# # /templates/futurzwei/images/papierBall/bgPapierBall02.png /templates/futurzwei/images/papierBall/bgPapierBall03.png /templates/futurzwei/images/papierBall/bgPapierBall04.png /templates/futurzwei/images/papierBall/bgPapierBall05.png /templates/futurzwei/images/papierBall/bgPapierBall06.png /templates/futurzwei/images/papierBall/bgPapierBall07.png /templates/futurzwei/images/papierBall/bgPapierBall08.png
FUTURZWEI RSS-Feed abonnieren Newsletter abonnieren
Blick ins BuchOnline Kaufen

FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit

/templates/futurzwei/images/bgTopMenu.png
  • Stiftung
  • Zukunftsarchiv
  • Team
  • Partner
  • Impressum
  • Kontakt

FUTURZWEI. Wir fangen schon mal an.

Eine andere, zukunftsfähige Kultur des Lebens und Wirtschaftens entsteht nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse oder moralische Appelle. Sie wird in unterschiedlichen Laboren der Zivilgesellschaft vorgelebt und ausprobiert. 

Verantwortungsbewusste Unternehmer, kreative Schulleitungen, Bürgerinitiativen, studentische Start-ups oder einzelne Bürgerinnen und Bürger zeigen, dass man das Unerwartbare tun kann. Sie nutzen ihre Handlungsspielräume, um zukunftsfähige Lebensstile und Wirtschaftsweisen zu entwickeln. Sie fangen schon mal an.

FUTURZWEI macht es sich zur Aufgabe, dieses Anfangen gesellschaftlich sichtbar und politisch wirksam zu machen. Auch das 21. Jahrhundert braucht Visionen von besseren, gerechteren und glücklicheren Lebensstilen. In unserem Zukunftsarchiv erzählen wir, wie solche Visionen ganz handfest in Wirklichkeit verwandelt werden. Und dass Veränderung nicht nur möglich wird, sondern dass sie auch Spaß macht und Gewinn an Lebensqualität bedeutet.

FUTURZWEI ist kein Netzwerk und keine Community, sondern eine gemeinnützige Stiftung, die ihre Mittel für das Projekt einer zukunftsfähigen, enkeltauglichen Gesellschaft einsetzt.

Das Zukunftsarchiv

Im Zukunftsarchiv werden Geschichten des Gelingens erzählt. Dabei geht es um Menschen, die ihre Welt verändern, indem sie Ideen über andere Formen des Produzierens, Wirtschaftens, Unterhaltens usw. umsetzen und damit Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit praktisch machen. Sie schaffen Labore und Experimentierräume einer enkeltauglichen Gesellschaft, und zwar ohne Auftrag und ohne, dass sie jemand dazu aufgefordert hätte. Sie machen Unerwartetes, weil sie es sinnvoll finden. Bei all dem wird Wissen erzeugt, das wir künftig brauchen werden. Deshalb ist alles, was Sie im Zukunftsarchiv lesen können, zum Weitererzählen und – besser noch – zur Nachahmung empfohlen.

Die Geschichten gliedern sich in die folgenden sechs Bereiche:

Saft und Stoff

Diese Geschichten erzählen von einem anderen Umgang mit Rohstoffen, Materialien und Energien. Sie handeln von Wegen, weniger Energie zu verbrauchen, mehr davon selbst herzustellen und sich von fossiler Energie endgültig zu verabschieden. Es geht um Stoffe, die hergestellt werden, ohne Schäden zu verursachen, und die auf Kreisläufe ausgelegt sind anstatt auf Einmalnutzung. Außerdem wird hier von Bauern, Winzerinnen und Pflanzenfreunden erzählt, die ihre Böden nicht übernutzen, die Gene ihrer Pflanzen intakt lassen oder ihr Terrain mit Effektiven Mikroorganismen auf natürliche Weise nachhaltig bewirtschaften.

Kaufen Essen Trinken

Geschichten in dieser Rubrik handeln von verantwortungsvollen Erzeugern und strategischen Konsumenten, denen es wichtig ist, unter welchen Bedingungen Waren produziert werden und welche Kosten Umwelt und Gesellschaft dabei tragen. Sie erzeugen und verbrauchen korrekt, fair und regional, oft unter Verzicht auf Fleisch, immer auf Müll und Umweltgifte. Oder gleich auf den klassischen Konsum, indem Dinge wiederverwendet, umgenutzt, selbstgemacht oder geteilt werden.

Nah und Fern

Hier finden Sie Geschichten über das, was ganz nahe liegt, auch wenn es fern scheint. Und wenn tatsächlich einmal etwas fern liegt, wie man es am besten erreicht. Also: Stories über Verkehr und Transport, über Tourismus und Reisen und über Möglichkeiten, Dinge gar nicht erst von weit her zu beschaffen, aber trotzdem alles Nötige vor Ort zu haben; zum Beispiel regionale Produktion und Wirtschaftskreisläufe, Regionalwährungen oder dörfliche Versorgungsstrukturen.

Wir Ihr Sie

Das sind Geschichten über Menschen, die neue Formen des Sozialen erproben und zeigen, dass sich durch Gemeinwohlorientierung das Bruttosozialglück erhöhen lässt. Dabei geht es auch um Solidarität, Verantwortung und gemeinschaftliches Engagement – kurz: um Wege aus einer Kultur, die verhängnisvollerweise dem zukunftsfeindlichen Slogan der Postbank folgt: „Unterm Strich zähl ich!“

Spielen und Lernen

Schülerinnen und Schüler, Jugendliche und Studierende müssen noch die längste Zeit in der Zukunft leben. Hier werden Geschichten erzählt, die zeigen, dass Bildung etwas ganz anderes sein kann als es die pseudofunktionalen Lernanstalten im G8-Zeitalter glauben machen. Und dass sich auch Ältere in Zukunftsfähigkeit bilden können. Die allerdings wird nicht unterrichtet, sondern gelebt.

Weiter und Breiter

Hier gibt es Geschichten über Multiplikatoren, Förderer, Stifter, Kommunikatoren und Netzwerker – kurz: Künstlerinnen und Künstler des Verbindens. Sie stellen Synergien zwischen Akteuren her, erzählen deren Erfolge weiter, verbreiten nachhaltige Praktiken oder generieren selbst Wissen über Strategien der Zukunftsfähigkeit.

Team

Gitte Cullmann

Gitte Cullmannwird als freie Mitarbeiterin von FUTURZWEI die Welt nach spannenden Geschichten durchgrast haben, während sie als Soziologin eine Promotion über Katastrophen und Migration in Lateinamerika geschrieben haben wird. Dadurch wird sie erkannt haben, dass es nicht nur die großen einschlägigen Ereignisse gewesen sein werden, die eine Wende gebracht haben, sondern dass auch in kleinen langsamen Prozessen ungeheures Potential für positive Veränderungen steckt.

 

Sven Dämmig

Sven Dämmigwird als diplomierter Information Scientist, freiberuflicher WebProgrammierer, Netlabelaktivist und Social-Media-Experte bei FUTURZWEI und der Trans-Media-Akademie Hellerau e.V. gewesen sein. Zuvor hatte er u.a. bei Ars Electronica Linz und dem TU Electronic Music Studio Berlin mitgearbeitet.

 

Dana Giesecke

Dana Giesecke wird – nachdem sie zuerst Soziologie und Science Communication and Marketing studiert und von 2005 bis 2011 die Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen (KWI) geleitet hat – die wissenschaftliche Leitung der Stiftung FUTURZWEI übernommen haben. Schon als Soziologin, aber erst recht bei FUTURZWEI, wird sie erkannt haben, dass die Zukunft niemals einfach hereinbricht, sondern geformt wird, durch das, was in der Gegenwart passiert: Jeder wird an der Zukunft beteiligt gewesen sein.

 

Annette Jensen

Annette Jensenwird für FUTURZWEI geschrieben haben. Von 1998 an wird sie freie Journalistin in Berlin gewesen sein. Zuvor hatte sie acht Jahre lang als Redakteurin bei der taz gearbeitet, wo sie auch zusammen mit anderen das Ressort Wirtschaft und Umwelt gegründet hatte. Nachhaltigkeitsthemen waren auch danach ihr Schwerpunkt geblieben. Im Herbst 2011 war im Herder-Verlag ihr damals neuestes Buch erschienen: „Wir steigern das Bruttosozialglück. Von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben.“

 

David Keller

David Kellerwird als studierter Psychologe, Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker am Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) in Projekten zur Erinnerungs- und KlimaKultur tätig gewesen und bei FUTURZWEI freier Mitarbeiter gewesen sein.

 

Josefa Kny

josefa knywird bei FUTURZWEI Geschichten geschrieben sowie über Bürogegenwart bis Zukunftsarchivierung alles miterlebt haben. Sie wird gefunden haben, dass Motivation und Ansatz der Stiftung einwandfrei mit ihrem laufenden Masterstudiengang Zukunftsforschung an der FU Berlin zusammengepasst haben werden. Möglichkeiten eines gesellschaftlichen und politischen Wandels hin zum Allerbesten in Worte und Taten zu fassen, werden sie sowieso schon seit ihrem BA-Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Stockholm nicht losgelassen haben.

 

Karl-Heinz Retzlaff

Karl-Heinz Retzlaffwird - nachdem er zunächst Musikwissenschaft studierte - konsequenterweise Kameramann geworden sein. Die Fähigkeit, gerade noch rechtzeitig umzudenken, erwies sich bei dieser Berufswahl als genau richtig und künstlerisch „nachhaltig“. Seitdem gehören Mut zum Richtungswechsel und konsequentes Umdenken für Karl-Heinz Retzlaff auch zu den wichtigsten Schritten für die Gestaltung unserer Zukunft.
In seiner Mitarbeit bei FUTURZWEI wird er einen sinnvollen Beitrag gesehen haben, neue Wege im Denken und schließlich Handeln zu beschreiten.

 

Ute Scheub

Ute Scheubwird für FUTURZWEI geschrieben haben. Sie wird promovierte Politikwissenschaftlerin, Publizistin, Freizeitmusikerin, -malerin und -gärtnerin (früherer Spitzname: „Unkraut“) gewesen sein – wissend, dass auf unbeackerter Zukunft gefährlicher Unfug jäh aufblüht, wenn man Vergangenheit und Gegenwart nicht gehegt, gepflegt, umgegraben und neu bepflanzt haben wird. 1978/79 war sie Mitbegründerin der taz. Neben Artikeln, Essays und Kurzgeschichten hat sie bislang zehn Bücher veröffentlicht. Zusammen mit Annette Jensen wird sie außerdem „GoodNews“-Ausgaben der taz und die Website www.visionews.net mit Erfolgsgeschichten und Vorzeigeprojekten aus aller Welt organisiert haben. Noch dazu wird sie sich ehrenamtlich in mehreren „glokalen“ Projekten engagiert haben. www.utescheub.de

 

Andreas Tobias

Andreas Tobiaswird von Kindesbeinen an ein wandlungsfähiges Medium gewesen sein - und seine Energie nachhaltig vor allem als Schauspieler am Theater und beim Film, aber auch als Künstler, Fotograf und Regisseur ausgelebt haben. Für FUTURZWEI wird er mit der reichlich bebilderten Frage: "Ich will die Welt verändern, können Sie mir sagen wie?", sein Wissen erweitert und unverzichtbarer Ideenlieferant gewesen sein.

 

Luise Tremel

Luise TremelNachdem sie sich im Studium und dem ersten Arbeitslebensabschnitt der Vergangenheit gewidmet hatte, um sich über die Gegenwart klarer zu werden – sie hat Geschichte und Literaturwissenschaften studiert und bei der Bundeszentrale für politische Bildung Veranstaltungen und Multimediales zur deutschen Zeitgeschichte entwickelt – wird sie unter dem Einfluss von FUTURZWEI ihren Zeithorizont um noch ein Stück erweitert haben. In ihrer Doktorarbeit wird sie gesellschaftliche Veränderungsprozesse der Vergangenheit analysiert haben, um für das Stürzen auf die Zukunft zumindest theoretisch gewappnet gewesen zu sein.

 

Harald Welzer

Harald Welzerwird nach einer langen Zeit als Hochschullehrer, Galerist, Forscher und universeller Dilettant Direktor von FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit gewesen sein und mit dieser Aufgabe viel Spaß gehabt haben.

 

Wir danken


Hanna und Dieter Paulmann

sowie Eckhard Karnauke, Prof. Dr. Anders Levermann, Lara Mallien, Christiane Paul, Prof. Karin Sander, Christoph Süss, Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Frank Schweikert, Peter Unfried, Klaus Wiegandt

Kooperationspartner

okeanos

OKEANOS - Stiftung für das Meer

 

forum fuer_verantwortung

Forum für Verantwortung

 

3sat kulturzeit

3sat | Kulturzeit

 

UniFL

Norbert Elias Center (NEC) for Transformation Design & Research, Universität Flensburg

 

 

Impressum

Verantwortlich für den Inhalt der Webseite:

FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit

Rosenstraße 18
10178 Berlin

Tel. +49 (0)30.7809 7829-0

mail@futurzwei.org

www.futurzwei.org

FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit ist eine selbstständige Stiftung des privaten Rechts. 
Sie ist im hessischen Stiftungsverzeichnis eingetragen.

Zuständige Aufsichtsbehörde:

Regierungspräsidium Darmstadt, Luisenplatz 2, 64283 Darmstadt

Vorstand:

Hanna Paulmann, Dipl. rer. pol. Dieter Paulmann (Vorsitzender)

Direktor der Stiftung:

Prof. Dr. Harald Welzer

Wissenschaftliche Leitung/Redaktion:

Dipl.-Soz. Dana Giesecke, M.Sc.

Design und Realisation:
LINIENLAND – Agentur für Design und Neue Medien
www.linienland.de

Alle Inhalte dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt.

Haftungsausschluss:

Die Inhalte unserer Webseiten wurden mit größter Sorgfalt erstellt und die Links ebenso sorgfältig ausgesucht.
 Trotz aller Sorgfalt können wir für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte unserer Seiten jedoch keine Gewähr übernehmen.
 FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit ist nicht verantwortlich für den Inhalt der Webseiten Dritter.

Kontakt

FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit

Rosenstraße 18
10178 Berlin

Tel. +49 (0)30.7809 7829-0

mail@futurzwei.org

Anmelden für den Newsletter "Flaschenpost"

FUTURZWEI RSS- Feed

#
Verschieben Sie die Fläche mit der Maus…

Zukunftsarchiv

 
  • Saft & Stoff
  • Kaufen Essen Trinken
  • Nah & Fern
  • Wir Ihr Sie
  • Spielen & Lernen
  • Weiter & Breiter
       
446-nour-energie

Göttlicher Strom

Das ehrenamtliche Team NOURenergie aus muslimischen Akademikern will durch Solarstrom das Gleichgewicht in der Natur schützen. Sie planen und bauen Solaranlagen für Sakralbauten. Der Vorstandsvorsitzende des Vereins Tanju Doganay sieht darin auch gelungene Integration und interkulturelle Annäherung.

Visionen eines Vorzeigesohnes

Das ehrenamtliche Team NOURenergie aus muslimischen Akademikern will durch Solarstrom das Gleichgewicht in der Natur schützen. Sie planen und bauen Solaranlagen für Sakralbauten. Der Vorstandsvorsitzende des Vereins Tanju Doganay sieht darin auch gelungene Integration und interkulturelle Annäherung.

Es ist ein gewöhnlicher Samstag in der Emir-Sultan-Moschee in Darmstadt. Die Jungs und Mädchen besuchen getrennt den Koran-Unterricht. Die Frauen passen im ersten Stock auf die kleinen Kinder auf. Unten im Café spielen ein paar Männer Billard und warten auf das Mittagsgebet. Billardtische, Zigarettenautomat, Kicker und drei lange Tische füllen den Raum. An der Wand hängen die türkische und die deutsche Nationalflagge. Ein großer Fernseher beschallt auf Türkisch das Café. In einer Ecke sitzen glattrasierte ältere Herren auf orientalischen Kissen und trinken Tee.

 

Ein junger Mann mit durchtrainiertem Körper tritt ein und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Tanju Doganay, 26 Jahre alt. Tolle Haare hat er – akkurat frisiert. Er sei Model einer bekannten Haarpflege-Marke, wird er später erwähnen. Er trägt Jeans, kariertes Hemd und einen olivgrünen Pulli. Seine dunklen Augen fesseln. Hier in der Moschee kennt und grüßt ihn jeder. Ältere Männer in Anzügen schütteln ihm respektvoll die Hand. Er hat ihre Moschee zu einer besonderen gemacht. Die zweite „Photovoltaik-Moschee in Deutschland“. Die erste steht in Weinheim, auch dort wurde das Projekt von Tanju Doganay organisiert und geleitet. Er wirkt bodenständig. Keine Spur von Eitelkeit.

 

Seit fünf Monaten versorgt eine kleine Fläche Solarmodule auf dem Dach der Emir-Sultan-Moschee das Gebäude mit Strom. Was nicht verbraucht wird, wird ins Netz eingespeist und bringt der Moschee einen kleinen Zuverdienst. Die Mitglieder der Moschee seien stolz auf ihr Photovoltaikdach, erzählt Projektleiter Tanju Doganay, und noch stolzer, dass sie es gemeinsam geschafft haben, das Vorhaben umzusetzen. Dies stärke die muslimische Gemeinschaft.

 

Die Eltern von Tanju Doganay kommen aus der Türkei. „Ich bin aber ein Darmstädter Heiner“, sagt der Sohn – einer von hier. „Herrscher“ oder „Gottesherrscher“ ist die Bedeutung seines Vornamens. Doch dieser junge Mann will die Menschen nicht beherrschen, und auch Gott nicht. Eher ihm treu sein. Seit fünf Jahren arbeitet Tanju Doganay im Beruf des Wirtschafts- und Vertriebsingenieurs. Er berät große Unternehmen bei Fragen der energetischen Sanierung. Die beiden Moschee-Projekte hat er vergangenes Jahr ehrenamtlich ins Leben gerufen.

 

Bei der Verwirklichung seiner Vision war er dann natürlich nicht allein. Er hat andere Fachleute und den Vorstandsvorsitzenden der Moschee von seiner Idee überzeugt: das Gotteshaus könnte sich selbst mit sauberer Energie versorgen. Daraufhin wurde das ehrenamtliche Team NOURenergie gegründet – Nour, das ist im Arabischen das Licht. Die Gruppe besteht aus sechs muslimischen Akademikern: vier Wirtschaftsingenieure, ein Anwalt und ein Informatiker. Sie haben ihren Sachverstand eingebracht, die Gemeinde hat für die Materialien der Photovoltaikanlage gespendet.

 

Doch nicht nur die vorhandene Fachkompetenz und die Tatsache, dass Solarenergie subventioniert wird, haben den Vorstandsvorsitzenden der Moschee überzeugt, die muslimische Gemeinschaft zu diesen Spenden aufzurufen, glaubt Projektleiter Tanju Doganay. Wichtig sei, dass die jungen Männer der NOURenergie-Gruppe wegen eines viel höheren Anliegens ausgerechnet an Solarzellen gedacht hätten. Mit Stolz erzählt der Initiator, wie der Vorstandsvorsitzende der Moschee – „ein ehrenwerter Mann“ – recht froh war, seine Erklärung zu hören.

 

„Der Islam hat das Team der NOURenergie motiviert, das Licht, was uns Allah gegeben hat, in elektrischen Strom zu verwandeln“, sagt Tanju Doganay. Denn im Koran stehe: „Man soll in der Natur das Gleichgewicht erhalten. Die Ressourcen sparen. Das Wasser auf Erden soll sauber bleiben, weil man sich vor dem Gebet mit sauberem Wasser wäscht. Und davon soll auch für die Nachfolgegenerationen genügend da sein.“

 

Es war also nicht nur der Umweltschutz, der den jungen Männern die Kraft gab, abends nach einem langen Arbeitstag oder am Wochenende Konstruktions- und Montagepläne zu entwerfen und auf das Dach der Emir-Sultan-Moschee zu klettern, um zusammen mit anderen Muslimen Solarmodule anzubringen. Das gelungene Projekt beweise noch etwas anderes: „Wenn die Muslime in Deutschland bauen, fühlen sie sich längst ansässig.“ Und dass auch „Nicht-Muslime“ für die Solarpaneele gespendet haben, deute er ebenfalls als Zeichen gelungener Integration.

 

Weitere Visionen spiegeln sich in seinen gläsernen Dachplatten. „Wir leben in einer Zeit, in der jeder versucht, sich abzugrenzen. Die Religionen betonen immer ihre Unterschiede. Dadurch werden die Menschen immer radikaler.“ Ziel von NOURenergie ist es auch, über den Naturschutz Gemeinsamkeiten zwischen allen Religionen und Kulturen zu suchen. Denn die Natur zu schützen, sei Aufgabe aller Religionen. Hier müsse man sich treffen und verständigen; nicht versuchen, sich abzugrenzen, sagt Tanju Doganay.

 

Deshalb krabbeln er und seine Mitstreiter ehrenamtlich nicht nur auf Moscheedächer, sondern auch auf andere Gotteshäuser und gemeinschaftliche Einrichtungen, um die Sonnenenergie, ganz gleich von welchem Gott gegeben, in Strom zu verwandeln. Damit wollen sie den „interreligiösen und interkulturellen Dialog fördern“. Die nächste Annäherung wird bald auf einem evangelischen Dach in Hessen stattfinden. Denn dem Team geht es um  Nachhaltigkeit  in den Beziehungen zwischen den Menschen ebenso wie um die Nachhaltigkeit der Ressourcen. Auch dieser Gedanke sei im Koran wiederzufinden „Oh, ihr Menschen! Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennen lernt.“ Neben der konkreten Unterstützung gemeinnütziger Einrichtungen bei der Planung von Solaranlagen hält die kleine Gruppe von NOURenergie immer wieder öffentliche Vorträge, so an der Technischen Universität Darmstadt oder der Evangelischen Akademie Loccum.

 

„Das Wichtigste für mich ist Allah, dann kommen meine Eltern; ihnen bin ich sehr dankbar“, sagt Tanju Doganay ernst. Früher spielte er Fußball, jetzt trainiert er in einem Fitnessstudio. Er geht gern aus und lässt seine Verlobte morgens schlafen, wenn er selbst früh zur Arbeit geht. Er spricht gern vom Osmanischen Reich und vom Römischen, und er weiß auch von den alten Griechen zu erzählen. Im Sommer wird er in Spanien heiraten. Tanju Doganay träumt davon, eine Schule in einem Entwicklungsland zu bauen. Unfassbar: Sogar die Träume dieses Vorzeigesohnes handeln von Nachhaltigkeit.

Borjana Zamani
23. Mai 2013

www.nour-energie.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

 
445-baeume-fuer-berlin

Straßengrün

Der Bund für Umwelt und Naturschutz sammelte Spenden für Straßenbäume – bis ein Gartenamtsleiter die Aktivisten bremste. Die Umweltschützer reagierten mit einer Kampagne: Nun ist die Pflanzung von 10.000 Bäumen Senatspolitik.

Berliner Baumwandel

Der Bund für Umwelt und Naturschutz sammelte Spenden für Straßenbäume – bis ein Gartenamtsleiter die Aktivisten bremste. Die Umweltschützer reagierten mit einer Kampagne: Nun ist die Pflanzung von 10.000 Bäumen Senatspolitik.

Wer einem anderen die Arbeit abnimmt, rechnet zumindest mit Wohlwollen. Der Naturschutzaktivist Christian Hönig und seine Mitstreiter vom Berliner Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hingegen ernteten für ihren Einsatz nicht nur Unverständnis, sondern sogar Vorwürfe. Anstatt hinzuschmeißen, ersannen sie einen Trick, um die eigentlich Zuständigen in die Verantwortung zu zwingen. Dank ihrer Beharrlichkeit pflanzt die Berliner Stadtverwaltung nun jeden Herbst und jedes Frühjahr rund 800 Straßenbäume – und das in der Wirklichkeit, nicht wie früher nur auf dem Papier.

 

Doch der Reihe nach: Schon seit geraumer Zeit hatten die diversen Berliner Umweltgruppen immer wieder bemerkt, dass Straßenbäume gefällt wurden, ohne dass Ersatz gepflanzt worden wäre. Die offiziellen Statistiken aber behaupteten das Gegenteil: Angeblich säumten rund 450.000 Bäume die Asphalt- und Kopfsteinpisten der Hauptstadt – mit jährlichem Zuwachs. Das schien sehr positiv, denn Grünpflanzen sind wichtig für Großstadtbewohner. Sie tun der Psyche gut, filtern Schadstoffe aus der Luft und stellen außerdem eine wirksame Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel dar: Wenn bald auch hierzulande Tropennächte zum Sommer dazugehören, kann die Aufheizung der Fassaden und Straßenbeläge durch nichts so gut abgemildert werden wie durch Bäume.

 

Die Aktiven beim BUND wollten der Sache auf den Grund gehen und studierten das Berliner Baumkataster genauer. Zu ihrer Überraschung stellten sie dabei fest, dass die Verwaltung am laufenden Meter alte Bäume neu „entdeckte“. Der Förster und Naturschutzaktivist Christian Hönig befasste sich eingehend mit den Zahlen und arbeitete heraus, dass die erstaunliche Baumvermehrung nicht nur auf die Verschiebung von Bezirksgrenzen zurückzuführen war, sondern auch mit unterschiedlichen Meldezeiträumen und einem verwirrenden Computersystem zu tun hatte. Außerdem gehört die Grünpflege zu den „freiwilligen Leistungen“ der Bezirke, deren Mittel kontinuierlich gekürzt werden – die zuständigen Staatsdiener sitzen zunehmend überlastet und frustriert vor permanent wachsenden Aktenbergen. „Die meisten Leute haben ja in ihrer eigenen Logik einen guten Grund, warum sie etwas tun – und das versuche ich immer erst einmal zu verstehen. Dann wird es einfacher, etwas dagegen zu unternehmen“, beschreibt der drahtige Christian Hönig seine praktische Philosophie.

 

Der BUND entschloss sich, der Frage systematisch nachzugehen, und 2008 konnte der Verband eigene Zahlen vorlegen: Im Zeitraum 2005 bis 2007 waren in Berlin jährlich etwa 2.000 Straßenbäume verschwunden, die nicht durch Neupflanzungen kompensiert worden waren.

 

Um den Baumbestand zu sichern, schlugen die Naturschutzaktivisten den Verwaltungen eine Arbeitsteilung vor: Sie würden intensiv um Baumspenden werben, die Bezirke im Gegenzug wie bisher deren Pflanzung und Pflege übernehmen. Das ging eine Weile lang gut: Zahlreiche Berliner waren bereit, 250 bis 300 Euro auszugeben, damit ein Baum in ihrer Straße ersetzt werden könnte. Auch als Präsente zu Hochzeiten oder Taufen waren Baumspenden jetzt sehr beliebt. Für Hönig und die Aktivisten beim BUND war das mit viel Arbeit verbunden – schließlich wollten die Schenkenden Baumart, Standort und Pflanzzeitpunkt mitbestimmen.

 

Ende 2009 dann kam es zu dem denkwürdigen Treffen, das Hönig noch heute empört. Die Stimme des 34-Jährigen wird laut, wenn er daran zurückdenkt. Er und ein Kollege waren von der Verwaltung eingeladen worden; ein Routinegespräch, dachten die beiden. Doch gleich nach der Begrüßung fiel das entscheidende Wort: Die Bezirke könnten sich die „Zwangsbeglückung“ nicht länger leisten. Die fachkundige Pflanzung und Pflege koste pro Baum schließlich rund 700 Euro und verschaffe den völlig überlasteten Ämtern zusätzliche Arbeit. Den Part der Pflanzung und langfristigen Betreuung sollten die Freiwilligen künftig bitte ebenfalls übernehmen.

 

Fassungslos traten Hönig und sein Begleiter den Rückweg an – und entwickelten die Idee einer politischen Kampagne. Fortan verwies der Naturschutzverband willige Spender direkt an die öffentliche Verwaltung. Zugleich sahen sich Politiker aller Couleur im Jahr 2011 mit einer konkreten Forderung der Naturschützer konfrontiert: „10.000 neue Bäume für Berlin“. Im Internet oder per Postkarte konnten Bürger melden, wo in den letzten Jahren Straßenbäume verschwunden und nicht ersetzt worden waren. Hönig trug alles in einen Stadtplan ein. Um das Projekt auch im Stadtraum sichtbar zu machen, bastelte er meterhohe Fragezeichen aus Pressspan, strich sie rot an und platzierte sie neben Baumstümpfen in ganz Berlin.

 

Der Zeitpunkt der Aktionen war günstig: Schließlich standen Senatswahlen an. „Berlin ist die Metropole mit den meisten Straßenbäumen – und die sind den Berlinern unendlich wichtig“, glaubt Hönig. Außerdem lassen sich Politiker gerne dabei ablichten, wie sie einen Baum pflanzen. „Das kommt gleich nach Bildern mit Kindern und Tierbabys“, ist er überzeugt. Einiges spricht dafür, dass seine Einschätzungen zutreffen: Das Thema Stadtbäume tauchte in allen Wahlprogrammen auf; einzige Ausnahme war die Piratenpartei. Und so erstaunt auch nicht, dass im rot-schwarzen Koalitionsvertrag eine „Stadtbaumoffensive“ und die „Neupflanzung und nachhaltige Pflege“ von 10.000 Straßenbäumen vereinbart wurden. Im Herbst 2012 ist es dann tatsächlich losgegangen: 800 neue – diesmal echte – Bäume kamen in die Erde. Und so soll es nun in jedem Frühjahr und Herbst weiter gehen. Irgendwann wird man die Stadt vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

Annette Jensen
16. Mai 2013

www.baeume-fuer-berlin.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

442-lebensgut-pommritz

Erntegold

Martin ist Biobauer, aber als Beschreibung reicht das nicht. Will man erfahren, was den Obstbauer ausmacht, muss man bleiben und genau hinschauen.

Apfelmartins Quark

Martin ist Biobauer, aber als Beschreibung reicht das nicht. Will man erfahren, was den Obstbauer ausmacht, muss man bleiben und genau hinschauen.

„Du bist Robert? Hallo, ich bin Martin.“ Martins Gesicht ist hager, fast knöchern, die Haut ist braungebrannt, nur ein einfacher Lendenschurz schützt vor der prallen Juli-Sonne. Wir haben einen Termin, darum bin ich pünktlich. Das ist ungewöhnlich für einen Besucher des Lebensgutes, wo Zeit keine große Rolle spielt. Das Lebensgut ist eine Kommune. Einige Besucher sind Erntehelfer, die Martin für die Obsternte engagiert, für Kost und Logis oder auch für Lohn. In den nächsten Tagen werden Martin und wir Erntehelfer auf Bäume klettern, Frucht um Frucht pflücken und wie rohe Eier vorsichtig in Körbe legen. Dabei erfahre ich einiges über Martin, über nachhaltige Landwirtschaft und darüber, was es heißt, Selbstversorger zu sein.

 

Martin ist zertifizierter Bio-Obstbauer. Mit der Ernte beliefert er Abo-Kisten und stellt Obstsaft her. Insgesamt werden jährlich zwischen zehn und 15 Tonnen Obst verarbeitet. Zu drei Vierteln kann Martin von dieser Ernte seinen eigenen Lebensmittelbedarf decken. „Auf einem Bauernhof leben und sich von der Arbeit der eigenen Hände ernähren“, formuliert er sein großes Ziel. Bis zu diesen 75 Prozent war es ein weiter Weg, der vor 18 Jahren begann. Am Anfang standen vor allem gesundheitliche Probleme mit der herkömmlichen Ernährung, die Martin zunächst zur Rohkost führten. Zum hiesig bekannten „Apfelmartin“ wurde er durch das bloße Essen von Obst und Gemüse noch nicht; dafür brauchte es das Pflücken. Die Entscheidung, sich ausschließlich von Rohkost zu ernähren, traf sich nämlich mit einer anderen biographischen Linie: dem Beginn des Kommune-Lebens, mit Martins Realisierung seines Wunsches, anders zu leben. Noch ohne Martin war dieses Andersleben vor circa 20 Jahren als Verein Neue Lebensformen in Pommritz bei Bautzen institutionalisiert worden. Das Land Sachsen förderte die Kommune, die einige Ländereien und ein altes Rittergut umschloss, als „sozio-ökonomischen Feldversuch“. Heute leben in der Kommune Pommritz circa 25 Menschen, die sich ganz unterschiedlich einbringen: im Ökolandbau, im hofeigenen Bioladen oder der Bäckerei, in der Lernwerkstadt Sophia, der Bibliothek, in Tanzkursen oder auch auf Martins Apfelplantagen.

 

Es sind dieselben Apfelplantagen, die Martin damals, als er 1995 dazustoß, verlassen und verwahrlost vorfand: „Niemand wollte sich drum kümmern.“ 150 Obstbäume standen dort, alle rund 60 Jahre alt, auf zugewachsenen und von Wühlmäusen durchkämmten Wiesen. Auch das Obst war von Maden ausgehöhlt. Martin wollte anfangs nur die Früchte retten, also möglichst wenig verfaulen lassen. Zunächst wurde das Fallobst zu Saft verarbeitet und die geringe Pflückobst-Ernte selbst verwertet. Durch die von Martin angestoßene regelmäßige Pflege der Wiesen verbesserte sich die Qualität des Obstes an den Bäumen; Wühlmäuse und Maden wichen. Für die dauerhafte Pflege der Wiesen hat Martin Schafe angeschafft, die unablässig den Rasen mähen. Inzwischen sind es zwölf Tiere. Das Rasenmähen sichert den Obstwiesen eine Vielfalt verschiedener Pflanzenarten.

 

Martin hat sein Wissen über die ökologische Landwirtschaft so beharrlich aufgelesen wie das Obst. Er beschreibt es anders: „Das Wissen kam zu mir.“ Darunter sind einfache Regeln, die aus seiner Kindheit hängengeblieben sind: „Durch einen frisch geschnittenen Apfelbaum muss man einen Hut durchwerfen können.“ Der andere Teil des Wissens ist gewachsenes Erfahrungswissen. Die Rezeptur des jährlichen Baumanstrichs zählt hierzu: Bestehend aus Kalk, Lehm und Kuhmist zu gleichen Teilen schützt dieser vor Ungeziefer in den Früchten und Verbiss durch die Schafe. Die eigene Mischung macht den Anstrich haltbarer, wobei der Kalk die Krankheitserreger und Baumpilze im Kuhmist reguliert. In guten Fällen verharrt Erfahrungswissen wie dieses nicht an einem Ort, sondern es wandert, gar über Ländergrenzen hinweg. Von einem spanischen Orangenbauern lernte Martin die Technik kennen, Kuhmist im Boden zu vergraben. Der hält den Boden auf natürliche Weise fruchtbar, ernährt gleichsam die Wühlmäuse, die aus Dankbarkeit das Wurzelwerk des Baumes verschonen und den Kuhmist gleichmäßig in ihren Gängen und damit im Boden verteilen.

 

Um seinem Ideal vollständiger Selbstversorgung näher zu kommen, hat Martin einen eigenen Blick entwickelt, der die Natur als endlos fruchtbar und wertvoll wahrnimmt. So viel wie möglich von dem zu verwerten, was die Natur bietet, ist zu seiner Lebenseinstellung geworden. Ein strikter Jahresplan gibt Martin vor, wann welche Tätigkeiten anliegen und damit auch, wann ruhige Zeiten aufhören und stressige beginnen.

 

Die klassische Obsternte umfasst den Zeitraum von Juli bis Anfang November. Hier gilt es für Martin, Pflück-, Sortier- und Zubereitungsarbeiten zu organisieren. Ein jeder Baum hat dabei seine individuelle Erntezeit. Martin kennt sie alle. Jede Sorte Obst wird dabei grundsätzlich sortiert in Pflückobst, das die Abo-Kisten füllt, und Fallobst, daraus wird Obstsaft gepresst. Bis zu vier Erntehelfer engagiert Martin pro Saison. Für die Lagerung hat er einen eigenen Apfelkeller mit einer speziellen Kühlanlage gebaut. Das Lager ist Martins zeitlicher Puffer: „Klar, nicht jeder reife Apfel hat bei seiner Ernte schon seinen Abnehmer“.

 

Neben der Obsternte ist es die Pflege der Obstwiesen, die im Jahresablauf den Takt vorgibt. Im Frühjahr geht es los mit dem Baumschnitt, den die Schafe abnagen. Die übriggebliebenen Äste werden zur Erneuerung des Flechtzaunes eingesetzt, der die Obstwiesen umzäunt. Dann kommt irgendwann die regelmäßige Heuernte. Das hochgewachsene Gras wird mit einer Sense geschnitten und auf Heuschober gestapelt. Im Winter dient dieses Heu der Ernährung der Schafe. Die geben ihrerseits Wolle und Milch. Dass man auch mit der Milch etwas anfangen kann, ist Martin erst jüngst aufgefallen. Daraufhin hat er sich mehr Milchschafe zugelegt: „Das ist ein ganz anderes Arbeiten mit denen. Sie sind zutraulich und lassen sich durchaus willig melken“, erklärt er ihr Arbeitsverhältnis.

 

In ruhigeren Zwischenzeiten stellt Martin seine eigene Nahrung her: getrockneten Quark. Der sieht aus wie aufgebrochene Wüstenerde in weiß, ist hart, platt und unförmig, aber offenbar sehr bekömmlich. Die Trocknung  geschieht über mehrere Tage in eigens dafür angefertigten Trockenschränken, in denen sich ein kleiner Ventilator dreht. Danach ist der Quark mehrere Monate haltbar. Das Quarksortiment in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen ist an weitere saisonale Zutaten gebunden. In den Frühjahrsmonaten wird die weiße Masse zusammen mit Spinat, Rapunzel und Löwenzahn zu sechs bis acht Eimern Kräuterquark verarbeitet. Im Spätsommer kommen Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren in den Quark. Nach der Erntesaison, von November bis Februar, nimmt sich Martin mehr Zeit, für Urlaub, Yoga und Seminare.

 

Am Ende des Tages wage ich es tatsächlich, eine echte Warum-Frage an den „Apfelmartin“ zu richten: Warum eigentlich Bäume? „Nun ja, ich mag Bäume, ich habe ein inniges Verhältnis zu Bäumen und manchmal umarme ich auch einen.“ Jetzt lächelt er. Für denjenigen, der sich angesteckt hat und wissen will „Was muss ich tun?“, hat Martin einen einfachen Tipp: Anfangen und Erfahrungen sammeln. 

Robert Jung
08. Mai 2013

www.lebensgut.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

440-artefact

Powerballade

Der artefact Powerpark in Glücksburg macht alternative Energiegewinnung begreifbar und löst spielerisch unsere energetische Zukunft.

Hans im Glück

Der artefact Powerpark in Glücksburg macht alternative Energiegewinnung begreifbar und löst spielerisch unsere energetische Zukunft.
Dunkle, von Regen überschwemmte Straßen. Stille. Kein Mensch in Sicht. Die Ostsee wirkt wie ein Ungetüm; es lässt den Wind ohne Hindernisse auf das Festland stürmen und die tiefschwarzen Wolken bis zum Horizont sichtbar werden. Dann ein gelbes Ortsschild. Die Buchstaben sind wegen des Regens kaum zu erkennen. Je weiter sich Hans dem Schild mit seinem Fahrrad nähert, desto deutlicher wird der Ortsname: Glücksburg. Doch an Glück ist gerade nicht zu denken. Die Abgeschiedenheit wird durch Kälte, Wind und Regen noch potenziert. Einer der nördlichsten Punkte des deutschen Festlandes wirkt wie das Ende der Welt. Verlassen, trist und den Wetterextremen ausgeliefert.

Kurze Zeit später entdeckt Hans ein weiteres Schild: „artefact Powerpark bitte rechts“. Er tritt in die Pedale, bis am Ende der Straße ein riesiges Gelände auftaucht. Seine Füße sind nass, nein: klitschnass. Aber er hält durch, denn dieser verlassene Ort soll unsere energetische Zukunft demonstrieren – so absurd das klingen mag. Ausgerechnet hier testen circa 10.000 Besucher jährlich ihre Muskelkraft für den Antrieb von Modelleisenbahnen und Windrädern. Hier, an diesem dunklen Fleck, werden Menschen zu Solarfachberatern ausgebildet. Hans hat die Stimme von Werner Kiwitt noch im Ohr, der ihm vom Powerpark und den Aktionen des Zentrums für nachhaltige Entwicklung berichtete – deshalb hat er sich ja überhaupt auf den Weg gemacht. Kiwitt ist Geschäftsführer von artefact Glücksburg. Er wacht über den Powerpark, der als Beitrag zur Weltausstellung EXPO im Jahr 2000 eröffnet wurde.

Zuerst erkennt Hans nur komische Installationen, seltsam konstruierte Gebäude und verschiedene Pfade über das Gelände. „Ist das Kunst oder kann das weg?“, der Lieblingsspruch seiner Mutter rast ihm durch den Kopf, und er zieht seine Kapuze fester, damit die Hoffnung auf trockene Haare bestehen bleiben kann. Hans entdeckt Steine auf dem Boden, in die Informationen über die Geschichte der Energiegewinnung eingemeißelt sind: „1609 Nutzung der Gezeiten an der Ostküste Kanadas, um Mühlen anzutreiben“ oder „1913 Entstehung des ersten Erdwärmekraftwerks in Italien“.

Langsam schreitet Hans weiter und sieht ein umgestürztes Windrad. „Kein Wunder, bei dem Sturm“, denkt er, geht näher heran und berührt das Rotorblatt vorsichtig. Zu Hause schimpft sein Vater immerzu über die Windräder, die doch angeblich die schöne Landschaft versauen und den Vögeln ihren freien Flug nehmen. Hans spürt den Wind in seinem Gesicht und versteht, dass das Rotorblatt gezielt auf dem Boden liegt, damit die Dimension und die technologische Meisterleistung erkennbar werden. Er erfährt, dass es theoretisch möglich wäre, in Deutschland allein mit Offshore-Windanlagen 237 Terrawatt Strom zu produzieren. Das wäre die Hälfte der Elektrizität, die derzeit in Deutschland verbraucht wird. „Ist halt Einstellungssache“, antwortet er leise seinem Vater und geht weiter.

Er stoppt an der nächsten Installation und liest, dass es sich dabei um einen Savoniusrotor handelt. „Was es nicht alles gibt“, murmelt er vor sich hin und erfährt, dass der Savoniusrotor ein Windkraftrad mit vertikaler Achse ist. Fabrikhallen oder Krankenwagen setzen solche Rotoren gern zur Lüftung ein, weil sie bereits bei geringen Windgeschwindigkeiten funktionieren. In Hans kommt geradezu Freude auf, weil eine Böe die Windräder auf dem Gelände des Powerparks gerade so richtig in Schwung bringt.

Seine Schritte werden größer, denn es hat ihn gepackt. Der Powerpark hat ihn in seinen Bann gezogen. Hans stellt sich allen Herausforderungen: Er hebt einen 20 Kilogramm schweren Stein und weiß im gleichen Moment, dass gerade eine Energieform in eine andere übertragen wird. Er verschlingt die Informationen über die solarthermischen Anlagen, und dabei dringt die Sonne in sein Bewusstsein. Der langersehnte Sommer liegt nicht mehr fern. Aber anstatt sich nur an den Strand zu wünschen, denkt Hans fasziniert an das ungeheure Potential der Sonne für die Energiegewinnung. „Solaranlagen zur Erwärmung von Brauchwasser werden so ausgelegt, dass sie den Warmwasserbedarf während der Sommermonate vollständig solar decken können“, heißt es bei artefact, und Hans wundert sich, dass nicht viel mehr Haushalte auf Solaranlagen umsteigen. Die nassen Füße sind in Vergessenheit geraten. Hans betritt eine Lehmhütte und entzündet die Kochstelle. Im Handumdrehen bekommt der Raum eine angenehme Temperatur, und Hans fragt sich, ob das wohl an der natürlichen Dämmung liegt.

Da betritt Werner Kiwitt die Hütte. Hans ist wissbegierig, er möchte mehr über artefact erfahren. Der Geschäftsführer beginnt zu erzählen. Seine Beschreibungen klingen berauschend: „Wir möchten nicht an wohliger Ohnmacht festhalten, sondern neue Wege aufzeigen. Wir wollen zeigen, dass Deutschland es schaffen kann, und wenn Deutschland es schafft, dann schaffen es alle.“ Kiwitt war früher Entwicklungshelfer und bildete Lehrer in Afrika aus. Er ist überzeugt, dass wir die Möglichkeiten neuer Energie- und Nutzungsformen immer entlang unserer jeweiligen Gegebenheiten ausschöpfen sollten. Deshalb errichtete er artefact als Zentrum für nachhaltige Entwicklung mit den Technologien, die unserer Klimazone am besten entsprechen. „Projekttage wie ‚Kinder der Welt’ oder der ‚Solarcup’ sollen verschiedenen Altersgruppen dabei helfen, den großen Chancen einer Transformation entgegenzutreten.“ Gerade ist der Demeter-Geflügelzuchtverband vor Ort, und in der nächsten Woche wird es ein Migrantinnen-Existenzgründungsseminar geben.

„Ist doch alles Einstellungssache“, überkommt es Werner Kiwitt, und er berichtet über den holprigen Weg von artefact seit der Gründung als Verein im Jahr 1986. Auf diesem Weg lagen auch eine Insolvenz und die Drohung einer Zwangsversteigerung. Aber diese Phase ist vorbei, der Verein ist mittlerweile eine gemeinnützige GmbH, und der ehemalige Abenteuerspielplatz für erwachsene Ökos zieht ein breites Publikum an. artefact sei sogar dreimal zum „Ort der Ideen“ ausgezeichnet worden, trägt der Chef stolz vor. Dass die Besuche zum Nach- und Umdenken anregen, zeigen am eindrücklichsten die Beispiele von Menschen, die nach Besuchen bei artefact eigene Unternehmen gründeten. Eine aus einem artefact-Besuch hervorgegangene Solarfirma hat mittlerweile 20 Angestellte.

Zum Abschied erscheint Helena. Sie absolviert ihren Bundesfreiwilligendienst bei artefact. „Es kann doch so alles nicht weitergehen. Wir verbrauchen doch viel zu viel und können uns das eigentlich alles gar nicht leisten“, sprudelt es aus ihr heraus. Besucher Hans und Geschäftsführer Kiwitt nicken einvernehmlich.

Hans verlässt die Lehmhütte und blickt auf das Areal. Er stellt sich vor, wie es hier im Sommer aussehen könnte: zahlreiche Kinder-, Jugendlichen- und Erwachsenengruppen kommen zu Besuch. Die Menschen machen hier Urlaub und übernachten im Gästehaus aus Lehm. Alle Sinne werden im Powerpark gefordert, Einstellungen werden infrage gestellt und – verändert. In seinen Gedanken entkommt Hans den apokalyptisch wirkenden Winden und genießt stattdessen die Power der rotierenden Windräder. Dann schwingt er sich auf sein Fahrrad und fährt davon.
Gitte Cullmann
02. Mai 2013
www.artefact.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

439-slow-food-youth

Schnippel-Philipp

Für junges Gemüse aus aller Welt ist die Liebe zum Essen in der Slow-Food-Bewegung seit einigen Jahren institutionalisiert. Die Berliner Gruppe des Slow Food Youth Network knabbert sich erst seit wenigen Monaten durch die Stadt – und irritiert den urbanen Alltag.

Mit der Faust ins gute Essen

Für junges Gemüse aus aller Welt ist die Liebe zum Essen in der Slow-Food-Bewegung seit einigen Jahren institutionalisiert. Die Berliner Gruppe des Slow Food Youth Network knabbert sich erst seit wenigen Monaten durch die Stadt – und irritiert den urbanen Alltag.

Möhrengetänzel, Kohlrabikullern und Kartoffelrestearchitektur. Hackhack, zackzack, fette Beats. In der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg ist Schnippeldisko. 750 Kilogramm aussortiertes Gemüse sollen sich in Suppe für die Anti-Agrarindustrie-Demo Wir haben es satt am folgenden Tag verwandeln. Endlose Tafeln, daran unzählige Hände mit Messern. Jeder greift ein Stück Gemüse, schält, schneidet klein. Irgendwer trägt gewaschene Rote Bete an Tische, und irgendwer holt geschnippelte ab. Jung und alt, Familien, Tiermützen und etwas Hipster-Chic. Hier und da schimmert auf Bannern und T-Shirts eine grüne Faust hervor, eine Gabel fest umfassend. Die Faust ist das inoffizielle Markenzeichen des Slow Food Youth Network, das sich für gute, saubere und faire Lebensmittel einsetzt. Die aktuelle Interpretation der Berliner Gruppe: Disko.

Ein DJ legt auf hoher Tribüne Weltmusik auf. Doch die meisten Tanzbeine stecken unter den Tischen; die Arbeit am Gemüse geht vor. Wer im Stehen schnippelt, wackelt sanft mit den Hüften. Nur Hendrik Haase, Mitorganisator des Abends und Slow-Food-Youth-Aktivist der ersten Stunde, tänzelt quer durch die Markthalle: „Das ist alles total geil! Übrigens, dahinten gibt es tolles Bier von einer kleinen Berliner Bio-Brauerei.“ Der Genuss darf nicht zu kurz kommen, das kennt man schon von den älteren Slow-Food-Aktivisten.

Irgendwann schallt der entscheidende Satz von der Tribüne: „Das Gemüse ist geschnippelt!“ Ein Sektkorken knallt, Applaus flammt auf, und die Musik wird aufgedreht. Drei Stunden hat es gedauert, eine Dreivierteltonne Gemüse von Bauern aus der Region zu zerkleinern. Ein erster Topf Probesuppe rollt herbei. Wer geschnippelt hat, darf verköstigen. Die vielen anderen Kisten voller Gemüsestückchen fahren unterdies hygienisch einwandfrei zur Heinrich-Böll-Stiftung. Dort werden der Kochaktivist Wam Kat und sein Fläming Kitchen-Team die ganz große Suppe für die hungrigen Demonstrantenschlünde brauen. In der Markthalle verstummt spät am Abend die Musik, und die Messer werden heim getragen. Alles gut gegangen; die jungen Slow-Food-Aktivisten atmen auf.

Zwei Wochen später: Die Berliner Slow Food Youth trifft sich in einem Co-Working Space in einem Weddinger Hinterhaus, eingeklemmt zwischen Lidl-Filiale, Dönerladen und Tankstelle. Das monatliche Treffen für alte und neue Slow-Food-Jünger beginnt. Der Herd glüht; alles Mitgebrachte landet in Töpfen, auf Ofenblechen oder in Salaten. Eigentlich sollte heute auf den Schnippeldisko-Erfolg angestoßen werden. Immerhin wurden alle Erwartungen übertroffen, rund 600 Schneidehelfer waren da. Aber niemand hat an den Sekt gedacht. Also gibt es Wasser und Saft. Was gerade da ist.

„Bei Slow Food gibt es kein richtig und falsch. Es muss nicht unbedingt bio sein, eher gutes, faires und sauberes Essen, traditionell und mit Herzblut hergestellt“, erklärt Keighley McFarland, die vor zwei Jahren aus den USA nach Berlin kam und der jungen Interpretation von Slow Food sofort verfiel. Bewertet werden die kulinarischen Mitbringsel nicht, denn wer studiert, kann sich eben keinen 30-Euro-Wein leisten. Viel mehr gehe es darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was auf den Tisch komme. „Essen bildet eine Schnittstelle zu Umwelt, Menschenrechten, Handel, Kultur, Kunst, Arbeit und vielem mehr“, findet Keighley.

Bei Slow Food geht es aber auch um Teilen, um Gemeinschaft und Spaß. Das Jugendnetzwerk ist offen für alles und für alle, von der Veganerin bis zum Metzgerssohn: „Klar würden wir uns auch eine Hausschlachtung angucken gehen“, sagt Hendrik Haase, der bei der letzten Begegnung so beglückt durch die Markthalle hüpfte. Hauptsache, die Grundsätze stimmen: gute, saubere und faire Bedingungen in Anbau, Verarbeitung, Konsum – und Genuss.

Schließlich kuscheln sich 20 junge Menschen um ein ovales Tischgebilde, darauf ein Potpourri aus dampfendem Wintergemüse, Humus und Kürbistarte. Neben Keighley kaut Jonas, der gerade in der Uni einen Aufstrich-Kreisel initiiert, bei dem jede Woche jemand anderes Pasten einrührt und verteilt. Ihm gegenüber sitzt Peggy, die sich bei den Treffen der älteren Slow-Food-Gruppe, zu denen sie früher ging, eher wie beim „Genießerstammtisch“ vorkam. Der Altersdurchschnitt lag dort bei 50 Jahren, um neue Ideen ging es da kaum. Hier ist das anders. Man spricht über Aktuelles aus dem Slow-Food-Universum und jüngste Lebensmittel-Aktionsideen. Wer sich für ein Projekt interessiert, meldet sich direkt bei denen, die es organisieren. Was etwas durcheinander klingt, scheint einwandfrei zu funktionieren.

In Deutschland treiben derzeit ungefähr zwölf Slow-Food-Youth-Gruppen ihr Aktionswesen, der Großteil in traditionellen Unistädten. Die Berliner haben sich im Sommer 2012 zusammengefunden. Hendrik löst auf, wie es 2008 zur Gründung der internationalen Slow-Food-Jugend kam. Sein Problem war dabei symptomatisch: Er studierte in Halle, doch das Weingut, wo sich die Hallenser Slow-Food-Gruppe traf, war fernab der Stadt und ohne Auto nicht zu erreichen. Für junge Menschen mit wenig Geld schien Slow Food nicht wirklich Platz zu haben. Weil das in den internationalen Weiten der Slow-Food-Bewegung genügend andere auch fanden, tat sich das junge Gemüse schließlich zusammen und gründete das internationale Youth Food Movement. Seitdem hat die Jugend sehr wohl eine Stimme bei Slow Food, und zwar eine recht rebellische. Um trotzdem die Nähe zum Mutterverband zu beweisen, heißt das Jugendsegment der weltweiten Vereinigung seit Anfang 2013 Slow Food Youth Network. Man hat sich ja lieb und teilt sich die Vereinsstruktur, wobei die immer noch jugendfreundlicher werden könnte, findet Hendrik.

Die Berliner Gruppe hat schon einige Aktionen gestemmt. Einmal veranstaltete sie ein sogenanntes Eat-in in der S-Bahn, ein spontanes Picknick mit Fahrgästen, die plötzlich aus der alltäglichen Bahnfahrlethargie ausbrechen und unbekannte Leckereien probieren sollten. Das Gesprächsthema Nahrungsmittel erfüllte schließlich den gesamten Zug. Ein anderes Mal baute die Gruppe zusammen mit anderen Aktivisten eine lange Tafel mitten in der Stadt auf und lud Passanten zum Dinner ein. Der Überraschungseffekt zieht. Inzwischen hat sogar die Grüne Woche zum Schaukochen eingeladen. Auch zum monatlichen Treffen in der kleinen Agentur kommen mittlerweile bis zu 50 Leute. Da ist Improvisation alles.

Das Monatstreffen endet diesmal mit der Idee, nicht verkauftes Brot von Berliner Bio-Bäckern einzusammeln, damit in der Markthalle Neun neue Rezepte auszuprobieren und die Kreationen zu verteilen. Die nächste Schnippeldisko steht auch schon an. Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass das Projekt sogar verliehen wird. So lange nach ihren Regeln – gut, sauber, fair – gehäckselt wird, sind die jungen Slow-Food-Freunde einverstanden. Gegen alles andere bleibt die grüne Faust mit der Gabel geballt. Und man weiß nie, wo man ihr als nächstes begegnet.

Josefa Kny
25. April 2013

www.slowfood.de/slow_food_youth_deutschland/

 Diese Geschichte weitererzählen… 

438-kartoffelkombinat

Fortpflanzung

Produzent und Konsument: 250 Münchner Haushalte haben sich im Kartoffelkombinat zusammengeschlossen, um ihr eigenes Gemüse zu produzieren. Über den Anbau entscheiden sie gemeinsam, die Ernte wird wöchentlich geteilt.

Eine Kiste für alle

Produzent und Konsument: 250 Münchner Haushalte haben sich im Kartoffelkombinat zusammengeschlossen, um ihr eigenes Gemüse zu produzieren. Über den Anbau entscheiden sie gemeinsam, die Ernte wird wöchentlich geteilt.
Jedem die gleiche Kiste? Dem Münchner Willi Petz war nicht nur der Name Kartoffelkombinat anfangs suspekt. „Muss ich jetzt etwa jede Woche das essen, was die mir bringen?“, fragte der pensionierte Bauunternehmer seine Frau, als er von den Spielregeln der Erntegemeinschaft erfuhr. „Und da sind wir freiwillig eingetreten?“ Im Gegensatz zu anderen Ökokisten-Abos lässt sich beim Kartoffelkombinat nämlich weder eine ungeliebte Gemüsesorte abwählen noch etwas hinzubestellen.

Eine Kiste für alle: Ein durchaus gewagtes Alleinstellungsmerkmal in Zeiten, in denen ein unbegrenztes, immer verfügbares Warenangebot zum ersten Grundrecht des Verbrauchers zählt – unabhängig davon, ob er beim Discounter, im Bioladen oder im Internet einkauft. Dass es nicht einfach werden würde, das war auch Daniel Überall klar, als er im Frühjahr 2012 zusammen mit seinem Mitstreiter Simon Scholl das Kartoffelkombinat ins Leben rief – eine Erntegemeinschaft und Genossenschaft, deren langfristiges Ziel es ist, eine Gärtnerei in Eschenried bei München zu übernehmen, sie in Eigenregie zu verwalten und sich mit den dort angebauten Lebensmitteln zu versorgen.  

Bio, regional und saisonal – das galt bislang als Königsweg für den ökologisch korrekten Gemüseeinkauf. Daniel Überall und Simon Scholl, diesen Standards privat längst verpflichtet, hätten sich also keinen Kopf machen müssen über ihr Konsumverhalten. Nicht über vermeidbare Transportwege, auch nicht über beheizte Gewächshäuser und aussortiertes Gemüse, das auf dem Acker vergammelt oder auf dem Müll landet, weil es nicht den Handelsnormen entspricht. Als Verbraucher stimmten sie an der Kasse ja automatisch über nachhaltige Versorgungsstrukturen und Produktionsbedingungen ab. So die Theorie. Aber Daniel Überall kamen da mehr und mehr die Zweifel. Der 35-Jährige ist gelernter Kommunikationswirt und Mitbegründer von utopia.de, der Internetplattform für nachhaltigen Konsum schlechthin. „Ich wollte nicht mehr nur immer besser konsumieren“, sagt er, „sondern die Strukturen verändern, wie produziert wird.“

Was in der Konsequenz hieß: Der Kommunikationswirt und sein Kompagnon mussten zu Gemüsegärtnern werden. Oder zumindest zu Mitbetreibern einer Gärtnerei. „Nur wer das Gemüse selbst anbaut, kann schließlich darüber bestimmen, welche Sorten er anpflanzt, ob er samenfestes Saatgut verwendet, auf Dünger verzichtet oder darauf, das Gewächshaus zu heizen“, erklärt Daniel Überall. Also standen er und Simon Scholl anfangs jeweils zweimal die Woche um fünf auf, wogen Salat ab, tüteten Möhren ein und sortierten Kohl in Kisten. Mittlerweile übernehmen das studentische Hilfskräfte. Sich selbst zahlen die beiden Kombinatsgründer noch kein Gehalt aus. Sein Geld verdient Daniel Überall mit einem Teilzeitjob als Presse- und Öffentlichkeitsreferent bei der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis, der Betriebswirt Simon Scholl berät als interkultureller Trainer Unternehmen auf dem indischen Markt. In Zukunft aber soll sich das Kartoffelkombinat so weit wirtschaftlich tragen, dass sechs Stellen finanziert werden können – und auch der Vorstandsjob zumindest als Nebenerwerb reicht.

500 Mitglieder braucht die Genossenschaft, damit die Gärtnerei komplett in Eigenregie betrieben werden kann. 250 Haushalte sind seit Sommer 2012 schon eingestiegen. Ein Genossenschaftsanteil kostet 150 Euro, dazu kommen noch 62 Euro Ernteanteil im Monat. Wer dem Kartoffelkombinat beitritt, wird also zugleich zum Miteigentümer und zum Kunden der Genossenschaft. Nur Kunde sein geht nicht. Dafür bekommen die Mitglieder jede Woche eine Gemüsekiste nach Hause gebracht – samt Zubereitungshinweisen und Rezeptideen. Im Gegensatz zu den klassischen Ökokisten-Abos lässt sich beim Kartoffelkombinat eine Lieferung auch nicht einfach mal abbestellen. Mehr noch: Die Mitglieder müssen sich für eine komplette Saison verpflichten, die Ernte abzunehmen. Selbst in den Ferien. Das hat keine ideologischen Gründe, sondern ergibt sich aus dem Anbauzyklus. „Im eigenen Garten muss man ja auch ernten und verarbeiten, was reif ist“, erklärt Daniel Überall. Eigentlich logisch, nur dass kein Konsument mehr darüber nachdenkt. Im Supermarkt sind die Regale ja das ganze Jahr über voll – egal, ob die Waren nun Abnehmer finden oder nicht. Sprich: Auf dem Müll landen.  

„Seit wir das Kartoffelkombinat gegründet haben, lerne ich, was es heißt, sich tatsächlich saisonal zu ernähren“, erzählt Daniel Überall. Er wusste vorher auch nicht, wann genau Gurken reif sind oder welche Kürbissorten es gibt. „Rondini zum Beispiel hätte ich eher für einen fahrenden Zauberer gehalten.“ Geschweige denn, dass man diese Kürbissorte vorm Kochen anschneiden sollte, damit sie nicht platzen. „Ein wichtiger Hinweis von unserem Gärtner, so was nehme ich gleich in unseren Rundbrief und in den Internetblog mit auf.“  Auf diese Weise bekommen die Genossen jede Woche direkt mit, was es heißt, eigenes Gemüse zu haben – oder auch nicht. Denn während im Supermarkt schon längst die Gurken auslagen, mussten die Mitglieder des Kartoffelkombinats vergangenen Sommer noch vier Wochen warten. Zu Beginn der Saison hatten sie sich mit Blick auf die Klimabilanz gemeinsam dagegen entschieden, das Gewächshaus zu heizen.  

Zweimal im Jahr treffen sich die Genossen, um gemeinsam mit den Gemüsegärtnern die Anbauplanung zu machen. „Natürlich ist das mehr Aufwand“, gibt Daniel Überall zu. „Aber es lohnt sich, weil die Entscheidung dann auch von allen getragen wird.“ Solidarische Landwirtschaft nennt sich dieses Modell, bei dem sich Verbraucher und Bauern kennen – oder zumindest gegenseitig verpflichtet fühlen: Der eine zur garantierten Abnahme der Ernte, der andere zur vereinbarten Anbauqualität.

Die direkte Beziehung zwischen Produzent und Konsument macht auch Großhandelsstrukturen, Handelsnormen, lange Transportwege und letztlich sogar eine Bio-Zertifizierung überflüssig. Dennoch ist das Gemüse aus solidarischer Landwirtschaft nicht unbedingt preiswerter als im Supermarkt. Was daran liegt, dass hier keine Kosten externalisiert – also auf die Umwelt oder günstige Arbeitskräfte abgeschoben – werden. „Wir zahlen ja sonst fast nie den ehrlichen Preis für Lebensmittel“, sagt Daniel Überall. „Bei uns dagegen wird der Gärtner fair bezahlt und nicht mit Subventionen gearbeitet.“

All das erklären Daniel Überall und Simon Scholl den Mitgliedern im Internetblog. Oder direkt an der Haustür, wenn sie die Gemüsekiste selbst ausfahren. Genossin Viola Petz, die Ehefrau des pensionierten Bauunternehmers, freut sich jedes Mal auf die Lieferung vom Kartoffelkombinat, längst plant sie ihren Speisezettel nach dem Saisonkalender. Die Gemüsekiste auszupacken, das überlässt sie aber mittlerweile ihrem Mann. „Das Erste, was der macht, wenn er donnerstagabends nach Hause kommt – ist,  zu schauen, was diese Woche wohl in der Kiste drin ist.“
Stefanie Müller-Frank
18. April 2013
www.kartoffelkombinat.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

433-moritz-grund

Einhundert

Zehn mal zehn, das ist eine überschaubare Menge. Beängstigend klein ist sie, wenn es um den eigenen Besitz geht. Der Designer Moritz Grund lebte eine Weile mit nur 100 Dingen.

Meister der Dinge

Zehn mal zehn, das ist eine überschaubare Menge. Beängstigend klein ist sie, wenn es um den eigenen Besitz geht. Der Designer Moritz Grund lebte eine Weile mit nur 100 Dingen.
Ein Durchschnittseuropäer nennt etwa 10.000 Gegenstände sein Eigen. Der Produktdesigner Moritz Grund dagegen besaß weitaus weniger Dinge, als er im Herbst 2003 nach Berlin zog: „Als ich da so in diesem Zimmer saß, meinen gesamten Besitz vor mir liegend, verspürte ich den unerklärlichen Drang, die Dinge zu zählen.“ Es waren 100. Auch nach dem zweiten Zählen. Und diese Zahl sollte in den folgenden Jahren eine magische Anziehungskraft auf ihn ausüben. Denn was in diesem Moment schlicht als Tick begonnen hatte, das überschaubare Eigentum zu inventarisieren, wurde zu einem mehrjährigen, ernsthaften Selbstversuch einer ressourcenleichten Lebensführung. Aus der Physik leitete er damals seine persönliche Verantwortung ab: Materie ist endlich, und alles Leben hängt von der Sonne ab. „Das ist unverhandelbar“, sagte er sich. Ressourcenverschwendung läuft diesem Prinzip zuwider. Das Experiment war seine Suche nach einem Ausweg.

Der Mann, dessen Beruf es ist, Alltagsgegenstände wie Lampenschirme oder Garderoben zu entwerfen, kündigte private Produktbeziehungen zu Salatschleudern, Stichsägen und Zeitschriftensammlungen. Auch ein Bücherregal kam nicht mehr in Frage, trotz dessen beruhigender Ausstrahlung, das pralle Bücherwissen notfalls zur Hand zu haben. Unter den Dingen, von denen Moritz Grund sich aber auf keinen Fall trennen wollte, waren neben Bett, Fahrrad und Computer auch ein schwarzer Filzhut, der Ledermantel seines Vaters und ein paar farbige Leuchtstoffröhren. Karge Wände und viel unverstellte Fläche dominierten den Anblick seines Zimmers. Geschummelt hat er dabei nicht: denn auch in keinem Keller und keinem Karton lagen Gegenstände, die ihm noch gehört hätten.

Während seines sechs Jahre andauernden Versuchs, ohne Überflüssiges auszukommen, kamen auch wieder neue Gegenstände hinzu, doch nie erreichte sein Hausstand auch nur annähernd die 10.000er-Marke. Moritz Grund zählte und zählte, und er hielt seinen Besitz in Listen fest. Ruckzuck war sein Eigentum wieder auf 767 Gegenstände geklettert. Er hatte sich ein Regal aus Wellpappe gebaut, die Wildlederslipper seines Bruders geerbt und eine Digitalkamera gekauft. Dann wieder ergriff ihn der „Sog des Reduzierens“,  und bis zum Ende des Experiments, im Herbst 2010, schraubte er die Anzahl seiner Objekte auf 200 herunter.

Auf die anfängliche Zahl kam der Designer nicht mehr, denn er gestand sich ein: „Mit meinen knapp 100 Dingen konnte ich weder professionell arbeiten noch komfortabel wohnen.“ Moritz Grund löschte auch die Excel-Tabellen, die alle seine Dinge dokumentierten, und „nahm den Zahlen damit ihre Macht“. Zweifelnd, „ob aus einem weiteren Reduzieren noch mehr Erkenntnisse zu gewinnen seien“, machte er Schluss, als die Grenze seiner materiellen Sicherheit erreicht war und der organisatorische Aufwand, der mit kleinem Besitz verbunden ist, das Akzeptable überschritten hatte.

Für sein Studium an der Universität der Künste Berlin entwarf Moritz Grund feinste Porzellanschalen – zu Hause baute er gleichzeitig Badschränkchen aus altem Sperrholz und Kunstrasen. Den erlernten Designkompetenzen schenkte er auch in seiner Freizeit Verwendung; er nutzte sie allerdings, um Gegenmodelle zu entwerfen. Die Uni-Aufgaben verkörperten für ihn das Mantra der Wegwerfgesellschaft: Immer mehr haben wollen! Gerade im Studium fiel ihm auf, dass kaum ein Produkt der Begrenztheit natürlicher Ressourcen Rechnung trägt. Laut Umweltbundesamt werden jährlich 60 Milliarden Tonnen natürliche Ressourcen abgebaut. Unter anderem entsteht daraus endlos viel Tinnef, der ungenutzt herumsteht. Welche Konsequenz zog Moritz Grund daraus? Anders zu entwerfen schließt für ihn seitdem einen anderen Umgang mit den Dingen ein.

Deshalb beschloss der Designer, sich in Genügsamkeit zu üben, indem er privat kaum etwas kaufte, dafür vieles selbst baute, lieh und reparierte. Die Reduktion auf wenige Gegenstände warf für ihn die Frage nach der Nutzung des noch Verbliebenen auf: Kann die Freude am Gebrauch den Aufwand rechtfertigen, der mit Anschaffung, Transport, Pflege, Unterhalt, Versicherung und Entsorgung von Produkten einhergeht? Insbesondere bei den Dingen, die sehr selten benutzt werden? „Je mehr ich reduzierte, desto klarer spürte ich, dass am Ende unmöglich ein quasi leerer Raum mit einer Handvoll superfunktionaler Dinge verbleiben durfte. Herauskommen sollte kein Set an Alltagswerkzeugen für das Existenzminimum,“ schreibt Moritz Grund in seinem Buch Einhundert. Auch konnte das Wenighaben nicht heißen, lebenslang von den selben Dingen umgeben zu sein. Andererseits stellte der unkonventionelle Designer fest, „dass alle Dinge für vieles taugen. Besonders einfache Produkte machen Mut zur Zweckerweiterung, zur Improvisation.“ Er nannte das Prinzip „Ressourcenkreativität“. Diese stellte für Moritz Grund den Ausweg aus der Produktabhängigkeit dar.

Auch anderswo probierten sich Pioniere in einer radikalen Form der Suffizienz. Während des Experiments begegnete Moritz Grund dem Minimalisten Dave Bruno aus den USA. Der nannte seinen eigenen Selbstversuch die „100 Thing Challenge“. Anders als Moritz Grund, der nie viel besaß, begann Dave Brunos Experiment mit dem Ausmisten seines „Wohlstandsballasts“, wie der Postwachstumsökonom Niko Paech sagen würde. Gemeinsam hatten der Amerikaner Bruno und der deutsche Designer Grund, dass sie die Reduktion als Befreiung erlebten. „Ich mache die Tür zu und vermisse nichts“, preist Moritz Grund eine stark entmaterialisierte Privatwelt.

Die Allgemeingültigkeit dieses Empfindens wurde allerdings hier und da in Frage gestellt, unter anderem durch Begegnungen im Bekanntenkreis. Die Mutter eines Freundes erzählte Moritz Grund, ihr Haus sei vor vielen Jahren abgebrannt. Schlagartig und ohne jede Auswahlmöglichkeit war alles weg, was die Familie besessen hatte. Die „schiere Menge“ des Verlorenen und dessen „Unersetzbarkeit“ schockierten Moritz Grund. Den Unterschied zwischen erzwungenem Verlust und bewusstem Verzicht bekam er eine Weile später auch selbst zu spüren, als in seine Wohnung eingebrochen wurde und viele persönliche Fotos unwiederbringlich verloren gingen.

Mit den Erkenntnissen aus seinem Selbstversuch fand der Designer auch bei Kollegen Gehör: 2009 gründete er mit ein paar Weggefährten das Sustainable Design Center für ressourcen-intelligente Designkonzepte. An Stammtischen und in Vorträgen sprechen sich die Mitglieder des Vereins für nachhaltiges Design aus. Gerade entwickelt Moritz Grund zusammen mit Unternehmensberatern den Werkzeugkoffer Business as unusual für Nachahmer. Was ursprünglich als Privatsache begann, ist so zu einem Forum für kritische Designer, Softwareentwicklerinnen und Ingenieure geworden.

Die freiwillige Entbehrung hat Spuren in Moritz Grunds Einstellung hinterlassen, sozusagen eine Grund-Einstellung geformt. Heute, drei Jahre nach Ende des Versuchs, hat der 32-Jährige eine gesunde Distanz zu den Gegenständen gewonnen. Der Designer sieht darin ein Geschenk: „Dieser Abstand verlängert mein Leben, da ich nicht so viel meiner kostbaren Lebenszeit an den Unterhalt der Dinge abtreten muss.“
Anja Humburg
11. April 2013
www.moritzgrund.com
www.sustainable-design-center.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

428-tomatenfisch

Fischers Frucht

Bei einem kollegialen Kaffeetrinken entwickelten Berliner Wissenschaftler die Antwort darauf, wie der gesamte deutsche Fischbedarf gedeckt werden könnte: Nilbarsche und Tomaten gedeihen gemeinsam im Gewächshaus.

Fisch sucht Staude

Bei einem kollegialen Kaffeetrinken entwickelten Berliner Wissenschaftler die Antwort darauf, wie der gesamte deutsche Fischbedarf gedeckt werden könnte: Nilbarsche und Tomaten gedeihen gemeinsam im Gewächshaus.
Werner Kloas ist Wissenschaftler. Schon als Junge faszinierte ihn alles, was im Wasser lebt, und einmal funktionierte er einen Swimmingpool in ein Eldorado für Fische und Schnecken um. So erstaunt es nicht, dass er später Biologie studierte, sich auf den Hormonhaushalt von Fischen spezialisierte und als Professor für Endokrinologie laut und meist vergeblich warnte, dass es den Tieren immer schlechter gehe. „Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich mal die Chance haben würde, eine konkrete Lösung für ein großes Problem zu finden“, sagt der heute 53-Jährige. Doch das, was er und seine Kollegen im Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin entwickelt haben, könnte die gesamte deutsche Fischversorgung umkrempeln. Heute wachsen gerade einmal drei Prozent der hierzulande verspeisten Fische in heimischen Bächen, Seen und Teichen oder in Aquakultur auf, der Rest stammt aus dem Ausland oder aus dem Meer – und dort gibt es bekanntermaßen so viele riesige Fangschiffe, dass sich die Kabeljau-, Seelachs-, oder Schollenbestände schon lange nicht mehr regenerieren. „Mit unserer Form der Aquakultur könnte Deutschland seinen Fischbedarf selbst decken“, sagt Werner Kloas. Ja, mehr noch: Weil die Methode extrem wassersparend ist, wäre es sogar möglich, Menschen in deutlich trockeneren Gegenden als Deutschland mit tierischem Eiweiß und darüber hinaus mit frischem Gemüse zu versorgen.

Der Prototyp der neuen Fischzucht ist in einem 170 Quadratmeter großen Gewächshaus am Berliner Müggelsee untergebracht. Es beherbergt mehrere Reihen schwarzer Tonnen, in denen sich jeweils ein Schwarm Tilapien tummelt – dunkelblau-lila Nilbarsche, deren weißes, festes Fleisch als sehr schmack- und nahrhaft gilt. „Die sind relativ hart im Nehmen, können Temperaturen zwischen 18 und 30 Grad gut überleben und gehören zu den wichtigsten Speisefischen weltweit“, erklärt Kloas die Auswahl der „Pilotfische“. Daneben gedeihen in Hydrokultur staudenweise Tomaten. Weil die Tomate das Lieblingsgemüse der Deutschen ist, hat sie das Rennen zur „Pilotpflanze“ gemacht; genauso gut könnten hier aber Gurken, Salat und vielleicht sogar Bananen wachsen.

Stark vereinfacht könnte man sagen, dass die Ausscheidungen der Fische die Pflanzen düngen – und diese wiederum helfen, das Wasser der Fische zu reinigen. Das Prinzip ist einfach und der Natur abgeguckt: Was das eine Lebewesen ausscheidet, ist Lebensgrundlage des nächsten. So werden die selben Ressourcen mehrfach genutzt, und es gibt keinen Abfall.

Zwar existiert eine solche als Aquaponik bezeichnete Technik schon seit Jahrzehnten und wird zum Beispiel in Nordamerika in vielen Hinterhöfen betrieben. Doch dort ist die Lebensmittelausbeute immer recht mager und somit nicht wirtschaftlich. Das Problem bisher: Zum einen bevorzugen die Tiere und die Pflanzen jeweils einen unterschiedlichen pH-Wert, zum anderen reichert sich, wenn Fische und Grüngewächse einen Wasserkreislauf teilen, Ammonium an. Dieses Stoffwechselprodukt, das in den Kiemen der Fische gebildet wird, behagt weder den Tieren selbst, noch den Pflanzen.

Die entscheidende Stunde für die Lösung dieses Problems schlug vor etwa sechs Jahren. Werner Kloas, der an seinem Institut seit einer Weile den Bereich Ökophysiologie und Aquakultur leitete, saß mit fünf Kollegen beim Kaffee zusammen. Die Wissenschaftler besprachen, welche Forschung als nächstes anstünde – und plötzlich kam die Runde auf ein Aquaponik-Projekt von Kloas’ Stellvertreter Bernhard Rennert, das schon zu DDR-Zeiten durchgeführt worden war. Damals hatte Rennert eine Aquakulturkreislaufanlage über ein Einwege-Ventil mit dem Wasserkreislauf einer Hydroponikanlage für Gurken verbunden. Indem er die beiden Kreisläufe nur mittelbar verbunden hatte, hatte er es geschafft, die Bedingungen in beiden Teilsystemen zu optimieren. Doch leider hatte der Staat zu früh den Geldhahn zugedreht.

Kloas war elektrisiert: Ein einfaches Einwege-Ventil könnte die Lösung sein! So könnten Bakterien in einem Biofilter das Ammonium der Fische in ungiftiges Nitrat verwandeln, bevor dieser Flüssigdünger zum Vorratstank der Hydroponik weiterflösse und dort bei Bedarf noch weiter angereichert würde. Gleich begann die Wissenschaftlergruppe weiterzuspinnen: Wenn der Wasserdampf, den die Gemüsepflanzen ausschwitzen, nicht durchs Fenster entschwindet, sondern in einer Kältefalle kondensiert, könnte dieses Wasser wiederum gezielt zu den Fischen zurückgeführt werden: Der Wasserbedarf des Gesamtsystems wäre minimal.  „Machen wir also den Deckel einfach zu“, schlug Kloas vor. Das würde zusätzlich den Vorteil bringen, dass die CO2-Emissionen der Fischzucht nicht das Klima belasten, sondern die nebenan wachsenden Pflanzen düngen würden. Die müssten dann umso üppiger sprießen, sinnierte der Abteilungsleiter.

Sofort wollten Kloas und seine Kollegen das Ganze ausprobieren – und glücklicherweise lief damals gerade ein Förderprogramm des Bundesforschungsministeriums. Der Bewerbungsschluss war allerdings nur noch wenige Tage entfernt. Bernhard Rennert verschob kurzerhand seinen Urlaub, und die Wissenschaftler schafften es gerade rechtzeitig, den vollständigen Antrag einzureichen. Drei Monate später hatten sie 800.000 Euro, innerhalb eines Dreivierteljahres stand die Versuchsanlage.

Die Tilapien leben in den Bottichen etwa ein Jahr, dann wiegen sie um die 800 Gramm und sind schlachtreif. Die Tomatenpflanzen wachsen ungefähr zehn Monate lang. Mit etwa 200 bis 220 Liter Frischwasser schaffen es die Wissenschaftler, ein Kilogramm Fisch und 1,6 Kilogramm Tomaten zu produzieren; in konventioneller Produktion wäre etwa zehnmal so viel Wasser nötig. Und Kloas hat den Ehrgeiz, den Wasserverbrauch noch weiter zu senken. Auch deshalb wurde das Gewächshaus gerade umgebaut und mit aufwändiger Messtechnik ausgestattet. Beim Futter besteht ebenfalls noch Verbesserungsbedarf. Bisher bekommen die Tilapien klassisches Pelletfutter, das zu einem erheblichen Teil aus Fischmehl besteht. Auch hier ist die Optimierung in Reichweite: Ein Diplomand experimentierte bereits sehr erfolgreich mit Fliegenmaden, die er mit Bioabfällen fütterte und anschließend zu Fischfutter verarbeitete.

Während das Gewächshaus am Berliner Müggelsee nur zum Teil mit Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien versorgt werden kann – im Wasserschutzgebiet lässt sich ohne größere Risiken keine Biogasanlage errichten –, sieht der Professor in Deutschland beste Voraussetzungen für kommerzielle Betriebe. Abwärme ist im Überfluss vorhanden: Viele Bauern schicken die heiße Luft aus ihren Bioreaktoren bisher ungenutzt in den Himmel. Darüber hinaus registriert das Umweltbundesamt 18 Milliarden Kubikmeter industrieelles Kühlwasser pro Jahr. Heute heizt es vor allem Flüsse auf – künftig könnte damit ein Vielfaches des deutschen Fischbedarfs und darüber hinaus ein erheblicher Teil der Gemüse- und Früchtenachfrage gedeckt werden. Nun hofft der Wissenschaftler Werner Kloas auf kluge Menschen in der Wirtschaft, die dieses schlummernde Potential erkennen.
Annette Jensen
04. April 2013
www.tomatenfisch.igb-berlin.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

427-samstag-rad

Readymades

Jedes Fahrrad ein Kunststück: Aus alten Klassikern, die ihr erstes Leben bereits hinter sich haben, baut Christopher Lewis elegante Fahrradunikate. Auf ins Leben danach, auf zur Bolidenjagd!

Es ist alle Tage Samstag!

Jedes Fahrrad ein Kunststück: Aus alten Klassikern, die ihr erstes Leben bereits hinter sich haben, baut Christopher Lewis elegante Fahrradunikate. Auf ins Leben danach, auf zur Bolidenjagd!
Vielleicht ist es ein Samstag, an dem Marcel Duchamp nach München reist, im Jahr 1912. Er logiert in der Barerstraße, bleibt drei Monate. Später notiert er: „Der Aufenthalt in München war der Ort meiner völligen Befreiung.“ Duchamp macht das Malen keinen Spaß mehr, vom Terpentin- Geruch wird er „besoffen“, er will irgendetwas anderes tun. Er findet das Laufrad eines Fahrrads, nimmt es mit in seine Wohnung, montiert es auf einen Hocker und signiert es. Heute wissen wir: diese Episode markiert den Beginn einer neuen Kunstgattung, des Readymades. Kunst, so Duchamps praktische Behauptung, ist schon da. Ein Künstler muss sie nicht schaffen; es genügt, sie zu zeigen.

Exakt 100 Jahre nach Duchamps Aufenthalt in der bayerischen Landeshauptstadt legt auch der Künstler Christopher Lewis seine Pinsel zur Seite. Während eines Landausflugs entdeckt er auf einem frisch gepflügten Acker ein in der Frühlingssonne blinkendes Objekt. Es handelt sich, man ahnt es bereits, um ein Fahrrad. Und zwar um eines aus den 1950er-Jahren: um einen Klassiker der Marke Peugeot. Genau so ein Rad wie es sein Vater fuhr, damals, und das er als Kind stets bewundert hatte.

Viel war vom einstigen Glanz des Rades nicht mehr übriggeblieben: der schwarz lackierte Rahmen verbogen, die ausladenden Schutzbleche lädiert und stellenweise rostig, der lederne Dunlop-Sattel zerfleddert und die Bowdenzüge der Bremsen gerissen. Aber schieben ließ sich das Gefährt noch. Also schob Lewis los, schob bis nach München-Haidhausen, in sein Atelier. Mit dem Werkzeug eines Restaurators – also mit Lupenbrille, Röntgenpistole, Skalpell und Wattestäbchen – legte Lewis die einzelnen Teile des Fahrrads frei und beseitigte selbst mikroskopisch kleine Schäden. Das Unglück des Rades wurde seine persönliche Herausforderung: er wollte es retten. Und „weil Samstag der Tag Eins dieser Geschichte war, heißen meine Räder Samstag“, erinnert sich der Fahrrad-Nostalgiker.

Seit diesem Samstag fährt Christopher Lewis Fahrrad im alten Stil, und seit diesem ersten Meisterstück hat sich sein Blick verändert. Plötzlich entdeckte er verlassene, herrenlose Fahrräder an allen möglichen Stellen der Stadt: an S- und U-Bahnhöfen, an Laternen, vor Biergärten – er sammelte sie ein und nahm sie bei sich auf. Auch Freunde hatten Fahrrad-Leichen im Keller, die sie nun an Lewis loswerden konnten. Peu à peu verwandelte sich der freischaffende Maler in einen freischaffenden Fahrradbauer. Seine Readymades werden allerdings keine Schauobjekte, sondern Montagen von Fahrzeugen: aus den Teilen von meist drei alten setzt er ein Patchwork-Rad zusammen. Die eleganten Rahmen lässt er in Jelly-Bean-Farben – mintgrün, himmelblau oder cremebeige – pulverbeschichten, für die Sattelbezüge beauftragt er einen Sattler. Das ist kein aufgesetztes Industrie-Retro-Design – die entstehenden Unikate sind in handwerklicher Manier aus Stücken der alten Marken Victoria, Peugeot oder Rabeneick zusammengefügt, die alle mindestens 40 Jahre alt sind.

Lewis’ Atelier, nicht mehr als 50 Quadratmeter groß, erlebte ebenfalls eine Metamorphose. Für die Fahrrad-Preziosen wurde es in eine Schraubergarage der besonderen Art umfunktioniert, inklusive Büro, Waschecke und Showroom. Die bemalten Leinwände sind noch da, mussten aber der Fahrrad-Inszenierung Platz machen und stehen nun mit dem Gesicht zur Wand. Die Kunst kann warten – Lewis hat vorerst eine andere Mission zu erfüllen: „Nachdem ich für die Werbebranche gearbeitet und einen Dokumentarfilm über den Kunstmarkt gedreht habe, wollte ich etwas Sinnvolles und Zweckmäßiges tun, das jenseits von Verschwendung, Verlogenheit und Habgier steht“, sagt Lewis. Außerdem sind für ihn die Fahrrad-Oldtimer auch ein Stück Kultur, das an längst vergessene Zeiten erinnert.

Und weil Christopher Lewis feinste Maßarbeit leistet, herrscht bei ihm konsequente Ordnung und Übersichtlichkeit wie in einem Antiquitäten-Depot: dort eine Parade Fahrradklingeln, da wie auf eine Perlenkette aufgefädelte Reifen und Mäntel, hier Schutzbleche in Reih und Glied. Geradlinig ist Lewis auch in Sachen Auftragsannahme: Fahrräder aus billiger Massenproduktion dürfen in seiner Fahrrad-Beautyfarm keinen Aufenthalt genießen.

Samstag ist für Lewis kein straightes Unternehmertum. Es fehlt der Businessplan, fremde Geldgeber lehnt er kategorisch ab. Der Samstag ist schließlich ein freier Tag. Und so darf sich auch Samstag ganz allein und ungebunden entfalten – ohne Wachstumszwang, Expansionsstrategien oder Gewinnmaximierung. „Samstag muss nicht profitabel sein, aber wenn es mich ernähren könnte, wäre das toll“, sagt Lewis trotz des ständigen Kampfs um die Existenzsicherung ziemlich entspannt. Zwei verkaufte Samstag-Räder im Monat würden genügen. Nachhaltigkeit lebt der Fahrrad-Radikale nicht nur in Sachen Mobilität.

So gut organisiert wie das Atelier ist auch Lewis’ restliches Leben. Er ist bekennender Minimalist, weil er sich „den Blick auf die schönen Dinge nicht mit irgendwelchem Kram vollstellen will.“ Seinen privaten Besitz hat er auf eine Tasche reduziert: „So kann ich selbst mobil bleiben, mein Hab und Gut passt ja auf jeden Fahrradgepäckträger.“ Überhaupt sieht er sein Samstag-Rad- und Lebenskonzept als übertragbar und beweglich, „denn ich könnte auch in London Fahrräder vor Ort aufsammeln und restaurieren.“ Sowieso sei ja München als Technologie- und Industriestandort kein besonders gutes Pflaster für reduktive Ideen. An den gutbetuchten Leuten in ihren SUVs saust Lewis daher besonders gern provokativ vorbei, wenn die mal wieder im Münchner Dauerstau stehenbleiben und er auf einem seiner vier persönlichen Samstag-Stadträdern unterwegs ist. Ein fünftes Fahrrad hat er für die Berge, die liebt Christopher Lewis fast genauso wie seine Eigenständigkeit.

Am liebsten kümmert er sich jedoch ungestört um seine Fahrrad-Raritäten. Die Stunden, Tage, Wochen vergehen völlig unbemerkt, wenn er sich in die Handarbeit vertieft. „Wenn ich keine Ablenkung während der Arbeit habe, dann wird das Ergebnis erst richtig gut!“ Seinen Showroom schließt er auf Anfrage auf, feste Öffnungszeiten gibt es nicht. Auch im Internet mag er seine Fahrrad-Schönheiten nicht feilbieten – ohne persönliche Beratung rollt kein Samstag-Rad.

Einige der mittlerweile über 40 Samstag-Räder – darunter ein Piercing-Rad für Körperschmuck-Fetischisten – sind so außergewöhnlich gestaltet, dass der Anspruch wieder in Richtung Kunstmuseum zeigt. Christopher Lewis schaut glücklich auf seine Kollektion und genießt deren Schönheit und Eleganz. Dann lässt er ein Fahrrad-Rad drehen und denkt an einen Satz von Marcel Duchamp: „Ich mochte die Idee, ein Fahrrad-Rad in meinem Atelier zu haben. Ich schaute ihm gerne zu, so wie ich es genieße, in die Flammen zu schauen, die in einem Kamin tanzen.“
Dana Giesecke
28. März 2013
www.samstag-rad.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

426-atiptap

Stilles

Wasser als plastikumhülltes Konsumgut vom Markt zu nehmen, dafür kämpft atip:tap. european water initiative und will Nestlé, Vittel, Evian oder Volvic den Hahn abdrehen. „Wasser frei!“ für eine junge Initiative.

Das neue Schwarz unter den Wassern

Wasser als plastikumhülltes Konsumgut vom Markt zu nehmen, dafür kämpft atip:tap. european water initiative und will Nestlé, Vittel, Evian oder Volvic den Hahn abdrehen. „Wasser frei!“ für eine junge Initiative.
Es perlt und spritzt, Flasche wird an rosige Lippen angesetzt, Tropfen funkeln in der Sonne, Etikett schillert, attraktive Frau wirft erfrischt den Kopf zurück, zufriedener Blick in die Kamera. So oder so ähnlich verläuft fast jede Werbung für Mineralwasser. Die Anpreisung zeigt Wirkung. Vielen kommt heute nur das Wertvollste in die Flasche: Wasser aus Frankreich oder Hawaii, Quellwasser, durch Vulkangestein gewaschen, aus artesischen Brunnen geschöpft, urig-rein, sprudelnd-klar und noch nasser. Die großen Konzerne mischen mit, Wasser wird gehandelt, privatisiert und verschafft qua Label sogar Lebensgefühl.
 
Um statusdienliches Produkt zu werden, muss Wasser transportiert, aufbereitet, in Flaschen abgefüllt und wieder transportiert werden. Das kostet Sprit, Energie und produziert Müll, der – Stichwort Plastikflasche – nur schwer zu recyceln ist. Und für alle, die nicht ebenerdig wohnen oder über keinen Aufzug verfügen, bedeutet der Konsum von abgefülltem Wasser auch körperlichen Einsatz; eine ewige Schlepperei, die alle paar Tage von vorne beginnt. Aber egal, ob es spritzt, wir es extra aufsprudeln, aufwendig filtern, Rosenquarz reinschmeißen oder in schicke Flaschen füllen, wir alle brauchen sauberes Trinkwasser.

Die nachhaltige Lösung dieses Dilemmas ist so einfach wie effektiv: Nicht Mineralwasser teuer kaufen, sondern das günstige aus der Leitung trinken! Nicht mit abgeschnürten Händen Sechserpacks in den vierten Stock schleppen, sondern rund um die Uhr den wohnungseigenen Wasserspender nutzen – die Privatquelle in der Küche, reich an Mineralien und schadstofffrei. Nicht Müll und Transportemissionen produzieren, sondern eine und dieselbe Flasche immer wieder auffüllen.

Weil das für unsere produkt- und labelfixierte Welt aber alles viel zu einfach klingt und auch kaum Hipness-Potenzial hat, muss die Idee attraktiv gemacht werden. Denn Leitungswasser ist nicht schick. Es ist schließlich nur irgendein Wasser, ohne identitätsstiftende Marke, muss unterwegs klammheimlich in Toiletten gezapft werden und steht noch dazu im Verdacht, weniger gesund zu sein als Mineralwasser. Deshalb wird es meist auch gering geschätzt und nur für niedere Dienste genutzt, wie Waschen, Spülen oder gar Klospülen. Hier kommt atip:tap ins Spiel.

Diese european water initiative hat sich auf die Fahnen geschrieben, das Leitungswasser aus seiner Schmuddelecke zu befreien. Hinter atip:tap stehen zehn Wasserbegeisterte Mitte 20.  Unterstützt durch das EU-Programm Jugend in Aktion leisten sie Aufklärungsarbeit und setzen sich, zunächst in Berlin, für den Bau von öffentlichen Trinkwasserbrunnen ein, um den allgemeinen Zugang zu frischem Wasser auch außer Haus zu ermöglichen. Ein solcher Brunnen wurde in Kooperation mit den Berliner Wasserwerken bereits gebaut und eröffnet. Weiterhin wird momentan an der Entwicklung einer Wasser-App gearbeitet, die Smartphone-Besitzern anzeigen soll, wo der nächste Trinkbrunnen ist – oder das nächste Lokal, das kostenlos Leitungswasser ausschenkt.

Die Gründer von atip:tap, Samuel Höller und  Lena Ganßmann, waren der abstrakten Diskussionen über Nachhaltigkeit und Umweltschutz müde. Sie wollten nicht mehr nur reden. Sondern etwas tun, etwas Greifbares im Alltag verändern. Da kam ihnen eine Einladung der Europaberatung Berlin gerade recht. Die informierte im Frühjahr 2010 über Förderungsmöglichkeiten für „junge Projekte“. Höller und Ganßmann ließen sich beraten, und dann ging alles ganz schnell. Für ihre Idee zu atip:tap bekamen sie im August 2010 eine bescheidene Fördersumme ausgezahlt. Kein Erdrutsch, aber genug, um den Stein ins Rollen und das Wasser zum Laufen zu bringen.

„Es geht nicht darum, das (Wasser)-Rad neu zu erfinden, sondern um Kooperation“, meint Samuel Höller, „und darum, eine Praxis, die sich als gut erwiesen hat, weiterzutragen.“ Denn andere europäische Länder machen es vor: In Italien, Spanien oder auch England wird gerne Leitungswasser getrunken, ausgeschenkt und öffentlich gezapft. In Holland hat sich mit Join the Pipe eine Initiative gegründet, die ebenfalls öffentliche Trinkbrunnen baut. Neben der Verbreitung funktionierender Modelle geht es atip:tap darum, geteilte Anliegen auch gemeinsam mit anderen Initiativen umzusetzen. Über eine ehemalige Mitstreiterin hat sich so bereits ein Ableger im spanischen Bilbao formiert, und mit Join the Pipe ist Höller im Gespräch über Brunnendesign. Die Brunnen der holländischen Gruppe haben nämlich flexible Leitungen. Das verhindert das Einfrieren, und die Brunnen können das ganze Jahr über in Betrieb bleiben. Es geht also um konkrete und praktische Maßnahmen.

Weil aber trotzdem noch viel Erklärungsbedarf besteht, sucht atip:tap so oft wie möglich das Gespräch, informiert an Ständen und auf öffentlichen Veranstaltungen und führt mit Interessierten Blindtests durch, die meistens den guten Geschmack des Berliner Leitungswassers bestätigen. Höller hält außerdem in Behörden und Firmen Vorträge, um jeweils die gesamte Institution zum Umstieg auf Leitungswasser zu bewegen. Bei den öffentlichen Gesprächen sind immer auch skeptische Stimmen zu hören. „Die Qualität des Leitungswassers spielt eine Rolle“, erzählt Höller, „oder die Frage, ob man in Zeiten, in denen man an Auswahl gewöhnt ist, einfach ‚nur’ Leitungswasser aus No-Name-Flaschen und ohne Sprudel ausschenken kann.“ atip:tap versucht, auf die Anliegen und Bedürfnisse individuell zu reagieren und bietet für alle etwas an: Aufsprudler, Filter, Wassertests mit Laborgarantie für zu Hause und für das Büro, repräsentative Behältnisse für die publikumsgerechte Präsentation. Mit letzteren kann man sich getrost öffentlich zeigen. Nebenbei wirbt man dann für atip:tap und das Leitungswasser-Trinken.

Um das ehrenamtliche Projekt auch langfristig zu finanzieren, wird lokal kooperiert. Mit den Berliner Wasserwerken in Sachen Ausbau des Trinkbrunnennetzes und mit den Kneipen und Geschäften im Umkreis des ersten Brunnens in Neukölln. Letztere sollen als leitungswasserausschenkende Lokale künftig das Zertifikat atip:tap proved tragen dürfen, gut sichtbar als Button im Fenster.

Und wenn alles gut geht, ist das aus der Leitung bald das neue Schwarz unter den Wassern, dynamisch selbstgezapft und per Filter, Flavour, Sprudel (oder Rosenquarz) individuell aufgewertet. Dann wird man sich auf Berlins Straßen nicht mehr über Falafel- oder Espressoläden austauschen, sondern sich wissend zuraunen, wo der coolste Brunnen, das Lokal mit dem weichsten Wasser oder die angesagteste Trinkflasche zu haben ist.
Lisa Andergassen
21. März 2013
www.atiptap.org
www.jointhepipe.org

 Diese Geschichte weitererzählen… 

425-bauraum-lowtech

Bye-bye, High

Berliner Studierende der Ingenieurwissenschaften hatten es satt, sich nur mit großtechnischen Anlagen auseinanderzusetzen. In einem offenen Bauraum setzen sie Lowtech-Ideen in die Praxis um.

Weniger ist mehr

Berliner Studierende der Ingenieurwissenschaften hatten es satt, sich nur mit großtechnischen Anlagen auseinanderzusetzen. In einem offenen Bauraum setzen sie Lowtech-Ideen in die Praxis um.
Als Natalie Rzehak in Aachen Maschinenbau studierte, fühlte sie sich allein: Um sie herum interessierten sich alle für die Technik – und niemand dafür, welche Folgen deren Nutzung nach sich zieht, wo die Rohstoffe herkommen und ob auch Menschen in armen Weltgegenden von hiesigen Innovationen profitieren können. So wechselte Rzehak vor einigen Jahren an die Berliner Technische Universität, wo sie sich vom Studienfach Technischer Umweltschutz eine Öffnung des Blickes erhoffte.

Dort fand sie immerhin gleichgesinnte Kommilitonen wie Felix Lettow. „An der Uni geht es fast immer nur um industrielle Großanlagen“, erklärt der 26-Jährige. Gegen deren Grundzweck lasse sich selten etwas sagen: So seien beispielsweise Klärwerke gut, um durch Fäkalien verursachte Krankheiten zu verhindern. Aber solch absolut sinnvolle Ziele ließen sich auch erreichen, ohne dass dabei natürliche Kreisläufe massiv gestört würden – im Fall von Klärwerken der überlebenswichtige Phosphorkreislauf. „Das heutige Abwassersystem verbaut die Wege für eine nachhaltige Landwirtschaft. Nährstoffe wie Phosphor werden einfach weggespült – und trotzdem baut man immer weitere Anlagen“, kritisiert Lettow.

Rzehak, Lettow und ihre Mitstreiter sind keine Maschinenstürmer. Sie wollen schlicht das Feld der einfach zu beherrschenden Techniken erweitern. So sollen zum einen die Nutzer von Technik mehr Macht über ihre Lebensumstände gewinnen und zum anderen der Umwelt viele unnötige Belastungen erspart bleiben. Regional angepasste, leicht handhabbare Apparaturen, die die Vorteile – aber nicht die Nachteile – der Großtechniken übernehmen: das sollte das persönliche Programm der Studierenden werden.

Am Anfang diskutierte die Gruppe hitzig, wie dieser Auftrag umzusetzen sei – und als eine von ihnen nach einem Praktikum in Maastricht begeistert von der dortigen Lowtech-Werkstatt berichtete, stand für die Berliner Studierenden fest, dass sie diese Idee übernehmen wollten. Die Universität bewilligte ohne großen Widerstand zwei Tutorenstellen, doch eine Werkstatt mit traditionellem Werkzeug wie Schraubenziehern, Handsägen und Bohrern gab es auf dem Campus nicht. Die Gruppe suchte deshalb in einem nahegelegenen Stadtteilzentrum Unterschlupf. Mittwochs können Studierende im sogenannten Bauraum nun nützliche Dinge herstellen – mit ganz einfachen Mitteln und unter Einsatz von möglichst geringen materiellen Ressourcen.

In der Souterrain-Werkstatt hämmert ein Mann mit voller Kraft auf einer Fahrradspeiche herum. Er will daraus einen Handbohrer herstellen. Derweil versuchen ein paar andere junge Tüftler, eine handgeschriebene Bauanleitung für einen Campingkocher umzusetzen: Sie stechen Löcher in unterschiedlich große Konservenbüchsen und ständern anschließend die Konstruktion auf, wiederum mit alten Fahrradspeichen. Gut zwei Dutzend Studierende kommen regelmäßig zu dem freiwilligen Uni-Kurs. „Ich finde es wichtig, endlich mal mit den Händen zu arbeiten“, meint die angehende Architektin Tanya Valkanova.

Lowtech-Initiativen gibt es weltweit schon einige, und die von ihnen entwickelten Ideen und Konstruktionen werden gerne geteilt; open source gehört zum Konzept. Via Internet – also Hightech – werden die Anleitungen verbreitet. Den Aktivisten geht es auch gar nicht darum, moderne Techniken gänzlich und aus allen Einsatzbereichen zu verdammen. „Für hochkomplizierte, sehr nützliche medizinische Geräte finden wir bestimmt keine Lowtech-Alternative“, sagt Lettow. Vielmehr suchen er und seine Mitstreiter nach Möglichkeiten, praktische Dinge des Alltags wieder stärker selbst in die Hand zu bekommen. „Ich kann Maschinen ja auch anders betreiben als mit Strom“, sinniert Lettow und verweist auf die alte Nähmaschinenmechanik. „Und wenn ich Strom brauche, kann ich den zum Beispiel durch ein Windrad erzeugen, das ich aus einem alten Waschmaschinenmotor hergestellt habe. Das kann ich selbst heil machen – anders als zum Beispiel ein Solarmodul: Wenn das kaputt ist, ist es kaputt.“

Die Berliner Gruppe hat ein paar Grundsätze zu Papier gebracht: Auf jeden Fall müssten ihre Lowtech-Produkte leicht verständlich, vor Ort herstellbar und reparabel sein. Sie sollten aus nachwachsenden oder recycelten, in jedem Fall aber aus preiswerten Materialien bestehen und keinen ökologischen Schaden anrichten. Auch Langlebigkeit ist nach der Definition der Berliner Lowtech-Gruppe zentral – was bei Betrachtung der niedlichen Campingkocher aus Blechdosen etwas paradox erscheint.

Wogegen sich alle Lowtech-Engagierten wehren, ist eine unhinterfragte Fortschrittsgläubigkeit, die die ökologischen und sozialen Gefahren vieler Großtechniken ignoriert und lokale Gegebenheiten außer Acht lässt. Die können schließlich extrem unterschiedlich sein, weiß Natalie Rzehak aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit Ingenieure ohne Grenzen erprobte sie in Tansania Trenntoiletten, die in einem Mädcheninternat eingebaut werden sollen. Im Experiment ist es gelungen, den festen Inhalt zu trocknen und anschließend bei 80 Grad Celsius in einem Lehmofen zu hygienisieren. Die Hitze dafür kommt aus einer Biogasanlage, die mit Ernteresten betrieben wird. Anschließend wird das Ganze zu Terra Preta verarbeitet – zu fruchtbarer Schwarzerde für den Gemüseanbau, die nebenbei noch den Vorteil hat, der Atmosphäre dauerhaft viel klimaschädliches CO2 zu entziehen.

Die zu den Trenntoiletten gehörende Kloschüssel mit Solarkammer hat die Berliner Lowtech-Gruppe konstruiert. Der Prototyp dient heute einem Schäfer in einem Landschaftspark als stilles Örtchen und besteht aus Beton; später in Tansania soll Lehm zum Einsatz kommen. „Beton ist ja nicht gerade ein nachwachsender Rohstoff. Sobald man in der Werkstatt steht, wird klar, wie schwer es ist, die eigenen Ansprüche umzusetzen“, räumt Natalie Rzehak ein.

Hardliner der Lowtech-Szene beharren darauf, ganz ohne Strom auszukommen. Die Berliner sind da undogmatisch. Im Sommer haben sie beim Kombinat Gatschow, einer beliebten Tagungsstätte in Mecklenburg-Vorpommern, eine Solardusche mit mehreren Kabinen gebaut. „Wir haben dabei eine Kreissäge und einen Akkuschrauber benutzt – und das war auch gut so, weil wir wenig Zeit hatten“, sagt Felix Lettow. Dass der Strom dabei nicht von einem selbstgebauten Windrad kam, findet er nicht schlimm. Wichtiger ist ihm, dass mit Ressourcen gebaut wird, die gerade vor Ort zu finden sind. In Deutschland ist das in vielen Fällen schlicht Abfall der Konsumgesellschaft.

Um ihre Lowtech-Werkstatt allen Berlinerinnen und Berlinern zugänglich zu machen, haben Natalie Rzehak, Felix Lettow und ihre Lowtechies einen neuen Ort gesucht – und gefunden, in einem alten Fabrikgebäude, das sie für eine Weile zwischennutzen dürfen. Noch ist der Raum dunkel: Bretter versperren den Blick. Um das zu ändern, streifen die Studierenden durch die Umgebung und fragen Glasunternehmen nach alten Scheiben, die sie dann selbst zuschneiden und in die Rahmen einsetzen wollen. Ob der Glasschneider wohl eher aus einer Konservendose entstehen wird oder aus einer ausgedienten Waschmaschinentrommel?
Annette Jensen
13. März 2013
www.bauraum-lowtech.org

 Diese Geschichte weitererzählen… 

421-esbz

ausgepennt

„Hefte raus, Klassenarbeit!“ Die Realität an Deutschlands Schulen ist häufig trist und einfallslos. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum macht da nicht mit und überlässt den Kindern das Wort. Eine Anleitung in sieben Lektionen.

Tintenkillerfreie Zone

„Hefte raus, Klassenarbeit!“ Die Realität an Deutschlands Schulen ist häufig trist und einfallslos. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum macht da nicht mit und überlässt den Kindern das Wort. Eine Anleitung in sieben Lektionen.
Lektion 1
Es riecht nach Farbe, PVC und Kantinenessen: nichts Besonderes in einer Aula. Aber: „Ein Paradigmenwechsel geht durch Deutschlands Schulen“, verspricht Margret Rasfeld. Die Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) hat zu einer revolutionären Veranstaltung geladen: Schüler schulen Lehrer. Dafür finden sich Lehrkräfte aus Berlin und dem Umland zusammen und erfahren von Rasfelds Schülerinnen und Schülern, was guten Unterricht ausmacht. „Dieser Paradigmenwechsel speist sich aus den sich ändernden Herausforderungen: Mit dem Umbau der Arbeitswelt, dem demographischen Wandel, der Ressourcenverknappung und dem Klimawandel werden die Menschen von morgen zu kämpfen haben, und darauf sollte man sie so früh wie möglich vorbereiten“, beschreibt Rasfeld den Auftrag des Schulsystems. Den können nur Schulen erfüllen, die bereit seien, die Lernenden ernst zu nehmen. Mathe und Englisch blieben notwendig, zentraler aber sei die Verknüpfung von emotionaler, kognitiver und kreativer Intelligenz. Eine Intelligenz des Handelns. Kernauftrag der Schule sei es schließlich, mündige, selbst denkende Bürger zu schaffen. So mündig, dass sie schon als Jugendliche in der Lage sind, mit gestandenen Pädagogen über deren Handwerk zu debattieren. Hier, an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, läuft etwas radikal anders, da kann einem auch der alt-vertraute Schulgeruch nichts vormachen.

Lektion 2  
Man kennt das: Die meisten deutschen Schulen funktionieren nach dem Prinzip der Exklusion, umgesetzt in Form eines Drei-Schulen-Systems, das Lernen getrennt nach Jahrgangsstufen und Fächern. Vermittelt wird ausschließlich Information, was dem industriellen Zeitalter womöglich angemessen war, aber „jetzt brauchen wir Denker und Macher“, erklärt Margret Rasfeld. Dafür setzt ihre Schule auf Konfrontation statt Isolation. Hier wird in der Mittelstufe jahrgangsübergreifend unterrichtet, um die Heterogenität der Persönlichkeiten und Sichtweisen zu fördern. Noten werden erst ab der neunten Klasse vergeben, vorher erfolgen Bewertungen nur in Worten. Frontalunterricht gibt es nicht, stattdessen sogenannte Lernbüros, in denen die Schülerinnen und Schüler selbst festlegen, womit sie sich befassen. „Ich find’s super, dass ich hier wählen kann, was ich wann und wie lerne“, sagt ein Achtklässler stolz, „das motiviert total“. Die Beschäftigung mit den Inhalten funktioniert über persönliche Beziehungen, die Kinder erklären sich den Lernstoff auch gegenseitig. Der Wahlfreiheit liegt ein einheitliches Pensum zugrunde; dessen einzelne Bausteine allerdings sind individuell bearbeitbar. So wird an der ESBZ bereits seit 2006 gelernt. Die Schule hat Gebrauch gemacht von dem Bewegungsspielraum, den sie als nicht-staatliche Schule genießt – sie untersteht einem freien kirchlichen Träger.

Lektion 3
Um autonome, denkende Individuen anzuregen, müsse man wegkommen vom „Als-ob-Lernen“, weg von rein kognitiver und hypothetischer Arbeit, bekräftigt Rasfeld: „Denn etwas hängen bleibt nur, wenn Kinder auf eigene Faust lernen und man sie gleichzeitig in sozialer Verantwortung übt“. Das bewerkstelligt ihre ESBZ mit dem Projekt Verantwortung, das zuerst 1999 an einer Schule in Essen als separates Schulfach eingeführt wurde. Dabei widmen Siebt- und Achtklässler wöchentlich jeweils zwei Stunden ihrer Schulzeit einem ehrenamtlichen Projekt ihrer Wahl. Sie helfen in Asylheimen, führen alte Leute spazieren oder melken Kühe. Die Kinder fühlen sich gebraucht und wichtig, übernehmen eben Verantwortung; diese Erfahrung dringt tiefer als jede Matheaufgabe.

Lektion 4
Die Zukunft der Erde ist ungewiss. Im Projekt Herausforderung werden Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe genau darauf vorbereitet. Drei Wochen jedes Schuljahrs begeben sich die Jugendlichen in die Welt hinaus. Dabei wandern sie etwa durch Korsika, schlagen sich im Teutoburger Wald durch oder paddeln auf der Lahn, inklusive wilden Campens. Hier lernen sie, mit Unsicherheiten und Umbrüchen umzugehen, aus Fehlern zu lernen und Grenzen zu erkennen. Eine kesse Neuntklässlerin streicht ihren Pony zurück und reflektiert: „Einer hat im Wald eine Allergie entwickelt und musste dann wieder zurück. Aber das war auch okay. Erst fühlte er sich wie ein Loser. Dann hat er kapiert, dass man vom Scheitern viel lernen kann.“

Lektion 5
Die Lernenden haben die Grundsätze ihres außergewöhnlichen Schulalltags längst verinnerlicht: „Feedback und Selbsteinschätzung sind wichtig, auch für spätere Herausforderungen“, erklären zwei Achtklässler pointiert. An der ESBZ führen die Lernenden ein Logbuch, in dem sie penibel Wünsche und Kritik notieren, und welche Bausteine sie schon abhaken konnten. Jeden Tag gibt es eine Klassenstunde, in der die persönlichen Beziehungen gestärkt werden. Und dann gibt es noch „Frau V.“ – die Vollversammlung, bei der regelmäßig ernst gemeinte und ernsthaft angenommene Lobhudelei erfolgt. „Das hat was,“ überschlagen sich die Stimmen der ESBZ-Schüler. Man fühle sich gesehen, ja, wertgeschätzt. Manchmal fließe auch eine Freudenträne. Wer jetzt denkt, Jugendliche müssten sich bei sowas doch gegenseitig auslachen, täuscht sich. Die Routine der gegenseitigen Beobachtung und Bestätigung nutze sich nicht ab, sondern führe die Schüler dichter zusammen: „Mobbing gibt es an unserer Schule nicht“, beteuert ein zartes Mädchen.

Lektion 6
Neuntklässlerin Anna verrät noch mehr: Textmarker und Tintenkiller sind hier verboten. „Bisschen doof“, sagt sie, „aber Nachhaltigkeit muss sein.“ Auch beim Essen und den Arbeitsmaterialien. Trotzdem gebe es natürlich auch hier Probleme und typische Teenie-Eskapaden. „Man darf nicht zu viel erwarten“, ulkt Anna, „wir hören auch mal Scheiß-Musik.“ Die anwesende Lehrerschaft schmunzelt. Heißt das etwa: aus den Handys dudeln nicht nur Beethoven und die Beatles, sondern auch Justin Bieber und Taylor Swift? Hier wird keine Elite herangezüchtet, aber auch keine ewig Körner kauenden Leon-Maltes und Zoë-Tabeas à la „Tanze deinen Namen“. 

Lektion 7
Beim Ausspruch „Anlachen statt Auslachen“ wird die Stimmung in der Aula unruhig. Die von anderen Schulen zum Schüler-Lehrgang entsandten Pädagogen lächeln müde. „Wie soll das gehen?“, tuschelt ein Lehrer. „An unserer Schule kann ich froh sein, wenn ich mal nicht angegriffen werde. Verbal oder körperlich.“ Drogen und Gewalt seien an vielen Schulen ein Dauerproblem, das sich nicht wegwünschen lässt. „Anlachen statt Auslachen“, das funktioniere nur auf Privatschulen, wo die ohnehin bildungsnahen Schüler hingingen. Doch Moment, ein Blick auf die Schulbeiträge der ESBZ macht schnell deutlich: diese Privatschule ist bezahlbar. Laut Schulgeldregelung kostet sie pro Kind 30 Euro im Monat. Machbar. Die zentrale Idee der revolutionären Schule ist es, soziale Herkunft und Leistungserfolge voneinander zu entkoppeln. Aber die Schule hat begrenzte Kapazitäten, „die Nachfrage ist viel höher als bedient werden kann, Tendenz steigend“, bekräftigt Schulleiterin Rasfeld.

Weiterführende Übungen
„Lernen und Lehren sind anders möglich, auch an staatlichen Schulen“, beharrt Margret Rasfeld. Natürlich bieten Schulen in freier Trägerschaft mehr Spielraum als ihre staatlichen Halbschwestern, bei denen der Teufel häufig in Bürokratiedetails lauert und den eigentlichen Bildungsauftrag erschwert. Dennoch ruft Rasfeld auf zum Versuch, in selbstregulativen Lernarrangements zu unterrichten. Möglich sei das prinzipiell überall. „Doch dafür bedarf es an Mut, Empathie und Struktur. Nur so können Demokratie und Verantwortung, Kernaufträge der Institution Schule, gelernt und gelebt werden“, schließt Rasfeld. Und jetzt alle!
Anika Meier
07. März 2013
www.ev-schule-zentrum.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

408-aktion-firmenfahrrad

Fuhrpark

In der Stadt mit dem Geschäftsboliden von A nach B? Vorbei! Dienstwagenaffären damit auch. Businessleute mit Zeitgeist sind per velo unterwegs, das ist sauberer und geht flotter.

Das Ende von Dienstwagenaffären

In der Stadt mit dem Geschäftsboliden von A nach B? Vorbei! Dienstwagenaffären damit auch. Businessleute mit Zeitgeist sind per velo unterwegs, das ist sauberer und geht flotter.
Der Fahrer des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber wurde einst vom Hof gejagt, als er seinen Chef im hybridangetriebenen Kleinwagen zu einem Ministerium chauffierte. Der Fahrer sei samt Ökodienstwagen verscheucht worden, „weil das Auto nicht repräsentativ genug ist“, berichtete Schellnhuber in der ZEIT. Hybridwagen taugen offenbar nicht als Statussymbol. Wäre der Potsdamer Wissenschaftler auf dem Fahrrad angereist, so wäre ihm der Fauxpas womöglich erspart geblieben: zu abgefahren ist ein Dienstrad, um gedanklich in die Nähe eines Prestigewagens gerückt zu werden. Das sagen zumindest die Erfahrungen von Torsten Stadler. Dem flattert die Krawatte um die Ohren, wenn er sich zum nächsten Termin aufs Firmenfahrrad schwingt und durch die Bremer Innenstadt fährt. Manche Kunden fänden es „ganz witzig“, für die meisten aber sei es schon „selbstverständlich, dass ich das Fahrrad nehme“, erzählt der Dienstradfahrer. Dass in seinem Beruf der Anzug zur Etikette gehört, hat Stadler nicht daran gehindert, für Außentermine vom Dienstwagen aufs Fahrrad umzusatteln.

Die roten Schutzbleche und die blaue Werbetafel am Fahrradkorb sind das Markenzeichen seines ansonsten schlichten schwarzen Stadtrads, das zur Aktion Firmenfahrrad gehört. Torsten Stadler koordiniert die 2007 ins Leben gerufene Firmenfahrrad-Kampagne des Netzwerks Partnerschaft Umwelt und Unternehmen in Bremen und Bremerhaven: Er wirbt bei lokalen Unternehmern für ökologischere Verkehrsmittel. Für den Diplom-Betriebswirt ist das Prinzip Dienstrad praktisch und total simpel. „Der größte Vorteil: man ist schnell mobil. Ich hol’ mir das Rad, fahre los und muss nicht in den Straßenbahnplan gucken“, preist Stadler sein Gefährt. Ein weiteres Plus des ollen Drahtesels: „Da kann ich selber was machen, wenn die Kette abgeflogen ist.“ Schnell wird deutlich, dass er kein Fan von E-Bikes ist.

Der Fahrradverfechter erklärt, warum es seiner Kampagne bedarf: Wenn Betriebe überhaupt auf eigene Initiative Diensträder anschafften, stünden die oft nach ein paar Monaten „mit ’nem Platten unten im Keller“ – als sei das Firmenrad ein Einwegprodukt. Nicht der Kauf, sondern die Instandhaltung sei der Fallstrick einer jeden Firmenradflotte. Seine Aktion Firmenfahrrad biete daher, ähnlich dem etablierten Dienstwagenprinzip, einen All-Inclusive-Service. Kauf, Pflege und Wartung – alles drin. Für 120 Euro wird das Rad zweimal im Jahr von einer örtlichen Werkstatt abgeholt und durchgecheckt. Wie bei vielen Dienstwagen besteht sogar eine Mobilitätsgarantie: Ist das Rad mal nicht fahrtüchtig, kann man kostenlos ein Taxi bestellen. „Bisher hat das aber noch keiner in Anspruch genommen“, berichtet Stadler.

Das Rundum-sorglos-Paket hat sich herumgesprochen. Mittlerweile sind in Bremen und Bremerhaven 17 Firmen und Institutionen mit 26 Fahrrädern von der Partie, darunter die Bremer Stadtwerke, die Handelskammer, ein Altenheim, ein Malerbetrieb, Behörden und Versicherungsbetriebe. Vor allem für Bürostuhlakrobaten wie Martina Buck, Beschäftigte eines Fischereigroßhandels in Bremerhaven, ist das Dienstrad eine willkommene Abwechslung. Früher legte Buck die Fahrten zwischen den Hallen auf dem großen Betriebsgelände oft mit dem Auto zurück. Heute ist sie mit dem Firmenrad an der frischen Luft unterwegs und absolviert damit ganz nebenbei ihr persönliches Fitnessprogramm.

Die Hälfte aller Autofahrten, die im Bremer Stadtgebiet gemacht werden, sind kürzer als fünf Kilometer. Da ist Potential für eine klimafreundliche Fortbewegung! Auf solchen städtischen Strecken ist das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel, weil es durch Stau oder Parkplatzsuche nicht gebremst werden kann. In Bremen liegt der Radverkehrsanteil schon bei 22 Prozent; durch die neuen Firmenräder mit Servicepaket soll die Fahrradquote weiter hochgeschraubt werden. Dafür setzt sich Stadlers Netzwerk Partnerschaft Umwelt und Unternehmen ein, das auf Initiative des Bremer Umweltressorts entstand und von diesem finanziert wird.

Auch der Bremerhavener Schornsteinfeger Ulf Behnken stieg vor fünf Jahren aufs Dienstrad um. Er hatte es satt, für jedes kurze Beratungsgespräch seinen Transporter aus der Garage zu holen und einen Parkplatz samt Parkscheinautomaten zu finden. Also stattete er seinen kleinen Handwerksbetrieb mit zwei Fahrrädern der Aktion Firmenfahrrad aus. Dazu kaufte er ein Klapprad, das er jetzt immer im Transporter dabei hat. Dieses Modell hat die Aktion Firmenfahrrad noch nicht im Sortiment. Von Anfang an reizte es Meister Behnken, zu testen, wie weit er in seinem handwerklichen Berufsalltag mit dem Dienstrad kommen würde. Staubsauger, Werkzeug und Besen passen beim besten Willen nicht auf einen Gepäckträger. Deshalb taugen die Fahrräder zwar nicht für die Reparatur- und Überprüfungstermine, doch können beispielsweise Terminankündigungen durchaus per velo verteilt werden. Der Schornsteinfeger ist sich sicher: „Wir haben schon den ein oder anderen Liter Sprit gespart.“

Projektkoordinator Torsten Stadler geht es nicht nur um Geschwindigkeit und Kostenersparnis. Natürlich habe er die Umwelt im Blick. Wie viel CO2 die Aktion genau einspart, sei schwer zu berechnen. Grob kann man aber sagen: wer im Jahr 5.000 Kilometer statt mit dem PKW per Fahrrad und Straßenbahn zurücklegt, reduziert seine persönliche Klimabilanz um 10 bis 20 Prozent.

Doch noch fällt auf, wer mit dem schwarz-roten Fahrrad zum Kunden fährt. Stadler erinnert sich an die Reaktion eines Unternehmers, der ihm per Handy den Weg wies, als er sich in einem Gewerbegebiet verfahren hatte. „Der war ziemlich verblüfft, dass ich bei ihm nur mit dem Rad vorfuhr und nicht in einem dicken Firmenwagen.“ Skepsis oder Ablehnung erntete Stadler sonst bislang nur von ein paar Bankern. Denn die befürchteten, verschwitzt anzukommen und dafür von ihren Kunden belächelt zu werden.

Trendsetter sind die Bremer mit ihren Diensträdern allemal, wenngleich das Firmenfahrrad dem Dienstwagen auch in Bremen und Bremerhaven noch keine ernstzunehmende Konkurrenz macht. Um das Dienstrad konkurrenzfähig zu machen, bedarf es einer kleinen Mobilitätsrevolution. Dafür braucht es neben mutigen Unternehmern eine Verkehrsinfrastruktur, die eine Mobilität der Nähe fördert, anstatt weiterhin auf den permanenten Nachschub fossiler Energie zu setzen. Ein verzahntes Konzept mit einem flächendeckenden Netz aus Radschnellwegen und leihbaren Lastenrädern, hat in Bremen bisher noch keiner aus der Schublade gezogen. Immerhin gelang es dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub und dem Ökologischen Verkehrsclub Deutschland, einen Anstoß für zweirädrige Firmenflotten zu geben: Seit 2012 ist das Dienstrad dem Firmenwagen steuerlich gleichgestellt. Zwar fällt das finanziell meist kaum ins Gewicht – dafür sind Fahrräder zu günstig –, doch was die Revolution der Denkmuster angeht, bedeutet die Gleichstellung einen riesigen Schritt.
Anja Humburg
28. Februar 2013
www.umwelt-unternehmen.bremen.de/Aktion_Firmenfahrrad.html

 Diese Geschichte weitererzählen… 

405-janun

Netzausbau

Niedersachsen ist das einzige Bundesland, in dem ein Jugendumweltnetzwerk ein großes Engagement-Durcheinander zu entheddern weiß. Seit über 20 Jahren koordiniert JANUN Umwelt- und Naturschutzprojekte.

