkisten und Terrassenbretter bestehen immerhin zur Hälfte als Grasfasern.


    Die Wende in Michael Gass’ Leben kam auch für ihn selbst überraschend. Den größten Teil seines Berufslebens hatte der damals 45-jährige Chemiker und Ingenieur damit verbracht, eine steile Karriereleiter zu erklimmen, von einem herausgehobenen Industrieposten zum anderen zu wechseln und viel Geld zu verdienen. Ausgerechnet als er gerade ein teures Haus in der Schweiz für seine Familie gebaut hatte, tauchte jedoch ein Gedanke immer häufiger auf, pochte immer hartnäckiger und ließ sich schließlich nicht mehr überhören: Es ist verrückt, wie heute produziert wird! Fast die gesamte Chemieindustrie basiert auf dem Ausgangsmaterial Erdöl; viele Rohstoffe müssen von weither antransportiert werden; und bei der Herstellung und nach der Nutzung entstehen Berge von Abfall, die häufig hochgiftig sind. Bisher war Gass daran beteiligt gewesen. Das wollte er nun nicht mehr. Er stieg aus.


    Zusammen mit einem Kollegen begann er zu experimentieren. Ihr Ziel war eine Kunststoffproduktion nach dem Vorbild der Natur: Alle Rohstoffe sollten vollständig verwertet werden, und es sollten keine Abfälle zurückbleiben. Als Ausgangsstoff wählten die beiden Gras. Das ist nicht nur weltweit verfügbar und billig, sondern es steht außerdem kaum in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion.


    Im Labor fanden die beiden heraus, wie sich aus Grassilage flauschig-flexible Fasern gewinnen lassen. Dafür setzten sie, wie beabsichtigt, ausschließlich mechanische Mittel ein und fügten der Silage nichts hinzu als warmes Wasser. Parallel absolvierte Gass ein Wirtschaftsstudium mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Fast sein gesamtes Geld investierte er in das Projekt – „und damit in meine Seele. Das Ganze war ein Gesundungsprozess“, meint der heute 56-Jährige. Doch er hatte auch häufig Angst: Würde er irgendjemanden finden, der bereit wäre, zwölf Millionen Euro in den Bau einer Industrieanlage zu stecken? Ohne einen solchen Investor würde alle Arbeit umsonst gewesen sein. Michael Gass tingelte zu Fachkongressen, hielt Vorträge – und tatsächlich wurde irgendwann ein interessierter Geldgeber auf ihn aufmerksam.


    Seit 2007 läuft sie nun – die weltweit erste industrielle Grasveredelungsanlage. Sie steht im hessischen Brensbach, als Teil der von Gass’ gegründeten Firma BIOWERT. Gass hat den kleinen Ort für sein Unternehmen ausgewählt, weil es dort bereits eine Biogasanlage gab – die ein zentraler Bestandteil seines Konzepts ist. Alle eingesetzten Produktionsstoffe, die nicht am Ende in die erzeugten Kunstfasern einfließen, wandern in den großen, runden Tank. Daraus entstehen in einem kleinen Blockheizkraftwerk Strom und Wärme, die BIOWERT zur Trocknung der Fasern benötigt. Das Wasser zum Spülen wird ebenfalls hier gewonnen und in die Grasfabrik gepumpt. Zuletzt entsteht noch wertvoller Biodünger, den die Bauern aus der Umgebung regelmäßig abzapfen. Einige von ihnen liefern den Grasschnitt, der unter Luftabschluss zunächst zu Silage verarbeitet und später dann gespült, gepresst und getrocknet wird. Am Schluss des rein mechanischen Prozesses entsteht ein grün-goldener Flaum, der nach Wiese riecht und mit dem sich in Gass’ Produkten immerhin die Hälfte des konventionellen Kunststoffs ersetzen lässt.

     

    Meist verwendet Gass für die andere Hälfte recyceltes Polypropylen – Produktionsabfälle aus Spritzgießereien in der Region. Technisch ebenso gut geeignet wäre Plastik aus Mais. Das hat zwar den Vorteil, ebenfalls biologisch abbaubar zu sein, jedoch wird Mais in der Regel mit großen Mengen Stickstoff gedüngt – und der wiederum ist ein Erzeugnis der Erdölindustrie.


    12 Menschen verdienen gegenwärtig bei BIOWERT ihr Geld damit, Gras in Kunststoff zu verwandeln – vor allem Leute, die früher in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Doch weil sowohl die Material- als auch die Produktherstellung noch um einiges verfeinert werden können, tingelt Gass über viele Messen auf der Suche nach geeigneten Partnern. Bis nach New York ist er dabei schon gekommen. Auch dort stieß sein Naturplastik auf Interesse.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.biowert.de

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  • 97-carrotmob

    Esels Möhre

    Um Unternehmer zu energiesparenden Investitionen zu verpflichten, stürmen Carrot Mobber die Geschäfte. Spaß macht diese Zusammenrottung für einen guten Zweck außerdem.

    Unternehmer mit Karotten locken

    Um Unternehmer zu energiesparenden Investitionen zu verpflichten, stürmen Carrot Mobber die Geschäfte. Spaß macht diese Zusammenrottung für einen guten Zweck außerdem.

    Davon träumt jeder Einzelhändler und jede Wirtin: Die Bude ist voll, die Leute konsumieren wie noch nie, und ununterbrochen klingelt die Kasse. Genau dieses Erlebnis verschaffen Carrot Mobber Geschäftsleuten: Sie mobilisieren Kundschaft über twitter, facebook und ganz traditionelle Plakate – und verlangen dafür vom Unternehmer, dass ein erheblicher Teil des Umsatzes in seine eigenen Energiesparmaßnahmen fließt. Die schonen nicht nur das Klima, sondern senken auch die Strom- und Heizkosten des Ladens – was den Unternehmer dann erneut erfreut.


    Der Luftikus im Frankfurter Gallusviertel ist keineswegs eine Szenekneipe. Doch anders als vielen anderen Gaststättenbetreibern leuchtete dem Wirt Andreas Eberbach die Idee sofort ein. Seine Küche war gut vorbereitet, als am verabredeten Tag um 19 Uhr viermal so viele Leute wie sonst zum Essen hereinstürmten. Viermal so viele Leute wie sonst verlangten Eintopf und Eier mit grüner Sauce; über 1.750 Euro flossen in die Kasse. Die investierte Eberbach vollständig in einen neuen Gasherd – wie verabredet und wie es ihm der Energieberater geraten hatte. Den hatten die Carrot Mobber ebenfalls für Eberbach organisiert; die Kosten übernimmt bei kleinen Unternehmen zum größten Teil die staatliche KfW-Bank.


    Maike Thalmeier aus Frankfurt hat in ihrer Freizeit schon mehrere Carrot Mobs mitorganisiert. „Ich hab’ einfach Lust, nicht nur zu protestieren, sondern was konkret zu bewegen“, beschreibt die selbständige Eventmanagerin ihre Motivation. Dass sie dabei noch nette Menschen kennenlernt, sei ein angenehmer Nebeneffekt. Ähnlich äußert sich der Programmierer Bernd Früchtnicht aus Hamburg. „Man soll ja das ganze Negative in der Welt nicht vergessen, aber hier kann ich mal was Positives tun.“ In locker organisierten Regionalgruppen überlegen die Carrot Mobber, in welcher Branche die nächste Aktion stattfinden soll. Dann veranstalten sie einen Wettbewerb: Das Unternehmen, das den höchsten Umsatzanteil investieren will, bekommt den Zuschlag.


    Buch- und Klamottenläden, Kioske und Supermärkte haben auf diese Weise bereits in neue Kühlschränke, Energiesparlampen und Zeitschaltuhren investiert und ihre Energiebilanz dauerhaft verbessert. Häufig erfährt eine ganze Reihe der Kunden durch die Aktion auch erstmals von der Existenz eines Ladens – und kommt danach vielleicht auch wieder. „Der ganze Medienauflauf ist dann noch ein zusätzlicher Vorteil“, meint Volker Wiem, Mitinhaber eines carrot-gemobbten Hamburger Edeka-Geschäfts.


    Die Aktionsform erfunden hat Brent Schulkin, Student im kalifornischen Stanford. Er hatte sich zuvor an mehreren – mäßig erfolgreichen – Boykottaktionen beteiligt und daraufhin überlegt, wie Unternehmen einfacher zu gesellschaftlich erwünschtem Verhalten motiviert werden könnten. Da kam ihm der Gedanke mit dem Esel und der Karotte. Um das störrische Tier voranzutreiben, kann man entweder von hinten mit einem Stock auf den Esel einprügeln – oder von vorn ihn mit einer Möhre locken. Und schon hatte seine Idee einen Namen: Carrot Mob.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.carrotmobfrankfurt.de

    www.carrotmobhh.de

    www.carrotmob.org

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  • 98-chidos-mushrooms

    Kaffeepilze

    Chido Govero bringt weltweit Menschen die Zucht von Edelpilzen auf Kaffeeabfällen bei. Das birgt enormes Potential: die Zucht als Einkommensquelle, die Pilze als Fleischersatz.

    Lese im Kaffeesatz

    Chido Govero bringt weltweit Menschen die Zucht von Edelpilzen auf Kaffeeabfällen bei. Das birgt enormes Potential: die Zucht als Einkommensquelle, die Pilze als Fleischersatz.

    Zurückhaltend, fast schüchtern wirkt die junge schwarze Frau. Und doch hat Chido Govero eine Lebensgeschichte, die ein wenig so klingt wie die Story „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Nein, die 26-Jährige ist nicht reich und schon gar keine Millionärin. Aber das frühere Waisenkind aus Simbabwe, dessen Eltern an Aids starben, ist inzwischen eine international gefragte Frau. Sie wird überall auf der Welt zu Workshops eingeladen, um ihre ganz besondere Öko-Innovation vorzustellen, bei der Kaffeesatz als Grundlage für die Zucht von Edelpilzen dient. Die auf diese Art und meist von afrikanischen Frauen geernteten Pilze werden auch auf dem freien Markt verkauft; der Gewinn fließt in Hilfsprojekte für afrikanische Aidswaisen, die dadurch vor der Verheiratung als Minderjährige und vor sexueller Ausbeutung geschützt werden.


    Als ihre Eltern starben, sah sich die 11-jährige Chido gezwungen, die Schule zu verlassen, um „meine Oma, meinen kleinen Bruder und mich selbst zu ernähren“, wie sie mit freundlichem Lächeln am Rande eines Workshops in Berlin erzählt. In einem Kurs der ZERI-Stiftung lernte sie, wie man Pilze züchtet. „Wir waren damals 15 Waisenmädchen, und nur zwei haben nicht geheiratet, eine davon war ich. Ich wollte nicht. Es war schwer, mit elf Jahren solche Beschlüsse zu fassen. Aber mein Spirit half mir. Ich wollte für mich selbst sorgen.“


    Also begann sie, Pilze zu verkaufen. Das Geschäft lief gut, und sie konnte damit „auch andere Waisen unterstützen, wieder zur Schule zu gehen.“ Nach einer Weile gründete sie ihr eigenes Unternehmen, Chido’s Mushrooms, um „das Wissen über die Pilzzucht zu verbreiten und das Leben von anderen Waisen zu verändern, indem sie unabhängig von Hilfe werden.“ Sie sei „glücklich“, sagt sie, ihr Wissen weitergeben zu können. Inzwischen hat sie rund 30 Kurse in aller Welt abgehalten.


    Auch in Berlin. Die fünf Mitarbeiter der Berliner Firma Chido's Mushrooms/Chido UG haben Chido Govero dort hingeholt, denn sie schwören auf ihre Ratschläge und sind Teil von Chidos weltweitem Netzwerk. Jeden Abend fahren sie auf ihren Lastenfahrrädern los, um bis zu 400 Kilogramm Kaffeesatz einzusammeln – bei Starbucks konventionellen und in der Kaffeeküche der tageszeitung biologischen Abfall. Das koffeinhaltige Substrat packen sie in offene Plastikbeutel und diese auf lange Regale, die in einem konstant 18 Grad kühlen Kreuzberger Keller stehen. Sie impfen den Kaffeesatz mit Pilzkulturen, wässern ihn regelmäßig, und unter ihrer liebevollen Pflege brechen nach kurzer Zeit die skurrilen Formen kleiner Kräuterseitlinge oder Shiitake aus diesen Gefäßen. Nach einigen Wochen bis Monaten können sie die Edelpilze an Gourmetrestaurants, Märkte und Supermärkte verkaufen; die Ernte beträgt bis zu 50 Kilo pro Tag. Normalerweise, außerhalb der Welt von Chido’s Mushrooms, wandert Kaffeesatz ungenutzt in den Müll, und für die Shiitake-Zucht werden Eichenwälder gefällt – deshalb ist die Umwandlung von Abfall in Lebensmittel eine ökologische Erfolgsgeschichte.


    Der Gründer der ZERI-Stiftung, Gunter Pauli, glaubt fest an die Zukunft solcher Pilze. Der 56-jährige Ökonomieprofessor aus Belgien, Mitglied des Club of Rome, hat die begabte Pilzzüchterin Chido von Anfang an unterstützt und schließlich als seine Tochter adoptiert. Die Zucht auf Kaffeesatz gehört zu den Öko-Innovationen, die das tausendköpfige wissenschaftliche Netzwerk seiner Zero Emissions Research Initiative (ZERI) weltweit zusammengetragen hat. Er nennt das Blue Economy, blau wie der Planet Erde. Die Green Economy sei zwar schön, sagt Pauli, aber zu teuer. Ökoprodukte müssten vor allem die Grundbedürfnisse der Armen befriedigen, also gut und billig gleichzeitig sein. Das gehe, wenn man sich die Natur zum Vorbild nehme und aus jedem Abfall den Rohstoff für neue Produkte mache – also ganze Produktkaskaden schaffe.


    Seiner Adoptivtochter gefällt dieser Ansatz sichtlich. „Blue Economy schließt jeden ein, auch die Ungebildeten“, sagt Chido Govero. „Arme Leute können ihren Abfall verwerten, um Neues daraus zu züchten. Man lernt, Probleme als Möglichkeiten zu sehen. Wir haben weltweit die gleichen Probleme. Wir sollten überall Lebensmittel lokal züchten und essen. Das ist nachhaltiger.“


    Pauli sieht in der Pilzzucht gar die Möglichkeit, „den Lebensmittelmarkt ebenso radikal zu verändern, wie es die Geflügelproduzenten in den letzten 50 Jahren getan haben“. Die proteinreichen und gesunden Pilze könnten auf Abfällen so billig produziert werden, dass sie das für Arme unerschwingliche Fleisch ersetzen und zudem jede Menge neuer Jobs schaffen. „Auf Kolumbiens Kaffeeplantagen“, sagt er, „haben wir damit schon 10.000 Arbeitsplätze geschaffen.“

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.chidos.org

    www.zeri-germany.de

    www.blueeconomy.de

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  • 99-givebox

    Ich box Dir was!

    In Giveboxes kann man Dinge tauschen oder gratis mitnehmen. Die begehbaren Holzkisten sind nicht alle immer proper und gut aufgeräumt.

    Geschachteltes Geben und Nehmen

    In Giveboxes kann man Dinge tauschen oder gratis mitnehmen. Die begehbaren Holzkisten sind nicht alle immer proper und gut aufgeräumt.

    Da steht das Ding. Im Schatten eines Möbelladens, am Rande der unscheinbaren Steinstraße in Berlin-Mitte. Eine Holzbox mit Glasdach, so groß wie eine geräumige Telefonzelle oder ein begehbarer Kleiderschrank. „Sharing is caring“, steht auf der liebevoll dekorierten Kiste. Auf einer Stange links, ordentlich auf Bügel gehängt, eine Reihe gebrauchter Kleider und Jacketts. Auf den Regalen in der Mitte Schuhe und Bücher. Eine Frau steht davor und wühlt in den Klamotten, zieht ein T-Shirt hervor und ein Hemd. „Sowas gibt’s in Berlin, dass man sich einfach was nehmen darf“, schüttelt sie den Kopf, offenbar immer noch ein wenig ungläubig. Und radelt freudig davon.


    Die Gebrauchsanweisung auf der Boxenwand hat sie nicht gelesen, nur darauf getippt und etwas von „viel zu lang, der Text“ gemurmelt. „Bringen Sie Ihre Sachen her, schreiben Sie ins Gästebuch“, heißt es darauf. „Erzählen Sie anderen Menschen davon, helfen Sie anderen zu helfen und bauen Sie Ihre eigene Givebox in Ihrer Straße... Weiterverkauf ist nicht erwünscht, bitte respektieren Sie, dass der Schenkende anderen Menschen helfen und sich nicht bereichern will.“ Und: „Die Givebox ist von uns und für uns, es gibt keine Organisation, Betreiber, Eigentümer, Verantwortlichen oder Spendenkonto.“


    Dass niemand verantwortlich ist, stimmt nicht ganz. Andreas Richter, ein junger Mann von 28 Jahren, hat sich zusammen mit seiner Freundin die erste Geschenkkiste auf der Straße ausgedacht, um die Nachbarschaftlichkeit zu stärken und Gegenstände loszuwerden, von denen er annahm, dass andere sie noch brauchen könnten. Im August 2011 baute er das Ding hier auf, und eigentlich wollte er genauso anonym bleiben wie diejenigen, die hier DVDs ablegen, wenn sie die Filme gesehen haben, oder Hosen, wenn sie nicht mehr passen.


    Doch die deutsche Bürokratie mag es gar nicht, wenn irgendetwas ohne ihre Kontrolle geschieht. An der Pinnwand der zweiten Givebox, die Richter in der Kreuzberger Falckensteinstraße aufgebaut hatte, fand sich bald folgende Nachricht des Bezirksamtes: „Klasse Idee – leider schlecht umgesetzt.“ Der anonyme Aufsteller wurde aufgefordert, sich zu melden, einen neuen Standort für die Box zu suchen und eine Genehmigung zu beantragen, sonst werde die Kiste abgerissen. Der Aufbau ohne „Sondernutzungsgenehmigung“ sei eine „Ordnungswidrigkeit“, wieherte der deutsche Amtsschimmel von den Wänden herab; es habe bereits Beschwerden aus der Nachbarschaft gegeben. Richter hatte genau die gegenteilige Erfahrung gemacht, die Nachbarn hätten die Givebox aktiv unterstützt, sagt er.


    Aber was blieb ihm anderes übrig, als einen neuen Standort zu suchen? Er fand ihn in der nahen Cuvrystraße. Dort steht die Givebox nun bei einem Nachbarschaftszentrum, aber in kiezuntypischer, eher menschenleerer Umgebung und nicht in Sichtweite der Leute in den quirligen Kreuzberger Kneipen.


    Momentaufnahme Ende 2011: Man sieht es der Kiste an, dass es hier an sozialer Kontrolle mangelt. Die Kleidung in den Regalen ist zerwühlt, auf den Bügeln hängen einsam zwei Jacketts, der Hebel einer Playstation und ein paar Märchen-DVDs liegen herum. Jemand hat ein altes Bettgestell vor die Box gestellt – alles sieht unbrauchbar aus, da helfen auch die Spitzengardinchen und Plastikblumen am Boxeingang nicht.


    Eine weitere Givebox im Sommergarten eines Cafés in der Neuköllner Weserstraße befindet sich in einem ähnlichen Zustand. Kein Wunder, denn die Kiste lässt sich nicht von der Straße aus betreten, nur durch die Tür des Cafés. Und niemand scheint sich im Winter darum zu kümmern. In der Box gammeln nur ein paar Klamotten. Hinweise wären hilfreich, aber es gibt sie weder auf Deutsch noch auf Türkisch.


    Dagegen begrüßt die vierte Box ihre Gäste mit Glitzersternchen. Sie steht in der Kollwitzstraße im Bezirk Prenzlauer Berg. In den Regalen liegen Kleidung, alte Vasen und Gläser, auf dem Boden befinden sich Pappkartons. Eine junge Frau auf dem Fahrrad bremst, bis es quietscht, legt einen dicken Packen ordentlich gefalteter Hosen und Röcke in die Box, quatscht derweil ununterbrochen auf Russisch in ihr Handy – und radelt davon. Eindrücklich ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie demonstriert, wie in Zeiten der Eurokrise nicht mehr Geiz geil ist, sondern Großzügigkeit und Teilen.


    Aus der ersten Givebox ist seit Sommer 2011 eine Bewegung geworden. Deswegen ist an der Wand der Prenzlbox die facebook-Adresse vermerkt, auf der sich Giveboxer vernetzen und nach einer Anleitung zum Eigenbau neue Kisten aufstellen können. Drei Giveboxes gibt es Ende 2011 in Hamburg, zwei in Düsseldorf, jeweils eine in Köln, Würzburg, Aachen, Frankfurt am Main, zwei in Wien, eine kleine in San Francisco. Weitere sind geplant oder im Entstehen, unter anderem in Pennsylvania, Brasilien oder Kanada.


    Das Prinzip Givebox macht es Großzügigen und Sachensuchern weitaus einfacher als das Auktionswesen bei eBay oder die Standkultur von Flohmärkten. Und es spart nebenher Ressourcen. Nur die folgenden trivialen Sätzchen scheinen Nutzer gern zu übersehen: „Halten Sie Ordnung und räumen Sie auf, wenn Sie etwas stört. Dinge, die nach zwei Wochen noch da sind, bitte wieder mitnehmen.“

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.givebox.net

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  • 122-gls-bank

    Good Bank

    Die GLS Bank arbeitet völlig transparent: Jeder Kunde kann sehen, wer wofür einen Kredit bekommt. Ziel der Bank ist es, ausschließlich sinnvolle Betriebe und Projekte zu finanzieren.

    Zockerfreie Zone

    Die GLS Bank arbeitet völlig transparent: Jeder Kunde kann sehen, wer wofür einen Kredit bekommt. Ziel der Bank ist es, ausschließlich sinnvolle Betriebe und Projekte zu finanzieren.

    Es gibt in Deutschland eine bundesweit agierende Bank, die nicht zockt. In der Finanzkrise 2008 hat sie keinen Cent verloren. Auch sagt sie ihren Kunden – anders als andere Kreditinstitute –, was mit deren Sparguthaben genau passiert. Der Zinssatz für Einlagen ist marktüblich, kann aber von den Kunden und Kundinnen freiwillig gesenkt werden. Niemals würde die Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS) Atomkraftwerke, Rüstungsgüter oder Massentierhaltung finanzieren. Weil das vielen Menschen gefällt, erlebt das Finanzhaus mit dem ungewöhnlichen Namen seit Jahren einen immer rasanteren Zulauf.

     

    Die Geschichte beginnt bereits Mitte der 1950er-Jahre. An den Rechtsanwalt Wilhelm Ernst Barkhoff wendet sich eine Elterninitiative, die im Ruhrgebiet eine Waldorfschule aufbauen will. Weil Privatschulen noch keine staatlichen Zuschüsse erhalten, fehlt ihnen aber vor allem eines: Geld. Keine Bank will einen Kredit geben. Da ersinnt der Advokat einen Plan: Die Eltern sollten ihre Konten alle bei einer Bank einrichten und ihr Guthaben als Sicherheit einsetzen. Tatsächlich erhält der Schulverein auf diese Weise schließlich ein Darlehen von der Commerzbank.

     

    Durch dieses Mandat wird Wilhelm Ernst Barkhoff um eine für sein weiteres Leben zentrale Erfahrung bereichert: Wenn Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgen und dafür ihre finanziellen Kräfte bündeln, können sie sehr viel bewegen. In einer Rede sagt er einmal: „Früher war Helfen das Privileg der Reichen. In einem demokratischen Staatswesen hat jeder dieses Privileg.“

     

    Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Nach unterschiedlichen Experimenten gründet Barkhoff 1961 eine stiftungsähnliche Einrichtung, die GLS Treuhand, und 1967 eine „Kreditgarantiegenossenschaft“. Rund 1.000 Menschen im Ruhrgebiet beteiligen sich daran. Die Organisation übernimmt Bürgschaften für gemeinnützige Vereine und andere Einrichtungen, die bei jeder konventionellen Bank abblitzen würden. 1974 schließlich ruft Barkhoff die GLS Bank ins Leben, auch sie als Genossenschaft organisiert.

     

    Die Methoden des Geldhauses sind für die Branche sehr ungewöhnlich: Weder ist es Ziel der GLS Bank, möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften, noch residiert die Bank in einem protzigen Glaspalast; sie hat ihren Sitz in einem ökologisch sanierten Gebäude im Bochumer Kreativviertel. Finanziert werden vor allem Schulprojekte, ökologische Hausgemeinschaften, Bioläden und Biobauernhöfe – zunächst vorwiegend mit anthroposophischer Ausrichtung –, aber auch soziale Projekte wie Frauenhäuser oder Behinderteneinrichtungen. Bald werden regenerative Energien als weiterer Schwerpunkt hinzukommen.

     

    Der erste Lehrling ist der heutige Chef der GLS Bank: Thomas Jorberg. Der liebt seinen Beruf. „Ein Banker ist ein Möglichmacher: Wir bringen das Geld, das Leute zeitweise übrig haben, irgendwohin, wo es gebraucht wird, um damit dann etwas Sinnvolles zu gestalten“, sagt der 55-Jährige mit dem wohlwollenden Lächeln. Geld ist für ihn ein Instrument – eine „geniale Erfindung“. Richtig genutzt kann es viel Sinnvolles bewirken, schlecht eingesetzt völlig destruktiv sein. Leider sei das Kreditwesen heute überwiegend durch „systemisch organisierte Verantwortungslosigkeit“ gekennzeichnet, so Jorberg.

     

    Provisionen oder leistungsabhängige Boni gibt es bei der GLS Bank nicht, dafür steigt das Gehalt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wenn sie Kinder zu versorgen haben. Und während andere Bankdirektoren mehrere Millionen Euro im Jahr abschleppen, gibt sich der GLS-Chef mit weniger als dem Zehnfachen eines Berufsanfängers in seinem Haus zufrieden. Die Beschäftigten der Bochumer Zentrale können ihre Mittagspause im idyllischen Garten hinter dem rot gestrichenen Bankgebäude verbringen. Hier und in den inzwischen sechs Filialen arbeiten insgesamt rund 400 Menschen, die mehr als 110.000 Kunden betreuen.

     

    Drei bis vier Mal jährlich veröffentlicht das Geldhaus die Zeitschrift Bankspiegel, in der nachzulesen ist, welche Kredite im letzten Quartal vergeben wurden. So bekam 2011 zum Beispiel das Archiv der Jugendkulturen in Berlin eine Zwischenfinanzierung in Höhe von 50.000 Euro für diverse Projekte und die Solargemeinschaft Raphael in Neuenrade 13.634 Euro. Darlehen an Privatpersonen weist die Zeitschrift zusammenfassend aus. „Transparenz ist die Voraussetzung, damit die Kunden verantwortungsvoll mit ihrem Geld umgehen können“, meint Jorberg. Zugleich unterhalten sich die GLSler auch intensiv mit den Kreditnehmern. „Wer von uns Geld will, muss die Welt nicht nur retten wollen, sondern auch glaubhaft machen, dass er es kann.“ Die Kosten für Kredit- und Guthabenzinsen liegen bei der GLS Bank im Branchendurchschnitt, und Geld vom eigenen Girokonto kann man bundesweit an etwa 19.200 Automaten gratis aus der Wand ziehen.

     

    Wer Genosse und damit Miteigentümer der Bank werden möchte, ist mit 500 Euro Mindesteinsatz dabei und erhöht so das Eigenkapital des Geldinstituts. Auf der jährlichen Generalversammlung hat jedes Mitglied eine Stimme – egal, wie viele Anteile er oder sie besitzt; insofern ist auch ausgeschlossen, dass die GLS Bank von einem Großinvestor umgepolt wird. „Das Ziel des Zusammenschlusses ist gegenseitige Hilfe, nicht die Gewinnerzielung für ein einzelnes Mitglied oder für die Genossenschaft“, heißt es in der Satzung. Bis vor kurzem gab es nie eine Dividende – und wer will, kann auch in Zukunft darauf verzichten und das Geld der GLS Bank Stiftung spenden. Die hat die Aufgabe, sich für politische und rechtliche Rahmenbedingungen einzusetzen, die ein „auf den Menschen ausgerichtetes Bankwesen“ fördern.

     

    Neben dem normalen Bankgeschäft existiert unter dem Dach der GLS Bank auch weiterhin die von Barkhoff geschaffene GLS Treuhand. Sie bringt betuchte Menschen mit solchen zusammen, die sinnvolle Projekte planen, aber nicht ausreichend Geld zur Verfügung haben. Die Organisation versteht sich als Beraterin und Vermittlerin für solche Förder-, Schenk- und Vererbungsaktionen. Das Spektrum reicht von Stipendien für angehende Ärzte über Hilfe für nepalesische Biobauern bis hin zur Förderung der Produktion von Broschüren, die möglichst vielen Leuten den Stromwechsel schmackhaft machen sollen.

     

    Wohl bei keinem überregionalen Finanzinstitut ist die Identifikation der Kundschaft mit der eigenen Bank so groß wie bei der GLS Bank. Bei einer Umfrage des Aktienmagazins Börse Online gewann die Genossenschaftsbank aus Bochum den Beliebtheitswettbewerb bereits zum wiederholten Mal haushoch. Und wohl kein anderes Geldhaus in Deutschland kann sich rühmen, haufenweise Fanpost zu bekommen. 

    Annette Jensen
    20. Januar 2012

    www.gls.de

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  • 126-fal-lehmbau

    Lehmung

    Ein Verein von der Mecklenburger Seenplatte widmet dem Baustoff Lehm ein Museum und ein international vernetztes Ausbildungszentrum.

    Der größte Bodenschatz

    Ein Verein von der Mecklenburger Seenplatte widmet dem Baustoff Lehm ein Museum und ein international vernetztes Ausbildungszentrum.

    „Drüben in der Straße stand ein altes, altes Haus, das war fast dreihundert Jahr alt, so konnte man an einem Balken lesen, an dem die Jahreszahl zugleich mit Tulpen und Hopfenranken eingekerbt war“: so ähnlich hätte der dänische Schriftsteller Hans-Christian Andersen auch das – zwar „nur“ 200 Jahre alte – reetgedeckte Fachwerkhaus im Dörfchen Retzow beschrieben, das 1992 wie in Andersens Märchen Das alte Haus einsam vor sich hin stand und verrottete. Es wartete auf Rettung seiner baulichen Substanz und vor allem endlich auf eine neue Funktion. Den Ausweg aus der Bedeutungs- und Nutzlosigkeit bereitete ihm schließlich ein Verein mit dem komplizierten Namen Verein zur Förderung ökonomisch-ökologisch angemessener Lebensverhältnisse westlich des Plauer Sees (FAL e.V.). Der Verein war unmittelbar nach dem Mauerfall von einer Gruppe Kommunalpolitiker, Handwerkerinnen und Künstler ins Leben gerufen worden. Und eine der ersten FAL-Aktionen wurde die Renovierung des kranken Fachwerkhaus: es sollte in eine Filzmanufaktur als Teil eines Netzwerks lokaler Ökonomie verwandelt werden.

     

    Der Denkmalschutz forderte eine historisch exakte Renovierung, was bedeutete, dass das Fachwerk mit Lehm ausgefacht werden musste. „Klar war nur, dass wir es selbst machen mussten, weil wir kein Geld hatten“, berichtet Klaus Hirrich, einer der Impulsgeber des FAL. „Von Lehmbau hatten wir aber keine Ahnung. Also haben wir uns Ausbilder geholt, gelernt und mit ihnen gemeinsam das Haus restauriert.“ Damit hatte sie die Sache gepackt: Es macht glücklich, mit dem sinnlichen Rohstoff Lehm zu arbeiten, den es vor der Haustür in Hülle und Fülle gibt. Der FAL entwickelte bald ein Bildungsangebot für Lehmbau, es entstanden eigenständige Lehmbaubetriebe und 1999 sogar ein Museum für traditionelle und moderne Lehmbautechniken. Dort gibt es unter anderem ein begehbares Schwalbennest, denn Lehmbau ist auch im Tierreich weit verbreitet. Im Jahr 1999 wurde schließlich die Lehm- und Backsteinstraße eingeweiht, die über 54 Kilometer zu 15 Stationen durch den östlichen Landkreis Parchim führt – zu historischen und modernen Gebäuden aus Ziegeln und Lehm, zu ehemaligen Ziegeleien und heutigen Lehmbau-Werkstätten oder Künstlerhöfen. Die Straße gewann als bisher einziges deutsches Projekt den internationalen To Do!-Preis für sozialverantwortlichen Tourismus. Dafür war vor allem ausschlaggebend, dass die Straße ein von lokalen Akteuren selbst betriebenes Projekt ist.

     

    Und so führte der Dreck vor Ort zum europäischen Erfolg: Das denkbar Bodenständigste, die eigene Arbeit mit dem lokalen Bodenschatz Lehm, erlaubte den Sprung auf die internationale Bühne. Heute trägt der FAL e.V. die Europäische Bildungsstätte für Lehmbau/European School for Earth Building in Ganzlin, geleitet von Uta Hertz.

     

    „Ich bin aus Zufall nach Ganzlin gekommen“, erklärt die Bauingenieurin. „Ich hatte keine Lust mehr auf meine Arbeit in Berlin, wo ich den Bauherren mühsam etwas Mut zu ökologischen Bauweisen abringen musste. Irmela Fromme – sie ist eine der besten Lehmputzerinnen, die ich kenne –, die für den FAL Kurse leitete, sprach mich in dieser Situation an: Ob ich nicht ein europäisches Projekt in Ganzlin entwickeln wolle. Alles ging dann sehr schnell, wir haben ein Projekt bei der EU beantragt, es wurde bewilligt.“ Die Europäische Bildungsstätte gibt es seit 2006. Von Anfang an wurde mit Partnern aus Bulgarien, Frankreich, Großbritannien und Polen zusammengearbeitet; seitdem als Partnerländer dazugekommen sind Tschechien und die Slowakei. Alle Beteiligten besuchen sich gegenseitig und lernen mit- und voneinander. Alle haben etwas beizusteuern, seien es traditionelle Lehmbautechniken aus Bulgarien oder Pisé-Bautechniken, wie der Stampflehm in Frankreich genannt wird.

     

    „Je nach Bodenqualität haben sich in den unterschiedlichen Regionen Europas unterschiedliche Techniken entwickelt“, erklärt Piet Karlstedt, ein Lehmbaumeister, der in Ganzlin unterrichtet. „Im Mittelmeerraum gibt es eine besonders gute Qualität, die sich für Stampflehmwände eignet. In nördlicheren Gegenden, wo Holz nie Mangel war, ist der Lehm eher zum Ausfachen von Fachwerk verwendet worden. Wer sich intensiver mit Lehmbau beschäftigt, lernt nicht nur Fertigkeiten, sondern auch die europäische Kulturdiversität kennen.“

     

    Piet ist es ein besonderes Anliegen, sein Wissen Kindern und Jugendlichen nahezubringen. „Wir bieten Kurse für Profis, die einen Abschluss vor der Handwerkskammer erwerben können, aber auch Einsteigerkurse und Erlebnistage für Kinder. Wir gehen in Kitas, bauen Backofenhäuschen, Rundhütten oder Weidenhütten mit Lehm. Neuerdings gibt es ein Projekt mit zwei regionalen Schulen, bei denen die Schüler eine kurze Ausbildung mit Abschluss-Zertifikat bei uns machen.“

     

    Lokal handeln und denken, global handeln und denken – und am besten noch beides mischen. Uta, Klaus, Piet und ihr Team denken derzeit darüber nach, wie sie bei Besuchen von Gruppen aus den Partnerländern für noch mehr Gespräche und Begegnungen mit den Nachbarn vor Ort sorgen können.

    Erschienen in Oya 06/2011

    Lara Mallien
    20. Januar 2012
    www.fal-ev.de
    www.earthbuilding.eu
    www.lernpunktlehm.de

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  • 102-greening-the-university

    Uni? Grün!

    Alejandro Esguerra hat in Tübingen die studentische Nachhaltigkeits-Initiative Greening the University gegründet. Die Uni verfügt seitdem über ein Umweltmanagement und ein Studium oecologicum.

    Die Universität, forstwirtschaftlich gesehen

    Alejandro Esguerra hat in Tübingen die studentische Nachhaltigkeits-Initiative Greening the University gegründet. Die Uni verfügt seitdem über ein Umweltmanagement und ein Studium oecologicum.

    Die Universität ist eine Baumfresserin – forstwirtschaftlich gesehen. Eine Uni wie die in Tübingen verschlingt jährlich Papier im Umfang eines ganzen Waldes – 2009 waren es 41 Millionen Blatt. Wo bleibt denn da die Nachhaltigkeit?, fragte sich 2006 Alejandro Esguerra, damals Tübinger Student der Internationalen Beziehungen und der Philosophie. In der Neckarstadt zwischen baumabgefressenen Weinbergen, wo sparsame Pietisten den sauersten Wein von ganz Schwaben saufen, gründete er 2007 zusammen mit anderen Studierenden die Initiative Greening the University, die sich seitdem selbst vernachhaltigt hat.


    Der nunmehr 31 Jahre alte Esguerra, Sohn eines Kolumbianers und einer Deutschen, ist in Dortmund aufgewachsen. Eine „klare Story“, warum die Ökologie seine Leidenschaft wurde, habe er nicht, sagt er. Seine Eltern, beide Lehrer, engagierten sich in der Umweltbewegung. Vielleicht lag es an dieser Sensibilisierung, dass ihn 2005 ein Studienaufenthalt an der umweltgemanagten University of Massachusetts im Städtchen Amherst dazu inspirierte, sich in Tübingen als Umweltreferent der studentischen Selbstverwaltung AStA zu bewerben und Greening the University zu gründen. Vielleicht erinnerte er sich auch an seine Entdeckung des Autors Georg Ludwig Hartig, der 1804 als einer der Begründer des Nachhaltigkeitsgedankens schrieb: „Es lässt sich keine dauerhafte Forstwirtschaft denken und erwarten, wenn die Holzabgabe aus den Wäldern nicht auf Nachhaltigkeit berechnet ist. Jede weise Forstdirektion muss daher die Waldungen (…) so hoch als möglich, doch so zu benutzen suchen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebensoviel Vorteil daraus ziehen kann, wie sich die jetzt lebende Generation zueignet.“


    Der studentischen Initiative um Esguerra waren vor allem zwei Dinge wichtig: erstens die Verringerung des „ökologischen Fußabdrucks“ der an CO2-Übergewicht leidenden Alma Mater. Und zweitens die Vergrößerung des Bewusstseins all ihrer Angehörigen durch einen jährlichen Aktionstag Nachhaltige Hochschule, ein Symposium mit allerlei Umweltprominenz und ein Studium oecologicum.


    Durchaus verwandt mit dem früher so beliebten, aber in den verschulten Lehranstalten von heute nur noch schwer möglichen Studium generale, bietet das ökologische Studium seit Sommer 2009, autorisiert von der Universitätsleitung, Nachhaltigkeit als Querschnittsthema aller möglichen Semesterveranstaltungen und Wissenschaftsdisziplinen an. Zuletzt fanden Kurse etwa über ethische Grundlagen der Nachhaltigkeit, abfallfreie Produktionsweisen oder „Gender@Nature“ statt. Der Lohn für die Studierenden ist nach erfolgreicher Teilnahme an mindestens drei Seminaren das offizielle Zertifikat Studium oecologicum, welches ihnen Kompetenzen im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung bescheinigt.


    Dass sich das Studium oecologicum bis heute halten konnte, liegt an dem unermüdlichen studentischen Engagement und an dem klugen Schachzug der Initiative um Alejandro Esguerra, frühzeitig das Rektorat in ihre Planungen einzuspannen. Mag sein, dass der Rektor ohnehin selbst ein Anhänger des Nachhaltigkeitsdenkens war, vielleicht sah er auch eine Chance zur Profilierung, jedenfalls: Das Angebot blieb bestehen und wurde ausgebaut.


    Eine Grüne Mensa wartete auf studentisches Drängen nunmehr mit mehr saisonalen und regionalen Bioangeboten auf und führte im Wintersemester 2011/12 einen fleischfreien Veggietag pro Woche ein. Eine Bunte Wiese wuchs im Fachbereich Biologie als Projekt der nachhaltigen Grünflächenbewirtschaftung. Ein Beirat aus Lehrangehörigen, Studierenden, Mitgliedern der Verwaltung und Externen diskutiert über weitere Schritte der Universität in Richtung Nachhaltigkeit und verleiht alljährlich Preise für hervorragende Abschlussarbeiten zum Thema – im November 2011 garniert mit der Anwesenheit von Klaus Töpfer, seines Zeichens ehemaliger Chef der UN-Umweltbehörde. Und ein zertifiziertes Umweltmanagement, inzwischen hauptamtlich durch Hedwig Ogrzewalla koordiniert, misst und steuert den universitären Papier-, Wasser- und Energieverbrauch.


    Allein die Umstellung auf recyceltes Kopierpapier lasse viele Bäume am Leben und spare jährlich rund 13 Tonnen Kohlendioxid ein, bilanziert die Agraringenieurin Ogrzewalla nicht ohne Stolz. Und die Reduzierung der Gebäudeheizung zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag erspare sogar noch weit mehr, nämlich 246 Tonnen CO2. Ja, ein wenig mehr Nacheiferer in anderen Universitäten wünsche sie sich schon, sagt sie auf Nachfrage. In Lüneburg und Bremen, da seien die Unis schon länger dran am Thema, aber von einem festen Netzwerk könne man noch nicht sprechen. Studentische Greening-Initiativen allerdings finden sich inzwischen auch anderswo, etwa in Hildesheim oder Berlin; bundesweit koordinieren sie sich im Netzwerk studentischer Nachhaltigkeitsinitiativen. Das gefällt der strammen Schwäbin, denn das Wichtigste sei noch immer die „nachhaltige Bewusstseinsbildung“ bei allen Beteiligten.


    Das findet auch Alejandro Esguerra, der mittlerweile die Weiterentwicklung seiner Initiative jenseits des Großen Teiches beobachtet und zusammen mit seinen Mitstreitern jetzt schon das zweite Buch dazu herausgibt. Im Übrigen schreibt er an der Cornell University und der Freien Universität Berlin seine Doktorarbeit. Sein Thema ist, immer noch oder schon wieder, forstwirtschaftlich: die Gründung und Weiterentwicklung des Siegels für nachhaltige Forstwirtschaft seitens des Forest Stewardship Council FSC, das schon unzählige Wälder retten half. Oder, etwas philosophischer ausgedrückt: Wie der Wandel hin zu einem besseren menschlichen Verhalten gegenüber der Natur gelingen kann.

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.greening-the-university.de

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  • 103-guessing

    Energiemärchen

    Vor nicht allzu langer Zeit war Güssing arm und vom Rest der Welt abgehängt. Doch dann kam ein Ingenieur daher, der das österreichische Städtchen aus seinem Schlaf weckte.

    Eine Geschichte von Heimweh und Holz

    Vor nicht allzu langer Zeit war Güssing arm und vom Rest der Welt abgehängt. Doch dann kam ein Ingenieur daher, der das österreichische Städtchen aus seinem Schlaf weckte.

    Es war einmal ein 3.700-Seelen-Ort namens Güssing, der lag am Ende der westlichen Welt. Weit und breit gab es keinen Bahnhof, nicht einmal ans Gasnetz hatte man das arme kleine Städtchen angeschlossen, und der einzige Industriebetrieb war eine Nudelfabrik, in der nur 100 Menschen Arbeit fanden. Viele Jahre lang trug die Gemeinde im äußersten Südosten Österreichs landesweit die rote Laterne, wenn es um die kommunalen Einnahmen ging.


    70 Prozent der Einwohner mussten zum Geldverdienen nach Graz oder Wien pendeln, einer von ihnen war der Ingenieur Reinhard Koch. Doch wie viele hier hing er an seiner Heimat Güssing, und als ihn der Bürgermeister eines Tages fragte, ob er nicht die Aufsicht über die städtische Kläranlage übernehmen wolle, zögerte er nicht lange – obwohl er dafür einen durchaus interessanten Job aufgeben musste, während ihm das neue Stellenangebot nicht ganz so anspruchsvoll und ausfüllend erschien.


    Doch gerade das erwies sich für ihn – und Güssing – als Glücksfall. Reinhard Koch hatte plötzlich viel mehr Zeit als früher. Die nutzte er, um darüber nachzudenken, wie er seinem Heimatort helfen könnte. Zunächst schlug er dem Stadtrat ein Stromsparprogramm für die Straßenbeleuchtung vor, was der dankend absegnete, und was die Bürger kaum weiter zur Kenntnis nahmen. Anschließend beantragte Koch eine Steuerung für die Sauerstoffpumpe im Klärbecken, wodurch diese nur noch bei Bedarf lief – eine Investition, die sich schon nach wenigen Monaten durch eine niedrigere Stromrechnung auszahlte. Dann aber begann Koch, sich grundsätzlichere Fragen zu stellen: Warum war Güssing eigentlich so arm? Ein Großteil der Einkommen und Steuern floss an irgendwelche fernen Energiekonzerne und in die noch ferneren Öl-Länder. Waren solch fremde Energien und weiten Wege wirklich notwendig? Früher hatte man schließlich auch mit Holz geheizt. Und davon hatte Güssing nach wie vor mehr als genug; schließlich bestand die Hälfte des Bezirks aus Wald. Der gehörte aufgrund der Erbteilung vielen Dutzend verschiedenen Leuten, die ihre kleinen Flurstücke aber kaum nutzten; ein Großteil des Holzes verrottete sinnlos.


    Koch schlug den Güssingern vor, die Ölheizungen rauszuschmeißen und durch ein gemeinsames Fernheizkraftwerk zu ersetzen. Doch die Bürger waren skeptisch: Ein Ölbrenner galt schließlich als Zeichen von Wohlstand, Holz zu verbrennen dagegen als Arme-Leute-Methode. Viele glaubten auch nicht, dass so etwas eine ganze Stadt würde heizen können. Schließlich entschied man, das Ganze in einem nahe gelegenen Dorf erst einmal auszuprobieren. Das Beispiel im Kleinen überzeugte, und so wurden sämtliche öffentliche Gebäude und 85 Prozent der privaten Haushalte in Güssing an ein 35 Kilometer langes Rohrnetz angeschlossen. Das macht die Stadt nicht nur von steigenden Ölpreisen unabhängig, sondern verschafft vielen Besitzern kleiner Waldstücke auch ein Einkommen. Doch damit nicht genug: Auch Strom wird in Güssing inzwischen aus Holz hergestellt, und gerade experimentiert Koch zusammen mit einem Professor aus Wien, wie man Holzabfälle in Auto-Treibstoff umwandeln kann.