Ein Netz für alle Fälle

Niedersachsen ist das einzige Bundesland, in dem ein Jugendumweltnetzwerk ein großes Engagement-Durcheinander zu entheddern weiß. Seit über 20 Jahren koordiniert JANUN Umwelt- und Naturschutzprojekte.
Ein Knäuel. Stellen wir uns vor, die niedersächsische Blaufußkröte – die es nicht gibt – wäre vom Aussterben bedroht. Schon zögen drei große Umweltverbände und zwei lokale Initiativen in den Kampf gegen das Krötensterben. Fünf Interessierte kämen zum Expertengespräch beim Deutschen Jugendbund für Naturbeobachtung DJN. Der Ortsverein der Krötenfreunde und die Naturschutzjugend NAJU würden mit je drei Freiwilligen tagelang an zwei Krötenwandertunneln graben, die sich – ein Versehen –auch noch kreuzten. Fördergelder für ihr Krötenschutzkonzept bekäme schließlich die BUNDjugend, aber dort hat niemand von den Tunnelbauaktivitäten gewusst. All der gute Wille mündete in ein großes Durcheinander. So mag man sich das ausmalen, hat man auch nur die geringste Erfahrung mit ehrenamtlicher Projektarbeit. Die niedersächsischen Jugendumweltorganisationen allerdings sind gegen solches Kuddelmuddel gefeit, denn ihnen fiel früh auf: Viel hilft nicht unbedingt viel, besonders nicht der Umwelt. Etwas Neues musste her.

Enthedderung. Ebenso empört wie begeistert stellten junge, in Umweltgruppen organisierte Niedersachsen bereits Mitte der 1980er-Jahre fest: „Eigentlich haben wir ähnliche Ziele, arbeiten aber nebeneinander her und nehmen uns gegenseitig Leute und Gelder weg. Lasst uns doch eine gemeinsame Vernetzungsstruktur schaffen!“ So erklärt Bildungsreferent Steffen Stubenrauch heute die Gründung des Jugendumweltnetzwerks JANUN in den Hochzeiten der Umweltbewegung. Seine Kollegin Katrin Reinecke schickt hinterher: „Wir haben das Glück gehabt, dass sich ausgerechnet hier Jugendliche getraut haben und so motiviert waren, alles umzuschmeißen und etwas Neues zu gründen.“ Bis die großen Bundesverbände das Netzwerk unterstützten, vergingen jedoch erst einige Jahre des Argwohns.

Aufgerollt. Ausgeschrieben steht JANUN für Jugend, Aktion, Natur, Umweltschutz Niedersachsen. Ein langer Name, der Programm ist. Doch kaum einer spricht ihn jemals aus. JANUN steht für sich. Die Mission: engagierte Menschen zwischen zwölf und 27 Jahren bei der Umsetzung ihrer Projektideen von Abfallvermeidung bis Permakultur unterstützen. Das Netzwerk organisiert finanzielle Mittel, schult in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising oder vermittelt Referenten. „JANUN bietet einen fantastischen Rahmen, um sich auszuprobieren und um ins umweltpolitische Engagement zu starten“, findet Reinecke, die seit neun Jahren dabei ist.

Knotenpunkte. Die Landesbüros in Hannover und Lüneburg verwalten das JANUN-Netz. Über dessen Fäden stolpert man in ganz Niedersachsen. In festen Räumen finden sich motivierte Gruppen und stricken fleißig an ihren selbstgewählten Themen, stemmen Projekte zu Tierschutz oder Konsumkritik. Der Verein erhält seine Finanzierung vorrangig vom Land; inzwischen steuern aber auch die großen Umwelt- und Naturschutzverbände Gelder bei.

Hohe Webkunst. Das Herbstspektakel ist der Höhepunkt des JANUN-Jahres und fast so alt wie das Netzwerk selbst. Seit Beginn der 1990er-Jahre treffen Vereinsmitglieder, Interessierte und zufällig Gestrandete in der niedersächsischen Provinz aufeinander. Ein Wochenende lang bestimmen sie ihre Positionen zu gesellschaftlichen und umweltrelevanten Fragen: Was ist Normalität? Welchen Wert haben Gemeingüter? Akronymverliebt sprach man zunächst vom GigaLaJUKo: gigantischer Landesjugendumweltkongress. Seit einigen Jahren färbt der neue Name Herbstspektakel den Jugendkongress etwas bunter. Gleich bleibt die Grundidee: Alle können mitmachen. Die Themen und das Workshop-Programm des Herbstspektakels gestalten von einem Herbst zum nächsten hauptsächlich Freiwillige.

Den Faden aufnehmen. In den vergangenen Herbstferien stellten sich knapp 130 Schülerinnen, Studierende und Freiwillige im Ökologischen Jahr brav zum Essen an. Selbiges schmeckte vegan, die Zutaten stammten selbstverständlich aus Region und Saison, waren zum Teil sogar containert: Marinierter Seitan an Zwiebelsud, dazu grüner Salat mit Bananenstreifen. Der Kochaktivist Wam Kat stand zunächst am Herd und saß anschließend auf dem Podium. Die hungrigen Teilnehmer hatten sich vorher in Workshops über die Kakaoernte in Ghana und Landraub in Argentinien aufgeregt oder urbane Gärten bewundert. Auf dem diesmaligen Herbstspektakel drehte sich nämlich unter der Überschrift Burger, Bauern und Banditen vier Tage lang alles um eine gerechte Welternährung – und was ich, du, wir dafür tun können.

Gesamtstrickwerk. Einige Monate vor dem Herbstspektakel trugen schwarz gekleidete Aktive in mehreren Fußgängerzonen symbolisch alte Schlager zu Grabe, deren Inhalte durch den Klimawandel bedroht sind. Die Trauergemeinde versammelte sich um einen Schaumstoffgrabstein mit der Inschrift „Lieder, die wir liebten“; White Christmas und Tulpen aus Amsterdam schallten durch die Straßen Niedersachsens. Dieses Beispiel zeigt: Wer Projektideen hat – egal, ob provokativ, todernst oder zum Lachen – kommt bei JANUN vorbei und findet Unterstützung. Unter anderem startet bald die Kampagne KlimAktiv, mit der man andere Jugendverbände zu klimafreundlichen Veranstaltungen und Reisen bewegen möchte. Die meisten Jugendlichen seien ein bis zwei Jahre aktiv, erzählt Katrin Reinecke, ein gutes Dutzend verheddere sich gern über längere Zeit im Netz.

Zukunftsspinnereien. Immer wieder spähen neugierige Umweltengagierte aus anderen Bundesländern über die Landesgrenzen. Dennoch: Nachahmer für das Jugendumweltnetzwerk sind bislang landauf und landab nicht in Sicht. Man muss sich wundern: Warum gibt es kein JANRWUN, kein JANUBB, kein JANUMV, kein JANUBW? Sind doch von Sachsen bis ins Saarland allerhand Reiher, Bienen und Kröten noch akuter vom Aussterben bedroht als die Lieder, die wir lieben.
Josefa Kny
21. Februar 2013
www.janun.de

 Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 446-nour-energie

    Göttlicher Strom

    Das ehrenamtliche Team NOURenergie aus muslimischen Akademikern will durch Solarstrom das Gleichgewicht in der Natur schützen. Sie planen und bauen Solaranlagen für Sakralbauten. Der Vorstandsvorsitzende des Vereins Tanju Doganay sieht darin auch gelungene Integration und interkulturelle Annäherung.

    Visionen eines Vorzeigesohnes

    Das ehrenamtliche Team NOURenergie aus muslimischen Akademikern will durch Solarstrom das Gleichgewicht in der Natur schützen. Sie planen und bauen Solaranlagen für Sakralbauten. Der Vorstandsvorsitzende des Vereins Tanju Doganay sieht darin auch gelungene Integration und interkulturelle Annäherung.

    Es ist ein gewöhnlicher Samstag in der Emir-Sultan-Moschee in Darmstadt. Die Jungs und Mädchen besuchen getrennt den Koran-Unterricht. Die Frauen passen im ersten Stock auf die kleinen Kinder auf. Unten im Café spielen ein paar Männer Billard und warten auf das Mittagsgebet. Billardtische, Zigarettenautomat, Kicker und drei lange Tische füllen den Raum. An der Wand hängen die türkische und die deutsche Nationalflagge. Ein großer Fernseher beschallt auf Türkisch das Café. In einer Ecke sitzen glattrasierte ältere Herren auf orientalischen Kissen und trinken Tee.

     

    Ein junger Mann mit durchtrainiertem Körper tritt ein und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Tanju Doganay, 26 Jahre alt. Tolle Haare hat er – akkurat frisiert. Er sei Model einer bekannten Haarpflege-Marke, wird er später erwähnen. Er trägt Jeans, kariertes Hemd und einen olivgrünen Pulli. Seine dunklen Augen fesseln. Hier in der Moschee kennt und grüßt ihn jeder. Ältere Männer in Anzügen schütteln ihm respektvoll die Hand. Er hat ihre Moschee zu einer besonderen gemacht. Die zweite „Photovoltaik-Moschee in Deutschland“. Die erste steht in Weinheim, auch dort wurde das Projekt von Tanju Doganay organisiert und geleitet. Er wirkt bodenständig. Keine Spur von Eitelkeit.

     

    Seit fünf Monaten versorgt eine kleine Fläche Solarmodule auf dem Dach der Emir-Sultan-Moschee das Gebäude mit Strom. Was nicht verbraucht wird, wird ins Netz eingespeist und bringt der Moschee einen kleinen Zuverdienst. Die Mitglieder der Moschee seien stolz auf ihr Photovoltaikdach, erzählt Projektleiter Tanju Doganay, und noch stolzer, dass sie es gemeinsam geschafft haben, das Vorhaben umzusetzen. Dies stärke die muslimische Gemeinschaft.

     

    Die Eltern von Tanju Doganay kommen aus der Türkei. „Ich bin aber ein Darmstädter Heiner“, sagt der Sohn – einer von hier. „Herrscher“ oder „Gottesherrscher“ ist die Bedeutung seines Vornamens. Doch dieser junge Mann will die Menschen nicht beherrschen, und auch Gott nicht. Eher ihm treu sein. Seit fünf Jahren arbeitet Tanju Doganay im Beruf des Wirtschafts- und Vertriebsingenieurs. Er berät große Unternehmen bei Fragen der energetischen Sanierung. Die beiden Moschee-Projekte hat er vergangenes Jahr ehrenamtlich ins Leben gerufen.

     

    Bei der Verwirklichung seiner Vision war er dann natürlich nicht allein. Er hat andere Fachleute und den Vorstandsvorsitzenden der Moschee von seiner Idee überzeugt: das Gotteshaus könnte sich selbst mit sauberer Energie versorgen. Daraufhin wurde das ehrenamtliche Team NOURenergie gegründet – Nour, das ist im Arabischen das Licht. Die Gruppe besteht aus sechs muslimischen Akademikern: vier Wirtschaftsingenieure, ein Anwalt und ein Informatiker. Sie haben ihren Sachverstand eingebracht, die Gemeinde hat für die Materialien der Photovoltaikanlage gespendet.

     

    Doch nicht nur die vorhandene Fachkompetenz und die Tatsache, dass Solarenergie subventioniert wird, haben den Vorstandsvorsitzenden der Moschee überzeugt, die muslimische Gemeinschaft zu diesen Spenden aufzurufen, glaubt Projektleiter Tanju Doganay. Wichtig sei, dass die jungen Männer der NOURenergie-Gruppe wegen eines viel höheren Anliegens ausgerechnet an Solarzellen gedacht hätten. Mit Stolz erzählt der Initiator, wie der Vorstandsvorsitzende der Moschee – „ein ehrenwerter Mann“ – recht froh war, seine Erklärung zu hören.

     

    „Der Islam hat das Team der NOURenergie motiviert, das Licht, was uns Allah gegeben hat, in elektrischen Strom zu verwandeln“, sagt Tanju Doganay. Denn im Koran stehe: „Man soll in der Natur das Gleichgewicht erhalten. Die Ressourcen sparen. Das Wasser auf Erden soll sauber bleiben, weil man sich vor dem Gebet mit sauberem Wasser wäscht. Und davon soll auch für die Nachfolgegenerationen genügend da sein.“

     

    Es war also nicht nur der Umweltschutz, der den jungen Männern die Kraft gab, abends nach einem langen Arbeitstag oder am Wochenende Konstruktions- und Montagepläne zu entwerfen und auf das Dach der Emir-Sultan-Moschee zu klettern, um zusammen mit anderen Muslimen Solarmodule anzubringen. Das gelungene Projekt beweise noch etwas anderes: „Wenn die Muslime in Deutschland bauen, fühlen sie sich längst ansässig.“ Und dass auch „Nicht-Muslime“ für die Solarpaneele gespendet haben, deute er ebenfalls als Zeichen gelungener Integration.

     

    Weitere Visionen spiegeln sich in seinen gläsernen Dachplatten. „Wir leben in einer Zeit, in der jeder versucht, sich abzugrenzen. Die Religionen betonen immer ihre Unterschiede. Dadurch werden die Menschen immer radikaler.“ Ziel von NOURenergie ist es auch, über den Naturschutz Gemeinsamkeiten zwischen allen Religionen und Kulturen zu suchen. Denn die Natur zu schützen, sei Aufgabe aller Religionen. Hier müsse man sich treffen und verständigen; nicht versuchen, sich abzugrenzen, sagt Tanju Doganay.

     

    Deshalb krabbeln er und seine Mitstreiter ehrenamtlich nicht nur auf Moscheedächer, sondern auch auf andere Gotteshäuser und gemeinschaftliche Einrichtungen, um die Sonnenenergie, ganz gleich von welchem Gott gegeben, in Strom zu verwandeln. Damit wollen sie den „interreligiösen und interkulturellen Dialog fördern“. Die nächste Annäherung wird bald auf einem evangelischen Dach in Hessen stattfinden. Denn dem Team geht es um  Nachhaltigkeit  in den Beziehungen zwischen den Menschen ebenso wie um die Nachhaltigkeit der Ressourcen. Auch dieser Gedanke sei im Koran wiederzufinden „Oh, ihr Menschen! Wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennen lernt.“ Neben der konkreten Unterstützung gemeinnütziger Einrichtungen bei der Planung von Solaranlagen hält die kleine Gruppe von NOURenergie immer wieder öffentliche Vorträge, so an der Technischen Universität Darmstadt oder der Evangelischen Akademie Loccum.

     

    „Das Wichtigste für mich ist Allah, dann kommen meine Eltern; ihnen bin ich sehr dankbar“, sagt Tanju Doganay ernst. Früher spielte er Fußball, jetzt trainiert er in einem Fitnessstudio. Er geht gern aus und lässt seine Verlobte morgens schlafen, wenn er selbst früh zur Arbeit geht. Er spricht gern vom Osmanischen Reich und vom Römischen, und er weiß auch von den alten Griechen zu erzählen. Im Sommer wird er in Spanien heiraten. Tanju Doganay träumt davon, eine Schule in einem Entwicklungsland zu bauen. Unfassbar: Sogar die Träume dieses Vorzeigesohnes handeln von Nachhaltigkeit.

    Borjana Zamani
    23. Mai 2013

    www.nour-energie.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

     
  • 445-baeume-fuer-berlin

    Straßengrün

    Der Bund für Umwelt und Naturschutz sammelte Spenden für Straßenbäume – bis ein Gartenamtsleiter die Aktivisten bremste. Die Umweltschützer reagierten mit einer Kampagne: Nun ist die Pflanzung von 10.000 Bäumen Senatspolitik.

    Berliner Baumwandel

    Der Bund für Umwelt und Naturschutz sammelte Spenden für Straßenbäume – bis ein Gartenamtsleiter die Aktivisten bremste. Die Umweltschützer reagierten mit einer Kampagne: Nun ist die Pflanzung von 10.000 Bäumen Senatspolitik.

    Wer einem anderen die Arbeit abnimmt, rechnet zumindest mit Wohlwollen. Der Naturschutzaktivist Christian Hönig und seine Mitstreiter vom Berliner Landesverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hingegen ernteten für ihren Einsatz nicht nur Unverständnis, sondern sogar Vorwürfe. Anstatt hinzuschmeißen, ersannen sie einen Trick, um die eigentlich Zuständigen in die Verantwortung zu zwingen. Dank ihrer Beharrlichkeit pflanzt die Berliner Stadtverwaltung nun jeden Herbst und jedes Frühjahr rund 800 Straßenbäume – und das in der Wirklichkeit, nicht wie früher nur auf dem Papier.

     

    Doch der Reihe nach: Schon seit geraumer Zeit hatten die diversen Berliner Umweltgruppen immer wieder bemerkt, dass Straßenbäume gefällt wurden, ohne dass Ersatz gepflanzt worden wäre. Die offiziellen Statistiken aber behaupteten das Gegenteil: Angeblich säumten rund 450.000 Bäume die Asphalt- und Kopfsteinpisten der Hauptstadt – mit jährlichem Zuwachs. Das schien sehr positiv, denn Grünpflanzen sind wichtig für Großstadtbewohner. Sie tun der Psyche gut, filtern Schadstoffe aus der Luft und stellen außerdem eine wirksame Anpassungsmaßnahme an den Klimawandel dar: Wenn bald auch hierzulande Tropennächte zum Sommer dazugehören, kann die Aufheizung der Fassaden und Straßenbeläge durch nichts so gut abgemildert werden wie durch Bäume.

     

    Die Aktiven beim BUND wollten der Sache auf den Grund gehen und studierten das Berliner Baumkataster genauer. Zu ihrer Überraschung stellten sie dabei fest, dass die Verwaltung am laufenden Meter alte Bäume neu „entdeckte“. Der Förster und Naturschutzaktivist Christian Hönig befasste sich eingehend mit den Zahlen und arbeitete heraus, dass die erstaunliche Baumvermehrung nicht nur auf die Verschiebung von Bezirksgrenzen zurückzuführen war, sondern auch mit unterschiedlichen Meldezeiträumen und einem verwirrenden Computersystem zu tun hatte. Außerdem gehört die Grünpflege zu den „freiwilligen Leistungen“ der Bezirke, deren Mittel kontinuierlich gekürzt werden – die zuständigen Staatsdiener sitzen zunehmend überlastet und frustriert vor permanent wachsenden Aktenbergen. „Die meisten Leute haben ja in ihrer eigenen Logik einen guten Grund, warum sie etwas tun – und das versuche ich immer erst einmal zu verstehen. Dann wird es einfacher, etwas dagegen zu unternehmen“, beschreibt der drahtige Christian Hönig seine praktische Philosophie.

     

    Der BUND entschloss sich, der Frage systematisch nachzugehen, und 2008 konnte der Verband eigene Zahlen vorlegen: Im Zeitraum 2005 bis 2007 waren in Berlin jährlich etwa 2.000 Straßenbäume verschwunden, die nicht durch Neupflanzungen kompensiert worden waren.

     

    Um den Baumbestand zu sichern, schlugen die Naturschutzaktivisten den Verwaltungen eine Arbeitsteilung vor: Sie würden intensiv um Baumspenden werben, die Bezirke im Gegenzug wie bisher deren Pflanzung und Pflege übernehmen. Das ging eine Weile lang gut: Zahlreiche Berliner waren bereit, 250 bis 300 Euro auszugeben, damit ein Baum in ihrer Straße ersetzt werden könnte. Auch als Präsente zu Hochzeiten oder Taufen waren Baumspenden jetzt sehr beliebt. Für Hönig und die Aktivisten beim BUND war das mit viel Arbeit verbunden – schließlich wollten die Schenkenden Baumart, Standort und Pflanzzeitpunkt mitbestimmen.

     

    Ende 2009 dann kam es zu dem denkwürdigen Treffen, das Hönig noch heute empört. Die Stimme des 34-Jährigen wird laut, wenn er daran zurückdenkt. Er und ein Kollege waren von der Verwaltung eingeladen worden; ein Routinegespräch, dachten die beiden. Doch gleich nach der Begrüßung fiel das entscheidende Wort: Die Bezirke könnten sich die „Zwangsbeglückung“ nicht länger leisten. Die fachkundige Pflanzung und Pflege koste pro Baum schließlich rund 700 Euro und verschaffe den völlig überlasteten Ämtern zusätzliche Arbeit. Den Part der Pflanzung und langfristigen Betreuung sollten die Freiwilligen künftig bitte ebenfalls übernehmen.

     

    Fassungslos traten Hönig und sein Begleiter den Rückweg an – und entwickelten die Idee einer politischen Kampagne. Fortan verwies der Naturschutzverband willige Spender direkt an die öffentliche Verwaltung. Zugleich sahen sich Politiker aller Couleur im Jahr 2011 mit einer konkreten Forderung der Naturschützer konfrontiert: „10.000 neue Bäume für Berlin“. Im Internet oder per Postkarte konnten Bürger melden, wo in den letzten Jahren Straßenbäume verschwunden und nicht ersetzt worden waren. Hönig trug alles in einen Stadtplan ein. Um das Projekt auch im Stadtraum sichtbar zu machen, bastelte er meterhohe Fragezeichen aus Pressspan, strich sie rot an und platzierte sie neben Baumstümpfen in ganz Berlin.

     

    Der Zeitpunkt der Aktionen war günstig: Schließlich standen Senatswahlen an. „Berlin ist die Metropole mit den meisten Straßenbäumen – und die sind den Berlinern unendlich wichtig“, glaubt Hönig. Außerdem lassen sich Politiker gerne dabei ablichten, wie sie einen Baum pflanzen. „Das kommt gleich nach Bildern mit Kindern und Tierbabys“, ist er überzeugt. Einiges spricht dafür, dass seine Einschätzungen zutreffen: Das Thema Stadtbäume tauchte in allen Wahlprogrammen auf; einzige Ausnahme war die Piratenpartei. Und so erstaunt auch nicht, dass im rot-schwarzen Koalitionsvertrag eine „Stadtbaumoffensive“ und die „Neupflanzung und nachhaltige Pflege“ von 10.000 Straßenbäumen vereinbart wurden. Im Herbst 2012 ist es dann tatsächlich losgegangen: 800 neue – diesmal echte – Bäume kamen in die Erde. Und so soll es nun in jedem Frühjahr und Herbst weiter gehen. Irgendwann wird man die Stadt vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

    Annette Jensen
    16. Mai 2013

    www.baeume-fuer-berlin.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 442-lebensgut-pommritz

    Erntegold

    Martin ist Biobauer, aber als Beschreibung reicht das nicht. Will man erfahren, was den Obstbauer ausmacht, muss man bleiben und genau hinschauen.

    Apfelmartins Quark

    Martin ist Biobauer, aber als Beschreibung reicht das nicht. Will man erfahren, was den Obstbauer ausmacht, muss man bleiben und genau hinschauen.

    „Du bist Robert? Hallo, ich bin Martin.“ Martins Gesicht ist hager, fast knöchern, die Haut ist braungebrannt, nur ein einfacher Lendenschurz schützt vor der prallen Juli-Sonne. Wir haben einen Termin, darum bin ich pünktlich. Das ist ungewöhnlich für einen Besucher des Lebensgutes, wo Zeit keine große Rolle spielt. Das Lebensgut ist eine Kommune. Einige Besucher sind Erntehelfer, die Martin für die Obsternte engagiert, für Kost und Logis oder auch für Lohn. In den nächsten Tagen werden Martin und wir Erntehelfer auf Bäume klettern, Frucht um Frucht pflücken und wie rohe Eier vorsichtig in Körbe legen. Dabei erfahre ich einiges über Martin, über nachhaltige Landwirtschaft und darüber, was es heißt, Selbstversorger zu sein.

     

    Martin ist zertifizierter Bio-Obstbauer. Mit der Ernte beliefert er Abo-Kisten und stellt Obstsaft her. Insgesamt werden jährlich zwischen zehn und 15 Tonnen Obst verarbeitet. Zu drei Vierteln kann Martin von dieser Ernte seinen eigenen Lebensmittelbedarf decken. „Auf einem Bauernhof leben und sich von der Arbeit der eigenen Hände ernähren“, formuliert er sein großes Ziel. Bis zu diesen 75 Prozent war es ein weiter Weg, der vor 18 Jahren begann. Am Anfang standen vor allem gesundheitliche Probleme mit der herkömmlichen Ernährung, die Martin zunächst zur Rohkost führten. Zum hiesig bekannten „Apfelmartin“ wurde er durch das bloße Essen von Obst und Gemüse noch nicht; dafür brauchte es das Pflücken. Die Entscheidung, sich ausschließlich von Rohkost zu ernähren, traf sich nämlich mit einer anderen biographischen Linie: dem Beginn des Kommune-Lebens, mit Martins Realisierung seines Wunsches, anders zu leben. Noch ohne Martin war dieses Andersleben vor circa 20 Jahren als Verein Neue Lebensformen in Pommritz bei Bautzen institutionalisiert worden. Das Land Sachsen förderte die Kommune, die einige Ländereien und ein altes Rittergut umschloss, als „sozio-ökonomischen Feldversuch“. Heute leben in der Kommune Pommritz circa 25 Menschen, die sich ganz unterschiedlich einbringen: im Ökolandbau, im hofeigenen Bioladen oder der Bäckerei, in der Lernwerkstadt Sophia, der Bibliothek, in Tanzkursen oder auch auf Martins Apfelplantagen.

     

    Es sind dieselben Apfelplantagen, die Martin damals, als er 1995 dazustoß, verlassen und verwahrlost vorfand: „Niemand wollte sich drum kümmern.“ 150 Obstbäume standen dort, alle rund 60 Jahre alt, auf zugewachsenen und von Wühlmäusen durchkämmten Wiesen. Auch das Obst war von Maden ausgehöhlt. Martin wollte anfangs nur die Früchte retten, also möglichst wenig verfaulen lassen. Zunächst wurde das Fallobst zu Saft verarbeitet und die geringe Pflückobst-Ernte selbst verwertet. Durch die von Martin angestoßene regelmäßige Pflege der Wiesen verbesserte sich die Qualität des Obstes an den Bäumen; Wühlmäuse und Maden wichen. Für die dauerhafte Pflege der Wiesen hat Martin Schafe angeschafft, die unablässig den Rasen mähen. Inzwischen sind es zwölf Tiere. Das Rasenmähen sichert den Obstwiesen eine Vielfalt verschiedener Pflanzenarten.

     

    Martin hat sein Wissen über die ökologische Landwirtschaft so beharrlich aufgelesen wie das Obst. Er beschreibt es anders: „Das Wissen kam zu mir.“ Darunter sind einfache Regeln, die aus seiner Kindheit hängengeblieben sind: „Durch einen frisch geschnittenen Apfelbaum muss man einen Hut durchwerfen können.“ Der andere Teil des Wissens ist gewachsenes Erfahrungswissen. Die Rezeptur des jährlichen Baumanstrichs zählt hierzu: Bestehend aus Kalk, Lehm und Kuhmist zu gleichen Teilen schützt dieser vor Ungeziefer in den Früchten und Verbiss durch die Schafe. Die eigene Mischung macht den Anstrich haltbarer, wobei der Kalk die Krankheitserreger und Baumpilze im Kuhmist reguliert. In guten Fällen verharrt Erfahrungswissen wie dieses nicht an einem Ort, sondern es wandert, gar über Ländergrenzen hinweg. Von einem spanischen Orangenbauern lernte Martin die Technik kennen, Kuhmist im Boden zu vergraben. Der hält den Boden auf natürliche Weise fruchtbar, ernährt gleichsam die Wühlmäuse, die aus Dankbarkeit das Wurzelwerk des Baumes verschonen und den Kuhmist gleichmäßig in ihren Gängen und damit im Boden verteilen.

     

    Um seinem Ideal vollständiger Selbstversorgung näher zu kommen, hat Martin einen eigenen Blick entwickelt, der die Natur als endlos fruchtbar und wertvoll wahrnimmt. So viel wie möglich von dem zu verwerten, was die Natur bietet, ist zu seiner Lebenseinstellung geworden. Ein strikter Jahresplan gibt Martin vor, wann welche Tätigkeiten anliegen und damit auch, wann ruhige Zeiten aufhören und stressige beginnen.

     

    Die klassische Obsternte umfasst den Zeitraum von Juli bis Anfang November. Hier gilt es für Martin, Pflück-, Sortier- und Zubereitungsarbeiten zu organisieren. Ein jeder Baum hat dabei seine individuelle Erntezeit. Martin kennt sie alle. Jede Sorte Obst wird dabei grundsätzlich sortiert in Pflückobst, das die Abo-Kisten füllt, und Fallobst, daraus wird Obstsaft gepresst. Bis zu vier Erntehelfer engagiert Martin pro Saison. Für die Lagerung hat er einen eigenen Apfelkeller mit einer speziellen Kühlanlage gebaut. Das Lager ist Martins zeitlicher Puffer: „Klar, nicht jeder reife Apfel hat bei seiner Ernte schon seinen Abnehmer“.

     

    Neben der Obsternte ist es die Pflege der Obstwiesen, die im Jahresablauf den Takt vorgibt. Im Frühjahr geht es los mit dem Baumschnitt, den die Schafe abnagen. Die übriggebliebenen Äste werden zur Erneuerung des Flechtzaunes eingesetzt, der die Obstwiesen umzäunt. Dann kommt irgendwann die regelmäßige Heuernte. Das hochgewachsene Gras wird mit einer Sense geschnitten und auf Heuschober gestapelt. Im Winter dient dieses Heu der Ernährung der Schafe. Die geben ihrerseits Wolle und Milch. Dass man auch mit der Milch etwas anfangen kann, ist Martin erst jüngst aufgefallen. Daraufhin hat er sich mehr Milchschafe zugelegt: „Das ist ein ganz anderes Arbeiten mit denen. Sie sind zutraulich und lassen sich durchaus willig melken“, erklärt er ihr Arbeitsverhältnis.

     

    In ruhigeren Zwischenzeiten stellt Martin seine eigene Nahrung her: getrockneten Quark. Der sieht aus wie aufgebrochene Wüstenerde in weiß, ist hart, platt und unförmig, aber offenbar sehr bekömmlich. Die Trocknung  geschieht über mehrere Tage in eigens dafür angefertigten Trockenschränken, in denen sich ein kleiner Ventilator dreht. Danach ist der Quark mehrere Monate haltbar. Das Quarksortiment in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen ist an weitere saisonale Zutaten gebunden. In den Frühjahrsmonaten wird die weiße Masse zusammen mit Spinat, Rapunzel und Löwenzahn zu sechs bis acht Eimern Kräuterquark verarbeitet. Im Spätsommer kommen Erdbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren in den Quark. Nach der Erntesaison, von November bis Februar, nimmt sich Martin mehr Zeit, für Urlaub, Yoga und Seminare.

     

    Am Ende des Tages wage ich es tatsächlich, eine echte Warum-Frage an den „Apfelmartin“ zu richten: Warum eigentlich Bäume? „Nun ja, ich mag Bäume, ich habe ein inniges Verhältnis zu Bäumen und manchmal umarme ich auch einen.“ Jetzt lächelt er. Für denjenigen, der sich angesteckt hat und wissen will „Was muss ich tun?“, hat Martin einen einfachen Tipp: Anfangen und Erfahrungen sammeln. 

    Robert Jung
    08. Mai 2013

    www.lebensgut.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 440-artefact

    Powerballade

    Der artefact Powerpark in Glücksburg macht alternative Energiegewinnung begreifbar und löst spielerisch unsere energetische Zukunft.

    Hans im Glück

    Der artefact Powerpark in Glücksburg macht alternative Energiegewinnung begreifbar und löst spielerisch unsere energetische Zukunft.
    Dunkle, von Regen überschwemmte Straßen. Stille. Kein Mensch in Sicht. Die Ostsee wirkt wie ein Ungetüm; es lässt den Wind ohne Hindernisse auf das Festland stürmen und die tiefschwarzen Wolken bis zum Horizont sichtbar werden. Dann ein gelbes Ortsschild. Die Buchstaben sind wegen des Regens kaum zu erkennen. Je weiter sich Hans dem Schild mit seinem Fahrrad nähert, desto deutlicher wird der Ortsname: Glücksburg. Doch an Glück ist gerade nicht zu denken. Die Abgeschiedenheit wird durch Kälte, Wind und Regen noch potenziert. Einer der nördlichsten Punkte des deutschen Festlandes wirkt wie das Ende der Welt. Verlassen, trist und den Wetterextremen ausgeliefert.

    Kurze Zeit später entdeckt Hans ein weiteres Schild: „artefact Powerpark bitte rechts“. Er tritt in die Pedale, bis am Ende der Straße ein riesiges Gelände auftaucht. Seine Füße sind nass, nein: klitschnass. Aber er hält durch, denn dieser verlassene Ort soll unsere energetische Zukunft demonstrieren – so absurd das klingen mag. Ausgerechnet hier testen circa 10.000 Besucher jährlich ihre Muskelkraft für den Antrieb von Modelleisenbahnen und Windrädern. Hier, an diesem dunklen Fleck, werden Menschen zu Solarfachberatern ausgebildet. Hans hat die Stimme von Werner Kiwitt noch im Ohr, der ihm vom Powerpark und den Aktionen des Zentrums für nachhaltige Entwicklung berichtete – deshalb hat er sich ja überhaupt auf den Weg gemacht. Kiwitt ist Geschäftsführer von artefact Glücksburg. Er wacht über den Powerpark, der als Beitrag zur Weltausstellung EXPO im Jahr 2000 eröffnet wurde.

    Zuerst erkennt Hans nur komische Installationen, seltsam konstruierte Gebäude und verschiedene Pfade über das Gelände. „Ist das Kunst oder kann das weg?“, der Lieblingsspruch seiner Mutter rast ihm durch den Kopf, und er zieht seine Kapuze fester, damit die Hoffnung auf trockene Haare bestehen bleiben kann. Hans entdeckt Steine auf dem Boden, in die Informationen über die Geschichte der Energiegewinnung eingemeißelt sind: „1609 Nutzung der Gezeiten an der Ostküste Kanadas, um Mühlen anzutreiben“ oder „1913 Entstehung des ersten Erdwärmekraftwerks in Italien“.

    Langsam schreitet Hans weiter und sieht ein umgestürztes Windrad. „Kein Wunder, bei dem Sturm“, denkt er, geht näher heran und berührt das Rotorblatt vorsichtig. Zu Hause schimpft sein Vater immerzu über die Windräder, die doch angeblich die schöne Landschaft versauen und den Vögeln ihren freien Flug nehmen. Hans spürt den Wind in seinem Gesicht und versteht, dass das Rotorblatt gezielt auf dem Boden liegt, damit die Dimension und die technologische Meisterleistung erkennbar werden. Er erfährt, dass es theoretisch möglich wäre, in Deutschland allein mit Offshore-Windanlagen 237 Terrawatt Strom zu produzieren. Das wäre die Hälfte der Elektrizität, die derzeit in Deutschland verbraucht wird. „Ist halt Einstellungssache“, antwortet er leise seinem Vater und geht weiter.

    Er stoppt an der nächsten Installation und liest, dass es sich dabei um einen Savoniusrotor handelt. „Was es nicht alles gibt“, murmelt er vor sich hin und erfährt, dass der Savoniusrotor ein Windkraftrad mit vertikaler Achse ist. Fabrikhallen oder Krankenwagen setzen solche Rotoren gern zur Lüftung ein, weil sie bereits bei geringen Windgeschwindigkeiten funktionieren. In Hans kommt geradezu Freude auf, weil eine Böe die Windräder auf dem Gelände des Powerparks gerade so richtig in Schwung bringt.

    Seine Schritte werden größer, denn es hat ihn gepackt. Der Powerpark hat ihn in seinen Bann gezogen. Hans stellt sich allen Herausforderungen: Er hebt einen 20 Kilogramm schweren Stein und weiß im gleichen Moment, dass gerade eine Energieform in eine andere übertragen wird. Er verschlingt die Informationen über die solarthermischen Anlagen, und dabei dringt die Sonne in sein Bewusstsein. Der langersehnte Sommer liegt nicht mehr fern. Aber anstatt sich nur an den Strand zu wünschen, denkt Hans fasziniert an das ungeheure Potential der Sonne für die Energiegewinnung. „Solaranlagen zur Erwärmung von Brauchwasser werden so ausgelegt, dass sie den Warmwasserbedarf während der Sommermonate vollständig solar decken können“, heißt es bei artefact, und Hans wundert sich, dass nicht viel mehr Haushalte auf Solaranlagen umsteigen. Die nassen Füße sind in Vergessenheit geraten. Hans betritt eine Lehmhütte und entzündet die Kochstelle. Im Handumdrehen bekommt der Raum eine angenehme Temperatur, und Hans fragt sich, ob das wohl an der natürlichen Dämmung liegt.

    Da betritt Werner Kiwitt die Hütte. Hans ist wissbegierig, er möchte mehr über artefact erfahren. Der Geschäftsführer beginnt zu erzählen. Seine Beschreibungen klingen berauschend: „Wir möchten nicht an wohliger Ohnmacht festhalten, sondern neue Wege aufzeigen. Wir wollen zeigen, dass Deutschland es schaffen kann, und wenn Deutschland es schafft, dann schaffen es alle.“ Kiwitt war früher Entwicklungshelfer und bildete Lehrer in Afrika aus. Er ist überzeugt, dass wir die Möglichkeiten neuer Energie- und Nutzungsformen immer entlang unserer jeweiligen Gegebenheiten ausschöpfen sollten. Deshalb errichtete er artefact als Zentrum für nachhaltige Entwicklung mit den Technologien, die unserer Klimazone am besten entsprechen. „Projekttage wie ‚Kinder der Welt’ oder der ‚Solarcup’ sollen verschiedenen Altersgruppen dabei helfen, den großen Chancen einer Transformation entgegenzutreten.“ Gerade ist der Demeter-Geflügelzuchtverband vor Ort, und in der nächsten Woche wird es ein Migrantinnen-Existenzgründungsseminar geben.

    „Ist doch alles Einstellungssache“, überkommt es Werner Kiwitt, und er berichtet über den holprigen Weg von artefact seit der Gründung als Verein im Jahr 1986. Auf diesem Weg lagen auch eine Insolvenz und die Drohung einer Zwangsversteigerung. Aber diese Phase ist vorbei, der Verein ist mittlerweile eine gemeinnützige GmbH, und der ehemalige Abenteuerspielplatz für erwachsene Ökos zieht ein breites Publikum an. artefact sei sogar dreimal zum „Ort der Ideen“ ausgezeichnet worden, trägt der Chef stolz vor. Dass die Besuche zum Nach- und Umdenken anregen, zeigen am eindrücklichsten die Beispiele von Menschen, die nach Besuchen bei artefact eigene Unternehmen gründeten. Eine aus einem artefact-Besuch hervorgegangene Solarfirma hat mittlerweile 20 Angestellte.

    Zum Abschied erscheint Helena. Sie absolviert ihren Bundesfreiwilligendienst bei artefact. „Es kann doch so alles nicht weitergehen. Wir verbrauchen doch viel zu viel und können uns das eigentlich alles gar nicht leisten“, sprudelt es aus ihr heraus. Besucher Hans und Geschäftsführer Kiwitt nicken einvernehmlich.

    Hans verlässt die Lehmhütte und blickt auf das Areal. Er stellt sich vor, wie es hier im Sommer aussehen könnte: zahlreiche Kinder-, Jugendlichen- und Erwachsenengruppen kommen zu Besuch. Die Menschen machen hier Urlaub und übernachten im Gästehaus aus Lehm. Alle Sinne werden im Powerpark gefordert, Einstellungen werden infrage gestellt und – verändert. In seinen Gedanken entkommt Hans den apokalyptisch wirkenden Winden und genießt stattdessen die Power der rotierenden Windräder. Dann schwingt er sich auf sein Fahrrad und fährt davon.
    Gitte Cullmann
    02. Mai 2013
    www.artefact.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 439-slow-food-youth

    Schnippel-Philipp

    Für junges Gemüse aus aller Welt ist die Liebe zum Essen in der Slow-Food-Bewegung seit einigen Jahren institutionalisiert. Die Berliner Gruppe des Slow Food Youth Network knabbert sich erst seit wenigen Monaten durch die Stadt – und irritiert den urbanen Alltag.

    Mit der Faust ins gute Essen

    Für junges Gemüse aus aller Welt ist die Liebe zum Essen in der Slow-Food-Bewegung seit einigen Jahren institutionalisiert. Die Berliner Gruppe des Slow Food Youth Network knabbert sich erst seit wenigen Monaten durch die Stadt – und irritiert den urbanen Alltag.

    Möhrengetänzel, Kohlrabikullern und Kartoffelrestearchitektur. Hackhack, zackzack, fette Beats. In der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg ist Schnippeldisko. 750 Kilogramm aussortiertes Gemüse sollen sich in Suppe für die Anti-Agrarindustrie-Demo Wir haben es satt am folgenden Tag verwandeln. Endlose Tafeln, daran unzählige Hände mit Messern. Jeder greift ein Stück Gemüse, schält, schneidet klein. Irgendwer trägt gewaschene Rote Bete an Tische, und irgendwer holt geschnippelte ab. Jung und alt, Familien, Tiermützen und etwas Hipster-Chic. Hier und da schimmert auf Bannern und T-Shirts eine grüne Faust hervor, eine Gabel fest umfassend. Die Faust ist das inoffizielle Markenzeichen des Slow Food Youth Network, das sich für gute, saubere und faire Lebensmittel einsetzt. Die aktuelle Interpretation der Berliner Gruppe: Disko.

    Ein DJ legt auf hoher Tribüne Weltmusik auf. Doch die meisten Tanzbeine stecken unter den Tischen; die Arbeit am Gemüse geht vor. Wer im Stehen schnippelt, wackelt sanft mit den Hüften. Nur Hendrik Haase, Mitorganisator des Abends und Slow-Food-Youth-Aktivist der ersten Stunde, tänzelt quer durch die Markthalle: „Das ist alles total geil! Übrigens, dahinten gibt es tolles Bier von einer kleinen Berliner Bio-Brauerei.“ Der Genuss darf nicht zu kurz kommen, das kennt man schon von den älteren Slow-Food-Aktivisten.

    Irgendwann schallt der entscheidende Satz von der Tribüne: „Das Gemüse ist geschnippelt!“ Ein Sektkorken knallt, Applaus flammt auf, und die Musik wird aufgedreht. Drei Stunden hat es gedauert, eine Dreivierteltonne Gemüse von Bauern aus der Region zu zerkleinern. Ein erster Topf Probesuppe rollt herbei. Wer geschnippelt hat, darf verköstigen. Die vielen anderen Kisten voller Gemüsestückchen fahren unterdies hygienisch einwandfrei zur Heinrich-Böll-Stiftung. Dort werden der Kochaktivist Wam Kat und sein Fläming Kitchen-Team die ganz große Suppe für die hungrigen Demonstrantenschlünde brauen. In der Markthalle verstummt spät am Abend die Musik, und die Messer werden heim getragen. Alles gut gegangen; die jungen Slow-Food-Aktivisten atmen auf.

    Zwei Wochen später: Die Berliner Slow Food Youth trifft sich in einem Co-Working Space in einem Weddinger Hinterhaus, eingeklemmt zwischen Lidl-Filiale, Dönerladen und Tankstelle. Das monatliche Treffen für alte und neue Slow-Food-Jünger beginnt. Der Herd glüht; alles Mitgebrachte landet in Töpfen, auf Ofenblechen oder in Salaten. Eigentlich sollte heute auf den Schnippeldisko-Erfolg angestoßen werden. Immerhin wurden alle Erwartungen übertroffen, rund 600 Schneidehelfer waren da. Aber niemand hat an den Sekt gedacht. Also gibt es Wasser und Saft. Was gerade da ist.

    „Bei Slow Food gibt es kein richtig und falsch. Es muss nicht unbedingt bio sein, eher gutes, faires und sauberes Essen, traditionell und mit Herzblut hergestellt“, erklärt Keighley McFarland, die vor zwei Jahren aus den USA nach Berlin kam und der jungen Interpretation von Slow Food sofort verfiel. Bewertet werden die kulinarischen Mitbringsel nicht, denn wer studiert, kann sich eben keinen 30-Euro-Wein leisten. Viel mehr gehe es darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was auf den Tisch komme. „Essen bildet eine Schnittstelle zu Umwelt, Menschenrechten, Handel, Kultur, Kunst, Arbeit und vielem mehr“, findet Keighley.

    Bei Slow Food geht es aber auch um Teilen, um Gemeinschaft und Spaß. Das Jugendnetzwerk ist offen für alles und für alle, von der Veganerin bis zum Metzgerssohn: „Klar würden wir uns auch eine Hausschlachtung angucken gehen“, sagt Hendrik Haase, der bei der letzten Begegnung so beglückt durch die Markthalle hüpfte. Hauptsache, die Grundsätze stimmen: gute, saubere und faire Bedingungen in Anbau, Verarbeitung, Konsum – und Genuss.

    Schließlich kuscheln sich 20 junge Menschen um ein ovales Tischgebilde, darauf ein Potpourri aus dampfendem Wintergemüse, Humus und Kürbistarte. Neben Keighley kaut Jonas, der gerade in der Uni einen Aufstrich-Kreisel initiiert, bei dem jede Woche jemand anderes Pasten einrührt und verteilt. Ihm gegenüber sitzt Peggy, die sich bei den Treffen der älteren Slow-Food-Gruppe, zu denen sie früher ging, eher wie beim „Genießerstammtisch“ vorkam. Der Altersdurchschnitt lag dort bei 50 Jahren, um neue Ideen ging es da kaum. Hier ist das anders. Man spricht über Aktuelles aus dem Slow-Food-Universum und jüngste Lebensmittel-Aktionsideen. Wer sich für ein Projekt interessiert, meldet sich direkt bei denen, die es organisieren. Was etwas durcheinander klingt, scheint einwandfrei zu funktionieren.

    In Deutschland treiben derzeit ungefähr zwölf Slow-Food-Youth-Gruppen ihr Aktionswesen, der Großteil in traditionellen Unistädten. Die Berliner haben sich im Sommer 2012 zusammengefunden. Hendrik löst auf, wie es 2008 zur Gründung der internationalen Slow-Food-Jugend kam. Sein Problem war dabei symptomatisch: Er studierte in Halle, doch das Weingut, wo sich die Hallenser Slow-Food-Gruppe traf, war fernab der Stadt und ohne Auto nicht zu erreichen. Für junge Menschen mit wenig Geld schien Slow Food nicht wirklich Platz zu haben. Weil das in den internationalen Weiten der Slow-Food-Bewegung genügend andere auch fanden, tat sich das junge Gemüse schließlich zusammen und gründete das internationale Youth Food Movement. Seitdem hat die Jugend sehr wohl eine Stimme bei Slow Food, und zwar eine recht rebellische. Um trotzdem die Nähe zum Mutterverband zu beweisen, heißt das Jugendsegment der weltweiten Vereinigung seit Anfang 2013 Slow Food Youth Network. Man hat sich ja lieb und teilt sich die Vereinsstruktur, wobei die immer noch jugendfreundlicher werden könnte, findet Hendrik.

    Die Berliner Gruppe hat schon einige Aktionen gestemmt. Einmal veranstaltete sie ein sogenanntes Eat-in in der S-Bahn, ein spontanes Picknick mit Fahrgästen, die plötzlich aus der alltäglichen Bahnfahrlethargie ausbrechen und unbekannte Leckereien probieren sollten. Das Gesprächsthema Nahrungsmittel erfüllte schließlich den gesamten Zug. Ein anderes Mal baute die Gruppe zusammen mit anderen Aktivisten eine lange Tafel mitten in der Stadt auf und lud Passanten zum Dinner ein. Der Überraschungseffekt zieht. Inzwischen hat sogar die Grüne Woche zum Schaukochen eingeladen. Auch zum monatlichen Treffen in der kleinen Agentur kommen mittlerweile bis zu 50 Leute. Da ist Improvisation alles.

    Das Monatstreffen endet diesmal mit der Idee, nicht verkauftes Brot von Berliner Bio-Bäckern einzusammeln, damit in der Markthalle Neun neue Rezepte auszuprobieren und die Kreationen zu verteilen. Die nächste Schnippeldisko steht auch schon an. Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass das Projekt sogar verliehen wird. So lange nach ihren Regeln – gut, sauber, fair – gehäckselt wird, sind die jungen Slow-Food-Freunde einverstanden. Gegen alles andere bleibt die grüne Faust mit der Gabel geballt. Und man weiß nie, wo man ihr als nächstes begegnet.

    Josefa Kny
    25. April 2013

    www.slowfood.de/slow_food_youth_deutschland/

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 438-kartoffelkombinat

    Fortpflanzung

    Produzent und Konsument: 250 Münchner Haushalte haben sich im Kartoffelkombinat zusammengeschlossen, um ihr eigenes Gemüse zu produzieren. Über den Anbau entscheiden sie gemeinsam, die Ernte wird wöchentlich geteilt.

    Eine Kiste für alle

    Produzent und Konsument: 250 Münchner Haushalte haben sich im Kartoffelkombinat zusammengeschlossen, um ihr eigenes Gemüse zu produzieren. Über den Anbau entscheiden sie gemeinsam, die Ernte wird wöchentlich geteilt.
    Jedem die gleiche Kiste? Dem Münchner Willi Petz war nicht nur der Name Kartoffelkombinat anfangs suspekt. „Muss ich jetzt etwa jede Woche das essen, was die mir bringen?“, fragte der pensionierte Bauunternehmer seine Frau, als er von den Spielregeln der Erntegemeinschaft erfuhr. „Und da sind wir freiwillig eingetreten?“ Im Gegensatz zu anderen Ökokisten-Abos lässt sich beim Kartoffelkombinat nämlich weder eine ungeliebte Gemüsesorte abwählen noch etwas hinzubestellen.

    Eine Kiste für alle: Ein durchaus gewagtes Alleinstellungsmerkmal in Zeiten, in denen ein unbegrenztes, immer verfügbares Warenangebot zum ersten Grundrecht des Verbrauchers zählt – unabhängig davon, ob er beim Discounter, im Bioladen oder im Internet einkauft. Dass es nicht einfach werden würde, das war auch Daniel Überall klar, als er im Frühjahr 2012 zusammen mit seinem Mitstreiter Simon Scholl das Kartoffelkombinat ins Leben rief – eine Erntegemeinschaft und Genossenschaft, deren langfristiges Ziel es ist, eine Gärtnerei in Eschenried bei München zu übernehmen, sie in Eigenregie zu verwalten und sich mit den dort angebauten Lebensmitteln zu versorgen.  

    Bio, regional und saisonal – das galt bislang als Königsweg für den ökologisch korrekten Gemüseeinkauf. Daniel Überall und Simon Scholl, diesen Standards privat längst verpflichtet, hätten sich also keinen Kopf machen müssen über ihr Konsumverhalten. Nicht über vermeidbare Transportwege, auch nicht über beheizte Gewächshäuser und aussortiertes Gemüse, das auf dem Acker vergammelt oder auf dem Müll landet, weil es nicht den Handelsnormen entspricht. Als Verbraucher stimmten sie an der Kasse ja automatisch über nachhaltige Versorgungsstrukturen und Produktionsbedingungen ab. So die Theorie. Aber Daniel Überall kamen da mehr und mehr die Zweifel. Der 35-Jährige ist gelernter Kommunikationswirt und Mitbegründer von utopia.de, der Internetplattform für nachhaltigen Konsum schlechthin. „Ich wollte nicht mehr nur immer besser konsumieren“, sagt er, „sondern die Strukturen verändern, wie produziert wird.“

    Was in der Konsequenz hieß: Der Kommunikationswirt und sein Kompagnon mussten zu Gemüsegärtnern werden. Oder zumindest zu Mitbetreibern einer Gärtnerei. „Nur wer das Gemüse selbst anbaut, kann schließlich darüber bestimmen, welche Sorten er anpflanzt, ob er samenfestes Saatgut verwendet, auf Dünger verzichtet oder darauf, das Gewächshaus zu heizen“, erklärt Daniel Überall. Also standen er und Simon Scholl anfangs jeweils zweimal die Woche um fünf auf, wogen Salat ab, tüteten Möhren ein und sortierten Kohl in Kisten. Mittlerweile übernehmen das studentische Hilfskräfte. Sich selbst zahlen die beiden Kombinatsgründer noch kein Gehalt aus. Sein Geld verdient Daniel Überall mit einem Teilzeitjob als Presse- und Öffentlichkeitsreferent bei der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis, der Betriebswirt Simon Scholl berät als interkultureller Trainer Unternehmen auf dem indischen Markt. In Zukunft aber soll sich das Kartoffelkombinat so weit wirtschaftlich tragen, dass sechs Stellen finanziert werden können – und auch der Vorstandsjob zumindest als Nebenerwerb reicht.

    500 Mitglieder braucht die Genossenschaft, damit die Gärtnerei komplett in Eigenregie betrieben werden kann. 250 Haushalte sind seit Sommer 2012 schon eingestiegen. Ein Genossenschaftsanteil kostet 150 Euro, dazu kommen noch 62 Euro Ernteanteil im Monat. Wer dem Kartoffelkombinat beitritt, wird also zugleich zum Miteigentümer und zum Kunden der Genossenschaft. Nur Kunde sein geht nicht. Dafür bekommen die Mitglieder jede Woche eine Gemüsekiste nach Hause gebracht – samt Zubereitungshinweisen und Rezeptideen. Im Gegensatz zu den klassischen Ökokisten-Abos lässt sich beim Kartoffelkombinat eine Lieferung auch nicht einfach mal abbestellen. Mehr noch: Die Mitglieder müssen sich für eine komplette Saison verpflichten, die Ernte abzunehmen. Selbst in den Ferien. Das hat keine ideologischen Gründe, sondern ergibt sich aus dem Anbauzyklus. „Im eigenen Garten muss man ja auch ernten und verarbeiten, was reif ist“, erklärt Daniel Überall. Eigentlich logisch, nur dass kein Konsument mehr darüber nachdenkt. Im Supermarkt sind die Regale ja das ganze Jahr über voll – egal, ob die Waren nun Abnehmer finden oder nicht. Sprich: Auf dem Müll landen.  

    „Seit wir das Kartoffelkombinat gegründet haben, lerne ich, was es heißt, sich tatsächlich saisonal zu ernähren“, erzählt Daniel Überall. Er wusste vorher auch nicht, wann genau Gurken reif sind oder welche Kürbissorten es gibt. „Rondini zum Beispiel hätte ich eher für einen fahrenden Zauberer gehalten.“ Geschweige denn, dass man diese Kürbissorte vorm Kochen anschneiden sollte, damit sie nicht platzen. „Ein wichtiger Hinweis von unserem Gärtner, so was nehme ich gleich in unseren Rundbrief und in den Internetblog mit auf.“  Auf diese Weise bekommen die Genossen jede Woche direkt mit, was es heißt, eigenes Gemüse zu haben – oder auch nicht. Denn während im Supermarkt schon längst die Gurken auslagen, mussten die Mitglieder des Kartoffelkombinats vergangenen Sommer noch vier Wochen warten. Zu Beginn der Saison hatten sie sich mit Blick auf die Klimabilanz gemeinsam dagegen entschieden, das Gewächshaus zu heizen.  

    Zweimal im Jahr treffen sich die Genossen, um gemeinsam mit den Gemüsegärtnern die Anbauplanung zu machen. „Natürlich ist das mehr Aufwand“, gibt Daniel Überall zu. „Aber es lohnt sich, weil die Entscheidung dann auch von allen getragen wird.“ Solidarische Landwirtschaft nennt sich dieses Modell, bei dem sich Verbraucher und Bauern kennen – oder zumindest gegenseitig verpflichtet fühlen: Der eine zur garantierten Abnahme der Ernte, der andere zur vereinbarten Anbauqualität.

    Die direkte Beziehung zwischen Produzent und Konsument macht auch Großhandelsstrukturen, Handelsnormen, lange Transportwege und letztlich sogar eine Bio-Zertifizierung überflüssig. Dennoch ist das Gemüse aus solidarischer Landwirtschaft nicht unbedingt preiswerter als im Supermarkt. Was daran liegt, dass hier keine Kosten externalisiert – also auf die Umwelt oder günstige Arbeitskräfte abgeschoben – werden. „Wir zahlen ja sonst fast nie den ehrlichen Preis für Lebensmittel“, sagt Daniel Überall. „Bei uns dagegen wird der Gärtner fair bezahlt und nicht mit Subventionen gearbeitet.“

    All das erklären Daniel Überall und Simon Scholl den Mitgliedern im Internetblog. Oder direkt an der Haustür, wenn sie die Gemüsekiste selbst ausfahren. Genossin Viola Petz, die Ehefrau des pensionierten Bauunternehmers, freut sich jedes Mal auf die Lieferung vom Kartoffelkombinat, längst plant sie ihren Speisezettel nach dem Saisonkalender. Die Gemüsekiste auszupacken, das überlässt sie aber mittlerweile ihrem Mann. „Das Erste, was der macht, wenn er donnerstagabends nach Hause kommt – ist,  zu schauen, was diese Woche wohl in der Kiste drin ist.“
    Stefanie Müller-Frank
    18. April 2013
    www.kartoffelkombinat.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 433-moritz-grund

    Einhundert

    Zehn mal zehn, das ist eine überschaubare Menge. Beängstigend klein ist sie, wenn es um den eigenen Besitz geht. Der Designer Moritz Grund lebte eine Weile mit nur 100 Dingen.

    Meister der Dinge

    Zehn mal zehn, das ist eine überschaubare Menge. Beängstigend klein ist sie, wenn es um den eigenen Besitz geht. Der Designer Moritz Grund lebte eine Weile mit nur 100 Dingen.
    Ein Durchschnittseuropäer nennt etwa 10.000 Gegenstände sein Eigen. Der Produktdesigner Moritz Grund dagegen besaß weitaus weniger Dinge, als er im Herbst 2003 nach Berlin zog: „Als ich da so in diesem Zimmer saß, meinen gesamten Besitz vor mir liegend, verspürte ich den unerklärlichen Drang, die Dinge zu zählen.“ Es waren 100. Auch nach dem zweiten Zählen. Und diese Zahl sollte in den folgenden Jahren eine magische Anziehungskraft auf ihn ausüben. Denn was in diesem Moment schlicht als Tick begonnen hatte, das überschaubare Eigentum zu inventarisieren, wurde zu einem mehrjährigen, ernsthaften Selbstversuch einer ressourcenleichten Lebensführung. Aus der Physik leitete er damals seine persönliche Verantwortung ab: Materie ist endlich, und alles Leben hängt von der Sonne ab. „Das ist unverhandelbar“, sagte er sich. Ressourcenverschwendung läuft diesem Prinzip zuwider. Das Experiment war seine Suche nach einem Ausweg.

    Der Mann, dessen Beruf es ist, Alltagsgegenstände wie Lampenschirme oder Garderoben zu entwerfen, kündigte private Produktbeziehungen zu Salatschleudern, Stichsägen und Zeitschriftensammlungen. Auch ein Bücherregal kam nicht mehr in Frage, trotz dessen beruhigender Ausstrahlung, das pralle Bücherwissen notfalls zur Hand zu haben. Unter den Dingen, von denen Moritz Grund sich aber auf keinen Fall trennen wollte, waren neben Bett, Fahrrad und Computer auch ein schwarzer Filzhut, der Ledermantel seines Vaters und ein paar farbige Leuchtstoffröhren. Karge Wände und viel unverstellte Fläche dominierten den Anblick seines Zimmers. Geschummelt hat er dabei nicht: denn auch in keinem Keller und keinem Karton lagen Gegenstände, die ihm noch gehört hätten.

    Während seines sechs Jahre andauernden Versuchs, ohne Überflüssiges auszukommen, kamen auch wieder neue Gegenstände hinzu, doch nie erreichte sein Hausstand auch nur annähernd die 10.000er-Marke. Moritz Grund zählte und zählte, und er hielt seinen Besitz in Listen fest. Ruckzuck war sein Eigentum wieder auf 767 Gegenstände geklettert. Er hatte sich ein Regal aus Wellpappe gebaut, die Wildlederslipper seines Bruders geerbt und eine Digitalkamera gekauft. Dann wieder ergriff ihn der „Sog des Reduzierens“,  und bis zum Ende des Experiments, im Herbst 2010, schraubte er die Anzahl seiner Objekte auf 200 herunter.

    Auf die anfängliche Zahl kam der Designer nicht mehr, denn er gestand sich ein: „Mit meinen knapp 100 Dingen konnte ich weder professionell arbeiten noch komfortabel wohnen.“ Moritz Grund löschte auch die Excel-Tabellen, die alle seine Dinge dokumentierten, und „nahm den Zahlen damit ihre Macht“. Zweifelnd, „ob aus einem weiteren Reduzieren noch mehr Erkenntnisse zu gewinnen seien“, machte er Schluss, als die Grenze seiner materiellen Sicherheit erreicht war und der organisatorische Aufwand, der mit kleinem Besitz verbunden ist, das Akzeptable überschritten hatte.

    Für sein Studium an der Universität der Künste Berlin entwarf Moritz Grund feinste Porzellanschalen – zu Hause baute er gleichzeitig Badschränkchen aus altem Sperrholz und Kunstrasen. Den erlernten Designkompetenzen schenkte er auch in seiner Freizeit Verwendung; er nutzte sie allerdings, um Gegenmodelle zu entwerfen. Die Uni-Aufgaben verkörperten für ihn das Mantra der Wegwerfgesellschaft: Immer mehr haben wollen! Gerade im Studium fiel ihm auf, dass kaum ein Produkt der Begrenztheit natürlicher Ressourcen Rechnung trägt. Laut Umweltbundesamt werden jährlich 60 Milliarden Tonnen natürliche Ressourcen abgebaut. Unter anderem entsteht daraus endlos viel Tinnef, der ungenutzt herumsteht. Welche Konsequenz zog Moritz Grund daraus? Anders zu entwerfen schließt für ihn seitdem einen anderen Umgang mit den Dingen ein.

    Deshalb beschloss der Designer, sich in Genügsamkeit zu üben, indem er privat kaum etwas kaufte, dafür vieles selbst baute, lieh und reparierte. Die Reduktion auf wenige Gegenstände warf für ihn die Frage nach der Nutzung des noch Verbliebenen auf: Kann die Freude am Gebrauch den Aufwand rechtfertigen, der mit Anschaffung, Transport, Pflege, Unterhalt, Versicherung und Entsorgung von Produkten einhergeht? Insbesondere bei den Dingen, die sehr selten benutzt werden? „Je mehr ich reduzierte, desto klarer spürte ich, dass am Ende unmöglich ein quasi leerer Raum mit einer Handvoll superfunktionaler Dinge verbleiben durfte. Herauskommen sollte kein Set an Alltagswerkzeugen für das Existenzminimum,“ schreibt Moritz Grund in seinem Buch Einhundert. Auch konnte das Wenighaben nicht heißen, lebenslang von den selben Dingen umgeben zu sein. Andererseits stellte der unkonventionelle Designer fest, „dass alle Dinge für vieles taugen. Besonders einfache Produkte machen Mut zur Zweckerweiterung, zur Improvisation.“ Er nannte das Prinzip „Ressourcenkreativität“. Diese stellte für Moritz Grund den Ausweg aus der Produktabhängigkeit dar.

    Auch anderswo probierten sich Pioniere in einer radikalen Form der Suffizienz. Während des Experiments begegnete Moritz Grund dem Minimalisten Dave Bruno aus den USA. Der nannte seinen eigenen Selbstversuch die „100 Thing Challenge“. Anders als Moritz Grund, der nie viel besaß, begann Dave Brunos Experiment mit dem Ausmisten seines „Wohlstandsballasts“, wie der Postwachstumsökonom Niko Paech sagen würde. Gemeinsam hatten der Amerikaner Bruno und der deutsche Designer Grund, dass sie die Reduktion als Befreiung erlebten. „Ich mache die Tür zu und vermisse nichts“, preist Moritz Grund eine stark entmaterialisierte Privatwelt.

    Die Allgemeingültigkeit dieses Empfindens wurde allerdings hier und da in Frage gestellt, unter anderem durch Begegnungen im Bekanntenkreis. Die Mutter eines Freundes erzählte Moritz Grund, ihr Haus sei vor vielen Jahren abgebrannt. Schlagartig und ohne jede Auswahlmöglichkeit war alles weg, was die Familie besessen hatte. Die „schiere Menge“ des Verlorenen und dessen „Unersetzbarkeit“ schockierten Moritz Grund. Den Unterschied zwischen erzwungenem Verlust und bewusstem Verzicht bekam er eine Weile später auch selbst zu spüren, als in seine Wohnung eingebrochen wurde und viele persönliche Fotos unwiederbringlich verloren gingen.

    Mit den Erkenntnissen aus seinem Selbstversuch fand der Designer auch bei Kollegen Gehör: 2009 gründete er mit ein paar Weggefährten das Sustainable Design Center für ressourcen-intelligente Designkonzepte. An Stammtischen und in Vorträgen sprechen sich die Mitglieder des Vereins für nachhaltiges Design aus. Gerade entwickelt Moritz Grund zusammen mit Unternehmensberatern den Werkzeugkoffer Business as unusual für Nachahmer. Was ursprünglich als Privatsache begann, ist so zu einem Forum für kritische Designer, Softwareentwicklerinnen und Ingenieure geworden.

    Die freiwillige Entbehrung hat Spuren in Moritz Grunds Einstellung hinterlassen, sozusagen eine Grund-Einstellung geformt. Heute, drei Jahre nach Ende des Versuchs, hat der 32-Jährige eine gesunde Distanz zu den Gegenständen gewonnen. Der Designer sieht darin ein Geschenk: „Dieser Abstand verlängert mein Leben, da ich nicht so viel meiner kostbaren Lebenszeit an den Unterhalt der Dinge abtreten muss.“
    Anja Humburg
    11. April 2013
    www.moritzgrund.com
    www.sustainable-design-center.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 428-tomatenfisch

    Fischers Frucht

    Bei einem kollegialen Kaffeetrinken entwickelten Berliner Wissenschaftler die Antwort darauf, wie der gesamte deutsche Fischbedarf gedeckt werden könnte: Nilbarsche und Tomaten gedeihen gemeinsam im Gewächshaus.

    Fisch sucht Staude

    Bei einem kollegialen Kaffeetrinken entwickelten Berliner Wissenschaftler die Antwort darauf, wie der gesamte deutsche Fischbedarf gedeckt werden könnte: Nilbarsche und Tomaten gedeihen gemeinsam im Gewächshaus.
    Werner Kloas ist Wissenschaftler. Schon als Junge faszinierte ihn alles, was im Wasser lebt, und einmal funktionierte er einen Swimmingpool in ein Eldorado für Fische und Schnecken um. So erstaunt es nicht, dass er später Biologie studierte, sich auf den Hormonhaushalt von Fischen spezialisierte und als Professor für Endokrinologie laut und meist vergeblich warnte, dass es den Tieren immer schlechter gehe. „Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich mal die Chance haben würde, eine konkrete Lösung für ein großes Problem zu finden“, sagt der heute 53-Jährige. Doch das, was er und seine Kollegen im Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin entwickelt haben, könnte die gesamte deutsche Fischversorgung umkrempeln. Heute wachsen gerade einmal drei Prozent der hierzulande verspeisten Fische in heimischen Bächen, Seen und Teichen oder in Aquakultur auf, der Rest stammt aus dem Ausland oder aus dem Meer – und dort gibt es bekanntermaßen so viele riesige Fangschiffe, dass sich die Kabeljau-, Seelachs-, oder Schollenbestände schon lange nicht mehr regenerieren. „Mit unserer Form der Aquakultur könnte Deutschland seinen Fischbedarf selbst decken“, sagt Werner Kloas. Ja, mehr noch: Weil die Methode extrem wassersparend ist, wäre es sogar möglich, Menschen in deutlich trockeneren Gegenden als Deutschland mit tierischem Eiweiß und darüber hinaus mit frischem Gemüse zu versorgen.

    Der Prototyp der neuen Fischzucht ist in einem 170 Quadratmeter großen Gewächshaus am Berliner Müggelsee untergebracht. Es beherbergt mehrere Reihen schwarzer Tonnen, in denen sich jeweils ein Schwarm Tilapien tummelt – dunkelblau-lila Nilbarsche, deren weißes, festes Fleisch als sehr schmack- und nahrhaft gilt. „Die sind relativ hart im Nehmen, können Temperaturen zwischen 18 und 30 Grad gut überleben und gehören zu den wichtigsten Speisefischen weltweit“, erklärt Kloas die Auswahl der „Pilotfische“. Daneben gedeihen in Hydrokultur staudenweise Tomaten. Weil die Tomate das Lieblingsgemüse der Deutschen ist, hat sie das Rennen zur „Pilotpflanze“ gemacht; genauso gut könnten hier aber Gurken, Salat und vielleicht sogar Bananen wachsen.

    Stark vereinfacht könnte man sagen, dass die Ausscheidungen der Fische die Pflanzen düngen – und diese wiederum helfen, das Wasser der Fische zu reinigen. Das Prinzip ist einfach und der Natur abgeguckt: Was das eine Lebewesen ausscheidet, ist Lebensgrundlage des nächsten. So werden die selben Ressourcen mehrfach genutzt, und es gibt keinen Abfall.

    Zwar existiert eine solche als Aquaponik bezeichnete Technik schon seit Jahrzehnten und wird zum Beispiel in Nordamerika in vielen Hinterhöfen betrieben. Doch dort ist die Lebensmittelausbeute immer recht mager und somit nicht wirtschaftlich. Das Problem bisher: Zum einen bevorzugen die Tiere und die Pflanzen jeweils einen unterschiedlichen pH-Wert, zum anderen reichert sich, wenn Fische und Grüngewächse einen Wasserkreislauf teilen, Ammonium an. Dieses Stoffwechselprodukt, das in den Kiemen der Fische gebildet wird, behagt weder den Tieren selbst, noch den Pflanzen.

    Die entscheidende Stunde für die Lösung dieses Problems schlug vor etwa sechs Jahren. Werner Kloas, der an seinem Institut seit einer Weile den Bereich Ökophysiologie und Aquakultur leitete, saß mit fünf Kollegen beim Kaffee zusammen. Die Wissenschaftler besprachen, welche Forschung als nächstes anstünde – und plötzlich kam die Runde auf ein Aquaponik-Projekt von Kloas’ Stellvertreter Bernhard Rennert, das schon zu DDR-Zeiten durchgeführt worden war. Damals hatte Rennert eine Aquakulturkreislaufanlage über ein Einwege-Ventil mit dem Wasserkreislauf einer Hydroponikanlage für Gurken verbunden. Indem er die beiden Kreisläufe nur mittelbar verbunden hatte, hatte er es geschafft, die Bedingungen in beiden Teilsystemen zu optimieren. Doch leider hatte der Staat zu früh den Geldhahn zugedreht.

    Kloas war elektrisiert: Ein einfaches Einwege-Ventil könnte die Lösung sein! So könnten Bakterien in einem Biofilter das Ammonium der Fische in ungiftiges Nitrat verwandeln, bevor dieser Flüssigdünger zum Vorratstank der Hydroponik weiterflösse und dort bei Bedarf noch weiter angereichert würde. Gleich begann die Wissenschaftlergruppe weiterzuspinnen: Wenn der Wasserdampf, den die Gemüsepflanzen ausschwitzen, nicht durchs Fenster entschwindet, sondern in einer Kältefalle kondensiert, könnte dieses Wasser wiederum gezielt zu den Fischen zurückgeführt werden: Der Wasserbedarf des Gesamtsystems wäre minimal.  „Machen wir also den Deckel einfach zu“, schlug Kloas vor. Das würde zusätzlich den Vorteil bringen, dass die CO2-Emissionen der Fischzucht nicht das Klima belasten, sondern die nebenan wachsenden Pflanzen düngen würden. Die müssten dann umso üppiger sprießen, sinnierte der Abteilungsleiter.

    Sofort wollten Kloas und seine Kollegen das Ganze ausprobieren – und glücklicherweise lief damals gerade ein Förderprogramm des Bundesforschungsministeriums. Der Bewerbungsschluss war allerdings nur noch wenige Tage entfernt. Bernhard Rennert verschob kurzerhand seinen Urlaub, und die Wissenschaftler schafften es gerade rechtzeitig, den vollständigen Antrag einzureichen. Drei Monate später hatten sie 800.000 Euro, innerhalb eines Dreivierteljahres stand die Versuchsanlage.

    Die Tilapien leben in den Bottichen etwa ein Jahr, dann wiegen sie um die 800 Gramm und sind schlachtreif. Die Tomatenpflanzen wachsen ungefähr zehn Monate lang. Mit etwa 200 bis 220 Liter Frischwasser schaffen es die Wissenschaftler, ein Kilogramm Fisch und 1,6 Kilogramm Tomaten zu produzieren; in konventioneller Produktion wäre etwa zehnmal so viel Wasser nötig. Und Kloas hat den Ehrgeiz, den Wasserverbrauch noch weiter zu senken. Auch deshalb wurde das Gewächshaus gerade umgebaut und mit aufwändiger Messtechnik ausgestattet. Beim Futter besteht ebenfalls noch Verbesserungsbedarf. Bisher bekommen die Tilapien klassisches Pelletfutter, das zu einem erheblichen Teil aus Fischmehl besteht. Auch hier ist die Optimierung in Reichweite: Ein Diplomand experimentierte bereits sehr erfolgreich mit Fliegenmaden, die er mit Bioabfällen fütterte und anschließend zu Fischfutter verarbeitete.

    Während das Gewächshaus am Berliner Müggelsee nur zum Teil mit Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien versorgt werden kann – im Wasserschutzgebiet lässt sich ohne größere Risiken keine Biogasanlage errichten –, sieht der Professor in Deutschland beste Voraussetzungen für kommerzielle Betriebe. Abwärme ist im Überfluss vorhanden: Viele Bauern schicken die heiße Luft aus ihren Bioreaktoren bisher ungenutzt in den Himmel. Darüber hinaus registriert das Umweltbundesamt 18 Milliarden Kubikmeter industrieelles Kühlwasser pro Jahr. Heute heizt es vor allem Flüsse auf – künftig könnte damit ein Vielfaches des deutschen Fischbedarfs und darüber hinaus ein erheblicher Teil der Gemüse- und Früchtenachfrage gedeckt werden. Nun hofft der Wissenschaftler Werner Kloas auf kluge Menschen in der Wirtschaft, die dieses schlummernde Potential erkennen.
    Annette Jensen
    04. April 2013
    www.tomatenfisch.igb-berlin.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 427-samstag-rad

    Readymades

    Jedes Fahrrad ein Kunststück: Aus alten Klassikern, die ihr erstes Leben bereits hinter sich haben, baut Christopher Lewis elegante Fahrradunikate. Auf ins Leben danach, auf zur Bolidenjagd!

    Es ist alle Tage Samstag!

    Jedes Fahrrad ein Kunststück: Aus alten Klassikern, die ihr erstes Leben bereits hinter sich haben, baut Christopher Lewis elegante Fahrradunikate. Auf ins Leben danach, auf zur Bolidenjagd!
    Vielleicht ist es ein Samstag, an dem Marcel Duchamp nach München reist, im Jahr 1912. Er logiert in der Barerstraße, bleibt drei Monate. Später notiert er: „Der Aufenthalt in München war der Ort meiner völligen Befreiung.“ Duchamp macht das Malen keinen Spaß mehr, vom Terpentin- Geruch wird er „besoffen“, er will irgendetwas anderes tun. Er findet das Laufrad eines Fahrrads, nimmt es mit in seine Wohnung, montiert es auf einen Hocker und signiert es. Heute wissen wir: diese Episode markiert den Beginn einer neuen Kunstgattung, des Readymades. Kunst, so Duchamps praktische Behauptung, ist schon da. Ein Künstler muss sie nicht schaffen; es genügt, sie zu zeigen.

    Exakt 100 Jahre nach Duchamps Aufenthalt in der bayerischen Landeshauptstadt legt auch der Künstler Christopher Lewis seine Pinsel zur Seite. Während eines Landausflugs entdeckt er auf einem frisch gepflügten Acker ein in der Frühlingssonne blinkendes Objekt. Es handelt sich, man ahnt es bereits, um ein Fahrrad. Und zwar um eines aus den 1950er-Jahren: um einen Klassiker der Marke Peugeot. Genau so ein Rad wie es sein Vater fuhr, damals, und das er als Kind stets bewundert hatte.

    Viel war vom einstigen Glanz des Rades nicht mehr übriggeblieben: der schwarz lackierte Rahmen verbogen, die ausladenden Schutzbleche lädiert und stellenweise rostig, der lederne Dunlop-Sattel zerfleddert und die Bowdenzüge der Bremsen gerissen. Aber schieben ließ sich das Gefährt noch. Also schob Lewis los, schob bis nach München-Haidhausen, in sein Atelier. Mit dem Werkzeug eines Restaurators – also mit Lupenbrille, Röntgenpistole, Skalpell und Wattestäbchen – legte Lewis die einzelnen Teile des Fahrrads frei und beseitigte selbst mikroskopisch kleine Schäden. Das Unglück des Rades wurde seine persönliche Herausforderung: er wollte es retten. Und „weil Samstag der Tag Eins dieser Geschichte war, heißen meine Räder Samstag“, erinnert sich der Fahrrad-Nostalgiker.

    Seit diesem Samstag fährt Christopher Lewis Fahrrad im alten Stil, und seit diesem ersten Meisterstück hat sich sein Blick verändert. Plötzlich entdeckte er verlassene, herrenlose Fahrräder an allen möglichen Stellen der Stadt: an S- und U-Bahnhöfen, an Laternen, vor Biergärten – er sammelte sie ein und nahm sie bei sich auf. Auch Freunde hatten Fahrrad-Leichen im Keller, die sie nun an Lewis loswerden konnten. Peu à peu verwandelte sich der freischaffende Maler in einen freischaffenden Fahrradbauer. Seine Readymades werden allerdings keine Schauobjekte, sondern Montagen von Fahrzeugen: aus den Teilen von meist drei alten setzt er ein Patchwork-Rad zusammen. Die eleganten Rahmen lässt er in Jelly-Bean-Farben – mintgrün, himmelblau oder cremebeige – pulverbeschichten, für die Sattelbezüge beauftragt er einen Sattler. Das ist kein aufgesetztes Industrie-Retro-Design – die entstehenden Unikate sind in handwerklicher Manier aus Stücken der alten Marken Victoria, Peugeot oder Rabeneick zusammengefügt, die alle mindestens 40 Jahre alt sind.

    Lewis’ Atelier, nicht mehr als 50 Quadratmeter groß, erlebte ebenfalls eine Metamorphose. Für die Fahrrad-Preziosen wurde es in eine Schraubergarage der besonderen Art umfunktioniert, inklusive Büro, Waschecke und Showroom. Die bemalten Leinwände sind noch da, mussten aber der Fahrrad-Inszenierung Platz machen und stehen nun mit dem Gesicht zur Wand. Die Kunst kann warten – Lewis hat vorerst eine andere Mission zu erfüllen: „Nachdem ich für die Werbebranche gearbeitet und einen Dokumentarfilm über den Kunstmarkt gedreht habe, wollte ich etwas Sinnvolles und Zweckmäßiges tun, das jenseits von Verschwendung, Verlogenheit und Habgier steht“, sagt Lewis. Außerdem sind für ihn die Fahrrad-Oldtimer auch ein Stück Kultur, das an längst vergessene Zeiten erinnert.

    Und weil Christopher Lewis feinste Maßarbeit leistet, herrscht bei ihm konsequente Ordnung und Übersichtlichkeit wie in einem Antiquitäten-Depot: dort eine Parade Fahrradklingeln, da wie auf eine Perlenkette aufgefädelte Reifen und Mäntel, hier Schutzbleche in Reih und Glied. Geradlinig ist Lewis auch in Sachen Auftragsannahme: Fahrräder aus billiger Massenproduktion dürfen in seiner Fahrrad-Beautyfarm keinen Aufenthalt genießen.

    Samstag ist für Lewis kein straightes Unternehmertum. Es fehlt der Businessplan, fremde Geldgeber lehnt er kategorisch ab. Der Samstag ist schließlich ein freier Tag. Und so darf sich auch Samstag ganz allein und ungebunden entfalten – ohne Wachstumszwang, Expansionsstrategien oder Gewinnmaximierung. „Samstag muss nicht profitabel sein, aber wenn es mich ernähren könnte, wäre das toll“, sagt Lewis trotz des ständigen Kampfs um die Existenzsicherung ziemlich entspannt. Zwei verkaufte Samstag-Räder im Monat würden genügen. Nachhaltigkeit lebt der Fahrrad-Radikale nicht nur in Sachen Mobilität.

    So gut organisiert wie das Atelier ist auch Lewis’ restliches Leben. Er ist bekennender Minimalist, weil er sich „den Blick auf die schönen Dinge nicht mit irgendwelchem Kram vollstellen will.“ Seinen privaten Besitz hat er auf eine Tasche reduziert: „So kann ich selbst mobil bleiben, mein Hab und Gut passt ja auf jeden Fahrradgepäckträger.“ Überhaupt sieht er sein Samstag-Rad- und Lebenskonzept als übertragbar und beweglich, „denn ich könnte auch in London Fahrräder vor Ort aufsammeln und restaurieren.“ Sowieso sei ja München als Technologie- und Industriestandort kein besonders gutes Pflaster für reduktive Ideen. An den gutbetuchten Leuten in ihren SUVs saust Lewis daher besonders gern provokativ vorbei, wenn die mal wieder im Münchner Dauerstau stehenbleiben und er auf einem seiner vier persönlichen Samstag-Stadträdern unterwegs ist. Ein fünftes Fahrrad hat er für die Berge, die liebt Christopher Lewis fast genauso wie seine Eigenständigkeit.

    Am liebsten kümmert er sich jedoch ungestört um seine Fahrrad-Raritäten. Die Stunden, Tage, Wochen vergehen völlig unbemerkt, wenn er sich in die Handarbeit vertieft. „Wenn ich keine Ablenkung während der Arbeit habe, dann wird das Ergebnis erst richtig gut!“ Seinen Showroom schließt er auf Anfrage auf, feste Öffnungszeiten gibt es nicht. Auch im Internet mag er seine Fahrrad-Schönheiten nicht feilbieten – ohne persönliche Beratung rollt kein Samstag-Rad.

    Einige der mittlerweile über 40 Samstag-Räder – darunter ein Piercing-Rad für Körperschmuck-Fetischisten – sind so außergewöhnlich gestaltet, dass der Anspruch wieder in Richtung Kunstmuseum zeigt. Christopher Lewis schaut glücklich auf seine Kollektion und genießt deren Schönheit und Eleganz. Dann lässt er ein Fahrrad-Rad drehen und denkt an einen Satz von Marcel Duchamp: „Ich mochte die Idee, ein Fahrrad-Rad in meinem Atelier zu haben. Ich schaute ihm gerne zu, so wie ich es genieße, in die Flammen zu schauen, die in einem Kamin tanzen.“
    Dana Giesecke
    28. März 2013
    www.samstag-rad.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 426-atiptap

    Stilles

    Wasser als plastikumhülltes Konsumgut vom Markt zu nehmen, dafür kämpft atip:tap. european water initiative und will Nestlé, Vittel, Evian oder Volvic den Hahn abdrehen. „Wasser frei!“ für eine junge Initiative.

    Das neue Schwarz unter den Wassern

    Wasser als plastikumhülltes Konsumgut vom Markt zu nehmen, dafür kämpft atip:tap. european water initiative und will Nestlé, Vittel, Evian oder Volvic den Hahn abdrehen. „Wasser frei!“ für eine junge Initiative.
    Es perlt und spritzt, Flasche wird an rosige Lippen angesetzt, Tropfen funkeln in der Sonne, Etikett schillert, attraktive Frau wirft erfrischt den Kopf zurück, zufriedener Blick in die Kamera. So oder so ähnlich verläuft fast jede Werbung für Mineralwasser. Die Anpreisung zeigt Wirkung. Vielen kommt heute nur das Wertvollste in die Flasche: Wasser aus Frankreich oder Hawaii, Quellwasser, durch Vulkangestein gewaschen, aus artesischen Brunnen geschöpft, urig-rein, sprudelnd-klar und noch nasser. Die großen Konzerne mischen mit, Wasser wird gehandelt, privatisiert und verschafft qua Label sogar Lebensgefühl.
     
    Um statusdienliches Produkt zu werden, muss Wasser transportiert, aufbereitet, in Flaschen abgefüllt und wieder transportiert werden. Das kostet Sprit, Energie und produziert Müll, der – Stichwort Plastikflasche – nur schwer zu recyceln ist. Und für alle, die nicht ebenerdig wohnen oder über keinen Aufzug verfügen, bedeutet der Konsum von abgefülltem Wasser auch körperlichen Einsatz; eine ewige Schlepperei, die alle paar Tage von vorne beginnt. Aber egal, ob es spritzt, wir es extra aufsprudeln, aufwendig filtern, Rosenquarz reinschmeißen oder in schicke Flaschen füllen, wir alle brauchen sauberes Trinkwasser.

    Die nachhaltige Lösung dieses Dilemmas ist so einfach wie effektiv: Nicht Mineralwasser teuer kaufen, sondern das günstige aus der Leitung trinken! Nicht mit abgeschnürten Händen Sechserpacks in den vierten Stock schleppen, sondern rund um die Uhr den wohnungseigenen Wasserspender nutzen – die Privatquelle in der Küche, reich an Mineralien und schadstofffrei. Nicht Müll und Transportemissionen produzieren, sondern eine und dieselbe Flasche immer wieder auffüllen.

    Weil das für unsere produkt- und labelfixierte Welt aber alles viel zu einfach klingt und auch kaum Hipness-Potenzial hat, muss die Idee attraktiv gemacht werden. Denn Leitungswasser ist nicht schick. Es ist schließlich nur irgendein Wasser, ohne identitätsstiftende Marke, muss unterwegs klammheimlich in Toiletten gezapft werden und steht noch dazu im Verdacht, weniger gesund zu sein als Mineralwasser. Deshalb wird es meist auch gering geschätzt und nur für niedere Dienste genutzt, wie Waschen, Spülen oder gar Klospülen. Hier kommt atip:tap ins Spiel.

    Diese european water initiative hat sich auf die Fahnen geschrieben, das Leitungswasser aus seiner Schmuddelecke zu befreien. Hinter atip:tap stehen zehn Wasserbegeisterte Mitte 20.  Unterstützt durch das EU-Programm Jugend in Aktion leisten sie Aufklärungsarbeit und setzen sich, zunächst in Berlin, für den Bau von öffentlichen Trinkwasserbrunnen ein, um den allgemeinen Zugang zu frischem Wasser auch außer Haus zu ermöglichen. Ein solcher Brunnen wurde in Kooperation mit den Berliner Wasserwerken bereits gebaut und eröffnet. Weiterhin wird momentan an der Entwicklung einer Wasser-App gearbeitet, die Smartphone-Besitzern anzeigen soll, wo der nächste Trinkbrunnen ist – oder das nächste Lokal, das kostenlos Leitungswasser ausschenkt.

    Die Gründer von atip:tap, Samuel Höller und  Lena Ganßmann, waren der abstrakten Diskussionen über Nachhaltigkeit und Umweltschutz müde. Sie wollten nicht mehr nur reden. Sondern etwas tun, etwas Greifbares im Alltag verändern. Da kam ihnen eine Einladung der Europaberatung Berlin gerade recht. Die informierte im Frühjahr 2010 über Förderungsmöglichkeiten für „junge Projekte“. Höller und Ganßmann ließen sich beraten, und dann ging alles ganz schnell. Für ihre Idee zu atip:tap bekamen sie im August 2010 eine bescheidene Fördersumme ausgezahlt. Kein Erdrutsch, aber genug, um den Stein ins Rollen und das Wasser zum Laufen zu bringen.

    „Es geht nicht darum, das (Wasser)-Rad neu zu erfinden, sondern um Kooperation“, meint Samuel Höller, „und darum, eine Praxis, die sich als gut erwiesen hat, weiterzutragen.“ Denn andere europäische Länder machen es vor: In Italien, Spanien oder auch England wird gerne Leitungswasser getrunken, ausgeschenkt und öffentlich gezapft. In Holland hat sich mit Join the Pipe eine Initiative gegründet, die ebenfalls öffentliche Trinkbrunnen baut. Neben der Verbreitung funktionierender Modelle geht es atip:tap darum, geteilte Anliegen auch gemeinsam mit anderen Initiativen umzusetzen. Über eine ehemalige Mitstreiterin hat sich so bereits ein Ableger im spanischen Bilbao formiert, und mit Join the Pipe ist Höller im Gespräch über Brunnendesign. Die Brunnen der holländischen Gruppe haben nämlich flexible Leitungen. Das verhindert das Einfrieren, und die Brunnen können das ganze Jahr über in Betrieb bleiben. Es geht also um konkrete und praktische Maßnahmen.

    Weil aber trotzdem noch viel Erklärungsbedarf besteht, sucht atip:tap so oft wie möglich das Gespräch, informiert an Ständen und auf öffentlichen Veranstaltungen und führt mit Interessierten Blindtests durch, die meistens den guten Geschmack des Berliner Leitungswassers bestätigen. Höller hält außerdem in Behörden und Firmen Vorträge, um jeweils die gesamte Institution zum Umstieg auf Leitungswasser zu bewegen. Bei den öffentlichen Gesprächen sind immer auch skeptische Stimmen zu hören. „Die Qualität des Leitungswassers spielt eine Rolle“, erzählt Höller, „oder die Frage, ob man in Zeiten, in denen man an Auswahl gewöhnt ist, einfach ‚nur’ Leitungswasser aus No-Name-Flaschen und ohne Sprudel ausschenken kann.“ atip:tap versucht, auf die Anliegen und Bedürfnisse individuell zu reagieren und bietet für alle etwas an: Aufsprudler, Filter, Wassertests mit Laborgarantie für zu Hause und für das Büro, repräsentative Behältnisse für die publikumsgerechte Präsentation. Mit letzteren kann man sich getrost öffentlich zeigen. Nebenbei wirbt man dann für atip:tap und das Leitungswasser-Trinken.

    Um das ehrenamtliche Projekt auch langfristig zu finanzieren, wird lokal kooperiert. Mit den Berliner Wasserwerken in Sachen Ausbau des Trinkbrunnennetzes und mit den Kneipen und Geschäften im Umkreis des ersten Brunnens in Neukölln. Letztere sollen als leitungswasserausschenkende Lokale künftig das Zertifikat atip:tap proved tragen dürfen, gut sichtbar als Button im Fenster.

    Und wenn alles gut geht, ist das aus der Leitung bald das neue Schwarz unter den Wassern, dynamisch selbstgezapft und per Filter, Flavour, Sprudel (oder Rosenquarz) individuell aufgewertet. Dann wird man sich auf Berlins Straßen nicht mehr über Falafel- oder Espressoläden austauschen, sondern sich wissend zuraunen, wo der coolste Brunnen, das Lokal mit dem weichsten Wasser oder die angesagteste Trinkflasche zu haben ist.
    Lisa Andergassen
    21. März 2013
    www.atiptap.org
    www.jointhepipe.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 425-bauraum-lowtech

    Bye-bye, High

    Berliner Studierende der Ingenieurwissenschaften hatten es satt, sich nur mit großtechnischen Anlagen auseinanderzusetzen. In einem offenen Bauraum setzen sie Lowtech-Ideen in die Praxis um.

    Weniger ist mehr

    Berliner Studierende der Ingenieurwissenschaften hatten es satt, sich nur mit großtechnischen Anlagen auseinanderzusetzen. In einem offenen Bauraum setzen sie Lowtech-Ideen in die Praxis um.
    Als Natalie Rzehak in Aachen Maschinenbau studierte, fühlte sie sich allein: Um sie herum interessierten sich alle für die Technik – und niemand dafür, welche Folgen deren Nutzung nach sich zieht, wo die Rohstoffe herkommen und ob auch Menschen in armen Weltgegenden von hiesigen Innovationen profitieren können. So wechselte Rzehak vor einigen Jahren an die Berliner Technische Universität, wo sie sich vom Studienfach Technischer Umweltschutz eine Öffnung des Blickes erhoffte.

    Dort fand sie immerhin gleichgesinnte Kommilitonen wie Felix Lettow. „An der Uni geht es fast immer nur um industrielle Großanlagen“, erklärt der 26-Jährige. Gegen deren Grundzweck lasse sich selten etwas sagen: So seien beispielsweise Klärwerke gut, um durch Fäkalien verursachte Krankheiten zu verhindern. Aber solch absolut sinnvolle Ziele ließen sich auch erreichen, ohne dass dabei natürliche Kreisläufe massiv gestört würden – im Fall von Klärwerken der überlebenswichtige Phosphorkreislauf. „Das heutige Abwassersystem verbaut die Wege für eine nachhaltige Landwirtschaft. Nährstoffe wie Phosphor werden einfach weggespült – und trotzdem baut man immer weitere Anlagen“, kritisiert Lettow.

    Rzehak, Lettow und ihre Mitstreiter sind keine Maschinenstürmer. Sie wollen schlicht das Feld der einfach zu beherrschenden Techniken erweitern. So sollen zum einen die Nutzer von Technik mehr Macht über ihre Lebensumstände gewinnen und zum anderen der Umwelt viele unnötige Belastungen erspart bleiben. Regional angepasste, leicht handhabbare Apparaturen, die die Vorteile – aber nicht die Nachteile – der Großtechniken übernehmen: das sollte das persönliche Programm der Studierenden werden.

    Am Anfang diskutierte die Gruppe hitzig, wie dieser Auftrag umzusetzen sei – und als eine von ihnen nach einem Praktikum in Maastricht begeistert von der dortigen Lowtech-Werkstatt berichtete, stand für die Berliner Studierenden fest, dass sie diese Idee übernehmen wollten. Die Universität bewilligte ohne großen Widerstand zwei Tutorenstellen, doch eine Werkstatt mit traditionellem Werkzeug wie Schraubenziehern, Handsägen und Bohrern gab es auf dem Campus nicht. Die Gruppe suchte deshalb in einem nahegelegenen Stadtteilzentrum Unterschlupf. Mittwochs können Studierende im sogenannten Bauraum nun nützliche Dinge herstellen – mit ganz einfachen Mitteln und unter Einsatz von möglichst geringen materiellen Ressourcen.

    In der Souterrain-Werkstatt hämmert ein Mann mit voller Kraft auf einer Fahrradspeiche herum. Er will daraus einen Handbohrer herstellen. Derweil versuchen ein paar andere junge Tüftler, eine handgeschriebene Bauanleitung für einen Campingkocher umzusetzen: Sie stechen Löcher in unterschiedlich große Konservenbüchsen und ständern anschließend die Konstruktion auf, wiederum mit alten Fahrradspeichen. Gut zwei Dutzend Studierende kommen regelmäßig zu dem freiwilligen Uni-Kurs. „Ich finde es wichtig, endlich mal mit den Händen zu arbeiten“, meint die angehende Architektin Tanya Valkanova.

    Lowtech-Initiativen gibt es weltweit schon einige, und die von ihnen entwickelten Ideen und Konstruktionen werden gerne geteilt; open source gehört zum Konzept. Via Internet – also Hightech – werden die Anleitungen verbreitet. Den Aktivisten geht es auch gar nicht darum, moderne Techniken gänzlich und aus allen Einsatzbereichen zu verdammen. „Für hochkomplizierte, sehr nützliche medizinische Geräte finden wir bestimmt keine Lowtech-Alternative“, sagt Lettow. Vielmehr suchen er und seine Mitstreiter nach Möglichkeiten, praktische Dinge des Alltags wieder stärker selbst in die Hand zu bekommen. „Ich kann Maschinen ja auch anders betreiben als mit Strom“, sinniert Lettow und verweist auf die alte Nähmaschinenmechanik. „Und wenn ich Strom brauche, kann ich den zum Beispiel durch ein Windrad erzeugen, das ich aus einem alten Waschmaschinenmotor hergestellt habe. Das kann ich selbst heil machen – anders als zum Beispiel ein Solarmodul: Wenn das kaputt ist, ist es kaputt.“

    Die Berliner Gruppe hat ein paar Grundsätze zu Papier gebracht: Auf jeden Fall müssten ihre Lowtech-Produkte leicht verständlich, vor Ort herstellbar und reparabel sein. Sie sollten aus nachwachsenden oder recycelten, in jedem Fall aber aus preiswerten Materialien bestehen und keinen ökologischen Schaden anrichten. Auch Langlebigkeit ist nach der Definition der Berliner Lowtech-Gruppe zentral – was bei Betrachtung der niedlichen Campingkocher aus Blechdosen etwas paradox erscheint.

    Wogegen sich alle Lowtech-Engagierten wehren, ist eine unhinterfragte Fortschrittsgläubigkeit, die die ökologischen und sozialen Gefahren vieler Großtechniken ignoriert und lokale Gegebenheiten außer Acht lässt. Die können schließlich extrem unterschiedlich sein, weiß Natalie Rzehak aus eigener Erfahrung. Gemeinsam mit Ingenieure ohne Grenzen erprobte sie in Tansania Trenntoiletten, die in einem Mädcheninternat eingebaut werden sollen. Im Experiment ist es gelungen, den festen Inhalt zu trocknen und anschließend bei 80 Grad Celsius in einem Lehmofen zu hygienisieren. Die Hitze dafür kommt aus einer Biogasanlage, die mit Ernteresten betrieben wird. Anschließend wird das Ganze zu Terra Preta verarbeitet – zu fruchtbarer Schwarzerde für den Gemüseanbau, die nebenbei noch den Vorteil hat, der Atmosphäre dauerhaft viel klimaschädliches CO2 zu entziehen.

    Die zu den Trenntoiletten gehörende Kloschüssel mit Solarkammer hat die Berliner Lowtech-Gruppe konstruiert. Der Prototyp dient heute einem Schäfer in einem Landschaftspark als stilles Örtchen und besteht aus Beton; später in Tansania soll Lehm zum Einsatz kommen. „Beton ist ja nicht gerade ein nachwachsender Rohstoff. Sobald man in der Werkstatt steht, wird klar, wie schwer es ist, die eigenen Ansprüche umzusetzen“, räumt Natalie Rzehak ein.

    Hardliner der Lowtech-Szene beharren darauf, ganz ohne Strom auszukommen. Die Berliner sind da undogmatisch. Im Sommer haben sie beim Kombinat Gatschow, einer beliebten Tagungsstätte in Mecklenburg-Vorpommern, eine Solardusche mit mehreren Kabinen gebaut. „Wir haben dabei eine Kreissäge und einen Akkuschrauber benutzt – und das war auch gut so, weil wir wenig Zeit hatten“, sagt Felix Lettow. Dass der Strom dabei nicht von einem selbstgebauten Windrad kam, findet er nicht schlimm. Wichtiger ist ihm, dass mit Ressourcen gebaut wird, die gerade vor Ort zu finden sind. In Deutschland ist das in vielen Fällen schlicht Abfall der Konsumgesellschaft.

    Um ihre Lowtech-Werkstatt allen Berlinerinnen und Berlinern zugänglich zu machen, haben Natalie Rzehak, Felix Lettow und ihre Lowtechies einen neuen Ort gesucht – und gefunden, in einem alten Fabrikgebäude, das sie für eine Weile zwischennutzen dürfen. Noch ist der Raum dunkel: Bretter versperren den Blick. Um das zu ändern, streifen die Studierenden durch die Umgebung und fragen Glasunternehmen nach alten Scheiben, die sie dann selbst zuschneiden und in die Rahmen einsetzen wollen. Ob der Glasschneider wohl eher aus einer Konservendose entstehen wird oder aus einer ausgedienten Waschmaschinentrommel?
    Annette Jensen
    13. März 2013
    www.bauraum-lowtech.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 421-esbz

    ausgepennt

    „Hefte raus, Klassenarbeit!“ Die Realität an Deutschlands Schulen ist häufig trist und einfallslos. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum macht da nicht mit und überlässt den Kindern das Wort. Eine Anleitung in sieben Lektionen.

    Tintenkillerfreie Zone

    „Hefte raus, Klassenarbeit!“ Die Realität an Deutschlands Schulen ist häufig trist und einfallslos. Die Evangelische Schule Berlin Zentrum macht da nicht mit und überlässt den Kindern das Wort. Eine Anleitung in sieben Lektionen.
    Lektion 1
    Es riecht nach Farbe, PVC und Kantinenessen: nichts Besonderes in einer Aula. Aber: „Ein Paradigmenwechsel geht durch Deutschlands Schulen“, verspricht Margret Rasfeld. Die Leiterin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) hat zu einer revolutionären Veranstaltung geladen: Schüler schulen Lehrer. Dafür finden sich Lehrkräfte aus Berlin und dem Umland zusammen und erfahren von Rasfelds Schülerinnen und Schülern, was guten Unterricht ausmacht. „Dieser Paradigmenwechsel speist sich aus den sich ändernden Herausforderungen: Mit dem Umbau der Arbeitswelt, dem demographischen Wandel, der Ressourcenverknappung und dem Klimawandel werden die Menschen von morgen zu kämpfen haben, und darauf sollte man sie so früh wie möglich vorbereiten“, beschreibt Rasfeld den Auftrag des Schulsystems. Den können nur Schulen erfüllen, die bereit seien, die Lernenden ernst zu nehmen. Mathe und Englisch blieben notwendig, zentraler aber sei die Verknüpfung von emotionaler, kognitiver und kreativer Intelligenz. Eine Intelligenz des Handelns. Kernauftrag der Schule sei es schließlich, mündige, selbst denkende Bürger zu schaffen. So mündig, dass sie schon als Jugendliche in der Lage sind, mit gestandenen Pädagogen über deren Handwerk zu debattieren. Hier, an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, läuft etwas radikal anders, da kann einem auch der alt-vertraute Schulgeruch nichts vormachen.

    Lektion 2  
    Man kennt das: Die meisten deutschen Schulen funktionieren nach dem Prinzip der Exklusion, umgesetzt in Form eines Drei-Schulen-Systems, das Lernen getrennt nach Jahrgangsstufen und Fächern. Vermittelt wird ausschließlich Information, was dem industriellen Zeitalter womöglich angemessen war, aber „jetzt brauchen wir Denker und Macher“, erklärt Margret Rasfeld. Dafür setzt ihre Schule auf Konfrontation statt Isolation. Hier wird in der Mittelstufe jahrgangsübergreifend unterrichtet, um die Heterogenität der Persönlichkeiten und Sichtweisen zu fördern. Noten werden erst ab der neunten Klasse vergeben, vorher erfolgen Bewertungen nur in Worten. Frontalunterricht gibt es nicht, stattdessen sogenannte Lernbüros, in denen die Schülerinnen und Schüler selbst festlegen, womit sie sich befassen. „Ich find’s super, dass ich hier wählen kann, was ich wann und wie lerne“, sagt ein Achtklässler stolz, „das motiviert total“. Die Beschäftigung mit den Inhalten funktioniert über persönliche Beziehungen, die Kinder erklären sich den Lernstoff auch gegenseitig. Der Wahlfreiheit liegt ein einheitliches Pensum zugrunde; dessen einzelne Bausteine allerdings sind individuell bearbeitbar. So wird an der ESBZ bereits seit 2006 gelernt. Die Schule hat Gebrauch gemacht von dem Bewegungsspielraum, den sie als nicht-staatliche Schule genießt – sie untersteht einem freien kirchlichen Träger.

    Lektion 3
    Um autonome, denkende Individuen anzuregen, müsse man wegkommen vom „Als-ob-Lernen“, weg von rein kognitiver und hypothetischer Arbeit, bekräftigt Rasfeld: „Denn etwas hängen bleibt nur, wenn Kinder auf eigene Faust lernen und man sie gleichzeitig in sozialer Verantwortung übt“. Das bewerkstelligt ihre ESBZ mit dem Projekt Verantwortung, das zuerst 1999 an einer Schule in Essen als separates Schulfach eingeführt wurde. Dabei widmen Siebt- und Achtklässler wöchentlich jeweils zwei Stunden ihrer Schulzeit einem ehrenamtlichen Projekt ihrer Wahl. Sie helfen in Asylheimen, führen alte Leute spazieren oder melken Kühe. Die Kinder fühlen sich gebraucht und wichtig, übernehmen eben Verantwortung; diese Erfahrung dringt tiefer als jede Matheaufgabe.

    Lektion 4
    Die Zukunft der Erde ist ungewiss. Im Projekt Herausforderung werden Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe genau darauf vorbereitet. Drei Wochen jedes Schuljahrs begeben sich die Jugendlichen in die Welt hinaus. Dabei wandern sie etwa durch Korsika, schlagen sich im Teutoburger Wald durch oder paddeln auf der Lahn, inklusive wilden Campens. Hier lernen sie, mit Unsicherheiten und Umbrüchen umzugehen, aus Fehlern zu lernen und Grenzen zu erkennen. Eine kesse Neuntklässlerin streicht ihren Pony zurück und reflektiert: „Einer hat im Wald eine Allergie entwickelt und musste dann wieder zurück. Aber das war auch okay. Erst fühlte er sich wie ein Loser. Dann hat er kapiert, dass man vom Scheitern viel lernen kann.“

    Lektion 5
    Die Lernenden haben die Grundsätze ihres außergewöhnlichen Schulalltags längst verinnerlicht: „Feedback und Selbsteinschätzung sind wichtig, auch für spätere Herausforderungen“, erklären zwei Achtklässler pointiert. An der ESBZ führen die Lernenden ein Logbuch, in dem sie penibel Wünsche und Kritik notieren, und welche Bausteine sie schon abhaken konnten. Jeden Tag gibt es eine Klassenstunde, in der die persönlichen Beziehungen gestärkt werden. Und dann gibt es noch „Frau V.“ – die Vollversammlung, bei der regelmäßig ernst gemeinte und ernsthaft angenommene Lobhudelei erfolgt. „Das hat was,“ überschlagen sich die Stimmen der ESBZ-Schüler. Man fühle sich gesehen, ja, wertgeschätzt. Manchmal fließe auch eine Freudenträne. Wer jetzt denkt, Jugendliche müssten sich bei sowas doch gegenseitig auslachen, täuscht sich. Die Routine der gegenseitigen Beobachtung und Bestätigung nutze sich nicht ab, sondern führe die Schüler dichter zusammen: „Mobbing gibt es an unserer Schule nicht“, beteuert ein zartes Mädchen.

    Lektion 6
    Neuntklässlerin Anna verrät noch mehr: Textmarker und Tintenkiller sind hier verboten. „Bisschen doof“, sagt sie, „aber Nachhaltigkeit muss sein.“ Auch beim Essen und den Arbeitsmaterialien. Trotzdem gebe es natürlich auch hier Probleme und typische Teenie-Eskapaden. „Man darf nicht zu viel erwarten“, ulkt Anna, „wir hören auch mal Scheiß-Musik.“ Die anwesende Lehrerschaft schmunzelt. Heißt das etwa: aus den Handys dudeln nicht nur Beethoven und die Beatles, sondern auch Justin Bieber und Taylor Swift? Hier wird keine Elite herangezüchtet, aber auch keine ewig Körner kauenden Leon-Maltes und Zoë-Tabeas à la „Tanze deinen Namen“. 

    Lektion 7
    Beim Ausspruch „Anlachen statt Auslachen“ wird die Stimmung in der Aula unruhig. Die von anderen Schulen zum Schüler-Lehrgang entsandten Pädagogen lächeln müde. „Wie soll das gehen?“, tuschelt ein Lehrer. „An unserer Schule kann ich froh sein, wenn ich mal nicht angegriffen werde. Verbal oder körperlich.“ Drogen und Gewalt seien an vielen Schulen ein Dauerproblem, das sich nicht wegwünschen lässt. „Anlachen statt Auslachen“, das funktioniere nur auf Privatschulen, wo die ohnehin bildungsnahen Schüler hingingen. Doch Moment, ein Blick auf die Schulbeiträge der ESBZ macht schnell deutlich: diese Privatschule ist bezahlbar. Laut Schulgeldregelung kostet sie pro Kind 30 Euro im Monat. Machbar. Die zentrale Idee der revolutionären Schule ist es, soziale Herkunft und Leistungserfolge voneinander zu entkoppeln. Aber die Schule hat begrenzte Kapazitäten, „die Nachfrage ist viel höher als bedient werden kann, Tendenz steigend“, bekräftigt Schulleiterin Rasfeld.

    Weiterführende Übungen
    „Lernen und Lehren sind anders möglich, auch an staatlichen Schulen“, beharrt Margret Rasfeld. Natürlich bieten Schulen in freier Trägerschaft mehr Spielraum als ihre staatlichen Halbschwestern, bei denen der Teufel häufig in Bürokratiedetails lauert und den eigentlichen Bildungsauftrag erschwert. Dennoch ruft Rasfeld auf zum Versuch, in selbstregulativen Lernarrangements zu unterrichten. Möglich sei das prinzipiell überall. „Doch dafür bedarf es an Mut, Empathie und Struktur. Nur so können Demokratie und Verantwortung, Kernaufträge der Institution Schule, gelernt und gelebt werden“, schließt Rasfeld. Und jetzt alle!
    Anika Meier
    07. März 2013
    www.ev-schule-zentrum.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 408-aktion-firmenfahrrad

    Fuhrpark

    In der Stadt mit dem Geschäftsboliden von A nach B? Vorbei! Dienstwagenaffären damit auch. Businessleute mit Zeitgeist sind per velo unterwegs, das ist sauberer und geht flotter.

    Das Ende von Dienstwagenaffären

    In der Stadt mit dem Geschäftsboliden von A nach B? Vorbei! Dienstwagenaffären damit auch. Businessleute mit Zeitgeist sind per velo unterwegs, das ist sauberer und geht flotter.
    Der Fahrer des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber wurde einst vom Hof gejagt, als er seinen Chef im hybridangetriebenen Kleinwagen zu einem Ministerium chauffierte. Der Fahrer sei samt Ökodienstwagen verscheucht worden, „weil das Auto nicht repräsentativ genug ist“, berichtete Schellnhuber in der ZEIT. Hybridwagen taugen offenbar nicht als Statussymbol. Wäre der Potsdamer Wissenschaftler auf dem Fahrrad angereist, so wäre ihm der Fauxpas womöglich erspart geblieben: zu abgefahren ist ein Dienstrad, um gedanklich in die Nähe eines Prestigewagens gerückt zu werden. Das sagen zumindest die Erfahrungen von Torsten Stadler. Dem flattert die Krawatte um die Ohren, wenn er sich zum nächsten Termin aufs Firmenfahrrad schwingt und durch die Bremer Innenstadt fährt. Manche Kunden fänden es „ganz witzig“, für die meisten aber sei es schon „selbstverständlich, dass ich das Fahrrad nehme“, erzählt der Dienstradfahrer. Dass in seinem Beruf der Anzug zur Etikette gehört, hat Stadler nicht daran gehindert, für Außentermine vom Dienstwagen aufs Fahrrad umzusatteln.

    Die roten Schutzbleche und die blaue Werbetafel am Fahrradkorb sind das Markenzeichen seines ansonsten schlichten schwarzen Stadtrads, das zur Aktion Firmenfahrrad gehört. Torsten Stadler koordiniert die 2007 ins Leben gerufene Firmenfahrrad-Kampagne des Netzwerks Partnerschaft Umwelt und Unternehmen in Bremen und Bremerhaven: Er wirbt bei lokalen Unternehmern für ökologischere Verkehrsmittel. Für den Diplom-Betriebswirt ist das Prinzip Dienstrad praktisch und total simpel. „Der größte Vorteil: man ist schnell mobil. Ich hol’ mir das Rad, fahre los und muss nicht in den Straßenbahnplan gucken“, preist Stadler sein Gefährt. Ein weiteres Plus des ollen Drahtesels: „Da kann ich selber was machen, wenn die Kette abgeflogen ist.“ Schnell wird deutlich, dass er kein Fan von E-Bikes ist.

    Der Fahrradverfechter erklärt, warum es seiner Kampagne bedarf: Wenn Betriebe überhaupt auf eigene Initiative Diensträder anschafften, stünden die oft nach ein paar Monaten „mit ’nem Platten unten im Keller“ – als sei das Firmenrad ein Einwegprodukt. Nicht der Kauf, sondern die Instandhaltung sei der Fallstrick einer jeden Firmenradflotte. Seine Aktion Firmenfahrrad biete daher, ähnlich dem etablierten Dienstwagenprinzip, einen All-Inclusive-Service. Kauf, Pflege und Wartung – alles drin. Für 120 Euro wird das Rad zweimal im Jahr von einer örtlichen Werkstatt abgeholt und durchgecheckt. Wie bei vielen Dienstwagen besteht sogar eine Mobilitätsgarantie: Ist das Rad mal nicht fahrtüchtig, kann man kostenlos ein Taxi bestellen. „Bisher hat das aber noch keiner in Anspruch genommen“, berichtet Stadler.

    Das Rundum-sorglos-Paket hat sich herumgesprochen. Mittlerweile sind in Bremen und Bremerhaven 17 Firmen und Institutionen mit 26 Fahrrädern von der Partie, darunter die Bremer Stadtwerke, die Handelskammer, ein Altenheim, ein Malerbetrieb, Behörden und Versicherungsbetriebe. Vor allem für Bürostuhlakrobaten wie Martina Buck, Beschäftigte eines Fischereigroßhandels in Bremerhaven, ist das Dienstrad eine willkommene Abwechslung. Früher legte Buck die Fahrten zwischen den Hallen auf dem großen Betriebsgelände oft mit dem Auto zurück. Heute ist sie mit dem Firmenrad an der frischen Luft unterwegs und absolviert damit ganz nebenbei ihr persönliches Fitnessprogramm.

    Die Hälfte aller Autofahrten, die im Bremer Stadtgebiet gemacht werden, sind kürzer als fünf Kilometer. Da ist Potential für eine klimafreundliche Fortbewegung! Auf solchen städtischen Strecken ist das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel, weil es durch Stau oder Parkplatzsuche nicht gebremst werden kann. In Bremen liegt der Radverkehrsanteil schon bei 22 Prozent; durch die neuen Firmenräder mit Servicepaket soll die Fahrradquote weiter hochgeschraubt werden. Dafür setzt sich Stadlers Netzwerk Partnerschaft Umwelt und Unternehmen ein, das auf Initiative des Bremer Umweltressorts entstand und von diesem finanziert wird.

    Auch der Bremerhavener Schornsteinfeger Ulf Behnken stieg vor fünf Jahren aufs Dienstrad um. Er hatte es satt, für jedes kurze Beratungsgespräch seinen Transporter aus der Garage zu holen und einen Parkplatz samt Parkscheinautomaten zu finden. Also stattete er seinen kleinen Handwerksbetrieb mit zwei Fahrrädern der Aktion Firmenfahrrad aus. Dazu kaufte er ein Klapprad, das er jetzt immer im Transporter dabei hat. Dieses Modell hat die Aktion Firmenfahrrad noch nicht im Sortiment. Von Anfang an reizte es Meister Behnken, zu testen, wie weit er in seinem handwerklichen Berufsalltag mit dem Dienstrad kommen würde. Staubsauger, Werkzeug und Besen passen beim besten Willen nicht auf einen Gepäckträger. Deshalb taugen die Fahrräder zwar nicht für die Reparatur- und Überprüfungstermine, doch können beispielsweise Terminankündigungen durchaus per velo verteilt werden. Der Schornsteinfeger ist sich sicher: „Wir haben schon den ein oder anderen Liter Sprit gespart.“

    Projektkoordinator Torsten Stadler geht es nicht nur um Geschwindigkeit und Kostenersparnis. Natürlich habe er die Umwelt im Blick. Wie viel CO2 die Aktion genau einspart, sei schwer zu berechnen. Grob kann man aber sagen: wer im Jahr 5.000 Kilometer statt mit dem PKW per Fahrrad und Straßenbahn zurücklegt, reduziert seine persönliche Klimabilanz um 10 bis 20 Prozent.

    Doch noch fällt auf, wer mit dem schwarz-roten Fahrrad zum Kunden fährt. Stadler erinnert sich an die Reaktion eines Unternehmers, der ihm per Handy den Weg wies, als er sich in einem Gewerbegebiet verfahren hatte. „Der war ziemlich verblüfft, dass ich bei ihm nur mit dem Rad vorfuhr und nicht in einem dicken Firmenwagen.“ Skepsis oder Ablehnung erntete Stadler sonst bislang nur von ein paar Bankern. Denn die befürchteten, verschwitzt anzukommen und dafür von ihren Kunden belächelt zu werden.

    Trendsetter sind die Bremer mit ihren Diensträdern allemal, wenngleich das Firmenfahrrad dem Dienstwagen auch in Bremen und Bremerhaven noch keine ernstzunehmende Konkurrenz macht. Um das Dienstrad konkurrenzfähig zu machen, bedarf es einer kleinen Mobilitätsrevolution. Dafür braucht es neben mutigen Unternehmern eine Verkehrsinfrastruktur, die eine Mobilität der Nähe fördert, anstatt weiterhin auf den permanenten Nachschub fossiler Energie zu setzen. Ein verzahntes Konzept mit einem flächendeckenden Netz aus Radschnellwegen und leihbaren Lastenrädern, hat in Bremen bisher noch keiner aus der Schublade gezogen. Immerhin gelang es dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub und dem Ökologischen Verkehrsclub Deutschland, einen Anstoß für zweirädrige Firmenflotten zu geben: Seit 2012 ist das Dienstrad dem Firmenwagen steuerlich gleichgestellt. Zwar fällt das finanziell meist kaum ins Gewicht – dafür sind Fahrräder zu günstig –, doch was die Revolution der Denkmuster angeht, bedeutet die Gleichstellung einen riesigen Schritt.
    Anja Humburg
    28. Februar 2013
    www.umwelt-unternehmen.bremen.de/Aktion_Firmenfahrrad.html

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 405-janun

    Netzausbau

    Niedersachsen ist das einzige Bundesland, in dem ein Jugendumweltnetzwerk ein großes Engagement-Durcheinander zu entheddern weiß. Seit über 20 Jahren koordiniert JANUN Umwelt- und Naturschutzprojekte.

    Ein Netz für alle Fälle

    Niedersachsen ist das einzige Bundesland, in dem ein Jugendumweltnetzwerk ein großes Engagement-Durcheinander zu entheddern weiß. Seit über 20 Jahren koordiniert JANUN Umwelt- und Naturschutzprojekte.
    Ein Knäuel. Stellen wir uns vor, die niedersächsische Blaufußkröte – die es nicht gibt – wäre vom Aussterben bedroht. Schon zögen drei große Umweltverbände und zwei lokale Initiativen in den Kampf gegen das Krötensterben. Fünf Interessierte kämen zum Expertengespräch beim Deutschen Jugendbund für Naturbeobachtung DJN. Der Ortsverein der Krötenfreunde und die Naturschutzjugend NAJU würden mit je drei Freiwilligen tagelang an zwei Krötenwandertunneln graben, die sich – ein Versehen –auch noch kreuzten. Fördergelder für ihr Krötenschutzkonzept bekäme schließlich die BUNDjugend, aber dort hat niemand von den Tunnelbauaktivitäten gewusst. All der gute Wille mündete in ein großes Durcheinander. So mag man sich das ausmalen, hat man auch nur die geringste Erfahrung mit ehrenamtlicher Projektarbeit. Die niedersächsischen Jugendumweltorganisationen allerdings sind gegen solches Kuddelmuddel gefeit, denn ihnen fiel früh auf: Viel hilft nicht unbedingt viel, besonders nicht der Umwelt. Etwas Neues musste her.

    Enthedderung. Ebenso empört wie begeistert stellten junge, in Umweltgruppen organisierte Niedersachsen bereits Mitte der 1980er-Jahre fest: „Eigentlich haben wir ähnliche Ziele, arbeiten aber nebeneinander her und nehmen uns gegenseitig Leute und Gelder weg. Lasst uns doch eine gemeinsame Vernetzungsstruktur schaffen!“ So erklärt Bildungsreferent Steffen Stubenrauch heute die Gründung des Jugendumweltnetzwerks JANUN in den Hochzeiten der Umweltbewegung. Seine Kollegin Katrin Reinecke schickt hinterher: „Wir haben das Glück gehabt, dass sich ausgerechnet hier Jugendliche getraut haben und so motiviert waren, alles umzuschmeißen und etwas Neues zu gründen.“ Bis die großen Bundesverbände das Netzwerk unterstützten, vergingen jedoch erst einige Jahre des Argwohns.

    Aufgerollt. Ausgeschrieben steht JANUN für Jugend, Aktion, Natur, Umweltschutz Niedersachsen. Ein langer Name, der Programm ist. Doch kaum einer spricht ihn jemals aus. JANUN steht für sich. Die Mission: engagierte Menschen zwischen zwölf und 27 Jahren bei der Umsetzung ihrer Projektideen von Abfallvermeidung bis Permakultur unterstützen. Das Netzwerk organisiert finanzielle Mittel, schult in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising oder vermittelt Referenten. „JANUN bietet einen fantastischen Rahmen, um sich auszuprobieren und um ins umweltpolitische Engagement zu starten“, findet Reinecke, die seit neun Jahren dabei ist.

    Knotenpunkte. Die Landesbüros in Hannover und Lüneburg verwalten das JANUN-Netz. Über dessen Fäden stolpert man in ganz Niedersachsen. In festen Räumen finden sich motivierte Gruppen und stricken fleißig an ihren selbstgewählten Themen, stemmen Projekte zu Tierschutz oder Konsumkritik. Der Verein erhält seine Finanzierung vorrangig vom Land; inzwischen steuern aber auch die großen Umwelt- und Naturschutzverbände Gelder bei.

    Hohe Webkunst. Das Herbstspektakel ist der Höhepunkt des JANUN-Jahres und fast so alt wie das Netzwerk selbst. Seit Beginn der 1990er-Jahre treffen Vereinsmitglieder, Interessierte und zufällig Gestrandete in der niedersächsischen Provinz aufeinander. Ein Wochenende lang bestimmen sie ihre Positionen zu gesellschaftlichen und umweltrelevanten Fragen: Was ist Normalität? Welchen Wert haben Gemeingüter? Akronymverliebt sprach man zunächst vom GigaLaJUKo: gigantischer Landesjugendumweltkongress. Seit einigen Jahren färbt der neue Name Herbstspektakel den Jugendkongress etwas bunter. Gleich bleibt die Grundidee: Alle können mitmachen. Die Themen und das Workshop-Programm des Herbstspektakels gestalten von einem Herbst zum nächsten hauptsächlich Freiwillige.

    Den Faden aufnehmen. In den vergangenen Herbstferien stellten sich knapp 130 Schülerinnen, Studierende und Freiwillige im Ökologischen Jahr brav zum Essen an. Selbiges schmeckte vegan, die Zutaten stammten selbstverständlich aus Region und Saison, waren zum Teil sogar containert: Marinierter Seitan an Zwiebelsud, dazu grüner Salat mit Bananenstreifen. Der Kochaktivist Wam Kat stand zunächst am Herd und saß anschließend auf dem Podium. Die hungrigen Teilnehmer hatten sich vorher in Workshops über die Kakaoernte in Ghana und Landraub in Argentinien aufgeregt oder urbane Gärten bewundert. Auf dem diesmaligen Herbstspektakel drehte sich nämlich unter der Überschrift Burger, Bauern und Banditen vier Tage lang alles um eine gerechte Welternährung – und was ich, du, wir dafür tun können.

    Gesamtstrickwerk. Einige Monate vor dem Herbstspektakel trugen schwarz gekleidete Aktive in mehreren Fußgängerzonen symbolisch alte Schlager zu Grabe, deren Inhalte durch den Klimawandel bedroht sind. Die Trauergemeinde versammelte sich um einen Schaumstoffgrabstein mit der Inschrift „Lieder, die wir liebten“; White Christmas und Tulpen aus Amsterdam schallten durch die Straßen Niedersachsens. Dieses Beispiel zeigt: Wer Projektideen hat – egal, ob provokativ, todernst oder zum Lachen – kommt bei JANUN vorbei und findet Unterstützung. Unter anderem startet bald die Kampagne KlimAktiv, mit der man andere Jugendverbände zu klimafreundlichen Veranstaltungen und Reisen bewegen möchte. Die meisten Jugendlichen seien ein bis zwei Jahre aktiv, erzählt Katrin Reinecke, ein gutes Dutzend verheddere sich gern über längere Zeit im Netz.

    Zukunftsspinnereien. Immer wieder spähen neugierige Umweltengagierte aus anderen Bundesländern über die Landesgrenzen. Dennoch: Nachahmer für das Jugendumweltnetzwerk sind bislang landauf und landab nicht in Sicht. Man muss sich wundern: Warum gibt es kein JANRWUN, kein JANUBB, kein JANUMV, kein JANUBW? Sind doch von Sachsen bis ins Saarland allerhand Reiher, Bienen und Kröten noch akuter vom Aussterben bedroht als die Lieder, die wir lieben.
    Josefa Kny
    21. Februar 2013
    www.janun.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 401-maifeld-derby

    Grüne Saiten

    Musikfestivals sind selten ökologisch, doch müssen sie keine Tour de Force für die Umwelt sein. In Mannheim verändern Musikliebhaber die Vergnügungskonsummaschinerie nachhaltig. Treten Sie ein in das Paralleluniversum Greener Maifeld Derby!

    Tanzende Hufeisen

    Musikfestivals sind selten ökologisch, doch müssen sie keine Tour de Force für die Umwelt sein. In Mannheim verändern Musikliebhaber die Vergnügungskonsummaschinerie nachhaltig. Treten Sie ein in das Paralleluniversum Greener Maifeld Derby!
    Neuostheim ist so ein Ort, den Automobilisten schon während des Daran-Vorbeirauschens wieder vergessen. Aber zwischen Autobahnzubringer, Industriegebiet und Weidewiesen versteckt liegt für einige gemächlicher Gesinnte das Ziel: Das MVV-Reitstadion in Mannheim-Neuostheim, wo normalerweise Galopper ihre Runden drehen. Normalerweise, denn seit 2011 schlägt hier für ein Wochenende im Jahr das Musikfestival Greener Maifeld Derby seine Zelte auf. Von diesen trennt dann nur noch die bewachte Maschendrahtzauntür – nichts wie durch.

    Von hippiesk bis high-fashion-gewandet schlängelt sich das Festivalvolk vor dem Einlass. Gegenüber wird der Fahrradparkplatz stark frequentiert, wohingegen das Schotterareal für Pkws fast leer bleibt. Zur Autoreduktion organisiert die Festivalleitung Shuttle-Busse und kooperiert mit einer Onlineplattform für Mitfahrgelegenheiten. Nur noch schnell das Festivalticket für 39,50 Euro kaufen (eventuell auch ein Campingticket für acht Euro plus Mülldepot für fünf), das Textilbändchen ums Handgelenk schnallen und dann zum Taschencheck. Damit wäre der Übergangsritus absolviert.

    Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Greener Maifeld Derby nicht von anderen laut-matschigen Festivals. Dass es in Sachen Technik, Essen und Material dennoch voller grüner Alternativlösungen steckt, bleibt für die Besucher unsichtbar. Die Konzerte sowie die Lesungen und Filme des kooperierenden Kurzfilmfestivals Zum Goldenen Hirsch laufen parallel auf vier Bühnen. Auch wer sich zuvor aus dem umfangreichen Programm einen fein getakteten Tagesplan aufgestellt hat, unterliegt vor Ort den mysteriösen Gesetzmäßigkeiten der Anziehungskraft. Diese entfalten sich schon während des ersten Konzerts von Susanne Sundfor. Über der norwegischen Singer-Songwriterin schwingen feine Drahtseile, die genauso wie die LED-Lichter zu ihrem betörenden Gesang konzertiert sind – ein Polarlichtgewitter!

    Derweil wird vor der Open-Air-Bühne der Boden schlammig getanzt, und die Stände aus der Region Rhein-Neckar locken mit leicht verregnetem Essen. Gereicht wird vor allem Vegetarisches. Wer nicht Gefahr laufen will, seine schnieken Limited-Edition-Sneakers zu beschmutzen, legt zum Speisen einen Stopp in der Lounge ein. Nebenan versorgt die selbstgebastelte Zweier-Fahrraddisko die Turntables mit Strom, und am Rande des Zeltplatzes präsentieren sich nachhaltige Initiativen. Zum Beispiel viva con agua, ein Wasserlabel und zugleich ein Verein, dem man seine Pfandflaschen in die Mülltonnen spenden kann. Oder Regiovelo, ein studentischer Obst- und Gemüse-Fahrradlieferdienst, der Langzeitarbeitslosen Beschäftigung verschafft und Abonnenten saisonal Frisches liefert. Diese Aktivisten und ein Evaluationsbogen zum persönlichen Festivalverhalten, der in der Maifeld-Lounge ausliegt, lassen das grüne Konzept des Festivals zur Abwechslung mal sichtbar aufblitzen.

    Zwischen Fadenregentropfen, all den küssenden Mündern und tanzenden Beinen bewegen sich T-Shirts, die ein großes Hufeisen schmückt. Ein Hufeisenträger ist Timo Kumpf, der das Maifeld Derby 2011 ins Leben gerufen hat und, neben seinem bassistischen Tun für die Band Get Well Soon, auch Absolvent der Popakademie Mannheim ist. An seiner Alma Mater traf er auf zwölf Studierende, die (wie übrigens auch er selbst) mit dem Organisieren und Bespielen von Konzerten groß geworden waren und damals gerade ein Seminar zu Nachhaltigkeit in der Musikbranche besuchten. Und weil die Studierenden echtes Festivalherzblut zeigten, war er sofort entschlossen, der Gruppe sein Maifeld Derby für ein Ergrünungsprojekt zur Verfügung zu stellen. Die Berliner Green Music Initiative begleitete den Öko-Relaunch, und schnell fanden sich im Mannheimer Raum auch finanzielle Unterstützer in Gestalt der örtlichen Wirtschaftsförderung, der Projektwerkstatt der Popakademie und der Klimaschutzagentur.

    Seit dem ersten Festivaljahr im Mai 2011 werden auch in den Wintermonaten kleine Konzerte gespielt – in Küchen oder Bars –, um das Budget zu stählen für die Mehrkosten der Klimaverträglichkeit. Dazu mussten viele Rätselspiele der Festivallogistik gelöst werden, zum Beispiel, wie man sich aus Verstrickungen mit den Goliaths der Dienstleisterbranche löst. Aber die Projektgruppe meisterte alle Hindernisse und Schwierigkeiten robust und weitab jeder Ökoromantik. Einer aus der Gruppe, Julian Butz, resümiert, dass die wertvollste Erkenntnis für alle Beteiligten war, wie sehr sich das eigene Handeln in puncto Nachhaltigkeit verändern kann, „wenn man nur mal den Arsch hochkriegt“.

    Festivalkünstler wie We invented Paris stehen hinter dem nachhaltigen Ansatz der Organisatoren: Sie ziehen den Campingplatz dem Hotel vor – auch wenn das bedeuten kann, vom nächtlichen Kopulationssturm im Nachbarzelt geweckt zu werden. Und bei der Fahrradrodeo-Tour strampeln die Musiker im Pulk von 80 Radlern durch Mannheim. Beim Anblick dieser Wandermenagerie geraten einige der an den Straßen stehenden Mannheimer sichtbar in Verzückung. Andere Einheimische schütteln nur den Kopf, als sei es doch eigentlich unmöglich, in Mannheim gefahrenfrei zu radeln.

    Und trotzdem sind vor dem offiziellen Beginn des zweiten Festivaltages alle Rodeoradfahrer unversehrt auf dem Gelände angekommen. Von Müllbergen noch immer keine Spur. Der Einsatz der Radler wird mit einem grandiosen Überraschungskonzert von Tim Neuhaus belohnt. In seinem letzten Lied zitiert der Singer-Songwriter das Urgestein der deutschen Liedermacher, Reinhard Mey: „Was keiner sagt, das sagt heraus, was keiner denkt, das wagt zu denken, was keiner anfängt, das führt aus!“ Danach werden alle Aktiven, Helfer und Musiker zu Tisch gebeten. Geradezu rührend, wie Metzgermeister Kumpf persönlich die vegetarische Lunch-Variante, das Sellerieschnitzel, anreicht, begleitet von Kochkäs', Kartoffeln und Kammermusik. Der kann’s! Und es gibt sicherlich kein stärkeres Mittel zur Veränderung, als zu erleben, dass man etwas richtig gut kann. Bei diesem Derby – so darf man das ganz ökologisch unplugged sagen – zählen neben der umfassend eingebundenen Großfamilie Kumpf alle auf dem Maifeld zu den Könnern.

    Mehr als 3.000 Menschen den Planungsstress eines Wochenendes abzunehmen und feinstes sowie umweltfreundliches Indie-Rock-Programm unter freiem Himmel zu bieten, ist mit keinem dogmatischen Auftrag und keiner CO2-Zahl in Neonschrift zu vergleichen. (Trotzdem soll gesagt werden, dass die im Mai 2012 entstandenen Emissionen im Vergleich zum Vorjahr sogar um ein Drittel reduziert werden konnten – von 14,6 auf 9,5 Kilogramm pro Kopf.) Das Glück, dabei gewesen zu sein, verfliegt übrigens auch auf der Rückfahrt nicht, beim fünften Umstieg mit der Bahn. Bis bald an der Maschendrahtzauntür!
    Vanessa Stahl
    14. Februar 2013
    www.maifeld-derby.de
    www.greenmusicinitiative.de
    Projektwerkstatt der Mannheimer Popakademie

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 400-maria-heubuch

    Runde Philosophie

    Die Milchbäuerin Maria Heubuch lebt vor, was sie seit Jahren für kleine Bauernhöfe fordert. Als Bauernfunktionärin kämpft sie für regionale  Landwirtschaft.

    Die Kämpferin aus Leutkirch

    Die Milchbäuerin Maria Heubuch lebt vor, was sie seit Jahren für kleine Bauernhöfe fordert. Als Bauernfunktionärin kämpft sie für regionale  Landwirtschaft.
    Rapsfelder, soweit das Auge reicht. Jedes Jahr mehr. Agrarfabriken erobern die Landschaft. Je größer die Titanen werden, desto menschenleerer werden die Ortschaften ringsherum, Agrarfabriken bieten wenige Arbeitsplätze. Die Kleinbauern ziehen weg. Sie lassen sich umschulen. Oder sie räumen Regale im Discounter der nächsten Stadt ein. Auf ihren Feldern wachsen nun Monokulturen, und die Natur wird umgekrempelt. Keine Bienen summen  mehr. Keine Insekten, die hüpfen oder krabbeln. Wildtiere ergreifen die Flucht. Den Vormarsch der Agrarindustrie will eine kleine Frau mit großem Willen verhindern – die Milchbäuerin Maria Heubuch aus Leutkirch im Allgäu.

    Der Hof der  Familie Heubuch ist ein Bauernhof nach alter Tradition. Hier fressen die Kühe nur Heu, keine Silage. Früher war das üblich im Allgäu, heute ist es das nicht mehr. Maria Heubuch hat darüber viel zu erzählen. Mit leiser, aber nachdrücklicher Stimme legt sie los.

    „Die Milch ist durch das Heu viel besser“, sagt sie, „sie riecht weniger nach Buttersäure.“ Silage herzustellen sei viel einfacher. Um Heu zu machen, brauche man für längere Zeit gutes Wetter. „Und das Heu riecht so gut!“, lächelt die Landwirtin.

    Maria Heubuch ist Mitte 50 und hat zwei Söhne. Der eine wird eines Tages den Hof übernehmen. Auch das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Die Söhne sind erwachsen und ausgezogen. Der Mutter bleiben die Tiere; dann die Gartenarbeit und ihr Einsatz für einige Vereine. In der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) ist sie seit 14 Jahren die  Bundesvorsitzende. Sie will Natur, Bauern und Landwirtschaft schützen. Sie kämpft für faire Milchpreise, gegen Agrogentechnik, für den Erhalt kleiner Höfe, für eine bauernfreundliche Agrarreform und einiges mehr. Dafür stellt Maria Heubuch sich an Rednerpulte und auf Bühnen, und sie beteiligt sich an Demonstrationen und Kundgebungen. All das schafft sie mit großem Eifer. „Die ehrenamtliche Arbeit ermöglicht mir, die unterschiedlichsten Menschen kennenzulernen und mich mit verschiedenen Meinungen auseinanderzusetzen“, sagt Heubuch.

    Mindestens 1.800 Personen in Deutschland schätzen Heubuchs Einsatz – so viele Mitglieder zählt die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Überwiegend sind das Bauern mit kleinen und mittleren Betrieben, aber auch Studierende, Wissenschaftler und landwirtschaftlich Interessierte. Gemeinsam setzen sie sich für eine nachhaltige, soziale und umweltverträgliche Entwicklung der Landwirtschaft ein. Die AbL informiert ihre Mitglieder und die Öffentlichkeit auf europäischer, nationaler und regionaler Ebene über agrarpolitische Themen und bezieht dazu Stellung – wichtigste Aufgabe des Verbandes ist es, die Positionen von Kleinbauern in der Politik zu verankern. Vera Thiel aus der Verbandsgeschäftsführung unterstreicht die große Beliebtheit der Vorsitzenden: „Sie hat immer ein offenes Ohr, sie ist klar in ihren Ansichten und vertritt sie  mit großer Ernsthaftigkeit.“

    An der Stalltür des Heubuchschen Hofes hängt ein Plakat: Fair Milch. Der Boden ist säuberlich gefegt. Alle Ecken und Ablagen aufgeräumt. In der Nase mischt sich der Geruch  frischen Heus mit dem von Kuhdung. Hhhmm!, schmunzelt Maria Heubuch und zieht ihr frisches Gesicht mit den roten Wangen tiefer in den Mantelkragen – Manche seien da anderer Meinung, sagt sie. Ja, die Kuh hat es mit ihrer Ökobilanz nicht leicht. Sie pupse die Luft kaputt, rülpse sie voll, kille das Klima, klagen manche Veganer und Aktivisten. Was die jedoch ausblenden: eine Kuh kann auch eine Ökostromquelle sein. Gut 100 solcher Stromquellen liegen in Heubuchs Stall. Sie kauen vor sich hin, kullern mit den Augen und muhen die Hausherrin an. Diese streichelt das jüngste Kälbchen und plaudert liebevoll mit ihm.

    Die Gülle ihrer Schützlinge wird vom Stall über ein Rohr zu einer Biogasanlage geleitet und dort gesammelt. Heubuch finde es sinnvoll, wenn die Gülle, die ja sowieso da sei, genutzt werde. „Der Kreis muss sich schließen“, sagt sie oft. Die kleine Biogasanlage reduziert den CO2-Ausstoß des Hofes, entzieht der Gülle einerseits die klimaschädlichen Stoffe Ammoniak und Methan und befreit Familie Heubuch andererseits vom Heizen mit fossilen Energieträgern wie Erdgas oder Erdöl.

    „Es wird oft verkannt, was an wirtschaftlicher Kraft in den kleinen Strukturen steckt“, erklärt Heubuch. „Die kleinen Anlagen haben Charme, weil sie in sich abgestimmt sind.“ Ihre Biogasanlage benötigt am Tag nur eine halbe Stunde Aufmerksamkeit von einer Person. Größere Anlagen dagegen brauchen eine Rundumbetreuung, um ihr wirtschaftliches Potential voll auszuschöpfen.

    Je kleiner der Kreis, desto besser die Übersicht und Kontrolle – Maria Heubuchs Formel scheint insbesondere in der Landwirtschaft zuzutreffen. „Es ist aber zu kurz gegriffen zu sagen, wenn ich nicht im Discounter einkaufen gehe, ist die Welt in Ordnung“, differenziert Heubuch. Am besten man kaufe da, wo man die Herkunft kenne. Heubuch findet ökologische Landwirtschaft wichtig, aber sie predigt keinen Ökopuritanismus. Ihr eigentliches Anliegen ist, dass Landwirtschaft regional organisiert werde. „Selbst ein Biolandwirt kann so einigen Schaden an Kleintieren und Insekten anrichten, wenn er zum Beispiel keine Wechselkulturen betreibt“, fügt sie hinzu.

    Fast die Hälfte aller deutschen Landwirtschaftsbetriebe sind kleine Höfe. Die Anzahl der großen dagegen liegt bei unter zwei Prozent. Sowohl die kleinen als auch die großen bekommen EU-Agrarförderungen in Form von sogenannten Direktzahlungen. Diese werden unabhängig von der Art und der Menge der Produktion gewährt: Je mehr Fläche ein Betrieb besitzt, desto mehr finanzielle Unterstützung erhält er. Auf diese Weise bekommen die kleinen Höfe zusammen nur knapp fünf Prozent der Subventionen. Die wenigen Agrarriesen dagegen streichen zusammen ganze 30 Prozent ein. Das ärgert Maria Heubuch und viele kleine Bauern. Sie wollen die Förderungen an den tatsächlichen Arbeitsbedingungen, an Tierhaltung und Produktion bemessen sehen.

    Maria Heubuch ist von der großen Agrarlobby nicht klein zu kriegen. „Unser Verein ist als Gegenpol wichtig, damit Landwirte nicht als reine Rohstofflieferanten angesehen werden“, legt sie dar. Allein habe die AbL zwar keine Chance gegen die Agrarfabriken, aber in Allianz mit anderen Verbänden könne sie „breiteres Gehör erhalten und die Politik beeinflussen“.

    Im Entwurf der Agrarreform 2013 des EU-Kommissars Dacian Ciolos wird Heubuchs Forderungen teilweise entsprochen. Die AbL begrüßt Ciolos’ Entwurf. „Wenn dieser Vorschlag in Kraft tritt, wäre das ein erster Schritt in die richtige Richtung“, sagt die AbL-Vorsitzende. Die jüngste Wahl hat Maria Heubuch erneut bestätigt, für zwei weitere Jahre wird sie der Arbeitsgemeinschaft vorstehen. Sie freut sich auch, dass ihr Hof bald einen neuen Stall bekommt. Der Neubau wird der Milchbäuerin Heubuch die körperliche Arbeit erleichtern und so der Kämpferin mehr Zeit für die politische Arbeit schenken. Vielleicht schlägt ihre Kreis-Philosophie irgendwann noch einen größeren Zirkel.
    Borjana Zamani
    07. Februar 2013
    www.abl-ev.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 399-oekom-verlag

    Kniffliges

    Manche Lebensläufe sind durch harte Brüche gezeichnet. Es gibt aber auch Biographien, die sich wie selbstverständlich vollziehen und sanft von einem zum anderen Kapitel übergehen. Eine solche Lebensgeschichte soll hier erzählt werden. Wer ist’s?

    Sanfte Transitionen. Ein Personenrätsel.

    Manche Lebensläufe sind durch harte Brüche gezeichnet. Es gibt aber auch Biographien, die sich wie selbstverständlich vollziehen und sanft von einem zum anderen Kapitel übergehen. Eine solche Lebensgeschichte soll hier erzählt werden. Wer ist’s?
    Die Geschichte der männlichen Person, nach der wir hier fahnden wollen, beginnt nicht im Planschbecken einer glücklichen Kindheit, sondern mit einem Schreckensszenario. Als Elfjähriger soll unser Protagonist im Kunstunterricht eine zukünftige Stadt imaginieren, in der sich die Gesellschaft zum Negativen entwickelt haben wird. Der Junge zeichnet rauchende Schornsteine, graue Fabriken und eine völlig vergiftete Umwelt. An einer solch hässlichen Welt werde, so sehen es seine Kinderaugen, allein die chemische Industrie die Schuld tragen; die stelle schließlich all die Grundstoffe her, die qualmen, schwelen, ätzen und vergiften. Damit das schaurige Motiv seines Zeichenblocks nicht real werde, gründet er mit seinen Freunden den Anti-Chemikalien-Club (ACC). Die Kinder wollen aufbegehren.

    Ein konkreter Anlass für die selbstbeauftragten Umweltaktivisten lässt nicht lange auf sich warten: Eine geplante Schnellstraße durch Feldafing am Starnberger See soll auch die geliebte Schlittenbahn kreuzen. Die Kinder demonstrieren, mobilisieren die anderen Einwohner ihres Heimatorts und zählen die Bäume, die der Baumaßnahme im Weg stehen. Das macht die Behörden in der bayerischen Provinz nervös: Kinder haben nicht zu intervenieren! Doch die Anhängerschaft der Chemie-Gegner vergrößert sich, schneller als es jeder chemische Ausdehnungskoeffizient beschreiben könnte, auf 150. Zudem nähern sich die jungen Heimatschützer in einer eigenen Zeitschrift ernsten Fragestellungen: „Warum schmilzt Salz Eis?“, „Warum wäscht Seife?“ Hergestellt wird der ACC-Kurier auf einer alten Matrizenmaschine, und er ist der erste Vorstoß der von uns gesuchten Person in das Verlagsgeschäft.

    Erste Transition
    Weil derlei Aktionen für unsere Hauptfigur mehr Sinn ergeben, als in der Schule auf das Klingeln zu warten, verlässt der mittlerweile 17-Jährige das Gymnasium und beginnt, für die Regionalzeitung Land- und Seebote die Seiten zu füllen. Bald wird ihm dort ein Volontariat angeboten. Er lernt alles über das journalistische Arbeiten, begegnet in der zum Verlagshaus gehörenden Druckerei aber insbesondere dem Bleidruckverfahren. Das Wissen aus dieser Zeit wird ihm später sehr dienlich sein.

    Zweite Transition
    Mit 19 Jahren zieht es den Held unserer Geschichte nach München, sein Auskommen findet er bei der E. F. Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie e.V. Dort trifft er viele Vor- und Querdenker. Er genießt das intellektuelle Klima und die tiefen Gespräche, beispielsweise mit Hans-Peter Dürr, Carl Amery und Ernst-Ulrich von Weizsäcker. Dieses Umfeld war ihm eine „private Universität“, wie unser Protagonist heute sagt. Bei der E. F. Schumacher-Gesellschaft landet er auch seinen ersten beruflichen Coup: Er kann den Vorstand überreden, ihn mit dem Budget des bisherigen (und nebenbei: ziemlich öden) Mitgliederrundbriefes eine richtige Zeitschrift herstellen zu lassen. Das Jahr 1987 wird so zur Geburtsstunde der Zeitschrift Politische Ökologie und zum Beginn der Herausgebertätigkeit unserer Hauptperson.

    Da der Ökologieverein nicht über das nötige technische Equipment verfügt, setzt er die Buchstaben am IBM-Composer eines Seniorenvereins in der Nachbarschaft. Meist bis spät in die Nacht, denn er darf die damals revolutionäre Technik erst nutzen, wenn die Rentner Feierabend haben. Doch die Strapazen zahlen sich aus: Nach zwei Jahren hat sich der Abonnentenkreis so drastisch erweitert, dass die gemeinnützige E. F. Schumacher-Gesellschaft eine solche Geschäftstüchtigkeit gegenüber dem Finanzamt nicht mehr rechtfertigen kann. Ein sachlicher Grund für eine weitere sanfte Transition unseres Mannes: er wird Verleger.

    Dritte Transition
    Die Person dieser Geschichte nimmt seine Politische Ökologie und gründet die Agentur oekom. Dafür kauft er sich den ersten Apple-Computer, der auch Desktop-Publishing kann. Er rekrutiert einen jungen Kommunikationsdesigner, Hans Gärtner, weil er ahnt, dass auch Grafik eine Rolle spielen wird. Das Verlagsgewerbe hat ziemlich an Fahrt aufgenommen, und so tummeln sich in der jungen Firma zeitweise bis zu zwölf Projektmitarbeiter.  Das Jahr 1992 wird für die jungen Geschäftsleute allerdings ein schwarzes: Der Deutsche Umwelttag, für den die Agentur einige Aufträge durchgeführt hat, geht in die Insolvenz. oekom bleibt auf einem Haufen Schulden sitzen und wird mit einem Schulterzucken abgespeist („Unternehmerpech“). Doch der Held dieser Geschichte ist robust und verbucht den Vorfall als eine „Lektion fürs Leben“. Seine Zeitschrift hat er noch, und tatsächlich nutzt er die Politische Ökologie, um sich aus dem finanziellen Sumpf zu ziehen. Mit einem Aufruf sucht er nach stillen Gesellschaftern – und hat Erfolg. Das sonst häufig defizitäre Geschäft einer politischen Zeitschrift rettet dem jungen Verleger die berufliche Existenz.

    Vierte und vorerst letzte Transition
    Die Ökologie soll sein Lebensthema bleiben. Als die Europäische Union 1993 eine Richtlinie für Unternehmen zur Verbesserung ihrer ökologischen und sozialen Performance entwickelt, will unser Protagonist zusammen mit dem Finanzexperten Robert Hassler ausgewählte Branchen evaluieren. Die ärgsten Umweltsünder sollen in einem Negativranking in einer damals neu gegründeten Wochenzeitung öffentlich benannt und so zum Umsteuern bewegt werden. Aus diesem Plan wird nichts, doch die Idee bleibt erhalten: Die nachhaltigen Kriterien werden zunächst für den Finanzdienstleistungssektor formuliert, und mit der Zeit wird aus dem Geschäftsbereich „Öko-Rating“ die Ratingagentur oekom research. Die bewertet heute die Nachhaltigkeit von Unternehmen, Branchen und sogar ganzen Ländern.

    Die Neuorientierung bietet für den verbleibenden Teil der ursprünglichen Firma, die oekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH, die Chance, sich für eine klare Richtung zu entscheiden. Zur Zeitschrift Politische Ökologie kommen sieben weitere hinzu, und im Jahr 2005 wagt sich oekom auch auf das Feld der Buchproduktion. Prompt bestimmt der Geschäftsführer (selbstredend: unsere geheimnisvolle Person), ausschließlich Titel in das Sortiment aufzunehmen, die über Umwelt und Nachhaltigkeit informieren. So ist oekom zu einem kleinen, aber feinen Fachverlag für Ökologie geworden.

    Weil der Verlag mittlerweile seit 20 Jahren im Geschäft ist und sich – allen Unkenrufen zum Trotz – etabliert hat, herrscht in den zwei Etagen in der Münchner Innenstadt Munterkeit und beste Laune. Dass man im Verlag auf ökologische Produktion achtet, ist für alle dort so selbstverständlich wie für die Münchner Wiesn, Weizen und Weißwürst’. Dennoch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass oekom der erste klimaneutrale Verlag Deutschlands war und auch die Initiative Green Publishing initiiert hat. Trotz allen Aktivismus’ ist die Verbindung zu den alteingesessenen Verlagen freundschaftlich herzlich. In Vertriebsangelegenheiten lässt sich oekom beispielsweise vom Hanser Verlag Huckepack nehmen, um bei Großabnehmern wie Thalia oder Hugendubel nicht durch das Einkaufsraster zu fallen. Weil die hier gesuchte Person noch immer von der privaten Universität schwärmt, gibt es im Verlag heute eine für die Öffentlichkeit zugängliche Bibliothek sowie eine Veranstaltungsreihe im „Zukunftssalon“.

    Die biographische Timeline der gesuchten Person weist, wie das gesamte oekom-Verlagsprogramm, in Richtung Zukunft. Sicher werden noch andere sanfte Übergänge folgen. Doch unser Mann ist niemals lost in transition.

    Wer ist’s?

    Auflösung: Jacob Radloff, Geschäftsführer oekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbH
    Dana Giesecke
    31. Januar 2013
    www.oekom.de
    www.oekom-research.com

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 397-dinnerexchangeberlin

    Zufallstafel

    Zwei Frauen sammeln Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, und bekochen damit lange Tafeln von Menschen, die sich gerade erst kennenlernen. 

    Lukullisches Mahl aus Abfällen

    Zwei Frauen sammeln Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, und bekochen damit lange Tafeln von Menschen, die sich gerade erst kennenlernen. 
    Samstags um vier bauen die Gemüsehändler auf dem Berliner Winterfeldtplatz ihre Stände ab. Was vor ein paar Minuten noch wertvolle Ware war, gilt urplötzlich als Müll. In jenem Moment tauchen Sarah Mewes und Sandra Teitge auf. Die beiden jungen Frauen bitten die Händler um Zutaten für ihr DinnerExchange – eine Essenstafel für 30 bis 40 Menschen. An dieser servieren sie ein lukullisches Mahl, zubereitet aus dem, was andere zu Abfall erklärt haben. „Ein Bauer ist davon begeistert und stellt uns immer ein Paket zusammen“, berichtet die 28-jährige Mewes. Als besonders offen erlebt sie auch viele türkische Händler. Schwierig sei es dagegen, in Supermärkten oder Bäckereiketten etwas zu ergattern, auch wenn das Angebot an Überfälligem dort besonders groß ist und viele Mitarbeiter nur sehr ungern Essen wegschmeißen. Abgelaufene Lebensmittel zu verschenken ist diesen Angestellten verboten.

    Die ersten DinnerExchanges fanden im Herbst 2011 in Sandra Teitges Berliner Wohnung statt. Inzwischen kochen die beiden Frauen in öffentlichen Räumen, waren auf der documenta 13 in Kassel und sollen jetzt sogar in Tel Aviv ein Menü aus Weggeworfenem herstellen. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit Lebensmitteln ist den Schulfreundinnen seit ihrer Kindheit vertraut – und wichtig. Sarah Mewes hat als Kind zehn Jahre lang in Togo gelebt und reist auch heute hin und wieder nach Afrika. „Dort kann so gut wie nichts konserviert werden, und trotzdem gibt es keinen Lebensmittelmüll“, erzählt sie. Sandra Teitge ist in der DDR aufgewachsen; auch ihre Familie hat versucht, alles Essbare zu verwerten. Beide Frauen sind sehr weltläufig: Mewes arbeitet als Wirtschaftsjournalistin in London, Teitge hat in Paris und Brighton studiert und organisiert internationale Ausstellungen.

    Die meisten Kochevents finden nach wie vor in Berlin statt. „Auf den Märkten hier bekommen wir immer genug“, berichtet Mewes. Nach ihrer Besorgungstour breiten die beiden alle Zutaten auf einem Tisch aus, um zu entscheiden, was sich daraus herstellen lässt. Schwierig sei es bei sehr großer Vielfalt: Was soll man beispielsweise für 40 Leute aus fünf Bananen, drei Auberginen, vier Birnen und fünf Paprika zubereiten? Auch aus diesem Grund sind die beiden dazu übergegangen, statt eines mehrgängigen Menüs lieber ein Buffet anzubieten. Fleisch und Fisch gibt es nie. „Das hat nicht primär ideologische, sondern rein praktische Gründe: Es soll auf keinem Fall jemandem schlecht werden“, erklärt Mewes.

    Bei der Speisenplanung ebenfalls zu bedenken sind die konkreten Bedingungen vor Ort. „Das ist manchmal eine große Herausforderung“, sagt Sarah Mewes und streicht ihre schwarzen Locken zurecht. Im Kunstraum Kreuzberg etwa, wo sie schon mal ein DinnerExchange ausgerichtet haben, gab es weder einen Ofen noch geeignete Arbeitsflächen. Deshalb nutzten Mewes und Teitge die freigeräumten Computerarbeitsplätze zum Schnibbeln, bereiteten das Essen auf zwei Kochplatten zu und verwendeten ein Bücherbord als Zwischenablage für ihre Köstlichkeiten. Am Abend servierten sie diese an einer langen, mit Blütenblättern geschmückten Tafel. Erst gegen Ende setzten sie sich dazu. Die 100 bis 400 Euro Spenden, die am Ende eines solchen Abends zusammenkommen, leiten die beiden Frauen weiter an Vereine, die Kochkurse für Kreuzberger Kinder veranstalten oder auf einem öffentlichen Dach Kräuter und Gemüse anbauen.

    Einen Großteil der Gäste kennen die beiden Frauen nicht – die meisten melden sich per Email oder über facebook an. Doch auch ihre Eltern und deren Freunde waren schon dabei. „Die waren erst skeptisch, weil ich in meiner Familie nicht gerade als gute Köchin bekannt war“, erzählt Mewes belustigt. Doch eigentlich seien immer alle sehr angetan – das bestätigen auch die Eintragungen auf der Homepage.

    Die Verschwendung von Lebensmitteln ist ein häufiges Thema der Tischgespräche. Doch den Vorschlag, das DinnerExchange mit einem entsprechenden Vortrag einzuleiten, lehnen die beiden Initiatorinnen strikt ab. „So was ist uns viel zu moralapostelig“, sagt Mewes. Sie sieht das Ganze vor allem als kulturell-kulinarischen Event, bei dem sich Menschen kennenlernen und gegenseitig inspirieren. Wenn sie Kritik hörten, dann ginge die noch in eine andere Richtung, erzählt sie: „Viele meiner Freunde finden das zu hip und trendy.“ Die beiden Resteköchinnen selbst sehen ihr Engagement gelassen. Für sie ist DinnerExchange weder ein wirtschaftliches Konzept noch eine Lösung für irgendetwas, sondern bestenfalls ein „Bewusstseinsvehikel“. „Ich finde es schön, etwas zu tun, was andere Leute glücklich macht,“ bilanziert Sarah Mewes ihr Tun. Und Lebensmittel nicht wegzuschmeißen sei ja nun wirklich nichts Revolutionäres. „Meine Oma würde sagen: Das liegt doch auf der Hand.“

    Die Idee zum DinnerExchange haben Mewes und Teitge von einer Freundin in London übernommen; ebenso den Einfall, am Ende Spenden einzusammeln und an ein Projekt weiterzugeben. Manchmal müssen die Freundinnen Nudeln, Öl oder Gewürze zukaufen. Die Kosten dafür zweigen sie von den Einnahmen ab; ansonsten verdienen sie nichts. Das stört sie keineswegs, betont Sarah Mewes: „Ich fall’ gerne ins Bett mit dem Gedanken, dass ich was Schönes getan habe.“
    Annette Jensen
    24. Januar 2013
    www.dinnerexchangeberlin.wordpress.com

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 395-reditum

    Kurswechsel

    Was haben ausrangierte Einwegholzpaletten, Fahrradschläuche und Seesäcke gemeinsam? Richtig, sie bewegten alle schon etwas durch die Welt. Das junge Unternehmen reditum macht an dieser Stelle aber noch keinen Halt und bringt diese spurenreichen Gegenstände wieder auf Touren.

    Seesäcke auf Landgang

    Was haben ausrangierte Einwegholzpaletten, Fahrradschläuche und Seesäcke gemeinsam? Richtig, sie bewegten alle schon etwas durch die Welt. Das junge Unternehmen reditum macht an dieser Stelle aber noch keinen Halt und bringt diese spurenreichen Gegenstände wieder auf Touren.
    Die Luft aus dem Heizraum drückt sich in jeden Winkel, alles wankt, die Motoren laufen. Ein Matrose hat Glück, wenn er mal eine Nacht durchschlafen darf, ohne um 3 Uhr 45 von einer Übung, einer Notlage oder einem launischen Vorgesetzten geweckt zu werden. Und er ist froh über jedes Stückchen Heimat und persönlichen Komfort, das er bei sich tragen darf: ein Buch, das Lieblings-T-Shirt, Fotoalben, Erinnerungen, vielleicht ein Playboy (ein paar Klischees müssen sein), aber auch Zahnseide oder ein iPod – alles, was ablenkt von der rauen Realität.

    Aufbewahrungsort dieser persönlichen Schätze ist des Matrosen klumpiger Seesack. Er wird herumgeschlörrt, in die Ecke gepfeffert, unter Kojen geschoben und mitunter auch als Kameradenstreich im Meer versenkt. Wenn Not am Mann ist, wird er mühelos um ein paar Funktionen erweitert. Dann fungiert der Sack als Schlafstätte, als Sessel, als Skattisch oder als Schutzwall gegen Wind und Geräusche. Er ist einem jedem Matrosen der wichtigste Besitz, befindet sich doch darin all das, was an persönlichen Gegenständen auf dem Schiff erlaubt ist. Nach der Zeit auf See steht er als Symbol für eine aufregende Vergangenheit und trägt des Besitzers Namen stolz auf seinen Nähten. Dank des robusten Canvasstoffes kann ein Seesack ziemlich viel aushalten. Langlebig, wie er ist, kann er sogar vom Vater an den Sohn vererbt werden. Mit den Seesäcken, die vom Militär ausgemustert werden, wird weniger zimperlich umgegangen; sie landen in einer Verwertungsstelle.

    Hier kommen Marc Rexroth und seine Firma reditum ins Spiel. Der Ein-Mann-Betrieb mit Sitz in Köln hat sich seit 2011 der Idee verschrieben, „Möbel mit Vorleben“ zu produzieren. Und so werden nutzlos gewordene Seesäcke in stylische und hochwertige Sitzsäcke mit dem Namen sessio. verwandelt, die man durchaus in einem Berliner Loft als singuläres und exklusives Möbelelement finden könnte. „Upcycling“ hat der Neologismus-Gott diese Kulturtechnik der Umverwertung genannt.

    Das Konzept funktioniert wegen der ressourcensparenden Grundidee, aber vor allem wegen der Spuren und Geschichten, die sich in die Materialien eingeschrieben haben. Wir Menschen wollen Stories und Hinweise. Es heißt, dass der Drang nach Geschichten in uns genauso stark verankert ist wie das Bedürfnis nach Nahrung und Schlaf. „Diese Spuren sind wichtig und geben Charakter“, begründet Rexroth den Erfolg seiner Second-Life-Objekte. Jedes Stück ist ein Unikat. Auch die Steck-Regalserie moveo. kann sich sehen lassen. Ihre Rohstoffe sind Einwegholzpaletten, wie man sie in jedem Baumarkt findet, Metallverschnittteile aus Schlossereien und alte Fahrradschläuche. Die Regalteile werden, ganz ohne Schrauben und Bohrmaschine, von der Käuferin selbst gesteckt, geklemmt oder gespannt. Für Ikea-Traumatisierte: Das Regal kann jederzeit wieder zerlegt und neu zusammengefügt werden. Famos! Stempel, Kerben und Abschürfungen erzählen von einem Leben vor der Existenz als Möbelstück. Eine Spur wird vom Möbelbauer selbst hinzugefügt: Hat ein Holzarbeiter ein Regal vollendet, verewigt er sich individuell mit einem roten Fingerabdruck – dem Branding von reditum. Phantasie ist hier ein wichtiger Verkaufspunkt. Diese Idee ist sicher nicht neu, hat aber selten so gut ausgesehen.

    Und weil die Versandboxen eines bekannten Formel-1-Rennstalls unbedingt aus afrikanischem Edelholz sein mussten, gibt reditum bald eine auf 333 (Abfall-)Teile limitierte Sonderedition von moveo heraus. Wer jetzt noch an alte, ranzige Sitzklumpen und morsche Bretter denkt, ist schief gewickelt. Der Entwurf zu moveo. – aus dem Lateinischen: ich bewege – ist im Schreinerpraktikum entstanden, zu dem sich Marc Rexroth nach dem Studium der BWL und Sinologie in Köln entschlossen hat. Nachhaltigkeit war für den Heidelberger schon immer ein wichtiges Thema. Die Doppelmoral des „Greenwashing“ diverser Firmen ging ihm gegen den Strich – er will mit seinem Unternehmen zeigen, dass es auch anders, sprich tatsächlich nachhaltig, gehen kann. Und das schafft er nicht nur in Sachen Material. Produziert werden die Möbelstücke in der sozialen Werkstatt WIR gGmbH in Hürth. Hier arbeiten zum größten Teil psychisch kranke Menschen, aber auch Menschen mit körperlichen Behinderungen wird eine berufliche Perspektive ermöglicht.

    „Diese Leute haben auf dem ersten Arbeitsmarkt zunächst keine Chance“, erklärt der Leiter der Schreinerei und soziale Betreuer Norbert Stute. „Erster Arbeitsmarkt“, diesen Begriff muss man sich bei jedem Hören wieder neu vergegenwärtigen. Der erste Arbeitsmarkt ist der „richtige“ Arbeitsmarkt: Da zahlen alle ordentlich Steuern, da lernt man was „Richtiges“, verdient „gutes“ Geld und ist ein nützliches Mitglied der Gesellschaft – so wie Eltern sich das für ihre Kinder vorstellen. Diese Werkstatt also gehört nicht zum ersten Arbeitsmarkt; vielleicht zum zweiten, fünften, 37ten? Weil hier soziale Bedürfnisse im Vordergrund stehen und der APK – Arbeitskreis für psychisch Kranke im Erftkreis e. V. – gemeinnützigen Prinzipien unterliegt, ist der wirtschaftliche Erfolgsdruck geringer als bei profitorientierten Unternehmen. Die Werkstatt ist von keinem Konzern abhängig – sie wird öffentlich gefördert. Hier geht es um Inklusion durch Arbeit und verantwortungsvolles Handeln, untermauert von Respekt, schöpferischem Auffassungsvermögen und einer gehörigen Portion Rheinländischem Humor.

    Das Material für die Möbel muss Schreiner-Designer-Firmenchef Marc Rexroth teils kaufen, teils bekommt er es geschenkt, wie im Fall der alten Fahrradschläuche. Die Fahrradläden sind froh, das alte Gummi los zu sein und erfreut, dass damit noch etwas Sinnvolles passiert. Die Upcycling-Wertschöpfungskette wird bei reditum transparent präsentiert, und so rechtfertigen sich auch die Preise (die Regalserie beginnt beispielsweise bei 69 Euro). Kaufen kann man die Regalserie und Sitzsäcke bisher in ausgesuchten Läden in Köln, Berlin, Hamburg, Heidelberg und Düsseldorf, und natürlich online. Aber das ist erst der Beginn. „Aus alt mach neu“ bekommt hier eine besonders faire, ökologisch sinnvolle und stylische Aufpolierung. Und obwohl die Rechtschreibhilfe von Office Word den Begriff Upcycling noch nicht kennt, verbreitet sich dieser Tage ein zartes Gefühl, dass sich das sehr bald ändern könnte.
    Anika Meier
    17. Januar 2013
    www.reditum.de
    www.wir-ggmbh.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 390-raussmuehle

    Zeitreise

    Frank Dähling suchte nach einer neuen Gesellschaftsform und fand sie in der Vergangenheit. Heute pflegt er die fast 700 Jahre alte Eppinger Raußmühle und schützt die Natur- und Kulturgüter des bäuerlichen Lebens.

    Die wiedergefundene Zeit

    Frank Dähling suchte nach einer neuen Gesellschaftsform und fand sie in der Vergangenheit. Heute pflegt er die fast 700 Jahre alte Eppinger Raußmühle und schützt die Natur- und Kulturgüter des bäuerlichen Lebens.
    Als Künstler und Hippie will er Ende der 1960er-Jahre gelebt haben. Mit Messer und Flöhen im Parka. Mit allem drum und dran: Streit mit der Schule, Streit mit der Kirche, Streit mit der Familie und mit der Polizei. Inzwischen sind die langen Haare und der Zaubererbart weiß; Jeans, Hemd und Lederweste kleiden den 68-jährigen Frank Dähling noch immer.

    An einem sonnigen Herbsttag nimmt er sich Zeit. An diesem Tag wird er kein Heu machen, keine Ziegel auf das Scheunendach legen. Er wird keine alten Häuser archivarisch durchsuchen und keine Installationen für Museen vorbereiten. Er gräbt keine Gegenstände der Vergangenheit aus, um ihrer Geschichte auf die Spur zu kommen. Er schreibt mal keine Gedichte. Auch keine Broschüren über Bauernstühle, Mühlenwerk, Türschlösser oder seine 800 Mausefallen verfassen. Er organisiert keine Veranstaltung, und er gibt kein Seminar. An diesem Tag pflanzt Dähling nicht heimlich Bäume auf das Land seines Nachbarn, und er bastelt auch nicht an seiner Mühle herum. Heute wird er nur erzählen. Von sich, Frank Dähling, dem Hippie, der mal unter Pariser Brücken gelebt hat und schließlich zum Ökobauern geworden ist.

    Frank Dähling pflegt allein und nur mit einfachstem Werkzeug ein bald 700 Jahre altes Mühlwerk in Eppingen und die sechs Hektar Land drumherum. Die Raußmühle ist Museum, Bauernhof, Biotop, Natur- und Kulturoase einer vergessenen Zeit. Fast ausgestorbene Pflanzen finden hier wieder eine Bleibe. Spatzen hüpfen im Hof, Mehlschwalben zwitschern vom Dach. Hühner schlafen auf Bäumen und legen ihre Eier ins Gebüsch. Sie müssen sich aber auch vor dem Fuchs zu verstecken wissen. „Ein Drittel der Produktion darf sich die Natur holen; wenn es mehr ist, werde ich sauer“, sagt Dähling. Allem, was atmet, wächst und sich bewegt, lässt er seinen natürlichen, freien Lauf.

    Brennnesseln und Efeu, Herkuleskraut und Orchideen, jede Pflanze findet hier ihre Existenzberechtigung. „Alles in der Natur hat einen Sinn. Selbst ein Holzapfel, der zum Essen nicht geeignet wäre, ist gut für den Boden“, erklärt der Mühlenherr. Er ärgert sich, dass die konventionelle Landwirtschaft nur auf kurzfristigen Ertrag ausgerichtet ist oder dass Geschäfte Lebensmittel wegwerfen. „Meine Hühner bevorzugen Biobrot“, scherzt er. Des Abends holt er für seine Tiere Lebensmittel aus dem Supermarkt, die sonst auf dem Müll landen würden.

    Doch nicht nur die Natur beschäftigt den weißhaarigen Mann. Er erzählt, fast ohne Luft zu holen: Dass er durch die Polizei politisiert wurde, wie er vor Avignon beinahe verhungert wäre, dass er den Schriftzug „Weder Gott noch Herr“ auf dem Parka trug, wie er in Heidelberg seine Magisterarbeit verbrannte („Ein Revolutionär braucht keine Papiere!“) und wie er festgenommen wurde, weil er nach dem Tod einer Angehörigen der RAF eine weiße Leinwand durchschoss und sein Werk Die Ermordung von Petra Schelm nannte.

    „Dann, um 1975, erkannten wir, dass die Revolution nicht stattfinden wird. Was sollten wir jetzt machen?“, erinnert sich Frank Dähling. In ganz Europa sucht er nach seinem Platz, und am Ende kehrt er zu seinen Wurzeln zurück, nach Deutschland. Zusammen mit zwei Freunden übernimmt er die Eppinger Mühle, die damals noch ein Autoschrottplatz ist: „Das war eine unrettbare Ruine, und wir waren drei langhaarige Freaks: Mephisto, Wolfi und ich.“

    Die „Minikommune“ lebt nicht lange. Bald führt jeder den antikapitalistischen Kampf auf seine Weise. Mephisto macht eine Drogenkarriere, dann wird er Tierpädagoge. „Heute sitzt er am Meer und raucht seinen Joint“, erzählt Dähling. „Wenn der pfeift, hüpfen die Hunde vor Freude. Und die Besitzer geben ihre Hunde bei ihm in Therapie.“ Aus Wolfi sei ein gescheiterter Alkoholiker geworden.

    Anfangs mit seinen beiden Kumpanen, später zusammen mit Wandergesellen, die für Kost und Logis arbeiten, lässt Frank Dähling die Eppinger Raußmühle, die Scheune, das Wohnhaus, verschiedene Dächer und einen Brunnen aus dem Schrott auferstehen. Heute kümmert er sich um die Wiesen und Weiden, um 45 Schafe, zwei Ziegen, einen Haufen Hühner, Enten und Gänse, um ein paar Bienenvölker, die in alten Körben herumsummen, um Hund und Katze.

    Der Verkauf ist nicht das Ziel seiner Landwirtschaft. Das Meiste wird verschenkt oder für die Gesellen verkocht. Denn „wenn die Burschen kommen, dann gibt es kein Essen vom Supermarkt. Da wird eine Ziege geschlachtet und Käse von den Schafen verzehrt“, berichtet Dähling stolz. Derzeit plant er einen traditionellen Schafsstall. Und wieder hofft er auf die Hilfe von Gesellen auf der Walz. Andere Bauern sind nicht immer mit seiner Art einverstanden: „Brennnesselwirtschaft“ nennen sie die Methode, mit der Dähling sich seit 37 Jahren dem Schutz der Natur widmet. Oder sie beneiden ihn um seine Helfer, scherzt der Mühlenwirt.

    Fünf Stunden lang erzählt er; keine Spur der Erschöpfung in seiner klaren, junggebliebenen Stimme. Nur einmal hält er kurz inne, serviert einen Espresso und eine Brezel, dann rollt er seine Geschichte weiter aus. Er sitzt an einem runden Tisch im Hof, neben dem Brunnen, der schon vor sieben Jahrhunderten an dieser Stelle stand, und schwärmt von der „verschwundenen Zeit“. Seine kräftigen, festen Finger trommeln ab und zu auf die Tischplatte, und seine Augen wandern zu den Hühnern und Enten, die an ihm vorbeiwatscheln. Immer wieder lenkt ihn das tierische Geschehen kurz ab. Da trippelt gerade das blinde Huhn Frida, das er gesondert füttern muss. Dort wackelt eine 18-jährige Gans in einer Reihe mit der indischen Gänseschar, die sie adoptiert hat. „Ein Bild für die Götter“, freut er sich und kommt zurück zu seiner Erzählung.

    „Das Ganze hier ist ein Lerntheater“, sagt der Mühlenherr. Er kämpft dafür, dass sich das Mühlwerk wieder dreht. Es werde zwar keine Arbeit mehr verrichten können, doch sei es ein Kulturdenkmal. In den vielen Jahren Bauzeit hat Dähling auf dem Gelände mittelalterliches Kopfsteinpflaster und einen Haufen andere historische Funde ausgebuddelt. Er sammelt alles, was an das frühere bäuerliche Leben erinnert, und erforscht dessen Geschichte. Er ist selbstausgebildeter Volkskundler: über jedes Tier, jede Pflanze, jede Tonscherbe kann Dähling referieren.

    „Ich weiß, dass die Welt nicht zu retten ist“, sagt er schließlich. „Aber die Eppinger Raußmühle ist ein verzweifelter Versuch, ein winziges Stück Natur zu retten und sie dem natürlichen Gang der Dinge zu überlassen. Das ist Partisanentum.“

    Selbst die Pfütze vor dem Eingang der Mühle steht für ihn unter Denkmalschutz. „Die tiefen Spuren im Boden, die Regenwasser sammeln, zeugen von der Vergangenheit der Mühlerei“, erklärt er, „denn genau hier haben früher die Karren zum Aus- und Beladen angehalten.“ Außerdem seien Pfützen auch heute für Insekten und für Schwalben wichtig.

    Frank Dähling wird ein wenig wehmütig bei dem Gedanken, dass er auch in dem vor drei Jahren gegründeten Förderverein noch keinen leidenschaftlichen Nachfolger für sein Werk gefunden hat. Vorerst hütet und pflegt er sein Natur-Kultur-Museum allein. Er ist das Museum.
    Borjana Zamani
    10. Januar 2013
    www.raussmuehle.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 389-werkbox3

    Boxenstopp

    In der Münchner WerkBox³ werden Wissen, Werkzeuge, Maschinen und Materialien geteilt. Die offene Werkstatt bietet Handwerkerinnen und Bastlern unendlich mehr als nur eine Alternative zum Hobbyraum.

    Gemeinschaftswerkstatt

    In der Münchner WerkBox³ werden Wissen, Werkzeuge, Maschinen und Materialien geteilt. Die offene Werkstatt bietet Handwerkerinnen und Bastlern unendlich mehr als nur eine Alternative zum Hobbyraum.
    Seine rüstige Statur, sein weißer Bart und das von der rauen Natur gegerbte Gesicht lassen an einen Seemann denken – an so einen, den man sonst nur aus dem Bilderbuch oder von der Fischstäbchenverpackung kennt. Und in der Tat kommt Detlef Schmitz aus Ostfriesland, ist hinter dem Deich aufgewachsen und ganze sieben Jahre lang zur See gefahren. Schlosser und Maschinenbauer hat er gelernt, er ist mit einem alten Auto durch die Sahara gefahren, war auf Montage an der Westküste Afrikas, und schon mehrfach hat er mit einem selbstgebauten Solarfahrzeug Australien durchkreuzt. Eine Weile lang war er auch angestellt, unter anderem bei Siemens in München. Dort fühlte er sich aber schnell fremdbestimmt und strich die Segel.

    Seine Abenteuerlust ist noch lange nicht zerschellt, und doch ist der Ort seines neuen Projekts fix: Am westlichen Ende Münchens hat Schmitz in einer Industriehalle ein Zentrum für gemeinschaftliches Handwerken und Produzieren eingerichtet. WerkBox³ heißt das Projekt. Die dritte Potenz steht für Volumen, geht es doch darum, einen Raum für Experimente, Phantasie und Selbstbestimmung bereitzustellen. Hierher möchte Schmitz die Heimwerker-Eremiten locken, die sonst zu Hause allein vor sich hinbasteln. Außerdem stehe ja schließlich nicht jedem Münchner ein eigener Hobbyraum zur Verfügung, und Stadtmenschen fehle häufig die notwendige technische Ausstattung – von den handwerklichen Fähigkeiten ganz zu schweigen.

    Künstler, Laien und (Halb-)Profis, Bastlerinnen und Familien teilen sich in Schmitz’ WerkBox³ Wissen und Materialien. Einen Werkzeug- und Maschinenpark gibt es auch; ob mechanisch oder elektrisch angetriebene Geräte – alles da. Hier wird geschweißt und gesägt, gekantet, geschnitten, geschliffen, getöpfert. Holz, Metall und Keramik können verarbeitet werden, es gibt eine Schneiderei und ein Foto-Labor. Man kann Töpferkurse und eine Siebdruckwerkstatt besuchen und so ziemlich jede weitere Form des Handwerks erlernen.

    Die Crew der WerkBox³ besteht aus Landratten. Da gibt es zum Beispiel „Holzschneider“ Ede, der alte Schubladen sammelt und um diese herum neue Schränke schreinert. Ein Schweizer hat sich eine Siebdruckmaschine gebaut, mit der er T-Shirts verziert – vom Verkauf lebt er mittlerweile. Ein anderer WerkBoxer ist eigentlich Elektroingenieur; in der großen Halle verwirklicht er sich als Lichtkünstler. Harald, der Eisenschnitzer, verarbeitet Metallschrott zu Kunstobjekten. Zwei Tischler bauen aus Bambusrohren Fahrräder, und Markus hat einen Würfel konstruiert, um das Minimum an vom Menschen benötigten Wohnraum auszuloten. Stephanie Schmitz, die Tochter des WerkBox3-Gründers, ist für die Verwaltung zuständig. Für Grafik, Illustration, Druck und Fotografie auch – hier sind die Aufgabenbereiche alles andere als eng.

    Wer regelmäßig herkommen und hier arbeiten möchte, muss in der Halle eine eigene kleine Kajüte anmieten. Das sind aus Euro-Paletten und Brettern zusammengebaute Kisten, die es in drei Größen gibt: „Hasenstall“, „Maxi Box“ oder „Langer Lulatsch“. Diese Verschläge sind für die Aufbewahrung persönlicher Dinge und Werkzeuge gedacht, natürlich auch für die Erzeugnisse handwerklichen Geschicks. Mit dem WerkBox³-Vertrag erhält jeder Mieter die Berechtigung, die gesamte Werkstatt zu nutzen. Detlef Schmitz untermauert: „Jeder hat einen eigenen Schlüssel. Jeder kann kommen und gehen, wann er will.“

    Individuelle Freiheit liegt dem WerkBox³-Gründer und früheren Seefahrer sehr am Herzen, doch er betont: „Der Einzelne sollte sich auch für das Gesamte verantwortlich fühlen. Hier geht es um Gemeinsinn.“ Deswegen weigert sich Schmitz, die Chefrolle auszufüllen. Er rudert mit den Armen und donnert: „Ich kann gar kein Chef sein. Ich bin ein Chaot! Wer einen Chef vor der Nase braucht, möchte nur keine eigene Verantwortung übernehmen.“ Deshalb legt er Wert darauf, dass sich die gesamte Mannschaft einmal in der Woche trifft. Bei dieser Vollversammlung planen die WerkBoxer gemeinsame Aktivitäten und Veranstaltungen: Flohmarkt, Konzerte, Ausstellungen, Radieschen pflanzen. Das Plenum steht allen Interessierten offen, ganz egal, ob sie bereits eine „Maxi Box“ angemietet haben oder noch nie einen Hammer in der Hand hatten.

    Heute wird die Halle auf dem Gelände der Kultfabrik am Münchner Ostbahnhof von einem Vater und seinem dreijährigen Sohn besucht: „Ist das hier ein Laden?“, will das Kind wissen. Schmitz holt aus: „Nee, das ist kein Laden! Hier kannst du zum Beispiel Fahrräder reparieren, Jung!“ Die Deutsche Bahn schenkt der WerkBox³ nämlich nicht nur Euro-Paletten für den Bau der Kajüten-Boxen, sondern ebenso Fahrräder, die an Bahnhöfen nach längerer Zeit nicht abgeholt werden. Darunter auch solche, die beschädigt oder völlig funktionsuntüchtig sind. Sie werden in der Gemeinschaftswerkstatt demontiert und zu Lastenfahrrädern und Rikschas umgebaut. Wie man das macht, kann man hier in Kursen lernen. All das sei bitteschön nicht als Bastelei abzutun. „Wenn man etwas über Wind- und Solarenergie, alternative Mobilität und Upcycling erfährt, kann man das getrost als Fort- und Weiterbildung bezeichnen“, stellt der WerkBox³-Gründer klar. Weil es neben der Selbstbefähigung auch um einen anderen Umgang mit Ressourcen geht, stammt das Material der Handwerksprojekte zum größten Teil vom Gelände der Kultfabrik. In dem alten Industriekomplex haben sich über 140 Firmen angesiedelt, darunter Ausstellungsräume und Diskotheken – da fällt buchstäblich eine Menge Holz an.

    Der dreijährige Tagesbesucher wird quengelig und zieht an der Hand des Vaters. Aber Detlef Schmitz ist nicht mehr zu stoppen: Die WerkBox³ sei ein Treffpunkt der Generationen – Offene Werkstätten seien Orte des praktischen Tuns – Hier würden traditionelle Kulturtechniken bewahrt, Alternativen zur Konsum- und Wegwerfgesellschaft eröffnet – Man lerne im eigenen Rhythmus und könne Talente und Neigungen entdecken... Der Junge hat es längst geschafft, seinen Papa aus dem Bauch des WerkBox³-Dampfers auf die Straße zu schieben. Schmitz gesteht ein: „Nun ja, der Bub ist vielleicht noch ein bisschen zu jung. Ich merke aber, dass es der Jugend in unserer Zeit an Zuversicht fehlt.“ Und: „Die meisten unter uns genieren sich, weil sie Angst haben, sie könnten sich blamieren. Wer ständig daran denkt, nur nicht auf die Schnauze zu fallen, bleibt stets unterhalb seiner Möglichkeiten.“ - Das Matrosenleben lernt man nicht durch Übungen in einer Pfütze, lautet ein alter Seemannsspruch, der das gleiche meint.

    Deswegen will Schmitz als nächstes eine Zukunftswerkstatt initiieren. Dort sollen sich junge und alte Menschen Gedanken über eine gemeinsame Zukunft machen. Ein Architekturmodell dafür hat der passionierte WerkBoxer bereits gebaut. Radikal angeordnete Bambusrohre überfordern die Sehgewohnheiten und lassen den futuristischen Entwurf wie ein Raumschiff erscheinen. Damit macht Schmitz auch architektonisch einen Schritt in Richtung Zukunft: Vom Schiff zum Raumschiff. Vorerst aber muss er seinen WerkBox³-Dampfer auf Kurs halten. Ahoi!
    Andreas Tobias
    20. Dezember 2012
    www.werkbox3.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 386-margrit-kennedy

    Monetaria

    Margrit Kennedy, Vordenkerin in punkto Parallelwährungen, kritisiert den Zinseszins als Wachstumstreiber und entwickelt Alternativen.

    Die blühende Artenvielfalt des Geldes

    Margrit Kennedy, Vordenkerin in punkto Parallelwährungen, kritisiert den Zinseszins als Wachstumstreiber und entwickelt Alternativen.
    „Ein Mischwald ist stabiler als eine reine Fichtenschonung“, sagt Margrit Kennedy und schaut durch ihr Fenster, Richtung Bäume. „Und so brauchen wir statt der Monokultur des Euro auch eine Artenvielfalt des Geldes!“, ruft sie leidenschaftlich. Die 73-jährige emeritierte Professorin wirkt viel jünger, als sie ist; sie redet gerne temperamentvoll. An einer Wand in ihrem Büro hängt eine Tafel voller Blüten, die diese Artenvielfalt demonstrieren – im deutschsprachigen Raum gibt es mittlerweile 28 funktionierende Regiogelder und Parallelwährungen. Willkommen in der dezentralen Zentrale der Geld-Neu-Erfindenden! Willkommen im Headquarter der Money Network Alliance (MonNetA) und der Initiative Occupy Money!

    Talente. Eine der Komplementärblüten trägt den Namen „Talent“. Wer mit diesen Scheinen Tausch betreibt, möge sich bewusst werden, wie viele Talente er oder sie selbst besitzt, wünschen sich die Initiatoren aus dem österreichischen Langenegg. So wie die begabte Margrit Kennedy. 1939 in Chemnitz geboren, hat sie jahrzehntelang als Stadtplanerin, Ökologin, Architekturprofessorin, Referentin für öffentliche und internationale Angelegenheiten gearbeitet, unter anderem in Nigeria, Schottland und den USA. Bei der Internationalen Bauausstellung in Berlin 1987 entdeckte sie, dass sich die Ökosiedlungen, die sie damals entwarf, ökonomisch nicht rentierten. Denn in den betriebs- und volkswirtschaftlichen Rechnungen spielten weder Naturzerstörung noch Naturerhalt eine Rolle. Aus dieser Erkenntnis sprießte ihr monetäres Engagement; heute ist Margrit Kennedy die wichtigste Vordenkerin alternativer Geldformen in Deutschland. Dass sie nicht „vom Fach“ ist, sieht sie als Vorteil: Sie könne viel unabhängiger denken als die sogenannten Wirtschaftsexperten. Dass diese die Grundparadigmen der Zunft akzeptieren, ist für Kennedy geradezu unausweichlich: „Wenn sie den Zinseszins infrage stellen würden, könnten sie in dieser lukrativen Branche nicht mehr arbeiten. Oft profitieren Fachleute am meisten von dem Chaos, das sie anrichten.“

    Sterntaler. Im Zinseszins sieht Kennedy das größte Übel. Der zwinge Kreditnehmer wie -geber in eine irrwitzige Wachstumsspirale, erläutert die Autodidaktin. Weil Schulden wie Guthaben exponentiell wachsen, könne unser Geldsystem immer nur kurz- und mittelfristig funktionieren, aber niemals langfristig. Zusammenbrüche seien die logische Folge und das notwendige Korrektiv solcher Selbstbeschleunigung. Und sie zählt auf: Zwischen 1970 und 2007 habe es weltweit 64 Schuldenkrisen, 124 Bankenkrisen und 326 Währungskrisen gegeben. Sei es da nicht besser, nach den Sternen zu greifen und Geld ohne Wachstumszwang zu kreieren? Zum Beispiel mit Hilfe eines Negativzinses, der in bayerische Regiogelder wie den Sterntaler oder den Chiemgauer faktisch eingebaut ist: Sie verlieren an Wert, wenn sie nicht ausgegeben werden – beim Chiemgauer sind es jährlich acht Prozent. Trage jemand Euros und die regionale Parallelwährung im Portemonnaie, sei es also günstiger, den Chiemgauer zuerst auszugeben. Das wiederum verschaffe den lokalen Geschäften, die das Regiogeld annehmen, einen Vorteil; Horten, Gier und Reichwerdenwollen lohnten dagegen nicht mehr. Ist das mit dem Sterntaler am Ende doch kein Märchen?

    Urstromtaler. Margrit Kennedy besitzt einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und teilt gern, was sie hat. Deshalb bringt sie auch der zweite Automatismus des Geldsystems in Rage: die Umverteilung von den Armen zu den Reichen und Superreichen. Fast alle Personen und Unternehmen, die konkrete Produkte erzeugen, brauchten Kredite und müssten den Banken dafür Zinsen zahlen, die dann in die Preise der Produkte hineingerechnet werden, erklärt die Geldexpertin. Im Falle unserer täglich benötigten Güter betrügen die Zinsen ungefähr ein Drittel des Preises; dieser Anteil des Ertrages werde schlicht an die Gläubiger weitergereicht. 90 Prozent der Menschen zahlten wesentlich mehr Zinsen, als sie einnähmen. Und 10 Prozent seien die Empfänger und Profiteure der Zinszahlungen aller anderen, weil ihre Riesenvermögen Riesenzinsmengen abwerfen. In Deutschland betragen diese Gewinne rund 600 Millionen Euro pro Tag, erregt sich Kennedy. Sei es da nicht viel besser, etwa mit zinslosen Urstromtalern zu bezahlen, wie eine Alternativwährung in Sachsen-Anhalt heißt?

    Donautaler. Elbtaler. Havelblüte. Kirschblüte. Roland. So viele Namen für so viele Regiowährungen! Blüten, die von der neuen Artenvielfalt des Geldes zeugen und Kennedys Phantasie anregen. Wie wäre es, wenn Griechenland statt immer neuer unsozialer Haushaltskürzungen eine Komplementärwährung parallel zum Euro einführte? Der zinsfreie „N€URO“, den die Initiatoren des Chiemgauers vorgeschlagen haben, könnte genauso wie ein hiesiges Regiogeld funktionieren und wieder Schwung in die zusammengebrochene Regionalwirtschaft Griechenlands bringen, glaubt die 73-jährige Finanzaktivistin.

    Zinsfreie Banken. Margrit Kennedy, durch und durch unkonventionell denkend und lebend, sprudelt über vor Ideen. Mit ihrem irischen Mann Declan baute sie ab 1985 in der niedersächsischen Weserregion den Lebensgarten Steyerberg auf, wo inzwischen 160 Menschen wohnen. Das Paar sanierte alte Häuser, pflanzte Permakulturgärten, vernetzte Initiativen. Wiewohl inzwischen schon Großmutter, ist Kennedy immer noch fast täglich unterwegs, hält Vorträge an Universitäten, in Kirchen und Schulen, vor Projekten und Parteien. Das Interesse an neuen Geldsystemen sei seit der Bankenkrise von 2008 enorm gewachsen, freut sie sich. Die Menschen hätten es satt, räuberischen Finanzinstituten Geld in den Rachen zu schmeißen. Dabei gebe es Alternativbanken, die seit Jahrzehnten weitgehend zinsfrei arbeiteten. Etwa die Schweizer WIR-Bank oder die seit 1965 bestehende JAK-Bank in Schweden und die Ohne-Zins-Bank in Stuttgart und Umgebung, deren Mitglieder sich untereinander Geld leihen. Die Expertin zeigt ihr Buch Occupy Money, in dem sie solche Alternativen leicht verständlich vorstellt und erklärt.

    Zeitbanken. Die Ökonomie müsse neu gedacht werden, von den Bedürfnissen der Menschen aus, findet Kennedy. In Zeitbanken etwa könnten Dienstleistungen gespart und getauscht werden. Sie verweist auf Japan, wo seit 1995 Pflegeleistungen über das sogenannte Fureai-Kippu-System („Pflege-Ticket“) abgerechnet werden: Jüngere pflegen ältere Menschen, die investierte Arbeitszeit lassen sie sich später als Pflegedienst an der eigenen Person auszahlen. Ein Modell, das im österreichischen Vorarlberg und im schweizerischen St. Gallen Nachfolger gefunden hat. Und die belgische Stadt Gent, erzählt sie, bezahle mit der eigenen Komplementärwährung Torekes für die Dienstleistungen ortsansässiger Firmen.

    Bildungswährungen. „Saber“ – „Wissen“ auf Spanisch und Portugiesisch – bezeichnet eine Bildungswährung, die sich Kennedys Mitstreiter Bernard Lietard ausgedacht hat, ein früherer belgischer Banker, der von Spekulationsgeschäften die Nase voll hatte. Das System, das in Brasilien in Ansätzen erprobt wurde, soll die Anzahl der Studierenden vervielfachen, berichtet sie. Ministerien geben gegen eine hinterlegte Geldsumme Saber-Gutscheine an Schulen aus, mit denen schwächere Schüler stärkere für Nachhilfestunden bezahlen können. Die Bildungsgutscheine wandern immer weiter, bis in die Hände von Schulabsolventen, die damit ihr erstes Semester an den teilnehmenden Universitäten finanzieren können.

    Lebensgartenblüten. Warum hat das blühende Wohnprojekt Lebensgarten Steyerberg keine eigene Regiowährung eingeführt? Sie hätten es versucht, erzählt Kennedy. Aber letztlich habe niemand das selbstverständliche Geben und Nehmen gegeneinander aufrechnen wollen. Die schönste Form von Wirtschaft ist wohl die Nichtwirtschaft – ohne jedes Abrechnen.
    Ute Scheub
    13. Dezember 2012
    www.margritkennedy.de
    www.monneta.org
    www.occupymoney.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 382-ziegenfreunde-dettingen

    Ohne Gezicke

    40 Ziegen pflegen zehn Hektar Land um Dettingen an der Erms, am Fuße der Schwäbischen Alb. Der Verein Ziegenfreunde Dettingen ist der Tiere treuer Begleiter.

    Knabbern am Albrand

    40 Ziegen pflegen zehn Hektar Land um Dettingen an der Erms, am Fuße der Schwäbischen Alb. Der Verein Ziegenfreunde Dettingen ist der Tiere treuer Begleiter.
    Klimper, klimper. Ziegenpopos wackeln eine hügelige Wiese zum Waldrand hinauf. Braune, weißbraune und aschefarbene. Das Fell sauber und glatt. So sieht ein Ziegenhintern aus, wenn er von einer Deutschen Edelziege und einem Burenbock abstammt. Klimper, klimper – die Glocken der Muttertiere geben den Takt an. Mäuler schmatzen, Zähne knabbern und grasen zehn Hektar Land am Dettinger Waldrand zurecht. Alle fünf Jahre wechselt die Herde den Standort und kümmert sich um ein neues Stück Waldrand. Ein Mädchen im roten Mantel steht am Wiesenzaun und bestaunt die Tiere. Die Meute zeigt ihrer Besucherin nur die vier Buchstaben. Hübsche Ziegen, gute Arbeit, kein Benehmen.

    Seit 2005 geht das in Dettingen schon so mit den Ziegen. Davor konnte ihn keiner bremsen, den Dettinger Wald am Fuße der Schwäbischen Alb. Das Gelände uneben, die Pflege teuer, Sprösslinge und Dornen überall. Ziegen könnten den Wald ohne Meckern im Zaum halten, überlegte die Gemeinde. Ziegenzähne machen alle Dornen unschädlich und beißen jeden Sprössling ab.

    Fleißig sind sie, die Ziegen, aber auch zart. Sie kauen mehrere Stunden am Tag und legen sich nur mittags kurz mal hin. Dabei sind ihre Mägen empfindlich. Sie erkälten sich auch schnell, darum kuscheln sie sich bei Regen- und Schmuddelwetter unter einer Holzhütte zusammen. Der Fleiß war der Gemeinde schließlich wichtiger. Sie kaufte einen Bock und einen Stall und bestellte erste Ziegen zum Dienst. Der Dettinger Joachim Buck sollte die Tiere bei ihrer Aufgabe unterstützen. „Am Anfang wollte die Gemeinde, dass ich allein mit den Ziegen die Landschaft pflege – sie wussten, dass ich mich gern mit Ziegen beschäftige. Aber ich wollte nicht den ganzen Tag allein Ziegenhirte sein. Darum habe ich ein paar Leute gefragt und einen Verein gegründet. Wir haben mit 15 Ziegen angefangen“, erinnert sich der heutige Vereinsvorsitzende. Spenden gab es für den Verein der Ziegenfreunde zur Landschaftspflege auch.

    Ein Sonntag im Oktober. Buck steht vor dem Ziegenstall, in festen Lederstiefeln, Jeans und Wollpullover. Er bläst in ein Hirtenhorn. Der Klang verliert sich im Tal. Rundherum rot-gelbe Herbstberge und feuchte Weiden, unten im Ermstal kuschelt sich Dettingen für den Winter ein. Die Ziegen sind nicht da, sie kommen erst im November wieder nach Hause. Heute beleben Musiker den sturmfreien Stall. Sie feiern hier ein Fest und lassen sich von Buck in die Welt der Ziegenfreunde einführen.

    „Zuerst gab es Skeptiker“, erzählt der 42-Jährige, „aber inzwischen kommen Anfragen aus anderen Gemeinden, die uns nachahmen wollen.“ Auch sie möchten die Landschaft mit Ziegen pflegen und als Biotop erhalten. Dieses Vorgehen bietet sich vor allem in Fluss- und Seemarschen und Gebirgslandschaften an, in kleinteiligem oder zerklüftetem Gelände. Etwa 15.000 Ziegen leben und arbeiten in Deutschland als Landschaftsgärtner. Eine Herde mit 50 Tieren ist schon ein „wichtiger Betriebszweig“.

    Tiere, die auf der Weide leben, pflegen die Landschaft und halten Grün-, Weide- und Steppenland intakt, so lehren Experten. Noch dazu entlastet dauerbegrüntes Land die Atmosphäre. Denn nachhaltige Beweidung fördert die Humusbildung. Der Humus wiederum speichert Kohlendioxid und wirkt sich positiv auf die Bodenfruchtbarkeit aus. Buck erklärt: „Da, wo Ziegen sind, wachsen in der Erde auch ganz besondere Pilze, die wiederum den Orchideen gefallen“.

    In Dettingen beknabbern etwa 40 Muttertiere zehn Hektar Natur. Die Ziegenfreunde müssen kaum zufüttern, die Sträucher und Wurzeln sind den Ziegen Nahrung genug. Zwischen drei und 14 Ziegen braucht ein Hektar Land, je nach Lage und Beschaffenheit. „Unser Ziel ist es, den Wald abzubremsen“, erläutert Buck, „aber auch, die Kulturlandschaft zu erhalten.“

    „Der Verein trägt sich finanziell selbst. Durch Mitgliedsbeiträge und Patenschaften“, sagt Buck. Bei der Ziegenmilch bedienen sich die Dettingernicht; diese wird ausschließlich von den Jungtieren konsumiert. Etwa 30 Zicklein werden jedes Jahr vom örtlichen Metzger geschlachtet, das Fleisch verkauft. Zweimal im Jahr geben die Ziegenfreunde ordentlich einen aus: an Himmelfahrt und an Silvester. Dann gibt es Ziegenwürstchen vom Grill und Apfelwein aus der Umgebung für alle. Kinder seien bei den Ziegen, versteht sich, das ganze Jahr über willkommen.

    Buck gurgelt ein Bierchen herunter; natürlich stammt es aus der Umgebung. Dann erzählt er rauchend weiter. Er zeigt auf einen Hügel direkt vor dem Stall – Calverbühl heißt er. „Dieser Hügel war vor fünf Jahren halb verwildert, aber die Ziegen haben ihn freigelegt. Der Wald in Deutschland wird nicht weniger, sondern mehr“, berichtet der Vereinsgründer. Außerdem sei wichtig, dass die Ziegen eben naturschutzkonforme Weidewirtschaft betreiben, anstelle mechanischer Pflegemaßnahmen.

    Das Horn trötet wieder. Die Musiker klopfen Sprüche und haben ihren Spaß. Buck referiert schnell weiter. Er hat wenig Zeit. Vor kurzem sei er zum zweiten Mal Vater geworden. Etwa 50 Stunden in der Woche arbeite er in seinem eigenen Betrieb, der mit Landwirtschaft nichts zu tun habe. Zusammen mit 14 anderen aktiven Mitgliedern hält der Vereinsvorsitzende die Ziegen auf Trab. Sie befreien die Tiere von Würmern, spannen Zäune und bauen Weideunterstände. Etwa alle drei Wochen stehe jeder von ihnen auf dem Ziegendienstplan. Derjenige besuche die Tiere dann morgens und abends, fülle das Trinkwasser auf, schaue nach dem Rechten. Als Buck alles aufgezählt hat, eilt er nach Hause. Die Musiker bleiben allein im Stall. Auch die Ziegen scheinen den ersten Ziegenfreund heute nicht zu brauchen.

    Das Mädchen am Zaun wirft einen Apfel in die Ziegenrunde. Ohren wackeln, Köpfe stoßen im Streit aneinander, Hörner verheddern sich. Die Glocken klirren immer verrückter. Die fleißigen Ziegen sind abgelenkt. Jetzt sind ihnen der Dettinger Wald und die Arbeit egal. Es geht um den Apfel. Die stärkste erkämpft ihn. Sie krempelt die bewegliche Oberlippe hoch, und ihre langen, dichten Zähne schneiden ihn entzwei. Der Apfel kracht.

    Das Mädchen hüpft vergnügt den Berg herunter. Die ganze Ziegenmeute schaut ihr enttäuscht nach. Die Apfelpause ist vorbei. Klimper, klimper.
    Borjana Zamani
    06. Dezember 2012
    www.ziegenfreunde-dettingen.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 383-the-hub

    Personalentwicklung

    Das Hub in Wien ist ein Co-working-Space: ein offener Ort für eine wechselnde Gemeinschaft von ökosozialen Unternehmern, Kreativen und anderen Engagierten. Ein Besuch.

    There’s no working like co-working

    Das Hub in Wien ist ein Co-working-Space: ein offener Ort für eine wechselnde Gemeinschaft von ökosozialen Unternehmern, Kreativen und anderen Engagierten. Ein Besuch.
    In der Wiener Lindengasse 56 liegen zwei Welten direkt übereinander. Wer die untere Tür wählt, findet ein Großraumbüro, in dem sterile Tische eng hintereinander angeordnet sind und alles grau und stickig wirkt. Ein Stockwerk höher betritt man einen völlig anderen Kosmos: Von den Decken baumeln schräge Kronleuchter und bunte Papierkugeln, im Raum verteilt stehen unterschiedlich große Tische, an denen einzelne Menschen mit Laptop oder leise diskutierende Grüppchen sitzen. Sofas in Fensternischen laden zum Zurücklehnen ein, und im Zentrum des lichten Lofts befindet sich eine Theke. Daneben liegen ein paar kleine, mit Notenpapier dekorierte Räume, die zum ungestörten Telefonieren oder Nachdenken einladen. Die Atmosphäre ist konzentriert und zugleich gelassen: ein Ort, an dem Kommunikation und Kreativität zu Hause sind.

    Hub Vienna nennt sich die Etage – einer von inzwischen fast 30 Knotenpunkten in einem internationalen Netzwerk ähnlicher Räume. Im Hub kann man gemeinsam mit Leuten, die einen gerade interessieren, neue Dinge entwickeln, man kann Workshops abhalten oder besuchen, und man kann, ganz profan, einen Arbeitsplatz mieten.Hier sollen sich Menschen wohl fühlen, die zusammen mit anderen den sozialökologischen Wandel vorantreiben wollen. 240 Mitglieder hat der Wiener Hub schon – von der Pinnwand mit deren Steckbriefen lächeln vor allem junge Gesichter, aber auch ein paar Über-50-Jährige sind dabei. Da gibt es Jungunternehmerinnen oder Menschen, die in etablierten Organisationen wie der Caritas für Innovation zuständig sind oder in der Agentur der EU für Grundrechte arbeiten; Solaringenieure, Stadtplanerinnen, einen Banker, der Sozialunternehmen fördert, und Leute, die in Venezuela oder Südafrika Schulen aufgebaut haben und jetzt in Wien neue Pläne verfolgen. Wer Teil der Hub-Gemeinschaft werden will, führt ein „intake talk“ mit einer Person aus dem Leitungsteam. „Kriterium für die Aufnahme ist, ob jemand reinpasst und die gemeinsamen Werte mitträgt“, erklärt Christine Spernbauer, Mitglied des Hub-Teams. Sie zählt auf: „sich einsetzen für gesellschaftlichen Wandel, Nachhaltigkeit, Diversität und Commitment.“ Wie bei vielen im Hub Vienna gehen auch bei der jungen Sozialunternehmerin Deutsch und Englisch häufig durcheinander.

    Alle vier Gründer des Wiener Hub haben Wirtschaft studiert – eine davon ist Sarah Stamatiou. „In Österreich herrscht ja oft eine Kultur des Jammerns. Viele sagen, wie schrecklich alles ist und dass man dagegen nichts tun kann. Da ist es gut zu erfahren, dass man normal ist, wenn man anders denkt“, sagt die Endzwanzigerin. In ihrem Leben vor dem Hub hatte sie immer wieder punktuell in Workshops erlebt, wie intensiv und befeuernd das gemeinsame Denken und Entwickeln sein kann. „Anschließend ist man immer total inspiriert – aber kurz danach verliert sich vieles wieder in einer Bubble.“ Eine Freundin, die anderswo ein Hub besucht hatte, brachte das Quartett um Stamatiou schließlich auf die grundlegende Idee: auch in Wien wollten sie einen festen Ort einrichten, an dem sich Menschen mit ähnlichen Zielen treffen und gemeinsame Projekte entwickeln können. Der Kern der Community baute die Etage gemeinsam aus. Für die Raumgestaltung nutzten die Hub-Gründer zum Großteil Recyclingmaterial – Ehrensache.

    Mike Lanner ist seit gut einem Jahr Hub-Mitglied. Zusammen mit seinem Geschäftspartner importiert er Biobaumwolle aus der Türkei, die in Wien zu maßgeschneiderten Jeans verarbeitet werden. „Immer wenn wir Ruhe für etwas brauchen, kommen wir hierher. Und wenn wir zu blöd für etwas sind, gibt es eigentlich immer jemanden, den wir fragen können“, erzählt der Unternehmer. Inzwischen haben er und sein Kompagnon die Geschäftsadresse ihrer Firma Gebrüder Stitch hierher verlegt. „Draußen gilt fast ausschließlich: Nehmen und geben – oder zahlen. Hier gibt und nimmt man einfach so, ohne direkte Erwartungshaltung“, beschreibt der 34-Jährige das Besondere am Hub. Lanner kommt ursprünglich aus dem Marketing und hat im Co-working-Space vor kurzem den Designer eines Bewässerungssystems für Zimmer-Nutzpflanzen beraten – umgekehrt hat ein Webdesigner die Textilfirma beim Aufbau des Online-Stores unterstützt. „Das hier ist viel mehr als nur ein Raum. Alle sind hilfsbereit und haben was mit Ökosozialem zu tun“, fasst er zusammen.

    Während Mike Lanner fast täglich auftaucht, lassen sich andere Mitglieder nur gelegentlich blicken. Annemarie Harrant und Bettina Steinbrugger haben woanders feste Jobs. Parallel bauen sie hier ihr Unternehmen Erdbeerwoche auf, das biologisch abbaubare Binden und Tampons anbietet. Andere Mitglieder der Hub-Gemeinde kommen nur gelegentlich, zu einer Veranstaltung oder einer Besprechung. Die Mitgliedsbeiträge liegen je nach Nutzung des Angebots zwischen 20 und 300 Euro monatlich.

    Viele Verbindungen entstehen informell und durch Tipps aus der eigenen Community. Wer will, kann aber auch eine Idee oder sein Projekt vor einer größeren Gruppe vorstellen oder zu einer Diskussion einladen. Auch Firmen mieten hier Räume und bieten Veranstaltungen an. Jeden Dienstagmittag mischen die Anwesenden ihre mitgebrachten Zutaten zu einem „sexy salad“ – vor allem für Newcomer eine gute Gelegenheit zum Kennenlernen.

    Das erste Hub hat 2005 in London eröffnet. Inzwischen zählen 4.000 bis 5.000 Menschen auf fünf Kontinenten zur Community. Wie jedes Hub unterstützen auch die Wiener als Paten den Aufbau ähnlicher Projekte in anderen Ländern. Die Bewerber in München und Athen haben die erste Hürde genommen und sind „Kandidaten“, das Hub Bukarest wurde mit Hilfe der Österreicher bereits eröffnet, und in Zagreb gibt es eine Initiative. „Die Zeiten begünstigen uns. Immer mehr Leute sehen es nicht als Verzicht, nachhaltig zu leben, und auch traditionelle Unternehmen stellen sich um“, konstatiert Sarah Stamatiou. Seit es das Hub gibt, macht die studierte Betriebswirtin nicht nur in gelegentlichen Workshops, sondern täglich die Erfahrung, dass ihre Perspektive „normal“ ist. Das Sein bestimmt eben doch das Bewusstsein. Welches Bewusstsein wohl das Arbeiten in der Etage unter dem Wiener Hub hervorbringt?
    Annette Jensen
    06. Dezember 2012
    www.vienna.the-hub.net
    www.the-hub.net

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 380-oldenburger-verschenkmarkt

    Bescherung

    Kein Geld, kein Tausch und trotzdem volle Tüten: Der Oldenburger Verschenkmarkt macht Ausgemustertes zu Geschenken. Ob bedürftig oder bewusst konsumierend, hier darf sich jeder mit kostenlosen Gegenständen eindecken.

    Markt ohne Wirtschaft

    Kein Geld, kein Tausch und trotzdem volle Tüten: Der Oldenburger Verschenkmarkt macht Ausgemustertes zu Geschenken. Ob bedürftig oder bewusst konsumierend, hier darf sich jeder mit kostenlosen Gegenständen eindecken.
    Um zu konsumieren, brauchen wir Geld. Wer keins hat, kann sich auch nichts leisten. Dann gilt: Ohne Moos nix los. Gebrochen wird diese Logik beim Schenken, das auch Mittellosen mitunter zu begehrten Objekten verhilft. Aber die Gabe ist nicht immer selbstlos und liebevoll. Mitunter wird der Beschenkte zu irgendeiner Form von Gegenleistung verpflichtet. Wer kennt das nicht, dass die Großtante hässliche und unbrauchbare Dinge Geburtstagsgeschenke nennt und beim Auspacken ein dankbares Strahlen erwartet?

    Auf dem Oldenburger Verschenkmarkt herrschen andere Prinzipien. Hier dürfen die Beschenkten ihre Gaben selbst aussuchen, niemand erwartet geheuchelte Dankbarkeit, und die kostenlosen Angebote stehen allen offen, ohne dass die eigene Bedürftigkeit in einer entwürdigenden Prozedur nachgewiesen werden muss. „Alles begann mit einer schlimmen familiären Lage in den Siebzigerjahren“, erzählt die Mutter des Verschenkmarktes, Käthe Nebel. „Ich war damals Volksschullehrerin in der Nähe von Oldenburg und wunderte mich, warum zwei Jungen ständig beim Unterricht fehlten.“ Den Grund erfuhr die Pädagogin bei einem Hausbesuch: Die Mutter der beiden Schulkinder war kurz zuvor bei der Geburt des dritten Kindes verstorben, und der Vater – überfordert von der emotionalen und finanziellen Situation – war nicht in der Lage, seinen Söhnen Kleidung zu kaufen. Waren Hemd und Hose nach dem Spielen vermatscht, blieb den Jungen nichts anderes übrig, als zu Hause zu warten, bis die einzige Garnitur wieder sauber und trocken war. Auch die Schule musste deshalb regelmäßig ausfallen. Käthe Nebel konnte die prekäre Lage der Familie nicht untätig ertragen. Die Lehrerin fragte die Klassenkameraden der Brüder, ob sie nicht ausgemusterte Kleidungsstücke abgeben könnten, damit die Halbwaisen den Unterricht nicht verpassen müssten.

    „Es strömte nur so an Sachen, die viel zu schade für die Müllkippe waren“, erinnert sich die heute 82-jährige Käthe Nebel. Die bedürftige Familie war schnell mit Kleidern, Bettwäsche, Handtüchern und Kochtöpfen ausgestattet. Doch was sollte die Pädagogin mit dem Strom an Gaben machen, der auch nach Versorgung der Familie nicht nachließ? „Zuerst hab’ ich alles per Fahrrad und Anhänger verteilt, aber irgendwie war das überflüssig, denn die Sachen verschenkten sich wie von selbst.“ Die überzeugte Antiautomobilistin transportierte massenweise aussortierte Dinge an verschiedene Plätze in Oldenburg, versah sie mit Schildern – „Alles zu verschenken:  Ansehen und Mitnehmen, bitte nichts kaputt machen“ – und sammelte die übrig gebliebenen Geschenke abends wieder ein. Das war die Geburtsstunde des Oldenburger Verschenkmarkts.

    Die One-Woman-Show bedeutete durchaus harte Arbeit für Käthe Nebel. So war es eine glückliche Fügung, dass der Verschenkmarkt im Jahr 1998 fest in der Lokalen Agenda 21 verankert werden konnte. Da bei der Weitergabe von Gegenständen neben der sozialen auch die ökologische Komponente eine Rolle spielt, wurde der Marktzum Herzstück der breiteren Agenda-Gruppe Abfallvermeidung und Ressourcenschutz (Verschenkmarkt). Käthe Nebel konnte sich die Arbeit fortan mit einer Reihe von Freiwilligen teilen. Mittlerweile ist der Markt eine feste Instanz in der Oldenburger Innenstadt und öffnet seine Tore an fünf Tagen der Woche.

    „Ich kann noch so viel von dem Markt erzählen, man muss dort einfach hinfahren, um sich ein Bild vom Schenken in Oldenburg zu machen“, beharrt Käthe Nebel. „Manchmal wird es auch schon mal ruppig in der Halle. Tja, Raffgier steckt in uns allen – so ist das nun mal“, zeigt sie sich nachsichtig. Die Initiatorin kann „ihren“ Verschenkmarkt nur noch selten besuchen; ihr Gesundheitszustand lässt eine Mitarbeit nicht mehr zu.

    Dienstag Nachmittag, kurz vor vier, Halle 5 in der Oldenburger Rheinstraße: Auf der 250 Quadratmeter großen Verschenkfläche ist Unruhe zu spüren. Fleißige Hände räumen die letzten Lieferungen in die Regale, pusten Staub von Büchern und wischen noch mal schnell über die Gläser, die eben noch von einer Familie gebracht worden sind. Gerda Wernicke verschenkt hier seit über zehn Jahren. Sie ist quasi ein Profi im Geben und Nehmen: „Hier kann ich sinnvoll meine Freizeit verbringen und sitze nicht nur zu Hause rum.“ Ein Blick auf die Uhr sagt ihr, dass es gleich los geht – Geräusche, Hektik und Aufregung. „Ist alles fertig? Sind wir bereit?“, versichern sich ihre Kollegen. Ja, denn hier sind gekonnte Verschenker am Werk. Einige Regeln und Tricks wurden im Laufe der Jahre nötig, damit auf dem Markt kein Chaos entsteht. „Jeder darf nur fünf Teile mitnehmen, und bei den elektronischen Geräten müssen die Beschenkten erst sagen, was sie brauchen, dann gucken wir hinter dem Vorhang, ob es das gibt“, erklärt Gerda Wernicke. Dabei zeigt sie auf eine selbst gebastelte Gardinenkonstruktion. Prompt steht ein kleiner Junge an der Theke, seine Stimme überschlägt sich: „Habt ihr die neue PlayStation?“ „Wie bitte, was?“, fragt die ehrenamtliche Verschenkerin. „P L A Y S T A T I O N“, wiederholt der Junge, „zum Zocken“. Das neueste Modell findet sich nicht hinter dem Vorhang, aber Gerda Wernicke bringt eine ältere Konsole zum Vorschein, die der Junge breit grinsend entgegennimmt. Er läuft davon, sein Vater ruft schnell „Danke“ und eilt ihm schon hinterher.

    Die Halle hat noch mehr zu bieten: Bücher warten in Reih und Glied auf eine neue Besitzerin. Wintermäntel, Kinderkleidung, Koffer, Schallplatten, Tassen, Teller, sogar Fahrräder – die Vielfalt der Gaben scheint unendlich. Über 100 Menschen kommen an diesem Tag zum Verschenkmarkt. Ob Arbeiterinnen, Angestellte, Obdachlose, Migrantinnen, Rentner, Studierende oder Kinder, die Beschenkten kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Manche können sich die hier angebotenen Produkte im konventionellen Handel nicht leisten, anderen gefällt der Gedanke, Ressourcen zu schonen: „Warum sollte ich mir neue Bücher kaufen? Ist doch nur Verschwendung, wenn sie danach im Regal rumstehen“, sagt ein Beschenkter.

    Für ihre Leidenschaft und für ihr ehrenamtliches Engagement wurde Käthe Nebel mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Oldenburger Umweltschutzpreis ausgezeichnet. Sie betont: „Beworben hab ich mich für sowas nicht, das kam einfach so.“ Trotz allen Erfolgs wird der Verschenkmarkt seinen Standort jedoch bald verlieren; die Halle ist zum Abriss freigegeben. Wann, weiß niemand, aber die „Agenda-Gruppe ist vorausschauend auf der Suche nach einer neuen Heimat“, berichtet Thomas Ponel, Agenda-Beauftragter der Stadt Oldenburg. Auch an einem anderen Ort wird das Prinzip dasselbe bleiben. „Alles soll verschenkt werden. Geld hat auf dem Markt nichts zu suchen“, bekräftigt Ponel.

    Auf dem Oldenburger Verschenkmarkt wird die Münze umgedreht: ohne Moos ist hier viel los. Gegenseitige Verpflichtungen und Erwartungen spielen keine Rolle, denn hier kann man sich seine Geschenke aussuchen. Davon können Geburtstagskinder oder Großnichten gewöhnlich nur träumen.
    Gitte Cullmann
    29. November 2012
    www.oldenburg.de/?id=128

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 376-pellworm

    Leuchtturmprojekt

    Die Nordsee-Insel Pellworm ist ein Minimodell für die deutsche Energiewende. Heimatverbunden und innovationsfreudig haben die Pellwormer die Energieautarkie erreicht. Eine Inselchronik der anderen Art.

    Wie die Insel, so die Leute

    Die Nordsee-Insel Pellworm ist ein Minimodell für die deutsche Energiewende. Heimatverbunden und innovationsfreudig haben die Pellwormer die Energieautarkie erreicht. Eine Inselchronik der anderen Art.
    Strand, 1634: Weltuntergang. In einer schweren Sturmflut der Nordsee – nicht der ersten ihrer Art – ertrinken über 6.000 Menschen. Das sind zwei Drittel der Bewohner von Strand, wie die große Insel im Wattenmeer vor der nordfriesischen Küste zu diesem Zeitpunkt noch heißt. 1.339 Häuser, 28 Windmühlen und 6 Glockentürme gehen unter, Strand zerbricht. Die Überlebenden schließen sich zusammen und bauen neue Deiche. Auf diese Weise und unter frischem Namen entsteht Pellworm mit seinen reetgedeckten Häusern auf höherstehenden Warften.

    Pellworm, 1825: Schwere Überflutung. Wieder packen die Überlebenden gemeinschaftlich an und erhöhen die Deiche – diesmal auf acht Meter. Denn die 37 Quadratkilometer große Insel liegt einen halben Meter tiefer als der Meeresspiegel. Ihr Boden aber ist gut, auf satten Wiesen weidet Milchvieh.

    Pellworm, 1980er Jahre: Während anderswo Demonstranten gegen Atomkraftwerke Sturm laufen, werden auf der Insel erstmals Windräder (1980) und Solarmodule (1983) getestet. 1989 errichtet der Energiekonzern Schleswag dort Europas größtes Hybridkraftwerk, das Strom aus Sonne und Wind gewinnt.

    Pellworm, 1990er Jahre: Der einzige Arzt auf der Insel, Uwe Kurzke, gründet 1990 zusammen mit Biobauern, Naturschützerinnen, Pastoren und Lehrerinnen den Verein Ökologisch Wirtschaften, um dem strukturschwachen Eiland eine Zukunft zu geben. Fast zehn Prozent der gut 1.000 Einwohner werden Mitglied. Sie entwickeln Ideen und Visionen, initiieren Studien und knüpfen Netzwerke mit anderen Insulanern in Schottland, Dänemark, den Niederlanden und Estland. 1996 entspinnt sich zwischen Frauen aus Pellworm und der estnischen Insel Hiiuma eine „Woll-Connection“: Eine Estin nimmt Pellwormer Schafswolle mit und bringt gestrickte Pullover und Mützen zurück. Ein Bürgerwindpark nimmt 1997 seinen Betrieb auf.

    Pellworm, um 2000: Widerstand gegen die neuen Entwicklungen gibt es auch. Konventionelle Landwirte sehen in den Biobauern einen lebenden Vorwurf; örtliche Politgrößen fürchten um ihre Macht. Mitglieder des Vereins Ökologisch Wirtschaften werden als „Klookschieter“ (Klugscheißer) und „Ökospinner“ beschimpft. Mit seinen Ideen zum sanften Tourismus wird geworben, während der Verein als politischer Gegner behandelt wird. Als Pellworm im Rahmen des Programms Regionen aktiv gefördert werden soll – aufgelegt von der grünen Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast – sorgt der Amtsvorsteher dafür, dass die Nachbarinsel Föhr den Zuschlag bekommt. Der Leiter der Pellwormer Verwaltung hat offenbar das Bedürfnis, den Einfluss von Ökologisch Wirtschaften einzuhegen.

    Der Verein kann deshalb längst nicht alle Visionen seiner Mitglieder verwirklichen; die Direktvermarktung von Lebensmitteln beispielsweise scheitert. Touristen essen Lammfleisch und Äpfel aus Neuseeland, während direkt vor Ort Schafe unter Apfelbäumen grasen. Vor Pellworm gefischte Krabben werden zum Pulen ins Billiglohnland Marokko und wieder zurück geschickt. Feriengäste können außerhalb der Hofläden nirgends heimische Bioprodukte kaufen. Schade, bedauert Matthias Jensen, einer von drei Biolandwirten, die die Milch ihrer Kühe über die Gläserne Molkerei im entfernten Brandenburg vermarkten. Sie hätten verschiedene Versuche gestartet, die Milch im direkten Umfeld der Insel vertreiben zu lassen, seien aber wegen zu geringer Mengen abgewiesen worden.

    Pellworm, 2012: Das grüne Eiland entwickelt sich zum Minimodell der deutschen Energiewende. Die Insel erzeugt über ihre 13 Windkraftanlagen, ein Hybridkraftwerk, zahllose Solardächer und eine Bürger-Biogasanlage mit angeschlossenem Wärmenetz inzwischen doppelt so viel Energie, wie sie selbst benötigt. „Wir sind faktisch eine Kohlendioxid-Senke“, freut sich Vereinsgründer Uwe Kurzke.

    Pellworm ist zur Öko-Insel geworden und zu einer der 100% Erneuerbare-Energie-Regionen; die Grabenkämpfe von früher sind Geschichte. Der neue Amtsvorsteher und Bürgermeister Klaus Jensen ist Vereinsmitglied. Von erneuerbaren Energien, Öko-Tourismus und Biolandwirtschaft erhofft sich der Christdemokrat Impulse für das Gemeinwesen: Wenn junge Familien bleiben, weil sie Jobs finden, muss das Inselkollektiv nicht an Überalterung zugrunde gehen. „Pellworm ist wie ein Dritte-Welt-Land“, analysiert Inselarzt Kurzke. „Unsere 30 Bauernhöfe produzieren jede Menge Rohstoffe und kriegen jämmerliche Preise für ihre Milch. Aber Wind können wir veredeln! Die Gewinne müssen auf der Insel bleiben, sonst haben wir keine Chance.“ Zusammen haben der Bürgermeister und der Arzt einen inzwischen von der Gemeinde verabschiedeten Masterplan entwickelt, wie sich Pellworm bis zum Jahr 2020 zu einer Plusenergie-Insel weiterentwickeln kann.

    Auch frühere Ökogegner haben längst eingesehen, dass sie Don Quijote spielen, wenn sie weiter gegen Windräder ankämpfen. Der Bürgerwindpark im Nordosten, in den 42 Familien investiert haben, ist der größte Steuerzahler der Insel; er soll deshalb im Rahmen des Masterplans noch leistungsfähiger gemacht werden. Elektromobilität und Energieeffizienz sollen ebenfalls gefördert werden, letztere unter anderem mit Hilfe des Zertifikats „klimafreundliche Ferienwohnung“ für entsprechend umgebaute Unterkünfte.

    Sibylle Kelling, die direkt neben dem Leuchtturm ein mit Solarzellen und Sonnenkollektoren ausgestattetes Hotel betreibt, hat ihren Ölverbrauch auf ein Zehntel reduzieren können, „von jährlich 3.000 auf 300 Liter“, sagt sie. „Die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung steht hinter dem Ausbau der erneuerbaren Energien“, bilanziert sie.

    Pellworm, 2013: Ein intelligentes Stromnetz, ein sogenanntes Smart Grid, geht an den Start. Der Energiekonzern E.ON, der andernorts Kohle- und Atomkraftwerke betreibt, testet hier mit dem Projekt Smart Region Pellworm, wie Strom für wind- und sonnenlose Wetterlagen gespeichert und wie der Stromverbrauch gesteuert werden kann. Die Mittel dafür: neuartige Batterietechniken wie „Redox Flow“, die Zwischenspeicherung von Energie in Elektroautos und sogenannte intelligente Stromzähler sowie Speicherheizungen in Privathaushalten.

    Pellworm, 2050: Erneute Weltuntergangsstimmung. Der Meeresspiegel ist mit dem Klimawandel dramatisch angestiegen – eine Bedrohung für viele Nordseeinseln. Die Bewohner von Pellworm aber, an gemeinschaftliches ökologisches Handeln gewöhnt, werden gerüstet gewesen sein – mit neuen Deichen und voller Energie.
    Ute Scheub
    22. November 2012
    www.pellworm.de
    www.oeko-verein-pellworm.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 369-etsy-labs

    Bastel-Business

    Die Berliner Etsy Labs sind Werkraum für Menschen mit Ideen. Wie beispielsweise leere Dosen zu LED-Lampen und Stoffreste zu Sommerkleidern werden, lernen Freunde der Wiederverwertung kostenlos in wöchentlichen Workshops.

    Das Geschäft des Aufhübschens

    Die Berliner Etsy Labs sind Werkraum für Menschen mit Ideen. Wie beispielsweise leere Dosen zu LED-Lampen und Stoffreste zu Sommerkleidern werden, lernen Freunde der Wiederverwertung kostenlos in wöchentlichen Workshops.
    Ein Raum voller Pinsel und Perlen, Stoffe und Farben, Hämmer und Kreiden, Nähmaschinen und Schrauben, Bretter und Wollknäuel. Die gesamte linke Wand, vom Boden bis zur Decke, ein reich gefülltes Regal. Ich schaue mich um, lasse mich auf einen der bunt zusammengewürfelten Retro-Stühle fallen und stütze die Ellenbogen auf den farbbeklecksten Holztisch. Mein heutiges Experiment heißt: Schmuck aus Müll basteln. Das gleiche wollen zwei Dutzend andere junge Damen auch; jede mit einem Sammelsurium aus leeren Putzmittelflaschen, Holzresten, Kronkorken und Stofffetzen vor der Nase. Ich bin in den Etsy Labs, in einem Laboratorium, einer Werkstatt des globalen Unternehmens Etsy.

    Typisch kreatives Berlin: Ich habe die Etsy Labs im Hinterhof eines alten Gewerbehofkomplexes in Berlin-Kreuzberg entdeckt; um die Ecke gedeihen die Prinzessinnengärten, und im betahaus sitzt die digitale Bohème an geteilten Schreibtischen. Seit Dezember 2010 werden in den Etsy Labs Ideen, Zeit und vor allem ein Raum zum Werkeln geboten. Die Mutter des Projekts residiert seit 2005 in Brooklyn, New York City, auf der anderen Seite des Atlantiks. In anderen europäischen Städten wie München, Hamburg oder Zürich finden auch Etsy-Workshops statt, dort allerdings in tageweise gemieteten Räumen. Nur in Berlin und Brooklyn sind die Labs feste, unverrückbare Orte. Und an einem solchen sitze ich nun und frage mich, was Etsy eigentlich ist und will.

    Etsy ist eine Verkaufsplattform für Selbstgemachtes im Internet. Etsy möchte die Weltwirtschaft verändern, die Massenproduktion verbannen, Mikrounternehmen fördern und den Urhebern von Waren Gesichter geben. Im Jahr 2011 erzielte das Unternehmen ein Handelsvolumen von 538 Millionen und den bisherigen Rekordumsatz von 70 Millionen US-Dollar. Das deutsche Pendant dawanda setzte im selben Jahr gerade einmal ein Zehntel dessen um. Nach Mikrounternehmen und Verzicht auf Wachstum klingt es in beiden Fällen nicht.

    In den lokalen Etsy Labs bleibt die Präsenz des global agierenden Unternehmens allerdings dezent. Man kann das geschicktes Marketing nennen oder aktive Auseinandersetzung mit den Werten, auf denen das Ganze fußt: Denn hier steht das Basteln, Selbermachen und Reparieren im Vordergrund. Das Kaufen, auch das Kaufen von Handgemachtem, wird vorübergehend ausgeblendet. Gerade hat die Workshop-Leiterin, eine Goldschmiedin und selbst Mikrounternehmerin, erklärt, was einerseits Schmuck und andererseits Müll bedeuten und wie sie zusammenpassen könnten. Inzwischen bohre ich hochkonzentriert feine Löcher in ein unförmiges Holzstückchen. Meine Nachbarin zur Linken versucht, einen Streifen Müllsackplastik zu einem Kettenanhänger zu verstricken. Rechterhand wird ein Meter lila Wäscheleine zu einem Armreif geflochten.

    Mir wird klar, dass mit den Etsy Labs der Sprung von der Internetplattform in die Wirklichkeit gelingt: Die Macher der Labor-Workshops wollen Gleichgesinnte zusammenbringen, Ideen und Materialien teilen und so ein Gegengewicht zur dezentralen Kommunikation und digitalen Entfremdung schaffen. Gleichsam entstehen Objekte, in denen Herzblut steckt, ebenso wie Erinnerungen an gemeinsames Werkeln und Pfriemeln. Ob Plastiktüten in Taschen oder Altpapier in Notizbücher verwandelt werden sollen – die Werkstatt ist für alles offen und stellt die gewünschten Materialien zur Verfügung. Jeden Montag kommen aus diesem Grund Menschen zusammen und lernen von anderen: von Mikrounternehmerinnen, von Künstlern, Bastlern und Expertinnen für Besonderes. An den restlichen Wochentagen dürfen Kreative die Etsy-Räume kostenfrei für eigene Workshops oder Treffen nutzen. Alle teilen die gleiche Begeisterung: Dinge selbst machen, Werkstoffe entdecken, aus Altem Neues kreieren. Doch ab und an steht alles Werkzeug still. Dann arbeiten die Köpfe: Workshop-Teilnehmer lernen auch, wie sie ein Sozialunternehmen gründen oder wie ihr eigenes Crowdsourcing-Projekt zum Erfolg wird.

    Im Müllschmuck-Workshop sind die Schrauberinnen, Perlensucher, Flechterinnen und Co. noch immer schwer beschäftigt. Unzählige Hände greifen und halten, fädeln und drehen, pflegen und malträtieren das Material. Auch ich versuche mithilfe einer Heißklebepistole, eine winzige Spiegelscherbe mit dem zuvor durchlöcherten Holzteilchen zu verbinden. Mein Gegenüber schnitzt hochkonzentriert Dreiecke aus einer neongelben Glasreinigerflasche. Die Workshop-Leiterin wuselt herum, erklärt mal hier und schraubt mal dort. Am Nebentisch verabschieden sich die ersten mit Verpackungspapier-Kabelbinder-Brosche auf stolzgeschwellter Brust. Nach drei Stunden ist der Zauber vorbei, die Schmuckstücke mehr oder weniger tragfertig.

    Durch meinen Kopf geistert die Frage, wie viele Bastlerinnen aus dem Workshop heute Abend noch auf Etsy klicken werden, weil sie angefixt sind und unbedingt weitere hübsche Kleinode erstehen wollen. Vielleicht eröffnen einige sogar einen Online-Shop für ihre neue Recycling-Kunst. Etsy wird das genau wissen, denn die Plattform erhält bei jedem Verkauf eine Provision und erhebt für das Einstellen neuer Produkte Gebühren. Pro Bastelobjekt ist das nicht viel, aber mit steigendem Bekannt- und Beliebtheitsgrad wächst der Gewinn. Hoffentlich bleibt das Unternehmen dann seinen Werten treu. Sonst werde ich nämlich sauer und zertrete meine Holzstück-Spiegelrest-Kette vor dem Etsy-Headquarter auf der anderen Seite des Atlantiks. Aus Protest.
    Josefa Kny
    15. November 2012
    www.etsy.com/blog/de/category/labs

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 365-zotter

    Krone der Schöpfung

    Josef Zotter kreiert extraordinäre biofaire Schokolade und ignoriert die Anforderungen des Marktes. Erstaunlicherweise macht genau das ihn überaus erfolgreich.

    Traum in Zartbitter

    Josef Zotter kreiert extraordinäre biofaire Schokolade und ignoriert die Anforderungen des Marktes. Erstaunlicherweise macht genau das ihn überaus erfolgreich.
    Dies ist die Geschichte eines Mannes, der nur das tut, was er will. Der in jungen Jahren als Fünf-Sterne-Koch arbeitete, das Luxusleben aber unbefriedigend fand. Der krachend pleite ging und anschließend Erfolge feierte, obwohl ihn Reichtum nicht interessiert. Kurzum, dies ist die Geschichte eines ungewöhnlichen Mannes: des österreichischen Schokoladenherstellers Josef Zotter. Die bunten Tafeln der Marke zotter sind bio und fair. Zudem bietet die handgeschöpfte Schokolade erstaunliche Geschmackserlebnisse. Nur wenige jubeln wohl angesichts der Idee, eine Schokolade mit Fisch zu kreieren oder Essig als Zutat zu verwenden. Doch wenn Josef Zotter das tut, juchzt der Gaumen. Mhm, Zimt-Rote-Rüben-Schokolade! Zitronenpolenta! Bergkäse-Walnüsse-Trauben!

    Seine Manufaktur steht im österreichischen Riegersburg, einem Ort mit nicht einmal 2.500 Einwohnern an der Grenze zu Slowenien. Hier ist Josef Zotter aufgewachsen. Die Enge des Dorfes wollte er als Jugendlicher um jeden Preis hinter sich lassen. Wenige Hundert Meter vom Eisernen Vorhang beackerte seine Familie dreieinhalb Hektar Land mit den neuesten Pestiziden und hielt ein paar Kühe. Auch Josef Zotter machte eine landwirtschaftliche Ausbildung. Parallel lernte er das Kellnerhandwerk, anschließend begann er eine Kochlehre. Wenige Jahre später katapultierte sein Talent ihn ins Hotel Pierre in New York, wo Reiche Kaviar und Gänseleber verspeisten. Das fand Zotter dekadent und – nachdem er sich mit den Herstellungsbedingungen beschäftigt hatte – auch abstoßend.

    Kurzzeitig erwog er, in New York eine Apfelstrudelproduktion aufzubauen – vegetarisch, bescheiden, traditionsbewusst. Doch aus diesem Plan wurde nichts. Bei einem Heimaturlaub lernte er seine große Liebe kennen und blieb in Österreich. Das Paar eröffnete ein Café in Graz, verkaufte Krapfen, Knödel, Strudel und Schmarren und träumte von einem beschaulichen Leben. Hin und wieder schöpften die frischgebackenen Kaffeehauswirte auch ein paar Tafeln Schokolade per Hand. Dann aber war Josef Zotter unvorsichtig: Er akzeptierte eine Bestellung über 300 Tafeln Schokolade für eine Betriebsfeier. Voller Panik musste er feststellen, dass er mit seinen beiden Schokoladenformen nie und nimmer in der Lage war, rechtzeitig zu liefern. In seiner Not nagelte er Holzleisten zu einem Rahmen zusammen, kippte riesige Mengen Schokoladenmasse schichtweise hinein, schnitt die Masse in Stücke und wickelte Papier drumherum. Pünktlich zur Feier stellte Josef Zotter den Karton mit den 300 Schokotafeln im Festsaal ab. In der Erwartung einer gepfefferten Reklamation verschwand er unauffällig, ohne mit jemandem zu sprechen. Tatsächlich erschien die Auftraggeberin direkt am nächsten Geschäftstag – berichtete aber von den begeisterten Reaktionen der Kolleginnen und Gäste.

    Ungefähr zur gleichen Zeit tauchte ein alter Bekannter bei Josef Zotter auf. Weil Andreas Gratze als Designer kaum Aufträge fand, heuerte er bei den Zotters als Tellerwäscher und Servierhelfer an. Eine Weile lang trug der langjährige Freund Geschirr hin und her. Als aber die Nachfrage nach den handgeschöpften Schokoladen wuchs, wollte Josef Zotter die Tafeln in ansehnlicher Verpackung präsentieren. Andreas Gratze begann zu zeichnen – für jede Sorte ein völlig anderes Bild, auf die Geschmacksrichtung abgestimmt. Werbefachleute warnten, so etwas könne nicht funktionieren, die Wiedererkennung fehle. Josef Zotter allerdings war hin und weg. Seither sind seine Schokoladen innen wie außen kleine Kunstwerke.

    Die ungewöhnlichen Schokoladenkreationen fanden schnell reißenden Absatz. Die Zotters nahmen einen Kredit auf, um eine weitere Filiale zu eröffnen, dann noch eine und noch eine. Schließlich aber wuchsen ihnen die Schulden über den Kopf. Inzwischen war Josef Zotter Familienvater und wusste vor lauter Zinszahlungen nicht mehr, wovon er seine Kinder ernähren sollte. Der sonst so fröhliche Mann war verzweifelt und nahm sich vor, nie mehr von Banken abhängig zu sein. Schweren Herzens trennten die Zotters sich von ihren Kaffeehäusern und Mitarbeitern. Mit der Gastronomie und dem breiten Mehlspeisenangebot sollte erst einmal Schluss sein.

    Die junge Familie zog zurück in die Provinz. Daheim in Riegersburg baute das Ehepaar Zotter den inzwischen leeren elterlichen Kuhstall eigenhändig um; hier begannen sie mit der Schokoladenproduktion im größeren Stil. Bald schon kamen immer mehr vernaschte Fans aus Graz. Frau Zotter senior stellte Regale auf und kassierte für die bunten Täfelchen. Nach drei Jahren waren die Zotters schuldenfrei und konnten wieder ein paar Leute anstellen.

    Heute arbeiten 160 Menschen für die Firma zotter. Seit 2004 verarbeitet das Unternehmen ausschließlich fair gehandelte Kakaobohnen, zwei Jahre später erfolgte die Komplettumstellung auf biologische Zutaten. Jeden Tag kommen Busladungen voller Schokoladenliebhaber, um sich die Herstellung anzuschauen. Vom „Schokoladenmuseum“ aus können sie in die Produktionshallen mit den silbernen Riesenkesseln hinabblicken und den Arbeiterinnen beim Verstreichen der vielen Zutatenschichten zugucken. Nebenbei verkosten die Besucher Kakaobohnen und flüssige Rohschokolade aus aller Welt. Anschließend besuchen viele den „Essbaren Tiergarten“ nebenan. Den hat Josef Zotter selbst gestaltet und unter das Motto „Dem Essen in die Augen schauen“ gestellt. Zotters Zottelrinder, Kärntner Brillenschafe, Bartkaninchen, Wollschweine und Warzenenten leben hier so gut wie möglich – bis sie nebenan geschlachtet und im Restaurant verspeist werden. Vor allem Lehrer haben sich über diese Konfrontation mit den Bedingungen des Fleischverzehrs schon beschwert. Andere Leute regen sich über den Ideenfriedhof auf, wo Grablichter für nicht realisierte Schokoladensorten brennen. Josef Zotter hat Spaß an der Provokation.

    Die meisten Besucher aber schmelzen dahin. Wenn der Mann mit dem weißen Kittel und den Ökosandalen übers Gelände streift, wird er angesprochen, fotografiert und nach einem Autogramm gefragt. Für einen kleinen Plausch reicht Zotters Zeit immer. Sein Restaurant verlässt er nie, ohne die Köchin für ihr Essen gelobt zu haben. Alle Kooperativen, von denen er Kakaobohnen bezieht, kennt Josef Zotter persönlich; immer wieder lädt er Bauern aus Bolivien, Nicaragua, Ecuador, Indien oder dem Kongo nach Riegersburg ein, damit sie die Manufaktur kennen lernen. Gerade war er in Mae Sot, einem Lager für burmesische Flüchtlinge in Thailand. Um dort einen Mittagstisch für Kinder zu finanzieren, hat zotter vor kurzem die Sorte „Schokolade macht satt“ entwickelt, Geschmacksrichtung Mango und Sesamnougat. Für jede hier verkaufte Tafel fließt eine Spende nach Südostasien.

    Jedes Jahr im Sommer kreiert Josef Zotter ein paar Dutzend neue Schokoladen – und nimmt entsprechend viele aus dem Sortiment. Einziges Kriterium für das Ende einer Sorte ist, ob die Komposition den 52-Jährigen persönlich noch interessiert. So hat es über die Jahre schon so manchen Kassenschlager erwischt. Aber das kümmert den Chocolatier nicht: Schließlich hat er schon Vieles gemacht, was andere als wirtschaftlich idiotisch einschätzten. Neben seinen hervorragenden Schokoladen ist wohl genau das sein größtes Erfolgsrezept.
    Annette Jensen
    08. November 2012
    www.zotter.at

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 366-stadt-andernach

    Bürgergemüse

    Öffentlich subventionierter Mundraub: Die Stadt Andernach zieht Bohnen auf Brachflächen, pflanzt Quitten vors Parkhaus und verwandelt Pinkelecken in Kartoffeläcker. Die Bürger staunen – und ernten.

    Gemüse aus dem Stadtpark

    Öffentlich subventionierter Mundraub: Die Stadt Andernach zieht Bohnen auf Brachflächen, pflanzt Quitten vors Parkhaus und verwandelt Pinkelecken in Kartoffeläcker. Die Bürger staunen – und ernten.
    Eine Parkbank, eine Trittrasenfläche, ein Verbotsschild – fertig ist die öffentliche Grünanlage. Oft tut es auch schon eine Mülltonne, dazu immergrüne Bodendecker wie Berberitze, Kirschlorbeer und Liguster. „Friedhofsgrün“, sagt Lutz Kosack, gelernter Geoökologe und Landespfleger der Stadt Andernach. „Sieht bescheiden aus, ist ökologisch sinnfrei und macht trotzdem Arbeit.“

    Aber wie kann es sein, dass in nahezu jeder deutschen Stadt das immergleiche Einheitsgrün wächst? Dass Radieschen im Stiefmütterchenbeet verpönt sind – obwohl deren Anbau direkt vor der Haustür lange Transportwege überflüssig machen könnte? Vergessen die Nachkriegszeit, als noch jede freie Grünfläche für den Anbau von Obst und Gemüse genutzt wurde. Als Lutz Kosack und seine vier, fünf Kollegen aus dem Andernacher Rathaus im Frühjahr 2010 beschlossen, ihre Stadt (wieder) essbar zu machen, hielt die Öffentlichkeit das für einen Aprilscherz. In der rheinland-pfälzischen Stadt sollten alle Bürger ernten und pflücken können, was die Verwaltung pflanzen ließe, von der Kartoffel bis zur Kornblume. Und das gratis.

    Auf verwundertes Kopfschütteln folgten die Einwände unzähliger Bedenkenträger: Gemüsebeete im Park? Zu anfällig für Zerstörung. Eine Wildblumenwiese auf der Verkehrsinsel? Zu unordentlich. Tomatenstauden an der Stadtmauer? Zu teuer. Mickrige 100 Pflanzen à 1,50 Euro boten in Andernach Stoff für eine Diskussion über potentiellen Vandalismus auf öffentlichen Grünflächen, erzählt Kosack. Zur selben Zeit gab die Stadt 500 Euro dafür aus, dass in den Rheinanlagen eine Parkbank zerlegt und wieder aufgebaut wurde – „Was nicht mal einen Dreizeiler in der Lokalzeitung gegeben hat, denn das gilt als normal.“

    Eine Wildblumenwiese am Straßenrand kommt die Stadt sogar kostengünstiger als die üblichen Tulpenbeete. Denn Stauden und Gräser müssen – wenn der Boden mit Mulch bedeckt ist – nicht gewässert werden. Vor allem aber kommen sie jedes Jahr wieder, müssen also nicht, wie die klassischen Wechselbeete, ständig erneuert werden. „Mit Nachhaltigkeit haben Wechselbeete nichts zu tun“, findet Lutz Kosack. „Im Frühjahr kommen die Tulpen rein, bis der Baubetriebshof sie auf den Müll schmeißt, dann die Sonnenblumen, die fliegen Ende des Sommers auch wieder raus für die Stiefmütterchen.“ Und während ein Quadratmeter Wechselbeet mit 60 Euro pro Jahr veranschlagt werden muss, kostet ein Staudenbeet die Stadt gerade mal zehn Euro.

    Gemüsebeete sind da schon aufwändiger. Für ihre Pflege und Bewässerung hat die Stadt sechs Bürgerarbeiter – also mit Bundesmitteln bezuschusste Langzeitarbeitslose – eingestellt. Keine besonders nachhaltige Lösung, das weiß auch Lutz Kosack. Aber die Stadt kann oder will es sich nicht leisten, einen eigenen Gemüsegärtner anzustellen. „Bohnenranken sind eben keine originäre kommunale Aufgabe“, gibt der Andernacher Landespfleger zu bedenken. „Noch nicht.“

    Davon unbeirrt setzten Kosack und seine Mitstreiter noch eins drauf: Für die öffentlich zugänglichen Kartoffeläcker und Bienenweiden wählten sie gezielt die vermülltesten Flächen aus – die üblichen Pinkelecken und Hundeklos. Wie den Flutgraben zum Beispiel, der nachts grün funkelte voll zerschmetterter Bierflaschen. Heute wachsen hier Rhabarber, Kürbis und Kapuzinerkresse. Und der Betriebshof muss nicht mehr die Scherben zusammenkehren; die befürchtete Zerstörungswut blieb aus. Im Gegenteil: Die Andernacher gehen sorgsam, fast ehrfurchtsvoll mit ihren Bohnenranken und Mandelbäumchen um. Führt jemand seinen Hund rund um die Stadtmauer spazieren, wird er auch schon mal daran erinnert, dass andere noch essen wollen, was hier wächst. „Stell’ den Menschen hochwertiges Grün vor die Tür“, fasst Lutz Kosack seine Erfahrung zusammen, „und sie gehen hochwertig damit um.“

    In den ersten beiden Jahren wagten es viele Andernacher nicht, sich aus den öffentlichen Beeten tatsächlich zu bedienen, Kartoffeln oder ganze Kohlköpfe zu ernten. „Ich kam mir anfangs vor wie ein Dieb“, erzählt Heike Mützel, die mit einem Messer durch die Bohnenranken streift. „Ich bin ja nicht so bedürftig wie die Menschen, die zur Tafel gehen. Aber hier darf jeder ernten.“ Und das hat sich herumgesprochen. Um zu verhindern, dass vorschnell geerntet wird, werden die Kartoffeln mittlerweile mit Vogelschutznetzen abgedeckt. „Viele haben einfach mal an den Kartoffeln gezogen, um zu sehen, ob sie schon reif sind.“ Für die nächste Saison planen Kosack und seine Kollegen deshalb ein Ampelsystem zur Orientierung. Auf Schilder und Verbotstafeln wollen sie aber weiterhin verzichten.

    Sogar die Stauden, die auf den Wildblumenwiesen für Bienen und Schmetterlinge blühen, dürfen gepflückt werden. Die älteren Bewohner der 30.000-Einwohner-Stadt freut es, dass sie sich hier Wildblumensträußchen aus Kornblumen, Malven, Mohn, Borretsch, Mandelröschen und Ringelblumen schneiden dürfen. Viele von ihnen hatten früher einen eigenen Garten, konnten die Pflege aber nicht mehr bewältigen. Jetzt fragen sie in der Stadtverwaltung an, ob sie nicht ab und zu mal mitgärtnern dürften. Generell herrscht in Lutz Kosacks Büro im Rathaus neuerdings viel Publikumsverkehr: Die einen bringen Samen von einheimischem Kohl aus dem eigenen Garten vorbei, andere fragen, ob sie den Asphalt vor ihrer Haustür bepflanzen dürfen. Das Saatgut für solche Pflanzaktionen stellt die Stadt, um die Pflege kümmern sich die Anwohner. Vor Lokalen in der Fußgängerzone wachsen Küchenkräuter, und selbst am Rathaus rankt wilder Wein empor.