    Die dauerhaft günstigen Energieaussichten in Güssing haben seit Kochs Antritt in der Kläranlage nicht nur zwei Parkettfabriken angelockt, sondern auch 60 weitere Betriebe. 1.500 neue Jobs sind entstanden, dazu ein Hotel für die vielen Touristen aus aller Welt, welche die erneuerbaren Energieanlagen besichtigen wollen. Güssings Steuereinnahmen haben sich mehr als verdreifacht, die Arbeitslosenrate sank um zwei Drittel. Da, wo früher die Welt zu Ende war, steht heute das Europäische Zentrum für Erneuerbare Energie. Reinhard Koch ist dort natürlich der Chef, und weil Güssing seine Heimat ist, lebt er damit sehr glücklich und zufrieden.

    Annette Jensen
    19. Januar 2012

    www.guessing.co.at

    www.eee-info.net

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  • 120-elektrizitaetswerke-schoenau

    Störfall

    Urprünglich wollte eine Bürgerinitiative im Schwarzwald-Ort Schönau ihren Stromversorger zum Atomausstieg bewegen. Der reagierte schroff abweisend – und hatte das Nachsehen.

    Rebellen auf dem Vormarsch

    Urprünglich wollte eine Bürgerinitiative im Schwarzwald-Ort Schönau ihren Stromversorger zum Atomausstieg bewegen. Der reagierte schroff abweisend – und hatte das Nachsehen.

    Dass sie ein deutschlandweit bekanntes Energieunternehmen leiten und sogar einmal den US-Präsidenten Barack Obama treffen würde, hätte sich Ursula Sladek niemals träumen lassen. Die frühere Grundschullehrerin und fünffache Mutter hatte sich nie sonderlich für Energiefragen interessiert. Doch 1986 flog das Atomkraftwerk in Tschernobyl in die Luft. Danach schlitterte die bodenständige Frau in eine Entwicklung hinein, an deren Ende sie zur Chefin der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) wurde. Heute zieht sich die 65-Jährige nach und nach aus der Geschäftsführung zurück, doch ihr Sohn macht weiter, und sie selbst ist noch immer ein beliebter Gast in Talkshows.

     

    Wie in vielen Orten Westdeutschlands schlossen sich 1986 auch im Schwarzwaldstädtchen Schönau besorgte Eltern zusammen, nachdem aus einem 1.700 Kilometer entfernten Kernkraftwerk eine radioaktive Wolke ausgetreten war. Doch die Schönauer wollten sich nicht darauf beschränken, saubere Lebensmittel zu organisieren, sondern das Übel an der Wurzel packen und ihren eigenen Atomausstieg organisieren. „Entwickeln Sie ein liebevolles Verhältnis zu ihrem Stromzähler, besuchen Sie ihn täglich!“, riet der Arzt Michael Sladek seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit lustvoller Ironie.

     

    Sie veranstalteten Stromsparwettbewerbe und kauften kollektiv sparsame Küchengeräte ein, und bald kam jemand auf die Idee, den regionalen Energieversorger um Unterstützung zu bitten. Die Kraftübertragungswerke Rheinfelden AG (KWR) aber schmissen die Delegation der Schönauer Bürgerinitiative raus. Ihr Verhalten sei geschäftsschädigend – schließlich lebe das Unternehmen vom Stromverkauf, beschied der Firmenchef. Er lehnte es auch ab, die Verträge mit den Atomstromlieferanten zu kündigen.

     

    Um ihre Marktmacht längerfristig abzusichern, versuchte die KWR wenig später, ihre Netzkonzession in Schönau vorzeitig zu verlängern. Der CDU-Bürgermeister hatte nichts einzuwenden, die Bürgerinitiative hingegen schon. Als der Stadtrat den Beschluss dann tatsächlich im Frühjahr 1991 vertagte, stand die Initiative plötzlich vor dem Problem, ihrerseits ein Konzept vorlegen zu müssen. Keiner der Engagierten hatte Ahnung von Stromnetzen oder Kraftwerken. Nun machten die Stromrebellen zum ersten Mal eine Erfahrung, die sich später mehrfach wiederholen sollte: sie bekamen Hilfe von Außenstehenden. In diesem Fall handelte es sich um einen promovierten Elektrotechniker aus Aachen, der innerhalb weniger Monate eine 500-seitige Expertise verfasste, weil ihn die Vorstellung einer von Bürgern organisierten Stromversorgung faszinierte.

     

    Als der Schönauer Gemeinderat anschließend trotzdem für den Platzhirsch stimmte, sah er sich mit einem Bürgerbegehren konfrontiert. Zwei Volksabstimmungen folgten, und dann war klar: Eine knappe Mehrheit hatte dafür votiert, dass die inzwischen gegründeten Elektrizitätswerke Schönau zukünftig das Netz bewirtschaften sollten. Als sich 1994 die Genossenschaft formiert hatte, hatten sich schnell 650 Leute aus ganz Deutschland gemeldet, die bereit waren, ihr Geld in das Schönauer Stromnetz zu investieren. Doch dieses Mal waren die Forderungen zu hoch: die KWR verlangte für das Stromnetz stolze 8,7 Millionen D-Mark. Diesen überhöhten Preis konnte die Genossenschaft nicht bezahlen. Die Lösung brachte schließlich eine Werbeagentur, die kostenlos eine Kampagne kreierte. Bald liefen deutschlandweit Leute mit einem Button „Ich bin ein Störfall“ durch die Straßen, und es wurde viel, viel Geld nach Schönau überwiesen. Im Sommer 1997 konnte das Netz tatsächlich gekauft werden. Jahre später entschied ein Gericht, dass die Alteigentümer viel zu viel kassiert hatten und zwang diese, einen erheblichen Teil der Kaufsumme zurückzugeben – plus Zinsen.

     

    Die Schönauer Elektrizitätswerke liefern selbstverständlich nur Ökostrom. Pro Kilowattstunde erhebt das Unternehmen den sogenannten Sonnencent, mit dem bereits der Bau von 1.800 dezentralen Kraft-Wärme-Kopplungs- und Photovoltaikanlagen gefördert werden konnte. Vor allem seit Michael Sladek kurz nach der Liberalisierung des Elektrizitätsmarkts 1998 spontan ankündigte, dass man den Schönauer Strom nun in ganz Deutschland kaufen könne, boomt das Geschäft. „Das haben wir schwuppdiwupp eingeführt. Nicht alle waren damals begeistert“, erinnert sich seine Frau. Viele fürchteten, ein so großer Schritt sei zu riskant.

     

    Doch das Wagnis hat sich gelohnt: Anfang 2012 versorgt das Unternehmen bereits 125.000 Privat- und Gewerbekunden in der gesamten Republik – Tendenz rasant steigend. Teurer als andere Lieferanten sind die Ökostromlieferanten nicht, oft im Gegenteil. „Die Großen stopfen sich die Taschen voll. Bei uns gibt es dagegen vergleichsweise schmale Margen“, sagt EWS-Chefin Ursula Sladek.

     

    Zeit, kaufmännische Kurse zu besuchen, hat die 65-Jährige nie gehabt. „Man muss genau gucken, wofür man das Geld ausgibt, und damit so umgehen als sei es das eigene“, beschreibt sie die Grundsätze ihres Wirtschaftens und ist stolz, dass sie seit dem zweiten Geschäftsjahr immer ein Plus hat ausweisen können. Rund 65 Menschen verdienen heute bei den EWS ihr Geld, inzwischen bildet das Unternehmen auch selbst junge Menschen aus.

     

    Vieles erledigen aber nach wie vor Ehrenamtliche. „Unser Produkt ist ja ein gesellschaftliches Produkt, und die Leute, die wir beliefern, sind nicht nur unsere Kunden, sondern vor allem Mitstreiter und Mitbewegende“, beschreibt Aufsichtsrat Michael Sladek seine Sicht der Dinge. So fließt der Sonnencent in neue Sonnen- und Windstromanlagen – und deren Erträge in weltweite Projekte wie Bewässerungssysteme für Ökobauern in Ruanda oder Selbsthilfegruppen in Nicaragua. Häufig reisen die Schönauer auch zu anderen Bürgerinitiativen oder Kommunalparlamenten, um diese zu beraten. „Unsere Geschichte macht vielen anderen Mut“, sagt Michael Sladek. „Und mir selbst ist es eine Freude zu sehen, dass sich auch andere Kommunen aus den Klauen der Monopole befreien wollen.“ Dass die Schönauer inzwischen auch ganz oben ernst genommen werden, wurde spätestens im April 2011 klar, als Ursula Sladek von US-Präsident Obama im Oval Office empfangen wurde. Er verlieh ihr den renommierten Goldman Environmental Prize – und sie erklärte ihm, wie eine Welt ohne Atomkraft funktioniert. 

    Annette Jensen
    20. Januar 2012

    www.ews-schoenau.de

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  • 105-zivil-courage

    Gegen-Gen

    Im Chiemgau hat der Agrarberater Christoph Fischer eine einflussreiche Bauernbewegung aufgebaut, die mit der Natur arbeitet, nicht gegen sie.

    Die konservativen Revolutionäre

    Im Chiemgau hat der Agrarberater Christoph Fischer eine einflussreiche Bauernbewegung aufgebaut, die mit der Natur arbeitet, nicht gegen sie.

    Im oberbayrischen Chiemsee spiegeln sich, landschaftlich reizvoll, die Silhouetten der Chiemgauer Alpen. Aber auch die Linien der deutschen Parteienlandschaft – und die daraus entstandenen Vorurteile – mischen und brechen sich hier in einmaliger Weise: Wir sind im Land der konservativen Revolutionäre. Der Revolutionsführer ist Christoph Fischer aus der kleinen Gemeinde Söchtenau. Seit 1994 beschäftigt sich der Agrarberater mit nachhaltiger Landwirtschaft, und aus Empörung darüber, dass Agrarkonzerne mit ihrem patentierten Gensaatgut die traditionell unabhängigen Bauern zunehmend in Abhängigkeit stürzen, gründete er 2006 die Arbeitsgruppe Zivil Courage.


    Das Erfolgsgeheimnis des 51-Jährigen liegt darin, dass er genauso heimatverwurzelt wie weltläufig ist, genauso bodenständig wie aufmüpfig, genauso volksnah wie visionär. Der blonde Mann spricht breitestes Bayrisch und trägt Trachtenjacke; seine Frau Anneliese und seine Töchter Dirndl. 2009 hat er die indische Ökofeministin Vandana Shiva in die Rosenheimer Inntalhalle eingeladen und mit einem bayrischen Marsch begrüßt. Eindringlich berichtete die Trägerin des Alternativen Nobelpreises den anwesenden 3.500 Bauern und Gärtnerinnen über die Gefahren der Gentechnik.


    Fischer und seine Mitstreiter warnen gegenüber Trachtenverbänden, Gebirgsschützen und katholischen Hausfrauen vor der Gentechnik, und die Bewegung hat einen Zulauf wie früher nur die CSU. Die Zivil Courage bekundet öffentlich, dass ihre Mitglieder kein Genfutter oder -saatgut kaufen und jegliche Zusammenarbeit mit genfreundlichen Firmen und Verbänden einstellen werden. Die in der Arbeitsgruppe organisierte Genossenschaftsmolkerei Berchtesgadener Land etwa nimmt nur noch Milch von Bauern an, die als Futtermittel kein Gensoja verwenden. Für konventionelle Milchbauern macht das zusätzliche Kosten bis zu 10.000 Euro jährlich aus, aber das nehmen sie in Kauf.

     

    Über 150 Landkreise und Gemeinden beteiligen sich nunmehr; 4.500 Schilder verkünden, diese Orte seien „gentechnikanbaufrei“. Weitere Gruppen sind in Hessen, Rheinland-Pfalz, Österreich und sogar Ägypten entstanden. Die Zivilcouragierten treiben die bayrische CSU so energisch vor sich her, dass einige Parteienvertreter sich genötigt sahen, sich als Vorreiter des Protests gegen Gensaatgut darzustellen. Europa und Bayern seien die Spitze des Widerstands, und „es scheint, als würden wir den weltweiten Kampf gegen Gentechnik gewinnen“, begeisterte sich der renommierte US-Genkritiker John Fagan im August 2011 bei einer Veranstaltung auf der Fraueninsel im Chiemsee.

     

    Doch das „Ja“ ist Christoph Fischer mindestens genauso wichtig wie das „Nein“. Von seinen Reisen nach Japan und Thailand hat er das traditionelle Wissen über Effektive Mikroorganismen (EM) nach Bayern gebracht. EM sind, vereinfacht gesagt, Milchsäurebakterien, die die Verdauung von Menschen, Tieren, Pflanzen und Böden befördern, indem sie das jeweilige Milieu fermentieren und stabilisieren. Solche Mikroorganismen haben ein denkbar breites Wirkungsspektrum: Sie steigern die Bodenfruchtbarkeit, immunisieren Menschen, Tiere und Pflanzen gegen Krankheiten, neutralisieren Güllegeruch und Fäkalien, bringen Seen, Flüsse und Teiche ins Gleichgewicht, steigern die Wasserqualität, reduzieren Faul- und Klärschlämme, säubern Zähne, heilen Wunden, schützen als Kosmetika die Haut und taugen als Putzmittel für Küchen, Kacheln und Böden – und mit dem Wischwasser kann man anschließend sogar Pflanzen beglücken.

     

    Seit 1999 produziert Christoph Fischer selbst EM und vertreibt die Produkte über seine Firma EM Chiemgau. Aber ein „Handelsvertreter“ mag er nicht sein, mindestens ebenso wichtig sind ihm Seminare, Aufklärungs- und Fortbildungsveranstaltungen. Seit 1996 organisiert er alle vier bis sechs Wochen einen „EM-Stammtisch“ in der Region mit jeweils 120 bis 140 Landwirten. „Wir sind nicht die Krönung der Natur, wir sind nur ein Teil von ihr. Wir können naturkonforme Systeme entwickeln, um ein Paradies zu bauen“, fasst er seine Philosophie zusammen.

     

    Konservativ heißt eben auch naturbewahrend. Im Rosenheimer Projekt der Familie Fischer dreht sich alles um nachhaltige Landwirtschaft, die mit der Natur und nicht gegen sie arbeitet. An diesem Netzwerk beteiligen sich inzwischen rund 800 Bäuerinnen und Gärtner; wenn sie untereinander handeln, dann oft mit Hilfe der Regiowährung Chiemgauer. Die soll dafür sorgen, dass das Geld und die Beschaffung der nötigen Stoffe vor Ort bleiben und so den regionalen Wirtschaftskreislauf stärken. Keineswegs alle sind Ökobauern, es ist sogar die Mehrheit, die konventionell wirtschaftet. Oder besser gesagt unkonventionell konventionell: mit Mulch, Mischfruchtanbau, Kompostierung, EM und „Chiemgauer Schwarzerde“, einer Form der Terra Preta. Rainer Steidle etwa, der Gärtnermeister des oberbayrischen Klosters Attl, experimentiert mit all diesen Komponenten; auf eine Bio-Zertifizierung verzichtet er wegen des damit verbundenen Aufwands. Bernhard Hennes, Halter von 18.000 Legehennen, versprüht in seinem Hühnerstall Milchsäurebakterien und streut Biokohle auf die Kotförderbänder. Sein Langenspacher Hof produziert nunmehr neben Eiern und Nudeln auch „Schwarzes Gold“: Terra Preta aus Hühnermist und Biokohle, duftend wie eine Mischung aus Vanille und Tabak.

     

    „Visionen“, steht auf dem blauen Schal, der Christoph Fischer um den Hals hängt. Er hat ihn beim ägyptischen Biobaumwollprojekt Sekem geordert und an die Teilnehmer der EM-Tage auf der Fraueninsel verteilt. Der Visionär Fischer schaut über die Wellen des Chiemsees und freut sich über die Vielfalt, die in der Region entstanden ist. Solch eine Dichte an engagierten, miteinander kooperierenden Landwirten, sagt er, gebe es nirgendwo sonst.

    Ute Scheub
    19. Januar 2012

    www.em-chiemgau.de

    www.zivilcourage.ro

    www.chiemgauer.info

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  • 106-dreschflegel

    Fortpflanzer

    Ludwig Watschong züchtet alte Nutzpflanzen, die sich noch selbst vermehren können, und vertreibt die alten Sorten an Bäuerinnen und Gärtner.

    Liebhaber des Pop-Amaranth

    Ludwig Watschong züchtet alte Nutzpflanzen, die sich noch selbst vermehren können, und vertreibt die alten Sorten an Bäuerinnen und Gärtner.

    Der Erfurter Zwerg ist sehr selten geworden. Dabei tut die alte Blumenkohlsorte noch, was Pflanzen natürlicherweise tun: Sie vermehrt sich, indem sie Samen produziert, aus denen Nachkommen erwachsen. Das aber ist heute bei Gemüsepflanzen die große Ausnahme. In der Regel müssen Bäuerinnen und Gärtner jedes Jahr neue Saat kaufen, um eine anständige Ernte einzufahren. „Wir wollen Sorten erhalten und verkaufen, die man nachbauen kann“, sagt Ludwig Watschong aus dem nordhessischen Arenborn. Zusammen mit Gleichgesinnten aus ganz Deutschland hat er vor knapp zwanzig Jahren den Saatgutvertrieb Dreschflegel gegründet, der seinen Sitz im 30 Kilometer entfernten Witzenhausen hat.


    „Ich hatte das Gefühl, dass ich den ganz persönlichen Auftrag habe, mich um die Sortenvielfalt zu kümmern. Das ist schließlich ein sehr wichtiger Teil der Menschheitsgeschichte“, sagt Ludwig Watschong ohne jegliches Pathos. Jährlich schwindet die genetische Vielfalt der Nutzpflanzen um ein bis zwei Prozent. Nur noch 20 Prozent der Sorten im Handel sind samenfest – können also einfach im nächsten Jahr wieder ausgesät werden.


    Der 58-jährige Watschong kommt nicht aus der Landwirtschaft. Bevor er in dem winzigen Dorf bei Göttingen begann, in drei Gärten mit zusammengerechnet 3.000 Quadratmetern Gemüse, Kräuter und Blumen zu züchten, wurde er als Chemielaborant bei Hoechst ausgebildet, war Heilpraktiker, Trommelbauer und Koch. Irgendwann entdeckte er das Gärtnern, und vor über 25 Jahren hat er dann seine Lebensaufgabe gefunden.


    Watschong ist Erhaltungszüchter für 90 alte Sorten. Aber was heißt Erhaltung? Durch seine Auswahl entwickelt er die alten Sorten immer weiter, genau so, wie es Bauern jahrtausendelang getan haben. Bei einer Zwiebelsorte beispielsweise bevorzugt er diejenigen, die die dickste Stelle möglichst weit unten haben. „Ich bin zusammen mit den Pflanzen schöpferisch tätig. Die Natur schenkt, und ich darf mitmachen“, beschreibt der Mann mit Bart und Brille seine eigene Rolle. Irgendwie verstehe er heute, was es heißt, Pflanze zu sein – mit Hitze, Trockenheit, Wind und Kälte zurechtzukommen. Jede Art habe einen emotionalen Charakter: Der robuste Kohl, der schon wisse, was er wolle, sei ganz anders als die Melonen, die es kuschelig brauchten und der Fürsorge bedürften. Pflanzen durch Chemie oder womöglich Genmanipulation in eine gewünschte Richtung zwingen zu wollen, empfindet Watschong als „Vergewaltigung“.


    In seinem Zimmer baumeln überall Stoffbeutel und Kopfkissen, gefüllt mit Samen, die hier trocknen. Auch das Bücherbord steht voll mit Kistchen und Kästen, Gurken- und Marmeladengläsern, in denen braune, gelbe, grüne und rote Körner lagern – rund, länglich, schneckenförmig oder mit kleinen Borsten. Vor dem Fenster hängt ordentlich eine Häkelgardine, aber – eher unüblich – eine mit lachender Rübe drauf. Alles hier wirkt organisch gewachsen und vielfältig.


    Als Ludwig Watschong anfing, sich intensiv mit alten Kultursorten zu beschäftigen, gab es noch eine ganze Reihe mittelständischer Saatgutfirmen. Doch vor allem große Chemie- und Ölfirmen entdeckten in den 1980er-Jahren ein neues Geschäftsfeld – heute sind 67 Prozent des Weltsaatgutmarkts in der Hand von nur zehn Konzernen. Sie verkaufen vor allem nicht-samenfeste Hybridsorten, weil diese die Kundschaft zwingen, jedes Jahr wieder neues Saatgut anzuschaffen. Das ist nicht nur teuer für die Bauern. Der damit verbundene Verlust der genetischen Vielfalt birgt auch immense Gefahren, wie es zum Beispiel im 19. Jahrhundert in Irland deutlich wurde: Über eine Million Menschen verhungerten, weil dort damals alle Kartoffelpflanzen von wenigen importierten Ursprungsexemplaren abstammten und, anders als Artgenossen anderswo, nicht resistent waren gegen krankmachende Pilze.


    „Ich tue, was ich kann, und alles andere wird sich entwickeln“, sagt Watschong, der sich angesichts der Größe seiner Gegenspieler nicht aus der Ruhe bringen lassen will. Er möchte anderen Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, selbst zu erleben, was Vielfalt bedeutet. „Wenn ich einem Landwirt sage, ich habe ein paar Quadratmeter ausgesät, hält er mich für einen Spinner. Wenn ich ihm dann zeige, wie vielfältig Weizen aussehen kann, dann versteht er es.“


    Der von Ludwig Watschong ins Leben gerufene Versand vertreibt seit 1993 unter dem Namen Dreschflegel GbR Saatgut, das von gleichgesinnten und über ganz Deutschland verteilten Biobauern gezüchtet wird. Bei Dreschflegel haben Bauern und Gärtnerinnen die Möglichkeit, Dutzende von Bohnen-, Kohl- und Kürbissorten zu bestellen, rote, gelbe und weiße Bete mit unterschiedlichsten Qualitäten und Ansprüchen, Heil- und Kräuterpflanzen ebenso wie Blumen. Im thüringischen Schonhagen kann man das im Schaugarten sehen, riechen und schmecken.


    Am Anfang haben die Initiatoren des Versandes ihre Schätze noch kostenlos gegen eine Briefmarkenspende abgegeben. Doch die Nachfrage wächst jährlich um über zehn Prozent, und inzwischen gehen bei den 14 beteiligten Bauern pro Jahr fast 20.000 Bestellungen ein. Ludwig Watschongs Gefühl, dass ihn seine Arbeit reich macht, resultiert aber nicht aus den paar Euro, die er dabei einnimmt. Das schaffen der Zwei-Nutzen-Rosenkohl, die rosa Vergissmeinnicht, der Pop-Amaranth und der Krause Kerbel, die in seinen Gärten sprießen.

    Annette Jensen
    19. Januar 2012

    www.dreschflegel-saatgut.de

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  • 107-bergwaldprojekt

    Waldschule

    Stabile, naturnahe Wälder – das ist das Leitbild des Bergwaldprojekts. Unter Anleitung von Profis pflanzen Laien Bäume und lernen dabei viel über Ökosysteme.

    Freiwillige Forstarbeiter

    Stabile, naturnahe Wälder – das ist das Leitbild des Bergwaldprojekts. Unter Anleitung von Profis pflanzen Laien Bäume und lernen dabei viel über Ökosysteme.