    „Bei Artensterben denkt man immer an den weißen Hai“, erklärt Lutz Kosack. „Dabei sind gerade unsere einheimischen Nutzpflanzensorten davon betroffen.“ So baut der Geoökologe in den öffentlichen Grünanlagen gezielt alte, regionale Sorten an und fordert die Anwohner auf, sich Saatgut für den eigenen Garten mitzunehmen. Den Andernacher Apfel „Namedia Gold“ zum Beispiel, die Erdbeersorte „Baron von Solemacher“ oder die rheinland-pfälzische Knackmandel: Kulturgüter, die eine Region prägen, sie einzigartig machen – und die man am besten dadurch erhält, dass man sie täglich nutzt. Sprich: isst. Für die Knackmandel braucht man beim Picknick im Park noch nicht mal einen Nussknacker. Sie lässt sich mit der Hand öffnen. Die perfekte Sorte also für eine essbare Stadt.
    Stefanie Müller-Frank
    08. November 2012
    www.andernach.de/de/leben_in_andernach/essbare_stadt.html

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 364-veist

    Kleiderseele

    Im Berliner Laden Veist wird Secondhand-Kleidung verkauft, verliehen und getauscht. Wer sich hier für ein besonderes Kleidungsstück entscheidet, erwirbt auch die Geschichte des Teils. Zwischen den Zeilen steht die Kritik an unserer Wegwerfgesellschaft.

    Social Fashion Revolution, oder: beseelte Kleidungsstücke

    Im Berliner Laden Veist wird Secondhand-Kleidung verkauft, verliehen und getauscht. Wer sich hier für ein besonderes Kleidungsstück entscheidet, erwirbt auch die Geschichte des Teils. Zwischen den Zeilen steht die Kritik an unserer Wegwerfgesellschaft.
    Neukölln, Höhe Boddinstraße, U8: Veist. Vor dem Laden flattern bunte Secondhand-Stücke. Drinnen ist jeder Zentimeter ausgenutzt, aber nicht zugestellt. Die einzelnen Teile lassen sich locker identifizieren: Acid-Schal, Mohair-Jacke, Eighties-Blazer, fein gezwirbelter Blumenkranz, handgenähte Seidenbluse, Pailletten-Clutch aus den 1920er-Jahren. Auf den ersten Blick ist Veist einfach ein gut sortierter Secondhand-Shop mit einigen neuen Stücken von Jungdesignern. Aber weit gefehlt. Veist ist ein Laden gewordenes Statement gegen unsere Wegwerfgesellschaft und unser zuweilen vollkommen unkontrolliertes und irrationales Einkaufsverhalten.

    Die meisten von uns kennen das: kaufen, weil etwas günstig ist oder weil wir uns schlecht fühlen; kaufen, weil wir meinen, etwas Neues zu brauchen; shoppen am liebsten im Ausverkauf und gleich ganz viel. Gedanken über die Produktionsbedingungen der Kleidungsstücke verflüchtigen sich im Kaufrausch, und die Halbwertzeit der leichtfertig erworbenen Teile ist entsprechend kurz. Sie werden einmal angezogen, lösen sich nach dem ersten Waschgang in ihre Bestandteile auf, gefallen doch nicht mehr so gut oder passen zu nichts. Und das Habenmüssen geht von vorne los. Dabei landen Unmengen von Kleidungsstücken jährlich auf dem Müll, in zweifelhaften Containern oder verschwinden einfach in den Untiefen unserer Kleiderschränke. Einkaufsbulimie.

    Veist hält dagegen und bietet Langlebigkeit, Nachhaltigkeit und Fair Trade statt Fast Fashion. Keine „cheap thrills“, sondern Qualitätskleidung, die lange durchhält. Die Besitzerinnen des Ladens, Anna Veit und Sandra Diana Troegl, interessieren sich schon lange für fair produzierte und nachhaltig nutzbare Kleidung. Kennengelernt haben sie sich, als sie zusammen für Armed Angels arbeiteten. Bei dem Label für (neu produzierte) ökologische Kleidung gestaltete Veit die Schnitte, Troegl war für die Vermarktung zuständig.

    Veit entwirft auch jetzt noch, aber nur noch für sich, oder für Veist. Sie setzt auf klare Linien, einen hochwertigen Materialmix und – natürlich – gute Verarbeitung. Ihr Anliegen ergab sich für sie ganz von selbst. „Ich gehöre zu denjenigen, die sich in Klamotten oder Accessoires richtig verlieben und dementsprechend traurig sind, wenn ein Lieblingsteil kaputt geht“, erklärt Anna Veit die Beziehungskiste. In ihrem Geschäft möchte sie die bestmögliche Qualität anbieten, damit man die Teile jahrelang tragen kann; sie will explizit keinen Beitrag zur Wegwerfgesellschaft leisten.

    Sandra Troegl übt sich momentan in der Beschränkung. Sie hat so viele Klamotten, dass sie kein weiteres Stück braucht. Anlässlich der Aktion „Six Items Challenge“ trägt sie vier Wochen lang nur sechs Teile – Unterwäsche, Schuhe und Accessoires ausgenommen. „Teil eins der sechs, mein schwarzes Seidentop, beginnt schon, sich aufzulösen“, berichtet Troegl. Hat man weniger, ist auch der Verschleiß tragischer. Verarbeitung und Qualität des Materials sind auf einmal wieder richtig wichtig – nicht Marke, Preis oder Style-Faktor.

    Das Konzept der beiden Geschäftsfrauen ist ähnlich reduziert. Einfach, aber gut durchdacht betrifft es sämtliche Ebenen des Handels: Ankauf, Verkauf, Verleih und Tausch – alles fair. Gebrauchte Ware wird bei Veist in Kommission genommen, ebenso die neu produzierten Designerstücke. Um für die Kollektion in Frage zu kommen, muss die Kleidung fair produziert, gut verarbeitet und aus beständigem Material sein. Bestimmte Labels scheiden von Vornherein aus, weil über deren Wertschöpfungskette und Arbeitsbedingungen hinreichend Gruseliges bekannt ist.

    Was neben der Qualität bei Veist ebenfalls zählt, ist die einzigartige Geschichte eines jeden Kleidungsstücks. So lautet der volle Name des kleinen Geschäftes auch Veist Kleidergeschichten – Vintage, 2nd Hand & New. „Dieses Teil hat im Palast der Republik getanzt“, erklärt Sandra Troegl und zeigt ein schwarz-goldenes bauchfreies Top. Wenn diese Vergangenheit mal kein Extra ist. Die Stücke seien beseelt, findet Troegl, sie hätten eine Aura. Wenn Aura bedeutet, dass eine Sache durch einen bestimmten Gebrauch, durch bestimmte Besitzerinnen einen höheren Wert erhält, dann gibt es bei Veist viele solcher auratischen Einmaligkeiten. Zum Beispiel eine Hose mit einem Zettel, das sie einer bestimmten Rolle in einem Theaterstück zuordnet, angetackert an den Bund, aus einem Istanbuler Requisitenverleih (was die alles erlebt hat!), oder das handgenähte Kostümchen einer ehemaligen italienischen Botschaftergattin, aus feinstem Stoff. In den ist die Nummer des Schneiders eingestickt (ob sie ihn je zurückgerufen hat?). Oder auch die aufwändig von Hand bestickte Pailletten-Jacke aus dem Bestand einer Frau, die mit knapp 80 Jahren nach Amerika auswanderte und sich vor ihrer Abreise von allen in Deutschland erstandenen Dingen trennte. Die „Kleidergeschichten“ sind auf der Shop-Webseite zu finden, hängen an kleinen Schildchen am Kleidungsstück oder können direkt im Laden bei Sandra Troegl erfragt werden. Oral History über die Ladentheke.

    Ausgewählte Stücke werden nur verliehen, so dass sich so viele Kundinnen wie möglich immer wieder daran erfreuen können. Das sind vor allem Vintage-Sachen. Und die sind gefragt, erzählt Troegl; sie werden sogar für Fotoshootings ausgeliehen. Dabei bleiben die Leihstücke Gebrauchsgegenstände, die sich abnutzen dürfen. Wie der weiße, mit Steinchen und Figürchen besetzte Gürtel, den Troegls Mutter mal in Texas gekauft hat. Bei jedem Fotoshooting verliert er ein Teil.  Nicht weiter schlimm – für den Gürtel gilt, je „abgerockter“, desto besser.

    Ganz zeitgemäß unternehmen die Veist-Besitzerinnen erste Versuche mit nicht-monetären Klamotten-Bezugssystemen: regelmäßig stattfindende Swap-Parties oder die Tauschbox im Laden, der nach Bedarf Kleidung gestiftet oder entnommen werden kann. Und wenn eine Kundin doch lieber mit Geld statt mit Materialien bezahlen möchte, ist das auch okay. Das wird dann gespendet, an zwei soziale Organisationen im Neuköllner Kiez. Es scheint, als würden hier alle gewinnen:  Designerinnen, Käufer und natürlich auch die Ladenbesitzerinnen.

    Mittlerweile hat sich das Konzept herumgesprochen: Leute kommen aus der Nachbarschaft, aus anderen Berliner Bezirken (sogar aus Mitte!), oder sie reisen speziell aus allerlei anderen Städten an. Das Kaufen bei Veist ist eben kein Fest des Materialismus, des Haben-Wollens, des Kaufdrang-Befriedigens. Vielmehr steuern die Ladenbesitzerinnen subtil den Konsum, indem sie besondere Dinge anbieten, die im besten Fall zu einem neuen Lieblingsstück werden. Passt etwas nicht wirklich, ist die Kundin unschlüssig, sind die Ärmel zu puffig oder die Taille zu hoch, ja, wirkt die Farbe zu grell, so fordern Veit und Troegl dazu auf, den Kauf nochmal zu überdenken. Man soll sich ja schließlich möglichst lange an den Sachen erfreuen. Ganz ehrlich.
    Lisa Andergassen
    01. November 2012
    www.veistberlin.com
    www.thesixitemschallenge.wordpress.com

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 363-urgewald

    Konzernschreck

    Urgewald hält deutsche Großbanken und Milliardenkonzerne davon ab, weltweit in die Zerstörung der Umwelt zu investieren. Die winzige Organisation zwingt immer wieder neuen Goliaths in die Knie.

    Der Pitbull unter den Umweltorganisationen

    Urgewald hält deutsche Großbanken und Milliardenkonzerne davon ab, weltweit in die Zerstörung der Umwelt zu investieren. Die winzige Organisation zwingt immer wieder neuen Goliaths in die Knie.
    Hinter Urgewald stehen lediglich elf Menschen – dennoch sind die Kampagnen der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation äußerst schlagkräftig: So mussten wegen der kleinen Aktivistengruppe schon gigantische Konzerne wie RWE und Allianz, Deutsche Bank und WestLB milliardenschwere Investitionen zurückziehen oder gar abschreiben. „Wir wollen nicht in erster Linie anklagen, sondern gewinnen – und so planen wir unsere Kampagnen“, sagt die Gründerin der NGO, Heffa Schücking. Urgewald geht es stets darum, Projekte deutscher Unternehmen zu bekämpfen, die für Menschen und Umwelt im Ausland fatale Folgen hätten – seien es ein Staudamm, eine Waffenlieferung, ein Atomkraftwerk in einem Erdbebengebiet oder die Abholzung von Urwald. Nicht immer gelingt es, solche riskanten Projekte zu verhindern oder ihren Abbruch herbeizuführen – aber doch erstaunlich oft, dank einer Mischung aus akribischer Recherche, Verhandlungsgeschick und der Mobilisierung von Unterstützern. Vor allem aber zeigt Urgewald ein immenses Durchhaltevermögen, wenn die Gruppe sich erst einmal in einer Sache festgebissen hat – was ihr das Image des Pitbull-Terriers unter den NGOs eingebracht hat.

    Gelegentlich sind es Mitarbeiter von Banken oder Konzernen, die sich bei Urgewald melden und erste entscheidende Hinweise auf ein für Umwelt und Gesellschaft gefährliches Investitionsprojekt geben. Manchmal kommen auch Umweltgruppen aus den betroffenen Ländern auf die deutsche NGO zu – oder die relevanten Informationen stehen einfach in der Zeitung. „Für uns ist dann immer die Frage: Können wir irgendwo einen Hebel ansetzen, und wenn ja, an welcher Stelle?“, erläutert Schücking. In vielen Fällen sei es am erfolgversprechendsten, die Finanzierung anzugreifen.

    Genau das war die Strategie, als es um das bulgarische Projekt Belene ging: ein Atomkraftwerk sollte in einem erdbebengefährdeten Gebiet errichtet werden. Die ersten Pläne für den Reaktor entstanden Ende der 1980er-Jahre, jedoch lag die Baustelle nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erst einmal ein Jahrzehnt lang still – wegen Bürgerprotesten und Geldmangels. Doch 2005 fanden sich auf einmal westliche Banken, die die Fertigstellung des Kraftwerks finanzieren wollten. Mit dabei: die Deutsche Bank, die HypoVereinsbank, die Commerzbank und die Bayerische Landesbank. „Die müssen PR-Strategen aus der Hölle gehabt haben, ausgerechnet kurz vor dem 20. Jahrestag von Tschernobyl so ein Vorhaben anzugehen“, sagt Schücking und amüsiert sich noch heute. Zusammen mit Greenpeace und einigen anderen Umweltorganisationen machte Urgewald die Pläne auf einer Pressekonferenz öffentlich – woraufhin sich die Bayerische Landesbank sofort zurückzog. Als nächstes fiel die Commerzbank um. Auf deren Hauptversammlung hatte Schücking vom Vorstandschef eine klare Stellungnahme verlangt: „Ist die Commerzbank bereit, ein AKW in einem Erdbebengebiet zu finanzieren – ja oder nein?“

    Die beiden anderen Geldhäuser dagegen waren schwerer zu knacken. Auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank stellte man der bulgarischen Umweltschützerin Albena Simeonova einfach das Mikrofon ab, und auch die anschließende Flut von Protestpostkarten beeindruckte die Manager nicht. Eigentlich gehören Massenaktionen nicht ins Repertoire von Urgewald; wenn die breite Öffentlichkeit mobilisiert werden soll, übernimmt in der Regel Greenpeace. Aber weil die Partnerinstitution damals gerade völlig ausgelastet war, schaltete Urgewald in diesem Fall selbst eine Anzeige im Magazin Schrot und Korn – es meldeten sich Menschen aus über 60 Städten, die „mehr tun wollten“ und von Urgewald mit Infomaterial und einem Aktionsleitfaden ausgestattet wurden. Das Ziel: An einem bestimmten Tag sollten die frisch Mobilisierten vor möglichst vielen Deutsche-Bank-Filialen Stände aufbauen und die Kunden über die Nuklear-Geschäfte der Bank informieren. Fünf Tage vor dem Aktionstermin klingelte bei Urgewald das Telefon: Die Deutsche Bank erkundigte sich, wie sie die Aktion verhindern könne. Schücking forderte eine schriftliche Erklärung bis 17 Uhr – und tatsächlich spuckte das Faxgerät kurz vor fünf die Zusicherung des Deutsche-Bank-Vorstands aus, die Beteiligung am Kraftwerk in Belene aufzugeben. Danach war es nicht mehr schwer, die HypoVereinsbank ebenfalls zu diesem Schritt zu bewegen.

    Doch bis zur Beerdigung des bulgarischen AKW vergingen noch Jahre – denn kurz nach dem Ausstieg der Banken sprang der Energiekonzern RWE ein. Der damalige Vorstandschef Jürgen Großmann schien die Rolle des Buhmanns geradezu zu genießen; Protestbriefe und Greenpeace-Aktionen feuerten seinen Eifer für das Projekt nur weiter an. Deshalb fokussierte sich Urgewald nun auf den RWE-Aufsichtsrat und die Großaktionäre. 700 Anteilseigner bekamen Post und erschraken zum Teil über der Lektüre: Schließlich ist es auch aus rein wirtschaftlicher Perspektive halsbrecherisch, fünf Milliarden Euro in einen Atommeiler in einem Erdbebengebiet zu investieren. Was danach genau passierte, ist zwar nicht ganz klar – doch am Ende distanzierte sich auch RWE, und im März 2012 legte die bulgarische Regierung das Projekt Belene endgültig zu den Akten.

    „Ich habe Verhaltensforschung studiert und kann die Perspektive der Banken und Firmen übernehmen, das hilft“, sagt Schücking. Sich in den Gegner hineinzuversetzen, die Kultur und Machtverhältnisse in Unternehmen zu verstehen und auch die Motive des Gegenüber zu sehen – das alles kennzeichnet die Vorgehensweise von Urgewald. „Vieles ist auch Detektivarbeit“, erklärt die Gründerin. Dank detaillierter Ermittlungen wissen Schücking und ihre Mitstreiter stets genau, wer im Unternehmen tatsächlich etwas zu entscheiden hat – und mit genau dieser Person wollen sie sich an einen Tisch setzen. „Ich sage dann immer: Überlegen Sie sich gut, ob Sie das Projekt tatsächlich durchziehen wollen. Ich bin bereit, Jahre meines Lebens dafür einzusetzen, Ihnen das Leben schwer zu machen“, berichtet die 53-Jährige.

    Nicht immer kann Urgewald die gefährlichen Planungen tatsächlich stoppen. So konnte beispielsweise eine Kampagne der kleinen NGO nicht verhindern, dass eine Ölpipeline in Ecuador im Jahr 2002 mit dem Geld der WestLB gebaut wurde. Dennoch war das Engagement von Urgewald nicht vergeblich: Die WestLB sah sich anschließend genötigt, eine Selbstverpflichtung über hohe Umweltstandards zu verabschieden und richtete eine der größten Firmen-Umweltabteilungen Deutschlands ein. Auch, dass die zuvor von den Investoren als so sicher gepriesene Pipeline sieben Jahre nach Fertigstellung platzte und einen Fluss im Amazonasgebiet verseuchte, gab Urgewald nachträglich auf bittere Weise recht. Der Erfolg der Umwelts- und Menschenrechtsorganisation liegt, neben dem direkten Einfluss auf laufende Projekte, häufig vor allem darin, dass Unternehmen nach ihrer ersten Begegnung mit Urgewald auf die Planung von Nachfolgeprojekten verzichten.

    Ein Drittel der Einnahmen kommen heute aus Spenden, der Rest stammt von US-amerikanischen und britischen Stiftungen. Die in Chicago ansässige MacArthur Foundation war es auch, die 1992 auf Heffa Schücking zukam und das Startkapital für Urgewald zur Verfügung stellte, nachdem Schücking in einem weltweiten Netz von Aktivisten bekannt gemacht hatte, dass sie eine neue NGO gründen wollte. Zu Beginn beschäftigte sich die im münsterländischen Sassenberg angesiedelte Organisation vornehmlich mit dem Beitrag deutscher Firmen zur weltweiten Zerstörung des Urwalds – daher der Name. Später weitete sich der Blick auf andere Themen aus.

    Der Verdienst bei Urgewald sei zwar recht bescheiden, der Teamgeist hingegen überaus bereichernd, berichtet Schücking. Und der regelmäßige Nervenkitzel, sich als ganz kleine Organisation mit den ganz Großen anzulegen und dabei erstaunliche Erfolge einzufahren, ist ihr mehr wert als alle Boni.
    Annette Jensen
    01. November 2012
    www.urgewald.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 362-wir-bank

    Zinsenbremse

    Eine kleine Geschichte des Geldes – und wie die Schweizer WIR-Bank kleine und mittelständische Unternehmen vor dem Wachstumsdruck schützt.

    Großes Geld für kleine Unternehmen

    Eine kleine Geschichte des Geldes – und wie die Schweizer WIR-Bank kleine und mittelständische Unternehmen vor dem Wachstumsdruck schützt.
    Die WIR-Bank ist ein ungewöhnliches Kreditinstitut. Im Gegensatz zu fast allen anderen Banken setzt sie nicht auf immer schnelleres Wachstum. Stattdessen verfolgt sie das Ziel, Unternehmern und ihren Angestellten ein gutes Auskommen zu ermöglichen. Die WIR-Bank hält in der Schweiz regionale Wirtschaftskreisläufe in Schwung, indem sie kleinen und mittelständischen Betrieben besonders günstige Finanzierungsbedingungen bietet. Immerhin 50.000 solcher Unternehmen haben hier ein Konto, und auch der Umsatz der WIR-Bank ist mit ein bis zwei Milliarden Franken im Jahr alles andere als marginal.

    Um die Bedeutung der WIR-Bank und ihres Prinzips zu verstehen, muss man grundsätzlich werden. Betrachten wir deshalb die Funktionsweise des Geldes:

    Geld ist der Anspruch auf künftiges Haben. Ein Stück Metall, ein Papierfetzen oder eine Zahl an entscheidender Stelle in den Büchern einer Bank sind nichts anderes als Versprechen: Wenn man die hergibt, kann man dafür Kaugummikugeln, einen Computer oder – sollte die Zahl auf dem Bankkonto beträchtlich sein – sogar eine Villa an der Côte d’Azur bekommen.

    Geld ist eine überaus praktische Erfindung. Es erspart zum Beispiel der Kaugummikugel-Herstellerin die Suche nach einem Laden, der ihr einen Computer für, sagen wir, 58.913 Kaugummikugeln eintauscht. Geld macht es möglich, unterschiedliche Dinge wie Röntgenapparate, Nachhilfestunden, Konzerttickets, den Bau eines Toilettenhäuschens oder eben Kaugummikugeln miteinander zu verrechnen. Das ist das Prinzip von Geld, seit es existiert – was bereits lange vor unserer Zeitrechnung der Fall war.

    Doch damit die Kaugummiproduzentin ihre Kugeln herstellen kann, benötigt sie nicht nur eine Maschine, die die Kugeln rollt, sondern auch zentnerweise Zucker, Farbstoffe und allerlei Chemikalien. Die kann die Kaugummimacherin aber vor Verkaufsbeginn nicht selbst bezahlen, und so muss sie sich Geld leihen. Das tut sie im sicheren Glauben, dass sie mit den fertigen Kugeln mehr verdienen wird, als sie vorher für Maschine und Zutaten bezahlt hat. Schließlich will sie vom Verkauf der Kaugummikugeln ihre Miete, ihren Kaffee und noch einiges mehr finanzieren. Und warum sonst sollte sie sich die Mühe machen, so viele Kaugummikugeln herzustellen – alle selbst essen kann sie jedenfalls nicht.

    Die Kaugummiproduzentin braucht also Kapital, sagen wir 100.000 Euro. Sie leiht sich das Geld und hat jetzt 100.000 Euro Schulden – und ihr Gläubiger Anspruch auf eine Rückzahlung von 100.000 Euro. Schulden und Guthaben sind immer ein Nullsummenspiel: Wächst irgendwo das Plus, wächst anderswo das Minus.

    Nun verleiht normalerweise niemand Geld, ohne zu wissen, dass er oder sie später mehr zurückbekommt. Und weil unsere Kaugummiproduzentin die geliehene Summe nur langsam abstottern kann, zahlt sie nicht nur Zinsen, sondern auch Zinsen auf die Zinsen. „Das Geld arbeitet“, heißt das für den Verleiher – aber natürlich arbeitet tatsächlich niemand anderes als unsere Kaugummiherstellerin und ihre Angestellten. Wenn die Kaugummiproduzentin ihren Kredit abgezahlt hat, hat sie dem Verleiher vielleicht 20.000 Euro mehr gegeben, als sie am Anfang geborgt hatte. So wächst der Geldhaufen des Verleihers, denn mit den Zins- und Zinseszinseinnahmen der Kaugummiherstellerin hat er schon lange den nächsten Kredit vergeben.

    Die Kaugummiproduzentin muss also einen deutlichen Gewinn machen, um den Kredit zurückzuzahlen – und dafür hat sie im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder sie verkauft die einzelne Kugel möglichst teuer, oder sie produziert eine große Menge billiger Kugeln. Außer in Nischen setzen sich im Kapitalismus die billigen Produkte durch – und die lassen sich am besten mit möglichst großen Maschinen und möglichst wenig Personal herstellen. Im Extremfall gibt es am Ende nur noch wenige Kaugummihersteller, die die ganze Welt beliefern. Weil solche Großkonzerne als sichere Finanzanlage gelten, bekommen sie von den Banken Kredite zu viel günstigeren Zinsen als kleine Betriebe – und mit ihrem gigantischen Reichtum machen sie immer mehr Geld.

    Auf der Strecke bleiben in diesem System häufig die kleinen Betriebe – und damit auch die Jobs vor Ort. Was aber, wenn die Leute weiter in ihrem Dorf oder in einer Kleinstadt leben wollen? Und wenn es der Kaugummiproduzentin gar nicht darauf ankommt, Weltmarktführer zu werden – sondern sie für sich und ihre Angestellten nur ein anständiges Auskommen erwirtschaften möchte? Was, wenn die Kleinunternehmerin keine Lust hat, ihre Zulieferer und Arbeiterinnen auf enormes Produktivitätswachstum hin zu trimmen, nur um Zins und Zinseszins zu erwirtschaften?

    Jetzt kommen wir endlich zurück auf die WIR-Bank. Die Genossenschaftsbank hat ein System entwickelt, das den Wachstumszwang bremst. Sie vergibt Darlehen an kleine und mittelgroße Betriebe, verlangt dafür aber kaum Zinsen. Tatsächlich deckt der Zins fast ausschließlich die Verwaltungskosten eines Kredites. Weiterhin sind die Darlehenskosten für alle Kreditnehmer gleich niedrig – was den Rentabilitätswettlauf ebenfalls bremst. So verschafft die WIR-Bank kleinen Unternehmen Entlastung vom Wachstumsdruck und sorgt dafür, dass Firmen und Arbeitsplätze in der Region bleiben. Einzige Bedingung, um Kunde der WIR-Bank zu werden: ein Unternehmen muss klein oder mittelständisch sein und seinen Geschäftssitz in der Schweiz haben. Die Verwaltung der Bank entscheidet in jedem Einzelfall, wer mitmachen darf; so bleiben die Großen außen vor.

    Die WIR-Bank unterstützt ihre Kunden außerdem dadurch, dass sie deren Handel untereinander fördert. Bezahlt wird in WIR-Franken, wobei die Guthaben der Kunden ausschließlich im Computer existieren. Praktisch geht das so: Sagen wir, ein Schweizer Kräuterbonbonhersteller braucht einen neuen Büroschrank. Im Internet oder in der Mitgliederzeitung findet er eine Schreinerin, die wie er selbst WIR-Bank-Kunde ist. Bei ihr bestellt der Bonbonfabrikant den Schrank – sagen wir zu einem Preis von 2.000 Euro. Nach der Lieferung geht das Konto der Kräuterbonbonfirma 2.000 WIR-Franken ins Minus – und das der Handwerkerin 2.000 WIR-Franken ins Plus. Das Geld entsteht also in genau dem Moment, in dem realwirtschaftlich etwas passiert. Nun kann die Schreinerin anderswo Holz einkaufen und dafür ihre WIR-Franken einsetzen – oder mit dem Geld eine Party ausrichten. Summa summarum funktioniert das Ganze wie eine Wippe und bleibt immer ein Nullsummenspiel: Das Minus auf dem einen Konto ist irgendwo anders ein Plus.

    Zinsen gibt es für die WIR-Guthaben nicht – weswegen die Beteiligten keinen Anreiz haben, das Geld zu sparen. Vielmehr sind sie motiviert, das WIR-Geld schneller loszuwerden als ihre „echten“ Franken, die sie bei einer anderen Bank angelegt haben und für die sie Zinsen bekommen. Auch deshalb suchen sie als Geschäftspartner möglichst oft einen WIR-Partner. Weil es ihnen außerdem verboten ist, ihre WIR-Franken in reale Franken zu tauschen – wer sich nicht daran hält, wird ausgeschlossen –, ist eine Kapitalflucht unmöglich. So unterstützt das System die regionalen Wirtschaftskreisläufe und wirkt dem Prinzip des „immer größer-schneller-arbeitsplatzärmer“ entgegen. Auch kann keine Finanzblase entstehen, weil ja ausschließlich realwirtschaftliche Aktionen abgerechnet werden können: Hier arbeitet nicht das Geld, sondern ausschließlich die Menschen.

    In der gegenwärtigen Niedrigzinsperiode erscheint die Arbeitsweise der WIR-Bank zwar weniger spektakulär. Doch als vor drei Jahren in der Finanzkrise allenthalben von Kreditklemme die Rede war, erlebte sie einen Boom. Und das könnte sich bald wiederholen – nicht nur aufgrund der Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Wenn Transportkosten immer weiter steigen und das Turbowachstum aufgrund von Ressourcenmangel schlicht an seine Grenzen stößt, dann schlägt die Stunde regionaler Wirtschaftskreisläufe – und damit möglicherweise auch die des WIR-Bank-Systems. Im Grunde reduziert die WIR-Bank Geld auf das, was es jahrtausendelang einmal war: Eine überaus praktische Erfindung, um Waren und Dienstleistungen miteinander zu verrechnen.
    Annette Jensen
    25. Oktober 2012
    www.wir.ch

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 361-berliner-wasserbetriebe

    Weggeschüttet

    Die Nutzung regenerativer Energiequellen ist angesagt und verspricht eine bessere Zukunft. Weniger bekannt als erneuerbarer Rohstoff ist das Abwasser. In Berlin wird damit ein Schwimmbad geheizt.

    Abwasser fürs Schwimmbad – eine Geschichte für Warmduscher

    Die Nutzung regenerativer Energiequellen ist angesagt und verspricht eine bessere Zukunft. Weniger bekannt als erneuerbarer Rohstoff ist das Abwasser. In Berlin wird damit ein Schwimmbad geheizt.
    Erneuerbare Energien liegen in Berlin auf der Straße. Genau genommen liegen sie unter der Straße. 110 Liter Frischwasser nutzt jeder Berliner täglich. Nach – nennen wir es – Gebrauch landen diese in der Kanalisation. „Jede morgendliche Dusche, jede 60-Grad-Wäsche und jedes ausgegossene Nudelwasser wärmt das Abwasser auf“, erklärt Alexander Schitkowsky von den Berliner Wasserbetrieben (BWB). Sobald die Nudelbrühe durch den Abfluss strudelt und in die Kanalisation gelangt, gehört das Abwasser den BWB. Ein energetischer Rohstoff, der bislang im Klärwerk verloren geht. „Diesen Energieträger wollen wir nutzen, zumal es eine quasi unendliche Menge davon gibt. Abwasser wird immer anfallen“, ist sich Schitkowsky sicher. Bei den BWB leitet er die Abteilung „Industrieleistung und Instandhaltung“ und ist verantwortlich für Projekte, die nicht unmittelbar mit Wasserversorgung oder -entsorgung zu tun haben. Stolz umreißt er die neuesten Perspektiven: „Momentan stellen wir den Bau einer Pilotanlage zur Abwasserwärmerückgewinnung fertig. Dafür haben wir die Berliner Bäder-Betriebe (BBB) als Partner gewinnen können.“ Die heizen mit Hilfe der Wärme des Berliner Abwassers seit kurzem tatsächlich ein Schwimmbad.

    Abwasserwärmewas?, werden sich die ersten jetzt fragen, aber da steckt einiges dahinter:  Berlin verwertet die Temperatur des Abwassers seiner Einwohner: sozusagen effizient lokales Wirtschaften.

    Schitkowsky ist Verfahrenstechniker und ein Freund lokaler Lösungen: „Ich halte nichts von Energieträgern, die durch die halbe Welt geschifft werden, um hier vor Ort verbraucht zu werden. So etwas heißt doch automatisch, dass wir explodierende Ölleitungen in Afrika oder versinkende Bohrinseln in der Karibik in Kauf nehmen, nur damit wir hier mit dem Auto im Stau stehen können“, ärgert er sich. Es bedürfe dringend neuer Ansätze. „Eines der letzten energetischen Lecks eines Hauses ist der Abwasserkanal“, stellt er klar. Das Abwasser könnte zehn Prozent des Energiebedarfs eines Haushalts decken; nach einer energetischen Sanierung sogar bis zu 30 Prozent.

    Doch damit Wärme aus der Kanalisation zum Heizen genutzt werden kann, müssen drei Bedingungen erfüllt sein: Erstens benötigt man ein Gebäude mit konstantem Wärmebedarf sowie zweitens einen mit bestimmten Eigenschaften ausgestatteten Abwasserkanal; drittens und letztens müssen Heizobjekt und Kanal sehr nah beieinanderliegen – wenn der Abstand zwischen Gebäude und Kanal zu groß ist, rentieren sich die Investitionen nicht mehr. „Es war gar nicht so einfach, ein geeignetes Gebäude für eine Abwasserrückgewinnungsanlage zu finden“, berichtet Schitkowsky. Die Idee zu Bau und Betrieb einer solchen Apparatur hatte er bereits vor einigen Jahren, als er noch bei einem weitaus kleineren Wasserversorger in Braunschweig arbeitete. Dort ließ sich sein Plan jedoch nicht umsetzen. Als Schitkowsky in die Hauptstadt wechselte, nahm er seine Vision mit: „Ich wollte die Flinte noch nicht ins Korn werfen. Berlin ist eine so große Stadt, da musste es doch möglich sein, einen passenden Standort zu finden!“

    Nun sucht Schitkowsky sein Energieglück also in Berlin. Da wird es doch wohl ein passendes Objekt geben? Eine Schwimmhalle vielleicht?

    Aber auch den BWB fehlte es zunächst an passenden Liegenschaften. Bis zu dem Tag, als Schitkowsky mit Michael Thoma sprach, dem Energiebeauftragten der Berliner Bäder-Betriebe. Zwei Anstalten des öffentlichen Rechts und zwei Betriebe, denen es ums Wasser geht – da hat man (ohnehin) miteinander zu tun und hilft sich gerne. Thoma schlug etwa ein Dutzend Objekte vor. Nach dem ersten Prüfen der Voraussetzungen – Sie erinnern sich, erstens zweitens drittens – blieb die Sport- und Lehrschwimmhalle Schöneberg übrig: Der Wärmebedarf des Bades am Sachsendamm ist tatsächlich über das ganze Jahr konstant, und es liegt, nur vom eigenen Parkplatz getrennt, an einem ausbaufähigen Abwasserkanal. Noch dazu – das wäre dann viertens – ist im Gebäude ausreichend Platz, um die Wärmegewinnungsanlage nach dem Pilotstadium gegebenenfalls sogar zu vergrößern.

    Außerhalb dieser Schwimmhalle, auf der Sohle des Abwasserkanals, liegt mittlerweile ein 70 Meter langer Wärmetauscher. Hier nimmt die Wärmeübertragung ihren Anfang: Die Apparatur wird von warmem Abwasser umspült, wodurch sich normales Leitungswasser im Inneren des Tauschers erwärmt. Anschließend gelangt das Leitungswasser über Rohre in den Heizungskeller der Schwimmhalle und dort in eine Wärmepumpe (für Fachleute: eine Gasabsorptionspumpe). Hier heizt das abwasserwärmte Leitungswasser nicht etwa direkt; seine einzige Aufgabe besteht darin, Wärme für einen geschlossenen chemischen Kreislauf zur Verfügung zu stellen. In einer Abfolge von Reaktionen zwischen Ammoniak und Wasser (nicht dem von außen gebrachten) produziert dieser Kreislauf dann die eigentliche Heizwärme für das Schwimmbad. Damit die Reaktionen geschehen können, muss von außen Hitze zugeführt werden. Den größten Teil dieser Hitze liefert ein konventioneller Gasbrenner. Ein kleinerer und nicht unbeträchtlicher Teil der vom Ammoniak-Wasser-Kreislauf benötigten Hitze stammt aber aus dem im Kanal erwärmten Leitungswasser.

    Was aufwändig klingt, ist sehr effizient: Auf jedes Watt Leistung des Gasbrenners kommen in diesem System 1,4 Watt, die für die Wassererwärmung genutzt werden können. Momentan stehen vier Wärmepumpen im Keller; der Maschinenpark ließe sich mühelos auf bis zu sieben Pumpen erweitern. Nach der Pilotphase sollen die Vier jährlich gut eine Million Kilowattstunden Energie liefern und somit 89 Tonnen weniger CO2 in die Luft blasen – so viel wie neun Einfamilienhäuser im Jahr ausstoßen. Ohne Zahlensprech ausgedrückt: Durch diese Technologie kann die Ausstoßung einer enormen Menge von Kohlendioxidpartikeln vermieden werden.

    „Sollten wir die Anlage ausschließlich mit Biogas laufen lassen, dann wäre es unter dem Strich fast eine Nullemissionsanlage“, zeichnet Schitkowsky bereits die Vision einer weiteren Optimierung. Das Vorhaben der Stadt Berlin, bis 2050 klimaneutral zu werden, nimmt der Tüftler sehr ernst. Einsatzmöglichkeiten für sein Abwasserwärmegewinnungssystem sieht Schitkowsky auch beim Ausbau des Tempelhofer Feldes, beim Neubau der Genossenschaftssiedlung Initiative Möckernkiez oder im Stadtentwicklungskonzept Green Moabit.

    Für alle, die in dieser Geschichte nur die Hälfte folgen konnten: Einfach in der Schöneberger Schwimmhalle warm duschen.
    Miron Tenenberg
    25. Oktober 2012
    www.bwb.de
    Projektbeschreibung

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 360-neuburg-donau

    Weiterleitung

    In Neuburg an der Donau soll die Abwärme aus dem Industriegebiet künftig die gesamte Stadt heizen. Bürger, Unternehmer und Verwaltung arbeiten gemeinsam für die Wärme-Weiterverwertung. Der Anfang ist gemacht.

    Wohnungen heizen, nicht den Himmel

    In Neuburg an der Donau soll die Abwärme aus dem Industriegebiet künftig die gesamte Stadt heizen. Bürger, Unternehmer und Verwaltung arbeiten gemeinsam für die Wärme-Weiterverwertung. Der Anfang ist gemacht.
    Babynahrung abzufüllen ist energieintensiv. Um die Gläser zu produzieren, in die der Brei später fließen soll, werden hohe Temperaturen benötigt. Die über 380 Grad heiße Abluft des internationalen Glasherstellers Veralia in Neuburg an der Donau entschwindet bisher ungenutzt in die Atmosphäre. Doch das wird bald anders: Gegenwärtig legen Handwerker Verbindungsrohre zur benachbarten Fabrik von Donaumalz, die viel Wärme braucht, um aus Getreide Malz herzustellen – ein wichtiges Vorprodukt für Bier. Und das soll nur der Anfang sein, geplant ist noch viel Größeres: Die bayerische Stadt will mit der Abwärme aus ihrem Industriegebiet die Wohnungen und Büros in der Innenstadt heizen und so riesige Mengen Öl, Gas und klimaschädliches CO2 einsparen.

    Manfred Rößle ist einer der Initiatoren des Großvorhabens. Als Aktiver in Agenda-21-Arbeitsgruppen hat der ehemalige Bundeswehrpilot die Idee der Wärme-Weiterverwertung jahrelang ehrenamtlich vorangetrieben. Inzwischen ist er Wirtschaftswissenschaftler und professionell bei der Sache: Zusammen mit einem Vertreter der Stadtwerke leitet er das städtische Tochterunternehmen Wärmeversorgung Neuburg GmbH.

    Ohne Zweifel: Rößle ist ein hartnäckiger Mensch. Hinter seiner ruhigen Art versteckt sich eine gehörige Portion Ungeduld. Dass komplizierte Prozesse mit vielen Beteiligten Zeit brauchen, hat er lernen müssen, und sich zur Stärkung der eigenen Gelassenheit eine chinesische Redewendung verordnet: „Jeden Tag ein Schrittchen vorwärts.“ Und Rößle hat zuverlässige Mitstreiter. Neben dem Team des Forschungszentrums Erneuerbare Energien in Neuburg ist das vor allem Birgit Bayer-Kroneisl, die im Rathaus die Stabsstelle Umwelt leitet und mit Verve und guter Laune dafür sorgt, dass auch die Vorschläge aus der Bevölkerung nicht verpuffen. „Bürgerbeteiligung braucht Kontinuität und einen Motor. Der bin ich“, sagt sie selbstbewusst.

    Der wichtigste Coup von Rößle und Bayer-Kroneisl war ohne Zweifel, die Teilnahme der Stadt Neuburg am EU-Projekt Res publica einzufädeln. Das Programm förderte Initiativen, in denen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam ein Energiekonzept für die eigene Kommune erarbeiteten. Sorgfältig suchte Birgit Bayer-Kroneisl die Teilnehmer für die Workshops aus, damit die gemeinsam entwickelten Konzepte anschließend auch eine Chance auf Umsetzung hätten. Um auch Fachleute ins Boot zu holen, rief Bayer-Kroneisl einige Unternehmensleiter direkt an und warb mit Charme und Nachdruck um deren persönliche Mitwirkung bei den acht Treffen. Und so gelang es tatsächlich, den Entwicklungsprozess mit einem klaren und realistischen Ziel abzuschließen: Bis zum Jahr 2020 sollen Neuburgs schädliche Klimagase um 30 Prozent reduziert sein.

    Dabei hatte sich der Geschäftsführer der Glasfabrik zunächst heftig gegen das 30-Prozent-Ziel gewehrt. Für seinen Betrieb sei das nur zu erreichen, wenn er eine der drei Produktionsstraßen schließe, erklärte er – und in dem Fall müsste er ein Drittel seiner Leute entlassen. Der Chef einer Kieselerde-Produktion war hingegen sofort begeistert von der Vorstellung einer Energiekaskade, wie Rößle sie skizziert hatte: Durch intelligentes gemeinsames Vorgehen könne die Stadt das Sparziel erreichen, ohne dass die Unternehmen Produktionseinschränkungen oder die Neuburger kalte Wohnungen hinnehmen müssten. „Nicht reden, sondern tun“, gab der Kieselerde-Produzent als Motto aus und kündigte spontan an, die Abwärme seines Betriebs für ein solches Stadtheizprojekt kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die zu nutzen erwies sich bei der anschließenden Betrachtung des Gesamtkonzepts zwar als wenig sinnvoll – doch immerhin hatte sein schwungvoller Vortrag in der Zwischenzeit den Glashersteller überzeugt.

    Nachdem die Beteiligung der energieintensiven Unternehmen gesichert war, galt es nun, Mitstreiter bei den Stadtwerken zu finden; von diesen müsste der Transport der Wärme organisiert werden. Keine leichte Aufgabe. Selbst der Stadtwerksmitarbeiter, der schon bei den Res publica-Treffen dabei gewesen war, Georg von Großmann, hatte zunächst Zweifel. Inzwischen leitet er zusammen mit Manfred Rößle die Wärmeversorgung Neuburg GmbH. „Ich bin in dem Projekt bestimmt nicht der Anschieber. Aber innerhalb der Stadtwerke bin ich mit meinen Positionen inzwischen ganz, ganz weit vorne“, beschreibt er seine eigene Rolle als Verbindungsglied zwischen den Avantgardisten auf der einen und den Zögerern auf der anderen Seite.

    Die Vision seines Partners Rößle ist es, die gesamte Abwärme der Neuburger Industrie zum Heizen zu nutzen. Im Gewerbegebiet liefert neben dem Glaswerk auch ein Dämmstoffhersteller große Mengen heißer Luft. Die sollen künftig den benachbarten Bundeswehrstandort genauso heizen wie mehrere Firmen im Gewerbegebiet und das einige Kilometer entfernte Stadtzentrum. Durch die Nutzung der Abwärme würden in Neuburg etwa 13 Millionen Liter Heizöl überflüssig.

    Im Prinzip reichen die Abwärmemengen aus dem Industriegebiet aus, um sämtliche Bewohner Neuburgs die meiste Zeit im Jahr mit warmem Wasser und Heizung zu versorgen. Zur Verteilung der Wärme sind drei Heißwasserspeicher und ein Fernwärmenetz geplant, das einen Großteil der Gebäude versorgen soll. Was im Winter oder bei Produktionsausfall eines Lieferanten fehlt, soll durch ein Kraftwerk gedeckt werden, das Holzabfälle aus der Umgebung verheizt. Nur für Spitzenlasten an eiskalten Tagen soll nach Rößles Plan Erdgas verwendet werden.

    Insgesamt sind für das ganze Projekt 135 Millionen Euro veranschlagt – eine gigantische Investition angesichts des Gesamthaushalts der Stadt von jährlich 100 Millionen Euro. Doch zum einen hat das Bundesumweltministerium finanzielle Unterstützung für die Großspeicher in Aussicht gestellt. Zum anderen dürfen die Verbraucher auf längere Sicht mit deutlich niedrigeren Preisen rechnen, weil die Energie doppelt genutzt wird.

    Der alles entscheidende Anfang beim Aufbau der Dreiecksbeziehung zwischen Glasfabrik, Mälzerei und Stadtwerken ist nun gemacht. Dass dieser Teil des Projekts eine wirtschaftlich lukrative Angelegenheit darstellt, lässt sich auch daran ablesen, dass große Stromkonzerne und eine Münchner Fondsgesellschaft zwischenzeitlich in Neuburg auf der Matte standen, um in das Projekt einzusteigen. Fraglich blieb aber, ob diese Privatinvestoren anschließend auch ein urbanes Wärmenetz gebaut hätten. Deshalb beschlossen die Vertreter aller politischen Parteien, dass ihre Stadt nun selbst einsteigt – zumal die Bevölkerung den Fernwärmenetzplänen sehr positiv gegenübersteht, wie eine Umfrage des Forschungszentrums Erneuerbare Energien belegt. Monatelang hat Rößle auf den Tag der Vertragsunterzeichnung hingearbeitet. „Jeden Tag ein Schrittchen vorwärts“ kann eben auch bedeuten, dass eine Weile lang nichts vorangeht – dann aber endlich ein riesiger Schritt erfolgt.
    Annette Jensen
    18. Oktober 2012
    www.f10-energie.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 359-koelner-neuland

    Großgärtner

    Auf einer Kölner Brache entsteht der größte Gemeinschaftsgarten Deutschlands. Mit ausgemusterten und gespendeten Materialien bauen die Aktivisten ihr NeuLand.

    Die Brache beackern

    Auf einer Kölner Brache entsteht der größte Gemeinschaftsgarten Deutschlands. Mit ausgemusterten und gespendeten Materialien bauen die Aktivisten ihr NeuLand.
    Plötzlich weitet sich die Straße, und ganz viel Himmel öffnet sich über dem Kölner Süden: Von der 16.000-Quadratmeter-Brache aus erscheinen die umliegenden Wohnblöcke und Gewerbehöfe ganz klein. Ein breiter Streifen des Geländes ist schon mit tennisplatzrotem Sand bedeckt. Darauf stehen aus Paletten gezimmerte Hochbeete voller Spinat und Rucola, zwei Geräteschuppen in Form von alten Überseecontainern und die „Halle des Volkes“ – eine Bretterbude mit Foliendach. Gerade werden die letzten Kartoffeln und Tomaten geerntet. Die erste Gartensaison im Kölner NeuLand geht zu Ende – unter anderem geprägt von Läusen an den viel zu dicht stehenden Saubohnen. „Wird nächstes Jahr anders, wir sind ja alle professionelle Dilettanten“, freut sich Judith Levold, die den flächenmäßig größten deutschen Gemeinschaftsgarten mit aufgebaut hat. Im Sommer seien fast jeden Tag neue Leute vorbeigekommen, die fragten, ob sie noch mitmachen könnten. Klar, jederzeit, hier ist ja wirklich Raum genug – ein weites Feld.

    Erst eineinhalb Jahre ist es her, da versammelten sich 170 Menschen am Zaun – keine Demonstration im traditionellen Sinne, sondern ein Smart Mob, eine Protestform, bei der irgendwo plötzlich eine Menge Menschen auftauchen und erklären, dass sie etwas Gemeinsames wollen. Die Leute in Köln wollten wissen, was die Landesregierung mit dem riesigen freien Gelände anzufangen gedachte. Früher hatte hier mal eine Brauerei gestanden, außerdem ein beliebter Biergarten und noch einiges mehr, bis die Reste vor vier Jahren abgeräumt wurden. Eine Immobilienfirma hatte das Areal Stück um Stück geschluckt und es schließlich für ein Vielfaches der investierten Summe an den Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) weitergereicht. Seitdem verfiel das Gelände: eine klaffende Lücke, mitten in der Stadt.

    Ein paar der Smart Mobber schlugen vor, einen Gemeinschaftsgarten anzulegen, überzeugten ihre Mitstreiter mit dieser Idee sofort und deponierten erste Topfpflanzen. Dann schrieben sie der BLB eine Email. „Wir hatten riesige Hemmungen, zu denen zu gehen“, erinnert sich Dirk Kerstan, ein Ehrenamtlicher der ersten Stunde. Doch im BLB-Büro wurde die NeuLand-Delegation mit Kaffee und Kuchen empfangen und erntete sofort ein grundsätzliches „okay“. Die Angestellten des Liegenschaftsbetriebs stellten lediglich die Bedingung, dass ein Verein gegründet und auf dauerhafte Bauten und Bepflanzung verzichtet würde.

    Später meldete sich dann allerdings noch das Umwelt- und Gesundheitsamt und machte zur Auflage, dass das Gelände – da teilweise arsen- und bleiverseucht – nicht direkt bepflanzt werde. Außerdem müsse der Boden mit einer zehn Zentimeter dicken Trennschicht belegt werden. Welches Material die Neugärtner auch immer dafür verwenden wollten, der Belag dürfe sich nicht mit der darunter liegenden Erde vermischen. Schließlich solle die Anlage ja ein Provisorium bleiben, und bei einer späteren Altlastensanierung dürfe kein zusätzlicher Schrott anfallen.

    Schwierige Umstände: Auf dem Vereinskonto der NeuLänder befanden sich gerade mal 200 Euro. Die investierten sie in 100 Quadratmeter Abdeckfolie. Dann aber meldete sich ein Unternehmer, der Tennisplätze pflegt und jedes Jahr mindestens 100 Lkw-Ladungen roten Sand entsorgt. Bisher hatte er den immer in einen Tagebau gefahren – nun konnte er ihn den Brachenbewirtschaftern als Untergrund zur Verfügung stellen.

    Über ihre Netzwerke und den eigenen Blog gaben die NeuLänder den Bedarf bekannt, und sie formulierten ihre kühnsten Wünsche. Und siehe da: Eine Berliner Agentur, die Baustellen mit riesigen Gerüstplanen ausstattet, bot 3.000 Quadratmeter alte Abdeckfolie an, die in Düsseldorf lagerte und sofort gratis abgeholt werden könne. 2.000 Kubikmeter Kompost aus Grünschnitt kamen von einer Friedhofsverwaltung, Blumenkübel von einer Gärtnerei, Pflanzen von einer anderen. Ein Betrieb um die Ecke schenkte den Neugärtnern Euro-Paletten, die sie in der Werkstatt eines ebenfalls benachbarten Schreiners zu Pflanzkästen zusammenbauen konnten. Und als das Sommerfest im Regen zu versinken drohte, bauten die NeuLänder rasch einen fast 20 Meter langen Unterstand, für die ein Sägewerk in der Eifel das Holz geliefert hatte. „Woran merkst du, dass du das Richtige tust?“, fragt Kerstan und gibt selbst die Antwort: „Die Ressourcen kommen zu dir.“

    Ein Professor für Landschaftsarchitektur ließ seine Studierenden Pläne für das Gelände entwerfen. Die Nachwuchswissenschaftler gingen auch auf Feldforschung in die umliegenden Stadtteile, um herauszufinden, was die Anwohnenden sich wünschten. Die NeuLänder Gärtnerinnen und Hobbybauern wollen die Vorschläge gern zusammen mit den Studierenden umsetzen – aber noch haben es die beiden Gruppen nicht geschafft, einen gemeinsamen Plan aufzustellen; es gibt ja so unendlich viel zu tun. Das Ganze gleicht einem Biotop auf einer erst kürzlich aus dem Ozean aufgetauchten Insel – langsam breitet sich neues Leben aus.

    Am liebsten wollen die Vereinsmitglieder alles im Konsens entscheiden. Jemand hat ein altes Sofa abgestellt; soll es sofort verschwinden oder erst, wenn es völlig kaputt ist? Gehört in die Pflanzkübel reiner Kompost, oder soll der natürliche Dünger lieber gestreckt werden, damit er auf mehr Gefäße verteilt werden kann? Etwa 60 Leute aller Altersstufen beteiligen sich inzwischen, ein gutes Dutzend ist regelmäßig dabei. Manche Diskussionen sind hitzig und dauern lange, Euphorie und Erschöpfung liegen nah beieinander. „Der Zeitaufwand ist krass“, berichtet Judith Levold, die ihr Geld als freie Journalistin verdient.

    „Eine soziale Skulptur“ nennt Kerstan das Ganze und verweist auf Josef Beuys. An dieser Skulptur hat der gelernte Grundschullehrer, frühere Verlagskaufmann, Fernseh- und Theaterarbeiter Kerstan monatelang ohne Bezahlung mitgearbeitet. Seit es Fördergelder von einer Stiftung gibt, hat er hier sogar einen richtigen Job. Wilfried Nissing, der Schreiner von nebenan, gehört ebenfalls längst zu den Aktivsten. In einer von Politikern oder der Verwaltung organisierten Veranstaltung hätte er weder Lust noch Mut, sich ans Mikrofon zu stellen und seine Wünsche vorzutragen. Hier aber kann er hemmungslos selbst Ideen entwickeln und sie mit den anderen gleich umsetzen. Genauso hat er sich Bürgerbeteiligung immer vorgestellt.
    Annette Jensen
    18. Oktober 2012
    www.neuland-koeln.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 358-haushalten

    Hausmeister

    Das Konzept der Wächterhäuser bewahrt nicht nur Leipzigs Gründerzeiterbe vor dem Verfall – das Konzept einer legalen, konstruktiven Hausbesetzung macht auch vor, wie Stadtentwicklung ohne Großinvestoren funktionieren kann.

    Ausbau Ost

    Das Konzept der Wächterhäuser bewahrt nicht nur Leipzigs Gründerzeiterbe vor dem Verfall – das Konzept einer legalen, konstruktiven Hausbesetzung macht auch vor, wie Stadtentwicklung ohne Großinvestoren funktionieren kann.
    Eine Ausbauwohnung – zu DDR-Zeiten war das so was wie der Hauptgewinn mit Haken. Man hatte endlich eine Wohnung, aber um überhaupt einziehen zu können, musste man erst einmal selbst Hand anlegen: eine Heizung einbauen, die Leitungen reparieren oder noch Kriegsschäden ausbessern. Trotzdem waren diese heruntergekommenen Altbauwohnungen begehrt. Wohnraum war schließlich Mangelware.

    Heute muss niemand mehr in ein halb verfallenes Haus ziehen. Und so stehen in Leipzig ganze Wohnhäuser leer. An die 12.000 Gründerzeitbauten schmücken die Straßenzüge, mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Prächtige Eckvillen mit Stuck und Bogenfenstern, die eingeschlagen oder mit Sperrholzplatten zugenagelt sind. Die ortsüblichen Mieten sind so niedrig, dass es sich für die Eigentümer oft nicht lohnt, die verfallenden Baudenkmale zu sanieren. Also lassen die Besitzer ihre Häuser verrotten – in der Hoffnung auf den Aufschwung des Immobilienmarkts, aus Ratlosigkeit oder schlicht deshalb, weil ihnen die Mittel für eine Sanierung fehlen. So vegetieren mehr als 1.500 Häuser vor sich hin – vor allem an lauten Ausfallstraßen und in vernachlässigten Vierteln.

    Dennoch ist die Warteliste des Vereins HausHalten e.V. lang: Über 1.000 Interessenten hoffen auf ein leerstehendes Gebäude, das sie als sogenanntes Wächterhaus renovieren und beziehen dürfen; zukünftige Hauswächter bewerben sich mittlerweile mit einem Nutzungskonzept. „Niemand muss jedoch gelernter Handwerker sein“, sagt Uwe Lotan von HausHalten e.V.

    In Sorge um die historische Gründerzeitarchitektur ersann eine Gruppe von Stadtplanern, Architekten und Geographen Ende 2004 die Idee der Wächterhäuser, die ebenso visionär wie einfach ist: Der Eigentümer eines leerstehenden Hauses überlässt es Zwischennutzern für einen befristeten Zeitraum. Die zahlen nur die Betriebskosten und verpflichten sich im Gegenzug, die Räume instand zu setzen und regelmäßig nach dem Rechten zu schauen. So hat der Eigentümer zwar keine Mieteinnahmen, aber er muss auch kein Geld für eine aufwändige Sanierung aufbringen. Das Gebäude verfällt nicht weiter – und wird vor allem nicht mutwillig zerstört. Denn wo abends das Licht angeht, da werden auch keine Scheiben eingeworfen oder das Dach angezündet. Und wer eine Wohnung mit den eigenen Händen renoviert hat, der entwickelt meist auch eine Beziehung zum Haus. „Wer hier einziehen will“, ergänzt Lotan, „der sollte aber schon enorm belastbar sein. Deshalb wählen wir die Leute gut aus.“

    Knapp ein Dutzend sind es, die sich an einem sonnigen Augustabend im Leipziger Osten eingefunden haben, um in das Ausbauhaus in der Bergstraße 30 zu ziehen. Ausbauhaus – so heißt das neue Modell des Vereins. Im Gegensatz zu den Wächterhäusern sind die Mietverträge hier nicht auf fünf Jahre begrenzt. Fast noch wichtiger: die freie Nutzung der Räume. Denn in den Wächterhäusern durften offiziell nur Ateliers und Arbeitsräume eingerichtet werden. „Wer eine Wohnung mühsam selbst ausgebaut hat, der möchte aber oft auch einziehen und nicht nach fünf Jahren wieder raus müssen.“ Deshalb hat sich HausHalten e.V. an das neue Experiment Ausbauhaus gewagt.

    Die zukünftigen Nutzer der Bergstraße 30 treffen sich zum ersten Mal, einige waren sogar niemals zuvor in der Gegend. Man sitzt auf der Fensterbank oder auf den verrotteten Dielen zwischen Bauschutt und Tapetenresten, den Tabak vor sich auf dem Boden. Abendlicht fällt durch die geöffneten Holzkastenfenster. In den kommenden Monaten werden sie sich nicht nur den Hausflur teilen – sondern wohl auch Schleif- und Bohrmaschine, Verteilerkabel und einen Schuttcontainer im Hof. Sie werden gemeinsam Wände einreißen, Tapeten abkratzen, Rohre verlegen, Bäder und Küchen einbauen, Dielen abschleifen und vor allem die Kachelöfen und Fenster für den Winter funktionstüchtig machen. Sogar die Stränge für Elektroleitungen werden sie unter fachlicher Anleitung selbst ziehen müssen. Und zwar noch vor Wintereinbruch. Das ist der Deal – und im Mietvertrag festgelegt.

    Also hat Uwe Lotan gleich zum ersten Treffen einen Elektriker vom Verein mitgebracht. Denn HausHalten e.V. fungiert nicht nur als Vermittler zwischen Eigentümer und Nutzern, sondern stellt auch sein Knowhow zur Verfügung, leiht Werkzeug aus und schickt professionelle Handwerker zur Endabnahme vorbei. Das ist deshalb so wichtig, weil der Hauseigentümer nur für die Grundsicherung sorgt – also dafür, dass das Dach geflickt oder das Treppenhaus gesichert ist. „Wenn man die grundlegenden Arbeiten nicht sofort macht, lebt man ewig im Provisorium“, sagt Lotan. Er weiß, wovon er spricht. Der angehende Architekt hat das neue Modell nicht nur mitentwickelt, er ist selbst in das erste Ausbauhaus in der Wurzener Straße 62 eingezogen, um zu sehen, wo es hakt. Und weil er Leipzigs Osten wiederbeleben will. „Im Westen werden wir nicht mehr gebraucht“, meint er, „dort sind schon genug Studenten, Galerien und Cafés.“ Rund um die Bahnhofstraße dagegen sieht man keine Stühle auf dem Gehweg – eher begegnet man einem Kampfhund oder älteren Männern in Unterhemd, die auf ein Kissen gestützt aus dem Fenster lehnen und abwarten, was auf der Straße passiert. Meist passiert nichts.

    Zumindest bis die gelbe Banderole mit dem Schriftzug Wächterhaus oder Ausbauhaus an einer Häuserfassade befestigt wird. Damit es dazu kommt, klingeln sich die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder nach Feierabend durch die Nachbarschaft – auf der Suche nach den Eigentümern leerstehender Altbauten. Nächste Hürde: Vertrauen aufbauen. Den Besitzer der Immobilie davon überzeugen, dass er von dem Deal profitiert. Wächter ausfindig machen, die sich an die Spielregeln halten. Dazu gehört die Garantie, dass die Zwischennutzer nach fünf Jahren auch wieder ausziehen, wenn der Eigentümer darauf besteht.

    Für fünf der insgesamt 16 Wächterhäuser ist diese Zeit bereits abgelaufen. Sie konnten vom Verein wieder „entlassen“ werden: Ein Haus wurde nach fünf Jahren verkauft und komplett saniert, drei konnten in reguläre Mietshäuser umgewandelt, eines direkt von den Nutzern erworben werden. Vorrangiges Ziel des Vereins HausHalten e.V. ist es erstmal, dem Baudenkmal wieder auf die Beine zu helfen. Oft gibt das aber auch dem Viertel – und den Nutzern – einen Schub nach vorne. Das hat sich herumgesprochen: Auch in Halle, Chemnitz und Zwickau gibt es bereits Wächterhäuser.

    „Wer in ein Ausbauhaus zieht, sucht zwar in erster Linie viel Raum für wenig Geld“, erklärt Uwe Lotan. „Aber immer mehr Leute wollen auch alles selbst machen und Räume haben, um sich auszuprobieren.“ Genau diese Nischen sind in vielen deutschen Großstädten heute wieder Mangelware. Leipzig hat sie noch – aufgrund eines enormen Leerstandes, ratloser Eigentümer und dank eines Vereins, der ein konstruktives, pragmatisch ostdeutsches Modell entwickelte, um historische Gebäude vor dem Abriss zu retten.
    Stefanie Müller-Frank
    10. Oktober 2012
    www.haushalten.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 356-architekt-scharmer

    Strohmann

    Strohhäuser halten in Neubaugebieten Einzug. Für den Architekten Dirk Scharmer sind Strohballen der Baustoff der Zukunft – nicht nur wegen ihrer unschlagbaren Ökobilanz.

    Halbinseln aus Stroh

    Strohhäuser halten in Neubaugebieten Einzug. Für den Architekten Dirk Scharmer sind Strohballen der Baustoff der Zukunft – nicht nur wegen ihrer unschlagbaren Ökobilanz.
    Der Handwerker spritzt fetten, kühlen Lehm mit einer Düse auf die Wand aus Stroh und streicht ihn mit einem langen Brett glatt. Die Arbeit des Lehmbauers erinnert an die eines Konditors, der eine Torte mit Sahne verziert. Meter für Meter verschwinden die Ballen, die das Holzgerippe des künftigen Einfamilienhauses füllen, hinter einer feuchten, braunen Schicht. Der Architekt Dirk Scharmer inspiziert mit einem Scheinwerfer die frisch verputzen Wandstücke auf der Baustelle im niedersächsischen Buchholz. Er tastet sie ab und prüft, ob der Putz hält; alles fest. Zufrieden beobachtet er die Arbeit des Handwerkers und klopft ihm schließlich beherzt auf die Schulter. „Der Lehm sorgt später für ein angenehmes Raumklima“, sagt Scharmer. Eine typische Eigenart dieser Bauweise. In etwa vier Monaten wird das Haus fertig sein. Nur die organischen, runden Laibungen an den Fenstern und Hausecken werden dann noch erahnen lassen, dass sich darunter Stroh verbirgt.

    In der Neubausiedlung in der Nordheide ist das Strohhaus ein Unikat; rundherum stehen Klinker- und Fertighäuschen. Gut ein Dutzend Strohhäuser hat der 44-jährige Scharmer in Deutschland schon gebaut. Als er vor gut zehn Jahren damit begann, hielt kaum jemand Stroh für einen Baustoff der Zukunft.

    Dabei erreicht ein Strohhaus dank der starken Dämmwirkung des nachwachsenden Rohstoffs  problemlos Passivhausstandards – und das bei bester Ökobilanz: Für die Herstellung und über die gesamte Lebensdauer benötigt ein Strohhaus weniger Energie, als ein konventionelles Haus bereits bei der Schlüsselübergabe verbraucht hat, rechnet Dirk Scharmer vor. Auch gegenüber den meisten anderen Passivhäusern ist es klar im Vorteil: In vielen Kalkulationen werde die Herstellungsenergie einfach ignoriert, kritisiert Dirk Scharmer; aus seiner Sicht ein Frevel. Die in vielen Passivhäusern verbauten Dämmstoffe wie Mineral- und Steinwolle würden in der Produktion hundertfach mehr Energie verschlingen als das Stroh von den Äckern nebenan.

    Während seiner Zimmermannslehre, die Dirk Scharmer 1987 in einem ökologischen Betrieb im Wendland begann, fällte er Holz, schleppte es aus dem Wald ins Sägewerk und lernte, das Fachwerk alter Häuser mit Lehmmörtel auszubessern. Das hieß auch: „Fehler machen, daraus lernen und mehr wollen für die Zukunft“, erinnert sich der große Typ in ausgewaschenen Shorts und klobigen Sicherheitsschuhen. In der Zeitschrift Greenhome berichtete er kürzlich: „Das, was ich in der Lehre begonnen hatte, wollte ich gerne weiterführen, aber auch verändern und in einen neuen Kontext bringen. Ich wollte Gebäude planen und bauen, die ein Stück näher an der Natur dran sind“. Das Architektur-Studium in Bremen war für ihn der logische nächste Schritt. Für Dirk Scharmer ist „ein Haus kein Ufo, sondern tritt in Beziehung zur Natur, zu anderen Gebäuden und vor allem zu den Menschen“, dann erst entstehe „lebendige Architektur“. Doch mit der voranschreitenden Industrialisierung sei im Bauen die Lebendigkeit verloren gegangen, kritisiert er. Inspiriert von einem Besuch der Strohhauspioniere Harald Wedig aus den Niederlanden und David Eisenberg aus den USA im Jahr 1999 startete Dirk Scharmer einen Selbstversuch: in Eigenarbeit baute er im wendländischen Dörfchen Guhreitzen ein erstes kleines Strohhäuschen und lebte darin zwei Jahre lang.

    Heute gibt es in Deutschland rund 200 Strohhäuser. Es könnten jährlich 350.000 hinzukommen, hat Dirk Scharmer ausgerechnet. Denn den Dämmstoff dafür gibt es in fast unbegrenzter Menge, und er wächst jährlich nach. 20 Prozent des Strohs, das bei der Getreideproduktion anfällt, würden bisher nicht genutzt, so Scharmer. Ein weiterer Vorzug: Anders als viele andere nachwachsende Rohstoffe konkurriert Stroh nicht mit der Nahrungsmittelproduktion.

    Die Bauweise hat eine lange Tradition: Schon vor 100 Jahren errichteten Siedler in den waldarmen Regionen des US-Staates Nebraska Häuser aus Heuballen. Doch es wäre falsch, anzunehmen, dass es Scharmer allein um das Wiederaufleben einer historischen Bauweise ginge. „Ein Strohhaus von heute ist kein Lowtech-Haus“, sagt der gelernte Zimmerer. Die Fenster sind dreifach verglast, und die Lüftung mit Wärmerückgewinnung, die Sonnenkollektoren auf dem Dach und die Pelletheizung erfordern einen eigenen Maschinenraum. In seinen Strohhäusern bringt Dirk Scharmer regionale Baustoffe, traditionelles Handwerk und Hightech zusammen.

    Am Anfang teilte er die verbreiteten Bedenken, ein Strohhaus könne leichter Feuer fangen als konventionelle Gebäude. Darum wollte er bei den vorgeschriebenen Brandschutztests persönlich dabei sein und fuhr in das Labor der Braunschweiger Materialprüfanstalt. Der Architekt fieberte hinter der dicken Glasscheibe mit, ob die Wand aus Stroh, Lehm und Holz der Flamme eines Industriebrenners eine halbe Stunde lang Stand halten würde, um den F30-Standard für Einfamilienhäuser zu erreichen. Auf dem Monitor erschienen laufend neue Werte von den an der Wand angebrachten Sensoren. „Ich war von den Ergebnissen überrascht und begeistert“, schwärmt Scharmer. Die Wand, die mit dem als „normalentflammbar“ eingestuften Stroh ausgekleidet ist, werde durch die Lehmschicht sogar zu einem feuerhemmenden Bauteil, resümiert er. 

    Auf der Buchholzer Baustelle duften die Balken harzig nach brandenburgischen Kiefern. Der Strohhaustourismus setzt bereits ein: Neugierig lugen künftige Nachbarn durch die flatternde Baufolie. Sie sind eher den Anblick von hochgestapelten YTONG-Steinen denn den von goldenem Stroh gewohnt. Das Strohhaus ragt heraus wie eine Halbinsel in diesem Neubaumeer – Bauen mit Stroh hat seine Nische noch nicht verlassen, aber ist mit einem Preis von 200- bis 300.000 Euro für ein Einfamilienhaus mit 150 Quadratmetern Wohnfläche bezahlbar geworden.

    Strohhausbaustellen sind von jeher auch Mitmachbaustellen. Beim Bau eines dreistöckigen Mietshauses in der Altmark rückten einmal ganze 350 Helfer an, ein anderer Bauherr bestellte seine Fußballmannschaft zum Einsatz mit dem Stroh, erzählt Bettina Keller, die als Zimmerin bei vielen Projekten von Dirk Scharmer Freiwillige anleitete. Während der Strohbau in Frankreich und anderen europäischen Ländern boomt, mangelt es in Deutschland an Experten wie Keller. „Darum bilden wir jetzt in einem ersten Pilotkurs Fachkräfte für Strohballenbau aus“, sagt Dittmar Hecken vom Fachverband Strohballenbau Deutschland e.V.

    Pionier Dirk Scharmer stößt ein Umdenken im Baugewerbe an: Obwohl Lehm, Stroh und Holz weniger witterungsbeständig sind als Stahl, Beton und Stein, gibt es „Strohhäuser, die 100 Jahre alt und in tadellosem Zustand sind“, kontert er. Für den bedachten Architekten aus dem niedersächsischen Südergellersen geht es um mehr als um Sicherheitsanforderungen in den eigenen vier Wänden. „Nach seiner Nutzungsdauer darf ein Haus verwittern“, plädiert Scharmer. Die Hauptbestandteile Stroh, Lehm und Holz müssen nicht aufwändig entsorgt, sondern können kompostiert werden. Sie hinterlassen keine schädlichen Stoffe in Luft, Boden oder Wasser und schließen damit die ökologischen Kreisläufe. Wer sich für ein Strohhaus entscheidet, kauft längst nicht mehr die Katze im Sack. Die Bauweise ist den Kinderschuhen entwachsen und bietet Häuslebauern eine ganzheitliche Option, die längst in den Einfamilienhaus-Katalogen zu finden sein müsste.
    Anja Humburg
    04. Oktober 2012
    www.architekt-scharmer.de
    www.fasba.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 352-the-green-path

    Hugh

    Indianer oder Cowboy? Gut oder böse? Klimaretter oder Klimakiller? Das ist das Thema der Kampagne The Green Path.

    Ich bin das Problem. Die Weisheit grüner Indianer.

    Indianer oder Cowboy? Gut oder böse? Klimaretter oder Klimakiller? Das ist das Thema der Kampagne The Green Path.
    Erscheint man zur Faschingsparty lieber als verwegener Cowboy, lässig mit Lasso über der Schulter und Revolver in der Hand, oder schwingt man im fransigen Kostüm und mit einem „Hugh“ auf den Lippen das Beil gegen die Bleichgesichter? Diese Entscheidung sei existentiell und zwar nicht nur für Jecken, findet der Öko-Aktivist Matthias Rischau. Er sucht die Verbindung zum jeweiligen Alter Ego seines Gegenübers: „Ist man eher Cowboy oder Indianer? Auf welcher Seite verortet man sich, und gegen wen kämpft man?“

    Im 18. und 19. Jahrhundert wurde der amerikanische Westen kolonisiert; Indianer und Cowboys standen miteinander in einem brutalen Konflikt. Dabei waren die Einen gut und die Anderen böse – zumindest im filmischen Genre des Western der 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Die weißen Cowboys und Viehtreiber verdrängten die Indianer systematisch, brachten sie um ihre Lebensgrundlagen und vernichteten ihre Kultur. Die Natur wurde auf dem obsessiven Beutezug der westlichen Siedler ausgeplündert und zerstört, denn die Erde war in ihren Augen ausschließlich dazu da, möglichst unendlich Ressourcen zu liefern. Das war die Gier des weißen Mannes nach Edelmetallen, vor allem nach Gold. Die eingeborenen Indianer hingegen lebten in Respekt und Einklang mit der Schöpfung und wollten verhindern, dass ihr Land ausgebeutet und geschädigt wird.

    Ähnlich verhält es sich mit dem heutigen Kampf um unseren Planeten, folgert Matthias Rischau, der gemeinsam mit dem Fotografen Robert Felgentreu die Kampagne The Green Path erdachte und umsetzt. „Die Cowboys, das sind gegenwärtig industrielle Großkonzerne und Mineralölunternehmen; sie rufen Wachstum und Fortschritt und plündern in ihrem globalen Beutezug die Natur. Die zeitgenössischen Indianer sind dagegen die Öko-Krieger, die sich zusammenschließen und verhindern wollen, dass der neue Moloch unseren Planeten ausbluten lässt.“ Für Rischau vereint das Bild des Indianers uralte Weisheit mit kindlicher Unschuld und moralische Über- mit militärischer Unterlegenheit. Hingerissen und fasziniert ist der Klimaschützer von der einstigen Mission der Indianer, die für ihn echte Typen, echte Kerle, ja echte Idole sind. Das ist natürlich ein bisschen viel Folklore.

    Immerhin aber ist der Kampf für das Klima, wie auch damals im Wilden Westen, sehr ungleichgewichtig. Viel zu wenige Menschen haben den grünen Pfad bisher einschlagen. Es braucht mehr Vorreiter, die CO2 reduzieren, unsere Welt vor Ausbeutung und Zerstörung verteidigen und den Klimawandel verhindern wollen. Ja, der Klimawandel ist nicht nur ein naturwissenschaftliches, sondern vielmehr ein soziales Problem: er verlangt nach praktischem Handeln, von Vielen, miteinander.

    Deswegen haben sich die beiden Initiatoren der Kampagne The Green Path vor ungefähr dreieinhalb Jahren überlegt, das Problem Klimawandel zuerst auf die persönliche Ebene („Der Klimawandel ist mein Problem!“) und danach auf die Ebene sozialer Beziehungen zu holen („Der Klimawandel ist ein gemeinsames Problem!“). Rischau und Felgentreu wollen jede kleine Handlung, die zu einer Reduktion von CO2 beiträgt, visualisieren und dokumentieren. Dafür bekommt derjenige, der dem Stamm der Öko-Indianer beitritt, einen grünen Streifen ins Gesicht gemalt – der soll die persönliche Tatkraft symbolisieren. Und obwohl sich echte Indianer aus der Angst vor Seelenraub eigentlich nicht abbilden ließen, wird vom Öko-Neuling ein erstes Foto geschossen. Den zweiten Strich, zur Vervollständigung der Kriegsbemalung, erhält derjenige, der eine weitere Person überzeugt, sich ebenfalls für den Klima- und Umweltschutz stark zu machen. Der grüne Streifen Nummer zwei, auf der anderen Wange, steht also für die interpersonelle Überzeugungskraft, immer mehr Menschen auf den grünen Weg zu holen und an der Green-Path-Kampagne teilhaben zu lassen. Dafür ist ein zweites Beweisfoto fällig, das dann beide Überzeugungstäter zeigt: den ursprünglichen und den frisch geworbenen.

    Rothäute bemalten ihr kantiges Gesicht einst mit Rot, wenn sie in den Krieg zogen (daher der Name) und mit der Farbe Blau, wenn es Probleme oder Schwierigkeiten gab. Die modernen Öko-Indianer konterfeien grün im Kampf gegen unsichtbare Teilchen in der Atmosphäre. The Green Path setzt auf die Gemeinsamkeit, die alles durchdringt: „Das ist der Beginn einer neuen Bewegung! Wir haben das Potential!“, ruft Rischau aus und ist dabei kaum noch auf seinem Stuhl zu halten.

    In Anbetracht des drängenden Problems Klimawandel ist jede noch so kleine Tat ungemein wichtig: zu einer nachhaltigen Bank oder zu einem Ökostromanbieter zu wechseln, weniger Fleisch zu essen, gemeinsam wassersparend zu duschen, häufiger Fahrrad zu fahren, auf Plastiktüten zu verzichten... die Möglichkeiten im Kleinen und Privaten sind zahlreich. Nur Politiker würde Rischau nie grün schminken, da diese durchaus große Handlungsspielräume hätten, aber leider zu selten nutzten.

    An einigen öffentlichen Plätzen wurden die Green-Path-Fotografien schon großformatig gezeigt, zum Beispiel auf der 3. Hamburger Klimawoche und im Klimahaus Bremerhaven. Weitere Ausstellungen sind in Berlin und anderen deutschen Großstädten geplant. Vorerst. Danach erobert die Aktion Europa und im Anschluss den Rest der Welt – so Rischaus Vision. Wer Ausstellung hört, denkt an Kunst, doch das wischt Rischau vom Tisch: „Das ist keine Kunst, sondern eine politische Kampagne“. Um von der Seite der Cowboys zu den Grüngesichtern überzulaufen und Teil der Opposition zu werden, bedarf es der Beantwortung folgender Fragen, erklärt Rischau: „Erstens, was kann die Menschheit gegen den Klimawandel tun? Zweitens, was tust Du privat? Drittens, bist Du bereit, einen anderen Menschen zu überzeugen? Und viertens, hast Du Hoffnung?“

    Seine Hoffnung hat Matthias Rischau nie aufgegeben; er ist nie vom Pferd gefallen. Nicht einmal, als sein Bio-Fastfood-Restaurant Gorilla nach vier Jahren in die Insolvenz gehen musste, weil der Investor völlig überraschend seinen Cowboyhut nahm und für immer verschwand. Und nun setzt Rischau all seinen Zukunftsglauben in eine soziale Bewegung, in die dem Green Path innewohnende Kraft, den dringend notwendigen Kulturwandel herbeizuführen.

    Matthias Rischau ist selbst ein wahrer Großstadtindianer, der auf seinem Fahrrad wie auf einem Mustang durch die Betonschluchten rast. Er ist jedoch kein gelassener Häuptling, der in sich gekehrt an seiner Friedenspfeife zieht und Weisheiten von sich gibt, sondern ein aufgeregter Umweltaktivist, der gegen die klimafeindliche Wirtschafts- und Lebensweise der Bleichgesichter antrommelt. Er hat nur eine Frau, nicht drei wie einst Sitting Bull. Aber mit dieser einen Frau hat er immerhin drei Kinder, während es Sitting Bull mit seinen drei Squaws auch nur auf sieben brachte. Fragt man Rischau, ob er sich als Anführer der Green-Path-Bewegung sieht, antwortet er: „Ich bin zuallererst Vater.“ Und man spürt, dass er insbesondere eine Mission gegenüber seinen Kindern erfüllt. Möge der große Manitu ihm beistehen!
    Dana Giesecke
    26. September 2012
    www.the-green-path.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 355-retourmoebel

    In the closet

    In der Steiermark haben sich Möbelhäuser, Landesregierung und Sozialunternehmen zusammengeschlossen, um gebrauchte Möbel vor der Verschrottung zu retten. In ReUse-Läden werden Sessel und Schränke von ehemals Arbeitslosen zu günstigen Preisen verkauft.

    Ein zweites Leben für den Monatsknüller

    In der Steiermark haben sich Möbelhäuser, Landesregierung und Sozialunternehmen zusammengeschlossen, um gebrauchte Möbel vor der Verschrottung zu retten. In ReUse-Läden werden Sessel und Schränke von ehemals Arbeitslosen zu günstigen Preisen verkauft.
    Liebe Mitmöbelstücke, hallo Sesselpupser! In der Steiermark tut sich was, und deshalb breche ich das in meinen Kreisen sonst übliche Schweigen. Ich selbst bin ein Kleiderschrank – kein Luxusexemplar, aber solide und schlicht. Als ich auf den Markt kam, wurde ich sogar als „Knaller des Monats“ in einer Hauswurfsendung beworben. Doch ich sage Ihnen aus leidvoller Erfahrung: Nichts welkt schneller als menschliche Modevorstellungen. „Schiach“ und „oid“ sei ich geworden, behauptete meine Besitzerin, die im Zentrum von Graz wohnt – dabei bin ich erst sechs Jahre alt! Und so hat die Familie vor kurzem in Katalogen geblättert, einen Ersatz für mich gefunden und ihn gleich bestellt. Klar – für den einstigen Knaller des Monats war jetzt kein Platz mehr. Aber nun kommt’s: Fast überall hätten die Möbelpacker mich einfach zertrümmert, und meine Reste wären beim Recyclinghof oder gleich in der Müllverbrennungsanlage gelandet – und das, obwohl ich voll funktionsfähig bin und bei mir nicht einmal eine Schraube locker ist!

    Meine Rettung war, dass meine Erstbesitzer in Graz leben – wie ich ja bereits sagte – und meinen Nachfolger ausgerechnet bei kika gekauft haben. Die Männer von der Möbelhauskette haben mich ganz vorsichtig die Treppe heruntergewuchtet und in ein Lager gestellt, wo schon andere ausrangierte Sessel, Sofas, Tische, Stühle und auch ein paar Schrankkollegen standen. Nach ein oder zwei Tagen kamen dann Leute von einem sozialökonomischen Betrieb namens BAN vorbei und haben mich und eine Lkw-Ladung anderer Möbelstücke mitgenommen. Sie haben einen fehlenden Türknopf ersetzt (naja, einen winzigen Mangel hatte ich also doch, aber deshalb kann ich doch nicht ausgemustert worden sein?), und jetzt stehe ich seit einer Woche hier, in einem hellen, gut sortierten Second-Hand-Laden und warte, dass mich jemand mitnimmt, für nur 45 Euro. Ich bin guter Hoffnung, dass ich bald ein neues Zuhause finde; eine Frau schleicht hier dauernd herum und hat schon zweimal in mich hineingeguckt. Aber wenn die mich nicht kauft, dann vielleicht Sie?

    Die meisten Menschen, die mich hier bei BAN betreuen und anpreisen, waren vorher längere Zeit arbeitslos. Aber denken Sie nicht, dass sie deshalb morgens zu spät kommen dürfen oder rumbummeln. Nein, die arbeiten ganz normal und strengen sich an, um spätestens nach einem Jahr irgendwo anders einen ganz regulären Job zu ergattern. Damit das klappt, bekommen sie Unterstützung von den Leuten, die hier dauerhaft arbeiten. BAN – ach so, das steht für Beratung Arbeit Neubeginn, das hatte ich noch gar nicht gesagt – ist eigentlich ein ganz normaler Betrieb, und die Preise sind so hoch wie in anderen Gebrauchtwarenläden. Auch verdienen die Mitarbeitenden Tariflohn; der einzige Unterschied ist, dass das Arbeitsamt, die Kommune und das Land Geld zuschießen, weil BAN die ehemals Langzeitarbeitslosen unterstützt und auch weiterbildet. Sie fragen, wie ich als Schrank das wissen kann? Na, weil ich doch hier herumstehe und alles höre, was die Damen und Herren im Raum sagen. Das mit den Erwerbslosen ist hier in Österreich nicht so idiotisch geregelt wie in Deutschland, wo viele für einen Euro Stundenlohn irgendwelche Arbeiten erledigen müssen, die keine normale Firma übernehmen würde – weswegen die Leute da ja auch so gut wie nichts lernen, was sie anschließend gebrauchen könnten. Wer sich so was Beklopptes nur ausgedacht hat? Bestimmt ein Holzwurm, äh, Holzkopp.

    Aber ich bin abgeschweift. Eigentlich müsste es doch selbstverständlich sein, dass noch brauchbare Sachen nicht einfach weggeschmissen werden. Ist es aber nicht. Ja, stellen Sie sich vor: Bis 2008 war es in der Europäischen Union sogar verboten, total funktionsfähige Fernseher oder heile Möbel von einem Recyclinghof abzuholen. Abfall ist Abfall, hieß es. Immerhin ist diese Regelung inzwischen abgeschafft. Meine Heimatregion, die Steiermark, scheint sehr fortschrittlich zu sein, denn sie richtet jetzt in jedem Recyclinghof sogar einen Lagerraum für solches Zeug ein. Schließlich ist die Nachfrage nach Gebrauchtem groß; viele Leute haben wenig Geld, und die Second-Hand-Läden könnten viel mehr verkaufen, wenn sie entsprechende Ware hätten.

    Genau deshalb ist auch die Idee für das Projekt Retourmöbel Steiermark entstanden. Das ist der offizielle Name der Aktion, die mich hier hergebracht hat. Das Projekt gibt es erst ein halbes Jahr, und es nennt sich noch „Pilotprojekt“, da soll wohl irgendetwas getestet werden. Es bringt die Möbelhäuser kika und Leiner auf der einen Seite zusammen mit BAN und einigen anderen Sozialunternehmen auf der anderen Seite; der Dritte im Bunde ist die Steirische Landesregierung. Eine ganz schöne Ehre für mich ungeliebten Schrank, dass all diese hohen Herrschaften sich bemühen, ausgerechnet mich wieder unter die Leute zu bringen.

    Das Verrückte an der Sache ist, dass in diesem Modellversuch nicht nur Leute mit kleinem Geldbeutel profitieren und die Umwelt geschont wird, weil weniger hergestellt werden muss. Auch alle anderen Beteiligten gewinnen dabei. Vor kurzem war eine Journalistin hier und hat sich alles erklären lassen – und da hab ich genau zugehört. Wollen Sie wissen, was die am Projekt Beteiligten gesagt haben?

    Thomas Lanza, vormals Langzeitarbeitsloser und jetzt bei BAN beschäftigt: Ich finde das klasse hier. Ich komme aus der Computerbranche und war länger arbeitslos. Ich hoffe, dass ich bald eine Stelle irgendwo anders finde. Ich denke schon, dass das klappt.

    BAN-Geschäftsführer Christian Wolf: Wir haben jetzt mehr Gebrauchtmöbel als früher, aber immer noch nicht genug. Deshalb müssen wir weiter Werbung machen.

    Harald Voller aus der Kika-Verkaufsleitung: Unsere Entsorgungskosten sinken, weil weniger Restmüll entsteht. Und wir können Leuten, die finanziell nicht so gut gestellt sind, ein bisserl helfen. Unser Geschäft verdirbt das nicht: Die würden sowieso nicht bei uns einkaufen.

    Robert Ritter von der Landesregierung: Bisher gibt es vier ReUse-Shops in der Steiermark, die von sozialökonomischen Betrieben geführt werden. Wir wollen, dass es bald ein flächendeckendes Netz gibt und unterstützen deshalb den Aufbau weiterer Läden. Ein Teil der Retourmöbel kommt von den Möbelhäusern kika und Leiner. Außerdem haben wir inzwischen schon 360 Altstoffsammelzentren, und dort werden die noch verkaufsfähigen Sachen jetzt zur Seite gestellt und abgeholt.

    Eine Win-Win-Situation sei das, haben alle betont. Deshalb soll das Projekt auch langfristig weiterlaufen. Die einzigen, die sich manchmal noch etwas sperren, sind die Verkäufer bei kika und Leiner. Die interessieren sich oft nur dafür, dass sie möglichst viel Neues verticken, dafür bekommen sie Provision. Was aus uns wird, ist denen schnuppe. Aber ihr Chef vom kika-Kundendienst ermahnt sie immer wieder, dass sie auf das Retourmöbel-Projekt hinweisen sollen. Schließlich freuen sich viele Kunden ja auch, wenn ihre Sachen noch irgendwem nützen und nicht direkt aus ihrer Wohnstube im Müll landen.

    Und nun: Erzählen Sie, liebe Sesselpupser und liebe Mitmöbelstücke, meine Geschichte bitte weiter! Es wäre doch schön, wenn auch die Schrankkollegen anderswo einen zweiten Frühling erleben könnten!
    Protokolliert von Annette Jensen
    26. September 2012
    www.abfallwirtschaft.steiermark.at
    www.ban.at

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 349-verein-lebensraum

    Soziale Wärme

    Das erste CoHousing-Projekt Österreichs floriert nördlich von Wien. Die Ökosiedlung Lebensraum bietet den Bewohnern große Gemeinschaftsflächen wie auch individuelle Rückzugsräume.

    Wohngemeinschaft Reloaded

    Das erste CoHousing-Projekt Österreichs floriert nördlich von Wien. Die Ökosiedlung Lebensraum bietet den Bewohnern große Gemeinschaftsflächen wie auch individuelle Rückzugsräume.
    Selbst bei strömendem Regen braucht man in der kleinen Anlage Lebensraum 20 Kilometer nördlich von Wien keinen Schirm. Die Bewohner stehen sogar entspannt herum, jemand repariert ein Fahrrad, Kinder spielen Fangen. Der Clou: Alle Straßen vor den ein- bis zweistöckigen Wohnungen sind voll verglast. So erreichen die hier Ansässigen auch den Gemeinschaftssaal jederzeit trockenen Fußes.

    Der Saal wirkt trotz seiner beachtlichen Größe von 200 Quadratmetern an jeder Stelle behaglich. Fußboden und Deckenbalken sind aus Holz, große Kübelpflanzen und verschiedene Bodenebenen schenken dem Raum Struktur. Es gibt Sofaecken, einen Brunnen und ein gut sortiertes Bücherregal, dem die Dorfbewohner etwas hinzufügen oder entnehmen können. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert die Klamotten- und Spielebörse „Gib und Nimm“. Ein Teil des Saals ist abtrennbar und dient mal der Yogagruppe, mal Kindern als Rückzugsraum, und in der etwas erhöhten, offenen Küche wird viermal wöchentlich für alle gekocht. Wer sich hier freiwillig meldet, sich an bestimmten Abenden an den Herd zu stellen, zu spülen und zu servieren, darf sich zu allen übrigen gemeinsamen Mahlzeiten an den gedeckten Tisch setzen.

    Der Lebensraum, Teil des Ortes Gänserndorf, ist Österreichs erstes CoHousing-Projekt. Hier leben 50 Erwachsene und 33 Kinder – Menschen, die einen gemeinsamen sozialen Raum geschaffen haben, ohne ideologisch oder religiös verbunden zu sein. Dabei hat jeder auch seine völlig private Wohnung und sogar einen eigenen Garten. „In eine WG wäre ich nie gezogen. Ich hab’ es gerne ordentlich und brauch’ einen abgetrennten Bereich“, sagt Karin Hödlmoser, die mit ihrer Familie seit vier Jahren hier lebt. Zugleich genießt sie die Gemeinschaft, die viel mehr ist als nur eine gute Nachbarschaft. „Die Kinder lernen früh selbständig zu sein, weil man hier auch Dreijährige allein rausschicken kann.“

    700 bis 1.000 Euro Warmmiete kosten die 55 bis 90 Quadratmeter großen Wohnungen. Die Bewohner sind in einem Verein organisiert, Eigentümer der Anlage ist eine Genossenschaft im Besitz des Landes Niederösterreich. Das österreichische Recht erlaubt im Gegensatz zum deutschen keine privaten Baugenossenschaften.

    Das Projekt initiiert hat der Architekt Helmut Deubner, der früher das Wiener Institut für Baubiologie und Ökologie geleitet hat und selbstverständlich ebenfalls mit in die Siedlung gezogen ist. Bereits Ende der 1980er-Jahre setzte er neben die platzfressenden Einfamilienhäuser im Wiener Speckgürtel die Siedlung Gärtnerhof. Die galt aufgrund ihrer verdichteten Bauweise und des Energiekonzepts als ökologisches Vorreiterprojekt. Heute aber müsse Architektur zusätzlich auf gesellschaftliche Veränderungen Antworten geben, betont der 63-Jährige. „Immer mehr Familien zerfallen. Es gibt mehr Alleinerziehende, Geschiedene und auch Ältere – da braucht es neue soziale Strukturen.“ So organisierte er den Kauf des 17.000 Quadratmeter großen Feldes direkt neben dem Gärtnerhof und plante mit einer Gruppe von Gleichgesinnten das öko-soziale Wohnprojekt Lebensraum.

    Allerdings entsteht eine gut funktionierende Gemeinschaft keineswegs automatisch. „Die Ersten haben zwei Jahre lang visioniert, aber als es dann konkret wurde, sind sie ausgestiegen“, berichtet Irmgard Kravogel, die etwas später hinzukam. Auch in den beiden Jahren nach der Fertigstellung im Jahr 2005 sind mehrere Leute frustriert wieder ausgezogen. „Manche beschwerten sich, dass sich die Gemeinschaft nicht genug um sie bemühe“, erinnert sich der Lebensraumler Gernot Antes. Er hat in diesen Konflikten eine zentrale Erfahrung gewonnen: „Eine Gemeinschaft wächst, wenn die Leute sich um sich selbst kümmern und zugleich etwas für die Allgemeinheit tun.“ Wer dagegen erwarte, dass sich vor allem die Anderen für ihn engagierten, sei für derartige Projekte eher ungeeignet, meint der 43-jährige Gesundheitswissenschaftler.

    Im Lebensraum ist auch heute keineswegs immer Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung. Denn natürlich kommt es gelegentlich zu Diskussionen; zum Beispiel darüber, was die Kinder dürfen und ob Eltern das von ihrem Nachwuchs angerichtete Chaos in den Gemeinschaftsräumen beseitigen müssen. „Aber wir haben inzwischen eine sehr wertschätzende Kommunikationskultur entwickelt“, sagt Irmgard Kravogel, die mittlerweile viele andere CoHousing-Gruppen berät und wohl als die gute Seele des Lebensraums zu beschreiben ist. Auch von der Vorstellung, Jeder und Jede bringe freiwillig ein, was er oder sie kann, mussten sich die Lebensraumler verabschieden. Stattdessen gibt es einen Vertrag, der das Mindestengagement regelt: An sogenannten Aktionstagen sind acht Stunden Gemeinschaftsarbeit zu leisten; daneben hat Jeder über das ganze Jahr ein bis drei Sonderaufgaben zu übernehmen – vom Rasenmähen über die Buchhaltung bis hin zur Pflege der gemeinsamen Büchersammlung.

    Auf dem weitläufigen Gelände hinter den Gebäuden haben die Bewohner Gemüsebeete, ein Ziegengehege und eine Streuobstwiese angelegt; dort gibt es auch ein Beachvolleyballfeld, einen Bolzplatz und ein Freibad – und wer seine Ruhe haben will, kann im Meditationsgärtchen sinnieren. Dass beim Errichten der Siedlung auf eine energiesparende Bauweise geachtet wurde, versteht sich von selbst, und gegenüber wirtschaftet seit kurzem ein Bauernhof nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft: Erzeuger und Verbraucherinnen haben sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. Auch viele Bewohner des Lebenraums haben eine Abnahmegarantie unterschrieben und können sich von der wöchentlichen Lieferung so viel Gemüse nehmen, wie sie brauchen.

    Nur in Sachen Mobilität ist der Lebensraum überhaupt nicht wegweisend. Vom Carsharing ließen sich die Pioniere nachhaltigen Wohnens nicht überzeugen, und die nächste S-Bahnstation liegt einige Kilometer entfernt. Fast jede Familie hält am eigenen Auto fest: „An dem Punkt sind wir wohl einfach doch zu individuell“, nimmt Irmgard Kravogel ihre Community in Schutz.
    Annette Jensen
    20. September 2012
    www.derlebensraum.com
    www.atelierdeubner.at

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 346-terraboga

    Zentnergemüse

    Im Botanischen Garten von Berlin wird aus Pflanzenresten und Menschenkot Terra-Preta-Schwarzerde hergestellt. Die klimafreundliche Kreislaufwirtschaft spart Kosten, Wasser und CO2.

    Faustdicke Radieschen

    Im Botanischen Garten von Berlin wird aus Pflanzenresten und Menschenkot Terra-Preta-Schwarzerde hergestellt. Die klimafreundliche Kreislaufwirtschaft spart Kosten, Wasser und CO2.
    Die Radieschen sind geradezu monströs – so groß wie eine menschliche Faust. Auch die Salatköpfe sind prächtig, Kohlrabi und Kürbisse strotzen vor Saft und Kraft. Zwischen den Versuchsbeeten im nichtöffentlichen Bereich des Botanischen Gartens von Berlin steht Robert Wagner, Koordinator des Projektes TerraBoGa – die Abkürzung steht für Terra Preta im Botanischen Garten. Schmecken solche Gemüsemonster überhaupt noch? „Aber ja“, versichert der junge Geowissenschaftler. Wie ganz normale Radieschen.

    In einem wissenschaftlichen Verbundprojekt, finanziert vom Land Berlin und der Europäischen Union und angesiedelt an der Freien Universität Berlin, stellt sein Team Schwarzerde-Substrate her, auf Portugiesisch Terra Preta, und untersucht ihre Wirkung auf verschiedene Pflanzen. Diese äußerst fruchtbare Erde hat auf den nährstoffarmen Böden des vorkolonialen Amazonasgebiets wohl Millionen Menschen ernährt und eine üppige Gartenstadtkultur hervorgebracht. Das Geheimnis ihrer Zusammensetzung – fermentierte organische Abfälle, tierische und menschliche Fäkalien sowie Pflanzenkohle – wurde erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt. Seitdem probieren weltweit Wissenschaftlerinnen und Hobbygärtner aus, wie sie unter unterschiedlichen klimatischen Bedingungen Terra Preta selbst herstellen können. Der Vorteil ist ein doppelter: Die Ernten sind üppig, zugleich senkt man den Druck auf das Weltklima, indem man der Luft CO2 entzieht und in Form von Kohlenstoff dauerhaft unter die Erde bringt.

    Um eine akkurate wissenschaftliche Vergleichbarkeit zu erzielen, wachsen auf dem Versuchsfeld im Berliner Ortsteil Dahlem Feldfrüchte und Obstsorten auf unterschiedlichen Substraten – mal mit 15 Prozent Pflanzenkohle, mal ohne, mal in regenwurmvererdetem Kompost, mal in fermentierter Erde. Auch eine Urban-Farming-Abteilung gibt es; dort stehen die Pflanzen in Töpfen. Und subtropische Kräuter wie Oregano oder Thymian wachsen in sandversetzter Schwarzerde – „sonst wäre es denen zu viel“, sagt Projektkoordinator Wagner.

    Auch für exotische Pflanzen wie Bananen oder Papaya ist die Schwarzerde offenbar sehr bekömmlich – in den Treib- und Gewächshäusern sowie im Freilandbereich des Botanischen Gartens finden sich auf 40 Hektar insgesamt rund 22.000 Pflanzenarten. Allerdings sind die Mitarbeitenden von TerraBoGa noch mitten in der komplexen wissenschaftlichen Auswertung und hüten sich vor endgültigen Aussagen. „Pflanzen sind sehr verschieden und brauchen höchst unterschiedliche Böden und Bedingungen“, sagt die Biologin Nadine König. „Da kann man nicht erwarten, dass alle gleich begeistert auf das Substrat reagieren.“ Auch vieles andere ist noch nicht geklärt: Wieviel Prozent Pflanzenkohle sollte das ideale Substrat haben? Verändert sich dadurch die Qualität der Feldfrüchte? Gibt es unerwartete Nebenwirkungen?

    Das über mehrere Jahre laufende Projekt unter der wissenschaftlichen Aufsicht von Professor Konstantin Terytze von der Freien Universität hat jedoch noch weitere Ziele: Es geht vor allem um die Schließung von Stoffkreisläufen, um ein optimales regionales Stoffstrom-Management. Die CO2-Bilanz des Botanischen Gartens soll verbessert, die Kosten für Abfallentsorgung und der Wasserverbrauch gesenkt werden. Bisher mussten die Gärtner einerseits jährlich für mehrere Zehntausend Euro ungefähr 45 Containerladungen voller Pflanzenreste mit keimfähigen Samen entsorgen und andererseits Bodenverbesserer kaufen, darunter der wenig umweltfreundliche Torf. Beides entfällt nun nach und nach durch die Terra-Preta-Herstellung. „Die Natur kennt keine Abfälle!“, so der Slogan des Projektes und seiner gleichnamigen Ausstellung, die bis Ende September 2012 im Botanischen Museum zu sehen ist und 2013 in Leipzig und Chemnitz Station machen wird.

    Der Werkhof des Botanischen Gartens sieht aus wie ein überdimensionierter Sandkasten. Statt Spielzeugbaggern fahren allerdings echte Fahrzeuge wie Radlader und anderes schwere Gerät herum, die diverse Erdhaufen auftürmen – Zutaten für die Schwarzerde-Produktion. Das Team um Robert Wagner und Nadine König testet zwei verschiedene Wege der Substratherstellung im Großversuch: Kompostierung und Fermentierung. Sie untersuchen, welches Verfahren weniger Nährstoffverluste aufweist, mehr Treibhausgase binden kann und am besten zu den Abläufen im Botanischen Garten passt. Pflanzenabfälle aus der Gartenpflege – Blätter, Zweige, Grasschnitt und ähnliches – werden entweder in großen Haufen unter Einschluss von Sauerstoff kompostiert oder mit der Schaufel eines Radladers zusammengepresst und unter Luftabschluss fermentiert. In ungefähr vier Wochen sind die Prozesse beendet. Daran schließt sich eine Vererdungsphase von drei Monaten an, bis die jeweiligen Substrate fertig sind. Pflanzenkohle wird jeweils in unterschiedlichen Prozentanteilen hinzugegeben. Sie steht in großen Säcken bereit; der größere Teil wird bisher noch dazugekauft, zukünftig soll sie aber selbst hergestellt werden.

    Das Team untersucht außerdem, wie menschliche Hinterlassenschaften zur Schwarzerde-Produktion genutzt werden können. In einem dafür umgebauten Sanitärtrakt wurde exemplarisch ein innovatives Toilettensystem installiert. Kernstück ist ein Separationsgerät, das Feststoffe wie Kot und Klopapier aus dem Abwasserstrom abtrennt und in einen Behälter transportiert, der mit Pflanzenkohle präpariert ist. Der Holzkohlestaub sorgt dafür, dass alle unangenehmen Gerüche verschwinden. Bisher sind ein halbes Dutzend Toiletten für Mitarbeiterinnen daran angeschlossen. Im Jahr 2013 sollen Besuchertoiletten und Urinale für männliche Besucher folgen.

    Im Botanischen Garten kommen Robert Wagner und Nadine König mittlerweile kaum mehr zu ihrer eigentlichen Forschungsarbeit, weil sie geradezu überrannt werden von neugierigen Besucherinnen und Wissenschaftlergruppen aus aller Welt. Bauern rufen vom Traktor aus in Dahlem an und wollen wissen, wie sie die Schwarzerde am besten ausbringen sollen; Hobbygärtnerinnen stehen plötzlich vor Ort und möchten gerne „diese Wundererde“ käuflich erstehen. „Wäre schön, wenn wir ein wenig mehr Zeit hätten“, stöhnt der Projektkoordinator. Andererseits weiß er die Privilegien seiner Arbeit zu schätzen: die Welt retten und dabei faustgroße Radieschen futtern.
    Ute Scheub
    13. September 2012
    www.terraboga.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 345-culinary-misfits

    Krumme Dinger

    Zu krumm, zu dick, zu dünn oder einfach vergessen? Die CulinARy MiSfiTS entlarven landwirtschaftliche Diskriminierung und öffnen unser Herz für Sonderlinge.

    Alter Schwede, ist das lecker!

    Zu krumm, zu dick, zu dünn oder einfach vergessen? Die CulinARy MiSfiTS entlarven landwirtschaftliche Diskriminierung und öffnen unser Herz für Sonderlinge.
    Die Formulierung „Alter Schwede“ ist in unserem Sprachgebrauch nicht unüblich. Gemeinhin verwendet man den Ausdruck umgangssprachlich, um eine Dimensionierung des Gesagten vorzunehmen. Alt ist der Schwede, um den es ist dieser Geschichte gehen soll, auch, aber mit Dimensionierung hat er überhaupt nichts zu tun. Eigentlich müsste man auch eher von einer Schwedin sprechen, denn es geht um eine Kartoffel – eine alte und vergessene Art von Erdapfel. Die Geschichte handelt aber nicht nur von dieser einzelnen verlorenen Sorte, sondern von zu krummen oder zu wenig krummen, zu großen oder zu kleinen, zu dünnen oder zu dicken, zu roten oder zu grünen Gemüsesorten aller Art. Das „zu“ ist in jedem Fall der Grund für ihre Selektion. Sie erhalten den Stempel „Mängelexemplar“ und kommen nicht in den Handel – meistens landen sie sogar auf dem Müll.

    An dieser Stelle beginnt die Geschichte über die CulinARy MiSfiTS – schon in der Schreibweise geht vieles kreuz und quer und passt am Ende doch. Die MiSfiTS, das sind Lea Brumsack und Tanja Krakowski, zwei Berliner Produktdesignerinnen, die im Bereich der Nachhaltigen Esskultur diplomiert sind. Gleichzeitig bezeichnet CulinARy MiSfiTS eben jenen alten Schweden und all die anderen landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die aufgrund der genannten Besonderheiten nicht den Weg in die Gemüseregale der Supermärkte finden – alles CulinARy MiSfiTS, oder: kulinarische Sonderlinge.

    „Essen ist nicht einfach nur dafür da, um satt zu werden“, das sei ihnen schon immer klar gewesen, sagt Lea Brumsack. Essen solle man phantasievoll zubereiten, bewusst zelebrieren, und vor allem genießen. Nur bei folgenden Prämissen werden keine Abstriche gemacht: Die Zutaten müssen fair hergestellt und gesund sein, und sie müssen zu gerechten Preisen verkauft werden. Dass auch nach Erfüllung dieser Bedingungen riesige Mengen essbarer Feldfrüchte zu Ausschussware werden können, reizte Anfang 2012 ihren Aktivismus und legte den Grundstein für die Geschäftsidee der CulinARy MiSfiTS und das dazugehörige Motto: Esst die ganze Ernte!

    Die Tatsache, dass in Deutschland fast 50 Prozent aller landwirtschaftlicher Erzeugnisse erst gar nicht zum Verbraucher gelangen, weil sie nicht unseren Vorstellungen von Formen, Farbe und Größe entsprechen, deckt einmal mehr den verschwenderischen Umgang mit Nahrungsmitteln auf. Warum sollte eine Gurke, deren Krümmung nicht der Norm entspricht, nicht menschliche Gurkengelüste erfüllen? Und was ist überhaupt eine Gurkenkrümmungsnorm? Liegt hier tatsächlich ein ästhetischer Makel des Gemüses vor oder nicht doch ein menschlicher Makel in Form von fehlender Gehirnmasse?

    Auch wenn ihre Devise „Esst die ganze Ernte!“ durch die Imperativform wie ein Appell klingt, stehen Lea und Tanja nicht mit erhobenem Zeigefinger auf einem Podest und reden über den Wahnsinn, der hinter einer Gurkenkrümmungsnorm steht. Nein, ihre Waffen sind der Kochlöffel, ein Gespür für leckere und gesunde Dinge sowie der Grundsatz, dass eine nachhaltige Esskultur möglich ist – sofern man es will. Diese Überzeugung treibt die beiden jungen Frauen an, ökologisch und fair zu leben und (auch wirtschaftlich) zu agieren. Ihr Geschäft besteht darin, sich mit Bauernhöfen der Region Berlin-Brandenburg in Verbindung zu setzen, deren Ausschussware zu kaufen und diese Produkte zu gesunder, stilvoller und schmackhafter Nahrung umzugestalten. Die Beiden wollen dabei keinen Preisrabatt auf die bäuerlichen Erzeugnisse erzielen, da sie der Meinung sind, dass auch zu stark gekrümmte Gurken oder zu knollige Kartoffeln die gleiche Masse an Arbeit – sprich Energie, Wasser und Zeit – erfahren haben wie die „normalen“. Die MiSfiTS kochen immer vegetarisch, oft auch vegan, und es gehört zum Ehrenkodex der Köchinnen, dass die Verwendung landwirtschaftlicher Sonderlinge niemals bedeutet, Vergammeltes oder Verfaultes auf den Tisch zu bringen. Ihre Köstlichkeiten verkaufen sie dann auf verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen, wie z.B. der Ethical Fashion Week oder auf Kongressen der Welthungerhilfe.

    Derzeit betreiben die CulinARy MiSfiTS eine enge Kooperation mit dem Vierfelderhof in Gatow. Teilweise ernten die Küchenfrauen ihre Erzeugnisse selbst, transportieren die Ernte eigenständig und mieten sich anschließend in fremden Produktionsküchen, wie die der Markthalle Neun in Kreuzberg, ein. Dort experimentieren sie dann je nach saisonalem Ertrag und zaubern vollwertige Mahlzeiten. Lea erzählt, dass sie zur Zeit „einen Haufen Zucchini in ihrer Küche liegen“ habe, deren Verwertung noch unklar sei, sie aber mit Inspiration erfülle. Ihr fröhliches Kind Ella sitzt dabei auf ihrem Schoß, knabbert an einer knubbligen Möhre und grinst über das ganze Gesicht. Dass der gesunde Pausensnack unvollkommen sein könnte, bemerkt das Kind mit einem Jahr noch nicht, aber die Leidenschaft der Mutter kann es spüren – schließlich starteten Lea und Tanja die CulinARy MiSfiTS, als Ella noch nicht mal ein halbes Jahr alt war.

    Der Plan der CulinARy MiSfiTS ist es nun, im März nächsten Jahres ein über Crowdfunding finanziertes eigenes Ladengeschäft in Kreuzberg aufzumachen und damit die Tür zu einer Welt nachhaltiger Esskultur zu öffnen. Hier sollen neben unverarbeiteten Misfits auch Snacks aus Sonderling-Gemüse und Workshops über nachhaltige Küche angeboten werden. Schön wäre es, die Einrichtung des Ladens zusammen mit der Nachbarschaft oder sozialen Einrichtungen zu gestalten. Dass es nicht ganz einfach ist, ein Start-Up zu stemmen, zeigten schon die logistischen Hürden, die sich während der Etablierung der CulinARy MiSfiTS ergeben haben: Ernten, transportieren, lagern und zubereiten – all diese Tätigkeiten sind zeitaufwendig und erfordern eine gute Organisation, damit die Speisen passgenau auf die Teller kommen. So haben vor allem auch die sozialen Netze von Freunden oder der Familie dazu beigetragen, dass Lea und Tanja ihre Antidiskriminierungs-Küche umsetzen können.

    Denn nicht alle Tomaten sind rundherum rot, nicht alle Gurken wachsen kerzengerade, und nicht jede Karotte entspricht der Norm – auch wenn den Konsumenten mit ihren eigenen nicht immer makellosen Körpern nur perfekt aussehende landwirtschaftliche Erzeugnisse vor die Nase gehalten werden. Da bleibt nur, nach dem Essen einer Portion Misfits den Wohlstandsbauch zu streicheln und zufrieden zu murmeln: „Alter Schwede, ist das lecker!“
    Gitte Cullmann
    06. September 2012
    www.culinarymisfits.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 340-wandelwerte

    Der, die, das

    In Hannover-Linden werden alte Papiercontainer zu ungewöhnlichen Sitzmöbeln. Wer darin chillt, fragt sich unwillkürlich, wie ein Wandel der Lebenswelten aussehen könnte. Upcycling-Produkte sind beim Verein Wandelwerte Symbole des Umdenkens.

    „Ich mag Müll!“

    In Hannover-Linden werden alte Papiercontainer zu ungewöhnlichen Sitzmöbeln. Wer darin chillt, fragt sich unwillkürlich, wie ein Wandel der Lebenswelten aussehen könnte. Upcycling-Produkte sind beim Verein Wandelwerte Symbole des Umdenkens.
    „Ich mag Müll! Alles, was staubig ist, schmutzig und dreckig, alles was rostig ist, gammlig und speckig!“, singt Griesgram Oscar, der in der Sesamstraße in einer Mülltonne wohnt und alles anders sieht als die restlichen Charaktere der amerikanischen Fernsehserie für Kinder. Was andere schön finden, vermiest Oscar die Laune; was andere hässlich finden und auf den Schrott oder in die Tonne werfen, liebt Oscar abgöttisch. Der grüne Zottel Oscar hat ein anderes Wertesystem, eine umgedrehte Weltanschauung.

    In den meisten Mülltonnen dieser Welt leben jedoch keine Oscars. Seit der deutschen Erstausstrahlung der Sesamstraße 1972 hat sich nicht nur das Aussehen unserer Abfallbehälter verändert, auch das Müllproblem scheint uns über den Kopf und in den Himmel zu wachsen. Für alle Produkte, die wir früher oder später zu Abfall machen, braucht es erst einmal Rohstoffe und Energie. Dazu gesellt sich das umweltschädliche – und auch gesellschaftlich hochexplosive – CO2, das bei Herstellung, Transport, oft auch Nutzung und Entsorgung des zukünftigen Abfallprodukts ausgestoßen wird. Selbst Oscars Freund Graf Zahl wäre überfordert, die Tonnen unserer Emissionen in Zahlen auszudrücken. Es fehlt an kleinen grünen Monstern, die Müll als wertvoll betrachten und die uns Andere trainieren, die eingefahrene Sicht und gelebte Praxis zu verändern, also: Selbstverständliches in Frage zu stellen.

    „He, Du!“ – „Wer, ich?“ – „Psssst!“ – „Wer, ich?“ – „Genaaaaau“, schleicht der Sesamstraßen-Händler Schlemihl über den Lindener Markt in Hannover und versucht körperlose Produkte wie Buchstaben oder Zahlen an Ahnungslose zu verkaufen. Was er nicht weiß: An diesem Waren-Umschlagplatz für hauptsächlich regionale und faire Erzeugnisse sind keine krummen Finanzdeals mehr zu machen. Denn hier hat die Transformation hin zu einer klimaverträglichen Gesellschaft bereits begonnen und der gemeinnützige Verein Wandelwerte seinen Sitz.

    Zu Wandelwerte gehören zwei Männer, die weder eine grüne Behaarung aufweisen noch griesgrämig sind, aber – wie Oscar – Weggeworfenes einem Wertewandel unterziehen und dafür – wie Schlemihl – innovative Geschäftsmodelle entwickeln: Künstler Joy Lohmann (46) und Projektleiter Gert Schmidt (47) erschaffen neue Produkte, allerdings stets aus Materialien, die von der Wegwerfgesellschaft für unbrauchbar erklärt worden sind. Mit Mitteln der Vernunft und über die Wiederverwertung gebrauchter Stoffe verlassen sie den fossilen Wirtschafts- und Wachstumspfad.

    20 aktive Mitglieder und der Wandelwerte-Vorstand wollen weg von den gesellschaftlichen Fehlentwicklungen des wirtschaftsliberalen Modells, hin zu einem verantwortungsvollen, naturbewahrenden Wirtschaften. Das Motto hinter ihren zahlreichen Projekten: „Hannover ist wandelbar“.

    Wie und womit? Zum Beispiel mit ausrangierten Müllcontainern, in denen man nach ausgiebiger Reinigung und detailverliebtem Upcycling zwar nicht wohnen, aber immerhin bequem und besonders originell sitzen kann. In jedem Container stecken mindestens zwei Wochen Arbeit von Lohmann, der wie Zauberer Mumpitz („Rubbeldidupp, Schnipp-Schnapp!“) jeden langweiligen Container in ein Unikat verwandelt; er verändert damit nicht nur das ursprüngliche Aussehen, sondern auch Wert und Nutzung: „Aus Abfall wird Rohstoff. Und so werden die Objekte auch anders als zuvor betrachtet. Um dieses Anderssehen geht es mir. Nicht selten werden die Container-Sitzmöbel zu Anlässen für Diskussionen über einen bewussteren Umgang mit Ressourcen“, freut sich der Künstler über den Erfolg seiner Nutzungsinnovation.

    Das erste rollende Sitzmöbel dieser Art entwickelte der Grafiker und Designer für den Wissenschaftsladen Hannover e.V. im Jahr 2011. Mittlerweile gibt es mehrere Varianten dieser „Weltneuheit“, die man mieten oder kaufen kann. Über die Einnahmen finanziert sich der Verein. Ein Exemplar hat der Wirtschaftskreis Ahlem als Trainerbank gekauft, um ein neues Verständnis von Nachhaltigkeit auch auf den Fußballplatz zu bringen. Weil man aber im Wandelwerte-Container so gemütlich wie im Strandkorb entspannen und die Aufmerksamkeit vor allem nach innen richten kann, könnte zu befürchten sein, dass der SV Ahlem von 1908 e.V. weiter in der Kreisliga wird spielen müssen – Trainerwertewandel.

    Nicht nur Container, auch anderes Ausrangiertes oder Vergessenes – wie einmalig genutzte Labormaterialien oder vom Aussterben bedrohte Computermäuse – erhalten durch Wandelwerte eine neue Funktion. Aber diese Gebrauchsgüter mutieren ebenso zu Botschaftern, die dazu appellieren, nicht weiter am altindustriellen Denken festzuhalten. Es handelt sich infolgedessen auch um „Bildungsprodukte“. Der Verein Wandelwerte hat es sich nämlich seit seiner Gründung im Jahr 2000 zur Aufgabe gemacht, die komplexen Zusammenhänge der Nachhaltigkeit in „Wandelseminaren“ zu vermitteln.

    Lohmann und Schmidt haben durchaus auch unternehmerische Ziele, denn aus jeder neuen Upcycling-Schöpfung soll ein Prototyp hervorgehen, der in sozialen Gründungsprojekten – sogenannten Social Entrepreneurships – in Serie gehen kann. Wandelwerte ist damit gleichzeitig bemüht, ein breites Netzwerk aufzubauen und das Thema des sozialen Unternehmertums in Hannover zu verankern: „Es fehlt Wandelwerte jedoch an Hilfestellungen von Beratern und Kaufleuten, die uns von der Ideenfindung bis zur Skalierung unterstützen“, bedauert Gert Schmidt.

    Seine persönliche Verwandlung hat Schmidt schon lange hinter sich: Bis 2007 war er als Börsenjournalist tätig und sah täglich, „dass im System etwas schief läuft und dass die Transaktionen und Abzockereien an der Börse immer dreckiger wurden.“ Die finanzmarktgetriebene Ökonomie entkoppelte sich für ihn immer weiter von den gesellschaftlichen Interessen. „Aber weil ich das Böse kannte, konnte ich dann das Gute erkennen“. Seit diesem Perspektivwechsel singt Schmidt den Oscar-Song „Ich mag Müll!“ – sofern es sich um Upcycling durch Wandelwerte handelt.

    „Pflanzen brauchen Musik zum Wachsen“, nervt Ernie seinen singfaulen Freund Bert, der seine Zimmerblume in der Sesamstraße nur mit Wasser versorgt. Die Hannoveranische Wirtschaft bräuchte laut Schmidt zum Gedeihen etwas mehr, nämlich eine Komplementärwährung und ein Umschwenken hin zu einer Orientierung am Gemeinwohl. Um seiner Heimatstadt auf die Sprünge zu helfen, sitzt er seit kurzem in einer Arbeitsgruppe zur Entwicklung eines Regiogeldes für Hannover. Und auch beim lokalen „Energiefeld“ der Gemeinwohlökonomie, die sich jüngst in der Stadt gegründet hat, ist Schmidt natürlich dabei. Lohmann ist bei der Transition Town Hannover aktiv und baut mit einer weiteren NGO, der Positive Nett-Works e.V, in Indien Katamarane und Schwimm-Inseln aus Plastikmüll, Autoreifen und Sperrholz. Sie sollen zum Widerstand gegen Kohleminen, Kraftwerke und Mülldeponien ermutigen. „Eindeutiger Fall von Projektitis“, kichert Ernie. „Nein! Ernsthaft engagierte Bürger“, widerspricht energisch Bert.

    „Es geht ums Umdenken und ums Anderssehen! Wir hoffen, mit unserer Arbeit einen Wertewandel zu befördern.“ Denn alles und jeder ist wandelbar. „He, Du!“ – „Wer, ich?“ – „Psssst!“ – „Wer, ich?“ – „Genaaaaau“.


    Dana Giesecke
    30. August 2012
    www.wandelwerte.de
    www.p-n-w.net

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 339-weupcycle

    Lehrstück

    Zwei Designstudentinnen aus Wien betreiben die überaus erfolgreiche Website weupcycle.com, auf der Leute aus aller Welt Bauanleitungen für nützliche, aus Abfall hergestellte Produkte veröffentlichen.

    Endlose Ideenkette

    Zwei Designstudentinnen aus Wien betreiben die überaus erfolgreiche Website weupcycle.com, auf der Leute aus aller Welt Bauanleitungen für nützliche, aus Abfall hergestellte Produkte veröffentlichen.
    Von den meisten Diplomarbeiten erfährt die Welt nichts: Sie bleiben eine Angelegenheit zwischen Professor und Studierenden. Bei der Abschlusspräsentation von Magdalena Akantisz und Lisa Schultz ist das anders: Etwa 600.000 Menschen aus über 150 Ländern haben sich schon für die Examensarbeit der beiden Designerinnen interessiert. Sie hatten eine Webseite entwickelt, die Müll als Rohstoff für die Herstellung nützlicher Gegenstände proklamiert. Weil die Prüfungsordnung aber nicht nur ein Produkt – in diesem Fall die Webseite –, sondern auch das Konzept für eine Werbekampagne forderte, überlegten die beiden sich einen Gag: Jeden Tag wollten sie ein konkretes Beispiel eines Abfallprodukts veröffentlichen, das irgendjemand irgendwo auf der Welt schon umgesetzt hat – so lange, bis ihnen einen Tag lang niemand mehr eine Bauanleitung schicken würde. Das aber ist seit fast eineinhalb Jahren noch nicht passiert.

    Um die Geschichte von Anfang an zu erzählen, muss man bis in Magdalena Akantisz’ Kindheit zurückgehen. Schon als kleines Mädchen kramte sie gerne in ausrangierten Sachen herum: Das gab ihr ein Gefühl von Autonomie. Wenn sie mal wieder etwas basteln oder bauen wollte – und das wollte sie häufig – nahm sie sich einfach etwas, das Erwachsene zu Abfall erklärt hatten: Das weggeworfene Gerümpel befreite sie von der Notwendigkeit, ihre Eltern nach passendem Material zu fragen. Auch später, in ihrer Studentenbude, gab es vieles, das sie aus Entsorgtem hergestellt hatte; sie hatte nicht ausreichend Geld und auch keine Lust, alles Notwendige oder Gewünschte neu zu kaufen. So stattete sie ihren Haushalt mit allerlei Eigenkreationen aus kostenlosem oder sehr günstigem Material aus.

    Am Ende ihres Grafik- und Werbung-Studiums an der Universität für angewandte Kunst Wien stand dann die Aufgabe, eine Kampagne für ein Produkt oder eine Dienstleistung zu entwerfen. Gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Lisa Schultz grübelte Akantisz über ein passendes Erzeugnis. „Es sollte etwas Relevantes sein, kein x-ter Entwurf eines Bügeleisens,“ erklärt Schultz. Bei ihren Recherchen stießen die beiden dann auf den Begriff Upcycling, den sie bis dahin noch nicht kannten – auch wenn vor allem Magdalena Akantisz das seit fast 20 Jahren eifrig praktizierte. Außerdem stellten sie fest, dass nicht nur Kinder und arme Studierende, sondern auch einige Profidesigner ihre Rohstoffe aus Abfall gewinnen. Und so kamen sie auf die Idee, die Onlineplattform weupcycle.com zu konzipieren, auf der die Nutzer sowohl Bauanleitungen als auch Kaufhinweise für Gegenstände finden sollten, die aus Müll hergestellt sind.

    Um die Seite inhaltlich zu konkretisieren und zu füllen, beschlossen die beiden Frauen, selbst einige Upcycling-Beispiele vorzustellen. „Wir wollten zeigen, wie einfach es ist, schöne Sachen selbst zu machen, und dass man dafür nicht Designer sein muss“, erklärt Lisa Schultz. So entstanden ein Lampenschirm aus den Plastikschälchen einer Toffifee-Packung, ein Tisch aus einem alten Fenster, bunte Schrankgriffe, die vormals Sprudelflaschenverschlüsse gewesen waren, und eine zusammenklappbare Gartenbank aus Industriepaletten – insgesamt 30 nützliche Gegenstände aus Materialien, die gemeinhin als Müll betrachtet werden.

    Nun ging es noch um die eigentliche Aufgabe, nämlich eine Kampagne für ihr Produkt zu konzipieren. 30 Tage – 30 Dinge nannten sie ihre Seite und versprachen, täglich ein Beispiel vorzustellen. Sie twitterten, informierten ihre facebook-Freunde und gaben ein Versprechen: „Für jeden, der uns etwas einsendet, wird der Blog um einen Tag verlängert. Findet Müll, seid kreativ und postet eure Meisterwerke!“

    Schon in den ersten Tagen trafen Fotos und Baubeschreibungen ein – eine Frau hatte das Fenster ihrer kaputten Waschmaschine zur Salatschüssel umfunktioniert, ein Bundeswehrsoldat eine Lampe aus Kleiderbügeln gebaut, ein Mann namens Thomas Schnellläuferschuhe mit Matratzenfedern konstruiert. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Idee im weltweiten Netz, und nach wenigen Tagen kam der erste Vorschlag aus Chile: poppige Sessel aus Textilabfällen und Strümpfen.

    Längst haben die beiden inzwischen 24-Jährigen ihr Examen in der Tasche – doch die Internetseite läuft und läuft. „Manchmal hatten wir noch nichts für den nächsten Tag – und dann traf abends um sieben doch noch was ein, und wir machten weiter“, erzählt Lisa Schultz, die inzwischen in London ein Aufbaustudium absolviert, derweil sich Magdalena Akantisz in Wien selbständig gemacht hat. Jeder Einsender bekommt von ihnen eine Antwort; nicht selten müssen sie nachfragen, und auch die mitgeschickten Fotos sind meist erst nach Bearbeitung zu veröffentlichen. Artikel, die über das Dekorative hinaus keinen neuen Nutzen haben, lehnen die beiden ab. Außerdem muss der ursprüngliche Gegenstand zu einem höherwertigen Objekt verändert worden sein, so ihre Vorgabe. Lampen, Schmuck und Taschen sind die Renner, aber auch Vogelnistkästen, Kleidung, Seifenschalen oder Schränke sind hier zu finden. Ein Shopping-Portal ist die Seite allerdings nicht. Die allermeisten Gegenstände lassen sich mit etwas Geschick nachbauen; hier werden Ideen fürs Selbermachen verschenkt, nicht Produkte verkauft.

    Geld verdient haben die beiden mit der Seite deshalb auch noch nicht, natürlich aber schon unendlich viele Stunden investiert. Am liebsten würden sie weupcycle.com zu einer umfassenden Plattform weiterentwickeln, die auf alle Fragen rund ums Upcycling Antworten gibt: Wo gibt es entsprechende Produkte zu kaufen, wer hat welche Abfallmaterialien, wie findet man geeignete Literatur? Und so wünscht man ihnen Scharen von Unterstützern, damit ihre „endlose Ideenkette“, wie sie selbst ihr Projekt nennen, niemals abreißt.
    Annette Jensen
    23. August 2012
    www.weupcycle.com

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 332-kostuemkollektiv

    Hinterbühne

    Mit dem Kostümkollektiv hat Berlins freie Theater- und Kunstszene einen eigenen, unabhängigen Kostümfundus erhalten. Der setzt (scheinbar ganz nebenbei) auf Wiederverwertung und gemeinsame Nutzung.

    Hier laufen die Fäden zusammen

    Mit dem Kostümkollektiv hat Berlins freie Theater- und Kunstszene einen eigenen, unabhängigen Kostümfundus erhalten. Der setzt (scheinbar ganz nebenbei) auf Wiederverwertung und gemeinsame Nutzung.
    „Und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe“ – so könnte eine Regieanweisung eines Stückes lauten, das sich für eine Theatergruppe in Berlins chronisch unterfinanzierter freier Szene eignet. Perfekt! Die Geschichte hat soziale Sprengkraft, ist populär, und man braucht nicht viele Requisiten: nur Krippe und Windel. Auf Ochse und Esel lässt sich zur Not verzichten.

    So verläuft die Auswahl eines Stückes natürlich nicht, und für einen solch pragmatisch-pessimistischen Gedankengang würde man von der passionierten Theaterfrau Muriel Nestler eine verbale Ohrfeige bekommen: „Aus äußerem Mangel heraus sollte man niemals sein Repertoire beschneiden.“ Altes Theatergesetz! Wusch! Aua! Der Alltag einer Kostümbildnerin rückt dieses Gesetz allerdings in ein anderes Licht: in Second-Hand-Läden stöbern, bei H&M oder C&A Schnäppchen jagen, nähen und basteln, oder auf den persönlichen Fundus zurückgreifen, den fast jede professionelle Ausstatterin im eigenen Zuhause unterquetscht. Für die Kostüme gilt: Hauptsache billig und so wenig aufwendig, dass das Wegschmeißen nach der Produktion nicht schrecklich schmerzt. Wünscht man sich mal ausgefallene Teile, bleibt nur, höflich bei den Kollegen zu schnorren – oder Vernunft und Budget über Bord zu werfen. Diese Arbeitspraxis ärgerte die diplomierte Bühnen- und Kostümbildnerin Muriel Nestler jahrelang. Jetzt hat sie die Geschichte mit der Geburt, den Windeln und der Krippe auf ihre Weise inszeniert.

    Nestler hatte gerade wieder eine freie Produktion abgeschlossen, für die sie unter enormem Aufwand zahllose Kostümteile zusammengestellt hatte. Diese sprengten mal wieder ihre häuslichen Lagermöglichkeiten und knitterten vorerst in großen Plastiktaschen vor sich hin. Im Angesicht der Kleiderhaufen sinnierte sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Sebastian Ellrich, wie dringend die freie Szene doch einen Kostümfundus bräuchte – wie ihn jedes Stadt- und Staatstheater und jedes Opernhaus besitzt. Anfangs klein, wuchs und gedieh die Idee; unumgänglich wurde sie in dem Moment, als Muriel Nestler auf dem elterlichen Dachboden Sebastian Ellrichs in Magdeburg stand. Dort hatte der Bühnenschneider und Modedesigner über Jahre hinweg eine riesige Sammlung aus Showkostümen, Herrenanzügen und sonstigen Kleidungsstücken angelegt. Diese Schätze drohten, unter dem Giebel zu vergammeln – oder zumindest ungenutzt in Vergessenheit zu geraten.

    Da fackelten die beiden nicht länger: Sie befragten mithilfe des Landesverbands für freie Theaterschaffende (LAFT) die Berliner Bühnen- und Kostümbildner, um herauszufinden, ob andere Ausstatter gleichsam an einem gemeinsamen Fundus interessiert seien. Auch Auskünfte über das durchschnittliche Jahresbudget ihrer Kollegen und die Anzahl der benötigten Ausstattungsstücke holte sie ein. Das Ergebnis: der größte Teil der über 1.000 Befragten befürwortete die Idee gemeinschaftlich genutzter Kostüme. Nachdem also der Bedarf geklärt war, wurde die passende Geschäftsform gesucht. Und so fanden sich Muriel Nestler und Sebastian Ellrich Anfang März 2011 plötzlich in den Rollen des ersten und zweiten Vorstandes des gemeinnützigen und nichtwirtschaftlichen Vereins Kostümkollektiv e.V. wieder – und waren damit offiziell Chefkostümkollektoren.

    Kollektoren findet man normalerweise auf dem Dach. In diesem Fall muss man sich allerdings vom Pförtner des Künstlerhaus Bethanien in den kühlen Gewölbekeller führen lassen. Der hat wenig zu tun mit dem Bethanien in Palästina, wo Jesus einen gewissen Lazarus von den Toten auferweckte. Dennoch kann man auch hier, am Berliner Mariannenplatz, seit Februar 2012 einen ganz eigenen Lazarus-Effekt beobachten: 4.000 bis 7.000 Einzelteile (noch ist nicht alles gezählt!) sind aus Nestlers Plastiktaschen, aus der Vereinigung der Fundi vom Theaterhaus Mitte, vom Dachboden der Ellrichs und aus den Spenden und Leihgaben unzähliger Menschen hierhergebracht worden. Diese im Sterben begriffenen Kostüme gilt es nun wiederzubeleben: zu sortieren, zu reinigen, gekonnt zu reparieren und sinnvoll zu katalogisieren. Die Devise der Vereinssatzung lautet deswegen auch: Versammeln, Verwalten und zur Verfügung stellen. Eine eigens entwickelte Software erleichtert die Koordination über eine Suchmaske. (Ein Katalog! Von so etwas hatten freie Kostümbildner bisher nur träumen dürfen.)

    Der Keller, den das Kollektiv sein Heim nennen darf, war zuletzt als Küche angemeldet, diente aber nur noch als Abstellraum. „Dementsprechend schrecklich sah alles aus“, erzählt Nestler. Für die Kosten des Umbaus und den Aufbau des Fundus errang die Initiatorin eine einmalige Förderung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin. Auch die Berliner Stadtreinigungsbetriebe – kurz gesagt: die Müllabfuhr – haben sich im Rahmen der Initiative Trenntstadt für das Projekt engagiert. Deren Unterstützung gilt Projekten, die gezielt Abfall vermeiden oder recyceln. Auch der praktischen Unterstützung etablierter Institutionen der freien Szene wie des Radialsystems oder des Ballhaus Ost können sich die umtriebigen Initiatoren gewiss sein.

    „Bis auf geringe Meinungsverschiedenheiten mit der Hausverwaltung, mit der man sich über die Umnutzung der Räume einigen musste, und Widerstände seitens des Finanzamtes, das wissen wollte, was einen Fundus von einem kommerziellen Kostümverleih unterscheide, ist insgesamt bisher alles glatt gelaufen“, freut sich Nestler. „Solche Fragen haben sogar bei der Identitätsfindung geholfen“, deutet sie den Ärger im Nachhinein um. „Das Kostümkollektiv bietet eine exklusive Sammlung an, sozusagen als Nährboden für die Figurenfindung am Theater, beim Film oder in der Bildenden Kunst – und eben kein Standardzeug zum bloßen Verkleiden.“ Auch seien die Leihgebühren viel geringer, und karikaturhafte Faschingsoutfits suche man vergebens. Fast am wichtigsten aber: Bevor überhaupt ein Vorhang aufgeht, „reden wir hier über Gemeinnützigkeit und Kooperation“, betont die Herrscherin über den Kostümkosmos.

    Dieser Leitgedanke ist auch an den Aktivitäten abzulesen, die das Kostümkollektiv neben dem Kerngeschäft zu bieten hat. Nestler will Großes: „Das Kostümbild soll als wichtiger Bestandteil der darstellenden Kunst, also von Kunst und Kultur im Allgemeinen anerkannt werden.“ Außerdem wünscht sie sich, dass das Kostümkollektiv eine „Plattform und Schnittstelle für die freie Szene“ werde. Deshalb organisiert und fördert der Verein Veranstaltungen und Workshops, man tauscht sich fachübergreifend aus und initiiert kulturelle Bildungsprojekte. Sogar zwei Stipendien wurden eingerichtet, innerhalb derer Studierende den Fundus ein Jahr lang uneingeschränkt und kostenfrei nutzen dürfen.

    Seit der Eröffnung im April 2012 hält Muriel Nestler die Fäden – tapfer wie Penelope – fest in der Hand und koordiniert ihre Mitstreiter, die sich aus Vereinsmitgliedern und freiwilligen Helferinnen rekrutieren. Sie selbst nestelt gerade an einer schweren, russischen Militäruniform aus dem 18. Jahrhundert, die ein Leihgeber vorbeigebracht hat. „Es ist erstaunlich“, unterbricht sie ihre Handarbeit, „durch Hege, Pflege und das Fundus-Etikett kann man die Stücke enorm aufwerten. Alle, die hier im Kostümkollektiv mitarbeiten, wollen auf einmal viel mehr bewahren.“ Plötzlich schreckt sie auf. Ein hastiger Blick auf die Uhr. Heute will sie doch noch Schülern beibringen, wie man Raumanzüge bastelt.
    Andreas Tobias
    16. August 2012
    www.kostuemkollektiv.de
    www.trenntwende.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 333-friwo

    Hotspot

    Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele ausgezeichnete Projekte für nachhaltige Bildung wie in Mindens Oberer Altstadt. Dort haben die Menschen zwar wenig Geld, aber der soziale Reichtum ist enorm.

    Beste Preislage: Minden

    Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so viele ausgezeichnete Projekte für nachhaltige Bildung wie in Mindens Oberer Altstadt. Dort haben die Menschen zwar wenig Geld, aber der soziale Reichtum ist enorm.
    Falk Bloech lacht gerne – es ist ein spontan hervorbrechendes Lachen, das dem fast 70-Jährigen die Aura eines jungen Mannes gibt. Mit strammen Schritten eilt der frühere Lehrer durch die engen Kopfsteinpflasterstraßen von Mindens Oberer Altstadt – ein Stadtteil, in dem viele Menschen mit schmalem Geldbeutel und ausländischen Wurzeln leben. Und doch darf man ohne Übertreibung behaupten, dass dieses Gebiet mit seinen 2.300 Einwohnern als Deutschlands Hotspot in punkto Bildung für Nachhaltigkeit gelten darf. Denn gleich drei der 1.500 von der UNESCO ausgezeichneten Projekte sind hier im äußersten Nordosten Nordrhein-Westfalens zu finden – vielfältige Energiesparimpulse für Kinder und Jugendliche, ein Zusammenschluss zahlreicher Bildungseinrichtungen und das „Eine-Welt-Dorf“ neben der Grundschule. Dass das so ist, ist der Verdienst des äußerst lebendigen Netzwerks aus etwa 20 Institutionen, die gemeinsam versuchen, Solidarität, interkulturelles Miteinander und ökologisches Handeln ganz praktisch umzusetzen. Und das Brennglas für diesen Hotspot ist zweifellos Ex-Lehrer Bloech.

    Begonnen hat alles vor 40 Jahren. Damals organisierte der überzeugte Christ zusammen mit ein paar Freunden eine Friedenswoche. Er lud alle ein, die sich in Minden für Menschenrechte und Entwicklungspolitik engagierten. Schnell war man sich einig, dass nichts den Frieden mehr gefährdet als soziale Ungerechtigkeit. Es war aber auch die Zeit des ersten Club-of-Rome-Berichts, der unmissverständlich davor warnte, dass das Ausbeutungs- und Wachstumsmodell der westlichen Industrienationen global zu irreparablen Umweltschäden führe. Die Schlussfolgerung für Bloech und seine Mitstreiterschar war klar: Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit gehören unbedingt zusammen. Und wo anders als in der eigenen Stadt sollten sie diese Erkenntnis umsetzen?

    Sie gründeten einen Verein mit dem sperrigen Namen Aktionsgemeinschaft Friedenswoche Minden (kurz Friwo), und weil die Mieten in der Oberen Altstadt am billigsten waren, ließen sie sich mit ihrem Büro dort nieder. Man holte sich einen Zivildienstleistenden zur Unterstützung und organisierte Hilfsangebote für Gastarbeiter und obdachlose Kinder. Schon bald klopfte ein Abiturient an die Tür: Er habe in seiner Schule eine Hausaufgabenhilfe aufgebaut, die die Kinder Juxbude getauft hätten, weil dort sogar Hausaufgaben Spaß machen können. Jetzt aber ziehe er weg – ob die Friwo die Sache nicht fortführen wolle? Sie wollte. Die Juxbude existiert bis heute und ist ein beliebter Kinder- und Jugendtreff geworden. Hier üben Jugendliche mit Grundschülern das Rechnen, im hauseigenen Tonstudio wird gesungen und aufgenommen, wenn ein verliebtes Mädchen einen Song für ihren Angebeteten komponiert hat, oder man chillt. 

    Srdacno Dobro dosli, Hos geldiniz, Vitejte Srdecne, Benvenuto! In 19 Sprachen heißt die Kita Ritterstraße ein paar Ecken weiter ihre Gäste willkommen. „Die Eltern unserer 65 Kinder stammen aus 19 Ländern, und wir fordern sie auf, zu Hause möglichst viel in der eigenen Muttersprache zu reden“, sagt Leiterin Ute Pape. Dafür sorgen sie und ihre Kolleginnen in den Gruppen für eine intensive Deutschförderung. Seit fünf Jahren ist auch ein Familienzentrum angegliedert, und mit Grund- und Gesamtschule ist die Kita ohnehin aufs Engste verbandelt.

    Die Kurt-Tucholsky-Gesamtschule ist ebenfalls das Ergebnis des jahrelangen Engagements einer Bürgerinitiative, die sich angstfreies und soziales Lernen auf die Fahnen geschrieben hat. „Der Widerstand der etablierten Gymnasien ist enorm“, notierte Bloech Ende der 1980er-Jahre nach einem durchfrorenem Tag an einem Infostand in sein Tagebuch, das er in kleiner Auflage als Zeitdokument Interessierten zugänglich gemacht hat. „Wir bekommen an diesem nasskalten Nachmittag alles zu spüren: Zustimmung (Endlich wird etwas unternommen!), viel Desinteresse (Wozu eine Gesangschule?) und Ablehnung (Solch eine Sozialistenschule!)“.

    Auf dem Hof der Grundschule steht Mindens Friedensdorf: Kleine, von Kindern mitgebaute Lehmhütten, die die traditionelle Architektur aus verschiedenen Weltgegenden widerspiegeln. Die Photovoltaikanlage auf dem Dach haben Azubis errichtet. Und wenn in den Klassen eine Klimawoche stattfindet, dann zeigen Leute von der Friwo gemeinsam mit Jugendlichen aus der Berufsschule, wie man ein Windrad baut. Außerdem hat die Friwo ein vom Land anerkanntes Bildungswerk (BF Minden) gegründet – ein altes Fabrikgebäude aus roten Backsteinen, in dem die Dozenten die stilvollen Seminarräume mitgestaltet haben. „Bei uns ist alles sehr verwoben“, sagt Leiterin Sieghilde Winkelmann und meint damit die Verbindung von Kopf- und Handarbeit ebenso wie die Kooperation von Schulen und Institutionen, die auf ihr Weiterbildungsangebot zurückgreifen. Darin haben Familien- und Erziehungsfragen ebenso wie ökologisches und verantwortungsvolles Handeln einen hohen Stellenwert.

    In der Mindener Altstadt sind viele Eltern alleinerziehend, ein erheblicher Teil der Bewohner lebt von Hartz IV. Doch wer mit Bloech durch die Straßen, über Schulhöfe und Treffpunkte eilt, spürt, dass die Menschen gerne hier wohnen und arbeiten. Von wegen: sozialer Brennpunkt! Das Friwo-Büro in seinem Fachwerkhaus ist noch heute wie eine Initiative aus den 1970er-Jahren eingerichtet, doch der Platz davor hat sich inzwischen zu einer Oase entfaltet: Mitten auf der einstigen Fahrbahn steht ein großer Haselnussbaum, rundherum Bänke und Blumenrabatten. Friedensplatz haben die Bürger diesen Ort genannt. Nichts erinnert mehr an das Verkehrschaos und den Gestank, die herrschten, bevor die Notgemeinschaft Obere Altstadt vor mehr als 30 Jahren eine Verkehrsberuhigung im gesamten Stadtteil durchsetzte. Schon klar: Auch bei dieser Bürgerinitiative war Falk Bloech der Sprecher.

    Als unerschrockener Held sieht er sich ganz und gar nicht, wie eine Notiz in seinem halböffentlichen Tagebuch von Ende der 1980er-Jahre belegt. Über die Konfrontationen mit den Stadtoberen schrieb er über sich selbst: „Von Angesicht zu Angesicht ist das manchmal nicht so einfach. In Leserbriefen schaffe ich das schon eher.“ Eine Seite weiter klebt ein Foto, auf dem Seniorenheim-Bewohner und junge Menschen zusammen Protestplakate hochhalten. Damals ging es um die Frage, ob der Verkehr zwar den Friedensplatz umfährt, dafür aber die Straße vor einem Altenheim stärker belastet. Bloech notierte: „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Gleichberechtigung aller Altstadtstraßen in Frage gestellt wird. Wir werden am Montag zur Stadtverwaltung gehen. Zur Not werden wir uns auf die Straße setzen und den Verkehr umleiten.“ Gemeinsam haben sie es dann geschafft, die gesamte obere Altstadt zu einer Radler- und Fußgängeridylle zu machen.
    Annette Jensen
    16. August 2012
    www.friedenswoche-minden.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 329-dorv

    Aufwärtsspirale

    Im winzigen Dorf Barmen zwischen Düsseldorf und Aachen ist das Auto wieder überflüssig geworden, die Bewohner näher zusammengerückt: Alles, was sie benötigen, finden sie im DORV-Zentrum.

    Das Dorf, wo Milch und Honig fließen

    Im winzigen Dorf Barmen zwischen Düsseldorf und Aachen ist das Auto wieder überflüssig geworden, die Bewohner näher zusammengerückt: Alles, was sie benötigen, finden sie im DORV-Zentrum.
    Es ist keine zehn Jahre her, da konnte man im 1.300-Einwohner-Dorf Barmen nahe der holländischen Grenze keine Milch kaufen. Keine Kartoffeln, keine Brötchen, keine Tageszeitung und keine Zahnpasta. Auch wenn man zum Arzt musste, ein Paket abschicken oder ein Fahrzeug anmelden wollte, musste man in dieses Fahrzeug steigen und in eine der nahegelegenen Kleinstädte fahren, nach Jülich, Düren, Erkelenz. Heute ist alles anders: Barmen hat ein lebendiges Zentrum, selbst ein Internetcafé. Dafür war kein Großinvestor nötig und kein Stadtentwicklungsplan – nur eine Portion Empörung, viel Hartnäckigkeit und der Wunsch der Bürgerinnen und Bürger von Barmen, sich wieder auf kurzen Wegen versorgen können.

    Auslöser dafür, diesen Wunsch ernst zu nehmen und sich für seine Erfüllung einzusetzen, war vor acht Jahren die Entscheidung der regionalen Sparkassenleitung, die Filiale in Barmen dicht zu machen. Sie sollte verschwinden, so wie seit den 1960er-Jahren nach und nach die acht Lebensmittelläden, die beiden Metzgereien und die Bäckerei geschlossen hatten. Vor allen der Lehrer Heinz Frey, der als parteiloser Abgeordneter im Jülicher Stadtrat sitzt und für den Ort Barmen zuständig ist, war entrüstet. Schließlich hatten die Sparkassenoberen den Bürgern unlängst in großformatigen Anzeigen versprochen, dass nach der Fusion der Leitungsgremien kein einziger Standort aufgegeben würde.

    Nach einem Moment der Wut beschlossen Frey und zunächst vier Mitstreiter, den Spieß einfach umzudrehen. Anstatt sich weiter über die endgültig zusammengebrochene Nahversorgung zu ärgern, gingen sie an den Wiederaufbau. Die Befragung der Mitbürger, was die denn gerne vor Ort hätten, zeigte ganz klar: Ein Lebensmittelgeschäft stand oben auf der Prioritätenliste. Doch bekanntermaßen rechnen sich Tante-Emma-Läden heutzutage erst, wenn mindestens 5.000 Leute in der Umgebung wohnen; und für die großen Handelsketten gilt eine Filiale erst ab einem Einzugsgebiet von 8.000 Menschen als einigermaßen rentabel. Die Folge: In Deutschland können etwa acht Millionen Menschen keinen Lebensmittelladen mehr zu Fuß erreichen.

    Wenn sich also ein Lebensmittelgeschäft alleine nicht trägt, dann muss man das Angebot eben erweitern und damit zusätzliche Einnahmen generieren, überlegte Frey. Er reiste nach Holland und Baden-Württemberg, besuchte Dorfläden, sozialmedizinische Dienstleistungszentren und Kulturhäuser – und war anschließend überzeugt: Damit Ältere und Bürger ohne Auto in Barmen gut leben können, braucht das Dorf alles zusammen. „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“ – kurz  DORV – taufte er seine Vision.

    Nun tüftelte der umtriebige Frey, der irgendwann mal neben allem anderen auch noch ein Architekturstudium absolviert hatte, an der Ladengestaltung: Eine Person sollte alles bedienen können, von der Wurst- und Brottheke über die Annahmestelle für Amtsunterlagen und Pakete bis hin zur Kasse. Im Prinzip ist das ganz einfach: Die Kundschaft und die Selbstbedienungsregale gehören auf die eine, alles andere in einer langen Reihe auf die andere Seite und die Kasse ungefähr in die Mitte. Freys Versuche, für das Konzept ein Darlehen zu bekommen, blieben allerdings erfolglos. „Erklären Sie mal einem Banker, dass dieselbe Person Fleisch verkaufen und Kfz-Schilder ausgeben soll. Die haben alle nur gesagt: Der Lehrer ist bekloppt.“

    Den größten Teil der etwa 100.000 Euro Startkapital brachten schließlich 34 Barmer Bürgerinnen und Anwohner zusammen. „Man kennt sich hier, und wir wollten zusammen was schaffen“, fasst Ingenieur Norbert Schommer schnörkellos zusammen. Sie gründeten eine GmbH – und unter diesen Voraussetzungen war die KfW-Bank bereit, einen günstigen Existenzgründungskredit zu geben. Als Ladenlokal nutzten die DORVler die leeren Räume der Sparkasse, die unter diesen neuen Umständen doch wieder einen Bankautomaten im Vorraum aufstellen wollte. Barmer Handwerker bauten in ihrer Freizeit Regale, schraubten Lampen an, und auch Lehrer Frey griff zum Presslufthammer. Gemeinsam richteten sie ein kleines Café ein, wo auch Vereinsversammlungen stattfinden oder Leute im Internet surfen können. Der örtliche Wohlfahrtsverein will hier Computerschulungen für Senioren durchführen, und auch den Kleinbus nutzen AWO und DORV gemeinsam.

    Mittlerweile geht das Personal weit über die eine Thekenkraft hinaus: zwei Vollzeitkräfte und mehrere Aushilfen verdienen im Laden ihr Geld, insgesamt sieben Arbeitsplätze sind entstanden. Fleisch und Brot kommen von einem Metzger und einem Bäcker aus den Nachbargemeinden. Dank des zusätzlichen Absatzes in Barmen werden die ihre Stammsitze nun wohl auf Dauer halten können. Ein Arzt aus einem Nachbarort erklärte sich bereit, einmal wöchentlich in Barmen zu praktizieren und auch Hausbesuche zu machen. Plötzlich gab es sogar wieder Geschäftsansiedelungen: Ein Zahnarzt richtete in Barmen auf der Rückseite des DORV-Zentrums seine Praxis ein, eine Kiefernorthopädin zog nach. „Wir haben jetzt eine Aufwärtsspirale“, konstatiert der 57-jährige Frey befriedigt, der als DORV-Geschäftsführer fungiert.

    Die Kommune und der Kreis haben den DORVlern keine Unterstützung gewährt; lediglich die Landesregierung hat vor dem Start eine Machbarkeitsstudie finanziert, die bestätigte, dass das Konzept aufgehen könnte. Auf 300.000 bis 350.000 Euro schätzte das Forschungsteam das jährliche Umsatzpotenzial; tatsächlich sind es heute etwa 450.000 Euro. Die Preise sind vergleichbar mit normalen Supermärkten und so kalkuliert, dass am Jahresende eine schwarze Null in den Büchern steht. „Wir wollen ja nur das Geld im Dorf lassen und nicht reich werden wie die Aldi-Brüder“, kommentiert Frey. Finanzvorstand Schommer ergänzt, warum die Sache bei den Antreibern des Barmer DORV-Projekts so gut läuft: „Wir verstehen uns privat, politisch und geschäftlich, und wir können uns total aufeinander verlassen.“

    Längst gibt es Anfragen von Gemeinden aus der ganzen Republik, die das Modell nachmachen wollen – und so reist Lehrer Frey an einem freien Tag oder am Wochenende nach Mecklenburg, Brandenburg und Rheinland-Pfalz. „Es geht nicht um eine Geschäftsidee, die man als Franchise-System überall nachbauen könnte“, betont er. Vielmehr komme es darauf an, genau hinzusehen, was schon da ist und was die Leute wirklich wollen. Sogar im Bundesbauministerium ist Frey inzwischen ein gefragter Mann. Dort wirkt er in einer Arbeitsgruppe über Nahmobilität mit.

    Ob er stolz ist? „Nö, gar nicht. Ich find’ es gut, dass es so läuft und immer noch Spaß macht“, sagt er lapidar. Und Norbert Schommer meint: „Wir haben da ein Kind geboren, das wir jetzt nicht wieder loswerden.“
    Annette Jensen
    09. August 2012
    www.dorv.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 328-leila

    Common Sense

    100 kleine Dinge lagern im Berliner Leihladen *Leila und warten auf Nutzer. „Nicht Besitz, sondern Zugang“ lautet der Ansatz des ehrenamtlichen Teams.

    Austeilen und Einstecken

    100 kleine Dinge lagern im Berliner Leihladen *Leila und warten auf Nutzer. „Nicht Besitz, sondern Zugang“ lautet der Ansatz des ehrenamtlichen Teams.
    Wer etwas besitzen will, streift durch die Geschäfte des Prenzlauer Bergs und kauft sein Glück in Tüten. Einen Sinn dafür, wann es genug ist, und einen Mechanismus, der anzeigt „Schluss, jetzt reicht es“ – beides ist weder von der Wirtschaft vorgesehen noch im Gehirn eingebaut. Und obwohl wir mehr als genug konsumieren, obwohl wir von allem mehr haben, als wir jemals ver- und gebrauchen können, trotzdem kaufen, bestellen, ersteigern und ergattern wir besinnungslos weiter. „Ich shoppe, also bin ich“, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman und warnt, dass der Konsum eine höchst einsame Angelegenheit ist.

    Wer hingegen nur hin und wieder etwas benutzen und dabei nicht sozial isoliert sein möchte, geht zu *Leila. Diesen Laden hat Nikolai Wolfert – ein viel jüngerer und weit weniger bekannter Soziologe als Zygmunt Bauman – zusammen mit einer bunten Transition-Town-Truppe in drei Souterrain-Räumen im südlichen Prenzlauer Berg eröffnet.

    Hier wird nicht gekauft, sondern ausgeliehen und geborgt. Es geht nicht um Besitz, sondern um Zugang: Ob Spielzeug, Freizeit- oder Campingartikel, ob bestimmte Küchenutensilien oder Heimwerker- und Gartenzubehör – hier gibt es viel Nutzbringendes, das man ein- oder mehrmals gebrauchen kann, ohne es gleich sein Eigen nennen zu müssen. Bollerwagen, Leiter, Wok, Keimapparat, Einrad, Frisbee, Isomatte, Lastenrad oder Krücken – alles Dinge, die man nicht permanent benötigt. Sogar ein blaues Mountainbike wurde hier geparkt und wartet auf einen neuen Nutzer. Der Clou: Diese wunderbaren Gegenstände, diese prächtigen Ressourcen, gehören der Allgemeinheit. Denn bei *Leila wird gemeinschaftlich und sozial konsumiert.

    Im Leihladen *Leila sitzt Nikolai Wolfert mit einem Glas Holunder-Limonade in der Hand. „Lei“ steht für Leihen und „La“ für Laden, erklärt Wolfert, aber *Leila sei noch mehr, ein sozialer Treffpunkt nämlich. Wolfert und die anderen Initiatoren haben *Leila ganz eindeutig nicht als Geschäft, sondern als einen angesagten Ort des „anderen“ Berlins konzipiert. Umsonstläden und Giveboxes, wo Gegenstände ihre Besitzer wechseln, ohne dass Geld fließt, gibt es schon mehrfach in der Hauptstadt. Doch dort werden die freien Gaben schnell wieder zu Eigentum, nur eben von jemand anderem. Im Leihladen *Leila hingegen wird privates Eigentum in ein Gemeingut überführt. Das ist neu. Und ein Versuch.

    „Kein Laden, sondern eine Mitmach-Aktion“, beschreibt Wolfert den Grundgedanken, „Ich bringe etwas, was ein anderer holt und im besten Fall auch wiederbringt, damit ein weiterer es erneut abholen und wiederbringen kann. Die Dinge haben hier eine feste Bleibe, sie kursieren nur kurzzeitig in der Welt, kehren aber wieder in ihre Heimat zurück. Hier im Leihladen schaffen es Menschen, miteinander zu kooperieren.“ Das *Leila-Prinzip ist simpel: Ein jeder kann Mitglied werden. Die Höhe des Beitrages bestimmt man selbst. Indem man mindestens einen Gegenstand in den *Leila-Pool gibt, erhält man die Berechtigung, andere Dinge zu entleihen.

    Nicht-Habenwollen, Nicht-Besitzen und Teilen gehören für die Initiatoren zum größeren politischen und ökologischen Projekt des Ausstiegs aus der Überflussgesellschaft: Bei *Leila wird das Privateigentum als universelles Prinzip des Kapitalismus in Frage gestellt. Deswegen führt das Team auch keinen Laden mit herkömmlichem Geschäftsgebaren, sondern „mit Gemeinsinn und so“. Der Soziologe Nikolai Wolfert ist, wie es scheint, bei *Leila für den geistigen Überbau verantwortlich.

    Deswegen hat er die Kleine Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll an den Eingang gepinnt. Darin wird die Begegnung eines Touristen mit einem Fischer geschildert. Der Fischer, am Hafen entspannt auf das Meer blickend, erhält vom Touristen die Empfehlung, sich doch eine Flotte mit mehreren Booten anzuschaffen. Denn mit solch einer Flotte könne er beruhigt im Hafen sitzen und die Sonne genießen, sagt der Tourist. Aber das könne er doch heute auch schon, lautet die Antwort des Fischers. Und wie der Fischer am Ufer sitzt Wolfert auf seinem Sofa und schaut auf sein Meer von ausleihbaren Gegenständen. In drei Räumen horten sich die Sachwerte zum Teil bis zur Decke und erinnern jeden Gast daran, dass im eigenen Keller ebenfalls zahlreiche Besitztümer auf die Befreiung aus der Bedeutungs- und Verwertungslosigkeit warten.

    Wer glaubt, diese Idee sei sentimentaler Sozialkitsch, und Räume mit einem Haufen Kram könnten keine Interessenten anziehen, der irrt. Nach Kundschaft muss hier niemand Ausschau halten. Erst kommt jemand, der was bringt, dann einer, der nur guckt, ein dritter, der zwei Gartenstühle ausleiht, und ein vierter, der sich mal kurz aufs Sofa setzen oder mit Wolfert eine Partie Tischtennis spielen will. Und schon schaut wieder jemand zur Tür herein. Es ist eine Dame vom Stadtteilhaus, die das Sorgentelefon für Senioren betreut: „Nikolai, wir haben da noch so ein kleines Schränkchen, braucht ihr das vielleicht?“ Wolfert ist dankbar für jede Art von Unterstützung: ganz egal, ob materielle oder finanzielle Spenden. Außerdem sucht er ehrenamtliche Mitstreiter und braucht noch einen Telefonanschluss. Telekommunikationsfirmen haben das Teilen wohl noch nicht für sich entdecken können.

    Weil hier permanenter Betrieb herrscht, ist der erste Raum des Leihladens – Küche, Büro und Bibliothek in einem – auch mehr ein kommunikatives Zentrum als ein Geschäft. Wer sich mit gesellschaftlichem Wandel, der Transition-Town-Initiative oder mit Permakultur beschäftigen möchte, kann hier eine Auswahl an Büchern einsehen und natürlich sofort mit Wolfert losdiskutieren.

    Fünf weitere Ehrenamtliche betreuen neben Wolfert den Leihladen; ein Strauß ihrer gemeinsamen Ideen harrt der Umsetzung. Man möchte künftig Lesungen veranstalten, sich mit dem Thema der Gemeingüter, oder englisch Commons, auseinandersetzen und die Internet-Präsenz zu einem virtuellen Leih-Ring ausbauen. „Es bewegt sich was!“, stellt Wolfert fest und verweist auf die vielen neuen gesellschaftlichen Sharing-Modelle wie Couchsurfing, Carsharing oder Bookcrossing, die vielerorts Anhänger finden.

    „Besitz macht besessen“, sagt Nikolai Wolfert, „wir stellen uns unsere Welt mit Kram voll und sind nur noch mit dessen Unterhaltung und Instandsetzung beschäftigt.“ Ja, Besitz belastet. Deshalb bestätigt sich bei *Leila nicht die Tragik der Allmende, sondern hier zeichnet sich der Luxus der Zukunft ab: Gegenseitigkeit und Solidarität.

    Und während die Prenzlauer-Berg-Bohème darüber diskutiert, welcher Wohlstand wohl auch künftig Bestand haben könnte, hält Nikolai Wolfert an seiner Holunder-Limo aus dem Mauerpark und seiner Gemeinschaftsutopie des öffentlichen Eigentums fest. Dafür hat er sein soziologisches Beobachtungszentrum für Entprivatisierungsstudien verlegt. In seinen Leihladen.
    Dana Giesecke
    02. August 2012
    www.leila-berlin.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 323-bike-aid

    Bewegungsstifter

    Das Team von Bike Aid Berlin sammelt Fahrräder, repariert sie unter freiem Himmel und verschenkt sie an Flüchtlinge. Die freuen sich über die neue Mobilität, aber auch über die Gemeinschaft beim Schrauben und Ölen. 

    Durchs Leben strampeln

    Das Team von Bike Aid Berlin sammelt Fahrräder, repariert sie unter freiem Himmel und verschenkt sie an Flüchtlinge. Die freuen sich über die neue Mobilität, aber auch über die Gemeinschaft beim Schrauben und Ölen. 

    Zwei Jungs, sieben und vier Jahre alt, hüpfen voller Vorfreude auf dem Pfad zwischen Linden, Efeu und Gebüsch am Wagenplatz Schwarzer Kanal. Hier, unter den Birken, in der Fahrradwerkstatt, wartet an diesem Sonntagnachmittag ein Schatz auf sie – mindestens 100 Fahrräder. Und jeder darf sich heute eines aussuchen. Ahmed und Ali schlängeln sich zwischen den Fahrradreihen durch und stöbern gierig nach dem besten Stück. Jeder Fund wird gefeiert: „Papa, schau doch mal!“, rufen sie immer wieder begeistert auf Arabisch und heben mit Ach und Krach ein riesiges Rad in die Luft. „Onkelchen“, rufen sie, „das ist doch für uns?!“

     

    Dieser „Onkel“, der heute zweifelsohne der Held der beiden ist, heißt Mariusz. Er ist 28 Jahre alt und studiert Volkswirtschaftslehre mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung. Ehrenamtlich arbeitet er bei einer Beratungsstelle für Flüchtlinge. Mit dem Aufbau der Bike Aid Berlin fand er einen einfachen Weg, diesen Menschen zu helfen. Seit fünf Jahren sammeln Mariusz und seine Mitstreiter alte Fahrräder, reparieren sie und verschenken sie an Asylsuchende.

     

    „Wir wollen Flüchtlinge in ihren prekären Lebenssituation unterstützen, indem wir ihnen durch ein Fahrrad ein Mindestmaß an Mobilität ermöglichen“, erklärt er. Das könne ihnen helfen, ihren Aktivitäten nachzugehen und Kontakte zu knüpfen. Für das Team von Bike Aid Berlin ist die Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch die Residenzpflicht, mit der Asylbewerber leben müssen, „institutioneller Rassismus“. Dem sei kaum etwas entgegenzusetzen, „aber wir erhoffen uns, durch das Projekt den Alltag der Flüchtlinge zu erleichtern“. Und tatsächlich wirkt das Treiben am Wagenplatz an diesem Nachmittag idyllisch. Trotz des schlechten Wetters basteln etwa 25 Leute gemeinsam im Garten, fummeln in Kisten voller Dynamos, Klingeln und Schrauben und freuen sich, wenn zum Schluss alles leuchtet und sich dreht. Die Hälfte sind freiwillige Fahrradbastler. Die andere Hälfte hält den Blick gesenkt und redet nicht viel. Doch wer sie anspricht, hört lange, bewegte Geschichten.

     

    Mitten in seiner Doktorarbeit für Philosophie habe er seine Heimat verlassen müssen, erzählt ein Syrer. „Wenn ich zurückkehre, dann ...“ – mit dem Finger fährt er sich über den Hals, als trenne er sich die Kehle durch. Er hofft, in Berlin seine Arbeit zu Ende bringen zu können – auf Deutsch. Deshalb kämpft er sich durch die Sprachkurse. Heute repariert er ein Fahrrad für seinen Freund, er selbst habe schon eins bekommen. Das Projekt sei toll, sagt er und bedankt sich immer wieder.

     

    Der kleine Ahmed und seine Familie sind vor drei Monaten aus Palästina gekommen. Der Vater zeigt stolz Fotos von seinen anderen drei Kindern und entfaltet dazu einen ärztlichen Befund. Sein Mädchen habe einen Herzfehler, steht darauf. Sie wird in der Berliner Charité behandelt. Der Mann packt das Papier wieder ein und bastelt weiter. Jedes Mal, wenn Ahmed vorbeiflitzt, dreht er sich um und lacht.

     

    Auch ein Elektriker aus Afghanistan werkelt am Schwarzen Kanal gern in Gesellschaft. „Keiner verlässt freiwillig seine Heimat“, sagt er. Man fliehe erst, wenn gar nichts mehr gehe. Er wartet als Asylbewerber darauf, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Acht Jahre habe er in Afghanistan als Elektriker gearbeitet, aber Zeugnisse könne er nicht vorlegen. Das mache es ihm schwer. Nicht einmal eine Geburtsurkunde habe er. „Ich glaube, ich bin jetzt etwa 31 Jahre alt“, schätzt er. Am Schwarzen Kanal treffen sich Menschen mit gebrochenen Biografien. Für einige Stunden atmen sie hier kurz durch – und strampeln dann weiter.

     

    Der Nachmittag am Schwarzen Kanal wird kälter. Ein Fahrrad nach dem anderen ist wieder fahrtüchtig. Die ersten Zigaretten werden gedreht, alle freuen sich über die getane Arbeit. Es gebe so viele Fahrräder in Berliner Innenhöfen, die keiner nutze, sagt Mariusz. Zehn davon haben sie heute gemeinsam für die Straße fit geschraubt. Das sei nur möglich gewesen, weil viele Helfer da waren, sagt der Projektgründer. Jeden Schrauber könnten sie hier gebrauchen, auch wenn er unerfahren sei.

     

    Ali und Ahmed zappeln immer noch über das Gelände, ihre Nasen sind knallrot. „Onkelchen, ich will einen Korb haben“, wiederholt Ali pausenlos. Als einer vom Team aus einer Ecke einen zerknautschten Korb herauskramt, ist Alis Glück vollkommen.

    Borjana Zamani
    25. Juli 2012

    www.bikeaidberlin.blogsport.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 324-hannover-handelt-fair

    Fairschult

    Um ökologisches und soziales Bewusstsein im Einzelhandel zu verankern, hat eine Hannoveraner Berufsschule den Fair Trade in den Mittelpunkt der Ausbildung gestellt. Mit diesen Azubis wird kein unfairer Handel mehr zu machen sein. 

    Wenn nicht nur der Einzelne handelt

    Um ökologisches und soziales Bewusstsein im Einzelhandel zu verankern, hat eine Hannoveraner Berufsschule den Fair Trade in den Mittelpunkt der Ausbildung gestellt. Mit diesen Azubis wird kein unfairer Handel mehr zu machen sein. 

    „Wie kann es einem egal sein, unter welchen Bedingungen ein Produkt ins Regal kommt?“, regt sich der werdende Einzelhandelskaufmann auf, seine Stimme wird laut, und er gestikuliert wild mit den bunt tätowierten Armen. Entsprechend unmissverständlich sind auch die Worte, die Sven Seidensticker dann für das Unwissen und die Ignoranz zahlloser Konsumenten findet. Soviel Begeisterung für eine Sache muss man an einer Berufsschule erst einmal finden. Aber Sven, 25 Jahre alt und Schüler an der BBS Handel, der Berufsbildenden Schule Handel der Region Hannover, legt sich mächtig ins Zeug. Und auch Veli Balli, der 29-Jährige, der eine Lehrstelle bei REWE hat und weitaus ruhiger argumentiert, preist mit sachlichen Informationen die fair gehandelten Rosen aus dem Sortiment seines Arbeitgebers an: „Die sind viel langlebiger, duften herrlich und kosten auch nur 3,49 Euro!“ Es scheint fast, als hätte Veli vergessen, dass er in einem nackten Klassenraum an einem grauen Tisch sitzt und gar nichts verkaufen muss. Nur erzählen sollen die jungen Männer, von ihrem Projekt Hannover handelt fair. Aber offensichtlich haben sie die Lerneinheiten zum Thema wirklich verinnerlicht und echte Begeisterung für den fairen Handel entwickelt.

     

    Seit langem schon ist die BBS Handel dem Thema Nachhaltigkeit verpflichtet und hat dies auch in ihrem Leitbild formuliert. Die Forderungen der 1992 in Rio verabschiedeten Agenda 21 will die Schule nicht immer nur den anderen überlassen. Und getreu dem Grundsatz „Global denken – lokal handeln“ fühlt sie sich angesprochen, will sich beteiligen und Verantwortung übernehmen. Dafür braucht es einige Tatkräftige – solche wie Hans Georg Grahle, der von sich selbst sagt, er handle mangels Alternative. Und der sich als Lehrer verpflichtet sieht, praktische Inhalte in die Pädagogik zu bringen und seine Schüler für eine sinnvolle Sache zu begeistern. Er erinnert sich: „Der allergrößte Brocken Arbeit für das Projekt Hannover handelt fair fand in den ersten beiden Jahren statt.“ Denn neben der Suche nach Kooperationspartnern mussten die didaktischen Grundlagen entwickelt werden.

     

    Nicht bei allen Kollegen liefen sie offene Türen ein mit dem fächerübergreifenden, handlungsorientierten Projekt, das einen ganz konkreten Berufs- und Gesellschaftsbezug aufweisen sollte. Studiendirektor Grahle und sein Team aber ließen sich nicht abbringen: „Wir wollten eine Berufsfähigkeit vermitteln, die Fachkompetenz mit allgemeinen Fähigkeiten humaner und sozialer Art verbindet.“ Ein Ziel von Hannover handelt fair ist es also, die Verbraucher über die Produkte des Fairen Handels zu informieren und den Absatz der „guten“  gegenüber den „bösen“ Waren zu steigern. Viel wichtiger ist es aber, den jungen Menschen das Erlebnis zu vermitteln, dass es sich tatsächlich lohnen kann, gesellschaftliches und berufliches Engagement zu entwickeln. Und Grahle liegt vor allem dieser Aspekt am Herzen: „Die Schüler lassen sich viel besser für etwas begeistern, das auch Sinn macht. Und weil sie ihr Wissen unmittelbar anwenden können, ist die Erfahrung besonders wertvoll.“

     

    Ein Vorbereitungsteam von sieben Lehrkräften und zwei Auszubildenden setzte sich zusammen, plante die Aktion bis ins letzte Detail und erarbeitete in langen Sitzungen das Unterrichtsmaterial, auf das heute alle zurückgreifen. Im Unterricht lernen die Schüler zunächst viele fachliche Hintergründe kennen: „Verantwortung gegenüber Mensch und Natur, kontrollierter Handel, Ressourcenverbrauch – das ist für die meisten Schüler wirklich anspruchsvoller Stoff“, weiß der erfahrene Lehrer Grahle. Dass ökonomische Interessen mit ökologischen Rücksichten und sozialer Gerechtigkeit im Einklang stehen müssen, um das Leben auf unserer Erde zu schützen und zu bewahren, lässt für viele der Auszubildenden den künftigen Beruf in einem ganz neuen Licht erscheinen. Wie Sven zum Beispiel, der sich früher ohnmächtig und hilflos gefühlt hat und jetzt lautstark soziale Gerechtigkeit fordert und  den sorglosen Umgang unserer Wegwerfgesellschaft mit den Rohstoffen anprangert. Selbstverständlich greift er immer, wenn er die Wahl hat, zum Fair-Trade-Produkt.

     

    In Rollenspielen und Simulationen üben die Verkäufer in spe Antworten auf Fragen wie: Wo kann ich fair gehandelte Produkte bekommen? Was heißt Fair Trade überhaupt? Und wie kann ich sicher sein, dass es sich nicht um einen Etikettenschwindel handelt? Aber natürlich lernen sie auch, auf Widerstand und Unverständnis zu reagieren, wenn es zum Beispiel um den höheren Preis der fairen Waren geht. Sie lernen die Richtlinien für einen fairen Handel, den Verein TransFair und das Fairtrade-Siegel kennen. Die praktische Umsetzung des Gelernten erfolgt zu der bundesweit und jährlich stattfindenden Fairen Woche. Dann werden die Auszubildenden in Geschäfte, Cafés und Gaststätten geschickt. „Über 400 Schülerinnen und Schüler sind eine Woche lang als Agenten für faire Produkte und fairen Handel in mehr als 50 Betrieben unterwegs“, informiert der Schulleiter, Joachim Kreter, nicht ohne Stolz. „Ohne die Teilnahme zahlreicher Hannoveraner Filialen großer Einzelhandelsketten wie EDEKA und REWE könnte die Aktion nämlich nicht stattfinden.“

     

    Wenngleich eine Kooperation im knapp bemessenen Geschäftsalltag wertvolle Zeit kostet, suchen immer mehr Firmen den Kontakt zur BBS Handel. Immerhin hat das Projekt in den letzten Jahren ganz schön für Furore gesorgt und auch in den Medien Aufsehen erregt: Für die Unterrichtsmaterialien, die als freeware auch anderen Berufsschulen zur Verfügung gestellt werden, hat es 2010 den Hermann-Schmidt-Preis vom Bonner Institut für Berufsbildung gegeben. Das freut Grahle besonders, „weil es ein Ausweis für die pädagogisch-didaktische Qualität ist“. Doch auch die anderen Auszeichnungen lassen sein Herz höher schlagen: 2010 erfolgte die Verleihung des Fairtrade-Awards des Vereins TransFair, und 2011 kam die erneute Ernennung zum Offiziellen Projekt der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung durch die deutsche UNESCO-Kommission gleich hinterher.

     

    Die jüngsten Lorbeeren, die ihnen der Bundespräsident persönlich überreichte, sind sogar noch frisch: Beim Wettbewerb alle für EINE WELT für alle zeichnete Bundespräsident Joachim Gauck die BBS Handel im Juni 2012 als besonders engagierte Schule aus. „Ich hatte echt eine Gänsehaut“, berichtet die 18-jährige Edina Resulbegovic, die ihren Lehrer Grahle ins Schloss Bellevue begleiten durfte und die sich sonst sicher für andere Idole begeistert. „Der Bundespräsident war total locker und hat jedem einzelnen die Hand gegeben.“ Solche Auszeichnungen spornen die Schüler natürlich an. Und dem Organisator Grahle machen sie das Leben leichter: „Mit dem Preisgeld können wir jetzt wenigstens ein paar Schokoladentäfelchen kaufen und zum Verschenken mit an den Aktionsstand geben.“

    Anna Schütz
    25. Juli 2012

    www.hannover-handelt-fair.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 320-oktoberdruck

    druckempfindlich

    Umwelt. Freundlich. Drucken. – das ist für Oktoberdruck Slogan und Prioritätenliste zugleich. Der EMAS-zertifizierte und selbstverwaltete Betrieb ist Berlins erste Adresse für ökologisch und sozial bewusstes Drucken.

    Die nehmen den Druck raus

    Umwelt. Freundlich. Drucken. – das ist für Oktoberdruck Slogan und Prioritätenliste zugleich. Der EMAS-zertifizierte und selbstverwaltete Betrieb ist Berlins erste Adresse für ökologisch und sozial bewusstes Drucken.

    Eines kann man mit Sicherheit sagen: Diese Frau und dieser Ort passen zusammen. Martina Fuchs-Buschbeck, eine von zwei Vorständen von Oktoberdruck, ist zunächst einmal eine starke Vertreterin ihres Geschlechts. Gleichzeitig ist sie eine Meisterin des Wortes, was daran liegen kann, dass sie seit 30 Jahren in der Druckbranche tätig ist. Transparenz ist Fuchs-Buschbeck genauso wichtig wie Traditionsbewusstsein, und auch in punkto Standhaftigkeit kann sie es mit dem zweigeschossigen, verklinkerten Stahlskelettbau der Druckerei aufnehmen. Der steht in direkter Nachbarschaft zum BASF-Turm und repräsentiert durch seine offen gestalteten Räumlichkeiten und durch den verschwenderischen Einsatz von Glas die Philosophie des Unternehmens. Moment mal, das Adjektiv „verschwenderisch“ und auch die Nähe des Chemieunternehmens mit dem vierstelligen Akronym passen eigentlich gar nicht ins Bild...

     

    Eine andere Abkürzung spielt hier eine ungleich größere Rolle: EMAS. Diese Buchstaben bedeuten Eco-Management and Audit Scheme – auch bekannt als EU-Öko-Audit, ein EU-Gemeinschaftssystem für ein freiwilliges Umweltmanagement. Um das EMAS-Logo führen zu dürfen, muss man sich aufwendigen Prüfungen unterziehen, ständig Daten sammeln, Umweltziele definieren und alle vier Jahre einen umfangreichen Umweltbericht veröffentlichen. Nimmt man einen solchen Report von Oktoberdruck in die Hand, vermitteln das 100-prozentige Recyclingpapier und diverse Öko-Zertifikate sofort auch die visuelle und haptische Dimension des konsequenten Vorhabens: ein Versprechen gegenüber der Umwelt, das auch im Druckerei-Logo an erster Stelle platziert ist.

     

    Papier ist zwar geduldig, doch hier wird Wort gehalten: Man konnte den Einsatz von Altpapier seit dem letzten Bericht um 16 Prozent steigern – immerhin macht das einen Gesamtanteil von 24,7 Prozent des verwendeten Papiers aus. Der im Offsetdruck-Verfahren eingesetzte, umweltschädliche Alkohol Isopropanol wurde sogar komplett ersetzt, und Biofarben ohne Erdöl-Anteil sind sowieso längst Standard. Auf eine stromfressende Klimaanlage im Gebäude wurde verzichtet, und auch sonst hat sich der Verbrauch von Elektrizität um ein Wesentliches reduziert – vor allem durch das gesteigerte ökologische Bewusstsein der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Was an Energiebedarf noch übrig geblieben ist, wird aus erneuerbaren Quellen bezogen, wie zum Beispiel aus Wasserkraft. Der letzte Mitarbeiter wurde überzeugt; die Oktoberdrucker machen alle Arbeitswege mit den Öffentlichen oder mit dem Rad.

     

    „Eigentlich sind Umwelt und Drucken ein Widerspruch in sich“, räumt Fuchs-Buschbeck ein. Dennoch ist es der Belegschaft von Oktoberdruck gelungen, weniger Druck auf die Umwelt auszuüben, indem sie an sämtlichen Stellschrauben für eine ökologisch unbedenklichere Produktion drehten. Die gleiche Verantwortung fordert die Druckerei konsequenterweise auch von den Kunden. Diese können sich umfassend über einen ressourcenschonenden Herstellungsprozess beraten lassen. Den Betriebs-Ethos auf einen Nenner gebracht, würde man sagen: Qualität statt Quantität.

     

    „Qualität statt Quantität“ – kann ein Druckunternehmen sich leisten, das ernst zu nehmen? Sich auf dem Markt zu behaupten ist schwerer geworden, angesichts von Online-Druckereien und Dumping-Preisen, und so hat Oktoberdruck schon einige heftige Krisen hinter sich, bis hin zu Personalverlusten. Die gehören für Fuchs-Buschbeck zu den schmerzlichsten Erfahrungen, denn prinzipiell ist Freundlich, das dritte Wort im Slogan, für das Unternehmen genauso zentral wie die Umwelt. Keineswegs bezieht sich dies ausschließlich auf den Umgang mit den Kunden – es drückt vielmehr den auf Gleichheit und Fairness bedachten Gründungsgedanken des Unternehmens aus.

     

    Oktoberdruck wurde im Jahr 1973 von trotzkistischen Studenten als selbstverwalteter Betrieb gegründet. Noch heute wird den derzeit 22 Mitarbeitern neben ihrer eigentlichen Tätigkeit auch eine ganz praktische Mitverantwortung für das Unternehmen abverlangt. Eine direkte Mitbestimmung, wie zum Beispiel über neue Investitionen zuvor gemeinsam zu diskutieren, sorgt für eine demokratische Unternehmenspraxis und garantiert höchste Transparenz nach innen und nach außen. „Wer bei Oktoberdruck arbeitet, trägt Verantwortung und auch Selbstverantwortung“, betont Fuchs-Buschbeck, die sich als gewählter Vorstand den gleichen Stundenlohn auszahlt wie allen anderen Mitarbeitern; Zulagen werden gemeinsam festgelegt. Die gibt es für besondere Belastungen, wie spezielle Verantwortung, Sondereinsätze und Schichtdienst. Zusätzlich zu ihren Kernaufgaben kümmern sich die Mitarbeiter um den Datenschutz, die Sicherheit oder eben um die Umsetzung des umfangreichen Umweltprogramms. Dasselbe gilt für Führungskräfte, sofern es deren Kapazitäten zulassen. Obwohl es auch schon zu internen Spannungen kam, wird am Konzept einer selbstverwaltenden Unternehmensführung festgehalten.  

     

    Das kann bei einigen Zeitgenossen auf komplettes Unverständnis stoßen. Zum Beispiel bei einer Gruppe von Studierenden der Betriebswirtschaftslehre, die ihren Blick vor einiger Zeit von den vermeintlich ökonomischen Gewinnern abwenden und auf Oktoberdruck richten sollten. Der Nachwuchs der Hochschule für Wirtschaft und Recht war regelrecht irritiert von der basisdemokratischen und umweltbetonten Unternehmensführung: „Man kann schon ein bisschen über Corporate Social Responsibility nachdenken, aber ansonsten ist das doch völlig unwirtschaftlich und damit unvernünftig!“, entrüstete sich ein Student.

     

    Werner Landwehr, Leiter der Berliner GLS Bank, hält voll dagegen: „Oktoberdruck ist für mich ein Leuchtturmprojekt. In der Wirtschaft gelingt so etwas nur Menschen, die neben der ökologischen Dimension auch die soziale Nachhaltigkeit von Unternehmen exemplarisch umsetzen und authentisch vorleben“. Trotz des Lobs aus vielen Richtungen sind alle Mitstreiter gezwungen, sich im harten Überlebenskampf auch immer wieder existentielle Fragen zu stellen: Ist eine solche Unternehmenspraxis noch zukunftsfähig? Schließlich liegt das Alter der Oktoberdrucker im Mittel bei 45 Jahren. Glücklicherweise bemerkt Martina Fuchs-Buschbeck, stolze Mutter zweier Kinder, bei ihrem Nachwuchs ein wachsendes Interesse an dem, was sie tut und bewirkt. Und so schließt sie mit den Worten: „Wir geben den Kampf nicht auf! Da gibt es nämlich tatsächlich etwas weiterzugeben.“


    Andreas Tobias
    19. Juli 2012
    www.oktoberdruck.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 316-chiemgauer

    Regiorubel

    Der bayerische Chiemgauer ist Deutschlands erfolgreichstes Regiogeld. Vom Trachtenverein über den Frauennotruf bis zu Geschäftsleuten und Mikrokreditnehmern – alle profitieren von ihm.

    Bayerische Blütenpracht

    Der bayerische Chiemgauer ist Deutschlands erfolgreichstes Regiogeld. Vom Trachtenverein über den Frauennotruf bis zu Geschäftsleuten und Mikrokreditnehmern – alle profitieren von ihm.

    „Gestatten, mein Name ist Chiemgauer. Ich bin mehr Schein als Sein, was im Übrigen nicht nur für mich, sondern für alle Geldscheine der Welt gilt. Sie wundern sich vielleicht, was für ein schickes grünes Kleid ich trage. Das tue ich aber nur, wenn ich ein Ein-Chiemgauer-Schein bin. Als Zwei-Chiemgauer-Schein bevorzuge ich ein orangefarbenes Outfit, als Fünfer ein gelbes, als Zehner bin ich rot, als Zwanziger blau und als Fünfziger lila. Eine einzige Blütenpracht, nicht wahr?

     

    Das sind aber nur Äußerlichkeiten. Mehr Schein als Sein, diese Parole gilt nicht für meinen Charakter, darauf lege ich Wert. Als Lokalpatriot fördere ich ausschließlich die Region Chiemgau – ja, genau, die mit den vielen Kühen auf grünen Weiden unter einem Himmel, der ebenso blauweiß kariert ist wie unser bayerisches Wappen. Und ich bin stolz darauf, das erfolgreichste deutsche Regiogeld zu sein. Regionalwährungen gibt es inzwischen viele, gut 30, und noch mehr sind in Gründung. Aber nur wir haben im Jahr 2011, unterstützt durch die rund 600 beteiligten Unternehmen, einen Umsatz im Wert von 6,5 Millionen Euro hingelegt.

     

    Ich muss mich dafür aber auch anstrengen, ich rotiere den ganzen Tag wie verrückt. Im Ernst: Ich bewege mich zwei- bis dreimal so schnell wie der Euro. Und genau das ist mein Daseinszweck: zum Wohle der regionalen Wirtschaft zirkulieren, bis mir schwindelig wird.

     

    Nehmen wir nur den heutigen Tag. Am Morgen hat eine Apothekerin in Rosenheim einen Teil ihrer eingenommen Euros bei ihrer Kreissparkasse gegen Chiemgauer zum üblichen Kurs von eins zu eins eingetauscht – unter anderem mich. Sie ging damit zum Bioladen und kaufte Holundersekt. Leider konnte ich mich in der Ladenkasse nicht ausruhen, denn schon kam ein Buchhändler, kaufte ein Eis, und ich wanderte als Wechselgeld zuerst in sein Portemonnaie und dann in die Buchladenkasse. Schon wurde ich an eine Buchkäuferin weitergegeben, die im Café um die Ecke einen Tee trank und mich der Kellnerin reichte. Die musste später wegen Falschparkens zum Anwalt – schwupps, schon war ich wieder unterwegs. Der Anwalt gab mich an einen Möbelladen weiter, und der Möbelheini bezahlte seinen Muckikurs mit mir und einigen meiner Kollegen.

     

    Der Besitzer des Fitness-Centers wollte nach Euroland verreisen und tauschte in der Raiffeisenbank einen ganzen Batzen von uns Chiemgauern in Euros zurück – gegen eine Gebühr von fünf Prozent. Zwei Prozent der Tauschgebühr fließen in die REGIOS-Genossenschaft, die damit die Kosten des Chiemgauer-Service deckt. Drei Prozent gehen in die Unterstützung gemeinnütziger Vereine und sozialer Einrichtungen – vom Trachtenverein über den Frauennotruf bis zu Greenpeace haben knapp 240 Vereine Spenden in Höhe von inzwischen rund 230.000 Euro oder Chiemgauern erhalten. Sie sehen also: Mein Leben ist höchst anstrengend, aber abwechslungsreich. Was man von meinen virtuellen Kollegen nicht behaupten kann, die per Regiocard die Besitzer wechseln. Aber ich kann’s verstehen. Es kam schon vor, dass sich eine Handwerkerrechnung auf 36.000 Chiemgauer belief – wer will denn so viele von uns Scheinen zählen?

     

    Mein Großvater war ein sozialreformerischer Geselle namens Silvio Gesell. Er hatte was gegen das Zinssystem, weil es wie eine gigantische Umverteilungsmaschine von unten nach oben wirkt. Wer heute eine Milliarde Euro besitzt, muss bei einer Jahresverzinsung seines Vermögens von fünf Prozent täglich 137.000 Euro ausgeben, um nicht reicher zu werden. Auf solche Summen kommen nicht mal arme Kaufsüchtige, die das Geld ohne Sinn und Verstand beim Shopping raushauen.

     

    Gesell ersann deshalb das „Freigeld“ oder „Schwundgeld“. Man könnte es auch „Schwunggeld“ nennen, weil es den Rubel am Rollen hält. Ein Teil seines Wertes geht perdu, wenn es nicht ausgegeben wird. So wird verhindert, dass es von Reichen gehortet oder für Spekulationsgeschäfte missbraucht wird. Ich als Ein-Chiemgauer-Schein verliere alle drei Monate zwei Prozent meines Wertes, wenn man mir nicht eine klebt – also eine Klebemarke im Wert von zwei Eurocent aufpappt. Die meisten Leute versuchen diese umständliche Prozedur natürlich zu vermeiden und geben mich schleunigst weiter. Faktisch haben wir Chiemgauer einen Negativzins von jährlich acht Prozent.

     

    Dass das alles funktioniert, hat als erste die österreichische 4.000-Seelen-Gemeinde Wörgl im Jahr 1932 vorgeführt. Der Zentralregierung in Wien fiel damals angesichts von Weltwirtschaftskrise und Massenelend nur „sparen, sparen, sparen“ ein – kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Wörgls Bürgermeister Michael Unterguggenberger fand das bescheuert: „Ich schränke mich ein und gehe barfuß (hilft das dem Schuster?). Ich schränke mich ein und reise nicht (hilft das der Bundesbahn?). Ich schränke mich ein und esse keine Butter (hilft das dem Bauern?).“ Der Sozialdemokrat ließ stattdessen im Gemeindeauftrag Straßen, Abwasserrohre, eine Brücke und eine Sprungschanze bauen; die Arbeiter bezahlte er mit dem Freigeld des Silvio Gesell, offiziell „Arbeitswertbestätigung“ geheißen. Aufdruck: „Lindert die Not, schafft Arbeit und Brot.“

     

    Die Arbeiter gaben die Scheine eifrig in Läden und Bauernhöfen aus, die Erwerbslosigkeit in Wörgl sank, während sie im übrigen Österreich weiter stieg. Linke und Rechte feierten den Bürgermeister, Zeitungsreporter aus aller Welt berichteten über das „Wunder von Wörgl“. Bis die Nationalbank einschritt und vor Gericht die „Abstellung dieses Unfugs“ forderte. Die Bank gewann, Unterguggenberger verlor. Das Wunder war vorbei, die Gemeindearbeiter wurden entlassen, und die Nazis marschierten auch schon überall.

     

    Die Deutsche Bundesbank hat mich nur deshalb nicht verboten, weil ich offiziell nicht als Geld, sondern als „vereinsinterner Regio-Gutschein“ gelte. So steht es auch auf meinem blütenreinen Outfit. Nur Mitglieder des Regiogeld-Vereins dürfen mit mir einkaufen. Anfangs waren es 30, inzwischen rund 3.500. „Durch den regionalen Waren- und Dienstleistungskreislauf erzeugt ein Chiemgauer ein Mehrfaches an regionaler Wertschöpfung als der Euro“, sagt mein Vater Christian Gelleri über mich.

     

    Gelleri war ein junger Wirtschaftskundelehrer an der Waldorfschule Prien, als er im Jahr 2002 zusammen mit sechs Schülerinnen überlegte, wie man das Geld für eine neue Sporthalle zusammenkriegen könnte. Sie kamen auf folgende Idee: Die Eltern aller Schüler versprächen einigen Geschäften, bei ihnen mit einem selbstentwickelten Papiergeld einzukaufen, und die Unternehmen spendeten im Gegenzug einen Teil des dadurch gesteigerten Umsatzes an die Schule. Anfang 2003 erblickten die ersten 2.000 Chiemgauer das blauweiße Licht Bayerns.

     

    Das Projekt war höchst erfolgreich und sprach sich schnell herum. Dem Regiogeld-Verein wurde 2007 die REGIOS-Genossenschaft zur Seite gestellt, in der mein Vater Gelleri nun als Vorstand arbeitet. Heute vergibt die Genossenschaft in Kooperation mit der GLS Bank sogar zinslose Mikrokredite für Existenzgründer in Chiemgauern, aber das ist ein anderes Kapitel, und ich will Sie ja nicht vollends verwirren.

     

    Und wenn nun der Euro über den Jordan oder das Mittelmeer geht? Gelleri behauptet, zumindest das Chiemgau sei dafür gewappnet. Zwar wird bisher nur 0,2 Prozent des regionalen Bruttosozialprodukts in Chiemgauern abgerechnet, aber er glaubt, zur Not könnte man fast alles in der Region produzieren (Chiemgauer Getreide-Kaffee? Naja!) und mit uns bezahlen. Aber wir wollen ja nicht hoffen, dass es dazu kommt. Mein großer Bruder Euro sollte endlich aufwachen und sich ebenso wie ich der Realwirtschaft widmen, anstatt in den Finanzmärkten mit Hypergeschwindigkeit zu rotieren, bis ihm endgültig schlecht wird.“

    Aufgezeichnet von Ute Scheub
    12. Juli 2012
    www.chiemgauer.info
    www.regiogeld.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 317-rewig-muenchen

    Realos und Pfundis

    Die Genossenschaft ReWiG München will sich mit anderen Betrieben zu einer regionalen Wirtschaftsgemeinschaft verflechten, unter anderem mit selbstgeschöpftem „demokratischen Geld“.

    Demokratisches Geld

    Die Genossenschaft ReWiG München will sich mit anderen Betrieben zu einer regionalen Wirtschaftsgemeinschaft verflechten, unter anderem mit selbstgeschöpftem „demokratischen Geld“.

    „Gestatten, mein Name ist Realo. Jaja, ich weiß, was Sie denken, aber ich gehöre keiner Fraktion der Grünen an, hinter mir steht auch nicht Joschka Fischer. Und es gibt keine Fundis. Nur Pfundis. Pfundige Menschen, die mich ersonnen haben. Ich bin ein demokratisches Geld. Jawohl.

     

    Anders als meine Kollegen von anderen Regiogeldern, zum Beispiel der Herr Chiemgauer, existiere ich nicht als Schein, sondern nur als Zahl in einem Computernetzwerk. Der Herr Chiemgauer glaubt, nur sein Leben sei interessant, weil er ständig von Hand zu Hand geht. Aber auch ich erlebe so einiges! Und was so ein Chiemgauer auf seinem Schein hat, das möchte ich gar nicht wissen. Bierflecken! Bazillen! Bratwurstfett! Wussten Sie, dass im Frankfurter Bankenviertel auf einem Euro-Schein der deutschlandweit höchste jemals gemessene Kokainwert festgestellt wurde? Pfui Deibel, von so etwas halte ich mich fern.

     

    Der Herr Chiemgauer ist ja auch viel älter, ich bin erst wenige Monate alt. Entstanden im März 2012, als einige engagierte Menschen von der Genossenschaft ReWiG München auf ihrer Webseite einen Online-Tauschring einrichteten, den sie „Marktplatz“ nannten. Im Unterschied zu herkömmlichen Ringen gibt es dort sowohl nachbarschaftliche als auch gewerbliche Anbieter. Da dabei alles in Realos verrechnet wird – mittels einer Open-Source-Software –, muss ich mich ständig verändern und komme dabei ganz schön ins Schwitzen. Zugegeben, bisher bieten nicht mehr als 30 Leute ihre Waren und Dienstleistungen feil, ist ja alles noch frisch. Aber theoretisch könnte ich Millionen bedienen.

     

    Wieso „demokratisches Geld“, fragen Sie? Weil jeder Mensch Zentralbank spielen und mich erschaffen kann, aus dem Nichts heraus. Wobei wir stolzen Realos uns Inflation und Zinsen verweigern. Wie der Herr Chiemgauer sind wir „Schwundgeld“: Um uns am Zirkulieren zu halten, verlieren wir jeden Monat ein halbes Prozent an Wert, das entspricht einem jährlichen Negativzins von sechs Prozent. Derjenige, der nun auf dem Marktplatz etwa einen Holztisch verkaufen will, nennt einen Preis. Sagen wir, 100 Realos – bisher liegt der Kurs eins zu eins zum Euro. Wenn nun eine Frau den Tisch kaufen will, kriegt sie ein Minus von 100 Realos aufs Konto geschrieben. Verkäufer und Käuferin sind also quasi meine Eltern, die mich im Moment des Tausches erschaffen. Wir Realos können jede Sekunde von jedem je nach Bedarf geschaffen werden. Das ist das wahre demokratische Geld! Was sagen Sie? „Vorher war nichts und nachher ein Minus“? Vorher war ein Mangel und nachher ein Tisch am richtigen Ort, Sie wurmstichiger Holzkopf!

     

    Mein Großvater, also derjenige, der mich ersonnen hat, hieß Bernard Lietaer. Kein Freak, der mit Pelzhose durch den Wald streift, sondern ein früherer leitender Angestellter der belgischen Zentralbank. Er war professioneller Währungsspekulant, bis er etwas Sinnvolleres im Leben machen wollte und niederschrieb, wie Komplementärwährungen funktionieren könnten.

     

    Meine geistige Großmutter ist Anna-Lisa Schmalz aus München. Als Mathematikerin war sie früher nur an Computern und den neuesten IT-Fachzeitschriften interessiert. Eines Tages kam sie nach drei Wochen Ferien zurück, sah die Zeitschriften liegen – und wusste: „Dieses Zeug interessiert mich nie wieder.“ Ihre rechte Gehirnhälfte hat wohl rebelliert. Und ein neues Leben eingefordert. Ein sinnvolleres, genussvolleres. Zusammen mit ihrem Mann, dem Informatiker Tim Reeves, hat sie nächtelang diskutiert, wie eine zukunftsfähige Wirtschaft aussehen müsste. Denn als Mathematikerin wusste sie beim Anblick der gegenwärtigen exponentiellen Zinseszinskurve: Dieses System muss irgendwann zusammenbrechen. Die beiden dachten sich also zusammen das Konzept aus, mit dem auch ich zum Leben erweckt wurde: die Regionale Wirtschaftsgemeinschaft, kurz ReWiG.

     

    Anna-Lisa Schmalz arbeitet zwar immer noch als Informatikerin, aber sie sagt, das sei nur noch Broterwerb. Zusammen mit Gleichgesinnten hat sie 2011 die Genossenschaft ReWiG München gegründet. Deren Ziel ist es, dass sich alle ökosozial und zukunftsfähig wirtschaftenden Betriebe der Region miteinander verflechten – und ihre Geschäfte irgendwann in Realos abrechnen. So soll von unten eine „Teilhabergemeinschaft“ wachsen, die es allen Bürgerinnen, Einwohnern und Gemeinden ermöglicht, einen anteiligen Besitz an regionalen Firmen zu erwerben.

     

    Und seitdem treibe ich mich im Inneren der Computer der ReWiG-Genossenschaft herum. Das ist nicht langweilig, nein, das ist genussvoll. Genießen Sie die Genossenschaft! Gegen 100 Euro können Sie einen Anteil daran erwerben, bisher haben das gut 100 Menschen getan. Zudem gibt die ReWiG Genussrechte mit einer Laufzeit von 12 Jahren aus. Die Genossen bezahlen für jeden Rechteschein 1.000 Euro, und die ReWiG beteiligt sich mit dem Geld an Unternehmen der Gemeinwohl-Ökonomie im Umkreis von 40 Kilometern. Das sorgt für eine innige Verbindung zwischen Produzierenden und Konsumierenden, die sich wechselseitig kennen, helfen, stützen. Wie ein Wurzelgeflecht entsteht dabei eine neue Wirtschaftsweise von unten – glauben jedenfalls die Initiatoren.

     

    Wie das funktioniert? Zwei Beispiele. Zum einen erwarb die ReWiG Anteile an der Genossenschaft KunstWohnWerke, die Künstlern Ateliers und Wohnungen zur Verfügung stellt; dafür erhielt die ReWiG dort einen Büroraum. Zum anderen ist sie gerade dabei, sich an der Biogärtnerei Obergrashof zu beteiligen. Sie gibt der Gärtnerei Euros und erhält im Gegenzug eine kleine Überschussbeteiligung, anrechenbar auch in Realos. Die Gärtner können davon etwa ein neues Gewächshaus aufbauen und müssen dafür weder einen Kredit noch Zinsen abzahlen.

     

    Und wenn Sie dann als Genossin Heißhunger auf Bio-Blumenkohl verspüren, dann können Sie in den Hofladen gehen und dort in Realos bezahlen. Und mit den Realos auf seinem Konto kann der Gärtner auf dem Online-Marktplatz einen Holztisch kaufen, verstehen Sie? Oder, falls er selbst ReWiG-Genosse ist, kann er für seine Genossenschaftseinlage einen Kreditrahmen von 100 Realos bekommen und damit den Tisch erwerben. Aber auch eine Nichtgenossin könnte das Holzteil erstehen, wenn sie Genussrechte von ReWiG hinterlegt; dafür erhält sie einen Kreditrahmen von maximal 800 Realos.

     

    Jaja, Regiowährungen gibt es zwar schon viele, und mit dem Regio und anderen bin ich auch kompatibel, aber als Realo bin ich dennoch etwas Besonderes. Die Kombination von Genossenschaft, Tauschgemeinschaft und Betriebsbeteiligungen mittels Genussrechten, die bietet ganz neue Möglichkeiten.

     

    Inzwischen haben sich nach dem Münchner Vorbild sogar schon weitere ReWiGs gebildet, am bayerischen Kochelsee und im Allgäu. Deshalb glaubt Anna-Lisa Schmalz, dass man vielleicht schon 2012 oder 2013 einen Rat der Regionalen Wirtschaftsgemeinschaften gründen könnte. Und irgendwann ist dann ganz Deutschland überzogen mit einem Wurzelgeflecht von ReWiGs. Wirtschaftswachstum, Zinsen, Inflation, Spekulation – alles abgeschafft. Es gibt nur noch Millionen und Milliarden von Realos. Ja, zugegeben, das ist mein geheimes Ziel, das ich mit Bakterien und Mikroorganismen teile: Ich will mich vermeeeeehren!“
    Aufgezeichnet von Ute Scheub
    12. Juli 2012
    www.rewig-muenchen.de
    www.gemeinwohl-oekonomie.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 312-absichtslos-gucken

    Therapie

    Streben nach Glück ist anstrengend. Zwischen Selbstoptimierung und Wachstumszwängen fällt es gar nicht so leicht, auf das getriebene Innenleben zu hören. Ein Achtsamkeitsprojekt der Künstlerin Beate Göbel proklamiert eine persönlich erfahrbare Entschleunigung.

    „Geh’ schon mal in dich, ich komm’ gleich nach!“

    Streben nach Glück ist anstrengend. Zwischen Selbstoptimierung und Wachstumszwängen fällt es gar nicht so leicht, auf das getriebene Innenleben zu hören. Ein Achtsamkeitsprojekt der Künstlerin Beate Göbel proklamiert eine persönlich erfahrbare Entschleunigung.

    „Eins, zwei, drei, rennt die Zeit im Sauseschritt und wir mit“, beginnt die Performance des Projekts Absichtslos gucken – Lobgesänge auf die Muße von der Schauspielerin und Regisseurin Beate Göbel. Sie hat Schülerinnen und Schüler der Stufen 10 bis 12 des Elisabeth-Gymnasiums in Eisenach im Rahmen des Projekts Über Lebenskunst auf eine Reise ins Achtsamkeitsland geschickt. Das Ergebnis wurde im Juni 2012 als Revue im Haus der Kulturen der Welt präsentiert.

     

    Ein paar Jungen sitzen auf der Bühne. Jung sind sie und schön. Und Musik machen können sie auch. Mick, John und Jimi könnten sie sein. Sie spielen langsame Kompositionen, mit Gitarre, Klavier und Schlagzeug, mehr Fragmente als zusammenhängende Stücke. Klänge für langes Verweilen. Vor ihnen räkeln sich leicht gelangweilte, pubertierende Girls und begleiten die Jungs mit Rasseln und einem umgedrehten, als Bongo umfunktionierten Mülleimer. Wir sind mittendrin.

     

    Junge Mädchen strömen flink und gestresst eine nach der anderen auf die Bühne, drehen sich zu uns und reden uns ins Gewissen: „Immer muss alles so verdammt wichtig sein!“, „Geh’ in dich, ich komme gleich nach!“, „Im Schlaf spiegelt sich das Unterbewusstsein wider“. Eine Stewardess tritt mit klassisch hochgestecktem, blondem Dutt nach vorn und erklärt, dass man sich auf dem Weg nach Dubai befinde. Offensichtlich will sie uns unsere eingeübten Mechanismen vor Augen führen und den Wahnsinn, als westlich zivilisierter Mensch des 21. Jahrhunderts unbedingt die gesamte Welt ergründen und bereisen zu müssen.

     

    Die hektischen Anstrengungen aller jungen Schauspielerinnen suggerieren eine klare Botschaft: Wir sind ins Gelingen verliebt, nicht ins Scheitern – das leuchtet ein. Das Scheitern macht uns Angst, und zwar vollkommen zu Recht. Wer gesteht sich schon gern ein, dass jahrelange, mühselige Studien zu nichts Substantiellem führten oder dass das teuer erstandene iPad doch gar nicht so praktisch ist.

     

    Zufrieden zu sein ist keine Option. Immer muss es weitergehen, noch schneller, noch höher, noch besser und womöglich nebenbei noch ein Kind bekommen, damit auch dieser sozialen Erwartung Rechnung getragen werden kann. Dem Kind dann einfach eine Packung H-Milch hinstellen und weitermachen (die Sprösslinge sind ja heutzutage schon so weit entwickelt, dass sie sich selbst versorgen können). Der Veränderungszwang ist es, der uns anstachelt, uns triezt und malträtiert. Und er ist es auch, der unseren ewig steigenden Konsum anregt. Neues Deo, neues Glück, so ungefähr.

     

    Als Ausgangsbasis aller Workshops wurde ein Achtsamkeitstraining für die Schüler angeboten. Was ist Lebensqualität, und wie wollen wir leben, fragen die Mädchen uns mit weit aufgerissenen Augen. Geht es dabei wirklich nur um materiellen Wohlstand? Wohl kaum. Manipulation findet auf allen Ebenen statt, das wissen wir alle, und trotzdem kaufen, lernen und optimieren wir weiter an unserer menschlichen Existenz. Ständig. Es gebe jedoch Wichtigeres, als unaufhörlich die Geschwindigkeit erhöhen zu wollen, das wusste schon Gandhi. Ein Ruhepol fühlt sich im Selbstoptimierungszwang ja schon wie ein Rückschritt an. Die Reise ins Unbekannte soll nicht unbereist bleiben. Druck auf allen Ebenen. Entspannen Sie sich! Das ist das Beste, was Sie beitragen können, schärfen die Mädchen uns ein.

     

    „Alles muss immer so verdammt wichtig sein!“ – nehmen wir uns diesen Satz ruhig noch mal vor. Die Gesellschaft soll sich ständig ändern, um noch länger, noch gesünder und mit noch mehr elektronischen Gadgets zu leben. Hier aber wird angeleitet, aus dem Alltag auszubrechen, Erwartungen auch mal nicht zu erfüllen. Muße ist das Zauberwort. Um diese zu ergründen, sprach die Projektgruppe am Anfang ihrer Reise mit dem ZEIT-Redakteur Ulrich Schnabel über dessen Buch Muße. Vom Glück des Nichtstuns.

     

    Eine erzwungene Muße sei die tiefste Tätigkeit. Das Handeln werde nachhaltig beeinflusst von Tagen der Muße. Ein Nachwirken entstehe. Immerhin tragen wir Verantwortung für das, was wir tun, aber auch und vor allem für das, was wir nicht tun. Das Ziel sei es doch, menschlich zu handeln, Dinge wahrzunehmen, sie zu verändern und zu genießen. Aber da sind wir ja schon wieder! Veränderung. Was denn nun genau verändern und vor allem wie?

     

    Muße, so Ulrich Schnabel, definiere sich vor allem durch zwei Bedingungen: Zum einen durch das Gefühl, Herr über seine Zeit zu sein, und zum zweiten durch den Verzicht auf immer neue Möglichkeiten und Alternativen. Nur so können wir unsere Aufmerksamkeit und Konzentration einem einzigen Moment zuwenden: dem Jetzt. Also, mehr Ruhe, weniger den Dingen hinterherrennen. Soweit verstanden!

     

    Aber auch konkrete Handlungsanweisungen werden angedeutet: Das Leben im Chaos sei kreativ. „Och Mama! Mecker’ nicht, in diesem Chaos kommen mir die besten Ideen!“ „Ach so. Ist das Kunst oder kann das weg?“ Um der Unordnung Raum zu geben, wurde mit dem Architekten Peter Sauerbier in Eisenach der „Container für die Muße“ entwickelt. Darin soll es möglich sein, den Zeitordnungen des öffentlichen Raums für ein paar Momente zu entfliehen und zu sich selbst zu finden. Das Herz des Projektes kommt durch: Den persönlichen Innenraum mit dem öffentlichen Außenraum zu erforschen, um Verbindungen und Abhängigkeiten beider zu erkennen.

     

    Versuchen Sie doch mal, sich selbst zu finden! – in Abgrenzung von der Gesellschaft und ihren Einflüssen, versteht sich. Wo findet man sich? Wohl nicht in der Sicherheitsblase einer weißen Mittelklasse, die Wachstum (wirtschaftlich, ökologisch und sozial definiert) und Lebensqualität schon lange nicht mehr zusammenbringen kann. Eher da, wo man eben ist: Dort ist der Blick nach innen zu richten, für eine direkte, lebendige Erfahrung der eigenen Innenwelt und einen tieferen Zugang zu sich selbst.

     

    Eine nicht-zielorientierte Handlung wird angepriesen, entgegen der gängigen Erwartung eines jeden Arbeitgebers. Es gehe darum zu erkennen, dass Körper und Geist sich in einem fortwährenden Prozess befinden. Wir sollen unsere eigenen Grenzen erkennen und lernen, diese anzunehmen. Das soll nicht nur unsere Konzentration stärken, sondern uns auch ermöglichen, loszulassen und nicht an den Dingen zu haften. 

     

    Forschen ohne die Absicht zu haben, dauerhafte Lösungen zu finden, das klingt für jeden Wissenschaftler zunächst ziemlich absurd. Einen Geist kultivieren, der bereit und neugierig ist, der sich nicht mit begrenzten und voreingenommenen Ansichten zufrieden gibt, das klingt schon besser. Vielleicht ist es genau das. Eine Art Therapie für die Seele.

    Anika Meier
    05. Juli 2012
    www.ueber-lebenskunst.org/schule

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 311-tamyca

    Du und mein Auto

    Eine Leihbörse für private Autos im Internet – das könne nicht funktionieren, behauptete die Jury eines Startup-Wettbewerbs. Sie hat sich getäuscht. Heute werden munter Autoschlüssel getauscht.

    Von Young- und Oldtimern

    Eine Leihbörse für private Autos im Internet – das könne nicht funktionieren, behauptete die Jury eines Startup-Wettbewerbs. Sie hat sich getäuscht. Heute werden munter Autoschlüssel getauscht.

     

    Es waren einmal ein paar ältere Herren in Aachen, die arbeiteten in Anwaltskanzleien und Sparkassen. Eines Tages bekamen sie die Einladung, in einer Preisjury mitzuwirken. Sie sollten am Ende eines sommerlichen Workshop-Wochenendes die Startup-Ideen von disziplinär bunt zusammengewürfelten Studierendengruppen beurteilen. Die wohlsituierten Herren sagten zu – schließlich soll man den Nachwuchs ja fördern.

     

    Keiner der teilnehmenden Studierenden sollte einen anderen bereits vorher kennen, so die Idee der Organisatoren des Entrepreneur-Wochenendes. Und wohl kaum eine der Teilnehmerinnen erwartete sich von den nächsten drei Tagen einen lebensverändernden Impuls. Spaß haben, neuen Leuten begegnen und naja – auch mal Unternehmer spielen. Am Auftaktabend plänkelte eine zehnköpfige Gruppe dann auch erst nur herum: Hohe Mobilität bei geringerem Ressourcenverbrauch wäre doch eine gute Sache und bestimmt ein Zukunftsfeld, meinte einer. Ein anderer ärgerte sich, dass auch für das hochgelobte Carsharing zuerst einmal neue Autos gebaut werden müssten – nur damit die Gesamtzahl der Fahrzeuge irgendwann in ferner Zukunft vielleicht sinken könnte. Plötzlich stand dann doch eine lebensverändernde Frage im Raum: Warum nicht die vorhandenen PKWs zu einer gemeinsamen Nutzung führen? Über das Internet ließe sich zwischen Auto-Besitzerinnen und Fahrlustigen doch reibungslos vermitteln.

     

    Was dann geschah: Eine „extreme Energie“ erfasste die Gruppe, so wird einer der Beteiligten es später beschreiben. Die Informatiker bauten sofort am nächsten Tag eine erste Plattform, ein Wirtschaftsingenieur und ein Jurist skizzierten den Geschäftsablauf, und ein Designer drehte ein Video, um die Prozedur zu veranschaulichen. Voller Stolz und Elan präsentierten die jungen Leute ihre Ergebnisse am Abschlusstag des Workshops. Doch die älteren Herren der Jury senkten ihre Daumen. Völlig unrealistisch. Niemand werde sein heiß geliebtes Auto an wildfremde Leute verleihen. Und überhaupt: Eine Versicherung sei für eine derartige Unternehmung niemals zu gewinnen. Schluss. Punkt. Aus.

     

    Nicht ganz: Zwar mussten die verhinderten Entrepreneure einigen Frust mit Club-Mate wegspülen, verabredeten sich dann aber dazu, die Idee weiter zu verfolgen – in einer wöchentlichen skype-Konferenz, denn nicht alle wohnten in Aachen. Bald war klar: Der Knackpunkt war tatsächlich die Versicherungsfrage. Dutzende von Briefen und Anrufen bei Assekuranzen brachten keinen Erfolg. Weil die Studierenden aber überall und jedem von ihrer Idee erzählten, bekam auch ein Versicherungsmakler Wind von der Sache, fing Feuer und versprach zu helfen. Und tatsächlich – Sesam-öffne-Dich – die Württembergische Versicherung nahm die junge Kundschaft auf. Sie bot für 9,90 Euro einen flexibel buchbaren Vollkaskoversicherungsschutz für 24 Stunden an. Über den ist sowohl das Auto des Verleihers versichert als auch alles, was der Kurzfristnutzer möglicherweise zerbeulen oder ramponieren könnte – und das Risiko für den Verleiher minimiert.

     

    Im Februar 2010 war es dann so weit: An einem Tisch in einer Aachener Wohngemeinschaft drückten die Studierenden symbolisch den berühmten roten Knopf. Die Seite der Firma tamyca war nun online oder, in der Sprache der Wirtschaft: die neuartigen Carsharer waren auf dem Markt. Ein gutes Dutzend Autos von Freunden und Verwandten warteten jetzt auf Entleiher. Und dann passierte – erst einmal gar nichts. Dementsprechend groß war der Jubel, als sich am folgenden Tag der erste Kunde meldete. Den hatte man zwar auch schon vorher persönlich gekannt, aber immerhin berichtete die Aachener Zeitung nun über die Unternehmensgründung, und auch die Blogger-Szene in München und Berlin griff das Thema auf. Es wurde getwittert und gefacebookt – und immer mehr Leute entschlossen sich, ihre emotional offenbar gar nicht so hoch besetzten Autos auf der Plattform anzumelden und damit ein paar Euro zu verdienen.

     

    Eineinhalb Jahre liegt der Startklick nun zurück, und mittlerweile sind 2.500 Fahrzeuge in der gesamten Republik verzeichnet – Tendenz rasch steigend. Das Angebot reicht vom schwarzen Porsche für 309 Euro am Tag bis zum Daihatsu, der inklusive Versicherung schon für 16 Euro zu haben ist. Wer ein Auto braucht, gibt auf der Internetseite einfach die Postleitzahl seines Wohnortes ein und bekommt alle verfügbaren Wagen in der Umgebung angezeigt – einschließlich einer Fahrzeugbewertung sowie der Erfahrungen anderer Nutzer beim „Schlüsselerlebnis“, wie die Übergabe bei tamyca heißt. Ausleihen können alle, die einen Führerschein haben und zusätzlich eine Personalausweisnummer sowie ihre Wohnadresse angeben.

     

    Ein gutes Jahr lang haben die Jungunternehmer kostenlos gearbeitet, inzwischen gibt es einen Geldgeber: Einer der ersten Nutzer der Plattform hatte in der Zeitung über den Finanzbedarf für die Aufbauphase gelesen und prompt sein Scheckbuch gezückt. Zehn Leute und ein Welpe sitzen jetzt im tamyca-Großraumbüro, dem sogenannten Inkubator – eine Art Brutkasten für junge Unternehmen, die sich dort preiswert einquartieren können. Neben den vier Gründern verdienen heute auch sechs Angestellte hier ihr Geld. Zu tun gibt es genug: Nicht nur muss die Hotline sieben Tage die Woche besetzt sein. Auch das Angebot wächst ständig, nicht zuletzt weil die Community eifrig Hinweise gibt, was sie sonst noch gern hätte und was zu verbessern wäre. Ob nicht auch Wohnmobile aufgenommen werden könnten, fragte ein User kürzlich. Ein anderer wünscht sich, dass nicht nur er allein, sondern auch seine Freundin auf der Ferienreise mit dem Leihwagen am Steuer sitzen kann. Neuerdings gibt es Flyer zur Eigenwerbung für jeden Auto-Anbieter und sogar Aufkleber für die Windschutzscheibe, über die Smartphones direkt auf die Verleihseite geleitet werden. Und auch das erste Pärchen hat sich schon über tamyca gefunden.

     

    Vor kurzem tauchte eines der älteren Mitglieder der pessimistischen Jury im Inkubator auf – schließlich soll man den Nachwuchs ja fördern. Seine geliebte Kutsche will er zwar nach wie vor nicht verleihen. Doch er räumte ein, dass er und die anderen Herren sich wohl getäuscht hätten. Und die Idee, die den Unkenrufen der Altväter zum Trotz nicht gleich am ersten Hindernis zerschellte, lebt nicht nur weiter, sondern verbreitet sich mit Höchstgeschwindigkeit. In Frankreich, England und Spanien gibt es heute ähnliche Plattformen, und auch in Deutschland ist tamyca längst nicht mehr allein.

    Annette Jensen
    27. Juni 2012
    www.tamyca.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 306-yesil-cember

    [jeschil tschember]

    Die Berlinerin Gülcan Nitsch ist eine Bewusstseinsarbeiterin: Mit ihrer Gruppe Yeşil Çember begeistert sie türkischsprechende Menschen für den Naturschutz und animiert deutsche Umweltverbände zur stärkeren Einbeziehung von Migranten.

    Umwelt- und Klimaschutz auf Türkisch

    Die Berlinerin Gülcan Nitsch ist eine Bewusstseinsarbeiterin: Mit ihrer Gruppe Yeşil Çember begeistert sie türkischsprechende Menschen für den Naturschutz und animiert deutsche Umweltverbände zur stärkeren Einbeziehung von Migranten.

    Die vergangenen Jahre haben Gülcan Nitsch zwar stark und durchsetzungsfähig werden lassen, doch reflektiert sie heute die Gründung ihrer Initiative Yeşil Çember durchaus mit einem gewissen Abstand. „Wenn ich gewusst hätte, was da auf mich zukommt – ich weiß nicht, ob ich angefangen hätte“, sagt die 39-Jährige, die in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen ist. Doch sie will die Sache durchziehen, will „Steuerfrau“ ihres Projekts bleiben, bis sie sich selbst überflüssig gemacht haben wird. Das Ziel: In jedem türkischen Migrantenverein in Deutschland soll Umweltschutz als wichtige Aufgabe in der Satzung stehen – und ebenso selbstverständlich sollen die deutschen Naturschutzverbände aktiv auf Menschen mit anderer Muttersprache und aus anderen Kulturkreisen zugehen und sie in ihre Arbeit einbeziehen.

     

    Als Biologiestudentin arbeitete Gülcan Nitsch ehrenamtlich für den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Berlin. Weit und breit war sie dort der einzige Mensch mit türkischen Wurzeln. „Die fanden das toll, dass ich da war“, sagt sie. Doch niemand außer ihr sah die Notwendigkeit, auch andere Migranten für den Umweltschutz zu gewinnen. Zugleich stellte die Studentin fest, dass in den türkischen Verbänden Deutschlands das Thema Umwelt keinerlei Rolle spielte. So beschloss sie, eine türkischsprachige BUND-Umweltgruppe aufzubauen: Yeşil Çember – der grüne Kreis.

     

    „Ich habe vor sechs Jahren wirklich ganz von vorne angefangen. Es gab nichts, wirklich absolut nichts“, berichtet Nitsch. Weder existierten Broschüren über Mülltrennung und Energiesparen im Haushalt, die sie türkischen Einwanderern ohne ausreichende Deutschkenntnisse hätte in die Hand drücken können, noch gab es deutschsprachige, aber konsequent bebilderte Informationshefte für Leute, die nicht gerne oder nicht gut lesen. Ihre ersten Besuche bei türkischen Migrantenvereinen verliefen ebenfalls frustrierend. „Keiner hat mich ernst genommen. Es war hart, unglaublich hart. Ein Sensibelchen darf man da nicht sein.“

     

    Doch Gülcan Nitsch ist beharrlich, zäh und extrem diszipliniert. Und jeder, der ihr gegenübersitzt, spürt sofort ihre konzentrierte Präsenz. Als ihr klar wurde, welche Lücke sie da aufgetan hatte, begann sie, Flyer zu schreiben und Schulungen zu veranstalten. Sie konzipierte alles selbst, denn Vorbilder gab es ja keine. Viele der Kursteilnehmer zählen zu „bildungsfernen“ Schichten. „Da muss man sehr anschaulich werden“, sagt sie und zeigt eine von ihr entworfene Informationskarte, die zur umweltfreundlichen Gestaltung von Hochzeiten anleitet. Das Paar auf der Vorderseite hat ein elfjähriges Mädchen gemalt, die Rückseite informiert in einer übersichtlichen Tabelle über die verschiedenen Öko-Siegel, die Texte sind kurz und knapp, auf deutsch und türkisch.

     

    Gülcan Nitsch versucht ganz bewusst, ihre Zuhörerschaft auf der Gefühlsebene zu erreichen. „Im Vergleich zu den Deutschen sind die Türken geselliger und emotionaler. Teilen und Geben sind unglaublich wichtig – und auch die Verantwortung für die Familie und somit auch für künftige Generationen“. Hier knüpft sie an. Die Menschen sollen erkennen, dass es nicht egal ist, wie sie sich im Alltag verhalten und dass sie etwas tun können. Um diesen Effekt zu erreichen, geht Nitsch in ihren Kursen sehr bewusst vor, überlegt sich Überraschungs- und Schockmomente, erspürt und kalkuliert genau, wie sie die Gruppendynamik in die gewünschte Richtung lenken kann.

     

    Vor kurzem war sie beim türkischen Generalkonsulat in München eingeladen, gut zwei Dutzend Angestellte hatten sich versammelt. Gülcan Nitsch entführte sie gedanklich in einen kühlen Wald. Dann beschrieb sie plastisch, wie jeden Tag Hunderte Fußballfelder Wald abgeholzt werden, fragte in die Runde, wer schon einmal einen Baum gepflanzt hat und bat ihre Zuhörer schließlich, alle Papiertaschentuchpakete aus den Taschen zu holen. Nur wenige waren aus Recyclingpapier, stellte man gemeinsam betroffen fest. „Bei so einer Gelegenheit habe ich nur eine Chance und nur eine Stunde Zeit – und die muss ich nutzen“, sagt sie. Das ist ihr im türkischen Generalkonsulat in München offenbar gelungen: Sofort beschloss man dort, einen Umweltbeauftragten zu bestimmen. Ein anderer Kursteilnehmer erklärte sich bereit, Mülleimer für verschiedene Materialien zu besorgen, und Recyclingpapier soll im Konsulat nun auch zum Einsatz kommen. 

     

    „Und manchmal gibt es auch Wunder,“ sagt Gülcan Nitsch und ist selbst immer wieder erstaunt über das, was sie in den vergangenen Jahren erlebt und ausgelöst hat. Vor allem in türkischen Frauengruppen entstehe häufig eine große Dynamik. Nach Schulungen zum Energie- und Wassersparen oder über Schadstoffe in Lebensmitteln beraten viele Teilnehmerinnen auch ihre Nachbarinnen. Das stärkt häufig nicht nur das Umwelt-, sondern auch das Selbstbewusstsein der Frauen. Vor kurzem meldete sich eine fünffache Mutter aus Köln, die nach dem Hauptschulabschluss nie eine Ausbildung gemacht hatte. Sie habe nach einem Kurs bei Yeşil Çember endlich den Mut gefasst, eine Lehrstelle zu suchen – und auch eine gefunden, teilte sie mit.

     

    Auch Gülcan Nitsch hat sich ihre Stelle selbst organisiert. Sie reiste zur Deutschen Bundesstiftung Umwelt und überzeugte: Zwei Jahre lang finanzierte die Organisation ihren Arbeitsplatz beim BUND. Inzwischen hat sie sich selbständig gemacht und gründet gerade zusammen mit zwei anderen Frauen eine gemeinnützige Firma. Der Name soll bleiben: Yeşil Çember. Längst kommen auch Anfragen aus Österreich, der Schweiz, Belgien, Holland und Schweden. Doch Gülcan Nitsch will sich mit der internationalen Verbreitung ihrer Arbeit noch Zeit lassen, sie will das Tempo selbst bestimmen und nicht dauernd überwältigt werden von den Ansprüchen und Erwartungen anderer. „Ich spüre die Müdigkeit nicht, habe keine Belastungsgrenze. Manchmal habe ich monatelang ohne einen freien Tag durchgearbeitet. Jetzt will ich darauf achten, zumindest jedes zweite oder dritte Wochenende frei zu haben“, diszipliniert sie sich selbst.

     

    Etwa 50 bis 60 ehrenamtliche Mitstreiter hat sie inzwischen in Berlin, fast alles Frauen verschiedener Altersstufen. Auch in vielen anderen Städten hat der Grüne Kreis Unterstützer und vor allem Unterstützerinnen gefunden. Und doch ist Gülcan Nitsch nach wie vor das eindeutige Zentrum. Sie hat das nicht gewollt – und doch spürt sie, dass es noch nicht anders geht. „Als Naturwissenschaftlerin kann ich Probleme analytisch lösen und als Biologin vernetzt denken“, sagt sie. Ihre Sprachkenntnisse und ihre Fähigkeit, Menschen zu fesseln, sieht sie als hilfreiche, aber unverdiente Begabungen. Hier liegt wohl auch der Ursprung ihrer Kraft: Sie ist nicht eitel, und die Sache steht für sie im Mittelpunkt. „Es geht um das Thema des Jahrhunderts, nicht um ein Luxusproblem. Wir müssen eine lebenswerte Welt hinterlassen, das hat höchste Priorität.“

     

    Längst geht Gülcan Nitsch in Landesministerien ein und aus und hält Vorträge bei Institutionen wie dem Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU), der die Bundesregierung berät. Die Dynamik, die sie deutschlandweit ausgelöst hat, überrascht die Aktivistin immer wieder selbst. „Ich wollte ja nur etwas tun, was bis dahin fehlte – nicht mehr und nicht weniger.“ Der Erfolg gibt ihr Recht und verschafft ihr eine Position, von der aus sie Forderungen stellen kann. „Ich möchte, dass es in deutschen Naturschutzverbänden bald nicht nur ehrenamtliche Migranten gibt, sondern ganz selbstverständlich auch hauptamtliche.“ Für sich persönlich aber hat sie andere Pläne. „Ich will nicht mehr gebraucht werden; dann kann ich das Land verlassen.“ Wohin? Vielleicht nach Schweden, Belgien oder Österreich, auch dort gebe es schließlich viel Aufbauarbeit zu leisten. Gülcan Nitsch versteht sich als Weltbürgerin. Dass sie Türkisch und Deutsch spricht, hält sie für nützlich – aber für reinen Zufall.



    Annette Jensen
    21. Juni 2012

    www.yesilcember.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 298-premium-cola

    Markenkapern

    Ein Kollektiv produziert internetvernetzt „korrekte Getränke“, darunter Premium-Cola. Die „Arbeiterklasse“ – Abfüller, Gabelstapler- und Lasterfahrer – darf genauso qualifiziert und unqualifiziert mitquatschen wie die „Bourgeoisie“ der Großhändler. 

    Liquide Demokratie

    Ein Kollektiv produziert internetvernetzt „korrekte Getränke“, darunter Premium-Cola. Die „Arbeiterklasse“ – Abfüller, Gabelstapler- und Lasterfahrer – darf genauso qualifiziert und unqualifiziert mitquatschen wie die „Bourgeoisie“ der Großhändler. 

    Wenn Karl Marx einen Internetanschluss gehabt hätte, wäre ihm vielleicht dieses Modell eingefallen: Eine Assoziation freier Individuen, bestückt aus der Arbeiterklasse, organisiert sich im Web als Schwarmkollektiv und produziert „korrekte Getränke“, darunter Premium-Cola. Profit ausgeschlossen. Konsensdemokratie inbegriffen, einschließlich stundenlanger Quasseln per Mail oder in Echtzeit.

     

    Oder wenn die Piratenpartei das Bundeswirtschaftsministerium übernähme, so käme womöglich ein ähnliches ökonomisches Modell zustande wie bei Premium-Cola: Mobile Firmenzentrale, bestehend aus einem Laptop und einem Handy. Liquide Demokratie. Maximale Transparenz. Virtuelle Produktionsweise, bestehend aus gut 50 einzelnen Modulen. Alles Open Source auf die Website gestellt.

     

    Aber Marx ist tot und die Piratenpartei weit jünger als Premium-Cola. Deshalb muss der Hamburger Uwe Lübbermann jetzt alles erklären, denn von ihm stammt die Idee. Zur Person: 35 Jahre alt, schwarzer Kapuzenpulli, rasierter Schädel, Dreitagebart. Arbeitete schon als Jugendlicher auf dem Bau. Als Maurer, später als Gabelstaplerfahrer. Dann Blumenbote, Barkeeper und Behindertenbetreuer, schließlich Marketingleiter an der Uni – ein Werdegang, der ihn befähigt, sowohl mit Lagerarbeitern als auch mit Professorinnen auf Augenhöhe zu sprechen.

     

    „Was mich getrieben hat, so ein Kollektiv zu gründen, kann ich nicht genau sagen“, erzählt er und schaut sein Gegenüber freundlich aus blauen Augen an. Vielleicht sei es ein Aha-Erlebnis auf dem Bau gewesen: dass die Bauherren auf die Maurer runterschauten und die Maurer umgekehrt auf die Bauherren. Seine Schlussfolgerung: „Alle sind gleich viel wert. Wenn überhaupt jemand mehr verdienen sollte, dann diejenigen, die die schlechteren Arbeitsbedingungen haben.“

     

    Aber brauchen wir Cola, Limo, Bier und Kaffee tatsächlich, all das Zeug, was er und seine Mitstreiter anbieten? Lübbermann ist ein durch und durch ehrlicher Mensch. „Natürlich nicht. Alles ungesund.“ Sie bemühten sich zwar um Biozutaten und das Bier sei sogar von Bioland zertifiziert, aber es könne Alkoholsucht auslösen. „Und deshalb zahlen wir zehn Prozent vom Umsatz an einen Ex-Alkoholiker, der durch die Schulen tingelt und seine Geschichte erzählt.“ Auf der Webseite findet sich auch der Hinweis, man solle den Kaffee bloß nicht kaufen, wenn man schon einen fairen Anbieter habe. Und Werbung macht das Kollektiv schon gar nicht: PR, igitt.

     

    Überhaupt, die ganze Gründung: „ein Versehen“, sagt Lübbermann. 1999 lag er in der Badewanne und zuzelte an seiner afri cola. Doch die schmeckte ihm plötzlich nicht mehr, weil die Firma das Rezept geändert hatte. Zwei Jahre lang nervte er deshalb den Konzern; vergeblich. Dann, per Zufall, stieß er auf einen Abfüller und das Originalrezept. 2001 füllte er mit Freunden eine eigene Cola ab, 1.000 Flaschen für den Eigenbedarf, sie schmeckte. afri war gekapert, die Piratenmarke Premium-Cola entstand.

     

    Die Körpersprache des Markeninhabers ist eher schüchtern. Zwar stehen sein Name und seine Wohnadresse auf den Etiketten der schlichten schwarzen Flaschen, gleich neben den Zutaten und folgendem Spruch: „Eine korrekte Cola aus kollektiver Überzeugung und Leidenschaft.“ Aber ein Bestimmer wollte er nicht sein. Also ist er ein „Nichtbestimmer“ geworden. Cola-Trinkende, Flaschenabfüller, Gabelstapler- und Lastwagenfahrer, Getränke- und Großhändler – sie alle, vom Proletariat übers Kleinbürgertum bis zur Bourgeoisie, können über seine Arbeit und sein Leben mitbestimmen, und über Premium-Cola sowieso. Wobei er Wert auf die Feststellung legt, dass er sich „einen Rest Selbstbestimmung“ erhalten habe.

     

    Und wie geht das nun? Uwe Lübbermann nennt die Zahlen 6 und 60. Sechs Leute – er selbst, die Buchhalterin und noch ein paar – sitzen im „Orgateam“ und verständigen sich in wöchentlichen Telefonkonferenzen. 60 Menschen stehen auf dem Mailverteiler des Kollektivs und dürfen jedes Problem bis zum Wahnsinn ausdiskutieren, weil Konsensdemokratie demokratischer ist als Abstimmungen. Zu den 60 gehören auch die „Sprecher“, das sind Konsumenten oder besser gesagt Prosumenten, die in über 90 Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz gegen ein kleines Entgelt dafür sorgen, dass sie ihre Lieblings-Cola in ihrem Lieblingsladen kaufen können. „Eine Struktur, die Macht verhindert“, sagt der Erfinder nicht ohne Stolz.

     

    Die Firmenzentrale besteht wie gesagt aus Lübbermanns PC und Handy – mehr nicht. Angestellte gibt es nicht, was das Kollektiv übrigens langfristig gerne ändern würde; derzeit leben alle Beteiligten noch von anderen Jobs. Oder sie wollen höchstens drei Stunden täglich arbeiten oder auch mal ein halbes Jahr durch Brasilien touren. Geht alles. Lübbermann ist nach eigenem Bekunden „der einzige, der von Premium-Cola leben kann“. Pro Flasche bekommt er einen festen Preis von vier Cent. „Und wenn das Kollektiv beschließt, dass ich nur noch drei Cent kriege, kann ich nix dagegen machen. Ich lebe davon, dass ich mich anstrenge, es allen recht zu machen.“

     

    Die Flaschen werden in Nördlingen abgefüllt und an Groß- und Kleinhändler bundesweit sternförmig verteilt. 2011 verkaufte Premium-Cola rund eine halbe Million davon, was dem Nichtbestimmer theoretisch gut 20.000 Euro im Jahr einbrachte, wegen aufgelaufener Kosten aber weit weniger. Wer ihm nicht glaubt: Die Kalkulationen sind auf der Website nachzulesen. Das Modul „Transparenz“ nennt Lübbermann das. Es gibt auch das Modul „ohne Gewinn“, das Modul „ohne Zinsen“ (Zinsen kommen nämlich selbst dann nicht auf die Rechnung, wenn jemand monatelang nicht bezahlt), das Modul „Handschlag“ (es gibt keinen einzigen Vertrag) sowie das Modul „Anti-Mengenrabatt“ (je kleiner die bestellte Menge Flaschen, desto geringer der Preis für den Händler). Letzteres steht zwar ganz im Gegensatz zur gängigen Marktlogik, sorgt aber für eine zuverlässigere Belieferung kleiner Läden und gute Stimmung unter allen Händlern. „Premium-Bier haben wir praktisch blind geordert, weil wir sicher waren, dass es für alle fair geregelt sein würde“, sagt einer von ihnen. 

     

    „Wir wollen den Beweis führen, dass Moral und Ökonomie zusammenkommen. Und nach zehnjähriger Existenz können wir so falsch nicht liegen“, heißt es auf der Website. Premium-Cola ist zwar mit einem Marktanteil von 0,01 Prozent weiterhin ein Nichts auf dem Cola-Markt, aber es wächst langsam und stetig und bietet neben Bier und Cola inzwischen auch weitere Produkte an.   Genauer gesagt: Andere Kollektive haben das Geschäftsmodell übernommen und kooperieren mit Premium-Cola: etwa die Holunder-Limo Frohlunder oder der Quijote-Kaffee, aber auch ein Zahnbürstenhersteller. Damit kann man dann gleich nach dem Cola-Konsum den Zucker im Mund fair-schrubben.

     

    Uwe Lübbermann, der inzwischen Wirtschaftspsychologie studiert und einen Master im Nachhaltigkeits-Management anstrebt, träumt davon, eines Tages vielleicht sogar die großen Player unter Druck setzen zu können: „Wir machen keinen Gewinn, wir haben keine Aktionäre, keine Werbung, keine dicken Dienstwagen, also können wir irgendwann mit besseren Sozialstandards fairer und billiger produzieren als die. Das zu beweisen, ist jedenfalls mein Ziel.“ Sagt er und freut sich auf den Tag, an dem die Arbeiterklasse zusammen mit der Bourgeoisie gesiegt haben wird. 


    Ute Scheub
    13. Juni 2012

    www.premium-cola.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 291-murks-nein-danke

    Warenkunde

    Die Internetplattform „Murks? Nein Danke!“ sammelt Meldungen über Produkte, deren künstlicher Verfall vorprogrammiert ist. Der Initiator Stefan Schridde kämpft an zahlreichen Fronten dagegen, dass zu viel weggeworfen und immer wieder neu gekauft wird.

    Geplante Obsoleszenz. Ein Wirtschaftskrimi.

    Die Internetplattform „Murks? Nein Danke!“ sammelt Meldungen über Produkte, deren künstlicher Verfall vorprogrammiert ist. Der Initiator Stefan Schridde kämpft an zahlreichen Fronten dagegen, dass zu viel weggeworfen und immer wieder neu gekauft wird.

    In einer Erzählung von Stanislaw Lem fällt der Protagonist Ijon Tichy 1980 auf einem Futurologischen Kongress in einen Kälteschlaf und erwacht 100 Jahre später in einer scheinbar perfekt technisierten modernen Welt. Erst als er die Antidroge „Wecksalz“ einnimmt, erkennt er, dass die Zivilisation in Wahrheit längst verfallen ist.

     

    Das Trugbild vom schönen Schein unserer Konsumprodukte enttarnt der Betriebswirt Stefan Schridde bereits im Hier und Jetzt, ganz ohne Psychopharmaka und ohne, dass er Held in einem Science Fiction sein müsste: er fahndet nach geplanter Obsoleszenz. Hinter dem gequälten Begriff verbirgt sich der künstliche und vom Hersteller beabsichtigte Verschleiß von Produkten. Viele Konsumartikel sind so konstruiert, dass sie zu einem festgelegten Zeitpunkt kaputtgehen müssen: man denke zum Beispiel an Glühbirnen, Handys, MP3-Player oder Drucker. Die Hersteller legen eine Höchstzahl an Batteriestunden oder Druckvorgängen fest, und wenn die erreicht sind, geht bald danach nichts mehr.

     

    Warum werden Dinge von geringer Qualität produziert, obwohl man es eigentlich viel besser könnte? Weil unser wachstumswirtschaftliches System auf dem Grundprinzip beruht, dass ständig neue Bedürfnisse nach neuen Produkten erzeugt werden, wozu logisch gehört, dass die alten baldmöglichst „unbrauchbar“ werden müssen, auf dass man sie kopflos entsorgt und etwas Neues anschafft.

     

    Stefan Schridde konnte sich lange Zeit keinen Reim darauf machen, weshalb bei vielen Produkten kurz nach Ablauf der Garantiezeit ein Schaden eintritt. Eines Nachts zappte der Wirtschaftscoach durch das Fernsehprogramm und landete mitten in der arte-Dokumentation Kaufen für die Müllhalde (2011). Schridde erinnert sich: „Fassungslos sah ich zu. Plötzlich machte es bei mir Klick, und ich kapierte, dass es sich bei geplanter Obsoleszenz um eine gewollte Unterlassung durch die Industrie handelt! Da sagte ich mir: Jetzt reicht’s!“ So wurde die Reportage beim schlaflosen Schridde zum „Wecksalz“: der Wegwerfgesellschaft liegt notwendigerweise eine Wegwerfproduktion zugrunde. Leider kein Science-Fiction-Stoff  – dafür ein realer Wirtschaftskrimi!

     

    Schridde begann, sich immer weiter in das Thema zu vertiefen und an den wirtschaftlichen Tatorten zu ermitteln. Dann beschloss er, eine Petition zu verfassen, wofür er natürlich möglichst viele Unterstützer brauchte: das war der Beginn seines Blogs. Schnell avancierte er zum Experten und konnte Fälle von geplanter Obsoleszenz aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammentragen. Heute ist er zur wichtigsten Stimme der Konsumenten geworden, die sich nicht weiter manipulieren lassen wollen und laut rufen: Murks? Nein Danke!

     

    So begann Schriddes öffentliche Aufklärungsarbeit über ein bisher gut gehütetes Geheimnis: „Und auf den von der Wirtschaft fabrizierten Schrott werden dann auch noch Qualitätszertifikate gegeben. Aber da sage ich: Denkste, das ist keine Qualität! Man kann nämlich auch zertifizierten Murks produzieren.“

     

    Schridde, der von Berufs wegen betriebliche Abläufe zu gut kennt, um auf die von den Managern geworfenen Nebelkerzen hereinzufallen, lässt sich von der Marketinglyrik nicht beeindrucken – und am liebsten unterhält er sich gleich mit den Ingenieuren in den Entwicklungsabteilungen der Unternehmen: „Wir können doch nicht über Corporate Social Responsibility, über Ressourceneffizienz, über Recycling und über nachhaltigen Konsum sprechen, ohne uns nicht auch über die Nutzungsdauer von Produkten zu unterhalten“, kann sich Schridde in Rage reden. „Jeder, der wenigstens ein bisschen nachdenkt, merkt: Diese wirtschaftliche Praxis können wir allerhöchstens noch ein paar Jahre weiter so treiben. Aber wir fahren doch bereits heute das Ding voll an die Wand.“

     

    Allein, dass wir Bürger uns von der Wirtschaft als „Endkonsumenten“ und „Endverbraucher“ bezeichnen lassen müssen, zeige doch, wie abgeschmackt solche  Marktstrategien seien. So haben beispielsweise die Kaffeehersteller lange überlegt, wie sie den Kaffeetrinkern einbläuen können, das Pulver nicht mehr selbst in die Filtertüte geben zu wollen, sondern innovative Pads zu benutzen. Weshalb? „Weil sich der Kaffeehersteller sagt: Ich verdiene ja viel mehr Geld, wenn ich den Kaffee selbst in Papier packe“, erklärt Schridde. Auch dies ein Fall für den investigativen BWLer, der sich nämlich nicht nur für verringerte Produktlebenszeiten interessiert, sondern für jede Art von wirtschaftlichem Kalkül, das permanent neue Bedürfnisse bei den Konsumenten produzieren soll. Denn wer etwas zu brauchen meint, kauft ständig neue Dinge – selbstverständlich ohne über Möglichkeiten von Reparatur, Cradle to Cradle oder Kreisläufe nachzudenken: „Und dann senden wir unseren Wohlstandsmüll und Elektroschrott nach Afrika. Wenn auch wir Nutzer nicht gewillt sind, über Wieder- und Weiterverwertungen nachzudenken, verkürzen wir selbst die Nutzungsdauer von unseren eigenen Produkten“, schließt Schridde den Kreis.

     

    Ja, es müsste mehr repariert werden, doch das wird von der Industrie systematisch verhindert: „Es gibt Schrauben, die man zwar rein- aber nicht wieder rausschrauben kann. Wer sich so etwas ausdenkt, der muss kriminelle Energie haben!“, erregt sich Schridde. Auch Ersatzteile werden kaum noch verkauft oder höchstens maßlos überteuert angeboten – alles aus purer Berechnung. De facto sieht Schridde darin Eigentumsrechte beschnitten: „Wenn ich etwas kaufe und danach nicht mehr entscheiden kann, was ich damit mache, dann wird in meine Verfügung eingegriffen.“ Offensichtlich gefällt vielen Menschen Schriddes kategorischer Imperativ, sich nicht für blöd verkaufen zu lassen, denn www.murks-nein-danke.de haben seit Februar 2012 mehr als 820.000 Menschen besucht. Die Community trägt eifrig Beispiele des geplanten Verschleißes zusammen; täglich gehen neue Murksmeldungen ein.

     

    Und obwohl klar ist, dass es sich um ein absichtsvolles Vorgehen von Unternehmen handelt, richtet sich Schridde ebenso an die Konsumenten: „Immerhin gelingt es der Wirtschaft, uns damit einverstanden zu machen, immer schnelleren Produktgenerationen und Moden folgen zu müssen“, begründet Schridde seinen Kampf an beiden Fronten. Von der Politik fordert er eine Anpassung des Gewährleistungsrechts. Er spricht bei Bundestagsabgeordneten vor und wird inzwischen auch zu Expertenrunden eingeladen: „Naja, ich werde nicht eingeladen“, korrigiert Schridde, „Ich dränge mich förmlich auf“.

     

    Selbst wenn Wirtschaftsanwälte mit Klagen drohen würden, wäre das für ihn kein Grund, seine Ermittlungen in diesem hochgradig spannenden Kriminalfall einzustellen: „Derjenige, der mich zuerst verklagt, hat viel Spaß – das verspreche ich. Und überhaupt: Wie kann man denn so dumm sein, jemanden zu verklagen, der eigentlich die Wirtschaft zu neuen Ufern führen will?“ Und auf die Frage, ob er Angst vor persönlichen Angriffen habe, antwortet Schridde ohne mit der Wimper zu zucken: „Nein, was ich mache, ist doch Kundenbeschwerdemanagement vom Feinsten!“

    Dana Giesecke
    07. Juni 2012

    www.murks-nein-danke.de/blog

    www.murks-nein-danke.de/murksmelden

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 284-buzzn

    Strom-Future

    Früher Energy Trader bei Vattenfall, heute Betreiber einer Strombörse der anderen Art: Justus Schütze bringt mit seiner Firma buzzn Stromgeber und -nehmer zusammen. Diese handeln lokal und gleichberechtigt mit selbst erzeugtem Strom aus erneuerbaren Quellen.

    Power to the people

    Früher Energy Trader bei Vattenfall, heute Betreiber einer Strombörse der anderen Art: Justus Schütze bringt mit seiner Firma buzzn Stromgeber und -nehmer zusammen. Diese handeln lokal und gleichberechtigt mit selbst erzeugtem Strom aus erneuerbaren Quellen.

    „Ich war einer der Spitzbuben, die wichtige Bereiche unseres Daseins beherrschen“ – so stellt sich Justus Schütze auf einem Kongress seinem Publikum vor. Der lässig auftretende 41-Jährige sieht mit seinen funkelnden Augen tatsächlich recht frech aus; ein Saulus, der sich zum Paulus wandelte. Vor seiner Metamorphose war Schütze Energy Trader, unter anderem für den Energieriesen und Atomkraftwerksbetreiber Vattenfall. Dann aber erfand er einen Weg, die dezentrale Energieproduktion in grünen Mini-Kraftwerken zu fördern – dabei blieb er eigentlich Trader, nur einer der „anderen Art“. Seine neue Firma buzzn – People Power ermöglicht nämlich den direkten Austausch zwischen „Stromgebern“ und „Stromnehmern“; diese handeln mit selbsterzeugtem Strom aus erneuerbaren Energien, den sie über möglichst kurze Strecken schicken.

     

    Im persönlichen Gespräch erzählt Justus Schütze, dass er in Umweltsachen schon früher eher der Paulus war. Sein Elternhaus in Wolfratshausen bei München war liberal, sein Vater war Journalist bei der Süddeutschen Zeitung und in den 1960er-Jahren einer der ersten, die dem Umweltschutz in der deutschen Publizistik Raum gaben. Sohn Justus rettete Bäume bei der BUND-Jugend oder sammelte Joghurtbecherdeckel. Später, nach dem Studium, allerdings ging er an die Frankfurter Börse, „auf der Suche nach Neuem“. Als Broker handelte er zunächst mit Aktienderivaten, als Energy Trader dann mit Strom-Futures an der Leipziger Strombörse. Justus Schütze sicherte für Energiekonzerne – zuletzt Vattenfall – Kraftwerke gegen das wirtschaftliche Risiko fallender Strompreise ab, betrieb im Auftrag dieser Firmen aber auch rein spekulative Geschäfte.