    In ihrem Alltag arbeiten sie am Schreibtisch, an der Werkbank oder studieren – jetzt stehen sie an einem steilen Hang im Allgäu und pflanzen Bäume. Ein gutes Dutzend Personen aus ganz Deutschland hat sich für die ehrenamtliche Arbeit beim Bergwaldprojekt eine Woche Urlaub genommen. Unter der Anleitung von Forstingenieur Armin Sachs versuchen sie eine Schneise aufzuforsten, die vor über 20 Jahren der Orkan Wiebke geschlagen hat.


    Auf dem Weg steht eine Kiepe mit Schößlingen, Christel Schlüter hebt eine der kleinen Weißtannen heraus. Deren tiefe Pfahlwurzel soll wie ein Nagel im Brett wirken und dadurch das abschüssige Gelände vor Erosion schützen. Als Standort hat die Angestellte eines Offenbacher Ingenieurbüros den Platz neben einem alten Baumstumpf ausgewählt – so wie es Armin Sachs erklärt hat: „Der Schnee hier in der Gegend ist sehr dynamisch. Wenn die Bäume nicht richtig gesetzt sind, werden sie gleich im nächsten Winter wieder herausgezogen." Christel Schlüter findet die Arbeit zwar sehr anstrengend, doch vor allem ist die 56-Jährige begeistert: „Der Wald wird mir immer wichtiger.“


    Entstanden ist das Bergwaldprojekt 1987 in der Schweiz, ein paar Jahre später wurde die Organisation auch in Deutschland aktiv. Die Einsatzorte liegen zwischen den Alpen und Usedom; schon über eine Million standortgerechter Bäume wurden gepflanzt. Neben dem Schutz und Erhalt der Waldökosysteme haben zehntausende Teilnehmer zahlreiche Kilometer Wildbäche renaturiert und Hochmoore wiedervernässt.


    „Würden die Leute vom Bergwaldprojekt das hier nicht machen, müsste das der Freistaat Bayern irgendwie anders hinkriegen“, sagt Klaus Dinser, der das Schutzwaldmanagement bei der bayrischen Forstverwaltung leitet. Ja – irgendwie. Aber wie? Seit Jahren spart der Staat bei seinen Forstverwaltungen und vergrößert die Reviere; allein in Bayern sollen bis 2020 weitere zehn Prozent des Personals wegrationalisiert werden. Dabei sind die bayrischen Wälder nicht nur hier, an den Hängen des Allgäus, für die umliegenden Ortschaften existenziell, sondern auch für große Städte wie Ulm und Passau, denen sonst häufig Überschwemmungen drohen würden.


    Für Klaus Dinser können die Umbaumaßnahmen des Bergwaldprojekts gar nicht schnell genug gehen. In vielen Lagen haben seine Vorgänger keine Mischwälder, sondern reine Fichtenwälder gepflanzt; jedes Jahr werfen Stürme zahlreiche Flachwurzler um, und dort wo zwischen den Fichten keine Buchen oder Tannen wachsen, entsteht leicht ein Dominoeffekt. Deshalb ist er sehr froh über das Engagement der Laien. Und er schätzt die Qualität ihrer Arbeit. Nicht nur wird jede Bergwald-Gruppe von einer Fachfrau oder einem Fachmann wie Armin Sachs angeleitet. Auch das Projekt-Leitbild eines vielfältigen, stabilen und naturnahen Waldes stimmt mit seinen Vorstellungen überein.


    Unter den freiwilligen Waldarbeitern, die sich für eine der jährlich etwa 30 Aktionen anmelden, finden sich junge Leute ebenso wie Rentner; für Familien mit Kindern gibt es Spezialwochen, bei denen die Eltern arbeiten und der Nachwuchs naturkundlich vergnügt und gebildet wird. Außer für die Anreise entstehen den Freiwilligen keine Kosten. Die Unterkünfte sind einfach und liegen in der Regel außerhalb von Ortschaften. Christel Schlüter und ihre Kollegen übernachten in einer urigen Holzhütte, in der es nur kaltes Wasser gibt; Mutige können gleich hinter dem Haus in einen Bergfluss springen. Jeden Morgen um sechs Uhr werden sie geweckt, nach dem Frühstück geht es gegen halb acht zum Einsatzort. Ein Koch versorgt die Teilnehmer nach ihrer Rückkehr am Spätnachmittag mit einer Mahlzeit. Auch zwischendurch, im Wald, gibt es etwas zu essen. Manch ein Mittagsmahl wird sogar auf einem offenen Feuer erwärmt.


    Rund 10.000 Euro kostet den Veranstalter solch eine Woche: neben Kost und Logis sind auch Werkzeuge und die Versicherung der Teilnehmer zu finanzieren. Das zuständige Forstamt trägt etwa 40 Prozent der Kosten. Die fehlenden 6.000 Euro sammelt das Bergwaldprojekt in Form von Spenden oder Stiftungsgeldern ein.


    Viele Teilnehmer melden sich immer wieder für Waldarbeitswochen an. Auch Christel Schlüter ist überzeugt, dass sie bald wieder dabei sein wird – allerdings beim nächsten Mal in etwas flacherem Gelände.

    Annette Jensen
    19. Januar 2012

    www.bergwaldprojekt.de

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  • 108-bohmte

    Gemeinde Bohmte

    In dem niedersächsischen Städtchen Bohmte wurden alle Verkehrsschilder und Ampeln abmontiert. Seither kommt niemand mehr durch Autos zu Schaden.

    Mehr Sicherheit durch Risiko

    In dem niedersächsischen Städtchen Bohmte wurden alle Verkehrsschilder und Ampeln abmontiert. Seither kommt niemand mehr durch Autos zu Schaden.

    „Stellen Sie sich einen nackten Motorradfahrer vor“, bat Hans Monderman sein erstauntes Publikum im niedersächsischen Kleinstädtchen Bohmte. Weil ein Sturz für solch einen Mann folgenschwer wäre, führe er vorsichtig und langsam, erklärte der Verkehrswissenschaftler aus Holland und zog daraus den zunächst überraschenden Schluss: Mehr Risiko erhöht die Sicherheit! Als praktische Konsequenz empfahl Monderman den Bohmtern, alle Verkehrsschilder und Ampeln abzumontieren. Auch solle der 13.000-Einwohner-Ort unübersichtlicher werden, riet er. Denn vor allem die lange, weithin überschaubare Hauptstraße lade geradezu zum Rasen ein. Tatsächlich hatte es in den Jahren zuvor in Bohmte mehrere schwere Unfälle gegeben.


    „Ich bin nach Haus’ gegangen und hab gedacht: Was ist das für ein Schwachsinn“, erinnert sich der Ladenbesitzer Hubertus Brörmann, dessen zwei Bekleidungsläden und Wohnung direkt im Zentrum, an Bohmtes größter Kreuzung liegen. „Viel zu gefährlich“, war auch die spontane Reaktion des Polizisten Peter Hilbricht, der sofort daran dachte, dass hunderte von Schülern jeden Morgen die Kreuzung überqueren müssen.


    Dann aber reiste ein Bus voller Bohmter ins holländische Haren, wo Mondermans Idee bereits realisiert worden war. Manche setzten sich erst einmal ins Café und beobachteten den Verkehr, andere schlenderten auf den Straßen herum, die keinerlei Begrenzung zwischen Bürgersteig und Fahrbahn aufwiesen. Autofahrer, Fußgängerinnen und Radler teilten sich gleichberechtigt den Platz zwischen Bäumen und Straßenlaternen, und sogar die Lastwagenfahrer tasteten sich langsam voran; alles wirkte viel weniger hektisch und laut als daheim in Bohmte. Polizeioberkommissar Hilbricht ließ sich von seinen holländischen Kollegen berichten, dass es im Jahr vor der Neugestaltung in Haren 200 Unfälle mit mehreren Verletzten gegeben habe, während es anschließend so gut wie nicht mehr gekracht habe und kein einziger Mensch zu Schaden gekommen sei. Und als die Besucher aus Niedersachsen dann noch Fotos sahen, auf denen das frühere Haren ihrem Bohmte erstaunlich ähnelte, waren sie überzeugt: So einen Umbau wollten sie auch.


    Der ist an Bohmtes zentraler Kreuzung und den Zufahrtsstraßen seit 2008 umgesetzt. Ein weitläufiger Platz ist entstanden, in dessen Mitte je nach Jahreszeit ein Mai- oder Weihnachtsbaum steht. Langsam fahren die Autofahrer heran, Fußgänger und Radfahrerinnen queren das bürgersteiglose Feld so, wie es ihnen beliebt. Niemand hat hier Vorrecht – jeder muss aufpassen. Sogar auf den Parkbänken, die am Rande aufgestellt worden sind, lässt sich der ein oder andere Bohmter jetzt zum Verweilen nieder.


    Zwar fahren nach wie vor täglich 12.000 Fahrzeuge durch den Ort, der von einer Landesstraße durchzogen wird. Dennoch ist es in Bohmte deutlich ruhiger geworden, wie Ladenbesitzer Brörmann bestätigt. Brauchten die Autos früher in der Rushhour oft drei oder vier Ampelphasen, um über die Kreuzung zu kommen – was vor allem wegen der röhrend anfahrenden und jaulend bremsenden LKW eine große Belastung für die Anwohner war – fließt der Verkehr jetzt langsamer und gleichmäßiger. Auch die Fußgänger sind zufrieden. „Man kommt jetzt viel schneller rüber“, berichtet die 13-jährige Pauline Koopmann. Auch eine Rentnerin findet Bohmtes neue Mitte rundweg positiv. Nachdem sie sich in den ersten Wochen unsicher gefühlt habe, zeige sie den Fahrern nun per Handzeichen, dass sie die Straße überqueren will. „Die halten alle“, so ihre Erfahrung. Und deutlich hübscher sei Bohmtes Zentrum auch geworden, lobt die Seniorin.


    Zu weniger Verkehr hat die Reform freilich nicht geführt. Nach wie vor nutzen viele LKW den Weg über Bohmte, um eine Autobahnschleife abzukürzen. Und auch der Trend, Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen, bleibt in Bohmte ungebrochen. Doch die Unfallstatistik gibt dem inzwischen verstorbenen Verkehrsexperten Hans Monderman Recht: Kein einziger Mensch ist auf Bohmtes Straßen seit dem Umbau zu Schaden gekommen; lediglich eine Straßenlaterne wurde vielfach gerammt.

    Annette Jensen
    19. Januar 2012

    www.bohmte.de

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  • 109-bamboo-bike

    Bambus-Esel

    Eine studentische Initiative in Berlin baut Bamboo Bikes, um einen Beitrag zur „Rohstoffwende“ und zur regionalen Kreislaufwirtschaft zu leisten.

    Nachwachsende Räder

    Eine studentische Initiative in Berlin baut Bamboo Bikes, um einen Beitrag zur „Rohstoffwende“ und zur regionalen Kreislaufwirtschaft zu leisten.

    Was ist das? Es kann Pandabären und Menschen ernähren; sich zu Häusern und Möbelstücken zurechtbiegen; als Vorhang, Dose, Korb, Hut, Reuse, Flöte oder Papierersatz genutzt werden; kühlen und wärmen; als Hautmilch ins Gesicht geschmiert werden und bis zu 30 Zentimeter am Tag nachwachsen. An der Technischen Universität Berlin (TU) fährt es unter der Obhut von Thomas Finger sogar als Fahrrad herum. So etwas schafft nur der Bambus mit seinen knapp 1.500 Unterarten, die groß und klein, dick und dünn, in den Tropen und hiesigen Breitengraden wachsen.


    Das Bambus-Bike, das der 33-jährige Student der Luft- und Raumfahrt mitgebracht hat, fährt und bremst und steht wie ein ganz normales Rad. Nur dass der Rahmen aus bayrischem Bambus besteht, die Felgen und Lenkergriffe aus Holz, die durchaus harte Kette aus Kautschuk. Bisher sei das leider noch synthetischer Kautschuk, erklärt der hochgewachsene Mann mit dem dunklen Pferdeschwanz. Das Ziel aber sei, ein Rad zu 90 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen herzustellen – bisher sind die Bremse und einige andere Teile noch aus Metall.


    Wenn Thomas Finger volles Rohr durch die Straßen düst, bleiben die Leute schon mal stehen und staunen. Das Design, dominiert vom Gelb des Bambusrohrs und dem Braun von Holzgriffen und Ledersattel, erinnert ein wenig an die 1920er-Jahre. Die Gangschaltung wiederum ist Hightech, 21. Jahrhundert, und – etwas gewöhnungsbedürftig – nur mit den Fußhacken zu bedienen. „Dschungel-Style“, sagt der Erbauer dazu.


    Fingers Leidenschaft gehört eigentlich den Luftschiffen. Er träumt davon, eines Tages ein Solarflugschiff zu bauen, selbstredend auch das aus Bambus. Doch im Moment ist er vor allem damit beschäftigt, andere beim Bauen anzuleiten. Er betreut gleich zwei Projekte: Das eine sind Workshops in einer Garage im Stadtteil Wedding, die Interessierten aller Art und Altersklassen offenstehen; dort werden unter seiner Anleitung Radrahmen aus Bambus mit Biokleber zusammengefügt.


    Das andere Projekt ist die von ihm gegründete studentische Initiative grüneUni, die an ihrem wöchentlichen Stammtisch an der Technischen Universität Ideen zur Nachhaltigkeit entwickelt; der Selbstbau von Bambusrädern in einer hochschuleigenen Werkstatt im Stadtteil Charlottenburg gehört mit dazu. Für das nachwachsende Rad, das Finger als Tutor zusammen mit Annika Burmester betreut, erhielten sie die Auszeichnung Ausgewählter Ort im Rahmen des Wettbewerbs Deutschland – Land der Ideen sowie das Projektlabel Bildung für nachhaltige Entwicklung der Unesco.


    Fingers Übungen sind Fingerübungen in Sachen regionale Kreislaufwirtschaft. Der Projekttutor  stellt sich vor, dass Verkehrsmittel eines Tages zu hundert Prozent auf dem Feld wachsen oder im eigenen Garten geerntet werden könnten. Angesichts von „Peak Oil“ und „Peak Everything“ hält Thomas Finger eine „Rohstoffwende“ für dringend nötig. Er zählt die Vorteile von nachwachsenden Rohstoffen auf, im Wissenschaftsjargon „NaWaRo“ genannt: „Nutzpflanzen wachsen mit Sonnenergie und sparen damit Fossilenergien ein. Lokal angebaute und verarbeitete Rohstoffe stärken die regionale Wirtschaft und vermeiden Verkehrsemissionen. Langlebige Produkte aus Nutzpflanzen binden langfristig Kohlendioxid.“


    Und selbst wenn so ein Bambusrad eines Tages zu Schrott – oder Pflanzenmus – gefahren sei, sagt Finger, könne man es noch weiterverwerten: ab auf den Kompost. Ein Bambus-Biker ist also ein doppelter Klimaretter: Er oder sie spart Treibhausgase über nicht verbrauchtes Autobenzin ein und speichert CO2 auch noch in den eigenen Speiche(r)n.


    Fingers Werkstatt NaWaRo-Fahrrad, wo 15 Studierende im Wintersemester 2011/12 sogar zwei eBambus-Bikes mit Elektro-Zusatzantrieb bauen, gehört zu einer ganzen Kette von Projektwerkstätten. An der Berliner TU existieren sie schon seit 1985, und nach Meinung von Teilnehmenden sind sie eine echte Alternative zur universitären Paukerei von heute. Studierende können dort sozial und ökologisch nützliche Ideen eigenständig verfolgen und praktisch verwirklichen, ohne Einmischung durch die Professorenschaft, angeleitet nur von Tutorinnen oder Tutoren. Sogar Scheine erhalten die Werkelnden dafür. Allerdings gibt es zu wenig Projektwerkstätten – an der ganzen TU mit ihren rund 30.000 Studierenden waren Ende 2011 nur zehn im Angebot.


    Als die Projektwerkstatt für heute schließt, stauen sich draußen, auf dem dicht befahrenen Ernst-Reuter-Platz, mal wieder die Autos. Was, wenn der Platz eines Tages von lauter Bamboo Bikern umrundet würde? „Ein erholsamer Bambushain im autofreien Fahrrad-Kreisverkehr – diese geräuscharme und abgaslose Großstadtatmosphäre hätte dem guten alten Oberbürgermeister Ernst Reuter aber ganz grandios gefallen!“, kommentiert Thomas Finger.

    Ute Scheub
    19. Januar 2012

     

    www.berlin-bamboo-bikes.org
    www.projektwerkstaetten.tu-berlin.de

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  • 111-allmende-kontor

    Himmel über Berlin

    Auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof ist ein interkultureller Gemeinschaftsgarten entstanden. Das Allmende-Kontor versteht sich als Info- und Vernetzungsstelle für urbanes Gärtnern.

    „Hände in der Erde und Kopf in der Welt“

    Auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof ist ein interkultureller Gemeinschaftsgarten entstanden. Das Allmende-Kontor versteht sich als Info- und Vernetzungsstelle für urbanes Gärtnern.

    Tempelhofer Freiheit heißt der im Mai 2010 neu eröffnete Volkspark, und die Freiheit oben, das ist der Himmel über Berlin. Weit, dramatisch, grauschillernd wölbt er sich über dem 2008 geschlossenen Flughafen Tempelhof; der Wind pfeift, Wolken rasen über stillgelegte Startbahnen, auf denen Windsurfer rollen und Spaziergängerinnen flanieren. Die Freiheit unten, das sind zahlreiche Pionierprojekte, mit denen Bürger den Park temporär in Besitz genommen haben. Sie tragen so fantasievolle Namen wie Rübezahl Garten, Vogelfreiheit, basis.wissen.schafft oder Allmende-Kontor.


    Schon aus der Ferne ragt die Silhouette des Allmende-Kontors aus der Rasenfläche der Tempelhofer Freiheit hervor. Der seit April 2011 als Teil des Projektes entstandene Gemeinschaftsgarten stellt sich als kunstvolles Gebilde aus Hunderten von Hochbeeten dar: Die kontaminierte Flughafenerde darf nicht direkt bepflanzt werden. Die Pflanzenbehälter der vermutlich größten Hochbeetanlage der Welt, zusammengezimmert aus Paletten und Sperrholzresten, sind rund, eckig, gerade und schief. Kräuter wachsen in Kübeln und Badewannen, Grünkohl in Töpfen und Eimern, Spinat in Kisten und Kästen; und über all diesen bizarren Beeten mit integrierten Sitzbänken wehen Piraten- und Tibetfahnen im scharfen Wind. „Ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene“, lacht Gerda Münnich vom 13-köpfigen Organisationsteam des Allmende-Kontors, die ihre langen Haare unter einer Mütze versteckt hat, weil es hier zu Jahresanfang noch kalt und zugig ist. Doch die erste Frühlingssaat sprießt bereits, während der letzte Kohlkopf noch nicht geerntet ist.


    Die ersten Vandalen waren auch schon unterwegs, in der Neujahrsnacht haben sie ein paar Stühle zertrümmert. Das Organisationsteam des Allmende-Kontors hat deshalb zum Aufräumen aufgerufen und kredenzt Kaffee und Kuchen unter dem regenverhangenen Himmel: „Wir hatten keine Lust, einen Strafantrag zu stellen, wir wollen lieber zeigen, dass wir auch mit solchen Situationen konstruktiv und wiederaufbauend umgehen können“, sagt Kristin Radix, eine der 13 Organisatorinnen und Organisatoren, und hilft beim Aufsammeln der Trümmerteile. Der an das „Problemviertel“ Neukölln angrenzende Park wird nur nachts abgeschlossen, ansonsten ist er frei zugänglich. So gesehen hielten sich die Zerstörungen sehr in Grenzen, findet die 72-jährige Münnich, die in Berlin so etwas wie die graue Eminenz der interkulturellen Gärten ist.


    Gerda Münnich, Ende 1939 geboren, erlebte auf dem Spreewälder Bauernhof ihrer Großeltern die Nachkriegszeit und weiß, wie Gärtnern Hunger und Not lindern kann. In der DDR arbeitete die dreifache Mutter als Wirtschaftsinformatikerin, danach als Technische Redakteurin. Für sie ist die Allmende etwas Uralt-Neues, etwas Drittes zwischen realsozialistischem Staats- und kapitalistischem Privateigentum. Im Mittelhochdeutschen meinte „All(ge)meinde“ ein Feld im Gemeinschaftsbesitz einer Dorfgemeinde, das alle Dorfmitglieder mit ihren Tieren nutzen durften. Das Allmende-Kontor macht nun ganz Berlin zum Dorf: „Jeder, der möchte, darf mitmachen“, sagt Münnich, die 2003 mit dem Wuhlegarten den ersten von inzwischen gut 25 interkulturellen Gärten der Hauptstadt mitbegründete.


    Etwa 800 Gärtner aus der ganzen Welt beackern 285 Beete auf den 5.000 Quadratmetern des Allmende-Kontors. „Ich dachte zuerst, was ist das denn für ein Schrott, aber dann gefiel es mir immer mehr“, lacht eine afghanische Beetpatin. Und ein türkischer Mann zeigt stolz den Spinat, den er im November gepflanzt hat. „Zum Essen zu wenig, aber es macht Spaß“, sagt er. „Die pflanzlichen und menschlichen Kulturen mischen sich hier in jeder Hinsicht“, lächelt Gerda Münnich. Sie schätzt die „Verständigungsebene“, die so ein Garten auch und gerade für Menschen aus Kriegsgebieten bietet. „Wenn man selbst Flucht, Krieg und Vertreibung erlebt hat, kann man Migranten mit ihren Wünschen viel besser verstehen.“


    Das Organisationsteam, das seit 2009 in personeller Kontinuität 14-tägig im Plenum alle Probleme bespricht, ist von Herkunft und Beruf der Mitglieder ebenfalls bunt gemischt, erzählt sie. „Ich selbst gehöre zur größten Migrationsgruppe – der aus der DDR“, lacht Münnich, um hinzuzufügen, dass für sie nach dem Mauerfall „von einem auf den anderen Tag alles anders war – genauso wie für viele Migranten.“ Und wieder schaut sie über den weiten Horizont der Tempelhofer Freiheit: „Mit den Händen in der Erde und dem Kopf in der Welt – das ist unser Projekt. Für mich ist das hier derzeit der schönste Ort in Berlin.“


    Das Interesse der Leute ist riesig, selbst an diesem kalten Regentag bleiben Spaziergänger stehen und fragen, ob sie mitmachen dürften. Momentan seien alle Hochbeete belegt, aber sie könnten sich gerne in die Warteliste eintragen, antwortet Gerda Münnich. „Wer ein Beet gestalten will, bekommt eine Beetnummer und muss eine Email hinterlassen. Am Anfang des neuen Jahres fragen wir alle bisherigen Nutzer, ob sie weitermachen wollen. Zum Jahresanfang wird neu verteilt – das ist alles“, erklärt Münnich.


    Das ist alles? Und der Verwaltungsaufwand? Und überhaupt – so viel Freiheit im überregulierten Deutschland? Die alte Dame lacht und schaut in den Himmel, wo die Wolken jagen, als sei der Teufel hinter ihnen her. Die Stadt Berlin bekomme jährlich 5.000 Euro als pauschales Nutzungsentgelt für Instandhaltung des Parks, Müllbeseitigung und Gemeinkosten, erklärt sie. Die Organisatoren rufen zu Beiträgen und Spenden auf, um die Kosten für Nutzungspauschale, Wasser, Erde, Baumaterial und Geräte hereinzubekommen, und arbeiten mit Förderern wie der Stiftung Interkultur zusammen.