     

    „Ich fühlte mich wie in einem goldenen Hamsterrad“, erzählt er. „Es ging immer um sehr viel Geld, man könnte auch sagen: um ein hohes Schmerzensgeld. Man schaltet dabei Zweifel aus und rechtfertigt das eigene Tun, indem man sich sagt: Das ist dein Beitrag zu einem effizienten Markt.“ Als dann aber 2007 Vattenfalls Atomkraftwerke in Schweden und bei Hamburg fast havarierten, gelang ihm die Verdrängung nicht länger. Er schmiss hin, ging zurück in seine Heimatstadt Wolfratshausen, kaufte ein Haus und begann mittels Kraft-Wärme-Kopplung im Keller und Solarmodulen auf dem Dach selbst Strom herzustellen. Das war die Initialzündung für buzzn: Wenn ich genug Ökostrom produziere, warum kann ich diesen nicht einfach an Freunde verkaufen?

     

    2009 begegnete er in einer Agentur dem Creative Director Danusch Mahmoudi. Dieser sollte erst nur eine Website entwerfen, überzeugte Schütze aber dann, dass man die dezentralen Energien und das Web 2.0 zum Traumpaar „Social Energy“ verheiraten könne. Heraus kam ein Marktplatz im Internet, auf dem „Stromgeber“ und „Stromnehmer“ sich zum Tauschen und Teilen treffen und zu „Prosumenten“, also Produzenten und Konsumenten in einer Person werden können. Das gemeinsame Hauptmotiv: die Förderung lokaler Energieproduktion. Im April 2010 gründeten Schütze und Mahmoudi dann formell das Unternehmen buzzn – in Anlehnung an das englische Wort für summen oder auch für Kick. Auch „People Power Pool“ nennen sie ihre Energieplattform gerne, was nicht zufällig an den berühmten Song von John Lennon erinnert. Umgeschrieben auf das revolutionäre Potential der dezentralen Energien müsste der Refrain allerdings anders lauten: „Power from the people, power to the people!“

     

    Das Prinzip der etwas anderen Strombörse: Die Stromgeber, die Elektrizität aus allen Arten erneuerbarer Energiequellen und aus Kraft-Wärme-Kopplung gewinnen, speisen ihren Strom in das allgemeine Stromnetz ein. Dafür erhalten sie von buzzn eine Entlohnung, die pro Kilowattstunde einen Cent höher ist als die gesetzlich vorgeschriebene Einspeisevergütung für erneuerbare Energien. Für die Stromnehmer funktioniert buzzn wie ein konventioneller Stromanbieter: Sie beziehen ihre Elektrizität aus der Steckdose und bezahlen ihn bei buzzn – zu ungefähr demselben Preis wie bei anderen Ökostromlieferanten. So entsteht ein buzzn-Strompool, der aber – wie bei jeder Strom-Transaktion – rein virtuell ist.

     

    Die Stabilisierung zwischen Angebot und Nachfrage regelt buzzn, indem es nur so viele Stromnehmer aufnimmt, wie die Stromgeber bedienen können. Dabei wird darauf geachtet, dass Stromgeber und Stromnehmer jeweils nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind, erklärt Schütze. „Das unterscheidet uns auch von den anderen Ökostromanbietern.“ Dass der buzzn-Strom ausschließlich aus lokaler Produktion stamme, sei nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll, es fördere die regionale Wertschöpfung und mache Stromautobahnen entbehrlich.

     

    Heute hat buzzn bundesweit mehrere Hundert Nutzer. Das ist noch nicht astronomisch viel, aber auch nicht wenig. „Wir mussten hart dafür arbeiten, um vom Energie-Establishment überhaupt beachtet zu werden, und wir mussten viel Kraft und Ausdauer in den täglichen Kampf gegen die Bürokratie stecken“, berichtet Justus Schütze. Leben kann das inzwischen fünfköpfige Team um den ehemaligen Trader noch nicht von der Firma. Alle verdienen als Freiberufler noch Geld durch Beratertätigkeiten – was Vorteile hat. „Wir sind nicht unter Wachstumszwang, wir haben keinen Businessplan und müssen keine Kapitalinteressen bedienen“, sagt Schütze. Und er zeigt sich „100 Prozent optimistisch“, was den kommenden Erfolg anbelangt. „Die Zeit arbeitet für uns“, sagt er. „Das Geschäftsmodell der großen Energiekonzerne steht massiv unter Druck. Der Bau neuer Großkraftwerke wird reihenweise abgesagt, weil die sich dank der Ökostromflut nicht mehr rentieren.“

     

    Und dieser Optimismus trotz Solarkürzungen und Solarfirmenpleiten? „Ja“, versichert der Energiefachmann. Der Preis von Solarmodulen werde weiter fallen. In ein paar Jahren werde man Solargeräte in jedem beliebigen Supermarkt kaufen können. Mittels Solarfensterscheiben, Miniatur-Windanlagen auf dem Dach oder anderen Geräten könnten dann überall Kleinmengen an Strom erzeugt werden, was zu einer Kulturrevolution führen werde, der Durchsetzung des Internets vergleichbar.

     

    Deshalb ist der frühere Vattenfall-Manager heute einer der schärfsten Kritiker zentralistischer Kraftwerke, auch wenn sie in Form von Offshore-Windanlagen daherkommen oder als Sonnenparks wie „das Milliardengrab Desertec“. Die hohen Kosten für die dafür nötigen Stromautobahnen sind nach Schützes Ansicht rausgeschmissenes Geld. Und die Vorstellung, dass eine höhere Macht passive Konsumenten versorgen müsse, sei definitiv veraltet. Ob im Internet oder bei Ökostrom: „Der User frönt seinem Bedürfnis zu produzieren, zu (ver)teilen, sich mit anderen zusammenzutun.“

     

    Viele buzzn-Nutzer sehen sich genau in dieser Rolle. Der Maschinenbautechniker Rudi Schäfer etwa, der in seinem Haus im hessischen Dorf Steffenberg ein Blockheizkraftwerk installiert hat, das Strom und Wärme liefert. „Im Winter bin ich vorwiegend Stromgeber, im Sommer Stromnehmer“, erläutert er. „buzzn gefällt mir, weil ich damit was gegen die mächtigen Energiekonzerne tun kann.“ Leider laufe sein Blockheizkraftwerk noch auf der Basis von Öl, weil es im Dorf kein Gas gebe, aber irgendwann werde er auch das ändern.

     

    Auch die Informatikern Karin Albrecht aus dem nordfriesischen Bredstedt hat ein kleines Blockheizkraftwerk in ihren Keller gebaut, das ihr Einfamilienhaus und die Arztpraxis ihres Mannes mit Licht und Wärme versorgt. Seit ein paar Monaten ist sie bei buzzn dabei, meist als Stromgeberin, manchmal auch als -nehmerin. „Ich bin absolut zufrieden“, sagt sie. „Das ist ein sehr gutes innovatives Konzept, weg von den Großkonzernen und weg von der Anonymität.“

    Ute Scheub
    31. Mai 2012
    www.buzzn.net

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 275-berlin-summt

    summmm

    Bienen sind akut bedroht; in ländlichen Monokulturen finden sie kaum noch Nahrung. Großstadt-Imker des Netzwerks Berlin summt! verschaffen den Bienen eine Heimat in der Stadtnatur, etwa auf dem Berliner Dom.

    Schwärmen für Schwärme

    Bienen sind akut bedroht; in ländlichen Monokulturen finden sie kaum noch Nahrung. Großstadt-Imker des Netzwerks Berlin summt! verschaffen den Bienen eine Heimat in der Stadtnatur, etwa auf dem Berliner Dom.

    Der Berliner Dom auf der Spree-Insel bietet auf jedem Geschoss royale Besonderheiten. In der unterirdischen Gruft ruhen die ehrwürdigen Gebeine des Königsgeschlechts der Hohenzollern. Ein Stockwerk höher beten Gläubige im wuchtigen Kirchenschiff den Himmelskönig an. Noch weiter oben, auf dem knapp 30 Meter hohen Dach über dem Altar, wächst königlicher Nachwuchs heran. Hobby-Imker Uwe Marth, assistiert von Dom-Geschäftsführer Lars-Gunnar Ziel, zieht mit bloßen Händen einen Rahmen mit Honigwaben aus dem Bienenkasten. „Alles in Ordnung“, stellt er fest und steckt ihn zurück in den Bienenstock, in dem sich etwa 20.000 kleine Tiere tummeln. Mittendrin, mit einem farbigen Punkt gekennzeichnet: die Königin.

     

    Seine Bienen lassen sich diese Störung gefallen, ohne zu stechen. „Das ist ein friedliches Völkchen“, befindet Marth, der keinen schützenden Imkerhut braucht. Nur auf weiße oder gelbe Kleidung legt er Wert. „Wenn jemand schwarz trägt oder dunkle Haare hat, wird das im Bienenhirn in das Millionen Jahre alte Bären-Feindschema sortiert“, erklärt er. „Bären klauen Honig – und Bienen verteidigen den Honig mit ihrem Stachel.“

     

    Uwe Marth, im Hauptberuf Lehrer, gehört zu jenem Dutzend Hobby-Imkern, die im Rahmen der Initiative Berlin summt! auf die prekäre Situation ihrer Schützlinge aufmerksam machen. Die Blütenbestäuber sind einerseits immens wichtig für das Fortbestehen des Lebens auf der Erde – ohne sie könnten zahlreiche Sorten Obst, Gemüse und Nüsse keine Früchte tragen. Ihre Gratisleistungen für Natur und Mensch erfahren andererseits so wenig Unterstützung, dass die Bienen stark bedroht sind. Jährlich stirbt in Deutschland durchschnittlich ein Drittel des Bestands, in manchen Ländern und Regionen sogar noch mehr. Verantwortlich dafür ist eine Kombination von verschiedenen Ursachen: Parasiten, Pestizide, chemisch behandeltes Saatgut, Elektrosmog, Flächenversiegelungen, die agroindustriellen Monokulturen auf dem Land und das damit verbundene Artensterben. Vielfach verhungern die Insekten mitten im schönsten Sommer: Sie finden keine neue Nahrung mehr, wenn etwa die Raps-Monokultur verblüht ist.

     

    Deshalb geht es Bienen – wie auch vielen anderen Tier- und Pflanzenarten – in Städten inzwischen besser als auf dem Land. Die Baum- und Blumenvielfalt ist im urbanen Raum viel größer, und Pflanzen werden seltener chemisch behandelt. In Berlin haben 298 von 560 deutschlandweit vorkommenden Arten von Wildbienen ein Asyl gefunden, und etwa 700 Freizeitimker kümmern sich um die 3.200 Völker der Stadt. Auf den Straßenbäumen der Metropole – etwa 154.000 Linden, 80.000 Ahornbäumen, 21.000 Kastanien, 14.000 Robinien – finden die Bienen mehr Nahrung als auf den Monokulturen Brandenburgs. Um die neuen Einwanderer wertzuschätzen, hat Berlin summt! ihnen Unterkünfte an herausragenden Orten besorgt: auf dem Abgeordnetenhaus, dem Planetarium, dem Haus der Kulturen der Welt oder eben in knapp 30 Meter Höhe auf dem Kupferdach des Doms.

     

    Uwe Marth deutet von der Kuppel hinunter auf die blühenden Kastanien im benachbarten Park: „Bis dahin sind es nur ein paar Hundert Meter. Kein Problem für eine Biene. Sie fliegt mehrere Kilometer bis zu einer Nahrungsquelle, verbraucht dabei allerdings zwei Drittel ihrer Ernte für den Eigenbedarf. Hier, probieren Sie mal!“ Er überreicht eine stecknadelkopfgroße goldgelbe Kugel. „Dieses Pollenklößchen“, sagt der Imker, „besteht aus Millionen mikroskopisch kleiner Pollen.“ Die Probe schmeckt so paradiesisch, als sei sie aus dem Land, wo Milch und Honig fließen.

     

    Der Imker freut sich schon auf eine Honigernte von 25 Kilo oder mehr. 2011 hat Dom-Geschäftsführer Ziel rund 100 Gläser „Domhonig“ à 250 Gramm verkauft; pro Glas geht ein Euro an die Dach-Initiative Berlin summt!. Auch Lars-Gunnar Ziel will sich nun unbedingt selbst ein Bienenvolk anschaffen: „Dann hab’ ich im Sommer bis zu 50.000 Haustiere“, lacht er und ergänzt ernst: „Der Honig ist eigentlich sekundär. Bienen sind bedroht, sie müssen gehegt und gepflegt werden. Ich find’ es einfach schön, wenn man der Natur etwas zurückgeben kann.“

     

    Beide Männer sind sichtlich fasziniert von der einmaligen Schwarmintelligenz und sprudeln nur so vor Informationen über die Insekten. Ein Volk mit etwa 20.000 Flugbienen, berichtet Marth, besuche von Mai bis Juli täglich 20 bis 100 Millionen Blüten. Die je nach Entfernung der Nahrungsquelle durch Rund- oder Schwänzeltanz der Spurbienen informierten Sammlerinnen bräuchten „nie länger als eine halbe Stunde, um einen blühenden Baum abzuräumen.“ Für die Produktion eines einzigen Kilos Honig müssten sie eine Gesamtstrecke von 40.000 bis 140.000 Kilometern zurücklegen, „das entspricht dem einfachen bis dreifachen Erdumfang!“ Eine kost-bare Kostbarkeit.

     

    Eine einzelne Biene, fährt Uwe Marth fort, spiele überhaupt keine Rolle. „Der Schwarm ist der wirkliche Organismus. Ein echtes Faszinosum.“ Das Kollektiv der Bienen lege etwa fest, wie viele männliche Tiere schlüpfen sollen. Vor der Ei-Ablage in eine Wabe messe die Königin mit ihrem Fühler, wie groß eine Wabe ist, und je nach Größe lege sie ein unbefruchtetes Ei, aus dem eine Drohne wird, oder ein befruchtetes, aus dem später eine Arbeitsbiene schlüpft. Die Königin produziere bis zu 3.300 Eier am Tag, „das ist fast das Doppelte ihres eigenen Körpergewichts.“

     

    Szenenwechsel. Mitten im Wald, beim Jugendimkerstand im Stadtteil Zehlendorf, kontrolliert Wolfgang Friedrichowitz die Beute, wie so ein Bienenkasten in der Fachsprache heißt. Vor seinem Ruhestand hat er technische Anlagen verkauft, nun betreut er hier vier Bienenvölker und ein halbes Dutzend minderjährige Bienenfans. Zum Beispiel den 14-jährigen Paul. Der war als kleines Kind einfach nur Honigliebhaber und entdeckt nun, dass ein Bienenleben nicht nur Zuckerschlecken ist. Paul lernt hier auch, wie man die Varroamilbe, eine der schlimmsten Bienenfeinde, mit Ameisen- oder Oxalsäure bekämpft. Der Nachwuchsimker bringt ein Kästchen, das im Herbst auf die Beute gestellt wird. Die Ausdunstung der Säure töte die Schmarotzer, lasse aber die Bienen leben, erklärt sein Mentor Friedrichowitz. Ohne ständige Pflege durch den Menschen, fügt der Ruheständler hinzu, wäre die Honigbiene seit der Invasion der Varroamilbe in den 1980er-Jahren wohl schon ausgestorben.

     

    Auch wenn nicht alle Imker sein können oder wollen: Jeder Kulturschaffende, jede Wissenschaftlerin, jeder Unternehmer könne etwas für den Schutz von Bienen tun, betont die Initiative Berlin summt!. Garten- und Balkonbesitzende könnten Nisthilfen für Wildbienen aufstellen und für bienenfreundliche Blütenpflanzen sorgen. Neben der Unterstützung der Bienenvölker gehe es, so die Initiatoren Corinna Hölzer und Cornelis Hemmer, um „die Erhaltung einer intakten Stadtnatur“.

    Ute Scheub
    24. Mai 2012
    www.berlin-summt.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 270-sauberbus

    So smooth so clean

    In Hamburg fahren neuartige Busse der Hochbahn mit Wasserstoff und Brennstoffzellen – und dienen gleichzeitig als Speicher für erneuerbare Energien. Fahrer und Passagiere sind begeistert von der ebenso leisen wie butterweichen Fahrweise.

    Reiseziel postfossil

    In Hamburg fahren neuartige Busse der Hochbahn mit Wasserstoff und Brennstoffzellen – und dienen gleichzeitig als Speicher für erneuerbare Energien. Fahrer und Passagiere sind begeistert von der ebenso leisen wie butterweichen Fahrweise.

    Das Ding sieht aus wie ein leckerer Apfel, frischgrün, bedeckt mit Wassertropfen. Aber Vorsicht, nicht reinbeißen! Denn unter der knackigen Schale liegt hartes Metall – es handelt sich um einen „SauberBus für die nächste Generation“. Das schöne Äußere verspricht außerdem: „Wasser statt Abgase“. Das heißt erst einmal nicht so viel; nicht alles, was außen grün ist, ist es auch im Kern.

     

    Bitte einsteigen. Der sogenannte Brennstoffzellenhybridbus allerdings hält, was seine verlockende Erscheinung verspricht. Er fährt mit Wasserstoff, seine Abgase bestehen ausschließlich aus Wasserdampf. Seit Februar 2012 fährt er auf Buslinien der Hamburger Hochbahn. Wenn die frische äußere Schale nicht wäre, sähe er aus wie jeder andere Linienbus.

     

    In Hamburg fahren bisher nur zwei dieser Busse, weitere werden gerade auf den Linienbetrieb vorbereitet. „Wir müssen Erfahrungen sammeln und die Technologie weiterentwickeln“, sagt Heinrich Klingenberg, der als Geschäftsführer der Hochbahn-Tochterfirma hySOLUTIONS Mobilitätssysteme für die ölfreie Zukunft ausheckt. Bisher ist der SauberBus mit rund anderthalb Millionen Euro pro Stück zwar in etwa fünfmal so teuer wie ein normaler Dieselbus, aber in Serie gefertigt wird der Preis deutlich sinken. Sie seien sehr zufrieden mit den Pilotfahrzeugen, ergänzt Projektbetreuer Joachim Will, dieser hier habe jetzt ein paar Tausend Kilometer zurückgelegt und fahre problemlos seine tägliche Schicht – und künftig sogar zwei Schichten pro Tag.

     

    Losfahren. Wir fahren schon, und niemand hat es gemerkt. Das Fahrzeug gleitet wie durch eine Buttercremetorte, ohne das busübliche Ruckeln und Zuckeln. „Vor allem ältere Fahrgäste, die sich nicht mehr so sicher bewegen können, wissen das zu schätzen“, berichtet Projektbetreuer Will. Zudem ist der Antrieb so leise, dass man ihn fast nicht hört. „Die Leute im Bus fangen an zu flüstern“, lacht Will, „und mit dem Handy telefoniert auch kaum mehr jemand, weil alle anderen mithören können.“

     

    Weiterfahren. Der SauberBus schnurrt, die Kulisse der Hafen-City huscht vorbei. Auf einer Anzeigetafel hinter dem Fahrer Stefan Schröder können interessierte Passagiere beobachten, wie das Fahrzeug funktioniert und warum es Hybridbus heißt: Obwohl es von Wasserstoff angetrieben wird, ist es im Grunde ein Elektrobus. In Brennstoffzellen, die zu stacks (Stapeln) in Reihe geschaltet sind, reagiert Wasserstoff mit Sauerstoff und wird zu Wasserdampf. Dabei wird elektrische Energie freigesetzt, die über einen Hochvolt-Zwischenkreis die Elektromotoren in den Radnaben versorgt. Diese Motoren wiederum treiben die Räder an – direkt, ohne Umwege, mit einem hohen Drehmoment. „Wenn der Bus nicht stark gedrosselt wäre, würde er an der Ampel jeden Porsche stehenlassen“, sagt Will. „Das ist aber nicht im Sinne unserer Fahrgäste.“

     

    Bremsen. Die Ampel springt auf Rot, der Fahrer bremst, die Motoren werden zu Generatoren, mit denen Energie in die bordeigenen Lithium-Ionen-Batterien geleitet wird. Diese dienen als Energiepuffer, entlasten die Brennstoffzellen, erhöhen deren Lebensdauer und reduzieren den Wasserstoffverbrauch. „Die Batterie hat uns einen großen technologischen Sprung nach vorne ermöglicht. Der Vorgänger dieses Busses hat rund 20 Kilogramm Wasserstoff auf 100 Kilometer verbraucht, jetzt sind es nur noch um die neun“, erläutert Will.

     

    Tanken. Der Fahrer steuert eine markante Tankstelle für Wasserstoff an, die dritte in Hamburg. Sie steht unter hohen grauen Säulen mitten in der Hafen-City, zwischen den neuen Gebäuden von Spiegel und ZDF. „Wir sind immer unter journalistischer Beobachtung“, grient Klingenberg. Busfahrer Schröder bringt eine Klemme am Fahrzeug an. „Der Bus muss zunächst geerdet werden, um mögliche statische Aufladungen zu vermeiden“, erklärt der hySOLUTIONS-Geschäftsführer, bevor der Fahrer mit einem Tankrüssel die Wasserstofftanks auffüllt. Es zischt nur ein wenig, und nach nicht einmal zehn Minuten ist der Bus vollgetankt.

     

    Ist das nicht gefährlich, wenn Wasserstoff entweicht? „Benzin oder Diesel sind gefährlicher, in ungünstigen Gemischen mit Luft entweichen sie schlecht und bilden zündfähige Mischungen“, sagt Klingenberg. „Wasserstoff dagegen steigt immer sofort nach oben. Das ist einer der Gründe, weshalb die Tanks auf dem Busdach montiert sind. Wasserstoff erfordert zwar eigene Sicherheitsvorkehrungen, ist aber mindestens so gut beherrschbar wie Benzin, Diesel oder Gas.“

     

    Den Wasserstoff erzeugt Vattenfall direkt vor Ort, indem Wasser unter Einsatz regenerativ erzeugter Energie in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird. Der Atomkraftbetreiber Vattenfall? Und das soll nachhaltig sein? „Der Wasserstoff wird hier ausschließlich durch erneuerbare Energien erzeugt“, versichert Klingenberg. Und zwar dann, wenn viel Wind wehe und sich überschüssige Windkraft im Netz befinde; die zu verbrauchen, fördert die Windkraft, denn bliebe sie ungenutzt, müssten vielleicht sogar Windanlagen abgeschaltet werden. Sauber, das Zusammenspiel zwischen Wasserstoffbus und Wind!

     

    Weiterfahrt. Fahrer Stefan Schröder steigt wieder ein und gibt Gas, nein, Wasserstoff, nein, Strom. Der Bus schnurrt. Und Schröder, früher Gas- und Wasserinstallateur, schnurrt ebenfalls: „Ich fahr das Ding gerne. Wir kriegen so viel positive Resonanz von den Fahrgästen! Manche wollen nur noch damit fahren und fragen, wo und wann der Bus abfährt.“

     

    „Die Kollegen sind begeistert“, sagt auch Joachim Will. „Schon allein aufgrund des ruckfreien Fahrens. Sie steigen nach acht, neun Stunden aus und sagen: Ich könnte noch weiterfahren. Das ist viel weniger anstrengend.“ Will organisiert die Schulungen für die Busfahrer – sie sollen den Fahrgästen die Technologie erklären können. „Wenn die Fahrer das verstehen, identifizieren sie sich“, sagt er. „Bisher haben wir 40 Leute ausgebildet. Aber die Warteliste ist sehr lang – fast alle wollen den SauberBus steuern.“ Joachim Will, der früher Elektromaschinenbauer war und seit 25 Jahren bei der Hochbahn arbeitet, findet seinen Job „hochspannend“.

     

    Ankunftsziel postfossil. Der Hamburger Senat habe beschlossen, nach 2020 nur noch emissionsarme Busse einzusetzen, erläutert Heinrich Klingenberg. Darauf müsse sich die Hochbahn einstellen und neue Technologien rechtzeitig erproben. „Wir denken jetzt über einen neuen Betriebsbahnhof für 100 Busse nach, das erfordert schon eine ganz andere Infrastruktur.“ Außerdem sei man mit Kollegen aus London, Vancouver, Mailand und mit der PostAuto Schweiz AG im ständigen Informationsaustausch, weil dort auch schon Brennstoffzellenbusse führen.

     

    „Ich gehöre zu den Menschen, die schon immer ohne Auto unterwegs waren“, sagt der Mobilitätsvordenker Klingenberg. „Wir müssen Mobilität neu definieren, weg vom Individualverkehr. Aber wenn wir das tun, dann müssen wir den Fahrgästen auch etwas Attraktives anbieten.“ Der SauberBus respektive der öffentliche Nahverkehr als Grünstromspeicher der postfossilen Ära – das klingt in der Tat attraktiv.

    Ute Scheub
    15. Mai 2012
    www.sauberbus.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 239-kikuna

    Waldfrüchtchen

    Kinder an Kunst und Natur heranzuführen – das hat sich Karin Wirnsberger mit ihrem Bildungszentrum kikuna zur Aufgabe gemacht. Bei ihr entdecken Kinder die Welt, die sie umgibt, im Kleinen wie im Großen. 

    Drinnen und draußen

    Kinder an Kunst und Natur heranzuführen – das hat sich Karin Wirnsberger mit ihrem Bildungszentrum kikuna zur Aufgabe gemacht. Bei ihr entdecken Kinder die Welt, die sie umgibt, im Kleinen wie im Großen. 

    Mit ihren rötlichbraunen, zu Zöpfen gebundenen Haaren und ihren bunten Klamotten erinnert Karin Wirnsberger ein wenig an Pippi Langstrumpf. Auch ihr Atelier im baden-württembergischen Dornstadt-Bollingen verströmt einen Hauch von Villa Kunterbunt. An den Wänden hängen Bilder aus selbstgeschöpftem Papier und poppig-bunte Nistkästen, Insektenhotels aus vielfältigen Röhrchen und Zapfen sowie Kunstwerke, auf denen fette Spinnen in Wollfadengespinsten herumkrabbeln. „Manche Kinder kriegen einen hysterischen Anfall, wenn sie eine Spinne sehen. Dabei sind die wichtig als Nahrung für Vögel und fürs ganze Ökosystem“, kommentiert Karin Wirnsberger die künstlerischen Objekte. Alles, was hier hängt, von umgedrehten Blumentöpfen, die als Habitat für Ohrenkneifer dienen, bis zu selbstbemalten T-Shirts, hat Wirnsberger gemeinsam mit Kindern zusammengesetzt oder gestaltet. Welche Rolle Tiere, Pflanzen, Erde oder Steine in natürlichen Kreisläufen einnehmen, erfahren die Kinder, während sie im leeren Gurkenglas ein Miniatur-Kreislaufsystem aufbauen. Und wenn sie ein T-Shirt bepinseln, ist ihnen klar, wie das Baumwollhemd entstanden ist und wer alles daran mitgearbeitet hat.

     

    kikuna – Kinder-Kunst-Natur hat Karin Wirnsberger ihre Projektwerkstatt genannt, die in einem alten Gebäude gegenüber Wirnsbergers Wohnhaus untergebracht ist. Entstanden ist sie aus einer persönlichen Krise: Während ihre Nachbarinnen eine Weile nach der Geburt der Kinder wieder an ihre Arbeitsplätze zurückkehrten, war das für die gebürtige Österreicherin nicht möglich. Die Mutter zweier Kinder hatte vor der Familienphase als Umweltpädagogin in ihrem Heimatland freiberuflich Öko-Überprüfungen von Betrieben begleitet und die zukunftsfähige Gestaltung von Schulen vorangetrieben. In Deutschland, wo sie mit ihrer Familie lebt, fehlten ihr dann die nötigen Kontakte, um einfach weiterzumachen. Außerdem spürte sie, dass sie mittlerweile etwas anderes wollte: „Ich war früher vor allem Schreibtischtäterin und hab’ Texte geschrieben, die ich heute fast selbst nicht mehr verstehe.“

     

    Nach der Geburt ihrer Tochter hatte Wirnsberger angefangen zu malen; ökologische Fachkenntnisse brachte sie aus ihrer Ausbildung als Umweltpädagogin mit. Ohne dass sie schon gewusst hätte, wohin das alles führen sollte, begann sie zu Hause, erste Kurse mit den Kindern von Nachbarn und Freunden durchzuführen. Ihr Motto: Was kann ich in und um das Haus für die Umwelt tun? Die teilnehmenden Jungen und Mädchen forschten und bastelten. Zwischendurch setzte sich Karin Wirnsberger ihre Melone auf und erzählte Geschichten vom Wassertropfen, den Kreuzspinnen oder den beiden Pinguinen Prima und Klima – und die Kinder durften mitbestimmen, wie es weitergehen sollte.

     

    Etwa zur gleichen Zeit engagierte sich in ihrer neuen Heimat Dornstadt eine Bürgergruppe für einen Erlebnispfad im Wald – selbstverständlich war Karin Wirnsberger mit von der Partie. Heute können Spaziergänger auf dem Weg ausprobieren, wie weit sie im Vergleich zu Rehen und Hasen springen können. Oder sie erfahren, wie ein Eichhörnchen mitkriegt, wenn sich ein Marder anschleicht. Während der Arbeit am Erlebnispfad entstand die Idee, dass die Impulse der Umweltpädagogin auch für den Kindergarten interessant sein könnten – und auch dort war Karin Wirnsberger nun öfter präsent. Die Eltern wunderten sich bald, dass ihre Töchter und Söhne nicht mehr mit dem Auto zur Kita gebracht werden wollten und hakten nach, was es denn mit ökologischen Rucksäcken und Klimameilen auf sich habe, von denen ihr Nachwuchs jetzt dauernd erzählte. Als es schließlich darum ging, für Bollingen einen neuen Spielplatz zu bauen, war im Dorf ganz klar: Es sollte ein schöner Ort werden, der nicht nur für ein besseres Dorfklima sorgt, sondern auch dem Weltklima nützt. Mit Schubkarren, Schaufeln, Sägen und Pinseln rückten viele Familien an, und heute gibt es hinter dem bunten Zaun mit vielen Tierfiguren nicht nur phantasievolle Spielgeräte, sondern auch eine Streuobstwiese.

     

    Organisch wie die Themen, mit denen sich kikuna beschäftigt, entwickelt sich auch die Kreativwerkstatt. Neben dem Programm im Atelier bietet kikuna inzwischen auch Vorträge, Ferienangebote, Fortbildungen für Pädagoginnen und geförderte Bildungsprojekte. Längst arbeitet Karin Wirnsberger in einem Team, zu dem Künstlerinnen, Sozial- und Naturpädagogen und Biologinnen gehören. Eine Bibliothek über dem Atelier steht Erzieherinnen, Lehrern und Eltern offen, und die Umweltpädagogin gibt Tipps für den Aufbau von Schülerfirmen, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen. „Das Ganze ist zeitweise mehr als ein Ganztagsjob“, bilanziert sie.

     

    Obwohl kikuna schon mehrere Preise gewonnen hat, trägt sich das Ganze finanziell noch nicht. Für Sonderaktionen versucht die Umweltkünstlerin örtliche Unternehmen zu gewinnen, manchmal gibt es ein paar Zuschüsse von irgendwoher. So kommt der finanzielle Rückhalt ausgerechnet aus der Autoindustrie. „Da arbeitet mein Mann. Der sagt immer, ich sei sein teuerstes Hobby“, berichtet Wirnsberger lachend. Mit solchen Widersprüchen aber kann sie gut leben. „Nicht immer ist eine durchgängig nachhaltige Lebensweise möglich“, meint sie pragmatisch. „Mir kommt es darauf an, wie man Menschen zukunftsfähig und glücklich macht.“
    Annette Jensen
    16. Mai 2012
    www.kikuna-welt.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 259-quijote-kaffee

    Bohnus-System

    Das Hamburger Kollektiv Quijote ist Kaffee-Direktvermarkter und sorgt für Transparenz bei Preiskalkulation und Röstprofilen. Die Produzenten in Lateinamerika und Afrika verdienen so deutlich mehr als bei Fair-Trade-Labels wie Transfair.

    Doch die Bohne

    Das Hamburger Kollektiv Quijote ist Kaffee-Direktvermarkter und sorgt für Transparenz bei Preiskalkulation und Röstprofilen. Die Produzenten in Lateinamerika und Afrika verdienen so deutlich mehr als bei Fair-Trade-Labels wie Transfair.

    Brutaler Mord an einer Kaffeepadmaschine! Krätzsch, quurks, tzzworks – von einem Auto überfahren! Seit dem 1. April kursiert im Internet ein filmischer Aufruf des Hamburger Kaffeeröstkollektivs Quijote, sich phantasievolle Methoden auszudenken, wie Kaffeepad-Maschinen gemeuchelt und aus dem Verkehr gezogen werden können. „Ökologisch sind die eine einzige Katastrophe, die Kaffeequalität ist mies und die beteiligten Konzerne ebenfalls“, sagt Andreas „Pingo“ Felsen, der Quijote zusammen mit seiner Freundin Steffi Hesse gegründet hat. Den originellsten Pad-Mördern hat Quijote deshalb eine „Abwrackprämie“ in Aussicht gestellt – ein Bonus, oder besser gesagt Bohnus.

     

    Im Büro der kleinen Rösterei im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort steht der 39-jährige Pingo und kocht einen Cappuccino. Steffi Hesse, 34-jährige Fotografin und Designerin, packt derweil Pakete – Bestellungen von Privatkunden, Gastronomiebetrieben und Kollektiven, 100 bis 200 Kilogramm Kaffee täglich. Der dritte Kollektivist ist gerade nicht da, der vierte wurde gerade erst eingestellt. „Wir haben zu viel zu tun. Wir verstoßen volle Kanne gegen unsere eigenen Grundsätze“, stöhnt Steffi Hesse. Maximal 38 Wochenstunden – so wurde es eigentlich im Kollektivvertrag fixiert, der wie vieles andere auf der Website steht. „Ja, wir wachsen zu schnell“, bekräftigt Pingo.

     

    Damit ist bereits klar, wofür sich das Team nicht die Bohne interessiert: für Wachstum, Gewinn oder Profit. „Wir haben uns selbst ein Ziel gesteckt: Mehr als 50 Tonnen Kaffee im Jahr wollen wir nicht vermarkten“, sagt Pingo und lässt frischen Espresso in eine Tasse rinnen. „Das werden wir wohl schon in zwei oder drei Jahren erreicht haben.“

     

    Pingos halbes Leben dreht sich um die Bohne. Mitte der 1990er-Jahre verschlug es den Hamburger Buchhändler und Koch ins mexikanische Chiapas, wo er Menschenrechtsverletzungen dokumentierte und Lebensmittel zu Aufständischen transportierte. Die Bauern fragten ihn, ob er ihren Kaffee vermarkten könnte – so entstand 1999 das immer noch existierende Importprojekt Café Libertad, aus dem er später aber ausschied. Seinem Leib-und-Magen-Thema blieb Pingo jedoch treu und initiierte weitere Kaffeeprojekte. Und weil er sich ein Leben ohne Kollektiv nicht mehr vorstellen konnte, gründete er zusammen mit Steffi im November 2010 Quijote. Ein Leben im Kampf gegen Kaffeemühlen?

     

    Zumindest im Kampf gegen die Mühlenflügel der Großkonzerne vom Schlage Tchibo. Die stellen aus Imagegründen zwar Kaffee mit dem Transfair-Siegel in die Regale der Supermärkte, bezahlen den Produzenten des angeblich fairen Kaffees aber kaum mehr als vorher, kritisiert Pingo und vollendet seinen Kaffee mit einer Krone aus Milchschaum. Der Transfair-Preis böte zwar einen minimalen Schutz gegen die spekulationsbedingten starken Preisschwankungen von Rohkaffee auf dem Weltmarkt; weil der vom Label garantierte Preis aber in den letzten Jahrzehnten kaum gestiegen sei, habe der normale Weltmarktpreis oft sogar höher gelegen. „In keinem Land reicht der Erlös aus dem Transfair-Siegel noch aus, um guten und nachhaltigen Kaffee zu produzieren“, lautet Pingos Einschätzung.

     

    Transfair – inzwischen ein Malus? Oder, um im Bild zu bleiben, ein Mahlus? „Alle Ideen von Transfair finden wir toll, aber was daraus entstanden ist, ist traurig“, stellt Pingo klar. „Wir zahlen 2,90 Dollar pro Pfund Rohkaffee für die aktuelle Ernte unserer Partner in Ecuador, Brasilien und Guatemala und 3,60 Dollar in Äthiopien. Das ist immer noch zu wenig, aber weit mehr, als Tengelmann und Co bezahlen.“ Und im Gegensatz zu Tengelmann und Co macht Quijote seine Preiskalkulationen und Röstprofile auf der eigenen Webseite öffentlich zugänglich.

     

    Ein ähnlicher Mahlus wie bei Transfair gilt in Pingos Augen auch für das Biosiegel. Für die offiziellen Untersuchungen müssen die Kleinbauern hohe Gebühren zahlen – und bekommen am Schluss nur einige Cent pro Packung mehr. „Wenn Produzenten, Händler und Kaffeeröster transparent arbeiten und glaubwürdig sind, dann brauchen sie kein Siegel“, sagt Pingo.

     

    Pingo probiert den Cappuccino: „Hammer, so viel Frucht!“ Der volle Geschmack rühre auch daher, erklärt er, dass Quijote keinen Kaffee verkaufe, dessen Röstung länger als eine Woche zurückliege. Im Gegensatz zu Industriekaffee: „Der ist oft schon ein halbes Jahr alt.“ Noch besser wäre es natürlich, fügt er hinzu, wenn die Produzenten ihren Kaffee selbst weiterverarbeiten und damit mehr Gewinn erzielen würden. Aber wegen der unterschiedlichen Traditionen der Kaffeezubereitung in den Konsumentenländern seien viele Hersteller damit schlicht überfordert: in Honduras zum Beispiel müssten die Bauern ihre vergleichsweise kleinen Erntemengen dafür auf 15 verschiedene Arten rösten. 

     

    Dann führt Pingo vom Büro in die Rösterei. Brasilianischer Rohkaffee in Jutesäcken liegt in den Regalen, verführerisches Kaffeearoma in der Luft: In einer türkischen Röstmaschine dreht sich bei rund 220 Grad eine Trommel voller grüner Kaffeebohnen über Gasflammen, nach 12 bis 18 Minuten sind sie dunkelbraun, werden gekühlt und luftdicht verpackt. Bisher noch in Aluminiumverpackungen, die das Quijote-Team demnächst gegen umweltfreundlichere Verbundstoffe austauschen will. Das wäre ein weiterer Bohnus.

     

    Der größte Bohnus von Quijote – und ähnlich arbeitenden Betrieben wie Mitka, El Puente, Fairbindung oder Café Libertad – ist indes die Direktvermarktung und Direktverbindung zu den Kaffeebauern, denn sie schaltet die Zwischenhändler aus und ermöglicht dadurch deutlich höhere Einkaufspreise. Die Kollektivmitglieder reisen regelmäßig in die Anbauländer; ihre Produzenten sind allesamt basisdemokratisch organisierte Bio-Genossenschaften oder Familienbetriebe – in Brasilien, Ecuador, Honduras, Guatemala und Äthiopien. Eine vertrauensvolle und langfristige Kooperation mit diesen engagierten, qualitativ hochwertig arbeitenden Kaffeeproduzenten sei das Allerwichtigste, findet Pingo. Für diese Haltung wurde Quijote 2011 mit dem Karma Konsum Gründer Award ausgezeichnet.

    Ute Scheub
    08. Mai 2012

    www.quijote-kaffee.de

    www.trashtocash.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 257-buergerbus-weyhe

    Abgefahren

    Der Busverkehr in den Außenbezirken des niedersächsischen Ortes Weyhe wird von Ehrenamtlichen gewährleistet: So bleiben Menschen auch ohne eigenes Auto mobil.

    Bürger am Steuer, ungeheuer

    Der Busverkehr in den Außenbezirken des niedersächsischen Ortes Weyhe wird von Ehrenamtlichen gewährleistet: So bleiben Menschen auch ohne eigenes Auto mobil.

    Schwer atmend schiebt eine betagte Frau ihren Rollator den Bürgersteig entlang. Busfahrer Horst Christmann bremst, obwohl er noch 100 Meter von der Haltestelle entfernt ist. „Na, Sie wollen doch bestimmt wieder mit“, grinst er. Während der 67-Jährige den Gehwagen verstaut, erzählt ihm die deutlich ältere Dame von dem Rote-Kreuz-Treffen, bei dem sie gerade war. Dann fährt der Kleinbus weiter auf seiner Rundtour durch verschiedene Ortsteile der 30.000-Einwohner-Gemeinde Weyhe südlich von Bremen.

     

    Nach und nach steigen auf Christmanns Tour sechs Fahrgäste zu und fahren jeweils für ein paar Stationen mit. Anita Schenton legt 1,80 Euro auf den Kassierteller und bekommt einen Fahrschein, der auch für die Weiterfahrt in einem öffentlichen Bus gültig wäre. „Der Bürgerbus ist wirklich eine gute Sache“, findet die 81-Jährige. Früher besaß sie ein Auto. „Dafür hab’ ich heute aber kein Geld übrig – und ich brauch’ es ja auch nicht mehr“, sagt die Rentnerin und schnallt sich auf einem der acht Plätze an.

     

    Auch Annemarie Klarholz hat bis vor zehn Jahren noch selbst hinterm Steuer gesessen; nach einem Unfall legte ihr der Schwiegersohn jedoch nahe, dass sie mit ihren damals schon 82 Jahren nicht mehr selbst fahren solle. Seither nutzt sie den Bürgerbus fast täglich. „Ärztehaus, Lidl, Alte Wache – ich muss ja immer irgendwohin“, erzählt sie. Als Mitglied im Bürgerbus-Verein kann sie sogar kostenlos einsteigen.

     

    Angefangen hat alles Ende der 1990er-Jahre. Angestoßen durch die Agenda 21, die 1992 auf der internationalen Nachhaltigkeitskonferenz in Rio de Janeiro beschlossen worden war und die alle Kommunen aufforderte, für die weltweiten Umweltprobleme eigenständig und vor Ort nach Lösungen zu suchen, gab es in Weyhe eine Bürgerbefragung. Die ergab, dass sich viele Leute eine bessere Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln wünschten. Mehrere Ortsteile waren damals mit dem Bus gar nicht zu erreichen, und vor allem die Bewohner der drei Altenheime und der Einrichtung für betreutes Wohnen fühlten sich abgehängt. So entstand die Idee „Bürger fahren für Bürger“. Eine Gruppe Engagierter suchte Mitstreiter, die bereit waren, ehrenamtlich ein- bis zweimal wöchentlich ein paar Stunden durch Weyhes Wohnsiedlungen zu kurven. Sie spähten zwei Strecken aus, die den größtmöglichen Nutzen für die Zielgruppen versprachen: Ältere, Mütter mit kleinen Kindern und Leute, die sich kein Auto leisten können.

     

    Etwa zwei Jahre würde die Vorbereitung eines solchen Projekts dauern, meinten die Mentoren, die im niedersächsischen Rehburg-Loccum damals bereits einen Bürgerbus betrieben. „Doch so lange wollten wir nicht warten“, sagt Wolfgang Schmidt, ein Mann der ersten Stunde. Früher arbeitete er am Flughafen, inzwischen ist er ebenfalls Rentner. Innerhalb von wenigen Wochen konnte die Gruppe der für die Busaufsicht zuständigen Behörde über 20 Fahrer präsentieren, die einen Führerschein Klasse 3 besaßen und auch den notwendigen Gesundheitscheck erfolgreich absolviert hatten. Bei einigen Verwaltungsangestellten standen Wolfgang Schmidt und seine Mitstreiter gleich persönlich vor dem Schreibtisch – und wenn man die Papiere auf einem Aktenstapel ab- und zwischenlagern wollte, bestanden die Bürgerbus-Begeisterten auf eine sofortige Erledigung. So konnten die Weyher nach etwa sechs Monaten Vorbereitungszeit die ersten Runden drehen.

     

    Seither – also seit ganzen zwölf Jahren – sind die beiden Busse nun werktags im Zweistundentakt unterwegs. 60.000 Euro hat das Land Niedersachsen für jedes Fahrzeug dazugegeben, die übrigen 25.000 Euro reichten Sponsoren wie die Sparkasse und der Zweckverband Verkehrsverbund Bremen-Niedersachsen dar. Die monatlichen Dieselkosten in Höhe von 1.000 bis 1.200 Euro kommen stets durch den Verkauf von Fahrscheinen, durch öffentliche Zuschüsse und Spendengelder zusammen.

     

    Während die Fahrer am Anfang sehnsuchtsvoll nach potentiellen Fahrgästen Ausschau hielten und manchmal an einem ganzen Tag nur ein halbes Dutzend Passagiere das Angebot nutzten, steigen inzwischen jeden Monat etwa 2.500 Fahrgäste ein. Aufgrund dieses Erfolgs laufen inzwischen Verhandlungen, ob nicht demnächst ein ganz normaler, von der Stadt betriebener Bus mit einem professionellem Fahrer eine der Routen übernimmt. Und immer wieder fragen Initiativen aus anderen Orten an, ob die Weyher ihnen nicht Starthilfe geben können. „Wir haben in Niedersachsen schon zehn Bürgerbusse mit angeschoben“, berichtet Bürgerbus-Fahrer Horst Christmann mit unverhohlenem Stolz.

     

    „Natürlich hatten wir das Ziel, dass Leute ihr Auto oder zumindest den Zweitwagen abschaffen“, meint Initiator Wolfgang Schmidt. Das aber sei eine Illusion gewesen. „Doch immerhin lassen einige Leute jetzt ab und zu das private Auto stehen und nutzen unseren Bus.“ Fahrer Horst Christmann, vor dessen Haus ein BMW und ein Mercedes parken, begründet sein ehrenamtliches Engagement vor allem damit, selbst etwas für Ältere tun zu wollen und nicht die ganze gesellschaftliche Verantwortung allein dem Staat aufzubürden. „Außerdem sind wir über kurz oder lang die Nächsten, die die Hilfe Freiwilliger im Alter brauchen werden“, sinniert der pensionierte Elektrotechnik-Ingenieur. Vor allem aber ist es der Spaß am Kontakt mit den Fahrgästen, der ihn motiviert; nicht selten fährt jemand einfach mal eine Runde mit, weil es so schön ist.

     

    Gerade kommt ein alter Mann mühsam hereingehumpelt. Und obwohl er offenkundig Schmerzen hat, fragt er Christmann „Na, wollen Sie wieder eins von meinen Bonbons haben?“, und kramt in seiner Jackentasche. So kommt es, dass der 67-jährige Horst Christmann plötzlich in die Rolle eines Jungen schlüpft, der, weil er hilft, eine Süßigkeit dafür geschenkt bekommt.



     

    Annette Jensen
    03. Mai 2012

    www.buergerbus-weyhe.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 250-solarrentner

    Spätzünder

    Dietrich Papsch versucht im Erzgebirge, seine Mitbürger von einer umweltfreundlichen Lebensweise zu überzeugen. Dank ihm kann sich sein Heimatort in der Solarbundesliga behaupten.

    Man nennt ihn Solarrentner

    Dietrich Papsch versucht im Erzgebirge, seine Mitbürger von einer umweltfreundlichen Lebensweise zu überzeugen. Dank ihm kann sich sein Heimatort in der Solarbundesliga behaupten.

    Dietrich Papsch steht im Heizungsraum seines Eigenheims und dreht am kleinen Rad des Reglerkästchens; Zahlenkolonnen hüpfen über einen kleinen Digitalbildschirm. Im dick gepolsterten Warmwasserspeicher herrschen im Moment 67 Grad, registriert der 74-Jährige zufrieden. Weil es im Erzgebirgsdörfchen Schellerhau auf 800 Höhenmetern heute aber kalt und wolkig ist, werden die Solarkollektoren auf dem Dach nicht genug Wärme für den ganzen Tag liefern. So wird der Holzpelletofen am Nachmittag noch zweieinhalb Stunden lang laufen müssen, erklärt der große, drahtige Mann. Die aus Sägespänen gepressten Pellets stammen aus der südbrandenburgischen Lausitz, ergänzt er und versichert, dass der Brenner im Sommer monatelang abgeschaltet bleibt. Dann duschen er und seine Frau ausschließlich mit sonnengewärmtem Wasser.

     

    Akkurat notiert Papsch einmal wöchentlich alle Werte in einer Kladde. Wer in der Energiezentrale in seinem Einfamilienhaus vorbeischaut, dem erklärt Papsch das System mit Hilfe einer Schautafel und der bekommt selbstverständlich auch die beiden Photovoltaikanlagen auf den Schuppendächern zu sehen: In manchem Jahr waren bis zu 100 Interessierte hier – schließlich ist Dietrich Papsch inzwischen über das Erzgebirge hinaus bekannt. Viele Besucher kommen vor allem, weil sie gehört haben, dass sich so Geld sparen lässt – und tatsächlich sind die Holzabfälle als Heizstoff fast zwei Drittel billiger als Öl oder Gas. Papsch selbst allerdings geht es in erster Linie darum, unabhängig von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen zu sein. Vom Gasnetz wollte er sich vor ein paar Jahren in Anwesenheit der Lokalpresse mit viel Tamtam abkoppeln – doch als der Hahn zu seinem Haus abgestellt wurde, lag er im Krankenhaus. „Da war ich mal wieder von einer Leiter gefallen“, erklärt er.

     

    Es ist nicht lang her, dass Papsch die meisten Umbauten im Haus eigenhändig gemacht hat. Unmittelbar nach Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 installierte er als erster im Dorf neun Siliziumplatten auf einer Gartenhütte – und galt damals in seiner Region als völlig exotisch. Doch inzwischen hat er nicht nur im Ortsteil Schellerhau mit seinen 460 Einwohnern fast zwei Dutzend Nachahmer gefunden, sondern auch 200 Haushalte im Hauptort Altenberg machen mit: Damit stieg der Ort in der Solarbundesliga auf – ein Ranking der Deutschen Umwelthilfe, das die Fläche der Solaranlagen im Verhältnis zur Einwohnerzahl als Maßstab hat. Einen erheblichen Anteil an diesem Erfolg hat der Energietisch Altenberg – ein Verein, in dem Handwerker, Lokalpolitikerinnen und Umweltschützer zusammenarbeiten. Den Vorsitz hat, wen wundert’s: Dietrich Papsch. Drei Bürgersolaranlagen auf öffentlichen Gebäuden gibt es inzwischen in dem Erzgebirgestädtchen; ab einem Kapitaleinsatz von 250 Euro kann jeder Einwohner mitmachen.

     

    Den „Solarrentner“ nennen sie ihn hier – und auch wenn Papsch stets von „wir“ spricht, so ist es doch vor allem er, der täglich ein bis drei Stunden unterwegs ist und andere an seinem Wissen über erneuerbare Energien, Umwelt- und Ressourcenschutz teilhaben lässt. Papsch stellt sich vor Schulklassen, organisiert Messeauftritte, veranstaltet Stromwechselpartys und hält kostenlose Informationsveranstaltungen im Rathaus ab. Mehrfach im Monat ruft jemand an, der sein Haus isolieren oder eine neue Heizung anschaffen will, und Papsch gibt Tipps oder vermittelt Kontakte. Auch bei jedem Fest im Freundeskreis kommt er auf das Thema zu sprechen. „Wenn es um die Umwelt geht, kann er sich nicht bremsen“, berichtet seine Frau Christa mit einem halb nachsichtigen, halb besorgten Lächeln.

     

    Den ersten Impuls für sein heutiges Engagement erhielt er schon vor Jahrzehnten. Anfang der 1960er-Jahre, da war Papsch ein junger Maschinenbauingenieur beim Gaskombinat Schwarze Pumpe in Brandenburg und errichtete eine Brikettfabrik, stand er zum ersten Mal vor einem Braunkohletagebau. Er war zutiefst schockiert: Das Loch erschien ihm wie eine gigantische Wunde, die man der Erde zugefügt hatte. „Natürlich hab’ ich mit Freunden und Kollegen darüber gesprochen. Ich frage mich heute öfters, ob ich schon damals hätte radikaler agieren sollen, mich einer Gruppe anschließen. Aber ich bin kein Held“, sagt Papsch. Gut zwei Jahrzehnte später fielen ihm bei einem Ausflug in die Heimat seiner Frau die abgestorbenen Wälder im Erzgebirge auf – und wieder überkam ihn dieses trostlose Gefühl, dass der Mensch die Erde zugrunde richtet.

     

    Als Leiter im Vorstandssekretariat bei der Deutschen Waggonbau und später bei Bombardier traf er nach 1989 Umweltgrößen wie Franz Alt oder Hermann Scheer. Papsch war beeindruckt. Er forderte von seinem Betrieb eine BahnCard 100 statt eines Dienstwagens – und erntete eine Absage. Dann wolle er aber höchstens ein kleines Auto, beharrte Papsch. „Die haben mich gefragt, ob ich die Maßstäbe verderben will, und ich musste dann einen Passat nehmen“, berichtet der Rentner. Mit schlechtem Gewissen fuhr er anschließend mit dem Mittelklassewagen durch die Gegend. Und auch die Kurztrips per Flugzeug zur Konzernzentrale in Kanada gingen ihm gegen den Strich. Als er dann pensioniert war, wollte er endlich umsteuern – nun eben in seinem Alltag und so gut es ging.

     

    Heute steht ein Hybridauto vor seiner Garage, und so häufig wie möglich nutzt Papsch den Bus. Urlaub macht er nur noch in Deutschland, Fleisch kommt nur selten auf den Tisch, Standby-Geräte gibt es in seinem Haushalt nicht, und auch Papiertaschentücher sind für Papsch inzwischen ein völliges Tabu. „Die großen Veränderungen werde ich wohl nicht mehr erleben, aber ich bin Optimist“, sagt Papsch. Jetzt als alter Mann ist er endlich mit sich im Reinen: „Es kommt auf die vielen kleinen Schritte an – und ich glaube, wir sind auf gutem Wege.“

    Annette Jensen
    26. April 2012
    www.energietisch-altenberg.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 251-niederkaufungen

    Mitesser

    Die Gärtnerbetriebe Rote Rübe und Wurzelwerk werden von ländlichen Kollektiven bewirtschaftet und versorgen städtische Mitesser – nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft. Produzierende und Konsumierende gestalten den Anbau gemeinsam.

    Rote Rüben soll man küssen

    Die Gärtnerbetriebe Rote Rübe und Wurzelwerk werden von ländlichen Kollektiven bewirtschaftet und versorgen städtische Mitesser – nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft. Produzierende und Konsumierende gestalten den Anbau gemeinsam.
    Rin in die Kartoffeln. Harald Weinel wirkt nicht wie ein typischer Gärtner. Statt Strohhut und Schürze trägt er strubbeliges schwarzes Kurzhaar, Brille und Sweatshirt. Und er gehört zum dreiköpfigen Kollektiv Rote Rübe in der Kommune Niederkaufungen bei Kassel, das nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft arbeitet. Was soll denn das sein? „Ganz einfach“, erklärt der 35-Jährige. Ein Hof versorge sein soziales Umfeld mit Lebensmitteln, und dieses zahle dem Hof einen Festpreis. Das Prinzip der gegenseitigen solidarischen Unterstützung habe für beide Seiten enorme Vorteile.

     

    Und wie funktioniert das konkret? „Zunächst haben wir ausgerechnet, wie viele Menschen wir mit Gemüse versorgen können“, erklärt er. Anbieter sind in diesem Fall neben der Roten Rübe auch das Wurzelwerk – der Gärtnerbetrieb der 22-köpfigen Lebensgemeinschaft gASTWERKe. Was die beiden Betriebe produzieren, reicht für rund 240 Menschen, so die Berechnung. „Dann kalkulieren wir die jährlichen Betriebskosten, also Saatgut, Löhne, Maschinen und Pacht, und unterbreiten das Ergebnis unserer Konsumentengruppe. Und wir reden mit unseren Abnehmern gemeinsam darüber, was und wie viel angebaut werden soll“, sagt er. Je nach Einkommen zahlen die Käufer einen höheren oder niedrigeren Monatsbetrag, im Durchschnitt gut 50 Euro. Das sei weit weniger, als es im Bioladen kosten würde, rechnet der Kollektivgärtner vor. Schließlich ist der Vertrieb in der Solidarischen Landwirtschaft denkbar einfach: Das Frischgemüse wird an mehrere Abholstellen geliefert. In Kassel sind das drei Garagen, andernorts zwei weitere Stellen; außerdem verkaufen Rote Rübe und Wurzelwerk ihre Produkte auf herkömmliche Weise im eigenen Hofladen.

     

    Die Vorteile dieser Zusammenarbeit stehen für die Rote Rübeaußer Frage: Die Hofgemeinschaft hat Planungssicherheit, ein garantiertes Einkommen und ist geschützt vor Ernteausfällen oder willkürlichen Zuckungen des Marktes. Und die Konsumierenden wissen genau, dass ihr Gemüse frisch und gesund ist; wer möchte, kann mit seinen Kindern die Tomaten oder Radieschen auf dem Acker besuchen.

     

    Linsengerichte. Seinen normalen Arbeitstag verbringt der Gärtner Weinel säend und erntend auf anderthalb Hektar fruchtbarem Löß, auf denen er und die anderen beiden Roten Rüben eine ganze Palette an Gemüse und Kräutern anbauen. Das Land gehört zur malerischen Gemeinde Niederkaufungen, wo sich die gleichnamige 80-köpfige Kommune 1987 niedergelassen hat – und sich vom eigenen Acker ernährt. „Solch eine Gemüsevielfalt könnten wir nie zu marktüblichen Preisen anbieten, das geht nicht mit großen Maschinen, das ist alles Handarbeit“, sagt Weinel. Heutzutage müsse sich ein Landwirt auf ein oder zwei Sorten spezialisieren, um zu überleben – wer sich diesem Marktzwang verweigere und viele verschiedene Produkte anbaue, sei gezwungen, die für ein Linsengericht zu verkaufen. Auch die Rote Rübe musste ihr Gemüse früher im eigenen Hofladen zeitweilig unterhalb der Produktionskosten verhökern. Mit dem System der Solidarischen Landwirtschaft könne das nicht mehr passieren. „Wer einmal damit angefangen hat“, sagt Harald Weinel deshalb, „der will nie wieder was anderes machen.“

     

    Wen der Hafer sticht. Die meisten Höfe, die Solidarische Landwirtschaft praktizieren, sind Familienbetriebe. „Wir sind fast die einzige Kommune, die das macht“, erklärt Gärtner Weinel – aber im Wendland gebe es noch mindestens eine weitere. SoLaWi, wie ihre Fans dazu sagen, wird inzwischen bundesweit von 23 Höfen praktiziert, Tendenz steigend; der älteste ist der seit 1988 auf diese Weise wirtschaftende Buschberghof nahe Hamburg. Das ist jedoch nichts im Vergleich zu Japan, wo das System der Teikei(Partnerschaftshöfe) inzwischen sogar ein Viertel aller Japaner versorgt.

     

    Auch in den USA gibt es inzwischen rund 2.500 Höfe, die dort community-supported agriculture (von der Gemeinschaft unterstützte Landwirtschaft) heißen. In Frankreich wiederum nennt man sie association pour la maintenance de l’agriculture – AMAP (Verbund zum Erhalt der Landwirtschaft). Angesichts des allgemeinen Hofsterbens fühlte sich der südfranzösische Zweig von attac im Jahr 2001 vom Hafer gestochen und gründete den ersten AMAP-Hof nahe Aubagne in der Provence. Ein 2004 ebenfalls in Aubagne ins Leben gerufenes internationales Netzwerk der Solidarhöfe lässt deren Zahl seitdem europaweit in die Höhe schnellen. 2011 entstand daraus in Deutschland das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft.

     

    Rumgurken I. „Auch wir machen das erst seit zwei Jahren“, sagt Harald Weinel. „Ehec-Plagen und anderes können uns nichts mehr anhaben. Und Nichtgenormtes, wie krumme Gurken, muss nicht mehr weggeschmissen werden.“ Anders als bei üblichen Abo-Kisten, in die auch „fremde“ Früchte gepackt würden, wenn die Kundschaft laut danach krähe, böten sie wirklich nur das an, was gerade auf dem Acker reif sei.

     

    Wie ein Storch im Salat. Salat, findet Harald Weinel, sei ein „schwieriges Produkt“, noch schwieriger als Gurken. Ständig gebe es zu viel oder zu wenig, und seine Frische welke schnell dahin. Der Vorteil der Solidarischen Landwirtschaft, fügt er schnell hinzu, sei aber auch, dass eine mögliche Überproduktion kollektiv und mit einem gewissen Spaßfaktor beseitigt werden kann: „Wir rufen schon mal dazu auf, gemeinsam Tomaten einzukochen oder Sauerkraut zu stampfen. Vor allem den Kindern macht das Gemantsche einen Heidenspaß.“

     

    Rumgurken II. Ungenormt wie die Gurken ist auch Weinels alternative Lebensgemeinschaft, die nach 25-jähriger Existenz in der Gemeinde Niederkaufungen akzeptiert und fest verankert ist. Der frühere Bürgermeister Günther Burghardt findet es „erfreulich“, dass die Bürger sähen, „es gibt noch was anderes als den Singverein und die Kneipe“. Die Kommune sorgt für Touristen aus dem In- und Ausland und hat zudem eine ganze Reihe von Jobs und Betrieben geschaffen: die von Bioland zertifizierte Ökogärtnerei der Roten Rübe nebst Hofladen, eine Obstmanufaktur, ein Planungsbüro für ökologisches Bauen, eine Schreinerei und Metallwerkstatt, die Kita Wühlmäuse, eine Tagespflege für Demenzkranke, ein Tagungshaus und eine Küche. Außerdem verfügt die Gemeinschaft über einen ganzen Fuhrpark von Elektrofahrzeugen vom E-Bike bis zum Lastenfahrzeug, mit denen man probeweise in der Gegend rumgurken kann. Holterdipolter auch über Wurzelwerk und abgeerntete Felder von roten Rüben.
    Ute Scheub
    26. April 2012

    www.kommune-niederkaufungen.de

    www.solidarische-landwirtschaft.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 240-isocal

    Heißes Eis

    Die Firma isocal hat eine Idee von Albert Einstein in die Praxis umgesetzt: Heizen mit Eis. Ein in der Erde vergrabener Behälter speichert Energie auf einem Temperaturniveau, bei dem keine Isolierung nötig ist.

    Eisheizung

    Die Firma isocal hat eine Idee von Albert Einstein in die Praxis umgesetzt: Heizen mit Eis. Ein in der Erde vergrabener Behälter speichert Energie auf einem Temperaturniveau, bei dem keine Isolierung nötig ist.

    Heizen mit Eis: Für den Laien klingt das genauso unglaublich wie die Schokoladendiät. Doch es geht tatsächlich, wie Alexander von Rohr vor einigen Jahren zunächst mit Hilfe eines schlichten Zinkeimers herausfand. Inzwischen haben deutschlandweit 180 Einfamilienhäuser einen Eisspeicher im Garten, und sogar ganze Siedlungen mit mehreren Hundert Wohnungen beziehen ihre Wärme vollständig aus gefrorenem Wasser. Damit sparen sie auf längere Sicht nicht nur die Hälfte ihrer Heizkosten. Die Technik ist auch völlig ungefährlich und überaus klimafreundlich.

     

    Das physikalische Prinzip ist altbekannt, und kein Geringerer als Albert Einstein meldete darauf bereits 1930 ein Patent an. Eine Kopie seines Antrags hängt bei der kleinen Firma isocal in Friedrichshafen im Konferenzraum. „Allerdings hat es sich bis vor 20 Jahren nicht gelohnt, die Technik zu nutzen, weil Öl und Gas noch zu billig waren“, erläutert Maschinenbauingenieur Heiko Lüdemann, der zusammen mit seinem Berufskollegen Alexander von Rohr das 18-Personen-Unternehmen leitet.

     

    „Wenn man Wärme erzeugt, entsteht Kälte – und umgekehrt. Energie kann ja nie verbraucht, sondern nur gewandelt werden“, benennt Lüdemann das physikalische Gesetz, das auch jedem Mittelstufenschüler bekannt sein sollte. Konkret geht die Sache so: Kristallisiert Wasser bei null Grad, wird dabei so viel Energie freigesetzt, wie nötig ist, um die gleiche Menge Wasser auf 80 Grad zu erhitzen. Natürlich kann man die beim Gefrieren entweichende Energie nicht unmittelbar zum Heizen einsetzen. Vielmehr nutzt isocal dafür zwei weitere physikalische Gesetze: Temperaturen in benachbarten Räumen gleichen sich aus. Und einige Substanzen verdampfen bei Minustemperaturen zu Gas und dehnen sich dabei aus.

     

    Legt man nun ein mit einer sehr kalten Flüssigkeit gefülltes Rohr in einen Wasserbottich, so gefriert das Wasser rundherum – erstes Gesetz. Zugleich verwandelt sich die Flüssigkeit im Schlauch in Gas – zweites Gesetz – und treibt durch die Ausdehnung eine Pumpe an. Der Druck erwärmt die Pumpe, und mit dieser wird dann das Haus geheizt.

     

    Weil im Erdreich auch im Winter Temperaturen von sechs bis acht Grad herrschen, schmilzt ein Teil des so produzierten Eises immer wieder. Auch der mit der Speicherapparatur zusammenarbeitende Solarkollektor auf dem Dach unterstützt das Tauen, sofern nicht im Haus warmes Wasser zum Duschen gebraucht wird. Die Erwärmung des Wassers im Eisspeicher führt dazu, dass sich die Kühlflüssigkeit im Rohr wieder stärker ausdehnt, die Pumpe Wärme abgibt – und so kann es immer weitergehen, bis der Winter zu Ende ist. „Man könnte natürlich auch von der Sonne erhitztes Wasser speichern und damit heizen. Aber dann bräuchte man eine extrem gute – und teure – Isolierung“, erläutert Lüdemann und ergänzt: „Wir speichern auf dem Temperaturniveau, auf dem es am billigsten ist.“

     

    Rund 14.000 Euro kostet ein 10.000-Liter-Speicher für ein Einfamilienhaus; hinzu kommen noch etwa 20.000 Euro für Anschlüsse, Wärmepumpe, die Rohre in den Fußböden und die Arbeitsstunden der Handwerker. Aufgrund der hohen Energiemenge, die bei der Verwandlung von Wasser zu Eis frei wird, ist die Ausbeute aber beachtlich: Ein 10.000-Liter-Speicher reicht aus, um in unseren Breitengraden in einem Einfamilienhaus komplett auf eine andere Heizung zu verzichten. Dabei ist das Eis zunächst eine Art Abfallprodukt. Im Sommer dann lässt es sich aber bestens zum Kühlen nutzen.

     

    Das dahinterstehende Wissen ist alles andere als neu. Was andere Firmen aber bisher davon abschreckte, die Technik einzusetzen, ist die immense Sprengkraft von Eis. Jeder, der je eine Flasche Wasser oder Bier auf dem eisigen Balkon oder in der Kühltruhe vergessen hat, kennt das Problem: Der Behälter platzt. Und genau für dieses Problem hat Alexander von Rohr, der früher als Entwickler in einem Heizungsbaubetrieb gearbeitet hat, eine schlaue Lösung gefunden. Während der Vereisungsprozess natürlicherweise von außen nach innen und von oben nach unten abläuft, sorgt seine Rohrkonstruktion dafür, dass bei den isocal-Speichern das Eis von unten nach oben und von innen nach außen entsteht.

     

    Erstmals ausprobiert hat von Rohr das im Jahr 2004 in dem besagten Zinkeimer. Quer zum Boden schweißte er auf halber Höhe eine Leitung ein, füllte den Eimer mit Wasser und jagte minus 18 Grad kaltes Frostschutzmittel durch das Rohr. Die Eisschicht begann um die Mittelstrebe herum zu wachsen, die Außenwand des Eimers wurde nicht belastet.

     

    Genauso funktioniert die Eisheizung heute auch im Großen: Die spiralförmigen Plastikrohre befinden sich in der Mitte und im unteren Teil des Behälters. Weil die Betonwände keinerlei mechanischer Belastung ausgesetzt sind, bescheinigt Lüdemann den Speichern eine Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren. Das Ganze ist außerdem so gut wie wartungsfrei. Und sollte es trotzdem mal zu einem Leck kommen, ist das für die Umwelt völlig ungefährlich: Schließlich befindet sich im Speicher ja nichts anderes als Wasser.

     

    Theoretisch kann die Heizungsanlage deshalb auch im Sommer als Zisterne für den Garten genutzt werden. Allerdings solle man nicht vergessen, im Herbst wieder Wasser einzufüllen, sonst werde es im Winter ungemütlich, warnt Lüdemann. Zugleich gehen seine Überlegungen auch in eine andere Richtung. Man könnte die Konstruktion ja auch zur stromfreien Produktion von Kälte nutzen – zum Beispiel für die Fußballstadien bei der Weltmeisterschaft in Katar.

    Annette Jensen
    19. April 2012
    www.isocal.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 238-theater-am-rand

    Rand-Erscheinung

    Das Theater am Rand im Oderbruch serviert Kostbarkeiten – Theater, Musik, Kino, Landbrote, Umweltdebatten. Statt Eintritt zahlt man Austritt. Der Musiker Tobias Morgenstern hat das nachhaltige Gesamtkunstwerk in „vorauseilendem Ungehorsam“ aufgebaut.

    Variationen in Stur und Moll

    Das Theater am Rand im Oderbruch serviert Kostbarkeiten – Theater, Musik, Kino, Landbrote, Umweltdebatten. Statt Eintritt zahlt man Austritt. Der Musiker Tobias Morgenstern hat das nachhaltige Gesamtkunstwerk in „vorauseilendem Ungehorsam“ aufgebaut.

    Die Landschaft des Oderbruchs: wild, menschenleer, feuchtneblig. Der Himmel spannt sich so weit, dass Sehnsucht aufkommt. Nach was? Keine Ahnung. Mittendrin taucht etwas auf wie ein Fluchtpunkt. Ein Treffpunkt für Visionäre und Verrückte. Ein einladendes Kraftzentrum. Ein Theater, gebaut aus mannsdicken Eichenstämmen, ganz am Rande von Raum und Zeit – fast direkt an die Oder geschmiegt, unmittelbar an der polnischen Grenze im brandenburgischen Örtchen Zollbrücke, dessen Brücke schon lange nicht mehr existiert.

     

    Dafür schlägt nun das Theater eine Brücke: zwischen Kultur und Natur, Landwirtschaft und Landschaft, Städtern aus dem nahen Berlin und dem Landvolk des feuchten Oderbruch. „Randthemen“ sind seine Spezialität, und nicht nur die präsentiert es so überzeugend, dass es ein Wunder vollbringt: In einem 19-Seelen-Ort sind seine 200 Plätze fast immer ausgebucht.

     

    Verantwortlich für diese wundersame Marginalie, in der die hektische Moderne zum Stillstand kommt, sind die Betreiber: der Musiker Tobias Morgenstern und der Schauspieler Thomas Rühmann. Die von Anthroposophie, Musik und Rhythmik beeinflusste Architektur der krummen Hölzer und schiefen Winkel formt sich zu zwei Bühnen, eine überdacht und eine open air mit Blick auf kreisende Seeadler und stolzierende Störche. Auf Permakulturbeeten rund ums Theater wächst roter Amaranth. Ein großes gelbes X, dem anti-atomaren Widerstandssymbol im Wendland nachempfunden, warnt den Energiekonzern Vattenfall davor, sich mit der Verpressung von Kohlendioxid in den Untergrund (CCS) den Zorn der Leute zuzuziehen. Auf den Toiletten dürfen sich Besucher ein paar Cent von einem Tellerchen nehmen – für die Zurücklassung „wertvoller Inhaltsstoffe“, die zur fruchtbaren Schwarzerde Terra Preta verarbeitet werden. Eintritt bezahlt hier auch niemand, nur Austritt am Ende des Abends – zu einem selbstgewählten Betrag. Das Ganze ist ein Gesamtkunstwerk der Nachhaltigkeit, dem seine Erbauer sichtlich Zeit ließen, organisch zu wachsen.

     

    Einen Rückzugsraum am Rande der Zeit hatte er gesucht, der 1960 in Dresden geborene Tobias Morgenstern, als er Mitte der 1980er-Jahre das Fachwerkhaus nebenan bezog. Damals brauchte er einen stillen Ort zum Komponieren und Musizieren, wo er nur Vögel und Frösche hörte und den ewigen Wind. Aufgewachsen in einer musischen Familie, spielt er Akkordeon, seit er denken kann, besuchte ab seinem sechsten Lebensjahr eine Musikschule und studierte die Kunst der Klänge in Weimar. Vier Jahre lang machte der ebenso unangepasste wie vielseitige Morgenstern im Erich-Weinert-Ensemble der DDR-Armee einen auf braven Soldat Schwejk, nebenbei komponierte er Lieder, Ballettmusik, Chorstücke. 1987 gründete er die Musikgruppe L’art de passage, stilistisch irgendwo zwischen Tango, Jazz und Latin gelegen, und brachte damit die erste World Music in die miefige kleine DDR.

     

    „Sehnsucht nach Veränderung“ hieß eine ihrer Langspielplatten, ein politisch programmatischer Titel, der rund 30.000 mal verkauft wurde. Der 52-jährige Morgenstern hat bis heute insgesamt etwa 60 CDs produziert – auch zusammen mit Schauspielern und Musikern von Barbara Thalheimer bis Rio Reiser. Aber l’art pour l’art war nie seine Sache; immer schon beschäftigten ihn die großen Zusammenhänge, die Politik, die Natur, die Kommunikation des Menschen mit seiner Landschaft.

     

    In der Großstadt rennt die Zeit davon, hier am Rande des Grenzflusses scheint sie zu stocken. Die Landschaft lädt ein zum Hören, Sehen, dazu, die frische Luft zu fühlen, der Geschichte nachzuspüren. Wohl nicht zufällig war es anlässlich einer Lesung von Sten Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit im Berliner Maxim Gorki Theater, dass Morgenstern 1997 den vier Jahre älteren Schauspieler Thomas Rühmann kennenlernte. Der fragte, ob sie zusammen Das grüne Akkordeon von E. Annie Proulx inszenieren könnten, die Geschichte eines Akkordeons, das sich durch ein ganzes Jahrhundert spielt. Sie führten das Stück in Zollbrücke auf, nur vor Freunden, im Wohnzimmer von Morgenstern, das aus den Nähten platzte. Immer mehr kamen, der Musiker meißelte eine Wand heraus, aber der Platz reichte immer noch nicht.

     

    Also entstand das Theater – zufällig, wie nebenher. „Es hat mir Spaß gemacht, ein Gelände zu entwerfen, Räume zu entwickeln“, sagt der Improvisationskünstler Morgenstern, dem ein wohlwollendes Bauamt seine „im vorauseilenden Ungehorsam“ entworfenen Gebäude noch im Nachhinein genehmigte. In den neuen Räumen wiederum formten sich neue Stücke. Seide zum Beispiel, das die Reise eines Seidenraupenhändlers bis ans Ende der Welt erzählt. Auch Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit, die szenisch-musikalisch inszenierte Geschichte des Nordpolfahrers John Franklin, der anders denkt, sieht und handelt als der Mainstream, gehört zum festen Repertoire des Hauses. „Die langsame Arbeit ist die wichtigere“, gibt sich Morgenstern überzeugt.

     

    Überhaupt lässt man den Mainstream hier gern vorbeiziehen und widmet sich stattdessen den Randthemen. Dazu organisiert die Mitarbeiterin Juliane Scheel eine Veranstaltungsreihe: Windenergie. Hochwasserschutz. Amaranth-Anbau. Landwirtschaft ohne Gentechnik. Die weite Welt der Subsistenz. Geld – Wurzel allen Übels. Lebensmittellügen. Terra Preta. Viele hochkarätige Vortragende waren schon hier, brachten neues Wissen und viele Gäste mit.

     

    Wenn eine Veranstaltung steigt, sind die Schlafplätze in den umliegenden Gasthäusern belegt, und auch deshalb ist das Theater bei der hiesigen Randbevölkerung beliebt. Die Gemeinde beteiligte sich an der Gestaltung der Außenanlagen, der Ziegenwirt von nebenan verkauft seinen Käse an die Gäste, und eine Frau, die sich extra zur Bäckerin umschulen ließ, verkauft nunmehr aus dem Holzbackofen bei jeder Vorstellung rund 50 schwere dunkle Brote.

     

    Das Erfolgsgeheimnis des Theaters besteht wohl darin, dass hier pure Spielfreude am Werke ist. Von dem halben Dutzend Mitarbeitenden hat keiner jemals auf Gewinne spekuliert. Der Komponist, Produzent, Intendant und Bauherr Tobias Morgenstern kann von seiner Musik leben, der Schauspieler Thomas Rühmann von der seit 1998 laufenden ARD-Serie In aller Freundschaft, in der er einen Chefarzt spielt. Morgenstern steht dem Kapitalismus mit seinem Profitwahn genauso fern wie dem autoritären Staatssozialismus der DDR. Die Fieberkurve der Börse hat er auf ein Notenblatt gelegt und daraus ein in wilden Zacken verlaufendes Stück komponiert. Als Alternative sieht er das zinslose Regiogeld, ihm hat er ein Sonett gewidmet.

     

    Zeit ist Geld? Nicht hier, nicht in diesem randständigen Örtchen, das in seinen utopisch anmutenden Entwürfen der Zukunft der Menschheit womöglich näher ist als jede Großstadt. 

    Ute Scheub
    19. April 2012
    www.theateramrand.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 236-toiletten-hamburg

    Innere Werte

    Die Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof werden in Kreislaufwirtschaft betrieben. In einem weltweit einmaligen System produzieren sie Dünger und fruchtbare Schwarzerde.

    Humus aus dem Hauptbahnhof

    Die Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof werden in Kreislaufwirtschaft betrieben. In einem weltweit einmaligen System produzieren sie Dünger und fruchtbare Schwarzerde.

    Der Hamburger Bevölkerung ist vermutlich noch nicht klar, über welche inneren Werte sie verfügt. Hygienisiert, gelagert und kompostiert wird ein Teil ihrer Verdauungsprodukte zu geruchsfreiem Humus der besten Sorte. Unter der Obhut von Peter-Nils Grönwall, dem für Gewässerschutz zuständigen Beamten der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, werden damit Friedhofsanlagen, öffentliche Parks und Kleingärten gedüngt. Ein Teil der in diesen Grüngebieten wachsenden Sträucher wird später zu Energieholz verarbeitet und kann Strom, Wärme und Biokohle produzieren.

     

    Der Ort, wo dieses weltweit einmalige urbane Kreislaufsystem seinen Ausgang nimmt, ist denkbar unscheinbar: die öffentlichen Sanitäranlagen im Hamburger Hauptbahnhof. „Wenn Klugscheißer fliegen könnten, wäre das hier ein einziger Flughafen“, steht auf einem Schild neben dem Platz, wo die Toilettenfrau aufpasst. Wenn sie Besuch von Peter-Nils Grönwall bekommt, der die Anlage konzipiert hat, spendiert sie ihm einen Kaffee. Das Personal der öffentlichen Örtchen in der Hansestadt ist dem sozial denkenden Umweltfachmann dankbar. Der 63-jährige Ökonom und Soziologe hat für den Erhalt der Arbeitsplätze der Sanitärbediensteten gesorgt – und für die Erhöhung ihres Ansehens. Immer öfter inspizieren Wissenschaftler und Journalistinnen die abschnittsweise gläsernen Abwasserrohre der Hamburger Unterwelt.

     

    Nichts daran ist eklig, alles erscheint erstaunlich sauber. Das liegt an dem raffinierten Trennungssystem, das die Ausscheidungen für die Weiterverarbeitung vorbereitet. Männer pinkeln in wasserlose Urinale; bei ihnen kann Flüssiges und Festes getrennt und in Kellertanks gesammelt werden. Bei Frauen ist die Trennung nicht möglich, aber die installierten GreenGain-Toiletten reduzieren die Abwassermenge pro Spülung um zweieinhalb Liter. Zusätzlich sorgen mikrobiologisch arbeitende Filter im Keller für eine fast vollständige Trennung der Stoffströme aus den Damenklos. Aufbereiteter Urin sei ein äußerst wertvoller Dünger, erläutert Grönwall, enthalte er doch neben wichtigen Spurenelementen jede Menge Stickstoff und Phosphor – letzteres ein für die Welternährung unverzichtbares Element, das global gesehen immer knapper wird.

     

    Den im Untergrund des Bahnhofs ankommenden Kot vermischt die Anlage automatisch mit Pflanzenkohle und fermentiert sie mit Effektiven Mikroorganismen. Die begleitende Forschung des Harburger TU-Professors Ralf Otterpohl und der Leipziger Professorin Monika Krüger hat ergeben, dass beide Stoffe zusammen für die zuverlässige geruchsfreie Hygienisierung und Abtötung schädlicher Keime sorgen. Nach dieser Mischprozedur auf den Kompost gegeben, wird Humanabfall wieder zu Humus respektive zu der äußerst fruchtbaren Schwarzerde Terra Preta. Dass „Humus“ und „human“ eine gemeinsame Sprachwurzel haben, dass die Menschwerdung ohne fruchtbaren Boden nicht hätte gelingen können, darauf hat schon der Künstler Friedensreich Hundertwasser in seinem Gedicht „Die heilige Scheiße“ hingewiesen.

     

    Dabei macht sich die Anlage im Hamburger Untergrund noch auf andere Weise um die Fruchtbarkeit verdient: Sie filtert medikamentöse Wirkstoffe und Antibabypillen-Hormone aus den menschlichen Ausscheidungen heraus – ganz im Gegensatz zu konventionellen Kläranlagen. Das von herkömmlichen Anlagen gereinigte Abwasser Hamburgs fließt über die Elbe in die Nordsee, mitsamt Nährstoffeinträgen, abgelagerten Medikamentenrückständen und Hormonen. Dadurch kommt es zu Anreicherungen im Gewässer – und zu Schaum- und Algenbildung. Solche Schadstoffe können Fische und Muscheln verweiblichen. Werden diese von Menschen gegessen, schließt sich ein anderer, ein unfreiwilliger hormoneller Kreislauf: Männer werden tendenziell unfruchtbar.

     

    Seit Grönwall in den 1990er-Jahren den Betrieb der knapp 200 öffentlichen Toiletten der Hansestadt übernahm, „in versifftem Zustand“, wie er sagt, räumt er mit solchen Problemen auf. Zwar sind Humusproduktion und Filtertechnik noch den öffentlichen Toiletten am Hauptbahnhof vorbehalten, jedoch wurden sämtliche städtische Toiletten, vom noblen Jungfernstieg bis zu den Hamburger Badeseen, auf das ebenso saubere wie wassersparende GreenGain-System umgerüstet. Einige arbeiten zusätzlich mit Solarpumpen.

     

    In den Toiletten am Hauptbahnhof hinterlassen jährlich rund 200.000 Menschen ihre Nährstoffe. Grönwalls Anlage spart dort nicht nur Lebensmittel – das zum Wegspülen missbrauchte Trinkwasser –, sondern auch jede Menge Material. Die Rohre sind dünner, es gibt darin keine Ablagerungen und deshalb kaum Wartungskosten. In der gesamten Hansestadt haben die Bemühungen des engagierten Umweltschützers Grönwall das Geld für Wasser, Strom, Rohre und Entsorgung von vorher jährlich drei Millionen Euro auf heute 631.000 Euro reduziert – eine Einsparung von rund vier Fünftel der Kosten. Und weil das neue System auch noch sauberer funktioniert und einen hygienischeren Eindruck hinterlässt als das alte, sind zudem die Kosten für Reparaturen aufgrund von Vandalismus und Zerstörungen zurückgegangen.

     

    Dennoch hat Peter-Nils Grönwall, der über die Anti-Atomkraft-Bewegung zur Ökologie kam und seit 25 Jahren in der Umweltbehörde arbeitet, immer noch mit Widerständen und Vorurteilen zu kämpfen – vor allem seitens der Stadtplaner. „Die wollen die Anlagen immer irgendwo verstecken. Aber Menschen sollten zu Toiletten gehen können“, lächelt der Grauhaarige hinter seiner Brille. Längerfristig möchte der Umweltschützer sämtliche 200 städtischen Sanitäranlagen zu Humusproduzenten machen und damit eine neue urbane Kreislaufwirtschaft aufbauen. Deshalb redet er auch nie von Kot, sondern von Wertstoffen und Nährstoffen, die nicht in der Kanalisation verloren gehen dürften. Und die Toilettenfrau im Hamburger Bahnhof weiß vermutlich, warum sie den Spruch von den Klugscheißern angebracht hat. Sich dort hinzuhocken heißt: klug zu scheißen.

    Ute Scheub
    12. April 2012
    www.hamburg.de/bsu

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 237-halbzeitvegetarier

    Zweitakter

    Gleichgesinnte schließen sich auf der Internetplattform Halbzeitvegetarier zusammen, um weniger Fleisch zu essen. Die Initiatorin Katharina Rimpler sieht in dieser Methode einen sanften Weg, Alltagsgewohnheiten zu verändern.

    Zusammen isst man weniger allein

    Gleichgesinnte schließen sich auf der Internetplattform Halbzeitvegetarier zusammen, um weniger Fleisch zu essen. Die Initiatorin Katharina Rimpler sieht in dieser Methode einen sanften Weg, Alltagsgewohnheiten zu verändern.

    Es war Lev Tolstoi, der sagte, der Mensch müsse die fleischhaltige Ernährung aufgeben, um den Sinn des Lebens zu finden und sich weiterentwickeln zu können. In der Kreuzersonate schreibt er: Wenn der Mensch einen moralischen Weg suche, so wäre das erste, worauf er verzichten müsse, das Fleisch. Neben einer Aufregung der Leidenschaften, die durch diese Nahrung verursacht werde, sei das Fleischessen an sich unsittlich, weil es die Tat des Mordens erfordere. Tolstois Feldzug gegen das Fleisch machte auch vor seiner eigenen Familie nicht Halt: Als ihn eines Tages seine Tante, eine überzeugte Fleischesserin, besuchte, servierte Tolstoi  ihr einen Truthahn, den er lebendig auf den Teller gebunden hatte, mit den Worten: „Umbringen musst du ihn schon selber, wir haben es nicht übers Herz bringen können“. Ganz klar: Der radikal denkende und handelnde Tolstoi hätte Menschen, die nur hin und wieder oder an nur einem Tag in der Woche auf Fleisch verzichten, als fadenscheinig und inkonsequent beschrieben.

     

    Die gesellschaftskritischen Überzeugungen Tolstois in punkto Fleischkonsum würde die 159 Jahre jüngere und heute 25 Jahre alte Katharina Rimpler vielleicht teilen – die fundamentalistische „Methode Truthahn“ kann sie allerdings nicht gutheißen. Rimpler hat mit ihrer 2011 in Betrieb genommenen Internetplattform Halbzeitvegetarier eine barmherzige und sanfte Art entwickelt, weniger Fleisch zu konsumieren. Als chronisch finanziell klamme Studentin der Kulturwissenschaften schrieb sie einen EU-Antrag, und ihr Konzept, dass „zwei halbe Vegetarier auch ein ganzer“ sind, überzeugte. Mit dem Geld aus dem europäischen Programm JUGEND in Aktion und mit der Unterstützung eines befreundeten Webdesigners konnte es an die Realisation gehen.

     

    Ihr Internetforum ist für diejenigen gemacht, die zwar darüber nachdenken, sich vegetarisch zu ernähren, das aber bisher noch nicht in die Tat umgesetzt haben. „Zu zweit ist man weniger allein“, und zu zweit ist es einfacher, selbstgesteckte Ziele zu erreichen. „Man kennt das auch aus anderen Situationen: Wenn man sich zum Joggen mit anderen verabredet, geht man eine soziale Bindung ein, das macht es freudvoller, sich zu überwinden und durchzuhalten, und es macht es schwieriger, Vereinbarungen zu brechen“, erläutert Rimpler das Tandemprinzip ihrer Halbzeitvegetarier. Dort schließen sich Paare, Freunde und Familienmitglieder oder auch völlig Fremde zusammen, um sich ohne externe Vorgaben zu verpflichten, ihren Fleischkonsum zu halbieren und den Fleischverzicht auszuprobieren. Die Tandempartner begeben sich in ein Selbstexperiment, motivieren sich gegenseitig und tauschen sich aus.

     

    Katharina Rimpler macht – ganz nebenbei und von Berufs wegen – ein paar kulturwissenschaftliche Beobachtungen: „Männer werden zunächst von ihren Tandempartnerinnen überredet, bemerken dann aber schnell die Vorzüge der vegetarischen Kost, und es fällt ihnen auf, dass ein vegetarisch kochender Mann durchaus sexy sein kann.“ Die andere Hälfte der Halbzeitvegetarier – also die personelle Hälfte, die an manchen Tagen noch (!) immer Fleisch verzehrt –, tut das dann bewusster und konsumiert weniger wahllos: „Wenn die sogenannten Flexitarier dann hin und wieder Fleisch essen, so verzichten sie auf Rindfleisch und achten darauf, dass das Fleisch in biologischer Landwirtschaft erzeugt wurde“, freut sich Rimpler auch über diese Halb-Erfolge.

     

    Um die Wahrheit, dass Massentierhaltung ungerecht, ungesund und unökologisch ist, kommt man selbst bei den einst farbenprächtigen Truthähnen nicht herum. Das bunte Federvieh aus Tolstois Zeiten ist heute zur bewegungsunfähigen weißen Mega-Pute der Massentierhaltung mutiert. Auf engsten Raum zusammengepfercht, verstümmelt und verletzt, mit Antibiotika vollgestopft, in gigantischen und hochtechnisierten Anlagen werden die Tiere erst gemästet und am Ende per Elektroschock im Wasserbad getötet. Wog der Truthahn im Hause Tolstois ungefähr elf Kilogramm, so kommt ein Mastvieh in der Gegenwart auf das Doppelte.

     

    Eine „dumme Pute“ ist dabei heute eigentlich keiner mehr; alle sind gut informiert und kennen die Folgen unseres Fleischkonsums. Dennoch: Fast 50 Prozent der Männer und rund 18 Prozent der Frauen essen täglich Fleisch. Kommt also erst das Fressen, dann das Gewissen und die Moral? Nur geschätzte 7 Prozent der Deutschen ernähren sich fleischlos, sind also vom Wissen zu einer veränderten Alltagspraxis gelangt.

     

    Hard-Liner des Vegetarismus und Veganer aber sehen in Rimplers Halbzeitvegetarier keine willkommene Unterstützung ihrer Bewegung, sondern kritisieren die Idee und greifen die junge Studentin öffentlich an. „Ich habe viel gelernt darüber, wie man eine Idee umsetzt, wie man sie öffentlich präsentiert, aber ich musste auch lernen, dass es Leute gibt, die einen anfechten, weil sie in den Halbzeitvegetariern eine Verweichlichung des Vegetarismus sehen“, erklärt Rimpler.

     

    Die Kulturwissenschaftlerin selbst ist keine moralisierende Tolstoianerin und lebt auch nicht wie eine Asketin. Wenn sie bald zwei Jahre für die gemeinnützige Bildungsinitiative Teach First tätig sein wird, will sie bereits Kinder und Jugendliche mit ihrer Idee anstecken und sie vielleicht zu angehenden Halbzeitvegetariern machen. Denn: „Das Wissen ist nicht das Wichtigste“, sagt Katharina Rimpler, „Erziehung, Rituale und Traditionen, Gewohnheiten und eingefahrene Denkmuster wirken viel stärker.“ Ein vegetarisches Weihnachtsessen in Deutschland oder Thanksgiving ohne Truthahn in den USA – an diesem Tag werden allein 46 Millionen dieser Tiere in die Röhre geschoben – scheint für viele undenkbar. Ebenso ranken sich viele Kindheitserinnerungen lebenslang um das Thema Fleisch; Schnitzel, Rouladen, Sauerbraten, Kassler und Königsberger Klopse bleiben trotz vegetarischer Alternativen die Lieblingsgerichte der Deutschen. Insbesondere die ältere Generation glaubt an die Kraft und Wirkung von Fleisch, das sei das wertvollste Lebensmittel, mache stark und widerstandskräftig.

     

    „Der Frühling ist die Zeit der Pläne, der Vorsätze“, sagte Lev Tolstoi. Vielleicht nehmen sich auch in diesem Frühling 2012 einige Menschen vor, den Truthahn von ihrem Teller loszubinden: Free the turkey!

    Dana Giesecke
    12. April 2012
    www.halbzeitvegetarier.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 231-initiative-moeckernkiez

    Kiezlebauer

    Die Initiative Möckernkiez baut in Berlin-Kreuzberg ein ganzes Stadtviertel für 1.000 Menschen – transkulturell, generationen-übergreifend und mit geringem ökologischen Fußabdruck. Miteinziehen wird die Nachhaltigkeitsforscherin Hildegard Kurt.

    Gemeinschaftsinnig und rückzugsoffen

    Die Initiative Möckernkiez baut in Berlin-Kreuzberg ein ganzes Stadtviertel für 1.000 Menschen – transkulturell, generationen-übergreifend und mit geringem ökologischen Fußabdruck. Miteinziehen wird die Nachhaltigkeitsforscherin Hildegard Kurt.

    Mitten in Berlin entsteht ein drei Hektar großes neues Stadtviertel. Mit 400 Wohnungen für 1.000 Menschen, mit zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen, Kiezküche, Gewerbe und Hotel ist es das größte bundesweite Projekt dieser Art. Am südlichen Rand des Bürgerparks Gleisdreieck, wo früher Züge über Schotterflächen rollten, grüßen sich heute die Stadtteile Kreuzberg und Schöneberg an einer überwucherten Brache. Nun wird das alte Schienendreieck durch ein neues Wertedreieck ersetzt: Ökosozial, interkulturell und generationenübergreifend soll das Leben hier werden. Die Planungen der Initiative Möckernkiez sind weit fortgeschritten. Im Herbst 2012 ist Baubeginn, bis Mitte 2014 werden – Achtung, Futur zwei! – alle eingezogen sein, auch Hildegard Kurt.

     

    Ein Kalenderspruch von Greenpeace, „Stepping lightly into the earth“, wurde für die promovierte Kulturwissenschaftlerin und Nachhaltigkeitsforscherin zum Handlungsmotto. Sie hat ihr letztes Buch danach benannt: Leicht auftreten – Unterwegs zu einer anderen Welt. „Leicht auftreten“ steht dabei für einen geringen ökologischen Fußabdruck, eine fragende Grundhaltung und eine elastische Widerstandsfähigkeit gegen Krisen, auch Resilienz genannt. Und weil die 54-jährige Autorin diese Einstellungen bei der Möckernkiez Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen verwirklicht sah, entschloss sie sich noch während des Buchschreibens, dort mitzumachen. Mit dieser Gesinnung, und mit ihrem Alter, ist sie durchaus typisch für die Mehrheit der Möckernkiez-Genossen.

     

    Von ihrem zukünftigen Zuhause erzählt Hildegard Kurt in den Räumen des und. Institutes, das sie leitet. Sie strahlt vor Vorfreude – eine Frau wie in Aquarell gemalt, mit hellen Augen, hellen Haaren und hellem Lachen. Das Institut, getragen von einem Verein und maßgeblich vertreten durch die Mitgründerin Hildegard Kurt, will Zukunftsfähigkeit mit Kunst und Kultur verbinden, deshalb der Name. Dafür widmet sich das und. Institut Kulturprojekten, Symposien und sozialen Plastiken. Dem Mädchen Hildegard wurde das ökologische Denken wohl schon in die Wiege gelegt, wuchs es doch auf einem kinderreichen Bauernhof in einem rheinland-pfälzischen Dorf auf. „Vom Wesen her Bäuerin und Künstlerin“, zäh, ausdauernd und lebendig, beschreibt Kurt sich selbst.

     

    An der Seite ihres inzwischen verstorbenen Mannes, des türkischen Dichters Kemal Kurt, lebte sie jahrelang als freischaffende Übersetzerin. Bis zum Erdgipfel von Rio 1992. „Zum ersten Mal wurden Entwicklung und Umwelt zusammengedacht. Mir war, als würde sich ein Fenster auftun in eine Gesellschaft, die nicht mehr ideologisch und nicht mehr konsumistisch ist. Alles ist möglich – bitte anschnallen!“ Auf die Aufbruchsstimmung folgte die Enttäuschung. „Aber dann fing ich an zu forschen: Wie ist die Konsumkultur zu überwinden? Wie können wir leicht auftreten?“

     

    Die Initiatoren des Möckernkiezes gingen derweil einen ähnlichen Weg. Ulrich Haneke, SPD-Urgestein aus Kreuzberg, verteilte 2007 auf einem Bürgerfest einen Aufruf zur Gründung einer Baugenossenschaft, damit die „Ureinwohner“ nicht durch zahlungskräftigere Zugezogene vertrieben würden. Das Flugblatt gelangte unter anderem in die Hände der Politikwissenschaftlerin Aino Simon. Sie träumte zusammen mit ihrem Mann schon länger davon, ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, also ebenfalls „leicht aufzutreten“. Sie träumte auch von barrierefreiem Gemeinschaftswohnen mit ihrer im Rollstuhl sitzenden Mutter und einem Gemeinschaftsspielplatz für ihre kleine Tochter. Der alte Sozialdemokrat und die junge Mutter trafen sich und wurden zum Erfolgsgespann des Projektes.

     

    Haneke und Simon sitzen zusammen im Vorstand der Genossenschaft und des Vereins Möckernkiez, welcher die Kiezbewohner mit Kultur und Veranstaltungen versorgt. Vier Jahre lang arbeiteten beide ehrenamtlich, nunmehr beziehen sie jeweils ein kleines Gehalt von der Genossenschaft, die voraussichtlich stolze 90 Millionen Euro für die Realisierung des Projekts ausgeben wird. Größere und kleinere Wohnungen sollen es werden, keine Hochhäuser oder Betonklötze.

     

    Jedes Genossenschaftsmitglied müsse für 30 Prozent der Wohnungskosten aufkommen, die anderen 70 Prozent finanziere ein Bankenkonsortium, erklärt die zukünftige Bewohnerin Hildegard Kurt. Für eine 50 Quadratmeter große Wohnung sind das rund 30.000 Euro Eigenanteil. Eine beachtliche Summe. Ist das noch „leichtes Auftreten“? Die Kulturwissenschaftlerin hat selbst Zweifel, denn Kreuzberger Sozialleistungsempfänger könnten das nie bezahlen. Andererseits: „Die Genossen, die hier mitmachen, sind auch keine Reichen“, sagt sie. Bei den Mitgliederversammlungen herrsche die Stimmung: Das schaffen wir! Die hohen Kosten würden ja nicht durch Luxusansprüche, sondern durch hohe ökosoziale Standards verursacht. Kurt erzählt mit leuchtenden Augen, wie der Solararchitekt Rolf Disch, einer der fünf Architekten des Areals, bei einer Versammlung aufgestanden sei und verkündet habe: Mit Plusenergiehäusern könne man sofort anfangen, und auf die Politik und ihre Energiewende solle man bloß nicht warten!

     

    „Wir sind keine Schöner-Wohnen-Initiative, sondern eine Initiative Besser-Miteinander-Leben. Niemand wird an diesem Projekt verdienen“, sagt auch die 32-jährige Aino Simon. Die Generationen könnten sich gegenseitig helfen. Auch die Kulturen? „Da sind wir noch nicht zufrieden“, gibt sie zu, die Zahl der Migranten entspreche bei weitem nicht dem Kreuzberger Durchschnitt, die deutsche Mittelschicht überwiege. Sie habe sich persönlich sehr um türkische Mitglieder bemüht, aber viele täten sich mit dem Genossenschaftsmodell schwer und wollten lieber Eigentumswohnungen kaufen.

     

    Gärten wird es auch geben, natürlich, und Hildegard Kurt freut sich schon darauf. Vorher müssen innerhalb der Genossenschaft noch einige „spannende“ Dinge geklärt werden, und auch diesem Prozess sieht die Kulturwissenschaftlerin neugierig entgegen: Schaffen die Genossinnen und Genossen es, sich durch Solardächer und Blockheizkraftwerk von steigenden Energiekosten abzukoppeln? Wer bekommt die helleren Wohnungen, wer die dunkleren oder lauteren? Soll es einen gemeinschaftlichen Waschsalon geben? Soll das ganze Viertel strikt autofrei bleiben, oder gelten Ausnahmen für Rollstuhlfahrende? Und überhaupt, wie viel Abweichung und Andersartigkeit muss erlaubt sein? „Das ganze Projekt muss gemeinschaftsinnig und rückzugsoffen bleiben“, auf diese schöne Formel hätten sich die Mitglieder auf einem Workshop verständigt, berichtet Vorständlerin Aino Simon.

     

    Ihr Mann Nils Simon wiederum brachte bei einer der Versammlungen die Resilienz ins Spiel. Damit sei auch die Fähigkeit eines Gemeinwesens gemeint, in einer Situation der Knappheit vorbeugend zu handeln und funktionsfähig zu bleiben. Resiliente Gesellschaften und Gruppen seien eher in der Lage, den Epochenbruch zu bewältigen, der mit dem Ende der industriellen Wachstumsgesellschaft bevorstehe.

     

    „Wie bewegend, nun gemeinsam mit Hunderten anderer Menschen Teil einer so weitreichenden und dabei so konkreten Initiative zu sein“, schreibt Hildegard Kurt in Leicht auftreten. Und: „Dass die Mitgliederversammlungen dieser Initiative in einer Kirche stattfinden, berührt mich immer wieder. Zeigt sich doch darin, dies ist kein privates Projekt, sondern es hat eine gesellschaftliche Dimension. Wir sind eine Stadtentwicklungsinitiative.“
    Ute Scheub
    04. April 2012

    www.moeckernkiez.de

    www.und-institut.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 232-vaude

    Abrüstung

    Die Outdoor-Firma Vaude am Bodensee versucht, so ökologisch und sozial wie möglich zu produzieren. Das erfordert einen permanenten Abwägungsprozess.

    Wer immer strebend sich bemüht

    Die Outdoor-Firma Vaude am Bodensee versucht, so ökologisch und sozial wie möglich zu produzieren. Das erfordert einen permanenten Abwägungsprozess.

    Weil es daheim so wenig Erhebungen gab, zog es den Norddeutschen und begeisterten Bergsteiger Albrecht von Dewitz früh in den Süden. Er quartierte sich in einem abgelegenen Ortsteil des Städtchens Tettnang unweit des Bodensees ein und fuhr so oft wie möglich in die Alpen. Auf seinen Touren ärgerte er sich immer wieder über sein Equipment – und so beschloss der gelernte Kaufmann 1974, selbst einen Laden für Bergsteigerausrüstung aufzubauen. Als er die Firma nach seinen Initialen v. D. auf den Namen Vaude taufte, machte er sich keine Vorstellung davon, dass er gerade den Grundstein für ein Unternehmen legte, das einmal weltweit präsent sein und in punkto Umwelt- und Sozialstandards als vorbildlich gelten sollte.

     

    Zunächst handelte von Dewitz auch nur mit Seilen und Karabinern. Doch wurde schnell klar, dass es auf dem Markt weder Gamaschen noch Rucksäcke gab, die seinen Vorstellungen entsprachen. So fragte er Hansjörg Egger aus der Nachbarschaft, ob er nicht Lust habe, eine eigene Produktion aufzubauen. Egger war schließlich Landmaschinentechniker – und da sei es für ihn ja bestimmt nicht schwierig, sich auf Nähmaschinen umzustellen, meinte von Dewitz. Egger belegte einen Kurs, kaufte einige gebrauchte Maschinen, und aus Platzmangel musste der Schreibtisch am ersten Vaude-Firmensitz neben der Dusche platziert werden. Die noch wenigen Mitarbeiter entwickelten neue Projekte abends am Biertisch, und wenn das Wetter schön war oder es etwas zu feiern gab, ließen sie den Betrieb einfach geschlossen.

     

    Wer die Natur liebt, sollte sie schützen – und wer Produkte in die Welt setzt, sollte sich damit beschäftigen, was mit ihnen nach dem Gebrauch passiert, meinte von Dewitz schon in den 1990er-Jahren. 1994 forderte er seine Kundschaft auf, ausrangierte Jacken und Schlafsäcke zurückzugeben. Doch die Reaktionen auf den Produktrückruf waren äußerst mager. Gleichzeitig versuchte die Firma auch in den Bereichen, die sie direkter beeinflussen konnte, die Umwelt- und sozialen Belastungen zu reduzieren. Sie befasste sich mit dem Material- und Wassereinsatz der Kleidungsproduktion, und als in den 1980er-Jahren das neue Firmengebäude in Tettnang errichtet wurde, ließ von Dewitz seine Naturverbundenheit in Form von Sprüchen in den Fußboden einarbeiten: „Die Alpen sind für uns die liebsten Nachbarn“ oder „Wir sind ganzheitlich“. Er gab auch den Auftrag, ein Kinderhaus für den Nachwuchs der inzwischen 480-köpfigen Mitarbeiterschar zu planen, und als ein Großteil der Produktion dann doch wegen der geringeren Lohnkosten nach Asien verlagert wurde, schaute sich der Chef persönlich an, wie es dort um die Arbeitsbedingungen bestellt war.

     

    „Es gab bereits damals zahlreiche Puzzlesteine im Nachhaltigkeitsbereich, aber vieles war unstrukturiert und auch nicht sehr effektiv“, bilanziert die vor einigen Jahren bei Vaude als Umweltbeauftragte eingestellte Hilke Patzwall die Bemühungen der Gründergeneration. Mit Hilfe des europäischen Umweltmanagementsystems EMAS durchforstet sie seither systematisch alle Betriebsteile und versucht kontinuierlich, Verbesserungen durchzusetzen. Das fängt beim Energieverbrauch der nun schon wieder in die Jahre gekommenen Gebäude in Tettnang an, geht über Fahrgemeinschaften und Spritspar-Schulungen für die Beschäftigten bis hin zur E-Bike-Tankstelle vor dem Haus. Selbstverständlich wird dabei auch die Logistik nicht ausgespart: Wie kommt eine Jacke am klimafreundlichsten von der Fabrik in den Laden?

     

    Ab 2015 will Vaude bei Taschen ganz auf PVC verzichten, obwohl es für dessen technische Eigenschaften noch keinen Ersatz gibt. „Entweder haben wir bis dahin etwas anderes gefunden – oder es gibt eben keine Taschen mehr“, formuliert Patzwall die selbstverordnete Abstinenz. Auch die anderen Materialien werden eingehend auf Wasserverbrauch bei der Rohstoffgewinnung, effiziente Einsatzmöglichkeiten und Schadstoffe untersucht. Die Relevanz verschiedener Belastungen abwägen, die eigenen Einflussmöglichkeiten einschätzen und dann die relativ beste Lösung finden – das ist der Alltag des EMAS-Verfahrens. „Das ist zwar nicht sexy und eignet sich nicht für Werbebotschaften, aber die Organisationsstruktur haben Profis erdacht, und sie ist handhabbar“, fasst die 38-jährige Umweltbeauftragte zusammen.

     

    Auch die Tochter des Firmengründers und heutige Chefin Antje von Dewitz benennt klar die Grenzen des EMAS-Ansatzes: „An vielen Stellen könnten wir noch weiter sein, aber wenn eine Alternative 50 Prozent teurer ist oder die Funktionalität einschränkt, dann ist das nicht machbar.“ Auf 10 bis 15 Prozent schätzt sie die Mehrkosten, die Vaude gemessen am Branchenschnitt durch seinen selbstgesetzten öko-fairen Anspruch zu tragen hat.

     

    Qualität und Langlebigkeit der Produkte sind dafür wichtige Bausteine. 15 Leute sind in Tettnang damit beschäftigt, Gebrauchtes wieder auf Vordermann zu bringen. Da werden an Rucksäcken und anderen Outdoor-Utensilien Flecken entfernt, Dreiangel geflickt oder Reißverschlüsse repariert. „Die Frauen dort haben sich selbst um umweltfreundlicheres Waschmittel gekümmert“, freut sich Patzwall. Nebenan werden Fahrradtaschen hergestellt; die helle Produktionshalle wirkt eher wie eine Manufaktur als wie eine Fabrik. In der Ecke steht eine von Hansjörg Egger konstruierte Reißverschluss-Einschweißmaschine, deren viele Rädchen, Rollen, Spulen und Schalter an ein Kunstwerk von Jean Tinguely erinnern.

     

    Zusammen mit anderen Outdoor-Herstellern will Vaude einen neuen Versuch starten, die von den Kunden ausrangierte Ausrüstung umweltfreundlich und sozial weiterzuverwenden. „Ein geschlossener Recyclingkreislauf ist aber völlig unrealistisch“, dämpft Patzwall zu hohe Erwartungen. Schon der Sortier- und Transportaufwand wäre viel zu hoch. Geplant ist vielmehr eine enge Kooperation mit Altkleiderverwertern, die dem Verband Fairwertung angehören, der in diesem Bereich die strengsten sozialen und ökologischen Kriterien vertritt.

     

    Anders als fast alle Markenfirmen, die Textilien in Asien fertigen lassen, lässt sich Vaude von der Fairware-Foundation überprüfen, so wie es die „Kampagne für saubere Kleidung“ empfiehlt, die sich seit langem für weltweit anständige Arbeitsbedingungen im Textilbereich einsetzt. Unabhängige Kontrolleure recherchieren, ob die Arbeitsbedingungen in Vietnam und China den proklamierten Anforderungen entsprechen. Aus Burma hat sich Vaude aus diesem Grund schon vor einer Weile zurückgezogen.

     

    Vaude ist ein Beispiel dafür, dass der Anspruch „Nachhaltigkeit“ im Alltag eines mittelständischen Produktionsunternehmens immer nur Richtschnur und nie 100-prozentige Umsetzung sein kann. Dass die Firma hier gleichwohl Herausragendes leistet, belegt nicht zuletzt der deutsche Nachhaltigkeitspreis 2011, den Vaude in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategien (KMU)“ erhielt.

     

    Für eine bessere Zukunft scheut Vaude schon lange keine Mühen. Nach dem Unternehmensziel gefragt, antwortet die vierfache Mutter Antje von Dewitz: „Ich will, dass die acht Stunden, die die Menschen hier täglich herkommen, positiv für sie sind und dass es auch den Leuten in den Zulieferfirmen gut geht. Und ich möchte, dass der ökologische Fußabdruck des Unternehmens möglichst klein ist.“ Kurz und knapp: Wir sind ganzheitlich.

    Annette Jensen
    04. April 2012

    www.vaude.com

    www.emas.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 226-atelier-mc

    Straßenkunst

    Die Künstlerin Ursula Cyriax hat sich um die Kreativität zukünftiger Generationen verdient gemacht und ein soziokulturelles Projekt in eine hessische Kleinstadt gebracht. Damit stiftete sie die Einwohner an, Transformationsprozesse nicht einfach passiv zu ertragen, sondern aktiv mitzugestalten.

    Kunst-Ambulanz gegen Tristesse

    Die Künstlerin Ursula Cyriax hat sich um die Kreativität zukünftiger Generationen verdient gemacht und ein soziokulturelles Projekt in eine hessische Kleinstadt gebracht. Damit stiftete sie die Einwohner an, Transformationsprozesse nicht einfach passiv zu ertragen, sondern aktiv mitzugestalten.

     

    Zwischen den sanften Mittelgebirgshügeln des oberen Lahntals ruht die hessische Kleinstadt Biedenkopf, 750 Jahre alt, samt enger Gassen, pittoreskem Fachwerk und Landgrafenschloss. Zweifelsohne ein malerisches und romantisches Städtchen – und bis vor kurzem ein ausgewähltes Kaff, um sich lebendig begraben zu lassen.

     

    Denn in Biedenkopf haben demographischer und gesellschaftlicher Wandel eine ziemliche Tristesse hinterlassen: Die Stadt schrumpft, weil junge Leute ihrer Heimat nach dem Schulabschluss den Rücken kehren; das Handwerk und der Einzelhandel haben mit argen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil die allerorts üblichen Einkaufscenter auf die Wiese gepflanzt werden; die Kluft zwischen gut situierten und armen Einwohnern wird immer größer, weil die Mittelstandswelten aussterben; hier und da stehen Wohnungen und Geschäfte leer, weil Käufer fehlen und die Stadtverwaltung machtlos ist.

     

    Nichts von dieser gegenwärtigen Situation hat etwas mit der heilen Welt gemein, an die sich Ursula Cyriax aus ihrer Kindheit erinnert. Ihre Heimatprovinz scheint sich verwandelt zu haben, depressives Grau hat sich unter die einst frohen Farben der Kleinstadt gemischt. Seitdem die in Berlin lebende Künstlerin das Elternhaus in Biedenkopf vererbt bekam, zieht sie sich regelmäßig dorthin zurück, um der Großstadt zu entkommen, und erhält so immer wieder neue Eindrücke von der schleichenden Veränderung. An einem sonnigen Frühlingstag im Biedenkopf des Jahres 2010 dann stand Cyriax im duftenden Lavendelgarten und ließ das Unkrautjäten plötzlich sein. Ihr wurde bewusst, dass sie die Zeit, Zuwendung und Liebe, die sie gerade den Blumen zuteil werden ließ, nicht am eigenen Gartenzaun enden lassen dürfe.

     

    So kam es, dass eine Kosmopolitin – Cyriax lebte zeitweise in New York und war an Ausstellungen im Metropolitan Museum und in der Neuen Nationalgalerie Berlin beteiligt – ein kulturelles Konjunkturprogramm für das Provinzstädtchen erfand. Das soziokulturelle Kunstprojekt Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011 sollte die Bewohner Biedenkopfs aus ihrer Starre lösen und dazu motivieren, die Attraktivität ihrer Stadt unter aktiver Teilnahme für sich, für ihre Kinder und ihre Kindeskinder zu bewahren und wieder mit Leben zu füllen.

     

    „Die Identitätsträger einer Stadt sind deren Bewohner, also muss man diese auch aktivieren“, erklärt die politisch denkende Frau ihr Konzept Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011, in dem künstlerische Exzentrik fehl am Platz ist. In Zahlen gesprochen: Es galt, 6.000 Biedenkopfer und 8.000 Einwohner der umliegenden Gemeinden in einen künstlerischen, demokratischen Prozess einzubinden und über den Zeitraum eines Jahres für neun lebensnahe und -praktische Einzelinitiativen zu mobilisieren.

     

    Dabei sollte sich Skulpturen, Projekte Biedenkopf 2011 nicht nur als nachhaltig im Hinblick auf die Revitalisierung der Innenstadt erweisen, sondern auch die für die Skulpturen verwendeten Materialien mussten nachhaltig sein. „In unserer Wegwerfgesellschaft produzieren wir viel zu viel Müll. Deshalb war das Upcycling, also aus Weggeworfenem etwas Wertvolles machen, in vielen der Biedenkopfer Projekte ganz zentral“, sagt Cyriax.

     

    Als Ursula Cyriax 18 Jahre alt war, schrieb sie 100 Dinge auf einen Zettel, die in ihrem Leben unbedingt Wirklichkeit werden sollten. Darunter: ein Frühstück mit den Rolling Stones – und  tatsächlich: das hat geklappt. Bis heute gibt es für sie kein „Geht nicht“ oder „Ja, aber“ und noch immer schaut sie zuversichtlich ins Leben. So war für die 58-jährige Aktionistin auch bei den Skulpturen, Projekten der Weg vom Gedanken zur Umsetzung kein weiter. Sie zog ins Biedenkopfer Rathaus, zu kirchlichen Institutionen, zu regionalen Unternehmen und Handwerkern, zu wissenschaftlichen Einrichtungen, zur lokalen Presse und gewann alle für ihre Idee zur kulturellen und sozialen Stadterneuerung. „Es ist verrückt: man überlegt sich etwas Schönes, und dann funktioniert auch alles. Und vor allem: alle wirken mit!“, blickt Ursula Cyriax auf das vergangene Jahr 2011 in Biedenkopf zurück.

     

    Beim Guerilla Knitting zum Beispiel wurden Jung und Alt, Arm und Reich aufgerufen, aussortierte Wolle im Rathaus abzugeben. Aus den gesammelten Wollresten sollten kleine Strickarbeiten gefertigt werden, die an Straßenbegrenzungen, Haltegriffen, Verkehrsschildern und Gartenzäunen angebracht werden und den öffentlichen Raum verschönern sollten. „Es wurde so viel gespendet, dass die Kulturdezernentin wie eine New Yorker Bag Lady zwischen den Wollresten in Tüten an ihrem Schreibtisch saß“, lacht die Anstifterin. In Wohnzimmern, Schulen, Senioren- und Pflegeheimen, in der Kirchengemeinde und sogar in einer Gruppe Demenzkranker wurde fortan pausenlos gestrickt. 483 Einzelstücke fügten sich letztlich zu einem farbenfrohen Patchwork, das den Marktplatz „dekorierte“ und keineswegs nur von Großmüttern hergestellt worden war. Denn Stricken war plötzlich cool. Selbst Männer trauten sich: „Ich hab den Jungs einfach erzählt, dass es in New York Clubs gibt, wo harte Kerle bei Bier und Chips stricken. Und auch Johnny Depp wäre ohne die Kunst des Persenning-Stichs beim Segelflicken in der Karibik verloren gewesen“, berichtet Cyriax und lächelt raffiniert. „Eine Strickerin sagte damals zu mir Wir machen die Welt einfach ein bisschen wärmer. Wir sind jetzt alle Guerillas. Da wusste ich: es wirkt!“

     

    Die eigene Stadt umzugestalten und Abfall als Ressource zu begreifen war auch die Idee für einen 5 Meter hohen Wegweiser, der aus ausrangierten Skiern gebaut wurde und nun auf einer Verkehrsinsel steht. Die lila gestrichenen Ski-Spitzen zeigen mit exakter Angabe der Entfernung in die Himmelsrichtung ausländischer Städte, aus denen hinzugezogene Biedenköpfer ursprünglich stammen. Menschen aus 64 Nationen sind in Biedenkopf ansässig geworden. Buenos Aires, Singapur, Riga, Lissabon und Kuala Lumpur – Biedenkopf ist, wenn man genauer hinschaut, kein Hinterland, sondern international. „Die Welt ist eh trostlos, wo man hinschaut, diese Aktion bringt Farbe in die Stadt, da freu ich mich, dass ich daran mitgeholfen hab“, hat ein kräftiger Helfer beim Aufbau der Skulptur zu der Konzeptkünstlerin Cyriax gesagt. Heute ist der Wegweiser ein Teil des Stadtbildes geworden.

     

    Das Skulpturen-Jahr war aber auch sonst ereignisreicher als die Zeit davor: mit einer Liebesschlösser-Aktion auf einer Brücke, einer Survival-Nacht in freier Natur, einer Modenschau mit Biedenkopfer Topmodels, einem ganz legalen Graffiti-Projekt oder einer Einzelausstellung für ein voluminöses Upcycling-Galakleid. In Biedenkopf war jetzt was los! Dabei wandte sich Ursula Cyriax vor allem an Jugendliche und deren Lebensthemen und lud sie ein, eigene Zukunftsvisionen zu gestalten, an sich selbst zu glauben und ihre Ängste zu überwinden.

     

    Die lokale Presse, der Hinterländer Anzeiger, konnte ein Jahr lang die Seiten mit Sensationen füllen, und der Filmemacher Otmar Hitzelberger begleitete die Highlights mit seiner Kamera. Sein Film schafft den Spagat zwischen sozialem Realismus und einer eindringlichen Reportage, auf die letztlich alle Beteiligten stolz sind. Mittendrin, immer im Bild und immer im Dauereinsatz, die Initiatorin Ursula Cyriax, nie sozialpflegerisch, nie belehrend, nie agitatorisch.

     

    Das Biedenkopfer Spektakel ist nun vorbei, doch Ursula Cyriax wird mit neuen Plänen wiederkommen. Muss sie ja sowieso: zum Unkrautjäten im Lavendel-Garten.

    Dana Giesecke
    29. März 2012

    www.atelier-mc.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 213-montessori-muenchen

    Lebenslanges Lehren

    An der integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße gehört es zum Konzept, dass ältere Menschen mitunterrichten. Die spätberufenen Lehrer halten es mit Wilhelm Busch: „Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh“.

    Senioren machen Schule

    An der integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße gehört es zum Konzept, dass ältere Menschen mitunterrichten. Die spätberufenen Lehrer halten es mit Wilhelm Busch: „Nicht allein das ABC bringt den Menschen in die Höh“.

     

    Die Idee kam einigen Eltern beim Putzen. Sie machten einen Münchener Montessori-Kindergarten sauber und plauderten über dieses und jenes. Wie toll es doch wäre, wenn die Großeltern in der Nähe wohnen würden, träumten die einen – und ja, das sei wirklich ein großer Vorteil, bestätigten die anderen und berichteten, dass der Austausch ihrer Kinder mit Oma und Opa für beide Seiten bereichernd sei. Und dann stand plötzlich die Frage im Raum: Warum sollten sie, da die wirklichen Großeltern zum Teil weit weg seien, nicht ältere Leute aus der Umgebung in das von ihnen geplante Montessori-Schulprojekt einbinden?

     

    Tatsächlich ist die Werkstatt der Generationen heute das Alleinstellungsmerkmal der seit 2008 bestehenden integrativen Montessori-Schule in der Münchener Balanstraße. Zum pädagogischen Konzept der Schule gehört, dass Mädchen und Jungen, einschließlich behinderter Kinder, von der ersten bis zur zehnten Klasse ohne Leistungsdruck und Noten lernen. Einmal in der Woche steht bei jeder Gruppe auch WdG – Werkstatt der Generationen – auf dem Stundenplan. Für das, was der Senior oder die Seniorin den Kindern dort anbietet, gilt vor allem ein Kriterium: Es sollte ihm oder ihr Spaß machen. Oft sind das Dinge, die sich aus dem Berufsleben der Laienlehrkräfte ableiten, manchmal aber auch völlig andere Leidenschaften.

     

    Im Werkraum nimmt ein Dutzend Schülerinnen und Schüler gerade Apfelsinenkartons auseinander, die der Seniorlehrer und freischaffende Künstler Helmut Stöcklhuber auf die Tische gelegt hat. Erstaunt stellt die 11-jährige Karoline fest, dass der Kasten lediglich aus einem geschickt gefalteten Bogen Pappe besteht. Während sie nun ihrerseits versucht, ein dreidimensionales Objekt aus Papier zu bauen, interessiert sich ihr Klassenkamerad Victor dafür, wie er den Kasten so zeichnen kann, dass er räumlich aussieht. Ihm gefällt, dass jede Woche ein älterer Mensch vorbeikommt – solange er dabei selbst etwas tun kann. „Nur in der Klasse sitzen und sprechen find ich nicht so gut.“

     

    Ein paar Räume weiter sitzt ein ehemaliger Rundfunkredakteur an einem Tisch, vor ihm lagern und lümmeln Kinder aus den unteren Klassenstufen auf einem runden Teppich, andere hocken auf Bänken und Stühlen. „Vier kleine Hexelein, die aßen Kräuterbrei, das eine ist davon geplatzt, da warens nur noch ...“ „Drei“ rufen die Kinder und singen voller Elan den Refrain und fordern am Schluss energisch „Zugabe“. Bei den Jugendlichen nebenan geht es dagegen sehr ruhig zu. Ein bärtiger Mann mit Brille berichtet von einem Freund in Sizilien, der von Schutzgelderpressern heimgesucht wurde. Ein Junge hakt mehrfach nach, der Rest schweigt. Nach der Stunde wird klar, dass sie durchaus interessiert zugehört haben: Mehrere diskutieren untereinander weiter.

     

    „Wir fragen die Schüler regelmäßig, was ihnen gefallen hat, wovon es mehr geben sollte und was nicht so gut war“, berichtet die Initiatorin und Projektleiterin Anke Könemann, Mutter einer neunjährigen Schülerin der Montessori-Schule. Könemann hat die WdG-Arbeit ehrenamtlich aufgebaut, indem sie Kontakte zur Caritas und zu Servicecentern für Senioren spann und Flyer in Arztpraxen und Apotheken auslegte. Inzwischen melden sich viele Ältere auf eigene Initiative. Zusammen mit drei Pädagoginnen bereitet Könemann die durchschnittlich 65- bis 70-Jährigen auf ihre Klassenbesuche vor, unterstützt und berät sie bei der Themenplanung. Während der Projektstunden sind außerdem ein oder mehrere Pädagogen dabei, so dass sich die Senioren auf ihr Thema konzentrieren können und von der Situation nicht überfordert werden.

     

    Dabei sind die Projekte keine Einbahnstraße: So haben Jung und Alt beispielsweise gemeinsam einen Handyclip erstellt und damit sogar einen Wettbewerb gewonnen. Noch findet der Generationenkontakt ausschließlich in der Schule statt, doch Anke Könemann und ihre Kolleginnen denken weiter: Vielleicht werden ältere Schüler demnächst auch Demente besuchen; schließlich gehöre auch das zum Leben.