    Das eigentliche Kontor – eine Lehmbauhütte – soll auf dem Gelände erst noch gebaut werden. Es soll einen Gerätepool beherbergen sowie eine Saatgutbank, die aus Gemeinschaftsgärten gespeist wird. Und ein Anlaufpunkt, Lernort und Wissensspeicher für alle sein, die sich mit urbanem Gärtnern beschäftigen. Regelmäßige Gärtnerstammtische oder Kurse zum Selbstbau von Hochbeeten bietet die Gärtnergemeinschaft schon jetzt an, ebenso Picknicks und Erntefeste. Und ein Workshop soll demnächst die Frage klären, wie man am besten die Garten- und privaten Küchenabfälle sammelt, die in Terra-Preta-Schwarzerde verwandelt werden sollen. „Die Struktur entwickelt sich – offen und qualifiziert“, sagt Gerda Münnich und staunt selbst ein wenig darüber, wie unkompliziert und freiheitlich der Prozess verläuft. „Es gibt nur wenige Regeln, etwa, dass keine Chemie verwendet wird, und diese werden ausgehandelt“, erklärt sie.


    Der Regen hat aufgehört, am Horizont geht dramatisch gleißend die Sonne unter. „Man sollte auch mal bedenken, was früher hier war“, sagt Münnich. „Ein Flughafen mit Kriegsflugzeugen. Und jetzt wachsen Spinat und Sonnenblumen in der Tempelhofer Freiheit.“

    Ute Scheub
    19. Januar 2012

    www.allmende-kontor.de

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  • 112-100ee-regionen

    ganz und gar

    Erlösung von der Knechtschaft teurer Erdölimporte und aufwändiger Gaslieferungen: Die Bewegung der 100% Erneuerbare-Energie-Regionen wird immer stärker.

    Ein Viertel des Bundesgebiets befreit!

    Erlösung von der Knechtschaft teurer Erdölimporte und aufwändiger Gaslieferungen: Die Bewegung der 100% Erneuerbare-Energie-Regionen wird immer stärker.

    Bürgerwindanlagen! Solarparks! Energiegenossenschaften! An allen Ausstellungsständen wird für erneuerbare Energien geworben. Wir befinden uns, Ende September 2011, auf dem jährlichen Bundeskongress der 100% Erneuerbare-Energie-Regionen in der ehrwürdigen Stadthalle von Kassel, und diesmal sind so viele Bürgermeisterinnen und Kommunalbeauftragte gekommen wie nie zuvor – insgesamt etwa 800 Personen. Hier formiert sich die Energiewende von unten: eine kraftvolle Bewegung, deren Kommunalvertreter je nach lokaler Beschlusslage bis 2020, 2030 oder 2050 eine eigenständige Versorgung ihrer jeweiligen Region mit 100 Prozent grüner Energie aufgebaut haben wollen. Die 100ee-Regionen, wie sie sich selbst kurzgefasst nennen, umfassen inzwischen rund 130 Landkreise, Regionalverbünde und Gemeinden, 18 Millionen dort lebende Menschen und mehr als ein Viertel der Fläche des deutschen Bundesgebiets.

     

    Strickende Ökos mit Rauschebart sieht man hier nicht, dafür viele Männer und wenige Frauen im Businessdress. Sie vertreten eine pragmatische Generation, die Klimaschutz mit Geschäftemachen verbinden will. Warum Ölscheichs und Gasmagnaten mit dem Geld für Fossilenergien füttern, wenn man selbst Energie erzeugen kann?, sagen sie sich. Oder: Warum pro Kopf und Jahr rund 1.000 Euro ins Ausland rollen lassen, wenn man damit regionale Wertschöpfung betreiben kann? Robert Fischbach, der den Deutschen Landkreistag vertritt, gibt auf dem Podium den Ton vor: „Windräder müssen Kling-kling machen statt Plopp-plopp.“ Der CDU-Landrat aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf hat viele Projekte mit erneuerbaren Energien angestoßen. „Die Energiewende findet im ländlichen Raum statt“, sagt Fischbach.

     

    Die Städte sind Energiefresser und werden sich auf absehbare Zeit nicht selbst versorgen können, nur das Land hat genügend Platz für die Energiegewinnung aus Wind, Sonne und Biomasse. So bietet die Energiewende bäuerlichen Regionen ganz neue Chancen und Perspektiven. Beispiel Merkendorf in Mittelfranken: Die 2.750-Seelen-Gemeinde im Landkreis Ansbach hat ihr Ziel einer 100-prozentigen Versorgung mit Grünstrom schon 2010 erreicht. Inzwischen liegt sie bei 217 Prozent, exportiert also Energie. Der Ort mit seiner historischen Altstadt hat 875 Arbeitsplätze aufzuweisen, davon rund 300 im Bereich der erneuerbaren Energien neu entstandene. Im 2005 errichteten Energiepark siedelten sich unter anderem eine Bürgersolaranlage, mehrere Solarplus-Gebäude und neun Biogasanlagen mit angeschlossenem Wärmenetz an; eine Windparkgenossenschaft und weitere Projekte sollen folgen. Zusätzlich zum Gewinn für den Klimaschutz, so rechnete Bürgermeister Hans Popp in Kassel vor, habe Merkendorf im Jahre 2010 1,8 Millionen Euro eingespart, die früher für Öl ausgegeben worden wären, und 5 Millionen Euro durch Strom und Wärme erlöst. „Kling-kling“ funktioniert also bestens.

     

    Allerdings: Im Verkehrsbereich ist die Gemeinde noch nicht wirklich unabhängig von Erdölimporten, wenngleich sie ein Projekt für die gemeinschaftliche Nutzung von Elektroautos aufbaut. „Bei der Mobilität sind die 100 Prozent am schwersten zu erreichen“, sagt Kathrin Müller, deren Projektteam den Kongress in Kassel koordiniert hat. 100 Prozent grüner Strom dagegen seien am leichtesten zu organisieren, so Müller weiter, im windreichen Nordfriesland erreichten manche Gemeinden sogar schon 300 bis 400 Prozent: Kling-kling-kling-kling.

     

    Will eine Gemeinde zur 100ee-Region werden, muss sie detailliert nachweisen, wie und wann sie energieautark werden will. Für die Begutachtung dieser Pläne und die anschließende Begleitung des Veränderungsprozesses ist eine neunköpfige Projektgruppe zuständig, der auch Kathrin Müller angehört. Das vom Bundesumweltministerium finanziell geförderte 100ee-Regionen-Projekt und mit ihm das Projektteam ist zum Jahresanfang 2012 unter das Dach des neu gegründeten Instituts dezentrale Energietechnologien an der Universität Kassel (IdE) gewechselt, welches die Durchführung des Projektes vom Kompetenznetzwerk Dezentrale Energietechnologien e.V. (deENet) übernommen hat. Das Koordinationsteam begleitet, berät, unterstützt und vernetzt die Gemeinden bis zum Erreichen ihrer selbstgesteckten Ziele. Die Teammitglieder sind ständig auf Reisen, denn Strategiegespräche und Vorträge vor Ort gehören dazu. Und: „Die Arbeit wäre nicht zu schaffen ohne die vielen Ehrenamtlichen“, sagt die 29-jährige Politikwissenschaftlerin Müller, die für Politikberatung zuständig ist. Der Wind unter den Flügeln der jungen Bewegung stimme sie „sehr hoffnungsvoll“, fügt sie hinzu. Also nicht nur „Kling-kling“.

     

    Die Bewegung startete allerdings nicht in Kassel, sondern im atommüllbedrohten Gorleben und im bayrischen Fürstenfeldbruck. Auf einem der Poster, die deENet in der Kasseler Stadthalle zu einer Ausstellung über die 100ee-Regionen zusammengefügt hat, stellen sich die Pioniere aus dem Wendland unter dem Motto vor: „100% sind machbar, Herr Nachbar!“ Bereits 1997 hat der Landkreis Lüchow-Dannenberg ehrgeizige klimapolitische Ziele formuliert und seither neben vielen Solar- und Windprojekten die erste Biogastankstelle Deutschlands errichtet. Die nächsten im Bunde waren die Gemeindevertreter von Fürstenfeldbruck, die im Jahr 2000 beschlossen, durch einen intelligenten Mix von regenerativen Energien den Ballungsraum München mitzuversorgen.

     

    Neben Klimaschutz und regionaler Wertschöpfung hat die 100ee-Bewegung noch ein drittes, ein wichtiges demokratisches Ziel: Die Bürgerinnen und Bürger sollen einbezogen werden. Lange genug haben Energiekonzerne der Bevölkerung fossile und atomare Großkraftwerke vor die Nase gesetzt, ohne sie zu fragen. Jetzt, da ihr Stammgeschäft bedroht ist, behaupten  sie, „Wutbürger“ würden den Ausbau von „grünen Netzen“ doch gar nicht wollen. Dabei erreicht die Zustimmung zu erneuerbaren Energien geradezu „sozialistische Werte“, wie Philipp Vohrer von der Agentur für Erneuerbare Energien in Kassel fein lächelnd feststellt. Laut einer repräsentativen Umfrage von 2011 halten 94 Prozent der Bundesbürger den Ausbau der regenerativen Energien für „wichtig bis außerordentlich wichtig“. Mit einem Solarpark in ihrer Nachbarschaft wären 76 Prozent einverstanden, mit einer Windanlage 69 Prozent, mit einem Kohlekraftwerk nur 9 und mit einem Atommeiler bloß 3 Prozent.

     

    Widerstand gibt es vor allem dort, wo Bürger und Gemeinden am Mitreden gehindert werden. Bei der Errichtung von Bürgersolaranlagen oder Windgenossenschaften haben die Menschen hingegen das Gefühl, für das Klima und für sich selbst etwas tun zu können - ein Aspekt der Selbstbestimmung, der auch in der Charta der 100ee-Regionen eine wichtige Rolle spielt, die auf der Kasseler Tagung verabschiedet und ins Internet gestellt wurde. Die Unterzeichnenden der Charta versichern, dass sie „attraktive und zukunftsweisende Lebens-, Wirtschafts- und Kooperationsformen“ entwickeln, „partizipative Entscheidungsprozesse nutzen“ und „die Energieversorgung stärker in die Hand der Bürger legen wollen.“ Kling-kling, plopp-plopp und oho!

    Ute Scheub
    19. Januar 2012

    www.100-ee.de

    www.deenet.org

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  • 113-adamec-recycling

    Schrottputtel

    Der Fürther Recycling-Unternehmer Thomas Adamec hat eine Anlage entwickelt, mit der sich aus Elektronikschrott mehr Rohstoffe denn je zurückgewinnen lassen.

    Wohlstandsschrott pulverisieren

    Der Fürther Recycling-Unternehmer Thomas Adamec hat eine Anlage entwickelt, mit der sich aus Elektronikschrott mehr Rohstoffe denn je zurückgewinnen lassen.

    Thomas Adamec nennt sich einen „Bastler“. Das muss stark untertrieben finden, wer sich den Kopf verrenkt, um die Anlage zu erfassen, die Adamec in den letzten 15 Jahren im fränkischen Fürth entwickelt und gebaut hat. 1.000 Quadratmeter Platz braucht sie, 1.000 weitere erfordern Belieferung und Bedienung; sie ragt mehrere Stockwerke in die Höhe und übertrifft alle vom harmlosen Wort „Anlage“ erzeugten Erwartungen, besteht sie doch aus unzähligen Einzelmaschinen (über 200 sind es, erfährt man später). „Verbundstoff-Elektronikschrott-Recycling-Anlage“ heißt das gigantische Gerät mit vollem Namen, und seine Fähigkeiten stehen seiner Erscheinung in nichts nach: Aus Friteusen, Videospielkonsolen, Heißgetränkeautomaten, Klimaanlagen macht es wieder Kunststoff, Aluminium, Kupfer, Eisen.

     

    Ähnliches können auch andere Recycling-Anlagen – aber keine kann es annähernd so gründlich, so sauber und so elegant wie die von Thomas Adamec. Recycling-Fachmagazine prophezeien, dass dieses Ungetüm den Umgang mit Elektronikschrott revolutionieren wird. Aber langsam: zurück zum Bastler. Und zu seiner Idee, denn an der hat Adamec festgehalten, obwohl sie die längste Zeit kaum als bahnbrechend erkannt wurde. 

     

    Seit er mit 20 Jahren in den Ein-Mann-Schrotthandel seines Vaters eingestiegen ist, geht es Thomas Adamec ums Auseinandernehmen und Aufbereiten. Sein Vater habe den Schrott intakt gelassen und weiterverkauft; er, der Sohn, hingegen habe bald erste Zerkleinerungsversuche unternommen, zunächst mit dem Gartenhäcksler. Der heute 51-jährige Franke schmunzelt – auch darüber, dass seine Branche dieser Methode im Grunde genommen noch immer vertraue. Adamec selbst hat das bis Mitte der 1990er-Jahre getan – dann aber seinen Gedanken ernst genommen, dass es möglich sein müsse, Schrott sauberer zu trennen als ihn nur in immer kleinere Teile zu zerlegen.

     

    Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern begann Thomas Adamec, inzwischen Geschäftsführer, einen gewaltigen Versuch: Neben dem laufenden Recycling-Betrieb experimentierten sie mit Sortiertechniken, die bis dato im Elektronikrecycling nicht verwendet wurden. 15 Jahre lang tüftelten sie an Röntgen- und Induktionstechniken, Mahlwerken und Kameras , schalteten hintereinander, bauten um, testeten. Das Ergebnis ist – die Anlage.

     

    Zehn Millionen Euro hat das Projekt verschlungen, weshalb Adamec sich über fünf der 15 Anlagenjahre zusätzlich der Herausforderung widmete, Förderer und Kreditgeber für seine Vision zu begeistern. Aufgeben wollte der Unternehmer trotz zeitweiliger Finanzierungsschwierigkeiten nicht, und so läuft das monströse Maschinenkonglomerat seit Anfang 2011, auf einem eigens dafür erworbenen Grundstück in einem Nürnberger Industriegebiet. Nach einem Jahr Testbetrieb läuft die Anlage seit Februar 2012 „toujours“, bzw. vorerst im Einschichtbetrieb – worauf der Franke auch deshalb sehnlich gewartet hat, weil nur so genug Schrott verarbeitet werden kann, um die Kredite abzubezahlen. 

     

    Um zu verstehen, was Adamecs Anlage so besonders macht – damit wären wir dann wieder bei der Revolution –, muss man wissen, wie mit Elektronikschrott konventionell umgegangen wird. In Deutschland werden Elektroaltgeräte – vom Mobiltelefon bis zum Geldautomaten – von Kommunen oder Elektronikherstellern an Recycling-Unternehmen verkauft. Die konzentrieren sich darauf, die Altgeräte in Bruchteile zu zerlegen und diese dann nach ihren Hauptkomponenten grob zu sortieren. Anschließend werden die Bruchteile zu weiteren, oft hunderte Kilometer entfernten Betrieben transportiert, die auf die Verwertung von nur einem Inhaltsstoff spezialisiert sind. Der Eisenverwerter isoliert Eisen, der Kupferverwerter Kupfer; die noch enthaltenen anderen Metalle und Kunststoffe sind für sie Müll. Kunst- und Verbundstoffe, deren Verwendung in Elektrogeräten seit Jahrzehnten stetig zunimmt, werden dabei in den meisten Fällen gar nicht weiterverwertet.

     

    Mit aufwändigen Zwischentransporten, wegzuwerfenden Metallresten und Kunststoffmüll räumt Adamecs Elektronikschrott-Verbundstoff-Recycling-Anlage nun auf. Sie trennt die metallischen Bestandteile so präzise, dass Eisen, Kupfer, Aluminium ohne weiteren Zwischenschritt an Gießereien, Elektrostahl- und Metallwerke geliefert werden können. Die wichtigste Innovation und Paradedisziplin der Anlage ist jedoch die Trennung flammschutzfreier von halogenhaltigen belasteten Kunststoffen: Nun kann ein bisher unerreichter Teil der unbelasteten Kunststoffe weiterverwertet werden.

     

    Sagenhafte 95 Prozent des Elektronikschrotts, der in die Anlage eingespeist wird, kommen in Form von verwertbaren Rohstoffen wieder aus ihr heraus – und in den nächsten Jahren will Adamec diesen Anteil sogar auf 99 Prozent erhöhen. Wie sich aus den aktuell nicht verwertbaren 5 Prozent, einem Staubgemisch, noch seltene Erden filtern lassen können, testet der Unternehmer derzeit zusammen mit Ökopol; eine Kooperation mit der Fraunhofer Gesellschaft widmet sich der Befreiung belasteter Kunststoffe von Flammschutzmitteln – z.B. Chlor oder Brom –, um auch deren Bestandteile wieder als Werkstoffe zur Verfügung stellen zu können. 

     

    Sollten sich Investoren finden, kann Thomas Adamec sich auch vorstellen, sein Produkt irgendwann serienmäßig zu produzieren. Einen weltweiten Bedarf an 10.000 seiner Anlagen hat ihm ein Wirtschaftsforschungsunternehmen prognostiziert. Stünden sie auch in Ghana oder Indien, könnten die Leute dort vielleicht aufhören, ihre Gesundheit und ihre Umwelt zu ruinieren, indem sie Elektronikgeräte mit Bunsenbrennern oder Säure auseinandernehmen.

     

    Dass seine Recycling-Tüftelei der Umwelt zugute kommt, sei für ihn erst im Laufe der Zeit zentral geworden, gesteht Adamec; anfangs habe ihn vor allem seine Faszination für die Technik geleitet. Mittlerweile begeistert ihn aber, dass es durch seine Maschinenkonstruktion möglich geworden ist, den „Wohlstandsschrott“ erst gar nicht zu umweltverschmutzendem Müll werden zu lassen, und dass gleichzeitig zumindest die Rohstoffe, die sie ausspuckt, nicht neu abgebaut oder produziert werden müssen.

     

    Ob er auf seine Erfindung stolz ist? „Eine Erfindung habe ich ja nicht gemacht,“ spielt der Franke seine Leistung herunter, „die Maschinen gibt es doch alle auf dem Markt zu kaufen. Wir haben nur hier und da was umgebaut.“

    Luise Tremel
    19. Januar 2012

    www.adamec.de

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  • 119-greenhouse

    Urban Fishing

    Auf dem Dachgarten der Berliner Firma Blue Economy Solutions wachsen in einem Kreislaufsystem selbst im Winter Tomaten, Brokkoli und Fische heran.

    Tropenwunderchen im Winter

    Auf dem Dachgarten der Berliner Firma Blue Economy Solutions wachsen in einem Kreislaufsystem selbst im Winter Tomaten, Brokkoli und Fische heran.

    In zwei großen Bottichen schwimmen Welse. In den Beeten daneben steht Brokkoli grün im Saft, der Schnittsellerie wuchert immer noch. Der Tomatenstrauch trägt Früchte, walnuss- oder hühnereigroß, nur die Farbe muss nach der Ernte noch nachreifen. Und all die Pracht im Januar, in einem rund zehn Quadratmeter großen und etwa 15 Grad warmen Glashaus auf einem Dachgarten in Berlin-Mitte, Greenhouse genannt. Zugegeben, der Winter 2011 auf 2012 ist mild, nur nachts gibt es Minusgrade. Dennoch ist das Greenhouse ein Tropenwunderchen in der kalten Jahreszeit, denn das System ist ein geschlossener Kreislauf und braucht keine zusätzliche Energie. Naja, jetzt im Teststadium stimmt das noch nicht ganz, aber bald wird es der Fall sein.

     

    Konstruiert haben das Gewächshaus Markus Haastert und Anne-Kathrin Kuhlemann, der eine Gründer von ZERI Germany, die andere Mitbegründerin der Firma Blue Economy Solutions. ZERI ist die Abkürzung der Stiftung Zero Emissions Research and Initiatives, die vom Blue-Economy-Vordenker Gunter Pauli gegründet wurde. Ziel der Blue Economy ist eine Güterproduktion frei von Müll und Energieverschwendung, in der jeder Abfallstoff Ausgang für ein neues Produkt ist. Im Falle des Greenhouse fließt das von den Fischen verkotete Wasser in die Hydrokulturbeete und düngt dort die Pflanzen. Das Gemüse nimmt die Nährstoffe mit den Wurzeln auf; das Wasser wird dadurch gereinigt und mit Hilfe einer kleinen Elektropumpe anschließend wieder in die Fischbecken zurückgeführt. Den Strom und die Wärme für das auf etwa 22 Grad geheizte Fischwasser liefert ein angeschlossenes neuartiges Solarmodul einer schwedischen Firma, das mit einer optischen Oberfläche arbeitet und deshalb auch im lichtarmen Berliner Winter wesentlich bessere Ergebnisse erreicht als herkömmliche Solaranlagen.

     

    Nur nachts benötigt die Anlage normalen Strom, und als Backup für den Fall eines heftigen Frosteinbruchs steht ein Heizstab bereit. Auch das Fischfutter ist noch nicht vollständig „kreislaufisiert“. Etwa die Hälfte des Futters kauften sie weiterhin im Handel, erklärt Anne-Kathrin Kuhlemann. „Aber Fischmehl entspricht überhaupt nicht unseren Vorstellungen von Nachhaltigkeit, das Zeug wollen wir so schnell wie möglich durch eigene Würmer ersetzen“, sagt die blonde Geschäftsführerin von Blue Economy Solutions. Die „eigenen Würmer“ werden in kompostiertem Kaffeeabfall selbst gezüchtet. Ein weiteres Projekt der Blue Economy respektive der Firma Chido’s Mushrooms ist nämlich die Zucht von Edelpilzen auf Kaffeesatz. Dieser wandert nach der Pilzernte zusammen mit Pflanzenabfällen aus dem Greenhouse auf den Kompost. Würmer nähren also Fische, Fische nähren Pflanzen, Pflanzen nähren Würmer.

     

    Ein Kilogramm Fisch kann auf diese Weise 50 Kilogramm Gemüse und noch einmal 0,8 Kilogramm Fisch erzeugen: eine höchst effiziente Umwandlung. Aquaponic heißt das raffinierte Kreislaufsystem, das neben Energie riesige Mengen Wasser einspart – das Wort setzt sich aus Aquakultur (Fischproduktion) und Hydroponic (Pflanzenproduktion im Wasser) zusammen.

     

    Entwickelt wurde das System nicht in Berlin, sondern in Nordamerika und China. Der chinesische Professor George Chan widmete sich der Frage, wie man ökologische Fischzucht ohne Fischfutter betreiben könne, und kam auf viele verschiedene Lösungen. In der Jungenschule Montfort Boys Town auf den Fidschi-Inseln baute er ein Vorzeigeprojekt auf, das Hühner- und Fischzucht zusammenführte und der Schule zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit verhalf; im brasilianischen Bundesstaat Paraná integrierte er Fisch- und Schweinezucht. Chan hat bisher insgesamt rund 250 Projekte in über 80 Ländern angestoßen. Gunter Pauli und ZERI Germany veröffentlichen Chans Konstruktionen als Open-Source-Modelle auf ihren Webseiten. In Berlin hat sich auch die Malzfabrik das Prinzip abgeguckt und bestückt nun ausrangierte Schiffscontainer mit Gemüse und Fisch.

     

    Wenn das Greenhouse von Blue Economy Solutions demnächst auch in größerem Maßstab weitere Testläufe besteht, werden die Designer ans „Aufhübschen“ gehen, wie Markus Haastert lachend sagt; danach soll es irgendwann serienmäßig hergestellt werden. „Ob als Fertigprodukt oder in Bauteilen, das wissen wir noch nicht“, erklärt der bebrillte Mann, der es in einer bewegten Biografie vom Schlosser bis zum Social Entrepreneur gebracht hat.

     

    Vorerst aber müssen die Mitarbeiter weiterhin fleißig Gemüse essen. „Im Sommer haben wir Salat gegessen, bis er uns zu den Ohren rauskam“, erzählt Haastert. „Das Gemüse ist wie Unkraut gewachsen“, ergänzt Kuhlemann. Und bei der Weihnachtsfeier machten sich die beiden Chefs persönlich ans Fischeschlachten, um sich und ihren Angestellten im Ofen gebackene Drei-Pfund-Welse zu servieren. „Lecker waren sie, doch das Töten – naja, das war für mich schon eine Überwindung“, gibt Haastert zu. „Aber entweder man ernährt sich konsequent vegetarisch, oder man macht auch mal sowas. Fisch aus der Tiefkühltruhe? Ist nicht mehr!“

    Ute Scheub
    20. Januar 2012

    www.blueeconomysolutions.de

    www.topfarmers.de

    www.zeri-germany.de

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  • 63-mythopia

    schwarzes Gold

    Terra Preta hat das Potenzial, die Klimakatastrophe zu mildern, Hunger und Armut zu bekämpfen sowie die Artenvielfalt steigen zu lassen. Ein Besuch bei den Pionieren des Klimafarming.

    Wein trinken für den Klimaschutz

    Terra Preta hat das Potenzial, die Klimakatastrophe zu mildern, Hunger und Armut zu bekämpfen sowie die Artenvielfalt steigen zu lassen. Ein Besuch bei den Pionieren des Klimafarming.

    Hans-Peter Schmidt, groß, hager und braungebrannt, steht in seinem Weinberg. Schwärme von Schmetterlingen flattern zu Blumen, die zwischen den Weinstöcken wachsen: Bläulinge, Scheckenfalter und noch seltenere Arten. Mythopia, so heißt das hiesige Forschungsweingut, das zwischen Viertausendern des Schweizer Wallis liegt, und Schmidt ist sein Leiter.


    Mythopia, das ist ein Wortspiel aus Mythos und Utopie. Der studierte Philosoph aus Sachsen, der gegen das DDR-Regime opponierte, sich nach dem Mauerfall in eine Schweizerin verliebte und im Wallis eine Familie gründete, liebt solche Anspielungen. Ithaka, so hat Schmidt das Internetjournal von Mythopia getauft. Folgt man dem alten Mythos, sind die meisten Bewohner von Odysseus’ Heimatinsel Ithaka mangels Lebensgrundlagen ausgewandert. „Ithaka steht für die Sehnsucht der von der Landwirtschaft vertriebenen Schmetterlinge, Bienen, Libellen, Gottesanbeter, in absehbarer Zukunft wieder ihre angestammten Lebensräume in den Weinbergen, Wiesen und Feldern zu bewohnen“, heißt es im Ithaka-Journal. Nur wenige Schritte von Mythopia, zwischen den konventionell bewirtschafteten Reben des Nachbarn, beginnt das Reich, aus dem sie vertrieben wurden: Hier gibt es keine Falter mehr, alles wirkt steril – Monokultur eben.


    2005 übernahm Naturliebhaber Schmidt das Gelände, und seitdem ist die Artenvielfalt in seinem Mythopia-Weinberg in rasantem Tempo angestiegen. Um Inseln für nützliche Insekten, Bakterien und Pilze zu schaffen, ließ er mindestens alle 50 Meter einen Obstbaum pflanzen: Apfel, Quitte, Pfirsich, Kirsche, Aprikose, Mandel oder Feige. Kästen mit Schlupflöchern dienen als „Hotels“ für Wildbienen oder Schlupfwespen, die die plageähnlichen Insektenmassen aus den benachbarten Monokulturen verspeisen. Es duftet nach Thymian, Oregano und Lavendel. Zwischen den Reben stehen Wildkräuter, Rosen und Ringelblumen, alte Getreidesorten, Tomaten, Kürbisse und Gemüse. Die ungewöhnliche Symbiose nützt allen – Milliarden von Mikroorganismen, Pilzen, Pflanzen, Tieren und Menschen.


    Wissenschaftler kleben wie große Falter im Weinberg; ständig schauen Forscher aus der ganzen Welt vorbei. Zehn Mitarbeiter des Delinat-Institut für Ökologie und Klimafarming, die hier Feldforschung betreiben, werden zusammen mit ihrem Leiter Hans-Peter Schmidt von einer Stiftung finanziert, die der Inhaber des Delinat-Versandhandels für Bioweine gegründet hat. Der Schweizer Biologe Claudio Niggli etwa zählt in mühevoller Kleinarbeit Arten; bisher ist er auf 47 tagaktive Schmetterlingsarten und über 150 verschiedene Wildpflanzen gekommen. Die Biodiversität ist die eine Besonderheit der Domaine de Mythopia, die andere ist das Klimafarming.


    Auf 3.000 Quadratmetern findet hier der bisher größte Feldversuch in Europa statt. Klimafarming heißt das Verfahren, weil der Atmosphäre mittels Verkohlung von Pflanzen das Treibhausgas Kohlendioxid, CO2, entzogen und in Form von Kohlenstoff als Bodenverbesserer dauerhaft unter die Erde gebracht wird. Eine Win-Win-Strategie, die den Schutz des Klimas und größere Ernten fördert. Den Holzkohlenstaub liefern Pyrolyseanlagen, die Pflanzenabfälle verkohlen und die Energie dafür in Form von Gas selbst erzeugen. Die Pflanzenkohle wird indes nicht direkt eingebuddelt, das würde gar nichts nützen, sondern durch Fermentierung und Kompostierung in einen Speicher für Mikroorganismen, Wasser und Nährstoffe umgewandelt. Diesen Speicher, die Schwarzerde, stellen Schmidts Mitarbeiter innerhalb weniger Wochen her, indem sie Weinabfälle und -rückstände wie Trester sowie andere Biomasse zusammen mit der Pflanzenkohle unter Luftabschluss fermentieren lassen. Das funktioniert so ähnlich wie bei der Sauerkrautherstellung und riecht auch so: Milchsäurebakterien, auch unter dem Namen Effektive Mikroorganismen (EM) bekannt, zerlegen die Biomasse zu Futter für Regenwürmer und andere Bodentiere.


    Bei einer wachsenden Gemeinde von internationalen Wissenschaftlern sorgt das Potenzial des Klimafarming für Schmetterlinge im Bauch. Professor Bruno Glaser von der Universität Halle-Wittenberg etwa glaubt, das könne „aus eigentlich unfruchtbaren Böden blühende Landschaften“ machen. Nach Schätzung des Bodenkundlers Rattan Lal könnte die Klimakatastrophe gestoppt und der CO2-Gehalt in der Erdatmosphäre gar auf vorindustrielles Niveau gebracht werden, wenn nur in den nächsten hundert Jahren weltweit zehn Prozent mehr Kohlenstoff in die Böden eingearbeitet würde. Auch Haiko Pieplow vom Bundesumweltministerium, der die uralte Anbautechnik experimentell wiederentdeckt hat, sieht darin eine „Jahrhundertinnovation“. Terra Preta do Indio, zu Deutsch Indianerschwarzerde, hat in den Gartenstädten des vorkolonialen Amazonasgebiets wahrscheinlich Millionen Menschen ernährt und den nährstoffarmen Regenwaldboden in einen der fruchtbarsten Böden der Welt verwandelt – bis die Spanier kamen, die Ureinwohner ausrotteten und damit auch das Wissen um die schwarze Erde.


    Schmidt steht zwischen den Schmetterlingen in seinem Weinberg und zeigt auf die Nachbargrundstücke, wo in den heißen Sommern des Wallis ständig Wassersprenkler laufen müssen. Bei ihm sei das nicht nötig, sagt er, der Mythopia-Weinberg müsse wegen der Speicherfähigkeit der Pflanzenkohle kaum gewässert werden. Auch sind seine Weinstöcke sichtbar größer und ertragreicher als die Reben der konventionell wirtschaftenden Nachbarn. Biokohle speichert wie ein Akku nicht nur Wasser, sondern auch Energie, Nährstoffe und Luft im Bodenleben. Nutzpflanzen ernähren sich bedarfsgerecht; im Vergleich zu kunstdüngerversorgten Pflanzen sind sie größer, resistenter und fruchtbringender.


    Dank der stabilen Struktur des Kohlenstoffs baue sich Humus in Terra-Preta-Böden nicht ab, erklärt Schmidt, der im Humusaufbau mittels kleinteiligen Ökolandbaus, Kompostierung und Schwarzerde ein mächtiges Instrument gegen den Welthunger sieht. In den ausgelaugten Böden Afrikas betrage der Humusgehalt oft nur noch ein Prozent, mit dem Terra-Preta-Verfahren aber würden über zehn Prozent Humus in tropischen Böden möglich. Das könne die Ernten von weltweit 1,5 Milliarden Kleinbauern enorm steigern und sie unabhängig machen von Hunger, Kunstdünger, Agrarkonzernen und Gentechnik.


    Dann stapft er weiter bergan zu einem Garten mit wunderbarer Aussicht auf die benachbarten Alpengipfel, den der Leiter eines Anti-Sucht-Projektes am Rande des Mythopia-Weinbergs anlegen ließ. Hier züchten rund 90 ehemals Suchterkrankte üppige Zucchini, Lauch und Salate auf der schwarzen Erde. Ihre gärtnerischen Erfolge tragen mit zu ihrer Gesundung bei. Bereits im ersten Jahr der Bewirtschaftung brachte das 400 Quadratmeter große Grundstück fast 2.000 Euro Umsatz ein, erzählt Hans-Peter Schmidt. Und lächelt einem Schmetterling hinterher, der im Blau der Berge tanzt.

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.ithaka-journal.net

    www.delinat-institut.org

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  • 71-the-rooters

    back to the roots

    Das Bernburger Label the rooters lässt Lederprodukte mit einem Extrakt aus heimischer Rhabarberwurzel gerben – ein umweltfreundlicher Ersatz für giftige Gerbstoffe.

    Zurück zu den Wurzeln

    Das Bernburger Label the rooters lässt Lederprodukte mit einem Extrakt aus heimischer Rhabarberwurzel gerben – ein umweltfreundlicher Ersatz für giftige Gerbstoffe.

    Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Bernburg sitzt mitten zwischen wurzeligen dunklen Feldern, und im Institute of Bioanalytical Science hockt Anne-Christin Bansleben. Die aparte Dame mit den langen dunklen Haaren weiß viele Geschichten über Ledergerberei zu erzählen – ein so dreckiges und stinkendes Verfahren, dass die Gerber erst aus den mittelalterlichen Städten und später aus den Industrieländern verbannt wurden. Ein Team hat hier in Bernburg ein umweltfreundliches und gut riechendes Verfahren entwickelt, um Leder mit Rharbarberwurzeln zu gerben. The rooters heißt das von der promovierten Ernährungswissenschaftlerin, ihrem Mann und dem Professor des Instituts im März 2010 gegründete Label in Anspielung auf die Wurzeln, Rhabarberleder ihre eingetragene Marke. Zurück zu den Wurzeln der Natur.


    Auf dem Tisch kuscheln sich auf diese Weise behandelte samtweiche Lederhäute zusammen. Die 33-Jährige reibt die Häute zwischen den Fingern und animiert ihre Gäste, das gleiche zu tun. Es ist ein völlig neues Ledergefühl. „Das Leder lässt sich auch viel besser verarbeiten, das ist beinahe wie Stoff Nähen“, sagt sie. Rhabarber – die Wurzel des Guten? Die aus dem benachbarten Halberstadt stammende Pflanzenforscherin weiß aus ihren Laboruntersuchungen, dass Rhabarber viele zum Gerben geeignete Polyphenole enthält. „Und dann haben wir es praktisch ausprobiert und hatten tolle Ergebnisse.“ Die Hochschule unterstützte ihre Firmengründung, weil Sachsen-Anhalt mit seiner hohen Erwerbslosigkeit und seiner schrumpfenden Bevölkerung neue, zukunftsträchtige Jobs dringend braucht.


    Sie stünden erst am Anfang mit ihrem Geschäft, sagt Anne-Christin Bansleben, das müsse alles langsam und organisch wachsen. So wie auch die verschiedenen Rharbarbersorten mit dem besonders hohen Gerbstoffgehalt, die sie auf den Feldern nahe der Hochschule erntet. Die Stängel isst sie „immer noch gern“ als Kompott oder Kuchen, die Wurzeln werden zerkleinert und in einer  Extraktionsanlage nach einem speziellen Verfahren in einen Extrakt verwandelt. Die Inhaltsstoffe will sie nicht preisgeben, das Verfahren ist patentiert – eine Open-Source-Produktionsweise haben die Erfinder wohl nicht in Betracht gezogen. Die Geschäftsführerin von the rooters streicht über ihr Leder: „Das ist jetzt alles 100 Prozent made in Germany.“


    Historisch gesehen stimmt das bei Rhabarber nicht ganz: Das Wort stammt aus dem mittellateinischen „rheu barbarum“ und bedeutet „fremdländische Wurzel“. Die Pflanze, die aufgrund ihres hohen Apfel- und Zitronensäuregehalts so sauer ist, dass sich manchen schon beim Hören des Namens der Mund zusammenzieht, stammt ursprünglich aus dem Himalaya und wanderte über Russland im 18. Jahrhundert nach Europa ein.


    Die Gerber des Mittelalters kannten die Pflanze also noch nicht. Sie kippten ihre stinkenden Abwässer einfach in die Flüsse, weswegen sie vor die Tore der Stadt geschickt wurden – so wie heutzutage die Lederfirmen nach Übersee. Der Bedarf der westlichen Konsumenten nach immer neuen schicken Stiefeln, Mänteln, Geldbörsen, Sesseln, Autositzen und Gürteln verursacht heute in den armen Ländern ein Umweltdesaster und weltweit einen enormen Treibhausgasausstoß. Jährlich werden Milliarden von Rohhäuten aus Südamerika und anderswo nach Indien oder Bangladesch transportiert, mit Chromsalzen gegerbt und schließlich in westliche Länder verfrachtet.


    Auf jedes Kilo Leder kommen dabei etwa zwei Kilo Chemie. Die rund 200 Betriebe von Bangladeschs Gerberzentrum Hazaribagh etwa haben die dortigen Flüsse in ein „frühindustrielles Abwasserinferno aus giftigem Sud, schillernder Brühe, Schmutz und Gestank“ verwandelt, so die Beobachtung eines Spiegel-Reporters. Auch der Chromabbau in den Lagerstätten Südafrikas, Indiens oder Kasachstans verursacht massive ökologische und soziale Schäden.


    Nur einige Gerbereien sind in Deutschland geblieben, und nur wenige arbeiten konsequent ökologisch. Eine von ihnen: ecopell im bayrischen Weitnau, Produzent des Leders für the rooters. Inhaber Johann Peter Schomisch behandelt die Häute von ehemals frei laufenden Rindern mit Gerbstoffen aus peruanischen Tara-Fruchtschoten und mediterranen Eichelbechern – oder eben mit Rhabarberextrakt. Auch Chromallergiker – von denen gibt es in Deutschland rund eine halbe Million – können so behandelte Lederprodukte tragen. „Und der Gerbstoff ist toll und riecht sehr gut“, sagt Firmenchef Schomisch. An der Entwicklung des Rhabarber-Gerb-Verfahrens war er von Beginn an beteiligt, die Vermarktung hat nun the rooters übernommen.


    Designer in Thüringen, Holland und Nordrhein-Westfalen entwerfen gemeinsam mit ihr Taschen, Schuhe, Armbänder und andere Modeaccessoires, erläutert die Chefin von the rooters. Die in Internet-Shops oder auf Modemessen zu erstehenden Taschen haben ihren Preis, manche kosten 400 Euro. Bisher produzierten sie nur „Kleinstückzahlen“, sagt Anne-Christin Bansleben. Aber „der Markt dafür ist da, die Community wächst“, glaubt sie. Und man kann es ja auch als sozial vorteilhaft sehen, dass über das Geld reicher Leute die Markteinführung eines guten Produkts ermöglicht wird. Rhabarberleder ist regional herstellbar und lokal kompostierbar – wenn auch überzeugte Veganer beim Wort „Leder“ die Münder ähnlich zusammenziehen dürften wie die besagten Rhabarberverächter.


    Später, wenn the rooters Wurzeln in der dunklen Erde Sachsen-Anhalts geschlagen habe und das Geschäft gewachsen sei, fährt die Geschäftsführerin fort, werde man eine größere Vielfalt an Produkten anbieten. Damit allerdings erhöht sich auch die Menge der aufzuessenden Rhabarberstängel. Ist das noch zu schaffen, so viele Kuchen und Kompotts?

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.rooters-company.de

    www.ecopell.de

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  • 76-neustart-schweiz

    Reboot

    Der Züricher P.M. ist eine geheimnisvolle Person. Er hat eine Gesellschaftsutopie entworfen, und in mehreren Schweizer Orten haben sich jetzt Gruppen gebildet, die sie umsetzen wollen.

    Hopp Schwiiz!

    Der Züricher P.M. ist eine geheimnisvolle Person. Er hat eine Gesellschaftsutopie entworfen, und in mehreren Schweizer Orten haben sich jetzt Gruppen gebildet, die sie umsetzen wollen.

    P.M. hat wieder ein Buch veröffentlicht – ein schwarz gebundenes Heftchen, das an ein altes Schulheft erinnert. Neustart Schweiz steht auf dem Einband, den wirklichen Namen des Autors soll niemand erfahren. In kurzen Kapiteln entwirft er eine Vision für sein Land, bei der die Schweizer Lohnabhängigen eine weltweite Umverteilung einleiten, sich von ihrer absurden, auf Ressourcenverschwendung beruhenden Lebensweise verabschieden sowie sozial und ökologisch gleichermaßen tragfähige Basisgemeinden aufbauen. Nun wollen Regionalgruppen in Städten und Kantonen der Schweiz die Ideen umsetzen.


    „Das alles hab’ ich doch schon früher mehrfach geschrieben“, sagt P.M. Der Mann, der in den 1980er-Jahren in der Züricher Hausbesetzerszene eine bekannte Größe war, ist inzwischen Rentner. „Ja, das stimmt“, bestätigt Ingenieur Martin Klöti, Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. „Aber diesmal hast du einen Trend getroffen.“ Zusammen mit dem inzwischen pensionierten Englischlehrer Hans Widmer und ein paar anderen Leuten hat Klöti einen Verein gegründet: Der heißt Neustart Schweiz – genau wie das Buch von P.M.


    Die Initiatoren haben eine ökosoziale Basisbewegung ausgemacht, der sie eine Infrastruktur zur Verfügung stellen wollen. „Wir schaffen Treffpunkte und ermöglichen Themenzusammenkünfte“, erklärt Klöti. In mehreren Städten wie Basel, Zürich und Neuchâtel gibt es bereits Regionalgruppen, wo es um den Aufbau von Gemeinschaftseinrichtungen und lebendigen Nachbarschaften geht, um städtische Gemüsegärten oder Pensionskassen, die Geld in grüne Projekte investieren. Daneben haben sich einige thematische Arbeitsgruppen gebildet, die sich um Landwirtschaft und Permakultur, die Unabhängigkeit vom Öl oder Kunst im öffentlichen Raum kümmern. „Wir versuchen eine Roadmap zu erarbeiten, was die Siedlungsentwicklung angeht“, sagt Vereinsvorstand Klöti. Schwerpunkt ist der Aufbau von Nahversorgungsstrukturen – schließlich gibt es das meiste, was man zum Leben braucht, vor Ort: Boden, Energie, Wasser, nachwachsende Rohstoffe. Dabei wird auch viel experimentiert: Im Dorf Ziegelbrücke südlich vom Zürichsee etwa hat ein Mann einen Kleidungsstoff aus Brennnesseln und Bruchholz entwickelt. „Für so was geben die Banken kein Geld“, sagt Klöti und versucht nun seinerseits, eine Finanzierung zu organisieren.


    In einer Welt, der das Erdöl ausgeht, ist eine regionale Organisation und eine Entmachtung der Kantonsbürokratie zentral, so das Credo der Vereinsmitglieder. Weitere inhaltliche Vorgaben oder Direktiven gibt es nicht bei Neustart Schweiz. „Diejenigen, die kommen, sind die Richtigen“, sagt Hans Widmer. Als einmal ein Mann rechtsradikale Parolen vortrug, wurde der Ex-Lehrer mit der modischen Hornbrille aber doch laut. „Ich persönlich, nicht ich als Vorstand“, betont er.


    P.M. lächelt. Mehr als 30 Jahre ist es her, dass sein erstes Werk veröffentlicht wurde. Damals gehörte er zu einer Gruppe von Hausbesetzern. Jeden Abend erzählte er bei einem Joint eine Gutenachtgeschichte, und seine Zuhörer durften sich wünschen, wie die Geschichte beim nächsten Zubettgehen weitergehen sollte. Ein Verleger kriegte das mit und ließ P.M. seinen ersten Roman veröffentlichen. Das Pseudonym war mit Bedacht gewählt: Es waren die am häufigsten auftauchenden Initialen des Züricher Telefonbuchs. Wenig später schrieb der frischgebackene Autor bolo’bolo – die Beschreibung einer konkreten Utopie. „Wunschkraut in den Zeitritzen“ steht auf den ersten, ansonsten leeren Seiten. Es folgt die Reflexion eines Mannes im täglichen Hamsterrad und die bange Frage: „Können wir also nichts tun? Bleiben wir endgültig im Alltagsgetriebe, bis wir mit 65 ausgelaugt unsere letzten Jahre absitzen? Ist das das Leben gewesen? Ist es vorbei, bevor es richtig begonnen hat? Davor habe ich mehr Angst als vor dem Atomkrieg, der Umweltkatastrophe, dem Krebs.“


    Inzwischen ist P.M. über 65 – und keineswegs ausgelaugt. Seiner Angst hat er schon damals einen Gesellschaftsentwurf entgegengesetzt, den er jetzt in Neustart Schweiz aktualisiert hat. Seine Vorstellung könne man innerhalb von fünf Jahren verwirklichen, schrieb er damals. Der Staatsschutz fand das alles gar nicht amüsant und versuchte herauszufinden, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg. „Die haben gedacht, dass es sich bei mir um eine siebenköpfige Gruppe handelt“, erinnert sich P.M. und grinst.


    Seine Ideen, in den 1980er-Jahren nur von ein paar Insidern wahrgenommen, scheinen jetzt weit über Zürich hinaus auf fruchtbaren Boden zu fallen. Innerhalb von ein paar Wochen waren 1.500 Exemplare des neuen Buchs verkauft, und zu mancher Veranstaltung kamen mehr als 100 Leute. Nicht nur Linke sind neugierig; auch eine liberale Nationalrätin hat sich für eine Arbeitsgruppe interessiert. „Die Anzahl der Leute wächst, die wissen wollen, wo die Produkte herkommen, die sie täglich brauchen“, sagt Klöti. Und: Mitzuwirken mache Spaß. Wieder lächelt P.M. Manche Dinge brauchen eben etwas länger als fünf Jahre.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.neustartschweiz.ch

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  • 166-mundraub

    Multivitamin

    Der Straftatbestand des Mundraubs – das Entwenden von Nahrungsmitteln zum eigenen Verzehr – wurde 1975 abgeschafft. Fünf junge Berliner haben dem seltsamen Begriff neue Bedeutung verliehen. 