     

    Mehrmals im Jahr lädt Könemann interessierte Seniorinnen und Senioren zu einer Informationsveranstaltung ein. Manche bieten anschließend einmalige Veranstaltungen an, andere kommen regelmäßig in die Balanstraße. Zur zweiten Gruppe zählt Pia Richter-Haaser. Sie bringt jede Woche eine andere Person ihrer Generation mit, die über ihren Berufs- oder Lebensweg berichtet. Die Kinder lernen nicht nur, dass es vielfältige Sichtweisen und Erfahrungen gibt, sondern auch, dass vieles nicht glatt läuft und häufig auch Um- und Zickzackwege nötig sind, um zum Ziel zu kommen. Auch Senior Torsten Hartmann ist immer wieder vor Ort: Er will den Kindern Anreize geben, sich für Technik zu interessieren. Wenn er spürt, dass es gefunkt hat, empfindet er „Genugtuung und Freude“ – und das sei dann seine Bezahlung.

    Annette Jensen
    22. März 2012
    www.montessori-muenchen.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 210-transition-towns

    Entzug

    Der weltweiten Bewegung der Transition Towns haben sich mittlerweile fast 1.000 Städte und Gemeinden angeschlossen. Sie entwickeln Praktiken und Konzepte für das Leben nach dem Öl.

    Schluss mit den Drogen

    Der weltweiten Bewegung der Transition Towns haben sich mittlerweile fast 1.000 Städte und Gemeinden angeschlossen. Sie entwickeln Praktiken und Konzepte für das Leben nach dem Öl.
    Die entscheidende Idee kam dem Iren Rob Hopkins bei der Lektüre eines medizinischen Artikels über Alkoholismus. Unsere Gesellschaften sind vom Billigöl genauso abhängig wie Säufer von der Flasche, durchfuhr es den 1968 geborenen Künstler. Wenn unser Suchtstoff zu Ende geht, wird es uns hart erwischen, wir werden schwere postfossile Belastungsstörungen erleben. Aber wenn wir uns rechtzeitig darauf einstellen, wird die Transition, der Übergang in das postfossile Zeitalter, eine Zeit der Befreiung sein.

     

    Die Bewegung der Transition Towns gründete Hopkins 2005 zusammen mit einigen Studierenden. Die erste solche Town war das irische Kinsale, die zweite das südenglische Totnes. Anfang 2012 umfasste die Bewegung bereits fast 1.000 Kommunen und Kieze, Dörfer und Städte in 35 Ländern. In Deutschland, Österreich und der Schweiz waren etwa 60 Initiativen aktiv; weitere Schwerpunktländer sind Australien, Brasilien, Großbritannien, Irland, Kanada und die USA.

     

    Das postfossile Leben „könnte so fantastisch sein“, sagt Rob Hopkins in Nils Aguilars Film Voices of Transition. Mit seiner Stupsnase und den Segelohren wirkt der 44-jährige Hopkins ein wenig lausbubenhaft. „Wir könnten mehr Zeit füreinander haben, wir könnten entspannter sein. Unsere Hände würden wir wieder für kreative, nützliche Aktivitäten nutzen. Wir hätten weniger Schulden und mehr Zeit zum Spielen und um das Leben zu feiern.“

     

    Nils Aguilar, ein in Tübingen aufgewachsener und in Berlin lebender Franzose mit spanischen Vorfahren, war so fasziniert vom Charisma Rob Hopkins’ und von dessen Visionen, dass er diese in den Mittelpunkt seines Films stellte. Der 31-jährige Lockenkopf hat Soziologie und Philosophie studiert; seine filmische Dokumentation über die Probleme der konventionellen Agrarwirtschaft und mögliche Auswege, mögliche Transitions, hat er vollkommen unabhängig in jahrelanger Arbeit parallel zu seiner Masterarbeit produziert, geschnitten und fertiggestellt. „Ich hatte zwölf Hüte gleichzeitig auf, vom Regisseur bis zum Farbkorrektor. Danach war auch ich fertig“, gesteht Aguilar. Aber er habe das Projekt unbedingt machen wollen. Als „Wandervogel“ sei er über schwäbische Streuobstwiesen gestreunt und habe schon früh eine „Leidenschaft für die Landwirtschaft“ entwickelt. Dass sein Film nun zur Gründung neuer Transition Townsbeitrage, unter anderem in Tübingen, das sei für ihn eine „große Genugtuung“.

     

    Totnes und Tübingen – die Bewegung gedeiht vor allem „in Städtchen mit Kopfsteinpflaster und Eisdielen“, wie es Nils Aguilar formuliert. „Könnt ihr euch euren Ort ohne Öl vorstellen?“, hatte der Transition-Town-Gründer Rob Hopkins in Totnes gefragt. Ihm ging es darum, Gemeinschaften gegen den kommenden Ölpreisschock „resilient“ zu machen, was man mit „elastisch krisenfest“ übersetzen könnte. Mit Filmvorführungen und Workshops mobilisierte er den „lokalen Genius“ der rund 8.500 Einwohner von Totnes, die zahlreiche Arbeitsgruppen und Projekte zur Eigenversorgung und Energiereduzierung der Wirtschaft und zur Wiederbesinnung auf lokale Kreisläufe gründeten. Die Bürgermeisterin erklärte den Ort zur „Energiewendestadt“, die Gemeinde verabschiedete einen „Aktionsplan zur Energiereduktion“, Bürger pflanzten Obst- und Nussbäume, legten Gemeinschaftsgärten und Tauschringe an und führten eine lokale Währung ein, das Totnes Pound. Touristen begeisterten sich so dafür, dass sie schon viele „Pfunde“ mitgehen ließen. Selbst ökologisch korrekte Beerdigungen gibt es: Ein lokales Unternehmen bietet Bestattungen in Särgen aus Recycling-Pappe an.

     

    Mit der Zahl der Transition Towns vermehrten sich auch die Zahl der Ideen und Projekte für das postfossile Zeitalter. Drei davon hält Filmemacher Nils Aguilar für besonders zukunftsträchtig: Regiowährungen, Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften und Energiekooperativen. Auch in Witzenhausen, einer der deutschen Transition Towns, wurde ein Regiogeld eingeführt, die Kirschblüte. Weitere starke Initiativen gibt es etwa in Freiburg und Bielefeld. Sie diskutieren über gerechtes Wirtschaften und legen Permakulturgärten mit Terra Preta an. „Ich bin total hoffnungsvoll“, sagt Aguilar. „In Deutschland ist kaum eine Initiative älter als ein Jahr, die Bewegung beginnt ja erst. Sie ist pragmatisch. Sie ist inklusiv. Sie verbindet Nachbarn. Sie holt Menschen aller Altersklassen, Schichten und Hautfarben zusammen. Sie ist extrem fruchtbar.“

     

    So fruchtbar wie der Ökolandbau – denn die Transition Towns haben sich zum Ziel gesetzt, ohne erdölbasierten Dünger und ohne Pestizide auszukommen. Rob Hopkins und auch Nils Aguilar haben sich von der Permakultur inspirieren lassen, einem Mitte der 1970er-Jahre von zwei Australiern entwickelten Konzept zur Schaffung nachhaltiger naturnaher Kreisläufe. Ursprünglich nur agrarisch gedacht, umfasst die Permakultur inzwischen auch Landschaftsplanung, dezentrale Energieversorgung und Sozialgestaltung. „Wie eine grüne Brille“ wirkte dieses Denkprinzip auf Hopkins: „Plötzlich sieht man keine Probleme mehr, sondern nur noch Lösungen.“

     

    Das wirksamste Mittel, um Menschen zu begeistern, sieht der Permakulturlehrer Hopkins im Erzählen von Geschichten. „Eine Zeit ist gefüttert mit Geschichten“, sagt er in Aguilars Film. „Etwa: Dieser Lippenstift wird dich glücklich machen! Dieses Shampoo wird dein Liebesleben verbessern! – Statt dieser Geschichten müssen wir neue erzählen, die uns durch die nächsten 20 Jahre tragen.“ Hopkins Augen leuchten: „Etwa über die Stadt, die ihr eigenes Geld druckt und Parkplätze in Gemüsegärten verwandelt.“ Und Filmer Aguilar ergänzt: „Die größten und wichtigsten Initiativen beginnen winzig, mit einem Traum oder einem Spatenstich. Unsere heute gesäten Transition-Samen muten vielleicht klein an, aber die werden noch sehr kräftig sprießen, wenn bald die Alternative alternativlos wird.“
    Ute Scheub
    15. März 2012

    www.transitionnetwork.org

    www.voicesoftransition.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 203-bis-es-mir-vom-leibe-faellt

    Vereinzigartigt

    Das Veränderungsatelier Bis es mir vom Leibe fällt veredelt Kleider und rettet sie damit vor der unverdienten Vergessenheit. Eine Attacke auf die große Verschwendung.

    Mutig und fesch samma – mitten in Berlin

    Das Veränderungsatelier Bis es mir vom Leibe fällt veredelt Kleider und rettet sie damit vor der unverdienten Vergessenheit. Eine Attacke auf die große Verschwendung.

    „Mutig samma ned, aba fesch samma“ – dieser böse Spruch über die Österreicher müsste für Lisa Prantner umformuliert werden, denn sie hat beides: Mut und Stil. Zwei notwendige Eigenschaften, wenn man selbst Mode macht und gleich zwei Geschäfte in der Mitte Berlins betreibt. Unternehmensberater würden es als geradezu wahnsinnig bewerten, in einer der besten Lagen der Hauptstadt ein kleines Geschäft zu eröffnen, das gemeinhin als Änderungsservice bezeichnet würde. Doch genau das hat Lisa Prantner getan.

     

    Der Laden mit dem theatralischen Namen Bis es mir vom Leibe fällt ist allerdings keine normale Änderungsschneiderei. Seit gut einem Jahr hat das Veränderungsatelier geöffnet – und eine kleine Vorsilbe macht hier den großen Unterschied: Hinter diesen Schaufenstern wird eben nicht ge-, sondern verändert.

     

    Drei junge Frauen bewahren in Prantners Auftrag alte und neue Kleider vor dem Vergessen. Sie nennen sich „Wachküsserinnen“, weil sie in Kleiderschränken Schlafendes zum Leben erwecken, indem sie nähen, filzen, stricken, sampeln, upcyceln... Hier dreht sich alles um die Wiederbelebung von Textilien, die sich bereits in der Welt befinden und für die in der Wegwerfgesellschaft eigentlich eine kürzere Lebensdauer vorgesehen war: Massenware, über die, wirtschaftlich gewollt, der Trend hinwegfegt; Fehl- und Frustkäufe, die letztlich nur für die Wachstumswirtschaft produziert wurden; Billigware zum Niedrigpreis, auf Kosten anderer. Oder auch Sachen, die verschlissen sind oder gefunden wurden, die man geschenkt oder vererbt bekam, sich angeeignet hat oder die man aus emotionalen Gründen nie wieder loslassen möchte.

     

    Nach der Behandlung durch Bis es mir vom Leibe fällt sind die Kleider nicht nur einzigartig, sondern plötzlich wieder charaktervoll und verführerisch. Dafür wird im kleinen Laden viel getan: aufgepeppt, repariert, umgeformt, umgenutzt und bis zur letzten Faser alles wiederverwendet. Kein Kundenwunsch bleibt unerfüllt oder wird abgelehnt. „Selbst eine einzelne selbstgestrickte Socke, wo nur eine Masche wiederaufgenommen werden muss, wird von uns angenommen“, bekräftigt die als Modedesignerin ausgebildete Esther Kaya Stögerer, zeigt das Beweisstück und beschaut es liebevoll mit großen dunklen Augen. Völlig klar: So etwas will man einfach bei sich behalten, bis es einem eben vom Leibe (oder vom Fuße) fällt.

     

    Reparieren statt wegwerfen, vereinzigartigen statt verbrauchen, oder etwas Altes für etwas ganz Neues verwenden – dafür werfen sich die drei Verändererinnen kräftig ins (Näh)zeug. Hier sind Profis am Werk, und man spürt den Stolz der Chefin, als sie ihre Mitarbeiterinnen vorstellt: Neben Esther Kaya Stögerer arbeiten Kathrin Dilßner, eine Herrenmaßschneiderin und Kostümbildnerin, und Judith Veith, ebenfalls eine gelernte Schneiderin, im Atelier. Ob Frosch, ob Klamotte oder ob Mensch – jeder möchte von den Dreien wachgeküsst werden, am liebsten gleich -geknutscht.

     

    Ja, das Wachküssen ist die romantisierende Auslegung dessen, was im Veränderungsatelier praktiziert wird, aber doch einen ernsten Kern hat: Es geht eben nicht nur um modische Oberflächenattribute, sondern die Arbeit geht auch unserer Kultur „an den Kragen“. Das Reparieren richtet sich gegen die Verschwendung von Ressourcen, das manuelle Vereinzigartigen kennt keine Massenfertigung unter miesen Arbeitsbedingungen, keine Ausbeutung, Kinderarbeit und auch keine Konformität durch den Geschmack der Mehrheit.

     

    Dass die Kampfansage ernst gemeint ist, zeigt ein an der Atelierwand hängendes Foto des Veränderungsteams, auf dem als tableau vivant – ein durch lebende Personen arrangiertes Gemälde – Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix nachgestellt ist. Damals, im Frankreich der Julirevolution 1830, das im Originalbild zu sehen ist, erhoben sich die Pariser Bürger gegen die reaktionäre Politik; heute kämpfen die lang- und rothaarige Prantner und ihr Team ebenfalls für eine Erneuerung – für die Erneuerung einer reparaturbedürftigen Welt. Nicht mit Gewehren, Pistolen und Lanzen, wie die Protagonisten des Originalgemäldes, sondern mit Schneider- und Designutensilien. Nicht unter der französischen Trikolore, sondern unter der Fahne des Labels. Ganz zentral, als Allegorie der Freiheit: die Anführerin Lisa Prantner.

     

    „Ich könnte das nicht. Die Mädchen sind Vollblut-Schneiderinnen und strotzen vor Upcycling- und Man-könnte-doch-Ideen – ich bin da mehr Designerin“, gesteht die Chefin im weit schwingenden folkloristischen Rock mit Vivienne-Westwood-Karo-Print, der in der Hüfte mit Applikationen einer schwarzen Herrenhose aus den 1920er-Jahren kombiniert wurde. Die rührige Frau kann das auch aus einem weiteren Grund nicht: Einen Hof weiter befindet sich das Atelier Lisa D., wo sie seit 1995 ihre eigenen Kollektionen verkauft – dort muss sie vor Ort sein. Bis es mir vom Leibe fällt überlässt sie vertrauensvoll „ihren Mädchen“.

     

    Den eigenen Lebensweg erzählt Prantner wie eine Kausalitätskette: Zuerst war sie Kunsterzieherin, dann Performance-Künstlerin, und schließlich entschied sie sich ganz bewusst für die Praxis: Auch Modedesign ist für Prantner Handwerkskunst. Ihre „alte“ soziale Umwelt nimmt diese persönliche Entwicklung als einen Rückschritt wahr, erzählt die Kleidererfinderin lachend: „Auf der Bühne im Wiener Burgtheater konnte ich durch pure Performance nichts ausrichten, was von Dauer ist, heute kann ich aktiv eingreifen“. Doch eines ist geblieben: Wie einst im Burgtheater provoziert sie gern.

     

    Dazu gehört, nachhaltiger ökologischer Mode mit Ironie und auch Misstrauen zu begegnen: „Weil man nie sicher sagen kann, ob ein Stoff voll und ganz ökologisch ist und ob mit den Arbeiterinnen in den singalesischen Webereien wirklich fair umgegangen wird, heißt meine nächste Öko-Linie Das richtige Kostüm im falschen Leben“. Es ist wahre Freude, die sie am Spiel zwischen dem Glamour ihrer Branche und der Kulturkritik Adornos hat. Richtig auch im falschen Leben versucht Lisa Prantner aber ihre Mitarbeiterinnen zu behandeln: „Klar, ich bin die Chefin!  Das merkt nur keiner, weil es hier demokratisch zugeht.“ Stupide Abläufe gibt es bei Lisa D. nicht. Jeden Monat wird ein Designtag für alle Mitarbeiterinnen von Lisa D. und Bis es mir vom Leibe fällt organisiert, wo die Schneiderinnen sich gegenseitig beflügeln, austauschen, anstecken und gemeinsam neue Dinge entwickeln können.

     

    „Das Veränderungsatelier war die beste Idee meines Lebens! – Egal was andere sagen“, resümiert die Design-Amazone Prantner. Trotzdem war sie am Eröffnungstag von Bis es mir vom Leibe fällt nicht vor Ort. Sie rief aus der Ferne in Berlin an und sagte freudig: „Mädels, macht schon mal den Laden auf!“ Das ist Performance.

    Dana Giesecke
    07. März 2012

    www.lisad.com/bisesmirvomleibefaellt

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 202-stadtwerke-muenchen-bmw

    Kühlwasser

    Serverräume fressen normalerweise extrem viel Strom, weil sie pausenlos gekühlt werden müssen. Bei BMW in München wird die Raumtemperatur mit Hilfe von Grundwasser gesenkt.

    Konzerngehirn, natürlich gekühlt

    Serverräume fressen normalerweise extrem viel Strom, weil sie pausenlos gekühlt werden müssen. Bei BMW in München wird die Raumtemperatur mit Hilfe von Grundwasser gesenkt.

     

    Das Gehirn des Weltkonzerns BMW liegt im Keller und ist über eine Wendeltreppe zu erreichen. Riesige Kabelbündel durchziehen den Raum, in langen Reihen stehen Tausende von Rechnern, die in schwarzen und grauen Schränken gestapelt sind. Die Maschinen brummen leise und signalisieren durch gelegentlich blinkende Lämpchen, dass sie arbeiten. Einige absolvieren vielleicht gerade Crashtests, andere verarbeiten die Bestellungen aus aller Welt oder zeigen Entwicklungsingenieuren, welchen mechanischen Spannungen ihre Werkstücke bei hohen Geschwindigkeiten standhalten müssen. Aus den Rückseiten der Maschinen pustet Luft, die an Saharawind erinnert. Trotzdem ist der Raum angenehm temperiert: Aus kleinen Löchern im Boden strömt permanent kalte Luft herein.

     

    „Ohne Kühlung wäre es hier bald so heiß wie in einer Sauna. Doch schon bei 40 Grad würden die ersten Rechner abstürzen“, erklärt Alfred Hubner. Der Ingenieur für Versorgungstechnik war schon länger nicht mehr hier; er ist seit einer Weile im Ruhestand. Doch heute ist der drahtige Mann noch einmal vorbeigekommen. Schließlich ist es zu einem großen Teil sein Verdienst, dass bei der Kühlung der BMW-Serverfarm auf elektrische Kältemaschinen fast vollständig verzichtet und stattdessen Grundwasser genutzt wird. 10 Millionen Kilowattstunden Strom spart BMW auf diese Weise pro Jahr – so viel wie etwa 3.000 Münchner Haushalte im gleichen Zeitraum verbrauchen.

     

    Hubner ist kein Radikalökologe. Schon als Junge begeisterten ihn schnelle Motorräder, und als er mit 29 Jahren eine Stelle bei BMW bekam, erfüllte sich ein Traum. Zugleich sorgt er sich aber um die Umwelt: „Wir haben ja nur einen blauen Planeten.“ So mahnt er seine Kinder, beim Verlassen des Raums das Licht auszuknipsen und für Partybesuche Fahrgemeinschaften zu bilden. Auch er selbst pendelte in den letzten Jahren mit dem Zug zur Arbeit und nutzte seinen Wagen nur am Wochenende für Sportausflüge in die Alpen. Dass schwere Autos nicht umweltfreundlich sind, ist dem 62-Jährigen klar. „Doch wir sind eben verspielt – und die Kunden verlangen schnelle Fahrzeuge.“ Hubners Schlussfolgerung aus alledem: Wenn schon nicht das Produkt, so soll doch zumindest die Produktion bei BMW so umweltfreundlich wie möglich sein.

     

    Schon als im Jahr 2000 mit der Planung des konzerneigenen Forschungs- und Innovationszentrum Projekthaus in der Münchner Knorrstraße begonnen wurde, überlegten Hubner und seine Kollegen, wie sie den enormen Elektrizitätsbedarf des Rechnerraums senken könnten. Schließlich steigt der Energieverbrauch durch keine andere technische Neuerung so rasch wie durch die immer weiter wachsenden Computerzentren. In Frankfurt – mit seinen vielen Banken, dem Flughafen und einem der größten Internetknotenpunkte weltweit – sollen heute etwa 20 Prozent des gesamten Stroms für Server draufgehen. Der mit Abstand höchste Anteil wird für die Kühlung der Maschinen benötigt.

     

    Dass er sich nicht damit abfinden wollte, wie üblich eine Kompressionskältemaschine zu bestellen, erklärt Hubner mit der BMW-Unternehmenskultur. „Hier entstehen dauernd neue Ideen, weil die Firma den Leuten Freiräume gibt, nach links und rechts zu gucken. Ein Das haben wir noch nie so gemacht hört man hier einfach nicht.“

     

    Vielleicht saß er gerade in einer der zahlreichen, zu Kommunikation und Kaffeeklatsch einladenden Nischen im Betrieb, als er mitbekam, dass der BMW-Umweltreferent vorher beim Münchner Wasserwirtschaftsamt gearbeitet hatte. „Das war ein glücklicher Zufall, denn wir hätten ja ansonsten gar nicht die Kompetenz gehabt, was über Grundwasser zu wissen“, sagt Huber. Eine Probebohrung auf dem Bauplatz brachte allerdings nicht die erhofften Ergebnisse: Da war viel Sand und kaum Wasser.

     

    Eine Weile danach gab es auf Initiative von BMW einen Workshop mit den Münchner Stadtwerken. „Wir wollten mit denen reden, was man zusammen schaffen kann für ganz München, nicht nur für BMW“, beschreibt Hubner die Motivation. Neben den Fachingenieuren kamen auch Vertreter aus den Chefetagen – in beiden Unternehmen habe damals so etwas wie Aufbruchstimmung geherrscht, erinnert sich Hubner. Dazu zeigt er ein paar schlecht belichtete Fotos: Etwa 30 Männer sitzen an Tischen oder bemalen Flipcharts. Hier entstand die Idee, das Grundwasser aus einer etwa vier Kilometer vom BMW-Gelände entfernten Wasserunterführung abzuzapfen. Der sogenannte Düker sorgt schon seit langem dafür, dass ein aus den Alpen kommender unterirdischer Strom einen U-Bahn-Tunnel unterquert. Im Prinzip müsse man da nur eine Pumpe reinhalten, das Wasser zu BMW leiten, daraus mittels Wärmetauschern kalte Luft herstellen und das ein paar Grad wärmere Wasser nördlich des U-Bahn-Schachts wieder in die Erde leiten, so der Vorschlag eines Stadtwerketechnikers.

     

    „Wir haben das dann als Team realisiert; als Einzelkämpfer hätte man mit sowas keine Chance“, sagt Hubner. Vor allem die wichtigen Leute in beiden Unternehmen mussten informiert und überzeugt werden. Zum Glück saßen die schon beim Workshop alle mit am Tisch.

     

    Der Startschuss für den ersten Teil erging im Sommer 2003. Inzwischen kommen bei BMW pro Sekunde etwa 240 Liter Grundwasser an, das eine Temperatur von 10 bis 12 Grad hat. Es fließt durch dicke Rohre in einen silbrigen Kasten und wird wenig später mit einer Temperatur von etwa 17 Grad an einer anderen Stelle wieder herausgeleitet. Im Sommer werden auf diese Weise neben den drei BMW-Rechenzentren auch die Büros gekühlt. Nur an ganz wenigen Tagen müssen stromfressende Kältemaschinen zugeschaltet werden.

     

    Für den Autokonzern hat sich das Projekt finanziell schon längst ausgezahlt: Konventionell erzeugte Kühlung wäre doppelt so teuer. Die Anlage ist außerdem sehr zuverlässig; mit Ausnahme der Wartungszeiten läuft sie fast immer. Die Zu- und Ableitungen quer durch die Stadt haben die Stadtwerke bezahlt – und auf diese Weise einen Großkunden an sich gebunden.

     

    „Allein mit dem Argument Umweltschutz kann man in einem großen Konzern nicht viel erreichen“, ist Hubner überzeugt. Doch wenn man Klimaschutz mit Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit verbinde, dann habe man gute Karten. „Die treibende Kraft bei uns ist ja immer, die Fixkosten pro Fahrzeug zu senken.“ Ob dieser Effekt aus Umweltsicht wünschenswert ist, ist allerdings eine andere Frage.

    Annette Jensen
    01. März 2012

    www.swm.de

    Abschlussbericht Fernkälte

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 194-manomama

    Augschburgdenim

    Sie macht alles anders als andere Textilunternehmer: Sina Trinkwalder zahlt anständige Löhne, verwendet gute Materialien und beweist, dass solchermaßen produzierte Kleidung auch dann bezahlbar bleiben kann, wenn sie in Deutschland gefertigt wird. 

    Mode made in Germany

    Sie macht alles anders als andere Textilunternehmer: Sina Trinkwalder zahlt anständige Löhne, verwendet gute Materialien und beweist, dass solchermaßen produzierte Kleidung auch dann bezahlbar bleiben kann, wenn sie in Deutschland gefertigt wird. 

     

    Noch sind die drei Hallen in Augsburgs altem Textilviertel grau, leer und kalt; nur ein riesiger Holztisch steht unter dem Atelierdach, dessen Fenster den optimalen Lichteinfall fürs Zuschneiden von Stoff bieten. Doch morgen wird der Maler kommen und die Wände violett streichen, denn schon in zehn Tagen sollen hier riesige Stoffballen lagern, mehrere Dutzend Nähmaschinen rattern und etwa 60 Menschen ihr Geld verdienen. „Das muss klappen, und das klappt auch“, sagt Sina Trinkwalder – und wer sie eine Weile erlebt hat, wird daran nicht zweifeln.

     

    Keine Frage: Die 34-jährige Chefin von Manomama ist eine außergewöhnliche Unternehmerin. Während fast alle Textilfirmen ihre deutschen Produktionsstätten dichtgemacht haben, weil die Löhne hier angeblich zu hoch sind, hat Sina Trinkwalder sich genau aus diesem Grund für die Branche entschieden. Und während die großen Markenunternehmen ihre Stoffe dort bestellen, wo es weltweit gerade am billigsten ist, hat sie eine Färberei auf der schwäbischen Alb und eine Weberei in Osnabrück beauftragt. Sämtliche Materialien sind ökologisch – bis hin zum Garn. „Das geht alles, wenn man keine riesigen Margen verdienen will“, meint die Frau mit den langen schwarzen Haaren und der Hornbrille. Während sie sich im noch leeren Büro auf den Fußboden setzt, hält sie mit temperamentvollen Gesten einen Kurzvortrag darüber, dass Lohnfertiger für eine Markenjeans oder ein Edelsakko nur fünf bis zehn Prozent des Endverkaufspreises bekommen, und dass horrende Summen für Werbung und Zwischenhandel draufgehen. Dann klingelt ihr Handy, sie entschuldigt sich, eine Leiter fehlt, und sie muss noch schnell das Heizungsproblem lösen. Nervös macht sie das alles nicht, im Gegenteil wirkt sie spielerisch und völlig stressfrei. Und nachdem sie alles rasch organisiert hat – garniert mit ein paar scherzhaften Bemerkungen –, knüpft sie nahtlos an das vorher Gesagte an.

     

    Über 1.000 Bewerbungen sind bei Manomama für die rund 40 neuen, unbefristeten Stellen eingegangen. Augsburg war früher eine bedeutende Textilstadt, und so kamen die meisten Briefe von Facharbeiterinnen, die schon lange beim Arbeitsamt gemeldet sind und ihren 50. Geburtstag bereits hinter sich haben. Sina Trinkwalders Auswahlkriterien waren so speziell wie das gesamte Projekt: Lange arbeitslos zu sein galt ebenso als Pluspunkt wie Kinder allein erziehen zu müssen, während Bewerberinnen aus festen Anstellungsverhältnissen keine Chance hatten. „Ein Freund sagt, ich habe einen Dachschaden, das könne alles nicht klappen, und ich solle doch zumindest nach Akkord bezahlen. Aber bei mir verdient jeder mindestens zehn Euro in der Stunde; alles andere erscheint mir unwürdig“, stellt Sina Trinkwalder klar.

     

    Es ist nun knapp zwei Jahre her, dass sie das Bekleidungsunternehmen Manomama gegründet hat. Der Name entstammt dem Kindermund ihres inzwischen siebenjährigen Sohnes. Er war es auch, der für sie den Ausschlag gab, radikal mit ihrem früheren beruflichen Leben zu brechen. Doch von vorn: Sina Trinkwalders Aufstieg begann bereits vor dem Abitur. Damals hatte sie zusammen mit ihrem späteren Mann eine Werbeagentur gegründet, die bald sehr gut lief und beiden ein luxuriöses Leben ermöglichte: „Ein großes Auto, mit 25 Jahren schon fünf Rolexuhren und jeden Abend essen gehen.“ Die Kunden schätzten Sina Trinkwalder, immer häufiger wurde sie auch als Unternehmensberaterin zu Rate gezogen. „Da ging es dann oft darum, die Effizienz zu erhöhen – und das hieß häufig, Frauen im Direktvertrieb einzusparen.“ Zunächst dachte sie kaum darüber nach, was das eigentlich bedeutete, aber nach der Geburt ihres Sohns stellte sie sich immer häufiger die Sinnfrage: „Wie soll aus der nächsten Generation was Gutes werden, wenn die Mütter so unter Druck stehen?“ Außerdem stellte sie fest, dass es sie anödete, immer nur mehr Geld zu verdienen. Und so kam sie eines Abends nach Hause und war sich plötzlich absolut sicher: So wie bisher wollte sie nicht weitermachen. Ihren Mann zu überzeugen war nicht schwer. Im Gegenteil: Er war sofort bereit, das gemeinsam Ersparte in einen Neuanfang zu stecken.

     

    „Ich hatte von Mode überhaupt keine Ahnung“, sagt die 34-Jährige – und tatsächlich würde niemand auf die Idee kommen, dass die uneitel gekleidete Frau die Chefin eines Bekleidungsunternehmens sein könnte. Ihre Füße stecken in schwarzen Turnschuhen, und ihren silbernen Pullover hat ihr Sohn recht zutreffend einmal als Kettenhemd beschrieben. Dass sie sich dennoch für die Branche entschieden hat, erklärt sie mit dem Bedürfnis, etwas wieder gutzumachen – schließlich arbeiten in der Textilindustrie vorwiegend Frauen. Und dazu, dass Frauenjobs prekärer oder ganz gestrichen werden, hatte sie in ihrem vorherigen Beruf immer wieder beigetragen.

     

    „Pippi Langstrumpf hat gesagt: Ich kann alles. Und ich ergänze: Was ich nicht kann, kann ich lernen.“ Sie orderte bei einem Fachhändler die beste Nähmaschine, die es auf dem Markt gab, und steppte zunächst ein paar krüppelige Stofftiere zusammen. Doch der Rückwärtsgang schien nicht zu funktionieren, und so forderte sie den Verkäufer auf, die defekte Maschine auszutauschen. Der kam vorbei und stellte voller Verwunderung fest, dass die Kundin offenbar keine Ahnung vom Zusammenspiel von Nadel und Faden hatte. Noch viel erstaunter war er, als er von ihren Plänen erfuhr, in Kürze eine Näherei mit mehreren Angestellten zu eröffnen. „Du spinnst, Mädle“, war sein Kommentar – und dann reagierte er, wie viele Menschen auf die energiegeladene junge Frau reagieren, die mit Witz, derbem Charme und Idealismus die Gabe hat, andere Menschen mitzureißen: Seit jener Begegnung unterstützt er sie nach Kräften.

     

    So lernte Sina Trinkwalder innerhalb von ein paar Wochen leidlich nähen. Sie wusste nun auch, welche Maschinen sie für ihren Laden braucht. „Ich hör’ gern zu und lass’ mir brutal viel sagen. Je mehr Input ich von irgendwoher kriegen kann, desto besser.“ So kann sie sich beim Aufbau ihres Unternehmens auf viele Freunde verlassen, außerdem auf Professoren oder Ingenieure, die sich in der Textilproduktion auskennen. „Sie ist wie der FC Bayern München: Entweder die Leute lieben oder hassen sie“, beschreibt ihr Mann die Wirkung seiner Frau. Insbesondere bei anderen Wirtschaftskapitänen scheint es eher in die zweite Richtung zu gehen, zeigen sich doch einige von Sina Trinkwalders kompromissloser Art provoziert.

     

    Die ersten Angestellten von Manomama waren eine Näherin und eine Schnittmacherin, und es dauerte nicht lange, bis Sina Trinkwalder zwölf Mitarbeiterinnen hatte. Die Kleidungsstücke werden nach den Wünschen der Kundinnen angefertigt, die diese via Internet mitteilen. Wer sich einen Manomama-Maßanzug oder ein T-Shirt schicken lässt, erfährt über das Etikett, welche Näherin das Stück gefertigt hat. „Ich will die Anonymität zwischen Produzenten und Konsumenten aufheben“, begründet die Chefin dieses Vorgehen.

     

    Die Sache läuft – und inzwischen hat Sina Trinkwalder einen Kooperationspartner gewonnen, der ihr künftig zuverlässig große Mengen Textilien abnehmen wird. Wer das ist, ist noch geheim; doch die neuen Arbeitsplätze seien auf Jahre gesichert, verspricht Trinkwalder. „Es ist wie ein Märchen – und absolut cool, dass es wahr ist.“

     

    Annette Jensen
    23. Februar 2012

    www.manomama.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 70-restauration-aao

    Resteküche

    Die Restauration a.a.O. in Hannover praktiziert Kochen als eine Kunstgattung. Ein Gastmahl des Künstlers Dieter Froelich ist aber durchaus alltagsweltlich und überaus nachhaltig.

    Kitchen-Story

    Die Restauration a.a.O. in Hannover praktiziert Kochen als eine Kunstgattung. Ein Gastmahl des Künstlers Dieter Froelich ist aber durchaus alltagsweltlich und überaus nachhaltig.

    „In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog.“ Was Marcel Proust hier beschreibt, nennen die Amerikaner heute kurz „Comfort Food“ und meinen damit Speisen, die nicht nur den Magen erfreuen, sondern auch das Herz.

     

    Dem Hannoveraner Dieter Froelich (53), hauptberuflich Künstler, manchmal aber auch Künstlerkoch und Kochkünstler, wird der amerikanische Lifestyle-Begriff ein Graus sein. Aber er weiß genau, wovon Proust sprach. Froelich kennt die geheime Kraft des Essens, er kennt die Historie und die Psychologie der Esskultur, und er experimentiert kulinarisch in seiner ganz eigenen Versuchsküche der Restauration a.a.O.

     

    Der Begriff der „Restauration“ bezeichnet die Wiederherstellung eines alten Zustandes und die Stärkung von alten, meist politischen Vorstellungen. In Froelichs Restauration a.a.O. geht es um zweierlei Wiederherstellungsmaßnahmen: Es werden überkommene Ernährungstraditionen reanimiert und das körperliche Wohlgefühl der Gäste revitalisiert, das kurzzeitig durch Hunger gestört war. 

     

    Die Restauration a.a.O. ist kein alteingesessenes Spitzenrestaurant der wirtschaftlichen und politischen Hautevolee Hannovers. Deshalb kann weder ein Reiseführer noch ein Stadtplan, ein Gourmetführer, ein Navigationssystem oder ein ortskundiger Taxifahrer helfen, die Restauration a.a.O. zu finden – denn „a.a.O.“ heißt „am angegebenen Ort“. Es handelt sich um ein fahrendes Speiselokal, das sich erst verortet, wenn es gerufen wird, egal wohin – ob in einen Kunstverein, in eine stillgelegte Industriehalle oder ein privates Esszimmer. (Der Leser sollte jetzt um Himmels willen nicht denken „Ahh, ein Catering-Service“ – schon vergessen? Wir befinden uns mit Dieter Froelich in einer Phase der Restauration!) Die Restauration a.a.O. ist reaktionär und mobil reaktionsfähig.

     

    Wird Froelich zum Kochen gebeten, packt er die gesamte vagabundierende Küche in seinen VW-Bus, denn er verarbeitet die Zutaten seiner Speisen direkt am  angegebenen Ort. Froelich hat fast seine gesamte Ausstattung auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen zusammengesucht und so viele alte Dinge aus ihrer Nutzlosigkeit befreit. Er hat sie restauriert, wiederbelebt! Teller, Schüsseln, Gläser und Besteck, von denen seine Gäste essen und trinken, sind so individuell und manchmal auch so alt wie diese selbst. Das weiße Porzellan trägt stets den blauen, klaren Schriftzug der Restauration a.a.O. Und es wird schnell klar, dass man es mit einem Gesamtkunstwerk zu tun hat. Bleibt die Frage, was das für das Menü zu bedeuten hat.

     

    Froelich ärgert, was heutzutage in den Restaurantküchen „verbrochen“ wird: Der „affektierten Speise, dem überpuderten Dessertteller oder dem manieriert daher kommenden Appetithappen“ möchte der Kochkünstler etwas entgegensetzen, denn den heutigen Umgang mit Rohstoffen und Zutaten empfindet er als „falsch verstandene Kreativität“. Froelich möchte sich „auf würdige Weise“ mit der Bereitung des Essens beschäftigen. Ihm geht es dabei um das handwerkliche Kochen, um generelle Prinzipien und um „Archetypen von Speisen“. Dafür ist eine Rückbesinnung auf die Kochtraditionen notwendig – jenseits der Moden.

     

    Der Mann mit dem klassischen Kochhalstuch serviert Gerichte, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen: Kloß, Knödel, Pudding, Klops, Wurst, Pastete und Terrine. Und, ganz wichtig: Es geht ihm um Resteverwertung; nichts soll aus Überfluss weggeworfen werden. Wird ein Tier geschlachtet, verarbeitet die moderne Küche nur die „attraktiven“ Teile – wie Filet und Kotelett –, nicht aber Innereien, Kopf und Gliedmaßen. Diese sind tabuisiert, weil sie zu sehr an das Opfer erinnern, und gelten bestenfalls als Hausmannskost. Der Kenner der Koch- und Zubereitungsweisen Froelich aber demonstriert, dass nachhaltiges Kochen nicht den Beigeschmack einer Armeleuteküche haben muss. Er reaktiviert dafür in Vergessenheit geratene Rezepte aus Kochbüchern vergangener Jahrhunderte, die in modernen Ohren auch seltsam klingen können, zum Beispiel  „Von huner fuessen ein essen“, ein Rezept aus dem Wiener Dorotheenkloster des 14./15. Jahrhunderts.

     

    Bei jeder Festlichkeit, die die Restauration a.a.O. ausrichtet, gibt Dieter Froelich eine Einführung in seine Kochphilosophie und erklärt den Gästen seine Zutatenauswahl und die Methoden der Zubereitung. Er nennt das „Aufklärungsarbeit“. Jeder Gast erhält ein zum Anlass gefertigtes Textheft, das des Koches Reflektionen zu den servierten Speisen und zum Thema Nachhaltigkeit enthält. Wer auf den Geschmack kommt und wer künftig selbst in der eigenen Küche mehr Reste verwerten möchte, kann mehr als 350 Rezepte in Froelichs Buch Topografie der Gemengsel und Gehäcksel nachlesen.

     

    Ein Mahl der Restauration a.a.O. wird für jeden Gast ein ganz besonderes sein. Und so ein Abend kann die eigene Kochpraxis verändern, denn Froelichs Küche ist einfach und unkompliziert, regional und alltagstauglich, traditionell und nachhaltig, aber vor allem: überaus schmackhaft!

    Dana Giesecke
    18. Januar 2012

    www.restauration-a-a-o.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 170-schmidttakahashi

    Lumpensampler

    Das Berliner Modelabel schmidttakahashi macht unter dem Titel Reanimation – Wiederbelebungsmaßnahmen aus Altkleidern Haute Couture.

    Jacke wird Hose

    Das Berliner Modelabel schmidttakahashi macht unter dem Titel Reanimation – Wiederbelebungsmaßnahmen aus Altkleidern Haute Couture.

    „Entwerft doch lieber Teile, die so gut sind, dass man sie nicht wegschmeißen will“, hatte ihr Professor geraten, als sie ihm die Idee für ihre Diplom-Kollektion vorstellten; sie planten, neue Kleidungsstücke aus Altkleidern, aus Weggegebenem zusammenzusetzen. Doch Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi, damals beide kurz vor dem Abschluss ihres Studiums an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, waren kühn und unbeirrt, auch von der Skepsis ihres Betreuers, und begannen mit der Arbeit an ihren ersten textilen „Wiederbelebungsmaßnahmen“. Dass sie innerhalb weniger Jahre Inhaberinnen eines angesagten Modelabels sein könnten, mit Runway-Schauen und Showrooms, kam den Design-Studentinnen damals, 2008, nicht in den Kopf.

     

    Das Kleidungsstück mit der Nummer 100001-00 – erste Kollektion, allererstes Teil – hängt aus Nostalgie noch heute im Berliner Atelier. Darin erwachen drei aussortierte Klamotten zu neuem Leben: Im Kragen, in den Schultern und Taschen ist Unikat 100001-00 ein schwarz glänzender Smoking, in den Armen ein feiner brauner Cashmere-Pullover, im Rücken und den Lenden ein grober blauer Wollpulli – und alles in allem eben ein schmidttakahashi-Strickblazer. Ein phänomenaler Blazer; leider für Herren. Kann ich meinen Freund dazu bringen, so was anzuziehen? Aus Altkleidern? Ich könnte behaupten, das Teil stammt aus der aktuellen Boss-Kollektion – er liebt Hugo Boss. Müsste ich nur das Label fingieren.

     

    Der erfolgreich hinters Licht Geführte besäße ein umwerfendes Kleidungsstück, würde aber – weshalb ich den Betrug doch nicht versuche – um die besondere Freude gebracht, die der Besitz eines schmidttakahashi-Piece verspricht. Denn der aufgeklärte Eigentümer von Unikat 100001-00 darf sich in dem Wissen sonnen, dass für seinen Blazer keine Stoffe neu produziert werden mussten, dass nichts aufwändig und umweltfeindlich transportiert wurde, und dass das Geld direkt bei den Damen landet, die das Jackett per Hand genäht haben – das soll Hugo Boss erstmal nachmachen.

     

    Das Bezauberndste am schmidttakahashi-Tragen aber ist, dass man ein Einzelstück hat, eine Zusammenstellung, die es so nur einmal gibt – und deren Zusammensetzung sich exakt rekonstruieren lässt. Letzteres geht über intuitives Entdecken – dieser sandfarbene Ärmel muss von einem anderen Teil stammen als der geblümte Kragen da – oder ganz nüchtern, mit Hilfe des schon genannten Nummerncodes. Den bekommt nicht nur die glückliche Käuferin, sondern den erhalten auch die Personen, deren ausgediente Klamotten im schmidttakahashi-Teil zu neuem Glanz gekommen sind. Geschichtsinteressierte Neubesitzer können über den Code unsentimentale Aussortierer aufspüren, oder nostalgische Kleiderspender die Neugier befriedigen, ob aus dem geliebten Pelzmantel nun ein T-Shirt geworden ist oder ein Abendkleid.

     

    Derart nummerierte Kleidungsstücke kann man Anfang 2012 schon zum fünften Mal auf der halbjährlichen Berliner Fashion Week bewundern. Von Schmuddelecke (oder -container) nicht ein Hauch, und Designerin Takahashi lässt in ihrer Pullikleid-Eigenkreation alle anwesenden Fashionistas erblassen. Auch der Diplomarbeitsbetreuer ist mittlerweile Anhänger der Reanimation; Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi hätten über die Arbeit mit schon festgelegten Stoffen einen ganz eigenen Stil entwickelt, hat der Professor sein frühes Urteil beeindruckt revidiert. 

     

    Was sind das also für Frauen, die den Modezirkus mit der Ansage betreten haben, aus Altkleidern Haute Couture machen zu können? Und die sich in den bisher vier Jahren ihrer gemeinsamen Wiederbelebungsaktivitäten einen Namen gemacht haben, der von der Vogue bis ins greenpeace magazin, von der ZEIT bis ins Modeblog Les Mads strahlt?

     

    Sie – und ihre Mode – wirken behutsam und klar, festgelegt und experimentierfreudig zugleich. Weniger ätherisch gesagt: Eugenie Schmidt, Anfang 30, aus Tadschikistan, und Mariko Takahashi, Ende 30, aus Japan, haben in Berlin Modedesign respektive Textil- und Flächendesign studiert. Irgendwann im Laufe des Studiums stellten sie fest, dass beide besonders die mit Kleidungsstücken verbundenen Gefühle und Erinnerungen interessant finden. Und sie beschlossen, nicht einfach neue Teile, frische Projektionsflächen für Emotionen, zu gestalten – wie es von angehenden Designerinnen zu erwarten wäre. Stattdessen wollten sie in abgelegten Kleidern nach den scheinbar erloschenen Erfahrungen suchen; in einen anderen Zusammenhang gebracht, könnten diese wieder aufblühen, um sich in einen neuen, vielschichtigeren Erfahrungsschatz zu fügen.

     

    Von organischen Stoffkreisläufen oder Cradle-to-Cradle-Ideen – Müll gibt es nicht, in Verbrauchtem keimt Neues – ist das nicht weit entfernt. Und so sind Schmidt und Takahashi seit ihrer ersten Runway-Show 2009 insbesondere von den umweltinteressierteren Modeliebhabern beachtet worden: auf der Fashion Week sind sie Teil des GREENshowroom, und auch den RecyclingDesignpreis haben sie schon gewonnen. Ob sie wirklich „green“ seien, wüssten sie aber gar nicht so genau, gesteht Takahashi: „Wir nehmen auch Leder und Synthetik, wenn jemand es abgibt, wir sind keine Veganer oder so.“

     

    Grün oder nicht, in jedem Fall ist das, was schmidttakahashi betreiben, Slow Fashion: die Kundin setzt sich auseinander mit dem, was sie kauft, und sie stopft nicht gigantische Mengen billigen Zeugs in ihre Tüten. Damit ihre Arbeitsweise aber für die Designerinnen nicht Super-Slow Fashion bedeuten muss, haben sie unlängst eine zweite Linie lanciert. Neben den enorm aufwändigen Unikaten – für jedes einzelne Teil wird auf der Grundlage der gerade verfügbaren Kleiderspenden eine eigene Form und Zusammensetzung entwickelt – gibt es nun Duplikate. Im Schnitt haben die ein Unikat zum Vorbild, weichen aber in Material und Farbe davon ab; sie erlauben es Schmidt und Takahashi erstmals, ihre Kleidungsstücke in unterschiedlichen Größen anzubieten. In gewisser Weise entspringen auch diese zahlenmäßig sehr begrenzten Duplikate Wiederbelebungsprozessen – reanimiert ist das Unikat – und stellen einen Weg der Einsparung von Ressourcen dar.   

     

    Möchte man sich die Entstehung eines schmidttakahashi-Stücks konkreter ausmalen, so kann man auf der Webseite des Labels im „Altkleiderarchiv“ stöbern und wird sich an das Kinderbuch erinnert fühlen, wo Elefantenbeine zum Krokodilsrumpf und dem Giraffenhals kombiniert werden konnten: Nichts passt, und irgendwie geht alles. Im Archiv finden sich Stofftaschentücher zwischen Hosen, Spitzenhemdchen neben Mützen. Dass ein schäbiges London-Shirt schon „reanimated“ wurde, zeigt ein Banner an, eine Pluster-Steg-Jogginghose scheint es (noch?) nicht zu sein. Womit würde ich diese absurde Hose zusammenschneidern? Was für ein Kleidungsstück würde das überhaupt, für welches Körperteil? Und passt dazu womöglich der viel zu kurze, aber wunderbare Samtrock von meiner Mutter, der seit Jahren in meinem Schrank wartet – auf was wartet der eigentlich? Auf Wiederbelebung?! 

    Luise Tremel
    23. Januar 2012

    www.schmidttakahashi.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 100-aldebaran

    Stier der Meere

    Frank Schweikert macht mit seinem Schiff ALDEBARAN vieles: Forschen, Bilden, Senden, Öffentlichkeitsarbeit für Nachhaltigkeit. Ein Bericht über einen Journalisten ganz ungewöhnlicher Art.

    Leinen los!

    Frank Schweikert macht mit seinem Schiff ALDEBARAN vieles: Forschen, Bilden, Senden, Öffentlichkeitsarbeit für Nachhaltigkeit. Ein Bericht über einen Journalisten ganz ungewöhnlicher Art.

    Hartnäckigkeit kann man Frank Schweikert wirklich nicht absprechen. Seit fast 20 Jahren betreibt der Journalist die ALDEBARAN als Forschungs- und Medienschiff und verfolgt mit ihr die Idee, dass man die Ergebnisse der Meeresforschung schneller und interessanter an die Leute bringt, wenn man sie direkt vom Ort der Forschung aus sendet: vom Schiff also. Das Ende der Arbeitsteilung zwischen Forscher und Reporter ist zwar bis heute noch nicht flächendeckend eingetreten, aber, wie gesagt, Frank Schweikert gehört zu den Hartnäckigen.


    Schon als Schüler hatte er für die Zeitung Badische Neueste Nachrichten geschrieben, war dann nach dem Abitur zum Sender SWF3 gegangen und Rundfunk- und Fernsehjournalist geworden. Neben dem Schreiben gehörte zu seinen Passionen das Meer, also studierte er folgerichtig noch Biologie auf Diplom. Den Wunsch seines Professors nach einer anschließenden Promotion lehnte er jedoch ab, weil es ihn nervte, „auf wie viel Wissen Wissenschaftler herumsitzen, ohne es weiterzugeben.“ Frank Schweikert passierte dann etwas, was nicht vielen Menschen passiert: Ihm lief ein Schiff zu – das havarierte Exemplar eines Schiffes, mit dem er schon seit vielen Jahren geliebäugelt hatte, das er sich aber intakt nie hätte leisten können.


    Mit dem Plan, aus dem Hurricane-Wrack ein Forschungs- und Medienschiff entstehen zu lassen, ging er 1991 zur Bank, bekam zu seiner nicht geringen Verwunderung ein Darlehen von 200.000 D-Mark und ließ das Schiff auf- und umbauen: seitdem ist Schweikert der Kapitän der ALDEBARAN, benannt nach dem hellsten Stern im Sternzeichen des hartnäckigen Stiers.


    1992 ging es los mit der ersten Reportagefahrt. Schweikerts bis heute zündende Idee war es, das alte Ü-Wagen-Konzept (Anm. d. Red.: Übertragungswagen) des Hörfunks auf die maritimen Hotspots der Nachhaltigkeit zu übertragen: im Meer genau dorthin zu fahren, wo Veränderungen in der Ökologie hautnah zu spüren und zu beschreiben sind. Seine Radioübertragungen direkt von der See waren höchst innovativ, aber durchaus nicht immer beliebt. Als die ALDEBARAN in ihrer ersten Sendung von der Rückkehr des Herings in die Flensburger Förde berichtete, empörte sich der für Umweltthemen zuständige ARD-Redakteur: „Jetzt haben wir uns mit den Umweltverbänden jahrelang Mühe gegeben, die Ostsee totzureden, da kommt die ALDEBARAN und macht sie wieder lebendig!“


    Gute Nachrichten sind eben schlecht für die etablierten Medien, auch wenn man sie gerade im Feld der Nachhaltigkeit eigentlich gut gebrauchen könnte. Aber hier hat sich ein professioneller Katastrophismus breitgemacht, dem mutmachende Erfolgsberichte eher ungelegen kommen. Frank Schweikert ließ sich davon nicht beirren. Inzwischen waren sie alle mal auf dem Schiff gewesen: Heroen der Meeresforschung wie Jacques-Yves Cousteau, der Umweltpolitik wie Klaus Töpfer, dazu eine Menge Minister, Bundespräsidenten usw.


    Schweikert ist neben allem anderen auch noch ein Technikfreak, und so gelang es ihm, mit der ALDEBARAN vieles als erster zu machen: nicht nur die Ostsee vom Totenbett zurückzuholen, sondern zum Beispiel auch die erste Email von einem Schiff zu versenden (1994!), die erste Unterwasser-Live-Moderation durchzuführen (1996), den ersten digitalen Fernsehschnittplatz auf einem Schiff zu installieren (1998) oder die erste Fulldome-Unterwasseraufnahme für Planetarien zu machen.


    Die Expeditionen der ALDEBARAN lassen sich heute, nach zwei Jahrzehnten, kaum mehr zählen, die Schülerprojekte, die an Bord durchgeführt worden sind und prägende Einblicke in die praktizierte Nachhaltigkeitsforschung vermittelt haben, auch nicht. Trotz der chronisch prekären Finanzierung arbeitet Schweikert ständig an der Erweiterung seiner rastlosen Aktivitäten für Klima, Meer und Bildung: im Moment nimmt er gerade – zusammen mit Hartmut Graßl, dem deutschen Klimaforscher der ersten Stunde – den weltweit ersten Klimasender in Angriff: One Climate TV hat unlängst die europaweite Sendelizenz erhalten. Nun fehlen, wie immer, noch ein paar hunderttausend Euro zur Realisierung des regelmäßigen Sendebetriebs, aber die kriegt Frank Schweikert, der Hartnäckige, bald zusammen. Ohne jeden Zweifel.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.aldebaran.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 110-forum-anders-reisen

    Weltanschauung

    Das forum anders reisen fördert nachhaltigen Tourismus und innovative Reise-Ideen. Das von Flugreisenden verursachte CO2 wird bei der Klima-Agentur atmosfair kompensiert.

    Fairreisen!

    Das forum anders reisen fördert nachhaltigen Tourismus und innovative Reise-Ideen. Das von Flugreisenden verursachte CO2 wird bei der Klima-Agentur atmosfair kompensiert.

    Reisen ist für Vorurteile, Bigotterie und Engherzigkeit lebensgefährlich, 
und viele unserer Leute benötigen es aus diesem Grunde dringend. 
(Mark Twain)


    Auf Tourismus-Messen begegneten sie sich immer wieder. Und stellten fest, dass sie ähnlich tickten. Sie bemühten sich, eine andere Art von Reisen zu organisieren, eine, die lustbetont fremde Welten erkundet und doch gleichzeitig Rücksicht auf Umwelt, Land und Leute nimmt. 1998 schließlich schritt ein Dutzend Menschen zur Tat. Sie gründeten den Verein forum anders reisen, um einen Tourismus zu fördern, der „langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für ortsansässige Gemeinschaften“ ist. Inzwischen, berichtet Ute Linsbauer von der Freiburger Geschäftsstelle, sei das forum anders reisen auf eine Gemeinschaft von über 140 Reiseunternehmen angewachsen. Ihr Büro koordiniert alle Aktivitäten und gibt den gemeinsamen Katalog Reiseperlen heraus.


    Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, 
welche die Welt nicht angeschaut haben. (Alexander von Humboldt)


    Keine Reise machen ist auch keine Lösung, das wusste schon der Humanist von Humboldt. Natürlich produziere praktisch jede Art von Urlaub mehr oder weniger Treibhausgase, insbesondere das Fliegen, gibt Ute Linsbauer zu. Aber man dürfe nicht vergessen, dass es in den armen Ländern viele Menschen gebe, die vom Tourismus abhängig seien. Und: Auch wenn man aus Klimaschutzgründen auf Flugzeuge spuckt und nur Rad fährt, frisst vielleicht zu Hause der Kühlschrank lustig grinsend weiterhin Strom, und im Feriendomizil rumpelt ein zweiter. 


    Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. (Loriot)


    Blättert man im Reiseperlen-Katalog, fällt einem die Treibhausgasberechnung für jede Flugreise ins Auge. Der Veranstalter Biss-Reisen etwa bietet die Erkundung der zentralasiatischen Seidenstraße per Rad an; der Flug nach Taschkent verursache „ca. 2.970 kg klimarelevante Emissionen“, die man mit einer Überweisung von 70 Euro an die Klima-Agentur atmosfair kompensieren könne. Das Reiseunternehmen Weltweitwandern organisiert eine Trekking-Tour durch den Himalaya; für 4.640 Kilogramm Treibhausgase ist ein Ausgleich von 109 Euro an atmosfair zu bezahlen. Der Kompensations-Dienstleister wurde 2003 gemeinsam von der Umweltorganisation Germanwatch und dem forum anders reisen gegründet und fördert mit seinen Einnahmen Solar-, Biomasse- oder Energieeffizienzprojekte in Entwicklungsländern. Wirklich neutralisieren kann auch atmosfair die Treibhausgase nicht, gibt Linsbauer zu, aber immerhin kompensieren.


    Als wir noch in der Wiege lagen, dacht’ keiner an den Liegewagen. Jetzt kann man nachts im Wagen liegen und sich in allen Lagen wiegen. (Kanon, Verfasser unbekannt)


    Klar, mit dem Rad oder der Bahn zu fahren sei auf jeden Fall besser, sagt Ute Linsbauer. Die Mitglieder des forum anders reisen seien angehalten, in ihren Reiseangeboten immer wieder darauf hinzuweisen. Zudem veröffentlicht das Forum „Tipps zum CO2-Sparen im Urlaub“. „Fliegen Sie nur, wenn Sie nicht anders anreisen können“, heißt es darin, „denn Flugreisen sind der Klimakiller Nr. 1 im Tourismus. Sie verursachen bis zu 80% der CO2-Emissionen einer Reise.“ Man empfehle deshalb, weniger oft in die Ferne zu fliegen, dafür aber möglichst lange vor Ort zu bleiben. Auch die Reisebranche selbst solle mehr Verantwortung für den Klimaschutz übernehmen: „Kurztrips mit dem Flugzeug gehören nicht in ein nachhaltiges Angebotsportfolio.“


    Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, 
ob man sich anständig benehmen muss 
oder ob schon deutsche Touristen da gewesen sind. 
(Kurt Tucholsky)


    Und woran erkennt ein fernwehkranker Mensch, dass die Reiseangebote des Forums ihre selbstgesteckten hehren Ansprüche erfüllen? Wer als Reiseveranstalter dem Verein beitritt, erklärt Ute Linsbauer, der verpflichte sich, binnen zwei Jahren den sogenannten CSR-Prozess zu absolvieren. CSR steht für Corporate Social Responsibility und ist ein kleines rotes Siegel, das an Reiseveranstalter verliehen wird, die eine Reihe von Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Der Kriterienkatalog sei „das Herzstück“ des forum anders reisen, weil es die Grundsätze eines umwelt- und sozialverträglichen Reisens definiere.


    Offroad-Touren mit Geländewagen oder Motorschlitten; Reiseziele, deren Flora, Fauna oder Gesellschaftsform durch Tourismus beschädigt werden könnten; Zubringerflüge innerhalb Deutschlands oder Flüge über 2.000 Kilometer mit einer Aufenthaltsdauer von weniger als zwei Wochen – all das bietet das forum ganz bewusst nicht an. Aber es gebe auch eine Menge Positivkriterien, sagt Linsbauer: Kleine familiengeführte Unterkünfte würden bevorzugt, die Angestellten müssten fair entlohnt werden, die Reisegruppen seien klein und gut betreut. Begegnungen zwischen Gästen und Einheimischen seien zu fördern und „rein folkloristische Veranstaltungen“ zu meiden. Reiseveranstalter müssten in einem sogenannten CSR-Bericht beweisen, dass sie sich an den Kriterienkatalog halten. Ein unabhängiger Zertifizierungsrat überprüfe dies und verleihe ihnen dann das Gütesiegel CSR-Tourism-Certified.


    Rechte Ferienfreuden sind nur dort zu genießen, wo andere im Alltag stehen und dessen Mechanik bestreiten. Da hat der Tourist sein Glück... Wo hingegen alle auf Urlaub sind, an Ferienplätzen, in Heimen, in Sanatorien, am Strand, dort herrscht nur der Maskenball. (Martin Kessel)


    Ein weiteres Anliegen der Reiseveranstalter sei es, berichtet Ute Linsbauer weiter, tiefere Einblicke in den politischen und kulturellen Alltag von Ländern zu fördern. Im Reiseperlen-Angebot finden sich deshalb zahlreiche Kulturreisen oder auch „Reisen in die Zivilgesellschaft“. Die Reiseführer sind in diesem Fall Autoren der tageszeitung, die Begegnungen mit zivilgesellschaftlichen Gruppen organisieren – in Vietnam, der Türkei, Irland und anderswo. Türkei-Korrespondent Jürgen Gottschlich etwa kennt jeden Intellektuellen-Treffpunkt in Istanbul, und Großbritannien-Berichterstatter Ralf Sotschek begrüßt jedes irische Bierglas beim Namen.


    Ist es nicht schrecklich, ständig andere auf Reisen zu schicken, während man selbst nur aus dem Bürofenster schauen kann? Ach nein, findet Ute Linsbauer. Langweilig sei es nie in der Freiburger Geschäftsstelle. Auch das forum habe sich dem CSR-Prozess unterworfen und überprüft, ob es ökologisch und sozial arbeitet. „Innerhalb von zwei Jahren haben wir unseren Stromverbrauch auf die Hälfte gesenkt“, sagt sie nicht ohne Stolz. „Ist das nicht fantastisch?“

    Ute Scheub
    19. Januar 2012

    www.forumandersreisen.de

    www.atmosfair.de

    www.tourcert.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 125-forum-fuer-verantwortung

    Aufklärer

    Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können: Der ehemalige Metro-Manager Klaus Wiegandt widmet sich heute mit seiner Stiftung Forum für Verantwortung dem Thema Nachhaltigkeit.

    Der harte Hund

    Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können: Der ehemalige Metro-Manager Klaus Wiegandt widmet sich heute mit seiner Stiftung Forum für Verantwortung dem Thema Nachhaltigkeit.

    Wenn man wissen will, wie Vorstände großer Konzerne, CEOs oder Leiter großer Familienunternehmen „als Menschen“ wirklich sind, lohnt es sich, ihre Chauffeure zu fragen. Die verbringen viel Zeit mit ihnen, erleben sie gestresst oder entspannt, zu allen denkbaren Uhrzeiten, in jedem denkbaren Kontext. Der frühere Fahrer von Klaus Wiegandt jedenfalls hält große Stücke auf den Ex-Topmanager. Er erzählt, dass Wiegandt nie eine Spur von Arroganz, Ignoranz oder Überheblichkeit gezeigt habe; im Gegenteil, immer sei der Chef aufmerksam, freundlich und loyal auch Angestellten wie ihm gegenüber gewesen; in deutlichem Unterschied übrigens zu vielen der früheren Geschäfts- und Verhandlungspartner Wiegandts, die doch gelegentlich ein ziemlich großkotziges Verhalten an den Tag gelegt hätten.

     

    Es ist noch gar nicht so lange her, dass Wiegandt einer der Führenden in der deutschen Wirtschaft war. 1976, mit 37 Jahren, wurde er Generalbevollmächtigter der Einzelhandelsgruppe Rewe Leibbrand. Schon ein Jahr später machte ihn Willi Leibbrand zum Mitgesellschafter der Familienholding. 1991 wurde er Chef des Handelsunternehmen Asko, das 1996 in der Metro AG aufging. Wiegandt war einer der Mitinitiatoren der Fusionierung von Asko, Kaufhof und Metro zum größten deutschen Handelsunternehmen. Zu den 60 Milliarden DM jährlichem Umsatz, auf die die drei damals zusammen kamen, sattelten Wiegandt und seine Kollegen innerhalb von drei Jahren nochmals 40 drauf; da war die Metro dann mit 100 Milliarden Umsatz nach Wal-Mart das zweitgrößte Handelsunternehmen der Welt. In seinem Vertrag hatte Wiegandt eine Klausel, dass er mit 60 Jahren aussteigen konnte – aber dazu gleich mehr. Man kann schon an dieser Kurzbiographie erkennen, dass Klaus Wiegandt als Verhandlungspartner und Stratege offenbar ein harter Hund war; mit Sanftheit schafft man keinen Großkonzern. 

     

    Seine Fähigkeit, Freundlichkeit und Verbindlichkeit im Umgang mit Deutlichkeit und Härte in der Sache zu kombinieren, hat Wiegandt sich bewahrt, obwohl er heute ganz andere Dinge macht als früher. Im Jahr 2000, kurz nachdem er mit 60 den Metro-Konzern verlassen hatte, gründete er nämlich die Stiftung Forum für Verantwortung, und seither engagiert er sich so konsequent für Nachhaltigkeit, wie er das zuvor für den Erfolg der von ihm geleiteten Firmen getan hat. In Kooperation mit der ebenfalls von ihm initiierten ASKO EUROPA-STIFTUNG und der Europäischen Akademie im saarländischen Otzenhausen stellt Wiegandt seither vieles auf die Beine: So veranstaltet er jedes Jahr ein hochkarätiges Kolloquium, zu dem er Denker wie Jared Diamond oder den Grenzen-des-Wachstums-Autor Dennis Meadows nach Otzenhausen holt. Oder er gibt eine Taschenbuchreihe im S. Fischer Verlag heraus, die sich in den ersten 13 Bänden dem Zustand der Erde und der Wirtschaft gewidmet hat – mit demoralisierenden Ergebnissen. Aber: im Unterschied zu vielen Büchern zur Nachhaltigkeit hat sich die Reihe von Klaus Wiegandt eine breite Leserschicht erschlossen. Inzwischen sind mehr als 150.000 Exemplare verkauft worden; die Reihe erscheint seit einigen Jahren mit gutem Erfolg auch im englischsprachigen Raum.

     

    Klaus Wiegandts Idee war es, die komplexen Themen – vom Zustand der Erde bis zur Zukunft der Ernährung – von renommierten Autorinnen und Autoren verständlich und kompakt darstellen und dies in einer preiswerten Taschenbuchausgabe bei einem Publikumsverlag erscheinen zu lassen. Der zuständige Lektor hatte starke Zweifel an den Erfolgsaussichten einer solchen Reihe, aber Wiegandt wäre nicht Wiegandt, wenn ihn das abgeschreckt hätte. Er machte dem Verlag ein Angebot zur Mitfinanzierung der Reihe, die inzwischen eines der Vorzeigeprojekte des Verlags geworden ist und sich auch wirtschaftlich hervorragend rechnet.

     

    Wer Klaus Wiegandt bei Vorträgen und Diskussionen erlebt, ist fasziniert: Er argumentiert sachlich, bestimmt und höchst engagiert. Man denkt unwillkürlich: authentisch. Der macht keine Show. Als ehemaligem Wirtschaftsmenschen nimmt man ihm ab, dass er weiß, was er tut. Und wenn Wiegandt sich für die Nachhaltigkeit engagiert, dann nimmt er genauso wenig ein Blatt vor den Mund wie früher in der Wirtschaft. In einem Interview mit der Lebensmittel-Zeitung etwa wird er gefragt, ob er denn nun, da immer mehr Unternehmen sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schrieben, zufrieden sei. Seine Antwort: „Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen, die vorgeben, nachhaltig zu wirtschaften, ihrem Geschäftsbericht einfach einen grünen Anstrich geben.“

     

    Solche Dinge sagt er auch Oberbürgermeistern deutscher Großstädte, Ministerinnen, Vorstandsvorsitzenden und auch sonst allen, zu denen er spricht. Inzwischen ist Wiegandt ein sehr gefragter Referent und Berater in Fragen der Nachhaltigkeit und der gesellschaftlichen Transformation geworden: gerade weil er weiß, wovon er spricht, wenn er sagt, wie unendlich schwierig es ist, eine Wirtschaft umzubauen, die zum Beispiel wegen völlig falscher Preise für Energie unter hohen Umweltkosten von überall her Lebensmittel herankarrt, die man regional ebenso gut erzeugen könnte. Und selbstkritisch gesteht er ein, dass er und seinesgleichen lange Zeit genau die Fehler gemacht haben, an deren Korrektur er mit seiner Stiftung jetzt arbeitet: Er habe mit dafür gesorgt, dass regionale Molkereien und Brauereien aufgeben mussten, weil die Preise, die ein Konzern wie die Metro an die Zulieferer bezahlt, große Unternehmenseinheiten voraussetzen. Kleine regionale Betriebe können da nicht mithalten.

     

    Heute wird er nicht müde zu sagen, dass das ökologisch nicht vertretbar sei, und dass gerade die reichen Industriegesellschaften Vorreiter für den nachhaltigen Umbau sein müssten. Ideen dafür hat er genug. Mit dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie hat er Lehrmaterialien entwickeln lassen, in denen zentrale Fragen der Nachhaltigkeit für Lehrer und andere Multiplikatoren aufbereitet worden sind – ebenfalls ein sehr erfolgreiches Projekt. Seine Buchreihe bekommt nun, nach den ersten 13 Bänden, einen anderen Fokus: Künftig wird es hier um die Perspektiven einer nachhaltigen Gesellschaft gehen – wie sie also mit weniger Mobilität und Ressourcenaufwand höhere Lebensqualität erzielen kann.

     

    Nach mehr als zehn Jahren intensiven zivilgesellschaftlichen Engagements sieht Wiegandt heute gute Chancen für die Transformation: Die Gesellschaft diskutiert kritisch über Wachstum, stellt neue Fragen, wie man eigentlich leben will und sollte. „Die Menschen werden offener für Veränderungen“, sagt der ehemalige Wirtschafts- und heutige Transformationsmann, und das motiviert ihn natürlich noch mehr. Im Augenblick überzeugt er gerade ehemalige Konkurrenten und Mitstreiter, ihm Spenden für ein neues Kolloquium zu geben, das sich vor allem an den Nachwuchs richtet. Auch Studierenden will er auf diesen Kolloquien internationale Topwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler präsentieren und sie gemeinsam an den zentralen Fragen einer zukunftsfähigen Gesellschaft arbeiten lassen. Wiegandt ist sich keineswegs zu schade dafür, Klinken putzen zu gehen, und dabei ist er, wen wundert’s, so überzeugend, dass die Angesprochenen widerspruchslos ihren Beitrag leisten. Der frühere Metro-Mann Erwin Conradi traut seinem Ex-Kollegen durchaus zu, dass er die Gesellschaft in Sachen Nachhaltigkeit ein deutliches Stück bewegen kann: „Den Klaus sollte niemand unterschätzen“, erzählte er einem Journalisten der ZEIT. „Das ist ein ausgezeichneter Stratege. Der erreicht sein Ziel.“

    Harald Welzer
    20. Januar 2012

    www.forum-fuer-verantwortung.de

    www.mut-zur-nachhaltigkeit.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 121-mobility

    Gemeinschaftskarre

    Die Schweizer Genossenschaft Mobility ist weltweit die erste Carsharing-Firma, die in einem ganzen Land präsent ist. Aus zwei grünen Selbsthilfegruppen ist ein hochmodernes Dienstleistungsunternehmen geworden.

    Nutzen ohne zu putzen

    Die Schweizer Genossenschaft Mobility ist weltweit die erste Carsharing-Firma, die in einem ganzen Land präsent ist. Aus zwei grünen Selbsthilfegruppen ist ein hochmodernes Dienstleistungsunternehmen geworden.

    Als Daniel Furrer sich Ende Juni 2011 entschied, beim Schweizer Carsharing-Unternehmen Mobility einzusteigen, wusste der 26-Jährige aus Zürich noch nicht, dass das eine Entscheidung fürs Leben sein würde: Er bekam die Mitgliedsnummer 100.000, und so werden ihm bis zum Ende seiner Tage die Grundgebühren der Autoteilgemeinschaft erlassen.

     

    Der Softwareentwickler mit den dunklen Locken und dem breiten Grinsen hat noch nie ein eigenes Auto besessen – und das aus ganz praktischen Erwägungen. „Da müsste ich mich ja um Versicherung, Reparaturen und einen Parkplatz kümmern – hier in Zürich extrem teuer – und ich müsste das Auto regelmäßig beim Straßenverkehrsamt vorführen. Dazu habe ich keine Lust und keine Zeit“, begründet er seine Haltung. In seiner Heimatstadt ist er außerdem mit Bus und Straßenbahn meist deutlich schneller; und wenn er alle paar Wochen doch mal ein Auto braucht, um zu einer Squashhalle aufs Land oder mit einem schweren Einkauf nach Hause zu kommen, dann holt er sich eben einen der kleinen roten Mobility-Wagen.

     

    Ein knappes Vierteljahrhundert hat es gedauert, bis aus zwei Selbsthilfegruppen mit zusammen 22 Mitgliedern eine Genossenschaft mit sechsstelliger Beteiligtenzahl geworden ist. Die Idee, Autos zu teilen und so Platz auf den Straßen sowie Autonutzern Geld zu sparen, kam zwei Männern in der Schweiz fast zeitgleich. Im kleinen Stans scharte Conrad Wagner eine Freundesgruppe um sich, die ab sofort gemeinsam einen roten Opel Kadett und ein Motorrad nutzten. Im Mai 1987 gründeten sie die AutoTeilet-Genossenschaft – kurz ATG. Wer fahren wollte, trug sein Anliegen in eine Liste ein und holte den Schlüssel aus einem handgefertigten Holzkästchen.

     

    Etwa zwei Wochen später entstand unabhängig davon in Zürich die ShareCom Genossenschaft – auch diese Gruppe stand unter dem Motto: Nutzen statt besitzen. Sie bezog das aber nicht allein auf Autos, sondern auch auf andere Gegenstände wie Langlaufski oder Videokameras. Hier war der Initiator Charles Nufer, ein Informatiker und grüner Überzeugungstäter, der schon bald ein ausgeklügeltes elektronisches Reservierungssystem entwickelte.

     

    Eine Weile lang fuhren die beiden Organisationen nichtsahnend nebeneinander her – und bei beiden tauchten ähnliche Fragen auf: Sollte man sich als Dienstleister verstehen und ein möglichst rasches Wachstum anstreben oder sich lieber auf Gleichgesinnte konzentrieren? Eine Strategie gab es weder hier noch da, doch beide Genossenschaften wuchsen schnell. 1991 hatte die ATG schon fast 600 Mitglieder und 35 Autos, und auch Sharecom legte deutlich zu. Es war auch kurzzeitig von einer Fusion die Rede, doch die Chemie zwischen den beiden Leithammeln stimmte nicht, und das Vorhaben platzte.

     

    Aufwind kam dafür von wissenschaftlicher Seite: Eine Studie im Auftrag des Schweizer Bundesamts belegte, dass Autobesitzer, die zu Carsharern mutieren, ihr Gesamtfahraufkommen um 17 Prozent reduzieren – und, weil sie vermehrt andere Verkehrsmittel nutzen, 48 Prozent Energie einsparen. Das rief Mitte der 1990er-Jahre auch den Züricher Stadtrat auf den Plan, der den ausufernden Autoverkehr in der größten Stadt der Schweiz eindämmen wollte. Für das Pilotprojekt züri mobil, das Bus- und Bahnjahresabos mit der Nutzung von Mietwagen verbinden sollte, suchten die Züricher Verkehrsbetriebe einen Kooperationspartner. ATG machte schließlich das Rennen – und katapultierte das Carsharing in der Schweiz auf einen rasanten Wachstumskurs.

     

    1997 wurde aus den beiden Ur-Organisationen die neue Genossenschaft Mobility, die mit 12.000 Mitgliedern startete und schon ein halbes Jahr später 5.000 weitere Kunden dazu gewonnen hatte. Die Genossenschaft mit den hüpfenden Buchstaben im Logo wurde weltweit zum ersten Carsharing-Unternehmen, das in einem ganzen Land präsent ist. Auch zwischen den Schweizer Bahnen (SBB) und Mobility gab es bald ein Kombi-Abonnement, und irgendwann weitete sich das Angebot auch auf Gelegenheitsnutzer aus, die keine Genossenschaftsmitglieder waren.

     

    Heute stehen 2.600 knallrote Leihfahrzeuge in 470 Schweizer Ortschaften herum – oder rollen über Schweizer Straßen. Der Zugang ist denkbar einfach: Für Reservierungen ist das Callcenter in Luzern täglich – selbst an Heiligabend – 24 Stunden lang besetzt; man kann sich aber auch übers Internet oder per SMS anmelden. Nötig sind lediglich die Mitglieds- und PIN-Nummer, der Ort und die gewünschte Nutzungsdauer – schon ist der Bordcomputer informiert und lässt die Tür aufspringen, sobald die rote Mobility-Mitgliedskarte vors Fenster gehalten wird. Zum Fuhrpark gehören nicht nur Kleinwagen, sondern auch Alfa Romeos und Cabriolets, die vom Mobility-Team regelmäßig gewartet und gereinigt werden. Auch die Kundschaft ist bunt gemischt – von ökogrünen Freaks bis zu geschniegelten Unternehmern.

     

    Bis zum nächsten Mobility-Parkplatz sind es in der Regel nur fünf Minuten, sagt Daniel Furrer, der als Programmierer bei Google arbeitet. Nur einmal gab es am gewünschten Standort keinen Wagen mehr: „Da musste ich dann zehn Minuten gehen“, berichtet der 100.000ste Mobility-Genosse. 

    Annette Jensen
    20. Januar 2012

    www.mobility.ch

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 92-gea

    Brennstoff

    Heini Staudinger probiert einfach aus, wozu er Lust hat. Seit drei Jahrzehnten verkauft er ökologische Schuhe. In der Zwischenzeit hat er 100 Arbeitsplätze geschaffen – und scheißt si ned an.

    Eine „richtige“ Firma

    Heini Staudinger probiert einfach aus, wozu er Lust hat. Seit drei Jahrzehnten verkauft er ökologische Schuhe. In der Zwischenzeit hat er 100 Arbeitsplätze geschaffen – und scheißt si ned an.

    Als Heini Staudinger zum Besitzer einer maroden Schuhfabrik wurde, entließ er keine Arbeiter, um den Betrieb zu sanieren, sondern schmiss die Werbefuzzis raus. Aber da etwas Werbung sein muss, entwickelte er zusammen mit seinem Freund Didi den Brennstoff – eine Zeitschrift, die hauptsächlich über Nachhaltigkeitsthemen informiert, aber ebenso Gedichte, Songtexte und anderes Sonderbares enthält. Okay, auch ein paar eher klein gehaltene Anzeigen mit Schuhen, Matratzen und Möbeln, die Staudinger in seiner Firma, der GEA, produziert, finden darin Platz. In einer der ersten Ausgaben sollte unter anderem der ins Österreichische übersetzte Text des Beatles-Klassikers Let it be erscheinen, für den Heini Staudinger den famosen Titel Scheiß di ned an! gefunden hatte. Kurz vor Drucklegung kamen ihm dann doch Bedenken – der Brennstoff sollte in den Augen der Leser schließlich ein seriöses Produkt sein. Staudinger ging mit seinem Manuskript und seinen Zweifeln zu seinem Mitstreiter Didi, aber der schaute ihn nur kurz an und knurrte: „Scheiß di ned an!“ So landete der Text im Heft. Und Scheiß di ned an! liefert schon fast das ganze Programm, für das Heini Staudinger steht.


    Eigentlich ist Staudinger die perfekte Verkörperung von jemandem, von dem alle immer dachten, dass aus ihm nichts Vernünftiges werden würde. Ein eher unkonventioneller und unberechenbarer Typ, der alles Mögliche nur nichts zu Ende studiert hat; jemand, der mit dem Fahrrad nach Tansania fährt, nachdem die erste Reise mit dem Moped zu lange gedauert hat, weil das Ding ständig kaputt war. Nach jahrelangem Herumstudieren gründete Staudinger sein erstes Geschäft in Wien, weil ihm an einem Freund sogenannte Earth Shoes aus Dänemark gefallen hatten. Staudinger trampte nach Dänemark und bestellte gleich eine größere Menge, um sie in Österreich zu verkaufen. Geld hatte er keines für die Bestellung, und auch für die Anmietung eines Geschäfts in Wien war keine Kohle da. Aber so risikofreudig, wie er ohne jede Mittel in Dänemark die Bestellung unterschrieben hatte, so wagemutig unterzeichnete er den Mietvertrag – schließlich braucht man einen Laden, wenn man Schuhe verkaufen will. Scheiß di ned an!


    Freunde liehen ihm fürs Erste kleinere Beträge, mit denen er seine Rechnungen abstottern konnte, und das Geschäft lief von Anfang an nicht schlecht. Das war 1980. Drei Jahre später ergab sich eine Kooperation mit einer selbstverwalteten Schuhfabrik im niederösterreichischen Waldviertel, die aber leider mies lief. 1991 fürchteten die Waldviertler Schuhmacher, dass sie auf den Schulden der Firma sitzen bleiben könnten, und suchten einen neuen Eigentümer. Auf diese Weise wurde Heini Staudinger Schuhfabrikant. Sein damaliger Miteigentümer Gerhard Benkö wanderte kurze Zeit später nach Afrika aus, und Staudinger siedelte sein Wiener Unternehmen, das inzwischen neben Schuhen auch Sitzmöbel und Betten produzierte, ins strukturschwache Waldviertel über. Die Schuhfabrik hatte zwölf Arbeiter, als Staudinger sie übernahm; heute arbeiten dort 120 Leute.


    2006 musste Staudinger dann seinen Miteigentümer Benkö auszahlen, der sich allerdings schon jahrelang nicht mehr ums Geschäft gekümmert hatte. Das nervt Heini Staudinger bis heute – andererseits waren die Verhältnisse nun klar. So klar, dass die GEA mit der Weltwirtschaftskrise erst richtig durchstartete – seit der Pleite von Lehman Brothers Inc. stieg der Umsatz um 100 Prozent, die Zahl der Geschäfte um 50 Prozent. Der Schuhfabrikant sieht da durchaus einen Zusammenhang; er weiß lediglich noch nicht, welchen. Nach wie vor bezahlt er sich selbst weniger als seinen Mitarbeitern. Und nach wie vor versucht er, die GEA nachhaltiger zu machen, zum Beispiel indem so viele Materialien wie möglich direkt aus dem Waldviertel bezogen werden. Da aber nach dem Niedergang der heimischen Schuhindustrie keine Gerbereien mehr in der Region zu finden sind, liegt vor einer wirklichen Regionalisierung der Produktion noch ein weites Stück Weg.


    Aber Schwierigkeiten interessieren Staudinger nicht. Er habe eben Glück, und wenn das Glück anhalte, dann werde die GEA „irgendwann einmal sogar eine richtige Firma“. Naja, einen „richtigen Chef“, mit Businessplan, Smartphone, keiner Zeit und unbegrenztem Genieverdacht gegen sich selbst wird die GEA voraussichtlich nie haben. Letztes Jahr war Heini Staudinger übrigens mal wieder in Tansania. Mit dem Fahrrad. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.gea.at

    www.gea-brennstoff.at

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 114-2000-watt-gesellschaft

    Weniger ist Mehr

    In Zürich hat das Volk dafür gesorgt, dass radikales Energiesparen und eine Minimierung des Autoverkehrs in der Gemeindeordnung festgeschrieben sind. Die Stadtverwaltung setzt das mit Freude um.

    Das Volk verlangt weniger! – Weniger Energie

    In Zürich hat das Volk dafür gesorgt, dass radikales Energiesparen und eine Minimierung des Autoverkehrs in der Gemeindeordnung festgeschrieben sind. Die Stadtverwaltung setzt das mit Freude um.

    Die Abteilung für Umwelt- und Gesundheitsschutz der Züricher Stadtverwaltung stellt für ihre 150 Beschäftigten keinen einzigen Parkplatz zur Verfügung. „Ich kenne keinen Mitarbeiter, der mit dem Auto kommt. Es ist ja auch schweineteuer, wenn man acht Stunden lang eine Parkuhr füttert“, sagt Amtsdirektor Bruno Hohl, ein drahtiger 61-Jähriger, der selbst jeden Tag ins Büro radelt und schon seit Mitte der 1990er-Jahre unmotorisiert lebt. Der Mann mit der grauen Einstein-Frisur steht in der ersten Reihe, wenn es darum geht, Zürich in eine 2000-Watt-Metropole umzubauen – dieses Energiebudget wird pro Kopf und Jahr angestrebt. So haben es die Stimmbürgerinnen und -bürger der größten Schweizer Stadt in einer Volksabstimmung Ende 2008 beschlossen. Im Klartext bedeutet es: Der durchschnittliche Energieverbrauch eines Zürichers oder einer Züricherin muss um zwei Drittel sinken; bis 2050 soll so jede in der Stadt lebende Person nur noch für eine Tonne klimaschädliches CO2 verantwortlich sein.

     

    „Ich hätte damals keine Flasche Wein darauf verwettet, dass wir die Mehrheit schaffen“, sagt Hohl in Erinnerung an den Herbst 2008. Sicher, seine gesamte Umgebung legte sich für ein Gelingen ins Zeug. Aber es gab eben auch laute Stimmen, die warnten, solch ein Beschluss würde ein wirtschaftliches Harakiri bedeuten. Und Hohl fürchtete, dass die Zeit für eine breite Zustimmung noch nicht reif sei. Doch nach außen verbreitete er stets Optimismus, wie es seinem Naturell entspricht: „Ich hab’ immer gesagt: Wir brauchen ja nur 50 Prozent plus eine Stimme.“ Und dann, am Abend des 30. November 2008, stand fest: 76 Prozent der Züricherinnen und Züricher hatten „Ja“ angekreuzt. Seither steht das Ziel in der Gemeindeordnung, und die Politik muss sich daran ausrichten. „Ich war überwältigt: Wir haben jetzt ganz klar den Auftrag.“ Noch heute klingt in Hohls Stimme bei diesem Satz Begeisterung und Freude mit.

     

    Die Ursprungsidee der 2000-Watt-Gesellschaft stammt von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Wie sich da was genau berechnet und ob nicht Kilowattstunden die geeignetere Einheit wäre, stand für den Juristen Hohl nie im Vordergrund: „Ich seh’ das nicht akademisch, Hauptsache, es geht vorwärts. Wir müssen ein Minus von zwei Dritteln schaffen – Ende der Durchsage“, fasst er die Aufgabe für sich selbst zusammen.

     

    In jeder Entscheidung, in jedem Politikfeld der Stadt soll das Ziel nun mitbedacht werden. Hohl und seine Mitstreiter aus seinem Amt sind bestens vernetzt mit Menschen in den anderen Departementen: „Jeder von uns weiß, wo die anderen hinwollen, was für die in unserem Zusammenhang wichtig ist.“ Hatten die Architekten im Hochbaudepartement bis vor 15 Jahren fast nur die Ästhetik im Blick, so sind ihnen Verdichtung und Energieeffizienz heute ebenso wichtig – und dem Gesundheits- und Umweltdepartement, zu dem Hohls Umwelt- und Gesundheitsschutz gehört, die Kriterien der Baufachleute. Gemeinsam plädieren sie gegenüber den Investoren dafür, die gesetzlich vorgeschriebenen Standards noch zu übertreffen. Und sie alle betonen heute die Vorteile einer kompakteren Bauweise: Statt überall ein paar Abstandspflanzen und Rasenstückchen einzuplanen, können Grünflächen zusammengeführt und großzügiger angelegt werden.

     

    Hierarchien spielen dabei für Behördenleiter Hohl keine Rolle; entscheidend sind Sachkunde und echtes Interesse an der Umsetzung. Auch in Wirtschaftsverbände hinein, zu den Hochschulen und zur Kulturszene hat er viele Drähte: „Kulturelle Unterschiede oder Parteibücher haben mich nie abgeschreckt. Wenn wir ein gemeinsames Ziel haben, arbeiten wir zusammen.“ Hohl, der sich selbst als Menschenfreund bezeichnet, ist ein sehr zugewandter Mann. Im intensiven Gespräch vergisst er völlig seinen dichtgetakteten Terminkalender.

     

    Gerade beschäftigt ihn, wie die Schulen eingebunden werden können – ein Bereich, in dem ein fast unüberschaubares Geflecht von Behörden und Instanzen herrscht. Nach vielen Gesprächen ist inzwischen klar, dass bis zu fünf Züricher Schulen als erste ausprobieren sollen, wie eine nachhaltige Lehranstalt aussehen kann. Vom Hausmeister bis zum Matheunterricht – überall soll das 2000-Watt-Ziel präsent sein. Dabei beraten und unterstützen Hohl und seine Leute von außen; konkret umsetzen und ausführen aber müssen es die Schulangehörigen selbst.

     

    Auch bei der Auswechslung der städtischen Dieselbusse war Hohls Amt behilflich: „Wir sind solidarisch mit den Kollegen von den Verkehrsbetrieben, informieren sie, liefern ihnen Kontakte und Argumente, wenn es zum Beispiel darum geht, einen höheren Anschaffungspreis zu rechtfertigen; danach aber ist es ihr Geschäft, und wir können uns zurücklehnen“, beschreibt der Beamte die Rolle seiner Abteilung. Das konsequente Vermeiden von Parallelorganisation spart nicht nur Kosten, sondern auch Ärger und Reibungsverluste.

     

    Wo die Abteilung für Umwelt- und Gesundheitsschutz finanzielle Unterstützung leistet, sorgt sie freilich anschließend für ein Controlling. Auch das Coaching-Programm für kleine und mittelständische Unternehmen ist nur dann kostenlos, wenn der Betrieb danach auch tatsächlich etwas umsetzt. Zugeschnitten ist das Angebot auf die konkreten Bedürfnisse der Unternehmen. „Mein Großvater war Bäckermeister. Ich weiß, dass solche Leute wenig Zeit haben, weil sie nach Ladenschluss noch die Buchhaltung und alles mögliche andere erledigen müssen“, sagt Hohl. Deshalb kommt bei Interesse ein Berater vorbei, schaut sich den Betrieb an und gibt Tipps, wo das Geld am besten investiert ist – für die Umwelt und die Betriebskasse gleichermaßen.

     

    Dass die Zusammenarbeit vieler Institutionen in Zürich so gut klappt, führt der Amtsleiter vor allem auf Erfahrungen zurück, die die 390.000-Einwohner-Stadt in den 1980er-Jahren gemacht hat. Damals campierte in einem Park neben dem Hauptbahnhof Europas größte offene Drogenszene mit zeitweise bis zu 5.000 Junkies; an jedem dritten Tag starb dort jemand an einer Überdosis. Sowohl das harte Vorgehen der Polizei als auch eine Laisser-faire-Strategie hatten das Problem nur weiter verschärft. „Dass damals jeder für sich gearbeitet hat, ist gründlich in die Hose gegangen“, erinnert sich Hohl, der seit 1984 bei der Stadtverwaltung angestellt ist. Erst als Ärzte, das Rote Kreuz, die Drogenhilfe, die Polizei, das Gesundheitsdepartement und noch einige weitere Institutionen eine gemeinsame Strategie entwickelten, konnte man die Zahl der Drogentoten und Fixer reduzieren. Diese Erfahrung habe die Züricher Stadtverwaltung nachhaltig geprägt, sagt Hohl, der damals selbst im Sozialdepartement gearbeitet hat.

     

    Und die Bevölkerung treibt Politiker und Verwaltung ständig weiter an. Im September 2011 haben die Bürgerinnen und Bürger Zürichs dafür gestimmt, innerhalb von zehn Jahren den bereits heute sehr hohen Anteil von Fuß-, Fahrrad- und öffentlichem Verkehr um weitere zehn Prozent zu erhöhen. Ohne Zweifel – das wird nicht einfach, zumal der konservativ regierte Kanton ständig zu bremsen versucht. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Radweg. Das Straßenbahnnetz muss dann eben noch weiter und forscher ausgebaut werden – und auch mit Hilfe der bundesweiten Luft- und Lärmrichtlinien lässt sich der Autoverkehr mit Sicherheit noch weiter eindämmen, ist Hohl überzeugt. Zugleich aber dürfe es nicht zu einer Blockade zwischen Stadt und Land kommen, warnt er. Kompromisse, auch Enttäuschungen darüber, dass ein klares Ziel zunächst abgeschliffen wird, gehörten dazu. „Aber unser Trend stimmt – es geht voran.“

    Annette Jensen
    19. Januar 2012

    www.stadt-zuerich.ch/2000watt

    www.2000watt.ch

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 75-prinzessinnengarten

    Guerilleros

    In Berlin-Kreuzberg haben sich zwei junge Leute von Kubas Gemeinschaftsgärten inspirieren lassen und den Prinzessinnengarten aufgebaut. Das Besondere: Er ist tragbar. Gemüse wächst in Säcken und Bäckerkisten – damit wird das Grünzeug mobil wie Guerilleros.

    Der grüne Che und seine Garten-Guerilla

    In Berlin-Kreuzberg haben sich zwei junge Leute von Kubas Gemeinschaftsgärten inspirieren lassen und den Prinzessinnengarten aufgebaut. Das Besondere: Er ist tragbar. Gemüse wächst in Säcken und Bäckerkisten – damit wird das Grünzeug mobil wie Guerilleros.

    Wenn er lächelt, sieht Robert Shaw unter seiner Revoluzzermütze dem jungen Che Guevara verblüffend ähnlich. Wenn nur die blauen Augen nicht wären. Zudem ist der Guerilla-Gärtner im Vergleich zum Guerillero ideologisch unverkrampft: Er kämpft nicht für den Umsturz der Gesellschaft, sondern für den Umsturz von Säcken. Bei der Ernte von Kartoffeln, die in Reis- oder Mehlsäcken wachsen, „brauchen wir nur den Sack umzukippen“, lacht er.


    Aus der Prinzessinnenstraße, die dem Projekt seinen Namen gab, weht Autolärm herüber und erinnert daran, dass sich der Prinzessinnengarten in einem zubetonierten Teil von Berlin-Kreuzberg befindet. Doch die Brachfläche am Moritzplatz, die jahrzehntelang im Schatten der Mauer vor sich hindämmerte, ist seit Juni 2009 ein grünes Paradies. Die beiden Projektinitiatoren Robert Shaw (33) und Marco Clausen (37) haben den Schutt vom Gelände geräumt und zusammen mit Freunden und Nachbarn einen 6.000 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten aufgebaut. Jetzt grünt und blüht es überall. Auch der geflügelte Gartenrotschwanz, im steinernen Herzen der Metropole selten geworden, hat hier eine Zuflucht gefunden.


    Unter Robinien stehen lange Tische und Bänke für Besucher, in einem umgebauten Schiffscontainer können sie Cuba Libre, Kaffee oder Saft bestellen. Hier lümmelt der grüne Che in einem Stuhl. Robert Shaw erzählt, dass ihn die agricultura urbana auf Kuba inspiriert hat. 1999 lebte er als Filmstudent in Santa Clara, das während der kubanischen Revolution vom echten, vom roten Che erobert wurde. Der dortige Gemeinschaftsgarten war für ihn ein „Entspannungsort“, wo er hinging, um nach zu vielen Mojitos „einen Kater auszukurieren oder mit Nachbarn zu quatschen.“ Ende 2008 sprach Shaw den Historiker Marco Clausen an, der in Kreuzberg eine Bar betrieb. Ob er sich vorstellen könne, in einem Nachbarschaftsgarten die Gastronomie aufzubauen?


    Im Juli 2009 unterschrieben die beiden den Pachtvertrag. Die Stadt als Vermieterin behielt sich jedoch vor, die Fläche schnellstmöglich zu verkaufen. Aus dieser Not entwickelten Shaw und Clausen das Konzept eines mobilen Bio-Gartens, der im Falle einer Räumung woanders hinziehen kann. Nomadisch Grün heißt deshalb ihre gemeinnützige GmbH, die mit Jugendlichen arbeitet, Workshops, Konzerte und Veranstaltungen organisiert und Ein-Euro-Jobbern zu neuen Perspektiven verhilft.


    Von Amaranth bis Zuckerschoten – in hunderten von mobilen Beeten werden Gemüse, seltene Kulturpflanzen und Kräuter angebaut. Salbei, Guter Heinrich und Gelbe Melde wiegen sich in Kübeln, Kürbisse ranken aus Bäckerkisten, mit Karton abgedichtet und mit Komposterde gefüllt, Kartoffeln und Tomaten wachsen in Säcken. Das revolutionäre Gartenkonzept hat zudem den Vorteil, dass die Pflanzen nicht in verseuchten Stadtböden, sondern in Öko-Komposterde aufwachsen. Privatleute oder Betriebe wie der benachbarte Aufbau Verlag haben Beetpatenschaften übernommen. Die essbaren Produkte gehören jedoch allen; sie werden verkauft oder im Gartencafé verarbeitet.


    Che Guevara sah seine Guerilla als Avantgarde – und scheiterte damit. Grüne Guerilla-Gardeners finden wesentlich mehr Resonanz – auch deshalb, weil sie nur Samenbomben werfen. Die gleichnamige Bewegung nahm 2000 ihren Anfang in London. Seitdem werden weltweit, auch in Berlin, Brachflächen mit Samen beworfen oder Baumscheiben ohne Erlaubnis begrünt. Die Initiatoren des Prinzessinnengartens stehen in dieser Tradition, sind aber legale Pächter. Und „Avantgarde und Trendsetter“, wie Christa Müller sagt, deren Stiftung Interkultur ein Netz von 120 interkulturellen Gemeinschaftsgärten fördert und berät – vom niedersächsischen Aurich bis zum bayerischen Rosenheim. Auch Nomadisch Grün wird finanziell unterstützt.


    In Berlin stromern den ganzen Tag Junge und Alte, Türken, Russinnen und Deutsche, Professorinnen und Erwerbslose durchs Gelände. Eine türkische ältere Frau, freundlich unter ihrem Kopftuch hervorlächelnd, möchte Paprika gegen „Miss“ tauschen. „Minze?“, rätselt Robert Shaw. Nein, „Mist“, die Frau möchte als Düngemittel etwas von dem Kamelmist, den ein kleiner Zirkus als einzige Bezahlung für sein Winterquartier hinterließ; natürlich bekommt sie einen Haufen. „Der Zirkus war noch mobiler als wir“, lacht Marco Clausen. Auch die Kräuter, die in aufgeschnittenen Milchtüten gezüchtet und für 3,50 Euro pro Tetrapack verkauft werden, sind beweglich. „Mojito-Minze“, lächelt der grüne Che in Erinnerung an die Drinks auf Kuba. Die junge Generation wolle sich „auf unideologische Weise urbane Räume aneignen, ökologisch und fair produzieren und sich selbst als produktiv wahrnehmen. Und schöne Orte schaffen, in denen man grenzüberschreitend denken und fühlen kann“, kommentiert Soziologin Müller.


    Dass sie keine gelernten Gärtner sind, halten die beiden Grün-Nomaden sogar für einen Vorteil: „Wir müssen offen sein und Ratschläge von allen Seiten einholen.“ Neben der ökologischen wollen sie die soziale Vielfalt fördern. Der Austausch zwischen verschiedenen Kulturen, Schichten und Generationen laufe hier von ganz allein, schwärmt Marco Clausen. Neulich erst hätten zwei Frauen aus Frankreich und Sibirien zusammen Tomaten gepflanzt, und ein älterer Mann aus der Türkei habe geraten, sie tiefer zu setzen. „Es stellte sich heraus: Er war Professor für Gartenbau. Wir haben von ihm Tomatenzucht gelernt und er von uns Kartoffelzucht in Säcken.“ Man übt hier Selbstversorgung, aber auch sinnliche Wahrnehmung. „Die Leute merken: Es ist genussvoll, sich selbstproduziertes Gemüse auf die Pizza zu legen.“ Der grüne Che ist also auch ein Genuss-Guerillero.

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.prinzessinnengarten.net

    www.stiftung-interkultur.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 101-green-music-initiative

    Hitparade

    Die Initiative Clubmob lässt die Berliner Diskothek SO36 ergrünen. 100 Prozent des Gewinns fließen in eine energetische Sanierung der Location.

    Das SO36 kennt (k)ein Morgen

    Die Initiative Clubmob lässt die Berliner Diskothek SO36 ergrünen. 100 Prozent des Gewinns fließen in eine energetische Sanierung der Location.

    All die Nachtschwärmer, die sich im kalten Dezember 2011 in den legendären Berliner Club SO36 aufgemacht haben, werden später ihren Enkeln berichten können, dass sie dort das Tanzbein geschwungen (wie es noch die Ur-Ur-Großeltern formuliert hätten) und vielleicht sogar die „Oma“ kennengelernt haben. Und: „Dort fand der erste Clubmob Berlins statt, der im Nachhinein die gesamte Szene revolutionierte. Und ich war dort.“ „Opaaaaaa, was war denn das, ein Clubmob?“, werden die Kindeskinder fragen. Der künftige Greis Patty Schünemann könnte darüber berichten, wie er mit 31 Jahren zum Kopf der Initiative Clubmob gehörte, die das Nachtleben ergrünen ließ. Hinter der Initiative steckt ein breites Bündnis aus Berliner Einrichtungen: die Green Music Initiative, die der Musik- und Entertainmentbranche die Nachhaltigkeit nahezubringen sucht, die Zukunftswerkstatt Morgenlande, die BUNDjugend, die Medienagentur Sinnwerkstatt, der Energieversorger Naturstrom, der Energieberatungsanbieter Berliner Energiecheck sowie zahlreiche ehrenamtlich Engagierte.


    Dass die rund 300 Teilnehmer des ersten Berliner Clubmobs irgendwann einmal mit Oma und Opa angesprochen werden könnten, war ihnen in jener Nacht 2011 noch nicht anzusehen. Nicht besonders alt und auch nicht sonderlich gebrechlich gaben sich die Clubberinnen und Mobber, die das SO36 stürmten, dort stundenlang feierten, tanzten, konsumierten und auf diese Weise dem Management eine vierstellige Summe Gewinn einbrachten. „Dreimal so viele Leute wie sonst an Montagen“, zieht Mitinitiatorin Christina Rupprecht von Morgenlande stolz Bilanz, in deren Kreativwerkstatt die Idee zum Clubmob im Juni 2011 geboren wurde. „Der Clubmob hatte sich schnell in der Berliner Nachhaltigkeitsszene und im Grass-Roots-Movement herumgesprochen. Gibt ’ne Menge Initiativen und Organisationen, die uns unterstützt haben. Naja, und dann sind noch ein paar Ahnungslose ins SO36 gestolpert“, grinst sie. Aber ganz egal – auch wenn die Veranstaltung ein Flop geworden wäre, das SO36 musste sich im Vorfeld einer energetischen Durchleuchtung durch den Berliner Energiecheck unterziehen und sich der Initiative Clubmob gegenüber verpflichten, einen Teil des eingenommenen Geldes in eine energetische Renovierung zu reinvestieren.


    Doch der Dinosaurier der Berliner Clubszene – das SO36 existiert seit mehr als 20 Jahren – ging aufs Ganze und sagte die Verwandlung von 100 Prozent des Gewinns in Energieeffizienz zu. „Das ist sogar bei Carrotmobs eher eine Seltenheit, außerdem sind wir echt glücklich, dass ein etablierter – und fast schon traditioneller – Club die Vorreiterrolle einnehmen möchte“, sagt Ian Delu von der Sinnwerkstatt mit ernstgemeinter Bewunderung. Nun aber, am Morgen danach, als sich der Pulk und der Kater wieder verzogen haben, stehen neue umweltschonendere Kühlgeräte ganz oben auf dem Wunschzettel der SO36-Leitung. Die Kühlung der Getränke ist nämlich bisher mit so vorsintflutlichen Geräten erfolgt, dass selbst die Experten des Berliner Energiechecks ratlos waren, weil ihnen dafür keine Werte und Kennzahlen vorlagen. Bekannt ist allerdings, dass die Kühlung 40 Prozent des Energieaufwandes des Etablissements ausmacht.


    Auch Roman Dashuber von der Green Music Initiative zeigt sich mit dem Ergebnis der Spontanaktion sehr zufrieden: „Bleibt immer spannend, man kann die Leute eben nicht berechnen“. Trotzdem ist er nach der anstrengenden Vorbereitungszeit und der durchgemachten Nacht kaputt und müde. Ja, die Initiative Clubmob hat sich für diese Premiere ins Zeug gelegt und großen Aufwand betrieben: Die Sinnwerkstatt, Agentur für nachhaltige Medienkreationen, konzipierte eine Kampagne mit eigener Webseite, prägnantem Logo, facebook-Präsenz und sogar einem selbstproduzierten Trailer. Im Spot radelt Dashuber höchstpersönlich einer Menge Partywütender hinterher. Im wahren Leben ist er aber eher der Mann, der voran geht. Deswegen hofft er auch, dass sich die Idee des Clubmobs weiterträgt und in anderen deutschen Städten Nachahmer findet. Die Kampagne jedenfalls ist ressourcensparend und energieeffizient angelegt, denn jeder künftige Clubmob kann sie wiederverwerten: „Nur Ort und Zeit müssen ausgetauscht werden. Soll jeder nutzen – alles Open Source“, bewirbt Dashuber die gute Sache. Der Vorbildcharakter des SO36 liegt ihm besonders am Herzen: „Man soll sehen, das es auch energieeffiziente Einrichtungen dieser Art geben kann“.


    Auch in Nordrhein-Westfalen ist Bewegung im Nachtleben: dort wird mit dem Pilotprojekt Green Club Index NRW seit April 2011 der CO2-Rucksack von sechs Clubs gezielt ermittelt und anschließend das schwere Gepäck über spezielle Maßnahmen erleichtert. Akteure in Bielefeld, Köln, Frankfurt und Darmstadt haben ebenso Interesse angemeldet, die Energiebilanz des lokalen Nightlife zu verbessern. So wird die Idee des Clubmobs weitere Kreise ziehen.


    Der Clubmob ist aber nur eine von vielen wichtigen – und durchaus coolen – Aktionen, die die Green Music Initiative unterstützt oder selbst auf die Beine stellt, um die Musik- und Entertainmentbranche klimaverträglicher zu machen. Dabei bleibt kein Bereich verschont: Konzerthallen, Tour- und Equipment-Busse, Musikredaktionen, Bandtransporte, Ressourcen für CD-Cover und und und. Überall soll grünes Bewusstsein implementiert und Energie gespart werden. Für die Green Music Initiative kommt der ideale Konzertbesucher mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Veranstaltungsort und produziert dort keinen Müll. Die ideale Musikerin stellt dem Veranstalter bestimmte Klimaschutzbedingungen, ohne deren Einlösung sie nicht auftritt. Der ideale Eventmanager erfüllt diese natürlich gern.


    Auf keinen Fall sollen dabei Musik und Spaß auf der Strecke bleiben; das soll insbesondere die Fahrrad-Disko demonstrieren. Diese ist, wie auch der Clubmob, ein soziales Experiment: Denn nur, wenn sich ausreichend Menschen auf Fahrrädern abstrampeln und Strom erzeugen, hat der DJ Saft für seine Turntables.


    Roman Dashuber dreht seit eineinhalb Jahren bei der Green Music Initiative an den Knöpfen und schiebt die Regler. Zuvor studierte er an der Technischen Universität Berlin Psychologie und vertiefte sich auf eigene Faust in die Umweltpsychologie, weil solch ein Schwerpunkt damals noch nicht angeboten wurde. Nebenbei engagierte er sich vielerorts ehrenamtlich und gehörte zum initiierenden Team des UniSolar Projekts, das seitdem sauberen Strom aus einer studenteneigenen Photovoltaikanlage in das Berliner Stromnetz einspeist. Energieeffizienz und erneuerbare Energien stehen also seit langer Zeit auf Dashubers ganz persönlicher Hitliste.


    Heute will er über die Aktivitäten der Green Music Initiative zeigen, dass die Musikbranche auch mit der Hälfte des derzeitigen Energieverbrauchs gute Festivals, Konzerte und Partys veranstalten kann: „Es gibt immer ein paar Stellschrauben, die eine ganze Menge Energie einsparen können, ohne der Stimmung eines Festivals oder einer Clubnacht auch nur ein bisschen Abbruch zu tun. Wenn irgendwann auch diese Möglichkeiten ausgeschöpft sind, müssen wir uns was Neues ausdenken. Aber keine Angst: Die Musik wird nicht leiser gedreht. Wir sind doch keine Partykiller.“

    Dana Giesecke
    18. Januar 2012

    www.clubmob.de

    www.greenmusicinitiative.de

    www.greenclubindex.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 88-impuls

    Kafkas Neue Welt

    Impuls will die große Transformation hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft mitorganisieren.

    Mission: Vision!

    Impuls will die große Transformation hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft mitorganisieren.

    Impuls. Agentur für angewandte Utopien – der Name macht neugierig. „Utopie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Nicht-Ort“. Was also ist das für eine seltsame Agentur ohne Ort? Ein Asyl für Zukunftserkunder auf fliegenden Teppichen? Ein Garten, in dem Blütenträume in den Himmel wachsen?


    Die Agentur entpuppt sich als gemeinnütziger Verein, im September 2010 gegründet von gut zwei Dutzend junger Leute verschiedener Professionen, die ihr Büro in einer Altbauwohnung in Berlin-Treptow eingerichtet haben. Die drei hauptamtlichen Geschäftsführer Benjamin Kafka, David Wagner und Johannes Krause sitzen hier nicht im Lotussitz, sondern an Computern, sie nippen auch nicht an Orchideennektar, sondern an Biokaffee. Impuls ist in der realen Welt angesiedelt und braucht deshalb auch das nötige Kleingeld zum Überleben. Das nimmt der Verein durch Expertisen und Beratungsaufträge ein – etwa für eine staatliche Entwicklungsorganisation oder eine Fraktion des Europaparlaments. Und dennoch: „Impuls ist ein Ort, an dem angewandte Utopien gedacht werden und Menschen sich mit visionärer Energie und enthusiastischem Realismus an die Umsetzung machen“, heißt es auf der Webseite.


    Am Tag der Mitgliederversammlung des Vereins können Interessierte an solch einem Utopien-Workshop teilnehmen. Einige junge Menschen sitzen im Kreis und kritzeln Antworten auf Papierbögen. Die Fragen stellt die Umweltjuristin Henrike Wegener, die den Workshop zusammen mit dem Ökonomen Benjamin Kafka leitet. Fragen, die es in sich haben: Welche Visionen hast du für die nächsten Jahre? Was müsstest du loslassen, damit sie Wirklichkeit werden? Wer kann dir dabei helfen? Was sind deine vitalsten Energiequellen? Welche Spuren willst du hinterlassen haben, wenn du im letzten Moment deines Lebens zurückblickst?


    Nach einer halben Stunde intensiver Schreiberei geht das Ganze über in eine Malstunde. Stellen wir uns vor, die Große Transformation habe stattgefunden, quasi über Nacht – woran würden wir am Morgen erkennen, dass alles anders ist? Wie sähe eine ideale nachhaltige Gesellschaft aus?, fragt Henrike Wegener. Einige nagen an ihren Stiften. Es ist nicht leicht, Ahnungen von einem Nicht-Ort aufs Papier zu bringen – zumal wenn man keine Zeichen-Übung hat und Angst, dass es kitschig wird. Anderen ist das wurscht, hingebungsvoll malen sie sonnenfarbene Spiralen oder grün sprießende Landschaften. Der Autorin dämmert: Utopien kann man zwar nicht wirklich anwenden, aber verwenden. Sie sind auch eine Form erneuerbarer Energien, sie speisen das Prinzip Hoffnung und verbinden die persönliche Dimension mit der globalen.


    „Unsere Gesellschaft leidet an großer Visionsarmut“, begründet Geschäftsführer Kafka die Notwendigkeit solcher Workshops. Impuls-Mitbegründerin Wegener ergänzt: „Finanzkrise, Klimakrise, die Krisen hören ja gar nicht mehr auf. Wir wissen zwar im Prinzip, wie sie lösbar wären, aber es passiert nichts – weil es uns an Utopien mangelt.“


    Der Utopie entgegensegeln – darum ging es auch in einem der ersten Impuls-Projekte im Sommer 2011. Zwei Frauen rüsteten ein Segelboot mit Windrad und Solarzellen energetisch auf und segelten damit über die Ostsee, auf der Suche nach Pionierprojekten. In dem südfinnischen Ort Mariehamn etwa entdeckten sie City-Busse und eine lokale Bahn, die seit Mai 2011 klimaneutral mit altem Fischöl aus einer Fischfabrik fahren. In einem zweiten Projekt, finanziert durch den Berliner Senat und den Evangelischen Entwicklungsdienst, entwickelten 15 Menschen Kampagnenformen, bei denen neben Strategie und Außenwirkung die Frage nach der tieferen Motivation und Haltung der Teilnehmenden im Mittelpunkt stand. Und ein dritter Auftrag widmete sich der Zusammenarbeit zwischen Politikern, Wirtschaftsführern und Zivilgesellschaft in Südafrika und Indonesien, die sich gemeinsam der Bewältigung absehbarer Klimaveränderungen widmen sollen.


    Die Agentur für angewandte Utopien arbeitet also gleichzeitig sehr lokal und sehr global – und damit, im philosophischen Sinne, tatsächlich an einem Nicht-Ort. Sie seien auf drei Feldern tätig, die sie „Garten“, „Labor“ und „Werkstatt“ genannt hätten, erläutert Benjamin Kafka. Im „Garten“ gehe es um das Wachsenlassen von Fertigkeiten, die man für die Große Transformation benötigt – zum Beispiel im Rahmen einer Klimakampagne. Das „Labor“ kreise um den Aufbau von Lernpartnerschaften mit europäischen Organisationen, etwa den Transition Towns, und um die Veränderung mentaler Strukturen. Und in der „Werkstatt“ widme man sich dem Handeln und der gesellschaftlichen Außenwirkung.


    Viele Menschen wüssten inzwischen, ergänzt der Ökonom, dass „die große Erzählung der modernen Industriegesellschaft mit ihrem Glauben an ewiges Wirtschaftswachstum zu Ende geht.“ Nun gehe es darum, eine neue Erzählung zu finden. Krisen, sagt Benjamin Kafka, seien immer auch Keimzellen einer besseren Zukunft.

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.impuls.net

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 62-radio-umweltreporter

    Radiokids

    Das Osnabrücker Radio-Projekt Raum OS macht aus Haupt- und Realschülern Reporter. Mit dem Mikrofon sammeln sie Eindrücke vom Umweltverhalten örtlicher Unternehmen.

    Die Graswurzelreporter

    Das Osnabrücker Radio-Projekt Raum OS macht aus Haupt- und Realschülern Reporter. Mit dem Mikrofon sammeln sie Eindrücke vom Umweltverhalten örtlicher Unternehmen.

    „Atomkraftwerke? Die explodieren ja ständig“, weiß der zwölfjährige Robin aus Osnabrück und ergänzt: „Wind- und Sonnenenergie sind viel besser.“ Robin besucht den Realschulzweig der Käthe-Kollwitz-Schule, und an diesem Dienstagnachmittag ist es für ihn, Christina, Felice, Marcel und Julian mal wieder Zeit für ihre freiwillige Arbeitsgemeinschaft: Die Haupt- und Realschüler nehmen an einem umweltpädagogischen Pilotprojekt des Bürgersenders osradio teil, an dessen Ende eine von den Schülern recherchierte und produzierte Radiosendung zum Thema Umwelt steht. Die zentralen Techniken des Radiomachens haben die Teenager bereits von der Projektleiterin Simone Wölfel, Medienpädagogin und Geschäftsführerin des örtlichen Bürgerradios, gelernt. Heute steht ein Rhetoriktraining auf dem Programm, damit die jungen Reporter in den anstehenden Interviewsituationen sicher auftreten können: schließlich werden ihre Interviews von osradio später tatsächlich gesendet. „Rhetorik? Sie wollen uns beibringen, vernünftig zu sprechen“ – Robin kennt sich aus.


    Seit Anfang 2011 leitet Simone Wölfel das Projekt Raum OS Radio Umweltreporter, das als Arbeitsgemeinschaft (AG) oder Wahlpflichtfach an bislang acht Haupt- und Realschulen im Kreis Osnabrück angeboten wird. Die Themen für ihre Magazinsendung sollen die Schülerinnen und Schüler selbst entwickeln – doch die studierte Medienpädagogin Wölfel, selbst Mutter einer schulpflichtigen Tochter, hat sich ein paar Anregungen überlegt: „Woher kommt der Strom in Osnabrück?“, könnte man beispielsweise die Firma Solarlux fragen oder recherchieren welche regionalen Großküchen bereits auf Biokost umgestellt haben. Wichtig ist der Radiomacherin, auch die Zukunftsfragen der Jugendlichen anzusprechen. Dieser Zugang hat sich auch bei den Schülern der Käthe-Kollwitz-Schule als erfolgreich erwiesen.


    Felice überlegt, Polizist zu werden und möchte in einem Interview mit einem Kommissar vertiefen, mit welchen Umweltdelikten man bei der Polizei in Berührung kommt. Auch Robin, der einen Tischler interviewen will, hat sich unter Wölfels behutsamer Anleitung bewusst gemacht, an welchen Stellen dieser Handwerker mit Fragen der Nachhaltigkeit zu tun hat: „Verbrennen Sie Ihre Sägespäne? Woher kommt Ihr Holz, und wie sparen Sie Energie?“ wird der Zwölfjährige vom Meister wissen wollen. Julian und Marcel planen einen Besuch bei den Stadtwerken, um den örtlichen Elektrobus zu inspizieren: Wieso gibt es den überhaupt? Wie oft wird die Batterie aufgeladen – und wo die alten Batterien entsorgt, fragen sie sich.


    Um den Jugendlichen die Recherche zu erleichtern, hat Simone Wölfel bislang etwa 15 Osnabrücker Einrichtungen und Unternehmen ins Boot geholt; Bäckereien, die Stadtwerke, der Zoo und mehrere mittelständische Unternehmen bilden ein Netzwerk, auf das die Umweltreporter zurückgreifen können. „Für die Firmen ist das natürlich auch Werbung“, erklärt die schlaksige Journalistin. Und die Schüler dürfen hinter sonst verschlossene Türen blicken und erhalten eine Vorstellung von unterschiedlichsten Berufen. Möglicherweise begegnen ihnen beim Recherchieren auch künftige Arbeitgeber.


    Solche Anreize sind nötig, brannte doch den Siebtklässlern der Käthe-Kollwitz-Schule anfangs nicht die Erderwärmung auf den Nägeln, sondern vielmehr das Klima, in dem sie ihren Alltag bestreiten. Vor kurzem ist im Umfeld der Schule ein Mann erstochen worden; ein 17-Jähriger gilt als tatverdächtig. Über solche Ereignisse, über Gewalt und Mobbing hätten die Schülerinnen und Schüler zunächst diskutieren wollen, erzählt Wölfel. Auch Musikthemen standen ihnen näher als der Umweltschutz. „Das steht einfach nicht im Lehrplan“, ergänzt Lehrer Ralf Reber und bedauert: „Besonders die Neuntklässlerinnen interessieren sich wohl mehr für Kosmetika.“


    Die Herausforderung, medienpädagogische Zugänge für Haupt- und Realschüler zu entwickeln, hat Simone Wölfel gerne angenommen. In einem früheren Projekt, den Funkflöhen, hatte sie bereits Erfahrungen mit Grundschulen gesammelt. Mädchen und Jungen aus 16 Schulen erforschten dabei die Natur und produzierten 30-minütige Radiosendungen von Kindern für Kinder. Eine Klasse ging der Frage auf den Grund, warum Wasser so wichtig ist; eine andere wollte von einem Jäger wissen, warum er Tiere erlegt und was den Wald kaputt macht. An drei Schulen ziehen die Lehrer mittlerweile eigenständig mit den Schülern und dem Mikrofon los und begeben sich auf Ton- und Spurensuche. Damit auch das Hauptschulprojekt irgendwann ohne Wölfel auskommen kann, wurden die Lehrer der beteiligten Schulen zunächst selbst zu Schülern und absolvierten ein Multiplikatoren-Training.


    „Es melden sich vor allem die weniger technikscheuen Lehrer“, berichtet Simone Wölfel. Und das ist wichtig, setzt das Projekt doch unter anderem bei der Medienbegeisterung der Schüler an. Neben dem Rhetorik- und dem Medientraining bietet die AG einen Geo-Caching-Ausflug, bei dem die Schüler nicht nur ihre Umwelt neu entdecken, sondern auch den GPS-Empfang ihrer Handys austesten können. Für den Schnitt ihrer vier bis fünf Beiträge und Interviews verwenden die Schüler eine im Schulcomputer installierte freie Software, und auch die Moderationstexte und die Musikauswahl liegen ganz in der Hand der Teenager.


    Bei einem so hohen Spaßfaktor können Wölfel und ihre Kollegen mit den Schülern auch ein paar kritische Fragen diskutieren – zum Beispiel zu den Themen Konsum und Lebensstil. Mit einer interaktiven Umfrageübung machen sich die Schüler im Rahmen der AG unsere ressourcenaufwendige Lebensführung bewusst. Da kehren auch die angehenden Reporter vor der eigenen Tür und diskutieren über Mülltrennung und energieverbrauchende Geräte. Auf Nachfrage berichtet Christina: „Meine Eltern lassen immer das Licht brennen.“ Marcel ergänzt: „Bei meinem Opa läuft ständig der Wasserhahn…“ – „Immerhin, das ist dir schon aufgefallen!“, lobt Wölfel die Junior-Reporter für ihren neuerdings geschärften Blick auf die persönliche Umwelt.


    Christina ist noch unschlüssig, womit sie sich im Interview befassen will. „Geh zu McDonald’s!“, schlägt Robin vor. Dort war er erst am vergangenen Sonntag und hat bemerkt, dass das Schnellrestaurant nur über eine einzige Müllklappe verfügt. Hinsichtlich des für die geliebten Pommes verwendeten Frittierfettes gibt er zu bedenken: „Man weiß nicht, wo das alles hingekippt wird.“ Seit sie auf den Aushang der Raum-OS-AG reagiert haben, ist es nicht mehr allein die Fernsehsendung Galileo, die die Haupt- und Realschüler für solche Fragen sensibilisiert.


    Der Sendeplatz zwischen zehn und elf Uhr am Sonntagvormittag ist schon für die Jugendlichen reserviert. Auf der lokalen Frequenz 104,8 wird dann ganz Osnabrück und Umgebung erfahren, was aus der Spritztour mit dem Elektrobus geworden ist, ob sich ein Tischler für Nachhaltigkeit interessiert und für welche Umweltdelikte es Gefängnisstrafen gibt. Also: stell endlich den Wasserhahn ab, Opa, und schalt das Radio ein!

    Anne Giebel
    18. Januar 2012

    www.raum-os.de

    www.funkfloehe.de

    www.osradio.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 104-gemeinwohl-oekonomie

    Nix Pusteblume!

    Die in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus aktive Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie will eine dritte Wirtschaftsform jenseits von Kapitalismus und Sozialismus aufbauen.

    Die Wirtschaft vom Kopf auf die Füße stellen

    Die in Deutschland, Österreich, der Schweiz und darüber hinaus aktive Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie will eine dritte Wirtschaftsform jenseits von Kapitalismus und Sozialismus aufbauen.

    Christian Felber steht gerne kopf. Wenn der Ausdruckstänzer und Ökonomie-Dozent einen Vortrag hält, beginnt er den bisweilen mit dem Kopf auf dem Boden und den Füßen in der Luft. Vielleicht liegt es ja an dieser umgekehrten Perspektive, dass der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie auch die Wirtschaft umdrehen will – weg vom Profit- und hin zum Gemeinwohlprinzip. Die Wirtschaft sollte dem Menschen dienen und nicht umgekehrt, findet der 39-jährige Wiener.


    Der Grundgedanke, nach dem der rotblonde Mann mit dem dezenten Dreitagebart die Ökonomie auf den Kopf – oder sind es die Füße? – stellen will, ist genial einfach. Der Kapitalismus, sagt Felber, fördere die schlechtesten Eigenschaften der Menschen, nämlich Gier, Geiz, Egoismus, Verantwortungslosigkeit, gnadenlose Konkurrenz und Umweltzerstörung. Kein nobelpreisgekrönter Ökonom habe jemals mit einer Studie beweisen können, dass Wettbewerb die beste Methode sei, sagt er. Im Gegenteil zeigten fast 90 Prozent aller Untersuchungen aus der Spieltheorie, der Sozialpsychologie und der Neurobiologie, dass Kooperation Menschen viel nachhaltiger motiviere als Konkurrenz. Zusammenarbeit begünstige Wertschätzung, Anerkennung und gelingende Beziehungen. Konkurrenz arbeite dagegen mit Angst und Ausgrenzung.