    Mundräuber gesucht!

    Der Straftatbestand des Mundraubs – das Entwenden von Nahrungsmitteln zum eigenen Verzehr – wurde 1975 abgeschafft. Fünf junge Berliner haben dem seltsamen Begriff neue Bedeutung verliehen. 

    Es sah hier gar nicht so aus, wie sie es sich in den neuen Bundesländern vorgestellt hatten – von der erwarteten Armut oder Ödnis keine Spur. Vielmehr wähnten sich die jungen Leute im Paradies. Als vier der heutigen Mundraub-Aktivisten 2008 eine sommerliche Paddeltour durchs nördliche Brandenburg unternahmen, wurde der Reichtum dieses Landes mit einem Mal buchstäblich greifbar: An Wasserläufen, Feldern und öffentlichen Wegen bogen sich reife Obstbäume unter ihrer Last, doch interessierte sich offenbar niemand für die Schätze; sogar einige Gartenbesitzer schienen damit nichts anzufangen. Die Paddler mundräuberten nach Herzenslust und begannen, an einer Frage zu knabbern: Wie ließe sich erreichen, dass der Wert der verschmähten Bäume wieder erkannt würde? Diese Fülle schrie doch danach, gesehen und genutzt zu werden. Da werden mit ungeheurem Aufwand Früchte aus Neuseeland oder Chile importiert, während in der eigenen Region monatelang Tonnen leckeren Obstes unterm Baum vergammeln – Obst, das allen gehört und nichts kostet. Die Ausflügler waren sich einig: Zumindest jene Konsumenten, die regionaler Kost einen Wert zumessen, müssten auf die saisonale Fülle aufmerksam gemacht werden; in anderen ließe sich mit Hilfe eines cleveren Verbreitungswegs eine solche Wertschätzung womöglich wecken.

     

    Diesem Ziel sind die Obstfreunde in den vergangenen Jahren um einiges näher gekommen: Das freie Online-Obstforum mundraub.org hat die Entwicklungsphase überstanden. Und die fünf Mundräuber Katharina, Mirco, Kai, Justin und Daniel haben neben den beim Paddeln entwickelten primären Zielen noch viele kleinere aufgestellt. In dem Forum kann jeder Nutzer in eine Google-Landkarte legale freie Erntemöglichkeiten an Beeren, Nüssen und sonstigen Früchten eintragen. Wer heute auf die Seite schaut, findet ein dichtes Netz an Obst-Allmenden. Mirco Meyer erklärt: „Über die Obstfülle bringen wir die Stadt- und Landbevölkerung sowie junge und alte Menschen wieder mehr in Kontakt miteinander. Es gibt mehr Omas als man denkt, deren vollen Obstgarten keiner mehr aberntet.“ Mit Hilfe der interaktiven Mundraub-Karte lassen sich aber beispielsweise auch Wander- oder Radtouren planen, für die man fast keinen Proviant braucht.

     

    Die Nutzung von wiederentdeckten Quellen der Fülle ist jedoch – das mag man einwenden – noch nicht per se nachhaltig. Allmenden bedürfen auch der Pflege. Viele der heute auf öffentlichem Grund wachsenden Obstbäume verdanken wir Menschen, die diese meist vor Jahrzehnten angepflanzt und lange Zeit gepflegt haben. Die Früchte jener jahrzehntelangen Anstrengungen können wir zwar heute genießen, aber wenn diese Bäume künftig nicht fachgerecht beschnitten werden oder wenn sie schließlich an ihre natürliche Altersgrenze gelangen, wird es mit der Fülle in absehbarer Zeit vorbei sein. Denn Straßenbauämter und Landkreise entscheiden sich immer seltener für Obstbäume, wenn es um Ersatzpflanzungen in Alleen geht oder gar um Neupflanzungen. Können Mirco und seine Freunde auch in dieser Hinsicht Lösungen aufzeigen?

     

    Die obersten Mundräuber sind der Ansicht, dass Menschen in der Regel den persönlichen Vorteil erkennen wollen, der aus ihrem Handeln erwächst. Aus diesem Grund müsse es zunächst darum gehen, den Ernte-Orten neue Nutzer zu verschaffen. Erst wenn die Menschen eine Verbindung zu ihrer Lieblings-Pflaumenallee aufgenommen haben, werden sie das Bedürfnis verspüren, den Bäumen, beziehungsweise dem Ort, etwas zurückzugeben für die geschenkten Früchte.

     

    Das Interesse am Erhalt der Bäume dürfe sich nicht nur auf einige ökologisch ambitionierte Stadtbewohner beschränken, meinen die Aktivisten – übrigens alle als „Landeier“ geboren. Die Kommunen und Gartenbesitzer auf dem Land müssten auch eine touristische Chance in der Pflege ihrer lokalen Allmende sehen. Eine Gemeinde, auf deren Grund gesunde Bestände einer seltenen alten Apfelsorte wie dem leckeren Altländer Pfannkuchen stehen, verfüge über ein wertvolles touristisches Alleinstellungsmerkmal. Die interaktive Landkarte der Internetseite bietet deswegen die Möglichkeit, auch ein in der Nähe einer Fundstelle gelegenes Dorfcafé einzutragen. Ein Mundräuber kann einem Ort auch dadurch etwas zurückgeben, dass er nach der Ernte in einer solchen Restauration einkehrt. Sogar offene Gärten und Mostereien sind inzwischen auf der Landkarte vermerkt.

     

    Um einem Missbrauch der auf mundraub.org gesammelten Informationen vorzubeugen, gibt die Seite einige Verhaltensregeln vor. Dass ein ehrenwerter Mundräuber sich nur an wirklich legalen Fundstellen bedient, keine Bäume beschädigt und nicht mehr nimmt als er tragen kann, sollte eigentlich nicht der Rede wert sein. Die Begeisterung, die aus den Kommentaren zur Beschreibung der Fundstellen spricht, zeigt jedenfalls den Geist, in dem Mundräuber tätig sind: „Alte Apfel-Allee an Feldern gelegen (...) und was man selbst nicht mag, gibt man den Pferden gleich gegenüber.“ Nicht wenige laden zum Mitpflücken der Obstflut im eigenen Garten ein – so beginnen Allmenden: „Teile, was du hast“.

    Erschienen in Oya 10/2011

    Jochen Schilk
    22. Januar 2012

    www.mundraub.org

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  • 173-utopia

    market driven

    Auf utopia.de informieren sich strategisch kluge Konsumenten, wie man nachhaltig einkauft. Auch Unternehmen werden aufgefordert, sich kritisch selbst zu betrachten.

    Nachhaltig, aber sexy

    Auf utopia.de informieren sich strategisch kluge Konsumenten, wie man nachhaltig einkauft. Auch Unternehmen werden aufgefordert, sich kritisch selbst zu betrachten.

    Wenn man jemandem zutrauen würde, Kühlschränke an Eskimos zu verkaufen, dann wäre es Claudia Langer. Sie würde es sogar schaffen, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie schon immer Kühlschränke haben wollten, und sie unendlich dankbar sein zu lassen, dass sie jetzt welche haben können. Und noch mehr: die Eskimos würden nicht irgendwelche Kühlschränke kaufen, sondern nur solche, die besonders energieeffizient sind. Denn Konsum betrachtet Claudia Langer als eine entscheidende Waffe im Kampf um Nachhaltigkeit.

     

    Langer war eine äußerst erfolgreiche Werberin, bevor sie auf die Idee kam, dass sich das Know-how ihrer Branche ganz ausgezeichnet für strategischen Konsum einsetzen ließe. Denn wenn man schon mit den ausgefuchsten Mitteln der Kommunikation und der Werbung alle möglichen Bedürfnisse wecken kann, warum dann nicht auch das Bedürfnis, endlich kein doofer Konsument mehr zu sein, der sich jeden möglichen umweltzerstörerischen Kram andrehen lässt und damit seine Welt zustellt? Dass dieser Gedanke richtig war und dass es möglich ist, professionelle Öffentlichkeitsarbeit für die Sache der Nachhaltigkeit zu machen, hat sie mit ihrem Portal utopia.de innerhalb kürzester Zeit unter Beweis gestellt. 

     

    utopia.de ging im November 2007 online, hat heute 70.000 registrierte Mitglieder und die Webseite verzeichnet mehr als 2 Millionen Besucher pro Jahr. Das ist ein überwältigender Erfolg, der nicht nur auf die Serviceleistungen zurückgeht, die das Portal bietet: mit dem Utopia ProduktGuide zum Beispiel bekommt die strategische Konsumentin umfassende Informationen darüber, welche Waren tatsächlich Nachhaltigkeitsansprüche erfüllen, und mit Utopia City erfährt sie auch gleich, wo sie die Produkte ihrer klugen Wahl kaufen kann. Das ist aber nicht alles: die Utopia-Stiftung, die Beiratsmitglieder von der Talkmasterin Sandra Maischberger bis zum Energieökonomen Peter Hennicke verzeichnet, veranstaltet Konferenzen, auf denen eine sonst nie anzutreffende Mischung von einflussreichen Leuten aus Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik zusammenkommt – und vor allem: ein überwiegend junges Publikum, womit sich die Utopia-Konferenzen schon mal radikal von den ansonsten oft eher gerontologischen Veranstaltungen im Feld der Nachhaltigkeit abheben.  

     

    Das zeigt schlaglichtartig, dass Claudia Langer mit Utopia etwas gelungen ist, was man gar nicht genug preisen kann: Sie hat das Thema Nachhaltigkeit aus der Öko-Ecke herausgeholt und sexy gemacht. Utopia hat mit der Gestaltung der Homepage, mit Gastautoren und aktuellen Informationen das Thema des strategischen Konsums so aufbereitet, dass es so gar nichts von jenem Verzichts-Stil hat, der die Ökoszene zuweilen etwas – sagen wir – unattraktiv erscheinen lässt. Dass der Grat zwischen Lifestyle-Ergrünung und politischer Naivität schmal ist, ist Claudia Langer und ihrer Mitstreiterin Meike Gebhard durchaus bewusst, weshalb sie sich kontinuierlich um eine Politisierung der Frage nach dem strategischen Konsum bemühen und auch Unternehmen in die Pflicht zu nehmen versuchen.

     

    Ein großer Erfolg ihrer Versuche, nicht nur das Verhalten der Konsumenten, sondern auch das der Produzenten in Richtung Nachhaltigkeit politisch zu schärfen, ist das Changemaker-Manifest – eine Agenda der Selbstverpflichtung auf Nachhaltigkeit, die mit der Deutschen Telekom und der Otto Group mittlerweile auch Großkonzerne gezeichnet haben. Mit all dem macht Utopia einen bedeutenden Schritt über das übliche Greenwashing in vielen Unternehmenskulturen hinaus und hat sich zu einem wichtigen strategischen Akteur im Marktgeschehen entwickelt. Dass das eigene Problembewusstsein gelegentlich etwas holpert – wenn zum Beispiel der ohnehin nervtötende Eisbär-Aktivist Hannes Jaenicke ausgerechnet am Abflug-Gate eines Flughafens mit dem Utopia Award ausgezeichnet wird –, ist verzeihlich. Utopia insgesamt hat jenen frischen Wind in die Nachhaltigkeitsszene gebracht, den diese in Zukunft mehr denn je brauchen wird, um dem gnadenlosen Konsumtotalitarismus etwas Schlagkräftiges entgegensetzen zu können.

    Harald Welzer
    16. Februar 2012

    www.utopia.de

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Schöne Welt

  • Der chinesische Sea-Food-Lieferant Haikui ist das erste Unternehmen, das in diesem Jahr an die Frankfurter Börse geht ... Die Firma will Teile des frischen Kapitals in den Ausbau seiner Produktion stecken. SZ, 15. Mai 2012
  • 277 CO2 pro Kilometer bläst Volker Bouffiers Dienstwagen in die Luft, genau wie Hannelore Krafts Audi. Bayerns Horst Seehofer bietet mehr: 278 Gramm CO2 nämlich. Ralf Jäger, NRW-Innenminister, übertrumpft die drei: Sein Audi stößt pro Kilometer 324 Gramm CO2 aus.

    SZ, 9. Mai 2012
  • Einen Tag nach der Riesen-Blamage um den geplatzten Starttermin des künftigen Hauptstadtflughafens Berlin-Brandenburg kommen Details ans Licht ... Der Flughafenbetreiber wollte die Brandschutztüren durch 700 befristet eingestellte Mitarbeiter von Hand bedienen lassen, was der Landkreis nicht genehmigen wollte.

    Financial Times Deutschland, 9. Mai 2012
  • Herr Lindner, wie wollen Sie das größte Problem von NRW lösen: den Stau?

    Christian Lindner: Indem Bauvorhaben für Autobahnen und Bundesstraßen nicht mehr aus ideologischen Gründen blockiert werden, sondern die jetzt sogar erhöhten Bundesmittel auch genutzt werden.

    SZ, 9. Mai 2012
  • Der australische Milliardär Clive Palmer will die Titanic nachbauen. (...) Seine kleinen Fluchten und große Freiheiten kann er sich gönnen: Palmers Bergbauunternehmen Mineralogy, Waratah Coal und Queensland Nickel sind wichtige Rohstofflieferanten der Chinesen. „Es ist doch besser, mit ihnen zu verhandeln, als dass sie eines Tages hierherkommen, und um unsere Bodenschätze kämpfen“, lässt sich der Australier zitieren. FAZ, 1. Mai 2012
  • Planetary Resources, ein junges Unternehmen von der amerikanischen Westküste, hat sich vorgenommen, innerhalb von zehn Jahren Astroiden in Erdnähe einzufangen, um aus diesen Felsbrocken mit Hilfe von Robotern Rohstoffe zu schürfen. SZ, 26. April 2012
  • Dominic Lyncker, Direktor Motorsport für Volkswagen in China, will bei den Chinesen die Leidenschaft für schnelle Autos und den Motorsport wecken und sucht dafür als Identifikationsfigur einen chinesischen Michael Schumacher. (...) Der Audi R8-Cup, die Asien Lamborghini-Trophäe, der Scirocco-Cup und der Porsche Carrera Cup Asien sind Rennserien, die vor allem auf den chinesischen Markt ausgerichtet sind. SZ, 26. April 2012
  • Teenie-Star Justin Bieber hat seinen Fisker Karma zum Chrom-Mobil umgemodelt. Der E-Sportler funkelt wie ein Diamant im Sonnenlicht. Auto-Bild, 11. April 2012
  • Victoria Beckham, Designerin, soll eine Kleinserie des Range Rover Evoque ausstatten - mit Zierkonsolen aus Rotgold, Teppichböden aus Mohair-Wolle und handvernähtem Leder. (...) Davon soll es laut Hersteller nur 200 Exemplare geben - als SUV-Coupé mit 240 PS starkem Vierzylindermotor. SZ. 24. April 2012
  • US-Starökonom Robert Shiller über die Banker in der Finanzkrise: "Die Branche ist auf der Autobahn ein bisschen über dem Tempolimit gefahren". Welt am Sonntag, 22. April 2012
  • Die Wassermisere im britischen Königreich kulminiert in diesen kalten Frühlingstagen in einem heiß debattierten Gartenschlauchverbot. (...) Durch den „hosepipe ban“ soll der durchschnittliche Tagesverbrauch von 150 Liter pro Einwohner gesenkt werden. Die Bürger müssen aufs Begießen ihrer geliebten Gärten und das Waschen ihrer Autos ebenso verzichten wie aufs Wässern der Swimmingpools. (...) Wer seinen Nachbarn mit dem Schlauch hantieren sieht, soll diesen melden.

    SZ, 11. April 2012
  • Frank Buckley, irischer Künstler, hat von morgens bis abends ganz viel Geld um sich. Der Mann baute aus geschredderten Euro-Scheinen im Wert von einst 1,4 Milliarden Euro ein Haus in Dublin, in dem er Touristen empfängt. (...) Die von der Immobilienkrise geplagten Bewohner von Dublin könnten sich damit identifizieren, dass ein Haus mehr als eine Milliarde Euro verschlungen habe, als Immobilie aber wertlos sei.

    SZ, 11. April 2012
  • Die irische Billigfluggesellschaft Ryanair bittet ihre Stewardessen, auf gesunde Ernährung zu achten. (...) Wer sich mit ausgewogen magerer Ernährung eine Bikinifigur erarbeitet, der kann auf einen Auftritt im jährlichen Cabin Crew Charity Calendar hoffen. (...) Weil die Preise für Kerosin gestiegen sind, will das Unternehmen das Gewicht der Flieger senken.

    SZ, 11. April 2012
  • Der amerikanische Milliardär Sheldon Adelson will in Spanien ein Zockerparadies à la Las Vegas bauen. Nun buhlen Barcelona und Madrid um den Zuschlag - denn „Euro-Vegas“ verspricht in der Krise Milliarden-Investitionen und Hunderttausende Arbeitsplätze. FAZ., 2.4.2012
  • Der Titel der Sendung gab die Richtung vor: „Die große Benzin-Abzocke – Wer stoppt die Sprit-Preistreiber?“ Von vorneherein steht so fest: Es gilt eine dunkle Macht ausfindig zu machen, die den Preis des Benzins nach oben treibt (...) Die Leute fühlen sich dem Benzinpreis ohnmächtig ausgeliefert. Wird der Eintrittspreis für das Schwimmbad hochgesetzt, dann gehen sie nicht mehr hin. Aber weniger Auto fahren? Vielleicht auf unnötige Beschleunigungsvorgänge vor offensichtlich schon auf rot umgesprungenen Ampeln verzichten? Das sind unzumutbare Einschränkungen! Nur in Kenntnis dieser Grundlagen der deutschen Volksseele lässt sich die Diskussion bei Günther Jauch am Sonntagabend verstehen.

    FAZ, 2.4.2012
  • Uni Witten/Herdecke lockt Neu-Studierende der Wirtschaftswissenschaft mit kostenlosem Führerschein. idw, 1.4.2012
  • Der eigene Style fürs Garagentor mit wetterfesten Foto-Planen. Das Prinzip ist simpel: Die sogenannten Garage-Billboards sind mit Motiven bedruckt, die genau das zeigen, was Autobesitzer gerne in ihrer Garage hätten - zum Beispiel einen echten Kampfjet, ein schickes Boot, ein rassiges Pferd oder einen urigen Weinkeller. Preussenspiegel, 28.3.2012
  • Der spanische Fußball-Rekordmeister Real Madrid plant eine weitere Superlative: In den Vereinigten Arabischen Emiraten wollen die Königlichen 2015 ein milliardenschweres Urlaubsresort eröffnen. Das 'Real Madrid Resort Island' soll auf 430000 Quadratmetern unter anderem ein Vereinsmuseum, einen Freizeitpark, einen Yachthafen sowie mehrere Luxushotels und Villen enthalten. SZ, 23.3.2012
  • Bei Nokia-Kunden soll das Telefonieren unter die Haut gehen. Der finnische Handy-Hersteller hat in den USA das Patent für Vibrations-Tattoos beantragt, mit denen auf eingehende Anrufe aufmerksam gemacht werden soll. Die Idee ist, dass das Handy elektromagnetische Wellen aussendet, wenn bei dem Telefon ein Anruf eingeht, eine SMS ankommt oder die Batterie aufgeladen werden muss. Durch den Impuls soll ein mit spezieller magnetischer Farbe tätowiertes Bild auf der Haut sichtbar werden - und sogar vibrieren. SZ, 23.3.2012
  • Die Lebensdauer so mancher MT Aerospace-Produkte für Ariane-Raketen beträgt ganze zwei Minuten und 20 Sekunden. Nach dem Start werden die Booster abgeworfen und landen im Atlantik, der vorher weiträumig abgesperrt wurde. Kaum sind die Teile im Meer gelandet, werden sie automatisch gesprengt - damit sie untergehen und den Schiffsverkehr nicht gefährden. SZ, 22.3.2012
  • Die großen deutschen Konzerne haben im vergangenen Jahr fast ausnahmslos gut gewirtschaftet - so gut, dass die 30 im Börsenindex Dax notierten Unternehmen zusammen erstmals einen Betriebsgewinn von mehr als 100 Milliarden Euro verbuchten. FAZ, 22.3.2012
  • Ex-Puma-Chef Jochen Zeitz nimmt sich Zeit für das Klima. Er geht seiner Berufung nach, ökologisches und ökonomisches Handeln im Sinne des Klimaschutzes zu verknüpfen. (...) Er ist schon im Aufsichtsrat des amerikanischen Motorradbauers Harley Davidson, um dort das Thema Klimaschutz voranzubringen. FAZ, 22.3.2012
  • Auf der Webseite www.eddh.de bieten Piloten Mitfluggelegenheiten an. Das Mitfliegen funktioniert ähnlich wie die Mitfahrzentralen für das Auto. Nur, dass man im Flieger etwas schneller unterwegs ist. SZ, 22.3.2012
  • Vor rund dreißig Jahren brachten es Kleinwagen wie Corsa, Polo und Co auf rund dreieinhalb Meter, ihre modernen Nachfahren erreichen heute bereits die Viermeter-Marke. Auch die "Großen" von damals sind im Laufe der Zeit deutlich gewachsen. Das alles schlägt sich natürlich beim Gewicht nieder: Moderne Fahrzeuge sind teilweise über 500 Kilo schwerer als ihre Vorfahren um 1980. www.autobild.de, 22.3.2012
  • Am 22. März zur Eröffnung der Ausstellung "ART AND PRESS. Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit."  im Berliner Martin-Gropius-Bau sprechen: Jürgen Großmann (Vorsitzender des Vorstands RWE AG), Kai Diekmann (Chefredakteur BILD), Peter Sloterdijk (Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe).
  • 71 Prozent der Autorfahrer hatten schon mal netten Kontakt mit anderen Verkehrsteilnehmern, ergab die Umfrage von „autoscout24“. Die meisten flirten relativ verkehrssicher, nämlich nur dann, wenn sie stehen – im Stau oder an der Ampel. Berliner Kurier, 17.3.2012
  • In Deutschland kann man einen Becher Joghurt für neunzehn Cent, einen Liter Milch für 49 Cent, ein halbes Pfund Butter für 79 Cent und einen Liter Wein für 1,39 Euro kaufen, hergestellt von einer Lebensmittelindustrie, die uns ihre Dumpingware mit fast drei Milliarden Euro Werbeausgaben pro Jahr schmackhaft macht, bereitgestellt von den vier großen Lebensmittelhändlern Edeka, Lidl, Aldi und Rewe, die 85 Prozent des Marktes kontrollieren, mit dramatisch steigender Tendenz. FAZ, 12.3.2012
  • Laut WWF verfügen neun Länder über 60 Prozent der weltweit verwendbaren Süsswasservorkommen. Dazu gehören Brasilien, Russland, China, Kanada, Indonesien, Indien, Kolumbien, Kongo und die Vereinigten Staaten. SZ, 12.3.2012
  • Die Müll- und Brandberge der ehemaligen Fläming-Sortieranlage in Neuendorf bleiben eine tickende Zeitbombe. Die einst 58 000 Tonnen Abfälle unserer Konsumgesellschaft – zu einem großen Anteil Folien und Plastik – wirken offenbar nachhaltig. Märkische Allgemeine, 10.3.2012
  • Ob er finde, dass VW grüner geworden sei? Leslie Manodoki (VW-Hauskomponist) sieht es so: "VW gibt Antworten, das ist nicht mehr grün. Das ist blau." Was er damit meint? "Grün ist für mich die Frage, blau ist die Antwort." Alles klar? SZ, 7.3.2012
  • Ein sportlicher Zahnarzt aus Süddeutschland, ein weltraumbegeisterter Luftwaffen-Pilot aus den Niederlanden und ein golfspielender PR-Mann für gehobenen Lebensstil aus Hamburg: Es ist ein ungewöhnliches Trio, das am Mittwoch in Berlin für Tourismus im Weltall wirbt. 2014 soll es losgehen mit den Flügen - und Zahnarzt Jos Gal möchte als erster deutscher Kunde dabei sein. Sein Ticket wird 95 000 Dollar (70 700 Euro) kosten. Märkische Oderzeitung, 29.2.2012
  • Weltweit verbringe der durchschnittliche Autofahrer, als Fahrer oder Beifahrer, heute etwa 50 Minuten des Tages im Auto, hieß es. (...) Laut McKinsey könnte in zwanzig Jahren schon bei durchschnittlich fünf Minuten individueller Online-Nutzung in rund einer Milliarde Fahrzeugen mit durchschnittlich 1,2 Insassen ein Markt mit einem globalen Volumen von bis zu 25 Milliarden Euro pro Jahr entstehen. www.autohaus.de, 29.2.2012
  • Man fährt (im SUV) dick und macht auf Macht. Da, wo man sitzt, ist oben. Ein Ausblick zum Genießen und dazu das Gefühl, dass einen nichts aufhalten könnte, wenn man denn wollte. FAZ, 21.2.2012
  • „Oekonomisch betrachtet, rechnet sich Qualität. Ich habe zum Beispiel eine Lammfelljacke von Jil Sander, die sehr viel gekostet hat. Dafür kann man die auch locker drei Jahre behalten. Länger hab ich auf die meisten Sachen sowieso keine Lust.“ (Lars Eidinger) SZ Magazin, Nr. 8/2012
  • Strom aus deutschen Photovoltaikanlagen sei so sinnvoll „wie Ananas züchten in Alaska“, sagte Jürgen Großmann (RWE) bei der Jahrestagung Energiewirtschaft in Berlin. Berlin (dpa), 17.1.2012
  • Nach einem Bericht des bulgarischen Fernsehens soll in dem einzigen Atomkraftwerk des Landes in Kosloduj eine billige Alternative zum vorgeschriebenen hochwertigen Stahl eingebaut worden sein (...) Die beteiligten Betriebsleiter hätten die Preisdifferenz unter sich aufgeteilt. SZ, 25./26.2.2012
  • Der Präsident des ADAC fordert angesichts der hohen Preise für Benzin und Diesel wieder mal eine Erhöhung der Pendlerpauschale.

    SZ, 23.2.2012
  • Die Wassersparte mit den Wassermarken San Pellegrino, Perrier und Pure Life, wo Nestlé immer wieder politischen Angriffen ausgesetzt ist, kam um 5,2 Prozent auf 6,5 Milliarden Franken voran. FAZ, 17.2.2012
  • Das spanische Dorf Júzcar spielt Schlumpfhausen. Eine Werbeagentur schlug vor, alle Häuser des Dorfes blau anzustreichen. Die Aktion sollte eine Werbekampagne für den 3D-Film "Die Schlümpfe" werden. Nun wurde per Volksabstimmung entschieden, weiterhin das Schlumpfdorf bleiben zu wollen.
  • Die Menschen in Deutschland haben erstmals mehr als zehn Billionen Euro Vermögen angehäuft. (...) Das ist so viel wie die Staatschulden aller 27 EU-Mitglieder zusammen. SZ, 16.2.2012
  • McDonald's lehnt Käfighaltung von Schweinen ab. Das fällt leicht, denn die Firma brät vor allem Rindfleisch. SZ, 13.2.2012
  • Elektroautos in China belasten die Umwelt stärker als Benziner. Für einen Kilometer im Elektroauto stoßen die Kohlekraftwerke 19-mal so viel Feinstaub aus, wie aus dem Auspuff eines Benzinautos dringt. SZ, 13.2.2012
  • Ein neues Buch warnt vor der zunehmenden Diskriminierung des Automobils - Wolf Wegener: "Deutschland schafft das Auto ab" ADAC Motorwelt 1/2012
  • Vorwärts in die Vergangenheit. In den USA werden wieder Atomreaktoren gebaut: Regierung erteilt erste Genehmigung seit 1979. SZ, 11.2.2012
  • Die Wildbehörde des amerikanischen Bundesstaats Alaska hat jetzt das traditionelle Verbot zurückgenommen, Bären auch von Hubschraubern oder Flugzeugen aus zu jagen. FAZ, 9.2.2012
  • Wir haben die Welt für Sie im Angebot: Fliegen Sie z.B. ab Februar zum Shopping in die USA oder erleben Sie die Kirschblütenzeit Ende März in Japan. Lufthansa Newsletter, 8.2.2012
  • Nach den großen Verlusten vor allem wegen der Oelkatastrophe im Golf von Mexiko hat der britische Oelkonzern BP das vergangene Jahr mit einem überraschend hohen Gewinn abgeschlossen. SZ, 8.2.2012
  • Am neuen Hauptstadtflughafen startet ein Probelauf mit 250 Statisten - sie spielen Einchecken, Sicherheitskontrolle und Abfliegen. SZ, 8.2.2012
  • Die Deutsche Bank gerät wegen ihres Fonds "db Kompass Life 3" in die Kritik, weil sie damit Anlegern eine Wette auf die Lebenserwartung lebender Personen angeboten hat. FAZ, 7.2.2012
  • Die CO2-Lüge. Renommiertes Forscher-Team behauptet: Die Klima-Katastrophe ist Panik-Mache der Politik. Fritz Vahrenholt gibt Entwarnung. BILD, 6.2.2012
  • Am Montag hat der RWE-Manager Fritz Vahrenholt sein Buch in Berlin vorgestellt. Es soll nachweisen, dass die Erderwärmung seit 1998 zum Stillstand gekommen ist, auch wenn manche Temperaturstatistik sich anders liest. SZ, 7.2.2012
  • Spanien streicht Ökostromhilfen. Der neue Ministerpräsident Rajoy muss sparen, um seinen Haushalt zu konsolidieren. FAZ, 2.2.2012
  • Spielwaren und Telefone mit Touchscreen stehen vor einer Symbiose: Erste Hersteller sehen mit sogenannten iToys ein neues Marktsegment entstehen.

    FAZ, 2.2.2012
  • Sexy Hollywood-Bräune in 1 Minute! Sunpoint-Studio
  • Sie (Martina Meise) ist sich sicher, dass ihr nächstes Auto wieder ein X5 sein wird - obwohl sie damit nicht in die Tiefgarage ihres Büros hineinkommt. (...) Auf ein kleineres Modell will sie deswegen trotzdem nicht umsteigen. Das muss wahre Liebe sein ... ADAC Motorwelt, 2/2012
  • "Freiheitsthesen" der FDP: "Der Begriff Wachstum wird hier breit interpretiert: 'Fortschritt durch Wachstum', 'Wachstum ist Leben', 'Wirtschaftswachstum fördert Wohlstand', 'Wachstum schafft Qualität, 'Wachstum braucht Wissenschaft und Technik', (...) oder 'Wachstum braucht Infrastrukturen' lauten die Zwischenüberschriften (...)" FAZ. 2.2.2012
  • Der RWE-Manager Fritz Vahrenholt zweifelt an der weiteren Erderwärmung. DIE ZEIT, 5/2012
  • "Wer heute auf die neuen Alten setzt, besitzt morgen die Macht- und Wachstumsfelder der Zukunft!" (Prof. Dr. W. Horst Opaschowski)

    www.ptext.de
  • „Glamping“ statt Camping: Urlauber wollen mehr... Früher reichten ein Zwei-Mann-Zelt, ein Schlafsack und die pure Natur. Doch für den Camper von Welt darf es ein bisschen mehr sein. Für ihn hat die Campingbranche das „Glamping“ erfunden.

    FOCUS Online, 20.1.2012
  • Nachhaltig übernachten in einem der Nationalparks in Costa Rica.

    Hamburger Abendblatt, 21.1.2012
  • 200 Millionen Dollar lässt sich McDonald’s die Weltspiele bis 2020 kosten. Denn sie sind die Werbemaschine für Fastfood und den Ruf.

    FAZ, 14.1.2012
  • Der britische Energiekonzern BP will die Kosten (42 Milliarden Dollar) für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko vollständig auf beteiligte Dienstleistungsunternehmen abwälzen.

    FAZ, 4.1.2012
  • „Einkaufen ist eine so wunderbare Sache, daran werden die Menschen wohl niemals die Lust verlieren, egal ob Männer oder Frauen“ (Stilberater Andreas Rose)

    FAS, 1.1.2012
  • Mehr Fluggäste in Düsseldorf. Für das zu Ende gehende Jahr werden 20,3 Millionen Passagiere erwartet, 7,1 mehr Prozent als im Vorjahr.

    FAZ, 24.12.2011
  • Konzerne aus China und Indien zeigen vermehrt Interesse an australischen Bergbaubetrieben. Australische Kohle und andere Rohstoffe sollen helfen, die Energiebedürfnisse der aufstrebenden Wirtschaftsnationen zu befriedigen. 

    FAZ, 24.12.2012
  • Endlich ein echtes SUV. Neu vorgestellt: Subaru VX.

    FAZ, 20.12.2011
  • Das Rangieren im Range nach Gutsherrenart ist out. In ist die neue Bescheidenheit ohne Absage an die Lust am Luxus und mit dem Stil eines Lebens, das eigenen Wegen folgt. Dafür gibt es jetzt den modernsten Range Rover aller Zeiten: Der Evoque ist mehr als Evolution.

    FAZ, 20.12.2011
  • „Wir sind das grünste Energieunternehmen der Welt“ (E.ON-Chef Johannes Teyssen)

    FAZ, 18.12.2011
  • Deutsche Anleger verkaufen „Werbesäule“ am Times Square. Für 410 Millionen Dollar (315 Millionen Euro) geht das Gebäude One Time Square aus der Hand mehrheitlich deutscher Privatinvestoren in den Besitz institutioneller Großinvestoren über.

    FAZ, 16.12.2011
  • Heizung im Schuh. Eine beheizbare Einlegesohle wird in den Schuh gelegt, das Kabel entlang der Ferse hochgeführt und an den Akku geschlossen, der mit einem Drahtbügel am Knöchel befestigt wird.

    FAZ, 27.12.2011
  • Kulturrevolution in Japans Sushi-Küchen. In den Gewässern Japans ist der Lachs kaum anzutreffen. Inzwischen aber ist er zum beliebtesten Fisch der Japaner geworden.

    FAZ, 31.12.2011
  • Das russische Unternehmen Rosneft ist offenbar zum größten Erdölkonzern der Welt aufgestiegen und hat den bisherigen Weltmarktführer Exxon Mobil überholt.

    FAZ, 23.12.2011
  • Nur ein Drittel der Mitarbeiter empfiehlt die Commerzbank im privaten Umfeld weiter. Auch die restlichen Ergebnisse einer Umfrage sind unerfreulich.

    FAZ, 16.12.2011
  • Die deutsche Industrie will ein Bündnis zur Sicherung wichtiger Rohstoffe wie Eisenerz oder Seltenen Erden schmieden. (...) Der größte deutsche Stahlkonzern Thyssen-Krupp gehört ebenso zu den Initiatoren wie die Chemiefirmen BASF und Evonik. 

    FAZ, 16.12.2011
  • Die europäischen Agrarminister haben den Weg für die Zulassung von vier neuen gentechnisch veränderten Pflanzen in der EU freigemacht. 

    FAZ, 16.12.2011
  • Für die Bundesgartenschau 2012 in Hamburg-Wilhelmsburg sägte man 2.470 Bäume ab, damit die Stadt noch schöner und grüner wird.

    DIE ZEIT, 49/2011
  • Australische Forscher haben im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums einen Weg gefunden, den Methanausstoß bei Kühen zu senken. Dafür ernährten sie die Tiere 37 Tage lang mit einem Spezialfutter, dem Traubenrückstände hinzugefügt wurden.

    FAS, 11.12.2011
  • Wegen der massiven Nachfrage verkürzen die deutschen Premium-Autohersteller BMW, Audi, Mercedes und Porsche die Weihnachtspausen.

    FAZ, 12.12.2011
  • Infrastrukturvorhaben müssen besser erklärt und Betroffene zu Beteiligten werden, sagt Verkehrsminister Ramsauer. Doch der Bürger soll auch Nebenwirkungen wie Lärm akzeptieren.

    FAZ, 22.12.2012
  • „Es gibt kein Industrieland ohne Nebenwirkungen“ (Verkehrsminister Peter Ramsauer)

    FAZ, 22.12.2012
  • BASF verlagert Genforschung nach Amerika. BASF begründete den Schritt mit der fehlenden Akzeptanz für gentechnisch veränderte Produkte in Europa. 

    FAZ, 17.1.2012
  • „Indien boomt, da wollen wir dabei sein“ (Kay Segler, Markenchef Mini bei BMW)

    FAS, 15.1.2012
  • Grüne wollen Autobahnen ausbauen. (...) Sie wollen gleich sechs Schnellstraßen erweitern. 

    SPIEGEL online, 15.1.2012
  • Norman Foster träumt vom Fliegen. Als Krönung seiner Schöpfungskunst will der britische Star-Architekt seinem Land den größten Flughafen der Welt bauen.

    Welt am Sonntag, 8.1.2012
  • Nach einem Beschluss der neuen Regierung in Madrid wird Villar de Cañas bald ein Dorf mit einem Lager für den Müll aus Spaniens Kernkraftwerken sein. Der Jubel ist groß.

    FAZ, 2.1.2012
  • Da hört der Spa auf. Islamische Interessengruppen wollen auf den Malediven Wellness verbieten.

    FAS, 8.1.2012
  • Die Wilden und die Reifen. Eine Wüste, zwei Meere, drei Gebirge: Wer das organisierte Abenteuer liebt, donnert zehn Tage lang auf einem Leihmotorrad durch Marokko.

    FAS, 8.1.2012
  • Das Automobil wird neu erfunden. Der Bordcomputer übernimmt die Macht im Cockpit. Er gibt Gas, bremst und überholt von ganz allein. 

    FAS, 8.1.2012
  • Ein Fünftel des globalen Ölexports geht durch die Straße von Hormus. Iran droht mit einer Blockade. Die ist brenzlig, die Weltwirtschaft ist in Gefahr.

    FAS, 8.1.2012
  • Deutsche Autobauer: Mit Vollgas auf der Überholspur.

    Berliner Kurier, 11.1.2012
  • Berechnung des Verbrauchs von Plug-in-Hybridautos nach ECE-Norm R 101:

    C = (De x C1 + Dav x C2)/(De +Dav)

    Auto Bild, 12.8.2011
  • Mit dem Race Touareg auf die schnelle Weinprobe. Ralley Deutschland: Die Weinberge stehen diesmal im Blickpunkt.

    Auto Bild, 12.8.2011
  • Irre, das ist ein Audi! Wie ein Kampfjet: Die Dachkuppel lässt sich nach hinten öffnen, der Einstieg erfolgt über die Bordwand.

    Auto Bild, 12.8.2011
  • Generelles Ziel eines Klimaschutzmanagements ist es, die Umsetzung der dafür notwendigen Maßnahmen einzuleiten und im verwaltungsinternen Handeln die Rolle des Klimaschutzes fest zu verankern. Preussenspiegel, 11.1.2012
  • Schwangerschaftstest am Snack-Automaten. BZ, 10.1.2012
  • Linden fallen. Shopping-Center kommt. BZ, 10.1.2012
  • „Other Nature“ in Kreuzberg. In diesem Sex-Shop sind die Peitschen öko. Veganer verzichen auf Tierprodukte aller Art. Aber nicht auf tierisch guten Sex. BILD, 9.1.2012
  • Auf einer Fischauktion in Japan ist ein neuer Rekordpreis für einen Thunfisch erzielt worden: Der Blauflossenthunfisch brachte immerhin 56, 5 Millionen Yen ein, umgerechnet 566.000 Euro. FAS, 8.1.2012
  • Das Eis der Arktis schmilzt, Firmen suchen im hohen Norden vermehrt nach Rohstoffen. Nun verkündet der Konzern Statoil einen stattlichen Fund. SPIEGEL online, 9.1.2012
  • „Wir bieten unseren Naturstrom-Tarif ohne Preisaufschlag zur Grundversorgung an, registrieren aber nur eine geringe Nachfrage“ berichtet Hanns-Ferdinand Müller, Chef der RWE Vertriebs AG. SZ, 29.12.2011
  • Mehr Staus auf deutschen Autobahnen. (...) Die Länge summiere sich in diesem Jahr auf 450.000 Kilometer, hieß es. (...) Die meisten Staus gab es im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen (...). SZ, 30.12.2011
  • Eine Friseurin in Zwickau verdient laut Tarif 3,82 Euro in der Stunde. DIE ZEIT, 51/2011
  • Die 43 reichsten Menschen der Erde haben ein Vermögen von 1,12 Billionen US-Dollar. Das entspricht dem BSP des gesamten subsaharischen Afrika, wo 854 Millionen Menschen leben. DIE ZEIT, 51/2011
  • Das thüringische Unternehmen Metralabs entwickelt Senioren- und Shopping-Roboter. Die Firmengründer sehen hier einen riesigen Wachstumsmarkt. SZ, 2.1.2012
  • Facebook baut im Norden von Schweden Europas größte Serverfarm, weil dort der Strom billig ist. (...) Die Anlage wird etwa so viel Energie verbrauchen wie ein Stahlwerk. SZ, 31.12.2011
  • Im Jahr 2011 hat der illegale Handel mit afrikanischem Elfenbein einen Höchststand seit dem Handelsverbot erreicht. SZ, 31.12.2011
  • 63.600.000 Tablets wurden 2011 weltweit verkauft. SZ, 31.12.2011
  • 400 Kreuzfahrtschiffe sorgen für Staus vor beliebten Häfen. 2012 gehen zwölf neue oder aufwendig umgebaute Pötte auf Kreuzfahrt. SZ, 31.12.2011
  • „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und sei gierig, wenn andere ängstlich sind“ (Warren Buffett) FAZ, 28.12.2011
  • Katastrophe: abgeschaltet SZ, 17.12.2011
  • Zwei Reaktoren, drei Bieter: Russland, Frankreich und die USA werben darum, das tschechische Atomkraftwerk Temelin auszubauen. SZ, 9.12.2011
  • Nestlé will China erobern: Der Schweizer Lebensmittelriese Nestlé kauft für 1,13 Milliarden Euro den chinesischen Süßwarenhersteller Hsu Fu Chi International. SZ, 9.12.2011
  • Tepco verseucht das Meerwasser: Der japanische AKW-Betreiber Tepco will im Frühjahr kontaminiertes Wasser aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima ins Meer pumpen. SZ, 9.12.2011
  • Brüssel ignoriert deutschen Atomaustieg: EU-Energiekommissar Günther Oettinger unterstützt Subventionen für den Neubau von Kernkraftwerken. SZ, 9.12.2011
  • Der Porsche 911 war 1963 noch 1,61 Meter breit, der gerade frisch vorgestellte Porsche 911 der Baureihe 991 misst jetzt 1,87 Meter – und ist damit sogar noch ausladender als der berühmte Mercedes Typ 300 aus den fünfziger Jahren, in dem sich Bundeskanzler Konrad Adenauer chauffieren ließ. SPIEGEL online, 16.11.2011
  • Virtueller Supermarkt: In Seoul hat Tesco Fotos von Supermarktregalen in einen U-Bahnhof geklebt. Gekauft wird per Scannercode und Smartphone. DIE ZEIT, 28/2011
  • US-Regierung investiert in Roboter, die Ölunfälle verhindern.

    Grist, 29.11.2011
  • Justin Timberlake hat eine Vorliebe für deutsche Straßen. „Wenn ich nach Deutschland komme, besorge ich mir einen schnellen Wagen und rase über die Autobahnen“, sagte er dem Magazin Focus. SZ, 28.11.2011
  • Das neue iPhone 4S sieht aus wie das ältere Modell 4, das mag manchen enttäuschen. FAS, 16.10.2011
  • Im Netz boomen „Hauling“-Videos, auf denen Mädchen ihre Beauty-Einkäufe präsentieren – viele werden bereits von Herstellern gesponsert. SZ, 13.10.2011
  • „Es ist völlig klar, dass die Idee von Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen eine immer wichtigere Rolle spielt. Die Menschen wollen trotzdem nicht verzichten. Für uns heißt das: Wir müssen Technologien einsetzen, um einen Genuss ohne Reue zu ermöglichen.“ (Daimler-Chef Dieter Zetsche) SZ, 19.11.2011
  • Die Gemeinde Berkenthin bei Lübeck hat als erste in Deutschland eine Brücke mit Fußbodenheizung. (...) Um die Fahrbahn im Winter eisfrei zu halten, wird aus einem 80 Meter tiefen Brunnen elf Grad warmes Wasser durch ein Röhrensystem gepumpt. SZ, 21.10.2011
  • „Nein, in meinen Augen sind die Risiken tragbar. Auch wenn man Unfälle nie ganz ausschließen kann. Shell hat deshalb zusammen mit anderen Unternehmen eine Milliarde Dollar investiert, um bei einem Unfall die möglichen Folgeschäden besser einzudämmen.“ (Shell-Chef Peter Voser)

    SZ, 26.9.2011
  • "Wir werden auch 2012 weiter wachsen. Nur wenn es ein ganz starkes Gewitter gibt und die Welt untergeht, müssen wir das noch einmal überdenken" (Audi-Finanzchef Axel Strotbek)

    SZ, 15.9.2012
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  • Wir haben zu Hause eine Atomstrom-Erdöl-Mischung.

  • ... geht schon!
  • Meine Mutter lässt es mit sich machen.
  • Wir leben unser Leben ...
  • Meine Großeltern haben schon gesündigt

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  • 08. Mai 2012
    3sat Kulturzeit - Aldebaran images/Edition/Tumbnails/edition-thumb_aldebaran.jpg
  • 04. Mai 2012
    Harald Welzer in der agora42 (www.agora42.de) images/Edition/Tumbnails/edition-thumb_agora.jpg
  • 27. April 2012
    Goethe Institut über FUTURZWEI images/Edition/Tumbnails/edition-thumb_goetheinstitut.jpg
  • 17. April 2012
    3sat Kulturzeit - Rolf Disch images/Edition/Tumbnails/edition-thumb_baumeister.jpg
  • 27. März 2012
    Harald Welzer im Uni SPIEGEL images/Edition/Tumbnails/edition-thumb_interview-unispiegel.jpg
  • 25. März 2012
    www.presse.com über FUTURZWEI images/Edition/Tumbnails/edition-thumb_presse-am-so_250312.jpg
  • 22. März 2012
    Deutsche Welle über FUTURZWEI images/Edition/Tumbnails/edition-thumb_deutschewelle.jpg
  • 06. März 2012
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