    Felber verweist auf eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann Stiftung vom Juli 2010, in der sich rund 90 Prozent der Befragten in Deutschland und Österreich eine „neue Wirtschaftsordnung“ wünschten. Wie wäre es also, wenn man die Sehnsucht der Menschen ernst nähme? Und die Förderung der besten menschlichen Eigenschaften ins Zentrum stellen würde? Wenn Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation und Solidarität – kurzum: das Gemeinwohl – das Ziel und der Leitstern der Wirtschaft wären? Felber sei ein „Anarchomarxist“ und „herz-jesu-marxistischer Enteignungseuphoriker“, wetterte ob solcher Fragestellungen der Chefredakteur der konservativen Wiener Zeitung Die Presse in mehreren Leitartikeln.


    In seinem letzten Buch, das Anfang 2012 in einer erweiterten Neuauflage erscheint, hat Christian Felber in Zusammenarbeit mit einigen attac-nahen Unternehmen das Modell praxisnah ausgearbeitet. Ganz allein das Gemeinwohl zu definieren stehe ihm nicht an, sagt er. Das könne letztlich nur demokratisch geschehen, in einem Wirtschaftskonvent. Solange es den nicht gibt, schlägt er ein Punktesystem vor, anhand dessen gemeinwohlorientierte Betriebe ausgezeichnet werden. Pluspunkte gibt es etwa dafür, dass ein Unternehmen die Beschäftigten mitbestimmen lässt, Frauen in Führungspositionen wählt, einen hohen Anteil der Vorprodukte aus der Region, aus Fair-Trade- oder biologischem Anbau bezieht, transparent agiert, Know-how freiwillig weitergibt oder einen Betriebskindergarten einrichtet.


    Je höher die Punktzahl, desto größer könnten irgendwann einmal rechtliche oder finanzielle Vorteile sein, etwa ein niedrigerer Steuersatz oder günstigere Kredite bei der ebenfalls im Aufbau befindlichen Demokratischen Bank, schlägt Felber vor. Die verschiedenen Stufen der Gemeinnützigkeit von Firmen sollen mit handylesbaren Farbbalken und Strichcodes auf deren Produkten dargestellt werden, sodass Kunden und Käuferinnen eine klare Orientierung haben, was sie da erstehen.


    Einer der rund hundert Pionierbetriebe, die Ende 2011 mit einer solchen „Gemeinwohl-Bilanz“ aufwarten konnten, ist das Beratungsunternehmen Sattler Energie Consulting aus dem österreichischen Gmunden. Die Vorlage dafür, die „Gemeinwohl-Matrix“ mit insgesamt 18 Kriterien, lieferte der Verein um Christian Felber. Der Prokurist der Beratungsfirma, Kurt Krautgartner, grübelte in einer Wochenendschicht über dem Kriterienkatalog. Bei der Energieeffizienz ist die Firma vorbildlich, in anderen Bereichen gibt es durchaus Nachbesserungsbedarf: Die Küche etwa könnte mehr Bioprodukte und der Betrieb mehr Frauen vertragen. Das Logo der Gemeinwohl-Ökonomie, ein fliegender Pusteblumensamen, ist nun auch auf der Webseite des Betriebes zu sehen.


    Kopfüber haben sich Felbers Mitstreiter in das Abenteuer gestürzt, die Wirtschaft  umzudrehen. Anfang 2012 gehörten der Gemeinwohl-Bewegung insgesamt bereits rund 570 Unternehmen an, knapp 1.100 Privatpersonen und über 80 Organisationen und Vereine – darunter auch attac Österreich, dessen Sprecher Felber ist. Die meisten Unternehmen sind kleine Dienstleistungsbetriebe, aber es finden sich auch etablierte mittelständische, etwa die Sparda-Bank München mit rund 700 Beschäftigten.


    Und die Bewegung breitet sich rasant aus – in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien, Spanien und weiteren Ländern, koordiniert vom Verein zur Förderung der Gemeinwohlökonomie in Wien. Zwei Frauen im Verein kümmern sich hauptamtlich um die Organisation, daneben gibt es zahlreiche Freiwillige, die in verschiedenen „Energiefeldern“ arbeiten.


    „Das erste Dax-Unternehmen hat sich auch schon bei uns gemeldet“, erzählt Felber. Ein Millionenkonzern, der auf Gemeinwohl umstellen will? Wird der Börsenkapitalismus etwa morgen abgeschafft? Das sicher nicht, lacht er, das Unternehmen wolle bloß „in Kontakt bleiben“. Einer Aktiengesellschaft ist es zudem de facto verboten, für das Gemeinwohl zu arbeiten, da deren Vorstand per Gesetz verpflichtet ist, die Rendite anonymer und entsprechend verantwortungsloser Aktienbesitzer zu maximieren. Aber weil inzwischen auch weitsichtigere Vorstandsmitglieder darin ein Problem sähen und sich die Bewegung sehr schnell ausweite, sei er insgesamt „ziemlich optimistisch“, sagt Christian Felber.


    Der Aktivist schätzt, dass sich in den nächsten Jahren „viele tausend“ Unternehmen an diesem Prozess beteiligen werden, beraten und begleitet von den Ansprechpartnern des Vereins. Auch hätten sich erste Gemeinden gemeldet, die einen „Gemeinwohl-Index“ erstellen und die Lebensqualität in ihrer Region messen wollten. Eine Landesregierung habe in Aussicht gestellt, den Prozess der Beratung und Zertifizierung zu fördern. „Vielleicht in fünf Jahren“, so Felber, werden die verschiedenen Stränge der Gemeinwohlwirtschaft so stark sein, dass man Wirtschaftskonvente in einzelnen Ländern werde abhalten können.


    In Felbers Vorstellung von einer „evolutionären Demokratie“ wäre der Wirtschaftskonvent ein neuer Souverän, der Gesetze für den Übergang in eine Gemeinwohlökonomie erlassen würde. Feindliche Übernahmen, Börsenspekulation und Gewinnausschüttungen an Personen, die Unternehmen nur besitzen, aber nicht darin mitarbeiten, könnten dann verboten werden, sagt der Kopfstandfan, „alle Unternehmen wären vom allgemeinen Wachstumszwang und gegenseitigen Fresszwang erlöst.“ Und die Wirtschaft auf die Füße gedreht.

    Ute Scheub
    19. Januar 2012

    www.gemeinwohl-oekonomie.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 115-jecke-fairsuchung

    Alaaf!

    Der Kölner Verein Jecke Fairsuchung engagiert sich für den Einsatz ökologisch produzierter und fair gehandelter Kamelle bei Karnevalszügen in der Region.

    Faire Kamelle

    Der Kölner Verein Jecke Fairsuchung engagiert sich für den Einsatz ökologisch produzierter und fair gehandelter Kamelle bei Karnevalszügen in der Region.

    „Kamelle, Strüssjer fair bestellt – am Zugweg steht die Eine Welt“. So lautet die Gravur der apfelsinengroßen Metallplakette, die Roland Pareik in den Händen hält. Das sei das Jahresmotto des Ordens 2008, erklärt Pareik, Vorstandsmitglied des Kölner Vereins Jecke Fairsuchung. Am oberen Ende nimmt die Plakette die Konturen von vier prominenten Baudenkmälern an – allem voran der Kölner Dom, dessen zwei Türme spitz herausragen. Darunter sind bunt gekleidete Comic-Figuren aus verschiedenen Ländern der Welt zu sehen, die ausgelassen einen Karnevalszug vor hierzulande typischer Kleinstadtkulisse begleiten.

     

    Eigentlich braucht es nicht mehr als diesen Orden, um das Anliegen der Jecken Fairsuchung zu begreifen. Beheimatet in einer der größten Karnevalshochburgen der Republik, tritt die 2006 gegründete Initiative nicht an, den Rheinländern ihr Jahrhunderte altes Brauchtum streitig machen. Die lokale Tradition des Karneval, der man mit Begeisterungsstürmen (so gehört es sich für überzeugte Jeckinnen und Jecken), teilnahmslosem Achselzucken (wohl vor allem bei Zugezogenen zu beobachten) oder mit fluchtartigem Verlassen der Kampfzone begegnet, wird vielmehr gezielt genutzt, um einen ersten Schritt in Richtung einer besseren Welt zu gehen: Seit Jahren schon engagiert sich der Verein dafür, dass nicht herkömmliche Süßigkeiten, sondern ökologisch hergestellte und fair gehandelte Kamelle in den Tüten der Karnevalsbegeisterten landen.

     

    So kulturell vielfältig wie der Karneval sind auch die Kamelle, die der Verein den Karnevalsgesellschaften ans Herz legt: Mango-Fruchtgummis aus Paraguay, Maniokchips aus Indonesien, Sesamriegel und Schokoladenfußbälle. Damit die Feiernden auch merken, dass sie es mit einem besonderen „Fang“ zu tun haben, leuchtet auf den meisten Päckchen das Logo der Jecken Fairsuchung: Eine Weltkugel, gekrönt mit einer bunten Narrenkappe. Kurz und bündig – im Karnevalstaumel ist bekanntlich mit eingeschränkter Aufnahmefähigkeit zu rechnen – werden die Jeckinnen und Jecken zudem über Herkunft und Fair-Trade-Anteil informiert. Auch über „Faire Strüssjer“ – Schnittblumen aus menschen- und umweltschonender Produktion – unterrichtet der Verein.

     

    Pareik, studierter Biologe und schon lange im Umweltbildungsbereich aktiv, hat die Jecke Fairsuchung bei ihrer Mission von Anfang an begleitet. Die Idee entstand 2001 im Arbeitskreis „Köln in globaler Partnerschaft“ der Lokalen Agenda 21. Anfänglich stieß das Vorhaben auf taube Ohren. „Früher war das Bewusstsein für fairen Handel und das Wissen um die Produktionsbedingungen in den armen Ländern des Südens noch wesentlich geringer ausgeprägt“, konstatiert Pareik. Ein weiteres Problem: Die großen Vereine in den Karnevalshochburgen hätten oftmals langjährige Verträge mit Lebensmittelkonzernen abgeschlossen, die diese mit konventionellen „Wurfmaterialien“ versorgten. „Eine kleine Initiative, die für fair gehandelte Kamelle wirbt, hatte da schlechte Karten“.

     

    Doch wurden bald erste Erfolge erzielt: Mehrere Schulen erklärten sich bereit, auf fair gehandelte Kamelle zurückzugreifen. Und auch andere Karnevalszüge aus nahe gelegenen Städten wie Düsseldorf oder Neuss zeigten Interesse an der fairen Alternative. Nicht zuletzt durch prominente Partner – Schirmherr der Kampagne ist der Fernsehmoderator Jean Pütz, tatkräftige Unterstützung kommt auch von den Kölner Tatort-Kommissaren Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär – konnte sich die Initiative schnell einen Namen machen.

     

    „Als gemeinnütziger Verein verkaufen wir die Kamelle nicht, sondern verbreiten Wissen über faire Alternativen und geben Adressen an, wo diese bezogen werden können“, klärt Christine Lieser auf. Die Studentin der Regionalwissenschaften Lateinamerika arbeitet seit 2010 in der Geschäftsstelle des Vereins, ihre Stelle ist die einzige, für die ein kleiner Etat vorhanden ist. Während des Studiums für entwicklungspolitische Fragestellungen sensibilisiert, kam sie über eine Ausschreibung zur Jecken Fairsuchung. Das ambitionierte Vereinsziel: Langfristig sollen zehn Prozent der Ausgaben für Wurfmaterial im Straßenkarneval auf fair gehandelte Produkte entfallen.

     

    Vorbehalte, ausschließlich fair produzierte Kamelle zu beziehen, kämen nicht zuletzt von kleinen Vereinen. „Für den gleichen Preis gibt es natürlich deutlich größere Mengen an konventionellem Wurfmaterial“, räumt Lieser ein. Doch die Mehrkosten sind gut investiert: Der Fairhandels-Aufschlag garantiert den Bauern für ihre Rohstoffe einen wesentlich höheren Preis, sodass Produktions- und Lebenshaltungskosten tatsächlich gedeckt werden können. Zudem werden Sozialprojekte, Bildungsangebote und Infrastrukturmaßnahmen finanziert.

     

    Dass mit einer konsequenten Umstellung auf faire Kamelle tatsächlich Gutes bewirkt werden kann, leuchtet ein, wenn man sich die Mengen an Wurfmaterial vergegenwärtigt, die allein beim Kölner Rosenmontagszug – dem größten Karnevalszug Deutschlands – zum Einsatz kommen: Unter dem Motto „Köln hat was zu beaten“ wurden 2011 über 300 Tonnen Bonbons, 700.000 Schokoladentafeln und mehr als 300.000 Strüßjer unter den 1,5 Millionen Zuschauern verteilt.

     

    Die Besucherzahlen verraten zugleich etwas über die ökonomische Bedeutung des Karnevals: Schätzungen gehen von einem jährlichen Umsatz von mindestens einer Milliarde aus, der allein in Köln, Düsseldorf und Mainz erwirtschaftet wird. Bei solchen Massenfestivitäten fällt bekanntlich viel Müll an – nach dem Kölner Rosenmontagszug 2011 kamen 390 Kubikmeter davon zusammen. Auch fair gehandelte Kamelle können dieses Problem nicht lösen, obgleich auf eine ökologisch vertretbare Verpackung geachtet wird. Die Haltung des Vereins ist hier eindeutig: Lieber mit der lokalen Kultur arbeiten als gegen sie – und durch Aufklärungskampagnen dennoch zu einer besseren Welt beitragen. Karneval feiern mit gutem Gewissen ist der Jecken Fairsuchung daher nicht genug: In Kooperation mit Lehrkräften ist eine „Aktivmappe Faire Kamelle“ entstanden, die Schülerinnen und Schüler mit den Grundsätzen fairer Lebensmittelproduktion vertraut machen soll.

     

    Öffentlichkeitswirksam zeichnet der Verein zudem einmal im Jahr Karnevalsaktivisten aus, die sich vorbildlich für den fairen Handel engagiert haben. Mit einem Augenzwinkern wird auch hier an die materielle Kultur des Karnevals angeknüpft: Die Preisträger bekommen einen eigens gestalteten Orden überreicht, dessen Design die Idee von der „Einen Welt“ auf den Punkt bringt. Wie passend, dass im Jahr 2012 die Welthauptstadt des Karnevals – Rio de Janeiro – auch den Nachhaltigkeits-Weltgipfel beherbergt. Bei der Jecken Fairsuchung heißt es daher: „Weltgipfel in Rio – Kamelle fair und bio“.

    David Keller
    19. Januar 2012

    www.jeckefairsuchung.net

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 10-stiftung-intact

    Schlepperbande

    Im Schweizer Städtchen Burgdorf betreiben Langzeitarbeitslose einen Lieferdienst für schwere Einkäufe und reduzieren dadurch den Autoverkehr.

    Grüezi, darf ich Ihre Tasche heimfahren?

    Im Schweizer Städtchen Burgdorf betreiben Langzeitarbeitslose einen Lieferdienst für schwere Einkäufe und reduzieren dadurch den Autoverkehr.

    „Depot Hauslieferdienst“ steht über einem Durchgang wenige Meter neben den Kassen des Migros-Supermarkts im schweizerischen Burgdorf. Dahinter befindet sich ein schlichtes Holzregal, in dem schon zwei blaue Einkaufstaschen lagern. „Donnerstags bis samstags ist das hier rappelvoll“, sagt Stefanie Fluri, die den Blumenstand nebenan betreibt und die Vignetten für den Lieferdienst verkauft – schlichte, blau-weiße Aufkleber. Drei Franken kostet der Transport eines 20-Kilo-Gepäckstücks; ein Jahresabo mit beliebig vielen Lieferungen schlägt mit 150 Franken zu Buche. Der Kunde muss nur einen Zettel mit seiner Adresse ausfüllen und ihn an die Tasche anheften; spätestens drei Stunden später kann er alles an seiner Wohnungstür entgegennehmen.

     

    In regelmäßigen Abständen taucht im Migros ein Fahrradkurier auf, der die Tüten in einen leuchtend-blauen Anhänger lädt und damit durch Burgdorfs verkehrsberuhigte Innenstadt in Richtung Bahnhof entschwindet. Dort befindet sich die Zentrale des Hauslieferdienstes, der ein knappes Dutzend Langzeitarbeitslose beschäftigt. Der Kurier betritt das große Zelt, in dem neben einem bewachten Fahrradparkplatz für Pendler auch sein Arbeitgeber untergebracht ist. Er stellt die Taschen zu anderen Gepäckstücken, die Kollegen anderswo eingesammelt haben. Nun werden die Lieferungen nach Zielstraßen neu zusammengestellt – und auf geht’s.

     

    Lee Julian raucht noch schnell eine Zigarette, bevor er aufbricht. „Wir alle haben Elektroräder, hier in Burgdorf geht es schließlich bergauf und bergab, und oft haben wir 100 Kilo zu schleppen“, berichtet der 24-Jährige, der mit seinem Bart und den langen Haaren ein bisschen aussieht wie Rübezahl, nur eben mit Fahrradhelm. Seit er hier schuftet, bekommt er zusätzlich zum Sozialgeld in Höhe von 760 Franken noch einmal 400 bis 500 Franken vom Arbeitsamt. Für den Fall, dass er zwei Monate durchhält, hat ihm sein Berufsberater einen Ausbildungsplatz zum Pflegeassistenten zugesagt. „Ich finde das eine gute Sache hier: Ich muss nicht zu Hause sitzen und Däumchen drehen und kann der Gesellschaft etwas zurückgeben“, sagt der junge Mann mit der gesunden Gesichtsfarbe und schiebt nach: „Hier verdiene ich außerdem noch ein bisschen was dazu und kriege auch häufiger Trinkgeld.“ Zwischen 20 und 30 Mal am Tag bricht er auf, um eine Fuhre wegzuschaffen.

     

    Der Lieferdienst ist inzwischen gut etabliert in dem 15.000-Einwohner-Städtchen nördlich von Bern. Bei allen größeren Lebensmittelläden fahren die Kuriere regelmäßig vorbei. Steht bei einem Hobbymarkt oder einer Boutique Gepäck zum Wegradeln bereit, rufen die Ladenbesitzer beim Velodienst an. Weil sie ihr Auto nicht mehr als Lagerraum und Transportmittel brauchen, kommen mehr Kunden zu Fuß, per Rad oder mit dem Bus zum Einkaufen. Die Haushalte, die den Bringdienst nutzen, haben ihre Autofahrten um 21 Prozent reduziert.

    Annette Jensen
    12. Januar 2012

    www.stiftung-intact.ch

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 59-younicos

    Sonnentank

    Die Berliner Solarfirma Younicos entwickelt formschöne Speicher für Haus und Büro sowie Sonnentankstellen.

    Die Geschichte von Yill und Yana

    Die Berliner Solarfirma Younicos entwickelt formschöne Speicher für Haus und Büro sowie Sonnentankstellen.

    Yill ist eine Schönheit. Glatt. Weiß. Rund. Kein Model, sondern ein Modell: ein zukunftsträchtiger Solarspeicher. Mit ausziehbarem Griff fahrbar wie ein Rollkoffer. Hergestellt  wurde Yill von Younicos, einer Solarfirma mit 40 Mitarbeitern in Berlin-Adlershof.


    Yill wurde aber nicht des schönen Designs wegen entworfen, sondern aufgrund eines Problems: Den erneuerbaren Energien fehlen Speicher, wenn der Wind nicht weht und die Sonne scheint. Umgekehrt gesagt: Wenn die Sonne kräftig scheint, dann kann Yill den Sonnenstrom aufnehmen, der bei Younicos über die Solarmodule auf dem Dach geerntet wird. Als Speicher dient ein robuster Lithium-Titanat-Akku, der seine Benutzer drei Tage lang unabhängig macht von der Steckdose.


    Yill lässt sich in den Park ziehen oder in einen Partykeller; sie sorgt überall für Energieautarkie. Und sie könnte sogar die Architektur revolutionieren, denn teure Kabelverlegungen in Büroräumen, Altbauten und Fabriklofts würden überflüssig: Schnell mal ein paar Yills hergerollt und Computer daran angeschlossen, und schon lässt sich eine Arbeitsgruppe installieren. Allerdings gibt es bisher nur 15 Prototypen für jeweils mehrere tausend Euro – solange Yill nicht in Serie produziert wird, ist sie teuer.


    Der Chef von Yill ist Clemens Triebel – 53 Jahre alt, quirlig, umtriebig, lausbubenhaft. Der studierte Maschinenbauingenieur, einer der beiden Mitbegründer von Younicos, träumt von der kommenden Energiedemokratie, die „Häuptling Atom“ und „Häuptling Fossil“ entmachten wird. Triebel hat eine linke Geschichte, er demonstrierte gegen Atomkraft und gehörte ab 1985 zum Kreuzberger Kollektiv Wuseltronik, das schon sehr früh Wind- und Solarmodelle zusammenbastelte. Zusammen mit anderen Visionären gründeten die Wuseltroniker 1996 die Solarmodulfirma Solon, die zeitweilig der größte Solarmodulhersteller Europas war und Younicos nun als Untermieter beherbergt. „Let the fossils rest in peace“ ist der Leitspruch von Younicos, und deshalb wird auf firmeneigenen dunklen Grabplatten schon jetzt der letzten Bohrinsel gedacht, des letzten Öltankers, der letzten Zapfsäule.


    Yana ist die große Schwester von Yill, und auch sie bietet einen ästhetischen Anblick. Auf dem firmeneigenen Rasen steht ein rostfarbener Kubus mit einem ausladenden, 50 Quadratmeter großen Solardach. Der Rost-Würfel beherbergt einen großen Vanadium-Redox-Flow-Akku, der 100 Kilowattstunden Strom speichern kann. Damit lässt sich sommerlicher Sonnenüberschuss einlagern und eine Solartankstelle betreiben, die derzeit die Elektroroller und -autos der Younicos-Belegschaft versorgt. Die Firma Gildemeister, mit der Younicos kooperiert, hat bisher acht Yana-Solartankstellen verkauft. 99.000 Euro kostet die Batterie und 340.000 Euro eine ganze Tankstelle – inklusive „intelligenten Steckdosen“, die die Benutzer erkennen. Weitere Yanas sind bestellt.


    So schön Yill und Yana auch sind – für Triebel sind sie kein Selbstzweck. Ihm geht es darum zu demonstrieren, dass eine hundertprozentige Versorgung mit dezentralen erneuerbaren Energien möglich ist. „Und dass das Spaß macht.“

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.younicos.com

    www.wuseltronik.com

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 60-wildpoldsried

    Sparfüchse

    Wendelin Einsiedler hat ein Dorf im Allgäu auf den Energiespartrip gebracht. Weil alle davon profitieren, protestiert hier auch niemand gegen Windräder.

    Bauer schafft Aufwind

    Wendelin Einsiedler hat ein Dorf im Allgäu auf den Energiespartrip gebracht. Weil alle davon profitieren, protestiert hier auch niemand gegen Windräder.

    Am liebsten sitzt Bauer Wendelin Einsiedler auf seinem Balkon und schaut den Windrädern beim Drehen zu. „Windpapst“ nennen ihn die Leute in Wildpoldsried. Doch allzu viel Muße hat der CSU-Vorsitzende des 2.500-Einwohner-Dorfes im bayrischen Allgäu nicht. Denn der 55-Jährige mit den vielen Lachfältchen und dem rötlichbraunen Bart hat ein klares Ziel: Sein Dorf soll so wenig Energie wie möglich verbrauchen und so viel wie möglich erzeugen – beides, ohne das Klima zu belasten.


    Während sich in anderen Orten Menschen gegen Windräder sträuben, spricht in Wildpoldsried niemand von einer „Verspargelung“ der Landschaft. Im Gegenteil. Der Grund ist einfach: Alle Einwohner hatten die Möglichkeit, sich am Bau finanziell zu beteiligen – und so profitiert heute ein Großteil der Haushalte von den Einnahmen. „Ein Investor von außen würde hier nie eine Genehmigung kriegen“, ist sich Einsiedler sicher. Auch Susi Vogl, die das Koordinationsbüro Energie- und Klimaschutz im Rathaus managt, betont die Vorteile: „Solche Bürgeranlagen stärken den Zusammenhalt im Ort, weil davon nicht RWE, e.on oder sonst wer profitiert.“


    Für die Pachteinnahmen hat Wendelin Einsiedler ebenfalls eine Regelung ersonnen, die Konflikte unwahrscheinlich macht: Es kassiert nicht nur der Bauer, auf dessen Acker die Anlage steht, sondern auch alle Nachbarn im Umkreis von 300 Metern. „Wir haben den Konzernen schon viel abgezwackt“, sagt der Landwirt – und das findet er richtig gut, weil das Geld jetzt vor Ort bleibt. „Die Großen arbeiten doch gegen alle Vernunft. Da muss man ja nur an die Gefahren der Atomkraft denken.“ Bei solchen Themen kann sich Einsiedler, der sich selbst als ruhigen Menschen beschreibt, auch richtig aufregen. „Man kann doch nur mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie!“


    Mitte der 1990er-Jahre interessierte sich in Wildpoldsried außer Einsiedler noch kaum jemand für den Klimawandel – inzwischen weiß jedes Kind bestens Bescheid. Energiesparen ist hier zum Volkssport geworden. Das liegt wohl vor allem daran, dass sich damit auch Geld verdienen lässt.


    Wo es geht, greifen die Wildpoldsrieder auf eigene Ressourcen zurück. Um herauszufinden, wie gut oder schlecht ihre Häuser isoliert sind, beauftragten sie die örtlichen Ballonsportfreunde Feuer und Flamme. Die schwebten an einem schönen Wintertag hoch in den Himmel und schossen Fotos von den Dächern: Wo der Schnee geschmolzen war, war die Dämmung ersichtlich miserabel. Der Gemeinderat organisierte anschließend für alle Interessierten eine günstige Energieberatung. Auch zum Thema Heizungsumwälzpumpen, die häufig ununterbrochen laufen und dadurch viel Strom verschleißen, machte der Gemeinderat den Bürgern ein Angebot: Ein Ratsmitglied, das hauptberuflich in einer Herstellerfirma für Heizungspumpen arbeitete, würde alle Haushalte besuchen, die das wünschten. Der Gutachter inspizierte dann tatsächlich die Anlagen aller interessierten Haushalte und handelte anschließend mit seinem Arbeitgeber für die massenhafte Erneuerung einen günstigen Preis aus.


    Besonders erfolgreich war eine Aktion zum kollektiven Einkauf von Solarmodulen. Der Großauftrag bescherte den Beteiligten nicht nur einen fetten Rabatt, sondern veranlasste den Lieferanten auch, seine Firmenzentrale nach Wildpoldsried zu verlegen – wo er seither Steuern zahlt.


    Alle Gemeindegebäude in Wildpoldsried werden heute mit Fernwärme aus bayrischen Holzpellets geheizt, und auch ein Großteil der Wohnungen und Privathäuser sind inzwischen an das Wärmenetz angeschlossen. Viele Bewohner der Straßen, in denen noch keine Leitungen liegen, drängen auf einen Ausbau des Netzes. Schließlich sparen diejenigen, die jetzt auf eine Ölheizung verzichten können, etwa die Hälfte der Betriebskosten.


    Summa summarum erzeugt Wildpoldsried heute über dreimal so viel Energie wie es verbraucht – und im kommenden Sommer wird sich die produzierte Strommenge durch zwei 180 Meter hohe Windanlagen noch einmal deutlich erhöhen.


    Wendelin Einsiedler und seine Mitstreiter wollen gar nicht mehr aufhören mit dem Optimieren. Sie haben mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, mit dem regionalen Netzbetreiber und Siemens verhandelt – und alle gemeinsam testen nun in Wildpoldsried ein „intelligentes Stromnetz“, das die Balance zwischen Stromherstellung und -verbrauch verbessern soll und dadurch so manchen Leitungsneubau überflüssig machen könnte. Auch Elektrofahrzeuge kommen bei dem auf zwei Jahre angelegten Versuch zum Einsatz. Selbstverständlich sitzt auch Wendelin Einsiedler öfters hinterm Steuer eines E-Autos, das er sich mit zwei anderen teilt. „Wenn das mit Batterieautos klappt, dann sind wir hier wirklich autark“, frohlockt der 55-Jährige.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.wildpoldsried.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 61-veggiday

    Donderdag

    In mehreren Städten Belgiens und Deutschlands kommt in den städtischen Kantinen und Schulmensen weniger Fleisch auf die Teller. Dabei geht es um Klima- und Gesundheitsschutz – und um Genuss.

    Donderdag ist Veggiedag

    In mehreren Städten Belgiens und Deutschlands kommt in den städtischen Kantinen und Schulmensen weniger Fleisch auf die Teller. Dabei geht es um Klima- und Gesundheitsschutz – und um Genuss.

     

    Die Bewegung begann in der belgischen Stadt Gent. Jeder Donnerstag ist dort Veggiedag: Da kommt vor allem Fleischloses auf den Tisch. So haben es die Stadtverordneten im Frühjahr 2009 beschlossen – und so setzen es die Köche in den öffentlichen Kantinen und Schulmensen um. Auch in jedem Restaurant soll zumindest ein vegetarisches Gericht auf der Speisekarte stehen.


    Die Idee stammt von der Ethischen Vegetariervereinigung Flandern (EVA). Sie versuchte im Herbst 2008, den Genter Stadtpolitikern den Veggiedag schmackhaft zu machen. Fast zeitgleich kam damals der Vorsitzende des internationalen Klimarats IPCC, Rajendra Pachauri, nach Gent und hielt einen Vortrag an der Universität. „Natürlich geht man da hin, wenn ein Nobelpreisträger bei uns vor Ort spricht“, sagt Tom Balthazar, der in der Stadtregierung für Umwelt und Soziales zuständig ist. Was der indische Umweltwissenschaftler dort berichtete, elektrisierte den Politiker: Die weltweite Fleischproduktion ist für mindestens 18 Prozent des gegenwärtigen Ausstoßes an klimaschädlichen Gasen verantwortlich. Jedes Jahr werden Millionen Hektar Regenwald zerstört, um auf den gerodeten Flächen Viehfutter anzubauen. Hinzu kommt, dass aus jeder Kuh vorne und hinten täglich 300 Liter des Klimakillers Methan entweichen und dass Schafe und Ziegen die Atmosphäre auf ähnliche Weise belasten. Das Einfachste, was ein Bürger zum Klimaschutz beitragen kann, sei der Verzicht auf Fleisch, so die Botschaft des Wissenschaftlers.


    Die linksliberale Stadtregierung in Gent reagierte prompt – nicht zuletzt überzeugt durch den Genuss eines vegetarischen Menüs, das der flandrische Starkoch Philippe van den Bulck den Politikern servierte. Auch sonst waren die Voraussetzungen in der 240.000-Einwohner-Stadt nordwestlich von Brüssel günstig: Schließlich rühmt sie sich, die größte Dichte vegetarischer Restaurants weltweit zu besitzen. „Die Opposition war nicht dagegen, fand das Thema allerdings eher marginal und machte sich ein bisschen über uns lustig“, so Balthazar. Von den Schlachtern im Stadtgebiet kamen ebenfalls ein paar Kommentare, die das Ganze ins Lächerliche ziehen sollten. Offen protestiert aber hat bisher nur der Belgische Bauernverband, der das vermeintliche „Fleischverbot“ geißelte.


    Im Mai 2009 wurde Gent bei einer großen Party auf dem Gemüsemarkt von Tom Balthazar zur „Vegetarierhauptstadt Europas“ erklärt. Kinder führten vor dem historischen Schlachthaus ein Theaterstück auf: Eine Banane vertreibt das Beefsteak. Mit Lust, Spaß und Argumenten versuchen die Initiatoren, ihre Mitbürger zu überzeugen. Eine fleischarme Ernährung ist schließlich nicht nur gut fürs Klima, sondern auch für die eigene Gesundheit, denn häufiger Fleischgenuss kann zu Herzinfarkten, Gefäßkrankheiten und manchen Krebsarten führen. 


    Als tabu hingegen gilt in Gent jeglicher Zwang: So müssen die Genter Beamten und Stadtangestellten, die das Gefühl haben, ohne Fleisch vom Fleisch zu fallen, auch donnerstags nicht darauf verzichten. Trotzdem wählen etwa zwei Drittel die vegetarischen Angebote – und inzwischen gibt es auch an jedem anderen Wochentag ein entsprechendes Gericht. In den Schulkantinen wird der Veggiedag sogar zu 90 Prozent angenommen.


    Schon zum zweiten Mal lässt Gent nun spezielle Stadtpläne drucken, um Besuchern und Einheimischen das Auffinden vegetarischer Gaststätten zu erleichtern. Deren Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. In einem Dutzend Genter Restaurants gibt es heute überhaupt kein Fleisch mehr, insgesamt fast 100 haben vegetarische Angebote auf der Speisekarte. Darüber hinaus sind inzwischen zahlreiche vegetarische Kochkurse im Angebot. „Bei uns ist Vegetarismus keine Nischenangelegenheit mehr“, führt Pascal Goethals von der Genter Stadtverwaltung aus und verweist auf eine Umfrage, bei der sich immerhin 19 Prozent der flandrischen Bevölkerung zumindest als „Teilzeit-Vegetarier“ bekennen; im Landesdurchschnitt sind es drei bis vier Prozent.


    Derweil sehen sich Tom Balthazar und seine Mitstreiter mit einer Flut von Emails und Telefonanrufen aus aller Welt konfrontiert. Gerade waren Delegationen aus Südkorea und Japan vor Ort, und auch in der brasilianischen Millionenstadt São Paulo interessieren sich viele für die Erfahrungen. In Deutschland hat das Beispiel inzwischen schon mehrere Nachahmer gefunden: In Bremen und Schweinfurt wurden sogenannte Veggidays eingeführt, in Wiesbaden läuft eine entsprechende Kampagne.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.gent.be/donderdagveggiedag

    www.veggiday.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 123-recyclingboerse

    second design

    Müllvermeidung, Arbeitsplätze und Design – die Kreativität der Herforder RecyclingBörse! kennt keine Grenzen.

    Der verborgene Sinn weggeworfener Dinge

    Müllvermeidung, Arbeitsplätze und Design – die Kreativität der Herforder RecyclingBörse! kennt keine Grenzen.

    Ein Zaun aus alten Langlaufskiern, ein Windspiel aus CDs, ein halber Globus als Lampenschirm, eine Autoscheibe als Dachunterstand: wer das Gelände der Herforder RecyclingBörse! betritt, merkt schnell, welch unkonventioneller Wind hier weht. Was eben noch Müll war, wird von Menschen, die eben noch arbeitslos waren, als Ware für die Second-Hand-Kaufhäuser und Läden der RecyclingBörse! aufbereitet oder zerlegt und wiederverwertet. Auch an diesem Nachmittag herrscht reges Treiben – der eine sucht im Kaufhaus nach günstigem Weihnachtsschmuck, besonderen Büchern oder einer Jacke. Die andere kommt vorbei, um ein paar Stühle und eine alte Kamera zu spenden. „Wir sind ein großer Flohmarkt“, erklärt Geschäftsführer Udo Holtkamp mit Understatement. Mehrere tausend Tonnen Müll konnten durch das Sozialunternehmen bislang vermieden und als Waren in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden – auch Kunst und Kultur profitieren davon.

     

    „Gerade erst habe ich ein paar alte Spielzeugpistolen an das Berliner Museum der Dinge abgegeben“, erzählt der ehemalige Buchhändler und kramt aus einer Kiste waffeleisenförmige Untersetzer hervor, die eine Gestalterin aus gebrauchten Bundeswehrdecken geschaffen hat. Um solch müllvermeidende Innovationen ging es der RecyclingBörse!, als sie 2007 den RecyclingDesignpreis ins Leben rief. Der Preis fordert Kreative auf, sich – frei nach dem Dadaisten Kurt Schwitters – auf die Suche nach dem „verborgenen Sinn weggeworfener Dinge“ zu machen. Zuletzt, 2011, gewann eine Designerin, die aus einem PVC-Rohr und einem alten Traktorschlauch einen Hocker baute. Im Februar 2012 wird der Preis zum fünften Mal vergeben: 600 Gestalter aus 38 Ländern haben ihre aus „weggeworfenen Dingen“ geschaffenen Gebrauchs- und Dekorationsgegenstände eingereicht. Den Besten unter ihnen winken ein von der RecyclingBörse! gestiftetes Preisgeld und eine Ausstellung, unter anderem im örtlichen Prestigebau, dem Kunstmuseum MARTa Herford.

     

    Mit dem RecyclingDesignpreis und der MARTa-Kooperation ist das Sozialunternehmen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dort stand es nicht immer. Alles begann 1983 mit einigen Arbeitslosen aus der „links-alternativen Ecke“, die Anstoß an der Müllverbrennungsanlage nahmen und ihre Suche nach Arbeit mit der Suche nach Alternativen zur Wegwerfkultur kombinierten. Sie gründeten den Arbeitskreis Recycling e.V., der seit 1984 die RecyclingBörse! als einen Zweckbetrieb unterhält. Die – letztlich denkbar simple – Idee, brauchbare Artikel vor der Mülldeponie zu retten und zu günstigen Preisen zu verkaufen, stand schnell: doch mangelte es an Spenden. „Das Bürgertum sah in uns linkes Pack – unterstützt haben uns zunächst nur die armen Socken“, erläutert Holtkamp.

     

    Dass dennoch eine Erfolgsgeschichte erzählt werden kann, in der aus Arbeitslosen tatsächlich Mitarbeiter und aus ihrem anfangs skeptischen Umfeld Spenderinnen und Kunden geworden sind, liegt, laut Holtkamp, vor allem am Dialog mit der Kultur. Mit ein paar provokanten Kunstprojekten brachte sich der Arbeitskreis im Laufe der 1980er- und 1990er-Jahre ins Gespräch, lobte 1999 einen regionalen Recyclingkunstpreis und acht Jahre später schließlich den, inzwischen internationalen, RecyclingDesignpreis aus. Aus Alt wurde Kunst; die Bildungsbürger entdeckten, was „Müll“ alles kann – und das Recyclingprinzip landete in den Salons der kulturbeflissenen Gesellschaft.

     

    Von diesem Umdenken profitierte die RecyclingBörse!, die sich im Laufe der Jahre über immer mehr Anerkennung und Spenden freuen durfte. Mittlerweile gilt sie, ohne das Provokationsprinzip an den Nagel gehängt zu haben, als mittelständischer Integrationsbetrieb. Etwa 115 Personen bietet die Börse derzeit eine kurz- oder längerfristige Arbeitsgelegenheit. Damit verschafft sie vielen Langzeitarbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern eine Perspektive, eine neue Qualifikation, einen erweiterten Horizont. Gemeinsam mit dem Herforder Designer Oliver Schübbe zerlegte beispielsweise eine Gruppe jugendlicher Langzeitarbeitsloser gespendete Möbel und schuf aus dem so gewonnenen Restholz die Regale und Tresen, die mittlerweile in den drei Ladenfilialen der RecyclingBörse! zu finden sind. Auch eine Kantine für das Herforder Second-Hand-Kaufhaus ist auf diese Weise entstanden. Hier rastet, wer sich vom Stöbern erholen will – und trifft womöglich auf einen Mitarbeiter, der gerade aus zwei oder drei alten Fahrrädern ein neues zusammengeschraubt hat.

     

    Auch auf dem Bielefelder Wertstoffhof hat Holtkamp kürzlich einen Arbeitsplatz geschaffen: ein lernbehinderter Jugendlicher überzeugt nun die Bürger vor Ort, ihre brauchbaren Sachen nicht wegzuschmeißen, sondern zu spenden. „Das soll so eine Art Blaupause sein – vielleicht klappt es auch in anderen Städten.“ In Holtkamps Glatzkopf tummeln sich die Blaupausen. Schulen als Recyclingsammelstellen – warum nicht? Die Eltern brächten ihre Kinder doch eh mit dem Auto – da könnten sie Sperriges gleich mittransportieren und die Schüler an die Müllproblematik heranführen.

     

    Gezieltes Sammeln hat sich bei der Börse schon öfters bewährt: Seit 2002 organisiert sie ihre Altkleidersammlungen über den örtlichen Umweltkalender, der 130.000 Haushalte erreicht. Durch die mit der Kommune koordinierte Textilsammlung wurden viele Herforder auf die RecyclingBörse! aufmerksam: der Umsatz stieg im Jahr darauf um 30 Prozent. „Die Leute haben sich an unsere Sammlungsaktionen gewöhnt.“

     

    Die Werbetrommel rühren die Börsianer dennoch weiter. Beim Stadtfest sind sie mit einer Altkleidermodenschau, beim Weltkindertag mit selbstgebasteltem Spielzeug und beim Carnival der Kulturen mit originellen Wurfmaschinen vertreten. Dass das nicht nur Umsatz bringt, sondern auch Spaß macht, zeigt eine Fotodokumentation, die die Mitarbeiter in ihrem Spind aufbewahren. „Ich würde sogar bei einem Fest der CDU mitmachen“, sagt Holtkamp, der eine Designer-Brille zum Antiatomkraft-Button und einer alten Lederweste trägt.

     

    Die Grenzen seiner Arbeit kennt er dennoch ganz genau: „Sustainable Design ist besser als Recyclingdesign“, reflektiert Holtkamp. Und: die Waren, die sich bei ihnen nicht verkaufen lassen, landen unvermeidbar doch in der Müllverbrennungsanlage, gegen die die Gründer der Börse einst demonstrierten. „Eigentlich müssten wir überflüssig werden, aber ich habe es aus Altersgründen aufgegeben, den Kapitalismus zu bekämpfen“, raunt Holtkamp und treibt stattdessen das kreative Spiel „Aus Alt mach…“ munter weiter. Dessen Reiz ist auch den Japanern nicht verborgen geblieben. Kurz nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima stellte sich das japanische Designmagazin Axis die Frage: wohin mit all dem Müll? Das Ergebnis der Recherche: eine Reportage über die RecyclingBörse! im fernen Herford.

    Anne Giebel
    20. Januar 2012

    www.recyclingboerse.org

    www.recyclingdesignpreis.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 64-tagwerk

    Know How

    Die wohl größte Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Deutschlands entstand im bayrischen Dorfen, weil ihre Mitglieder eine Alternative zur Lebensmittelindustrie suchten.

    Weltverbesserung beginnt im Kochtopf

    Die wohl größte Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Deutschlands entstand im bayrischen Dorfen, weil ihre Mitglieder eine Alternative zur Lebensmittelindustrie suchten.

    Über ihren Beitrag zum Zustand der Welt entscheiden die Menschen am Herd. Davon sind die Mitglieder der Tagwerk-Genossenschaft seit langem überzeugt. Deshalb druckt das Unternehmen aus Dorfen bei München auf jede Getreidetüte die genaue Adresse des Bauern, der die Körner angebaut hat. Auch die Herkunft von Wurst, Gurken oder Käse können die Käufer nachvollziehen. Der größte Teil des Angebots stammt aus der nahen Umgebung, und wer hier einkauft, kann sicher sein, dass er oder sie weder Pestizide noch gentechnisch veränderte Lebensmittel im Kochtopf hat.


    Die Geschichte der wohl größten Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft Deutschlands beginnt Mitte der 1980er-Jahre. Damals zog sich ein bunt gemischtes Grüppchen aus Friedensbewegten und Umweltschützerinnen, Linken und Christen ein Wochenende lang in ein Kloster zurück. Viele von ihnen hatten es satt, eingeschweißte Fleischlappen, Tütensuppen und Obst unbekannter Herkunft in ihre Einkaufswagen legen zu müssen. „Uns ging es damals nicht so sehr um die Gesundheit, sondern um politische Fragen und Umweltschutz“, stellt die spätere Vorstandsfrau Inge Asendorf klar.


    Die Mitglieder der Initiative wollten nicht länger einem immer mächtigeren Netz von Lebensmittelkonzernen ausgeliefert sein. Denn bei diesen sahen sie die Hauptverantwortung für den Hunger in armen Ländern. Die gigantischen Unternehmen bezögen ihre Produkte ausschließlich von agroindustriellen Großbetrieben, die mit modernen Maschinenparks billig für den Weltmarkt produzieren und dadurch die Existenz von Millionen Kleinbauern aufs schärfste bedrohen. Weiterhin führe der Anbau von wenigen Hochertragssorten zu einer gefährlichen Verarmung der biologischen Vielfalt. „Zwingen uns die Verhältnisse, ein Leben auf Kosten anderer und der Umwelt zu führen?“, fragten sich die Klausurteilnehmenden und setzten dem ein Manifest entgegen: „Wir wollen überschauen können, was wir tun. Wir wollen verstehen können, wie es funktioniert. Wir wollen verantworten können, was wir tun.“


    Als ersten Schritt beschloss die Gruppe, eine Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft mit einer befreundeten Biobauernfamilie aufzubauen. Die Gemeinschaft wuchs rasch, bald kamen weitere Höfe und eine Bäckerei dazu. Einige Gruppenmitglieder stellten sich nun regelmäßig auf Wochenmärkte und verkauften Milch, Kohl und Brot – man hatte Spaß miteinander und genoss noch dazu leckeres Essen. Schließlich gründeten 48 der bisherigen Gemeinschaftsmitglieder eine Genossenschaft, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl einen rapiden Nachfragezuwachs erfuhr.


    Wie andere Kolleginnen rutschte auch Inge Asendorf in die neue Aufgabe „einfach so hinein, weil da lustige und interessante Leute waren und es einen menschlichen Zusammenhalt gab.“ Der ist in der Tagwerk-Zentrale in Dorfen auch heute noch zu spüren. Die Genossenschaft sitzt in einem hervorragend gedämmten Ziegelbau, der mit einer Solaranlage auf dem Dach und einem Holzhackschnitzel-Blockheizkraftwerk im Keller ausgestattet ist und in dem selbst die Abwärme der Kühlräume nutzbar gemacht wird.


    Die Grundsatzdiskussionen sind mittlerweile ausgestanden: Es gibt hier Taschenrechner und Computer; manche der Produkte haben mehr als 50 Kilometer hinter sich, weil die Menschen in Dorfen und Landshut nun auch mal Nudeln oder saure Gurken aus ferneren Gefilden essen wollen. Selbst Tomaten im Februar sind nicht mehr tabu. „Es war bitter, das zu akzeptieren – aber es ist praxisfern, die Leute überzeugen zu wollen, im Winter auf Sommergemüse zu verzichten“, sagt Aufsichtsrätin Hanna Ermann. Ein Tagwerker begegnete dem auf seine Weise: Er verfasste ein jahreszeitliches Kochbuch mit vielen kreativen Rezepten und lustigen Sprüchen.


    Lange Zeit arbeiteten alle von der Packerin bis zur Chefin zum Einheitslohn von etwa 10 Euro pro Stunde; inzwischen werden die rund 20 Angestellten nach einem etwas differenzierteren Gehaltssystem bezahlt. Zur Genossenschaft gehören außer Kundinnen und Vermarktern etwa 100 Produzenten – Biobauern, Gärtnerinnen, Imker, Metzgerinnen, Bäckereien und Käsereien. Zu kaufen gibt es Tagwerk-Produkte in acht Läden sowie auf dutzenden von Wochenmärkten und im Naturkosthandel bis nach München.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.tagwerk.net

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 65-solar-buerger-genossenschaft

    Rekord(ver)dach(t)

    Bürgerenergiegenossenschaften sind schwer im Kommen. Die Solar-Bürger-Genossenschaft in Freiburg vereint verschiedene Solarprojekte unter einem Dach und erspart anderen die Mühe der Neugründung.

    Alle unter einem Solardach

    Bürgerenergiegenossenschaften sind schwer im Kommen. Die Solar-Bürger-Genossenschaft in Freiburg vereint verschiedene Solarprojekte unter einem Dach und erspart anderen die Mühe der Neugründung.

    Es begann alles mit einem Weltrekord. Auf dem Dach eines Speditionsunternehmens im hessischen Bürstadt dehnten sich im Jahr 2005 Solarmodule auf der Fläche von acht Fußballfeldern, insgesamt rund 45.000 Quadratmetern – seinerzeit die weltgrößte Dachflächenanlage der Welt. Der Sonnenfleck, wie das Projekt genannt wurde, war maßgeblich das Werk von Erhard Renz.


    Der 57-jährige Frühpensionär mit dem schütteren Haar und dem fröhlichen Lachen lebt in Bürstadt nur acht Kilometer vom Atomkraftwerk Biblis entfernt. Dass er wenige Tage vor dem Super-GAU in Tschernobyl eine Tochter bekommen hatte, verstärkte damals seine Abneigung gegen die Atomkraft nur noch mehr. Der Industriekaufmann, der bei Daimler Benz im Rechnungswesen arbeitete, wollte zeigen, dass es auch anders geht, und machte sich ab den 1990er-Jahren für  Windenergie stark. Doch sein Engagement für einen Windpark an der Nordsee frustrierte ihn: Viele Beteiligte „hatten nur Interesse an der Rendite“. Seit 2000, dem Jahr der Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und der damit verbundenen erleichterten Förderung von Solarenergie, engagierte sich Erhard Renz auch für Solaranlagen, hielt Vorträge, dachte sich lustige Solarwettbewerbe zwischen Kommunen aus und wurde Schritt für Schritt zum „Sonnenflüsterer“ – so heißt auch seine Webseite. Das Weltmeisterdach in Bürstadt war zwar das größte Projekt, bei dem der unermüdliche Freizeitaktivist mitgemischt hat, aber nur eines von vielen.


    Was den Überzeugungstäter Renz an seinem „Sonnenfleck“ aber letztlich doch störte, war die Pro-Kopf-Mindestbeteiligung von 50.000 Euro. Die Menschen, die in seine Vorträge strömten, hatten nicht so viel Geld. Auf einer Solarmesse in Freiburg sprach er deshalb Burghard Flieger an, einen ausgewiesenen Experten für Genossenschaften, der auch Qualifizierungsseminare für Gründungswillige anbietet. Zusammen erarbeiteten Renz und Flieger ein Genossenschaftsmodell, bei dem Engagierte sich schon mit 100 Euro beteiligen konnten. „100 Euro hat fast jeder, und wer einmal in ein Solardach investiert hat, bleibt der Branche treu“, so die Erfahrung von Renz. Anfang 2005 gründeten die beiden mit weiteren elf Mitstreitern die Solar-Bürger-Genossenschaft. Zu Beginn des Jahres 2012 hat die Genossenschaft 120 Mitglieder, die mehr als 800 Anteile zu je 100 Euro halten. Auch Prominente sind darunter, etwa der Kabarettist Arnulf Rating. „Den hab’ ich nach einem Auftritt bei uns in der Gegend drei Stunden lang vollgeflüstert“, lacht der „Sonnenflüsterer“.


    Die Solargeno, wie sie abgekürzt heißt, war die dritte deutsche Bürgersolargenossenschaft überhaupt und die erste bundesweit aktive. Sie löste einen wahren Gründerboom aus. Seit 2008 vermehren sich „Genos“ rasant, Ende 2011 waren es rund 300, davon allein in Baden-Württemberg 45. Und 2012, glaubt Solargeno-Vorstandsmitglied Burghard Flieger, werden es noch mehr. Schließlich ist 2012 das von der UNO ausgerufene Internationale Jahr der Genossenschaften – 150 Jahre, nachdem Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch dieses Modell der Solidarökonomie in Deutschland eingeführt haben. Also, trotz der FDP-verursachten Kürzung der Solarstromförderung: Noch mehr Solarmodule auf noch mehr Dächern werden noch mehr Genossen und Genossinnen erfreuen.


    Ganz einfach war der Weg auch für die Solargeno nicht, bei ihren Projekten gab es immer wieder technisch oder organisatorisch bedingte Verzögerungen. Doch eine besondere Eigenschaft von Genossenschaften verhilft ihnen in der Regel zu Erfolg: Sie können neue Standorte erschließen, an die Einzelpersonen oder Unternehmen nicht herankommen. Gerade in ländlichen Regionen finden sich jede Menge Speicher, kommunale Gebäude, Supermärkte oder Kirchen, die „eins aufs Dach“ verdienen. Dachbesitzer können die Flächen gratis vergeben oder vermieten, wenn sie sich nicht selbst engagieren möchten.


    Auch die Freiburger Solar-Bürger-Genossenschaft hat nunmehr drei Anlagen auf Großdächern in unterschiedlichen Regionen am Laufen: eine auf dem Feuerwehrhaus von Bürstadt, eine auf der Christoph-Graupner-Schule in Darmstadt und seit Ende 2011 die größte und neueste auf dem Werk von Gummi-Mayer im pfälzischen Landau, die mehr als eine halbe Million Kilowattstunden pro Jahr ins Netz einspeisen wird. „Ich bin beseelt von diesem Projekt“, bekannte Dachbesitzer Mayer bei der Anlageneinweihung und wünschte sich „Sonnenschein in den Seelen aller Beteiligten“. Mit diesem dritten Projekt konnte die Solargeno ihre Stromproduktion immerhin verzehnfachen, und weitere Solardächer sowie gemeinschaftlich betriebene Blockheizkraftwerke in Freiburg und Umgebung sind laut Burghard Flieger in Vorbereitung.


    Jeden Morgen geht die Sonne auf, und wenn die Solardächer einmal arbeiten, werfen sie jährlich rund vier bis sechs Prozent Rendite ab – auf 20 Jahre Laufzeit gerechnet. Das erste Ziel der Solargeno aber ist nicht die Rendite, sondern, so die Satzung, „eine Demokratisierung der Energiewirtschaft und die Förderung der Energiewende hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung mit Bürgerbeteiligung“. Nicht Offshore-Windkraft und das Sahara-Mammutprojekt Desertec, sondern nur die dezentralen erneuerbaren Energien ermöglichten den nötigen „Systemwechsel“, heißt es ergänzend auf der Webseite. „Man muss sie nicht suchen, freilegen und ausgraben, dann an einen zentralen Ort bringen, um sie wieder zu verteilen, sondern kann sie unmittelbar dort gewinnen, wo sie gebraucht werden.“ Überall, auf dem kleinsten Dach, kann man Sonne ernten.


    Allerdings verstößt die Solargeno in einem Punkt gegen das strikt regionale „Kirchturmprinzip“ des Genossenschaftserfinders Raiffeisen. Sie verstehe sich „auch als Dachorganisation für Projekte von lokalen Gruppen, die vor Ort ihre eigene Anlage realisieren wollen, ohne dafür selbst den Weg der Genossenschaftsgründung zu gehen“, heißt es in der Satzung. Wenn eine Bürgerinitiative nur ein einziges Solarprojekt realisieren wolle und den bürokratischen Aufwand scheue, dann sei sie bei der Solargeno richtig, erläutert Erhard Renz. Auch Beratung, Qualifizierung und Vernetzung seien bei ihnen zu bekommen, ergänzt Burghard Flieger. Ein Dach für alle Dächer gewissermaßen. Vielleicht irgendwann noch ein Weltrekord?

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.solargeno.de

    www.energiegenossenschaften-gruenden.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 66-schweizerische-bundesbahnen

    Volkswaggon

    In der Schweiz ergeht es Bahnreisenden besser als anderswo. Und das nicht nur, weil in dortigen Zügen die Angestellten freundlich „Grüezi“ sagen und der Kaffee schmeckt.

    Die Bahn ein Traum

    In der Schweiz ergeht es Bahnreisenden besser als anderswo. Und das nicht nur, weil in dortigen Zügen die Angestellten freundlich „Grüezi“ sagen und der Kaffee schmeckt.

    Preisfrage: Welche europäische Kulturhauptstadt erlaubt es sich, ihren städtischen Straßenbahnverkehr nach 22 Uhr ruhen zu lassen? Die Antwort ist einfach: die verkehrstechnisch höchst innovative Ruhrmetropole Essen. Dort gilt öffentlicher Nahverkehr ohnedies als Resttransportmittel für die, die sich kein Auto leisten können. Radfahren ist ebenfalls tödlich. Auf die Frage, wie das denn alles komme, sagte mir einmal eine ehemalige Verkehrsdezernentin, es handele sich um ein mentalitätsgeschichtliches Phänomen, das auf die 1950er-Jahre zurückgehe: auch der deutsche Arbeiter habe ein Anrecht auf ein Auto und auf dessen bedingungslosen Einsatz. Deshalb holt man im Ruhrgebiet auch heute noch die Zigaretten mit dem Auto, niemals anders. Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel: reserviert für Loser.


    Nächste Preisfrage: In welcher europäischen Hauptstadt hat knapp die Hälfte der Haushalte kein eigenes Auto mehr? Die Antwort ist Bern, Hauptstadt der Schweiz. In diesem Land legen die Einwohner pro Kopf mehr als doppelt so viele Kilometer mit der Bahn zurück als beispielsweise in Deutschland. Warum? Weil jede größere Stadt im Halbstundentakt, manche sogar im Viertelstundentakt erreicht wird. Weil man bis ins letzte Dorf Anschluss hat. Weil die Züge pünktlich sind. Weil der Verbund mit anderen öffentlichen Verkehrsmitteln funktioniert. Die Zeitschrift des Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat einmal den Brief eines deutschen Schweizurlaubers abgedruckt, der fassungslos berichtete, dass man mit dem Bus aus Luzern, der um 16.18 Uhr in Weggis eintrifft, das Schiff um 16.19 Uhr erwischt. Das stimmt. Ich habe es ausprobiert, als mein sinnloses Auto in Luzern in der Werkstatt stand. Ein anderer Leser berichtet, dass ein schweizerischer Busfahrer bei einer zweiminütigen Verspätung den Anschlusszug angerufen habe, der dann – selbstverständlich – auf die Passagiere des Busses gewartet habe.


    Treibt einem so etwas als Nutzer der Deutschen Bahn (DB) schon die Tränen der Rührung in die Augen, dann haut einen das Studium der Prospekte der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) regelrecht um: das General-Abo, das der hiesigen BahnCard 100 entspricht, aber erheblich günstiger ist und Ermäßigungen zum Beispiel für junge Menschen bis 25 Jahre genauso vorsieht wie für Studierende oder Behinderte, kann man, wenn man es eine Weile nicht braucht, am Schalter hinterlegen, wo man die entsprechenden Wochen auf die Laufzeit angerechnet bekommt. Problemlos wird eine Ersatzkarte ausgestellt, falls man sein Ticket mal vergessen hat (Tipp für Verwegene: Versuchen Sie das mal beim DB-Service). Man bekommt auch ein General-Abo für seinen Lumpi, klassenlos. Ich zitiere aus dem SBB-Prospekt: „Das Hunde-GA trägt keinen Klassenvermerk und ist sowohl in der 2. Klasse wie auch in der 1. Klasse gültig.“


    Man kann sein Fahrrad an jedem Schweizer Bahnhof abgeben und am übernächsten Tag dort abholen, wo man es haben möchte. Man kann es auch selbst mitnehmen. Man erhält dafür eine geeignete Transporttasche am Gepäckschalter. So kostenlos wie die Mitnahme selbst. Für Phasen erhöhten Fahrgastaufkommens haben die Bahntechniker Modulwagen entwickelt, die ohne Komplikationen an die Züge angehängt oder ihnen sogar vorgespannt werden können – die Deutsche Bahn schmeißt Fahrgäste aus dem Zug, wenn der überfüllt ist. Noch mehr? Ein Halbtax-Abo, das der BahnCard 50 der DB entspricht, aber neben den SBB-Zügen die meisten Bergbahnen, Schifffahrtslinien und Busse einschließt, kostet für drei Jahre weniger als die deutsche Karte für ein Jahr. Habe ich schon erwähnt, dass die Züge alle pünktlich fahren? Sauber sind? Freundliches Personal haben? Guten Kaffee servieren?


    Was heißt das alles? Die Schweizer Bahn ist ein Lifestyle-Produkt. Die Kultur des öffentlichen Transports ist in der Schweiz so chic wie andernorts das SUV (von denen es in der Schweiz, freilich, immer noch zu viele gibt). Die Hälfte der knapp 8 Millionen Einwohner der Schweiz besitzt ein Bahn-Abo; davon fahren 2,4 Millionen mit dem Halbtax-Abo, fast eine halbe Million sind sogar General-Abonnenten. Auch wenn es in der Schweiz schneit, und das tut es mitunter, fahren die Züge und Busse. Niemand braucht die Umständlichkeiten der Parkplatzsuche, des Vignettenkaufs, des Tankens usw. in Kauf zu nehmen, um von A nach B zu kommen. Kurz: Die Schweizer Bahn zeigt, wie ein Land funktioniert, in dem der öffentliche Verkehr kein ungeliebtes Add-on zum Auto ist – sondern angenehm, komfortabel, nachhaltig. Die Schweizer Bahn möchte übrigens nicht an die Börse. Was soll sie da auch? Ihre Aufgabe sieht sie in der möglichst zuverlässigen Bereitstellung von demokratischer Mobilität. Eine höchst zukunftsfähige Auffassung vom Stakeholder-Value.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.sbb.ch

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 67-zuericher-verkehr

    Bremser

    In Zürich werden Autos systematisch ausgebremst, Busse und Bahnen haben eingebaute Vorfahrt. Das verdanken die Züricher hauptsächlich dem früheren Autonarr Ruedi Aeschbacher.

    Bitte alle umsteigen: vom Alfa Romeo auf die Straßenbahn

    In Zürich werden Autos systematisch ausgebremst, Busse und Bahnen haben eingebaute Vorfahrt. Das verdanken die Züricher hauptsächlich dem früheren Autonarr Ruedi Aeschbacher.

    Dass Ruedi Aeschbacher zu Zürichs Autofeind Nummer eins werden würde, war lange Zeit nicht absehbar. In der Schulzeit hatte der Eisenbahnersohn seine Klassenkameraden oft beneidet, wenn sie montags von Ausflügen im Familienwagen berichteten. Er war begeistert, als sein Schwiegervater ihm und seiner Frau kurz nach der Hochzeit einen VW schenkte, und später, als junger Staatsanwalt, leistete er sich ein rotes Alfa-Romeo-Cabriolet. Das sei wirklich „wunderschön“ gewesen, sagt der 70-Jährige und lächelt dabei fast ein bisschen verlegen, als hätte er gerade über seinen ersten Kuss berichtet. Als er dann 1978 erstmals als Stadtrat kandidierte, stand ein erlesener Fuhrpark vor dem Aeschbacherschen Haus: zwei Ferrari, der rote Alfa Romeo, der VW sowie ein Pferdetransporter seiner Frau.


    Als Vertreter der bürgerlich-konservativen Evangelischen Volkspartei ergatterte er 1978 einen der neun Sitze im Stadtrat und wurde Leiter des Züricher Bauamts. Nun war er zuständig für Stadtplanung und Straßenbau in der größten Stadt der Schweiz. „Damals hatte ich noch einen totalen Frontscheibenblick“, beschreibt sich der Mann selbst. Er wetterte gegen polizeiliche Vorgaben, die die Autofahrer zu Umwegen zwangen, damit die Straßenbahnschienen an einer Kreuzung nicht mehr dauernd blockiert würden. „Wenn ich lese, was ich damals in einem Interview gesagt habe, werde ich heute noch rot“, sagt der Mann mit dem dichten, nur leicht ergrauten Haar – und wieder ist da dieses zarte Lächeln, das zeigt, dass das jetzt ganz ernst gemeint ist.


    Und dann hat sich seine Wahrnehmung grundlegend geändert: „Es waren die Probleme, mit denen ich konfrontiert wurde.“ Seit den 1970er-Jahren floss der Verkehr in Zürich nur noch zäh, die Luft war schlecht, und wenn morgens und am Nachmittag Blech an Blech stand, suchten sich viele Pendler Schleichwege durch die Wohnquartiere: „Die frästen dann durch die engen Straßen, und die Leute hatten Angst, ihre Kinder weiter draußen spielen zu lassen.“ Laufend standen jetzt Delegationen von Anwohnern bei ihm im Amtszimmer und forderten Taten. Die ersten versuchte Aeschbacher noch zu beruhigen, und er ermahnte die Eltern, gut auf ihren Nachwuchs aufzupassen.


    Doch die Leute aus einer Genossenschaftssiedlung ließen sich nicht so leicht abspeisen. Der Lärm sei unerträglich, berichteten sie – und als Aeschbacher abwiegelte, lud ihn eine Frau ein, eine Nacht in ihrer Wohnung an der Weststraße zu verbringen. Nur zwischen zwei und vier Uhr fand der Stadtrat Schlaf, obwohl das Fenster geschlossen war. „Das hat mir damals einen Kick gegeben“, berichtet Aeschbacher; schließlich kannte er die Straße selbst gut, aus Kindertagen, in denen er noch auf der Fahrbahn Ball gespielt hatte. Hinzu kam, dass sich auch seine Frau nicht mehr traute, den eigenen Nachwuchs unbegleitet auf die Straße zu schicken.


    Eineinhalb Jahre war Aeschbacher im Amt, als er seine Kehrtwende vollzog. „Ich hab da angefangen, wo die Not am größten war: in den lauten Stadtquartieren.“ In Delft und anderen holländischen Städten studierte er, wie man durch kleine Erhebungen und Bäume den Verkehrsfluss verlangsamt und Straßen durch bauliche Maßnahmen als Schleichwege unattraktiv macht. „Schwellenruedi“ tauften ihn die Zeitungen damals. Schnell wurde deutlich, dass die zunächst geplanten 500 Meter Verkehrsschwellen pro Jahr lächerlich wenig waren angesichts von 600 Kilometern Wohnstraßen. Zudem standen jetzt die Anwohner der Durchgangsstraßen bei Aeschbacher auf der Matte und protestierten, dass sie nun noch stärker belastet würden. Damit war klar: Abhilfe konnte nur eine Reduzierung des Autoverkehrs insgesamt bringen.


    Der Ausbau von Bus- und Bahnverkehr fand genau wie die Bevorzugung von Radfahrern und Fußgängern allgemeine Zustimmung. Dagegen stieß sein Plan, die Zahl der Parkplätze drastisch zu reduzieren, auf erbitterten Widerstand. „Bis zum Bundesgericht wurde darüber in mehreren Fällen gestritten. Das war sehr mühsam“, erzählt Aeschbacher. Immerhin 5.000 der 60.000 öffentlichen Parkplätze Zürichs wurden in seiner Amtszeit bis 1994 abgebaut; heute existieren auf öffentlichem Gelände schätzungsweise nur noch 40.000. Viele der frei gewordenen Flächen wurden in Straßencafés oder Fahrradstationen umgewandelt; der Röntgenplatz, über den früher täglich 25.000 Fahrzeuge rauschten, gehört heute komplett Fußgängern, Radlern und spielenden Kindern.


    Auch die Entscheidung, den öffentlichen Verkehrsmitteln eine grüne Welle zu verschaffen, während Pendler laufend rot sehen – technisch gelöst über Induktionsschleifen einige hundert Meter vor den Ampeln – war nicht leicht durchzusetzen. Zürichs Polizeipräsident protestierte: Der Autoverkehr sei nun mal da und müsse so problemlos wie möglich durch die Stadt geleitet werden. Doch Aeschbacher ließ sich nicht mehr bremsen. Er veranlasste eine massive Reduzierung der Auto-Fahrstreifen zugunsten von Straßenbahnschienen. Die Bürgersteige an den Haltestellen wurden so weit in den Straßenraum hineingebaut, dass Autos an haltenden Bussen und Trams heute nicht mehr vorbeikommen. So können sich die Nutzer des öffentlichen Verkehrs beim Aus- und Einsteigen sicher fühlen. Und die Erfahrung machen, dass sie ständig vorneweg fahren und schneller ankommen. Außerdem liegt mittlerweile jede Wohnung und jedes Büro im Stadtgebiet maximal 300 Meter von der nächsten Haltestelle entfernt. Weil Busse, Straßen- und S-Bahnen darüber hinaus bestens vertaktet sind und eine automatische Standortbestimmung alle 14 Sekunden die genaue Lage jedes Fahrzeugs überprüft, ist der öffentliche Verkehr in Zürich sensationell pünktlich.


    Nur jeder zweite Haushalt in Zürich besitzt heute noch ein Auto. Die Zahl der Bus- und Bahnpassagiere steigt und steigt, die gesamte Stadtverwaltung kommt mit dem Rad, zu Fuß oder per Straßenbahn zur Arbeit. Auch für Banker ist es selbstverständlich, öffentlich zu fahren. Nach langen Konflikten erlaubt es die konservative Kantonsregierung nun, dass Wohnungsbaugenossenschaften in Zürich Häuser ohne Autostellplätze bauen.


    Aeschbacher wohnt inzwischen außerhalb der Innenstadt – und braucht doch nur 20 Minuten für die 22 Kilometer in die City. „Im Auto wäre ich eine Dreiviertelstunde unterwegs.“ Auch nachts und an den Wochenenden ist das Angebot gut. So hat der frühere Bauamtsleiter 1996 sein letztes Auto verkauft – und für das Geld einen schönen Teppich erstanden. Zwei Jahre lang hat er noch das Auto eines Nachbarn mitbenutzt. Dann hat er den Schlüssel zurückgegeben.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012
    www.zuerich.ch

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 68-beeta

    Antiallergikum

    Ilona Parsch hat im mecklenburgischen Sanitz so lange herumexperimentiert, bis ein Öko-Reinigungsmittel aus Rote-Bete-Saft herauskam.

    Flecken weg mit Roter Bete

    Ilona Parsch hat im mecklenburgischen Sanitz so lange herumexperimentiert, bis ein Öko-Reinigungsmittel aus Rote-Bete-Saft herauskam.

    Ilona Parsch ist mit einer besonderen Gabe gesegnet: Sie hat fast immer das Gefühl, Glück zu haben. Schwierigkeiten erscheinen der 57-Jährigen wie Sprungbretter – hin zu einem noch besseren Leben. Tatsächlich hat sie einen erstaunlichen Weg hinter sich: Von der Angestellten in einem Tante-Emma-Laden zur erfolgreichen Unternehmerin und Inhaberin eines europäischen Patents.


    Ilona Parsch ist eine optimistische Frau, die nicht nur gerne redet, sondern ebenso gerne zupackt. Auch zu DDR-Zeiten, als Verkäuferin in einem Dorf-Konsum, war die kräftige Frau mit dem kaum zu bändigenden, blonden Lockenschopf durchaus zufrieden: Sie schwatzte gern mit den Kunden, und die Herrschaft über das kleine Sortiment machte ihr Spaß. Nur als der Ofen in dem Geschäft einmal so stark rußte, dass sie den offen liegenden Käse nicht mehr anbieten wollte, bekam sie eine Verwarnung. Sonst aber fühlte sie sich wohl in der Abgeschiedenheit des mecklenburgischen Dörfchens Sanitz.


    Als dann die Mauer fiel, saß sie gerade mit ihrem neugeborenen zweiten Sohn zu Hause. Kurz danach war der Tante-Emma-Laden abgewickelt, und auch ihr Ehemann war verschwunden. „Er nahm den Trabbi, ich behielt die Schwalbe (Motorroller, Anm. d. Red)“, berichtet Parsch ohne Groll. Das Arbeitsamt schickte die alleinerziehende Mutter zu einem Lehrgang. „Und dann hatte ich Glück: Eine Reinigungsfirma aus Bayern suchte Leute in Rostock.“ Jetzt war sie verantwortlich für einen kleinen Trupp, der mehrere Supermärkte putzte. Die Arbeit gefiel ihr – nur die scharfen Reinigungsmittel machten ihr zu schaffen; die Augen brannten ihr häufig, und im Gesicht bekam sie rote Flecken.


    Bald darauf verschwand jedoch die Ladenkette, und wenig später zog sich auch die bayrische Putzfirma aus Mecklenburg zurück. Arbeitslos aber wollte Ilona Parsch auf keinen Fall werden. „Ich hatte Glück: Mehrere der neuen Kunden sagten, dass ich gerne bei ihnen weitermachen könnte.“ Sie überlegte nicht lange, gründete ihr eigenes Geschäft und stellte ein paar ihrer Kolleginnen an. Eine Weile lang ging das gut, dann aber meldete sich die Industrie- und Handelskammer. „Reinigung nach Hausfrauenart“ sei kein Dauerzustand; wenn sie ihr Unternehmen längerfristig betreiben wolle, brauche sie einen Meistertitel im Gebäudereinigerhandwerk, beschied man ihr. Eineinhalb Jahre lang besuchte Ilona Parsch an den Wochenenden die Meisterkurse, in der Woche putzte sie und organisierte den Betrieb – und zu Hause hatte sie ja auch noch zwei Kinder zu versorgen. Und da kommt er wieder, der Hinweis auf das Schicksal, das es doch offenbar gut mit ihr meinte: „Zu meinem Glück hatte ich eine Nachbarin, die mich kräftig unterstützt hat.“


    Als einzige Frau saß Ilona Parsch in der Meisterklasse. Immer wieder forderte sie von ihrem Dozenten Informationen über sanftere Chemikalien. „In unserem Bereich haben ja fast alle mit Allergien zu tun. Die Männer aber haben mich nur belächelt.“ Auch der Lehrer winkte ab. „Für den gab es nur die chemische Keule. Ohne Oxalsäure aus der Chemiefabrik geht der Dreck nicht ab, hat er immer gesagt“, berichtet Parsch. Das aber mochte sie nicht glauben. Und so begann sie, in ihrem Betrieb zu experimentieren – zunächst mit Essig, was aber nicht die gewünschten Ergebnisse brachte.


    Kurz nachdem sie ihre Fachurkunde hatte, wurde der Meisterzwang im Reinigungsgewerbe abgeschafft. „Ich bin trotzdem froh, dass ich das damals gemacht habe; ich hab da ja viel gelernt“, bilanziert Ilona Parsch. Ausgestattet mit chemischen Kenntnissen machte sie sich auf die Suche nach Alternativen zu synthetischen Putzmitteln, die nicht nur bei ihr, sondern auch bei vielen Berufskolleginnen Allergien verursachten. Sie besorgte sich alte Pflanzenbücher und entdeckte dabei einen natürlichen Produzenten jener Oxalsäure, die ihr Dozent so hoch gelobt hatte: Rhabarber.

     

    „Zum Glück“ gab es an der Universität Rostock ein Patentinformationszentrum – und „zum Glück“ saßen dort Menschen, die sich mit Computern auskannten. Die fanden schnell heraus, dass in einem Putzmittel aus dem Hause Henkel auch ein bisschen Rhabarber steckt. Mit einem Großkonzern aber wollte sich Parsch auf keinen Fall anlegen – und so suchte sie weiter.


    Die Küche in ihrem liebevoll gestalteten Häuschen wurde zum Labor. Wenn ihre Söhne aus der Schule kamen, trafen sie ihre Mutter häufig an, wie sie Pflanzenstengel, -blätter und -knollen zerrieb, zerstampfte, presste oder pürierte. Ilona Parsch fand heraus, dass Zuckerrübenblätter zwar sehr viel Oxalsäure enthalten, die daraus gewonnene Flüssigkeit aber oxidiert und schwarz wird. Dagegen verliert der Saft von Rote Bete seine intensive Farbe, wenn er eine Weile im Licht steht, und sieht dann aus wie Roséwein. Auch die Putztests mit dem Pflanzensekret verliefen gut: Backbleche ließen sich mit ein paar Spritzern im Wasser fast mühelos reinigen, ebenso wie Toilettenschüsseln oder angelaufene Metallgegenstände. Haut- und Augenreizungen stellte Parsch dagegen nicht fest. Sie ergänzte noch einige weitere pflanzliche Substanzen – und machte sich dann wieder auf den Weg zum Patentinformationszentrum. Bei ihren Recherchen trafen die Mitarbeiter auf kein geschütztes Produkt, in dem rote Rüben eine Rolle spielten – und so meldete Ilona Parsch selbst Schutz für ihre Erfindung an. Ein europäisches Patent durchzusetzen aber ist teuer. „Ich hatte Glück: Ich habe die Hälfte als Förderung vom Land bekommen.“


    Zunächst putzten nur sie und ihre Kollegen, wie sie ihre Angestellten nach wie vor nennt, mit beeta. 100 bis 200 Liter Saft brauchte sie dafür jährlich. Die Knollen baute ein Bauer für sie an, sie selbst rührte dann alles mit der Hand zusammen. Manche Kunden waren begeistert über den Ökoputzbetrieb, anderen war das egal. „Hauptsache, es ist anschließend sauber, haben die Forschungseinrichtungen an der Uni gesagt“, berichtet Parsch.


    Derweil studierte ihr älterer Sohn Wirtschaftsingenieurwesen und erzählte allerorts von der Erfindung seiner Mutter, nicht ohne Stolz. Professoren und Reporter kamen auf Ilona Parsch zu, sie wurde sogar zu Vorträgen eingeladen. „Ich hatte totales Lampenfieber, hab’ einen ganzen Stapel Zettel vollgeschrieben“, erinnert sie sich. Das ist inzwischen längst verflogen: Wenn sie heute vor Küchenchefs oder in Hauswirtschaftsschulen spricht, redet sie frei.


    Nach einem Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt, das die Ursprungsrezeptur noch einmal verfeinerte, wagte ihr Sohn die Ausgründung eines Betriebs. Der stellt neben dem Allzweckreiniger inzwischen auch Spül- und Waschmittel, Holzreiniger und Handseife aus Rote-Bete-Saft her und verkauft die Produkte über Kataloge, bei Manufactum und in Bioläden.


    Seine Mutter leitet derweil weiter ihren Reinigungsbetrieb mit zwei Dutzend Angestellten. Häufig wird sie inzwischen persönlich angerufen, wenn jemand einen hartnäckigen Fleck entdeckt hat, zum Beispiel auf einem Polster. Sie kennt alle Tricks – und es macht ihr Spaß herauszufinden, wie sie die Verschmutzung ganz ohne Rand wegkriegt. „Ich hab’ Glück gehabt: Meine Arbeit ist mein Hobby geworden“, bilanziert Ilona Parsch – und lacht.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.beeta.eu

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 69-rolf-disch

    Baumeister

    Der Architekt Rolf Disch baute vor über zehn Jahren Freiburgs erste Plusenergie-Siedlung. Heute denkt er über die Stadt der Zukunft nach.

    Häuser zu Kraftwerken!

    Der Architekt Rolf Disch baute vor über zehn Jahren Freiburgs erste Plusenergie-Siedlung. Heute denkt er über die Stadt der Zukunft nach.

    Die bunte Siedlung in Freiburgs Rosa-Luxemburg-Straße erzeugt mehr Energie als ihre Bewohner verbrauchen. „Mein Körper und die Tasse Kaffee reichen völlig aus, um das ganze Haus zu wärmen“, sagt der pensionierte Grund- und Hauptschullehrer Wolfgang Schnürer und freut sich diebisch, wenn seine Besucher ihn für ein bisschen verrückt halten.

     

    Sein Wohnzimmer mit der riesigen, dreifach verglasten Fensterfront ist exakt nach Süden ausgerichtet; der Dachüberstand sorgt dafür, dass die hochstehende brütende Sommersonne abgeschirmt, die spärlichere Wintersonne hingegen voll genutzt wird. Durch ein unscheinbares Rohr strömt permanent frische Luft hinein, die dank eines Wärmetauschers fast die gleiche Temperatur hat wie der Innenraum. Doch selbstverständlich können Schnürer und seine Frau bei Bedarf auch die Fenster öffnen. Weil das Dach mit Photovoltaikmodulen gepflastert ist, erzeugt das Haus 36 Kilowattstunden Energie pro Quadratmeter und Jahr – mehr als dort fürs Heizen, Duschen, Kochen, Fernsehen und Internetsurfen verbraucht werden, wie das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie vor kurzem in einer Studie bestätigt hat. „Im Sommer werden wir fürs Wohnen bezahlt“, sagt Schnürer und grinst: „Ich guck’ jetzt lächelnd zu, wie der Ölpreis steigt.“

     

    Gebaut hat die Solarsiedlung vor über zehn Jahren der Architekt Rolf Disch – ein unprätentiöser Mann von mittlerweile Anfang Sechzig, der einst als Maurer und Schreiner anfing und in seiner Jugend gegen das geplante Atomkraftwerk bei Wyhl auf die Straße ging. „Wir haben damals immer gesagt: Wir können nicht nur dagegen sein, sondern müssen auch sagen, wofür wir sind.“ Disch begann, Solarmobile zu konstruieren, und gewann in einer dieser 20 Kisten bei der ersten Australiendurchquerung 1987 sogar den Weltmeistertitel. Dann aber konzentrierte er sich auf Architektur – schließlich hatte er inzwischen Bautechnik studiert.

     

    Das Heliotrop war sein erstes Meisterwerk – ein Versuchsgebäude, an dem er Anfang der 1990er-Jahre viele verschiedene Techniken ausprobiert hat und in dem er zusammen mit seiner Frau lebt. Der dreistöckige, überwiegend gläserne Turm steht nicht weit von der Solarsiedlung entfernt am Waldrand auf einem schmalen drehbaren Sockel. Das Haus kann sich so an kalten Tagen zur Sonne ausrichten, um viel Licht und Wärme durch die Spezialverglasung zu lassen. An heißen Sommertagen kehrt es dem Feuerball den Rücken, und es bleibt angenehm kühl im Inneren. Auch sonst ist der zylindrische Bau sehr umweltfreundlich: In den Rohren der Balkonbrüstung wird warmes Wasser erzeugt, die Waschmaschine nutzt Regenwasser, und es gibt ein Kompostklo sowie eine Schilfkläranlage fürs Abwasser.

     

    Als Rolf Disch Ende der 1990er-Jahre dann die Freiburger Plusenergie-Siedlung plante, traf er auf wenig Zustimmung. „Die gesamte Immobilienbranche Freiburgs sagte, das könne nicht funktionieren.“ Auch die Banken winkten ab. Passivhäuser galten damals als das Nonplusultra – ein Gebäude mit weniger als zehn Kilowattstunden Verbrauch pro Quadratmeter und Jahr als Wolkenkuckucksheim. So war es für Rolf Disch äußerst schwierig, das nötige Geld zusammenzubekommen. Schließlich begeisterte sich ein privater Investor für die Idee. Selbst als der erste Bauabschnitt stand und die Bewohner sich hochzufrieden äußerten, hielt der Widerstand an. Konventionelle Bauträger bekamen den Zuschlag für das Gelände nebenan, auf dem Disch die Siedlung gerne erweitert hätte.

     

    Ein Zitat von Arthur Schopenhauer scheint ihm besonders treffend, wenn er seine Erfahrung beschreiben soll. „Neue Ideen durchlaufen drei Phasen: Anfangs werden sie belächelt, später bekämpft, und irgendwann sind sie selbstverständlich.“ Der da so gelassen spricht, strahlt die Überzeugung aus, dass die zweite Phase schon weitgehend hinter ihm liegt und seine Position sowieso bald überall zur Normalität geworden sein wird.

     

    Doch Disch geht es um mehr als um die Errichtung von ein paar Vorbildhäusern: Auch der gesamte Wohnungsbestand müsse saniert werden. Vor kurzem hat er in Frankreich ein mittelalterliches Gebäude zum Plusenergie-Haus umgebaut. Und selbstverständlich gehört für Disch, der vorwiegend mit Fahrrad und Bahn unterwegs ist und sich nicht erinnern kann, wann er zuletzt geflogen ist, auch eine nachhaltige Mobilität zur Architekturplanung. Ein Kernelement ist für ihn die gemeinsame Nutzung von Autos. Deshalb sind die Carsharing-Parkplätze für einen Bewohner der Solarsiedlung auch einfacher zu erreichen als der eigene Wagen.

     

    Vor Rolf Dischs innerem Auge existiert sie schon – die Stadt der Zukunft: Weil es viel weniger Privat-PKWs gibt, können Straßen und Parkplatzflächen rückgebaut werden. Zudem wird es auch deshalb deutlich leiser, weil Elektroautos kaum Geräusche machen. „Die Städte werden traumhaft“, prognostiziert Disch. Und doch – er ist auch ungeduldig. Im November 2010 hat er ein Manifest veröffentlicht: „Der Klimawandel muss eingedämmt werden, die fossil-nuklearen Ressourcen laufen aus. Und was machen wir? Wir veranstalten Kongresse. In Kioto, Kopenhagen und Cancún. ... Die Weltvernunft ist verrannt in Negationen: Verbote, Reduktionen, Strafzahlungen. ... Lasst uns nicht das Alte langsam eindämmen, sondern das Neue aufbauen ... Häuser zu Kraftwerken!“

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.rolfdisch.de

    www.solarsiedlung.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 167-nexthamburg

    Claim your City

    Sie zeigen, wie Bürger ihre Stadt gestalten würden, wenn man sie denn ließe: Nexthamburg ist ein Labor für Ideen zum Wandel der Hansestadt.

    Hanseatische Schwarmintelligenz

    Sie zeigen, wie Bürger ihre Stadt gestalten würden, wenn man sie denn ließe: Nexthamburg ist ein Labor für Ideen zum Wandel der Hansestadt.

    Auf den großen Spanplatten, die zusammengesetzt einen Plan der inneren Stadt Hamburg darstellen, sind vielfältig und bunt die erstaunlichsten Entwürfe zur Entwicklung von Flächen, Gebäudekomplexen, Straßenzügen zu sehen – von der Alster bis zum Wall, vom Michel bis zum Fernsehturm. Die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der dritten Planungsrunde von Nexthamburg sind selbst beeindruckt, was sie in kleinen, wechselnden Teams aller Altersgruppen auf die Beine gestellt haben. In der Katharinenkirche, dem Veranstaltungsort, wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, und obwohl keiner einen „Plan“ hat, entsteht eine Dynamik, die alle zum Ziel bringt: zu Visionen für Hamburg. Die Teilnehmenden kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft, sind Bewohner mit Lust zur Gestaltung ihrer Stadt. Frei von politischen Vorgaben entwickeln Hamburgerinnen und Hamburger in den Planungssitzungen und in „Zukunftscamps“ von Nexthamburg ein eigenes Konzept für die Hamburger Innenstadt oder Bürgervisionen für die nächsten Jahrzehnte.

     

    Seit der Prozess der Gentrifizierung begehrte Viertel der Innenstadt zwar „aufwertet“, gleichzeitig aber auch in ihrer kulturellen Identität bedroht, und seit viele Bewohner wegen der gestiegenen Mieten ihre Kieze verlassen müssen, regt sich in der Bevölkerung enormer Widerstand gegen die Bauvorhaben der Behörden. Doch nur mit Dagegensein lässt sich kein Betonkopf aufhalten oder überzeugen. Den Bewohnern solcher von Gentrifizierung betroffener Viertel war schnell klar, dass man Vertreter unterschiedlicher Interessen miteinander ins Gespräch bringen müsse. Im Dialog gäbe es womöglich mehr Raum für Kreativität; wechselseitiges Entgegenkommen könnte das nüchterne Feilschen um Kostenfaktoren ablösen.

     

    Hier sahen auch Stadtplaner Julian Petrin und Softwareexperte Rajiv Patwardhan Handlungsbedarf. Sie gründeten im April 2009 mit einem Team von Raumplanerinnen, Projektmanagern, Ökonominnen und vielen anderen Unterstützern Nexthamburg, ein unabhängiges Crowdsourcing-Projekt. Auf der Internetseite des Projekts können sich Interessierte kostenlos anmelden, anstehende „Aufgaben“ für Hamburg durchforsten, „Lösungen“ vorschlagen, in ihrem persönlichen Szenario Nexthamburg eine Reihe von „Lösungen“ zu einer umfassenden Vision für die Stadt kombinieren oder die Zukunftsvorstellungen anderer Hamburger kommentieren. Ziel ist es, so einen realen Planungsprozess auszulösen. Bisher wurden auf der Online-Plattform zu 24 „Aufgaben“ an die 600 „Lösungen“ und 130 Nexthamburg-Visionen formuliert. Unter den mit Voten höchst dotierten Ideen befinden sich ein Monte Altona auf dem alten Gleisfeld mit Wohnhäusern, eine stromerzeugende Joggingstrecke rund um die Alster oder ein Bauernhof auf einem ehemaligen Hochbunker.

     

    So beweist die Nexthamburg-Community, die mittlerweile über 5.000 aktive Mitglieder zählt, dass Veränderungsvorschläge nicht immer ein riesiges Budget brauchen. Doch nur die Stadtverwaltung hat die Mittel, die Gestaltung und Umsetzung der Vorschläge zu ermöglichen. Doch kann und will die Stadt etwas von den neuen Ideen umsetzen? Bisher können die Macherinnen und Macher des Projekts nur versprechen, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass die Ideen bei Verwaltung und Politik gehört werden.

     

    Eine freie Ideenschmiede wie Nexthamburg zeigt, welche Formen die Bürgerbeteiligung in Zukunft einmal annehmen könnte. Dabei ist es wichtig, den Stimmen der Bürger-Planerinnen und -Planer Gewicht zu verleihen. Ihre vielfältigen ökologischen, ergonomischen, ästhetischen und baulichen Lösungen sollen nun wissenschaftlich auf Nachhaltigkeit geprüft werden. Auch ein Buch mit den besten Zukunftsideen wird erscheinen. Das Team denkt längst über Hamburg hinaus: Letztlich geht es um lebendige Zukunftsvisionen für urbanes Leben. Ansatz und Slogan von Nexthamburg lassen sich problemlos übertragen: Next City – Die besten Ideen für die Stadt von morgen!

    Erschienen in Oya 07/2011 

    Stella Loewenberg
    22. Januar 2012

    www.nexthamburg.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 72-remei

    reine Weste

    Die Remei AG produziert ökologische Bekleidung – und möchte damit nicht eigene Gewinne maximieren, sondern Baumwollbauern ein besseres Leben ermöglichen.

    Bauernbefreiung

    Die Remei AG produziert ökologische Bekleidung – und möchte damit nicht eigene Gewinne maximieren, sondern Baumwollbauern ein besseres Leben ermöglichen.

    Patrick Hohmann ist ein freundlicher, bescheiden wirkender Schweizer, der auf merkwürdige Weise jugendlich wirkt. Hohmann ist 61 Jahre alt, Ingenieur von Beruf und Chef eines Textilunternehmens, der Remei AG. Er ist in Ägypten geboren, schon als junger Mann durch die Welt gereist und natürlich auch als Unternehmer viel in Afrika und Asien unterwegs gewesen. Davon abgesehen war bis vor einigen Jahren in Patrick Hohmanns Leben alles weitgehend normal, so, wie es sich für einen Schweizer Unternehmer gehört.


    Bis ihn irgendwann das deutliche Gefühl beschlich, dass Armut, Ausbeutung und Gesundheitsschäden durch Herbizide und Pestizide im Baumwollanbau auch auf sein Konto als Textilunternehmer gingen. Das wollte er nicht länger verantworten, und Patrick Hohmann begann, sein Unternehmen umzubauen. Heute produziert er immer noch T-Shirts – heute aber hauptsächlich, um seinen Baumwollbauern ein gutes Leben zu ermöglichen. Warum das so gekommen ist, darauf kann Patrick Hohmann selbst keine rechte Antwort geben. Es schien ihm einfach nötig, als Unternehmer Verantwortung zu zeigen.


    Aber Verantwortung ist eine ziemlich teure und riskante Angelegenheit, wenn sie auf dem Markt stattfindet und nicht nur in Leitbildern und Unternehmensberichten. Sie fängt nämlich am Beginn der Wertschöpfungskette an, beim einzelnen Arbeiter auf den Baumwollfeldern und bei den Bedingungen, unter denen er sein bisschen Geld verdient. Um die zu verändern, dachte Patrick Hohmann, müsste er auf jeden Zwischenhandel verzichten, und die Arbeiter müssten selbst wieder Produzenten werden. Also gab er ihnen Kredite und erlaubte ihnen, selbst darüber zu bestimmen, wie viel sie wie liefern würden. Einzige Voraussetzung: sie verzichteten auf jeden Einsatz von Chemie. Das senkte ihre Kosten und war gut für ihre Gesundheit, gab ihnen Unabhängigkeit von der Industrie und ließ langsam auch ihre Böden besser werden.


    Für Patrick Hohmann war das allerdings erstmal nicht so gut, denn natürlich wurden seine Produkte teurer, und er ging mit seinem Unternehmen fast pleite. Aber das Gefühl, jetzt genau das richtig zu machen, was er vorher immer falsch gemacht hatte, verließ ihn nicht. Seine Garne waren von erheblich besserer Qualität als zuvor, und niemand kam mehr dadurch zu Schaden, wie sie hergestellt wurden. Und vor Ort in Tansania und in Indien ging es seinen Leuten gut. Das einzige Problem war der heimische Markt. Patrick Hohmann hielt durch, den hämischen Kommentaren der Konkurrenz zum Trotz. Und weil ihm zur selben Zeit die parallelen Trends zu Fair Trade und Bioanbau plötzlich Rückenwind verschafften, kam die Remei AG aus den roten Zahlen heraus und Hohmann zu ganz neuen Unternehmenszielen.


    Die berechnen sich heute nicht mehr nach dem Umsatz und der Zahl der verkauften T-Shirts, sondern nach der Zahl der Bauern, deren Leben das Unternehmen verändert. 10.000, sagt Patrick Hohmann, will er schaffen – und lächelt. Aber damit nicht genug. Die bioRe-Stiftung, die er auch noch gegründet hat, unterstützt Dorfschulen, ein mobiles Gesundheitszentrum, Biogasanlagen – was eben so gebraucht wird in den Teilen der Welt, die bislang vor allem Gegenden waren, in denen Menschen für zu wenig Geld unter zu hohen Kosten für ihre Gesundheit zu billige Sachen für uns produzierten.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.remei.ch

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 73-regionalwert

    Bioboomer

    Biobauer ist nicht gleich Biobauer: Wer 70 verschiedene Gemüsesorten anbaut, ist normalerweise nicht konkurrenzfähig. Christian Hiß suchte Abhilfe – und ersann die Regionalwert AG.

    Biobauer gründet Aktiengesellschaft

    Biobauer ist nicht gleich Biobauer: Wer 70 verschiedene Gemüsesorten anbaut, ist normalerweise nicht konkurrenzfähig. Christian Hiß suchte Abhilfe – und ersann die Regionalwert AG.

    Ein Bauer gründet eine Aktiengesellschaft, damit sein Betrieb klein und vielfältig bleiben kann. Was im ersten Moment wie ein Paradox klingt, ist genau das Konzept der Regionalwert AG, die Christian Hiß vor ein paar Jahren gegründet hat und die sich prächtig entwickelt.


    Christian Hiß ist auf einem Demeter-Hof in der Nähe von Freiburg groß geworden. Anfang der 1980er-Jahre machte er sich mit einem Gärtnerhof selbständig; damals war er ein junger Kerl, gerade einmal 20 Jahre alt. Auf seinen Feldern baute er dutzende Gemüsesorten an, nutzte und vermehrte eigenes Saatgut, und auch eine kleine Kuhherde gehörte zum Betrieb – ein richtiger Hoforganismus also, wie das im anthroposophischen Fachjargon heißt. Er wurde zwar nicht reich damit, aber sein Leben gefiel ihm, und der Hof warf genug ab, um den Jungbauern und seine wachsende Familie zu ernähren.


    Dann aber, um die Jahrtausendwende, brach in Deutschland der Bioboom los – und überraschenderweise wurde es dadurch für Christian Hiß finanziell immer schwieriger. Viele der neuen Biobetriebe wirtschafteten nämlich ähnlich wie die konventionellen – nur eben ohne Pestizide und Kunstdünger: Sie spezialisierten sich auf einzelne Gemüsesorten und setzten große Maschinen ein. „Auf einem Hof, der 70 verschiedene Gemüsesorten anbaut, betragen die Herstellungskosten für ein Kilo Biokarotten vielleicht zwei Euro. Ein Biobetrieb, der ausschließlich Karotten anbaut, hat aber nur 80 Cent Kosten“, rechnet Hiß vor. Doch für ihn war klar, dass er auf die Vielfalt seines Hofes nicht verzichten wollte. Deshalb sann er auf Abhilfe. „Ich wollte in dem Bereich, in dem ich mich auskenne, eine Kapitalwirtschaft schaffen, die die sozialökologischen Effekte des Wirtschaftens in die Gesamtrechnung einbezieht“, formuliert es der inzwischen 50-Jährige. So meldete er sich zu einem Fernstudium an einer britischen Universität an und büffelte am Feierabend ökonomische Theorien und Bilanzrechnung. Nach einer Weile kam ihm die Idee, eine Aktiengesellschaft zu gründen – ausgerechnet die Betriebsform, die am stärksten mit Effizienz und Kapitalismus assoziiert ist.


    Seit 2006 existiert sie – die Regionalwert AG, und sie funktioniert nach ganz eigenen Kriterien. Ziel ist es nicht, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern eine kleinteilige und gesunde Landwirtschaft zu erhalten. Schon mehrere Bauernhöfe und ein Winzerbetrieb gehören zum Unternehmen – und weil deren Produktion allein finanziell kaum tragfähig ist, hat die Aktiengesellschaft auch mehrere Bioläden, eine Großhandlung, eine Trockenobstmanufaktur, ein Catering-Unternehmen, einen Hauslieferservice und ein Gasthaus aufgekauft oder sich daran beteiligt. Diese Firmen nehmen nicht nur die Erzeugnisse der Bauern ab, sondern erzielen auch die nötigen Gewinne. 16 Betriebe hat die Regionalwert AG inzwischen in ihrem Portefeuille; laufend kommen neue hinzu.


    Auch die Zahl der Aktionäre wächst ständig. Knapp 500 Bürgerinnen und Bürger überwiegend aus der Freiburger Region sind inzwischen an dem zwei Millionen Euro schweren Unternehmen beteiligt. Wer hier einmal eingestiegen ist, darf seine Anteilsscheine zwar weiterverkaufen – doch nur an Investoren, die vom Vorstand akzeptiert werden. Außerdem ist es zwar denkbar, dass ein reicher Mensch Mehrheitseigner wird, doch kann dieser trotzdem nie mehr als 20 Prozent der Stimmrechte bekommen. So scheint eine feindliche Übernahme ausgeschlossen. 


    Auch für die Frage der Hofnachfolge hat Vorstand Christian Hiß mit der Regionalwert AG eine Antwort gefunden. Als Vater von drei Söhnen möchte er diese bei ihrer Berufswahl nicht einschränken. Zugleich wünscht er sich wie jeder andere Bauer, dass sein Hof weiterexistiert, wenn er aufs Altenteil wechselt. Doch das ist heutzutage alles andere als selbstverständlich: In Hiß’ Heimatdorf Eichstetten ist in den vergangenen 30 Jahren etwa die Hälfte der Bauernhöfe verschwunden, weil es in der Familie keinen Nachfolger gab – und es sich kein junger Landwirt leisten konnte, 400.000 bis 800.000 Euro für den Kauf aufzubringen. So viel etwa kostet in der Region ein durchschnittlicher Familienbetrieb mit rund 50 Hektar Land, Stall und anderen Gebäuden. Meist gingen die Äcker und Weiden deshalb an bereits existierende Betriebe – die nicht nur immer größer wurden, sondern auch technisch weiter aufgerüstet: Der Pestizid- und Düngereinsatz steigt seit den 1950er-Jahren steil an, und die Vermarktungswege werden ebenfalls immer länger.


    Die Regionalwert AG will diesen Trend brechen. Sie kauft Höfe auf und verpachtet sie an junge Biobauern, die wie Hiß auf Vielfalt setzen und eigenes Saatgut vermehren. Doch nicht nur die dort Beschäftigten stehen in der Verantwortung. „Mit der AG wollte ich auch möglichst viele Bürger einbinden. Sie sollen mitentschieden, welche Landwirtschaft sie in ihrer Region haben wollen“, fasst Hiß seine Motivation zusammen. Auf der jährlichen Hauptversammlung können die Anteilseigner nicht nur abstimmen, ob Vorstand und Aufsichtsrat gut oder schlecht gearbeitet haben. Sie entscheiden auch, wie mit dem Spannungsverhältnis zwischen guter Landwirtschaft und Geldverdienen umgegangen werden soll. „Das Unternehmen ist auch ein gesellschaftliches Forum“, sagt Hiß.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.regionalwert-ag.de

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 74-quartiermeister

    Kiezzischer

    Saufen für die Nachbarschaft: Sebastian Jacob aus Berlin-Neukölln verzapfte die Idee vom Sozialbier. Pro Kasten Quartiermeister gehen drei Euro an soziale Projekte.

    Bier von hier erbitt’ ich mir

    Saufen für die Nachbarschaft: Sebastian Jacob aus Berlin-Neukölln verzapfte die Idee vom Sozialbier. Pro Kasten Quartiermeister gehen drei Euro an soziale Projekte.

    Prost!

    Man kreiere eine lokale Biermarke, saufe sie vor Ort und unterstütze damit Nachbarschaftsprojekte. Im Sommer 2009, ausgerechnet während der Vorbereitung auf sein Examen, kam dem damaligen Jurastudenten Sebastian Jacob diese ebenso einfache wie geniale Idee. „Menschen engagieren sich gerne lokal, und sie haben gerne Spaß dabei“, sagt Jacob, inzwischen Rechtsreferendar. „Ich dachte mir: Trinken für die Nachbarschaft, das kann sich rumsprechen – am besten bei einem Bier.“ Seit 2010 gibt es den Quartiermeister in Jacobs Heimatstadt Berlin zu kaufen, in 0,33-Liter-Flaschen. Pro Kasten gehen drei Euro an soziale Projekte.


    Zum (Gemein-)Wohl!

    Die Bierkonzerne machten gewaltige Gewinne, von denen die Allgemeinheit nichts habe, sagt der 31-Jährige. Zudem störe ihn die kartellmäßige Aufteilung des Biermarktes. Also suchte Sebastian Jacob für die Produktion seines Sozialbieres nach einer kleineren, inhabergeführten Brauerei. Zu seinem Bedauern fand er in Berlin keine. Aber im 150 Kilometer entfernten Gardelegen in Sachsen-Anhalt entdeckte er einen Betrieb, der seinen Vorstellungen entsprach. Von dort bezieht er nun ein Pils aus regionalen Zutaten und zum ermäßigten Preis.


    Cheers!

    Parallel dazu klapperte der leidenschaftliche Biertrinker die Kneipen in seiner Nachbarschaft, seinem „Kiez“ ab – und stieß bei vielen Wirten auf offene Ohren. Inzwischen wird der Quartiermeister in etwa 30 Lokalen in Neukölln und Kreuzberg getrunken. Anfangs fuhr Jacob noch selbst quer durch sein Revier, um per Lastenrad die Bestellungen abzuliefern; diese Schwerstarbeit haben ihm längst Getränkefirmen abgenommen. Quartiermeister-Fans, die sich nicht auf den Auswärtsgenuss beschränken wollen, können das Bier inzwischen auch bei mehreren Händlern eigenhändig abholen oder aber – ab zehn Kästen aufwärts – für ihre nächste Party frei Haus liefern lassen.


    Şerefe!

    Sebastian Jacob fühlt sich wohl im Multikulti-Bezirk. Die Vielfalt gefällt ihm ebenso wie die günstigen Mieten, und er habe deshalb etwas zurückgeben wollen, sagt er. Die drei Euro Gewinn pro Bierkasten wandern zunächst in die Kasse des 30-köpfigen Vereins Quartiermeister e.V. und fließen dann an Kiezprojekte, die einen Förderantrag gestellt haben. 1.000 bis 1.500 Euro monatlich verteilt der Verein auf diese Weise. Ende 2011 feierten die Vereinsmitglieder mit einer Party den Verkauf der 100.000sten Flasche und die Vergabe von insgesamt mehr als 10.000 Euro an Nachbarschaftsinitiativen. Unter anderem wurde ein interkultureller Fußballverein gefördert, ein Kulturverein mit Floßkino, ein Netzwerk für Schülerhilfe und die Kulturloge, die Menschen mit Niedrigeinkommen kostenlosen Eintritt zu Kulturveranstaltungen verschafft.


    Salute!

    Der junge Rechtsreferendar braucht auch deshalb manchmal selbst einen Schluck, weil er ein zeitaufwändiges Hobby betreibt. Rund 30 Stunden in der Woche arbeitet er ehrenamtlich, ohne einen Cent zu verdienen, für das Sozialbier. Was will er denn später mal sein, Jurist oder Quartiermeister? „Beides“, sagt er. „Sozialunternehmertum“ interessiere ihn sehr, und einen Preis für „zukunftsweisendes Engagement“ hat er von der Robert-Bosch-Stiftung auch schon erhalten.


    Feuer, Futt unn Funke, es werdd noch aan getrunke!

    Auch in Frankfurt am Main hat der Quartiermeister inzwischen ein Quartier aufgeschlagen. Eine Stadtteilinitiative in der Hessenmetropole habe die Idee so toll gefunden, erzählt Sebastian Jacob, dass sie das Bier auch vor Ort verkaufen wollte. Das gehe nicht, erklärte er ihnen, weil das Bier doch „von hier“ sein solle. Sein Verein bot aber an, beim Aufbau der Verkaufsstruktur zu helfen. Die Frankfurter fanden einen lokalen Hersteller, das Herborner Brauhaus, und los ging’s. Ähnliche Projekte – lokale Produktion plus ehrenamtliche Struktur vor Ort – seien noch in der Pipeline, verrät Jacob.


    Nastrovje!

    Eine Brauerei direkt in Berlin zu haben, das wäre ein Sahnehäubchen, oder Bierschäumchen, auf dem ganzen Projekt. Das Problem sei jedoch, dass alle Großbrauereien zu noch größeren Konzernen gehörten und die Mikrobrauereien zwar tolle Konzepte, aber Vertriebsprobleme hätten, erklärt der Ober-Quartiermeister. Da sie nicht pasteurisieren könnten, gebe es Haltbarkeitsprobleme und auch Schwierigkeiten mit der Flaschenabfüllung.


    Doch in der Zukunft, sinniert er, werde vielleicht auch das lösbar. Und darauf: Skol! Yamas! Op uw gezondheid! Mazel tov! Salamati! Cin cin!

    Ute Scheub
    18. Januar 2012

    www.quartiermeister.org

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 127-juergen-reckin

    Saat gut!

    Kulturpflanzen, die sich selbst vermehren, gehören zur Lebensgrundlage. Jürgen Reckin unterstützt ihr Gedeihen mit Expertise und Raum für Wildwuchs.

    Wilde Vielfalt

    Kulturpflanzen, die sich selbst vermehren, gehören zur Lebensgrundlage. Jürgen Reckin unterstützt ihr Gedeihen mit Expertise und Raum für Wildwuchs.

    In der Schorfheide nördlich von Berlin, im Ort Finowfurt, lebt Jürgen Reckin und vermehrt seine Schätze. Einige hat er aus den entferntesten Winkeln der Welt zusammengetragen. „Bei den Amish in den USA fand ich eine Salatform, die bei uns schon lange ausgestorben ist, den Hirschzungensalat. Er kann sich selbst aussäen und wächst heute wild überall in meinem Garten. Pflanzen, die den Wildformen nahestehen, sind ursprünglicher in ihrer Biochemie und enthalten eine viel höhere Konzentration an nahrhaften oder heilsamen Inhaltsstoffen.“
    Jürgen Reckin schloss in den 1970er-Jahren zunächst ein Lehrerstudium ab, studierte dann Biologie, Chemie und Ökologie in Potsdam. Bei Professor Hans Karl Oskar Stubbe, dem weit über die Grenzen der DDR bekannten Agrarwissenschaftler und Genetiker, Gründungsdirektor des Instituts für Kulturpflanzenforschung in Gatersleben in Sachsen-Anhalt, promovierte er über kanadischen Wasserreis. Seine Professoren schickten den engagierten Studenten gerne auf Reisen in sozialistische Bruderländer. Im Rahmen eines UNESCO-Projekts zum Erhalt der Vielfalt von Kulturpflanzen besuchte Jürgen Reckin sogar Vietnam. „Da ging es ums Ganze. Der dort übliche Reis wollte in den kälteren Gegenden nicht gut wachsen. Der Vietnam-Krieg war gerade erst zu Ende, alles lag voller Kriegsgerät. Es drohten Versorgungsengpässe und Hungersnöte. Mir fiel ein, dass ich aus Ungarn einen Reis kannte, der auch kalte Winter verträgt. Er ließ sich in Vietnam im großen Stil sehr gut anbauen.“

     

    Die Pflanzen-Mitbringsel aus dem Ausland gingen nicht nur nach Gatersleben. Jürgen Reckin richtete auch ein großes Gartengelände in der Schorfheide ein. Die DDR maß einem solchen Reservoir der Vielfalt noch einen Wert zu; doch nach dem Fall der Mauer sank das Interesse an dem wilden Garten. Jürgen Reckin hat daran festgehalten; um einige der vor langer Zeit mitgebrachten Sorten kümmert er sich nach wie vor in Eigenregie.

     

    Jürgen Reckin fand auch nach 1989 eine Tätigkeit, die ihn reisen ließ. Als Mitarbeiter der kleinen bayerischen Naturheilmittel-Firma Pharmos Natur ging es für ihn jetzt in tropische Länder, deren Pflanzenvielfalt ihn förmlich berauschte: „Zu sehen, wie ein Grundmuster, eine Struktur, eine physiologische Eigenart, wie Geschmack, Farbe oder Form, beinahe bis zum Gehtnichtmehr variabel sind – das macht Spaß, und wenn man sich damit beschäftigt, kommt etwas Gutes dabei heraus.“ Aus Reckins Arbeit im Rahmen von Pharmos entstand unter anderem ein Naturheilmittel auf der Basis von grüner Papaya – und daraus ein Fair-Trade-Projekt mit angegliederter Schule.

     

    Es ist ein Glücksfall, dass in den letzten Jahren einige Studenten, beispielsweise von der Fachhochschule Eberswalde, auf Jürgen Reckin aufmerksam geworden sind. Sie wollen mit ihm forschen und experimentieren, seinen einmaligen Erfahrungsschatz heben. Zum Beispiel solche Kunstgriffe lernen: „Den sogenannten ewigen Kohl kann man eigentlich nur vegetativ vermehren, er blüht nie. Ewiger Kohl ist enorm gesund, er enthält erstaunlich viel Glutein und pro 100 Gramm 5000 Mikrogramm Beta-Carotin. Gewöhnlicher Blattsalat schafft es nur auf 1800 Mikrogramm. Ich habe ihn zum Blühen gebracht, indem ich ihn ein bisschen gequält habe. Eigentlich soll man Pflanzen nicht quälen, aber in diesem Fall war der einzige Weg, den Kohl so stark austrocknen zu lassen, bis er aus Not Blüten getrieben hat. Dann ließ er sich spontan mit violettblättrigem Grünkohl aus Schweden kreuzen. Beide Sorten sind nicht sehr winterhart, aber in der Spaltungs-Generation der Kreuzung mendeln Kombinationen heraus, von denen Einzelpflanzen selbst die extremen Temperaturen des letzten Winters überstanden haben. Sie sind bis in die Sprossenspitze grün geblieben.“

     

    Mit einer Studentengruppe möchte Jürgen Reckin jetzt einen Apfel züchten, der sich wie ein Wildapfel aus dem Kern vermehren kann, aber nicht so sauer ist wie ein wilder Apfel, sondern so lecker schmeckt, dass ihn auch Kinder gerne essen.

     

    Wenn Laien in die Saatgutvermehrung einsteigen wollen – wohin sollen sie sich wenden? Jürgen Reckin empfiehlt Bücher für das Selbststudium, oder man könne im Schaugarten von Dreschflegel mithelfen, eines Zusammenschlusses ökologisch wirtschaftender Betriebe für Saatgutvermehrung. Der Ertrag des gemeinsamen Saatgutversands stützt einen Verein, in dem züchterisch wie politisch gearbeitet wird. „Wer im Bereich Pflanzenzucht selbst aktiv werden will, muss vor allem beobachten lernen“, erklärt Jürgen Reckin. „Den Lebenszyklus der Pflanzen studieren, verstehen, wie sie sich auf natürliche Weise aussamen, wo man eingreifen muss, um kein wildes Durcheinander zu verursachen, und wo man die Vielfalt einfach sich selbst überlässt.“ Ja, richtig. Beobachten lernen! 

    Erschienen in Oya 06/2011

    Lara Mallien
    20. Januar 2012

    www.dreschflegel-saatgut.de 

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 77-morgenland

    Familienfest

    In Liechtenstein wurde 2011 erstmals die „enkeltaugliche Zukunft“ gefeiert. Das MorgenLand-Festival ist Labor für zukunftsfähige Ideen und Praxis.

    Enkeltauglich

    In Liechtenstein wurde 2011 erstmals die „enkeltaugliche Zukunft“ gefeiert. Das MorgenLand-Festival ist Labor für zukunftsfähige Ideen und Praxis.

    Eigentlich wollte Christof Brockhoff, 26, einer von diesen Erfolgstypen aus der Wirtschaft werden, mit einem scharfen Titel wie CEO oder Vice President, Spitzengehalt und Leben hart am Burn-out. Nach einigen Semestern Wirtschaftswissenschaften schienen ihm Titel, Gehalt und Burn-out allerdings gar nicht mehr sinnvoll, im Gegenteil. Der Grund: Die ab dem ersten Tag des Studiums pausenlos wiederholte Mitteilung, Unternehmen befänden sich im knallharten globalen Wettbewerb, begann Brockhoff regelrecht zu zermürben, zumal er nie eine Antwort auf die Frage bekam, warum das denn bitte so sei. Warum können denn Unternehmen keinen anderen Zweck haben als „anzugreifen“, zu „erobern“, zu „gewinnen“? Wenn schon ein Glaubenssystem, sagte er sich, dann doch keines, das wie Krieg ist. Und bitte ein zukunftsfähiges – schließlich ist es exakt dieser unablässige Wettbewerb, der den Planeten mit wachsender Geschwindigkeit ruiniert.


    Christof Brockhoff schmiss also, zum Schrecken seiner Eltern, das Studium und erfand einen Begriff: Enkeltauglichkeit. Enkeltauglich müsse das Wirtschaften wieder werden, Chancen der Zukunftsgestaltung öffnen, die nicht immer schon von denen konsumiert werden, die heute am Drücker sitzen. Zum Begriff fehlte nun noch die Aktion. Brockhoff ist als Liechtensteiner Bewohner eines ziemlich kleinen Landes mit wenigen Einwohnern und kurzen Wegen, was durchaus günstig ist, wenn man schnell etwas tun will, was landesweite Aufmerksamkeit erfahren soll. Was könnte dafür geeigneter sein als ein Festival – und zwar das erste Festival der Enkeltauglichkeit, nicht nur im kleinen Liechtenstein, sondern weltweit.

     

    Christof Brockhoff spannte ehemalige Kommilitonen, Freunde, Verwandte und alle möglichen Leute, die er gut und wichtig findet, ein und schuf das MorgenLand-Festival: ein transgenerationelles Fest, auf dem der jüngste Referent dreizehn und die älteste Sprecherin 96 war. Unter Verzicht auf die üblichen Konjunktivexzesse („wir müssten“, „wir könnten“ „wir sollten“) trat hier zum Beispiel Mike Bonanno von den Yes Men auf und erklärte, wie man subversive Dinge gegen autokratische Konzerne treiben und damit in die Nachrichten kommen kann, formulierten Enkel Manifeste und gaben Weltklasse-Musiker wie Frick/Helbock einen Vorgeschmack einer besseren, eben enkeltauglichen Welt. An dieser Welt soll in den kommenden Jahren immer konkreter gearbeitet werden: MorgenLand ist nämlich nicht als Einmal-Event konzipiert, sondern als Labor zukünftiger Möglichkeiten, die die kurze Zeit des Festivals überdauern sollen.


    Das Catering war vegan, und alle Rohstoffe stammten aus der Umgebung; spontane Arbeitsgruppen zur „Nutzungsinnovation“ funktionierten Park- in Tennisplätze und imaginierte Badeanstalten um, und am Ende war es ziemlich unmöglich, keine Idee zur Verbesserung des Umgangs mit dem Planeten mitzunehmen. Eintritt kostete das alles nicht: die Teilnehmer gaben, was es ihnen wert war, oder halfen bei der Organisation oder beim Catering mit. Hat funktioniert, drei Tage lang, ganz ohne Wettbewerb. Und ohne Krieg.


    Der Vater von Christof Brockhoff übrigens, ehemals Leiter einer Werbeagentur, hatte die Aufgabe, die Referenten und Musikerinnen zum Bahnhof zu shutteln. Er wundert sich heute, weshalb er vor kurzem noch geschockt war, als sein Sohn das Studium abbrach. Inzwischen erscheint ihm das, was Christof jetzt macht, viel plausibler: „Uns ist ja jetzt erst klargeworden, was man heute tun muss. Und tun kann.“ In die Organisation des MorgenLands waren denn auch alle Familienmitglieder einbezogen, wie übrigens auch sehr viele Liechtensteiner bis hin zum geschäftsführenden Staatsoberhaupt, Erbprinz Alois, das mehrmals persönlich bei Veranstaltungen auftauchte. Auch der Familienhund der Brockhoffs war das komplette Festival hindurch anwesend; sein Beitrag war, wie der des Thronfolgers, ein atmosphärischer. Der gelingende Umbau der Welt, von dem das MorgenLand-Festival eine Vorstellung gab, ist eben eine Sache von allen; Enkeltauglichkeit kann man nicht delegieren.

    Harald Welzer
    18. Januar 2012

    www.morgenland.li

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 78-baedergesellschaft-luenen

    Badewonne

    Die nordrhein-westfälische Stadt Lünen hat das erste Passivhaus-Schwimmbad Europas errichtet. Das wird auf Dauer viel Energie sparen, und damit auch Heiz- und Stromkosten.

    Schwimmen in der Thermoskanne

    Die nordrhein-westfälische Stadt Lünen hat das erste Passivhaus-Schwimmbad Europas errichtet. Das wird auf Dauer viel Energie sparen, und damit auch Heiz- und Stromkosten.

    Aus dem großen Schwimmbecken schaut man durch riesige Fenster ins Grüne, nebenan haben es sich ein paar Mütter in Liegestühlen bequem gemacht und beobachten ihren Nachwuchs, der seit Stunden im Wasser planscht. „Ich fühl’ mich hier wie im Urlaub“, sagt eine der sichtbar entspannten Frauen.


    Für alle, die ein neues Schwimmbad planen, ist ein Besuch in der 90.000-Einwohner-Stadt Lünen nördlich von Dortmund ein Muss. Dort steht das erste Passivhaus-Hallenbad Europas, das Lippe Bad. Das kommt mit halb so viel Wärmezufuhr und Strom aus wie herkömmliche Badeanstalten. Die Badegäste müssen deshalb aber nicht bibbern – ganz im Gegenteil. Die Wassertemperaturen der fünf Beckenbereiche liegen zwischen 28 und 32 Grad Celsius, und die Lufttemperatur ist jeweils zwei Grad höher.

     

    Die Idee dazu kam Gerd Koch, Prokurist der Stadtwerke Lünen und der Bädergesellschaft Lünen, im Jahr 2006. Schon seit einer Weile hatte er sich den Kopf zerbrochen, wie die Stadt es langfristig bewerkstelligen solle, ihren Bürgern Möglichkeiten zum Schwimmen zu bieten. Schließlich sind Bäder die teuersten öffentlichen Sportflächen – und weil Lünen wie viele andere Kommunen seit Jahren mehr oder weniger am Nothaushalt vorbeischrammt und Schwimmbäder zu den „freiwilligen Leistungen“ einer Kommune zählen, schien alles darauf hinzudeuten, dass der Betrieb der zwei Hallen- und zwei Schulsportbäder auf Dauer nicht zu bezahlen sein würde. Hinzu kam, dass alle vier Gebäude aus den 1950er- und 1970er-Jahren stammten, einer Zeit, in der energiesparendes Bauen für Architekten noch kein Thema war. „Man kann da zwar ein bisschen was verbessern. Aber aus einem Ackergaul wird nie ein Rennpferd“, fasst Koch seine damaligen Gedanken zusammen.


    Im September 2007 traf er auf einer Veranstaltung Wolfgang Feist, einen ausgewiesenen Experten für gut isolierte Passivhäuser. Ob die Bauweise auch bei einem Hallenbad funktioniere, fragte Koch. Feist wusste es nicht. So baten die beiden die Deutsche Bundesstiftung Umwelt um finanzielle Unterstützung und gaben eine bauphysikalische Studie in Auftrag. „Die hat bestätigt, dass so ein Vorhaben sehr, sehr aussichtsreich ist“, referiert der Lüner Prokurist – und betont, dass die rund 50 Seiten starke Studie mit konkreten Hinweisen für jeden kostenlos im Internet einzusehen ist und heruntergeladen werden kann. Dass seine Stadt die erste mit einem Passivhaus-Schwimmbad ist, findet er nicht so entscheidend. Wichtiger ist ihm, dass das Beispiel Schule macht.


    Nachdem der Rat der Stadt Lünen das Vorhaben gebilligt hatte, setzten sich alle zusammen, die Ahnung vom Schwimmbadwesen haben: Bauingenieure und Architektinnen, Schwimmmeister und Reinigungsfachkräfte. Am Anfang jeder Überlegung stand der Grundsatz, dass sich die Badegäste wohl fühlen sollen – schließlich kommen sie sonst nicht wieder. Die Abwesenheit von Moder und anderen unangenehmen Gerüchen ist dafür ebenso essentiell wie das Gefühl, dass es warm genug ist. Allerdings hängt es nicht allein von der Lufttemperatur ab, ob Menschen in nassen Badeanzügen beim Herumlaufen frieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Luftfeuchtigkeit. Anders gesagt: Durch eine Erhöhung des Wassergehalts in der Luft kann man die Wärme drosseln, ohne dass den Nutzern kalt wird – und auf diese Weise Energie sparen. Auch verdunstet bei höherer Luftfeuchtigkeit weniger Badewasser, was den Wärmeerhalt ebenfalls begünstigt.


    Auf der anderen Seite birgt eine hohe Luftfeuchtigkeit jedoch die Gefahr, dass kühlere Wände und Fenster beschlagen und sich Schimmel bildet. Im Schwimmbad von Lünen passiert das nicht, trotz extrem hoher Luftfeuchtigkeit. Das ganze Gebäude ist eine Art Thermoskanne – dank Dreifachverglasung und einer 30 Zentimeter dicken Wärmedämmung, in die die ganze Halle quasi eingepackt ist. So sind die Innenwände warm, und das Wasser kondensiert nicht; das Auftreten von Schimmel ist deshalb auch nicht zu erwarten. Wer sich nicht für Energieeffizienz und Luftfeuchtigkeitsanteil interessiert, bekommt von alledem auch nichts mit: In der Halle fühlt man sich keineswegs an die feuchten Tropen zu Zeiten des Monsuns oder an ein nebliges Dampfbad erinnert.


    Die gesamte Anlage ist unterkellert; ein Gewirr von dünnen Wasser- und Abwasserrohren und dicken Aluröhren für die Luft, manche davon dick mit Isoliermaterial gepampert, durchziehen den Raum. Es strömt und rauscht leise; hinter einer Stahltür brummen zwei Blockheizkraftwerke. Vor allem Biogas wird hier zum Heizen und zur Stromerzeugung verwendet. Stolz zeigt Badleiter Thomas Claus auf einen riesigen orangefarbenen Schrank, in dem die hereinströmende Frischluft über den Gegenstrom von drinnen geheizt wird. „Wir haben uns bei der Wärmerückgewinnung für den Mercedes entschieden“, so Claus. Zwar waren die Anschaffungskosten der Anlage etwas höher als der Marktdurchschnitt, dafür ist sie aber auch extrem leistungsfähig: Der Temperaturverlust ist minimal, und es muss nur wenig nachgeheizt werden.


    Auch sonst hat man bei den Anfangsinvestitionen überall auf Qualität und geringe Verbrauchswerte gesetzt. Denn wenn man die gesamte Lebenszeit eines Schwimmbads betrachtet, entfallen durchschnittlich nur etwa zehn Prozent des Finanzbedarfs auf die Baukosten, während der Betrieb mit 90 Prozent zu Buche schlägt. So hat der Bau des Lippe Bads zwar etwa zwei Millionen Euro mehr gekostet als eine konventionelle Halle, doch zugleich erwartet die Stadt im Vergleich zum Standard jährliche Einsparungen von etwa 200.000 Euro bei den Energie-, Wasser- und Abwasserkosten. Bereits nach zehn Jahren werden sich die Mehrkosten also amortisiert haben. Weil die durchschnittliche Nutzungszeit eines öffentlichen Schwimmbads bei rund 40 Jahren liegt, lohnt sich das allemal.


    Wie hoch die Verbrauchswerte tatsächlich sind, wird derzeit wissenschaftlich untersucht. Doch schon heute reisen Interessierte aus anderen Kommunen scharenweise nach Lünen. In der Szene der Schwimmbadbauer ist der Ort längst kein weißer Fleck mehr. Bisher gibt es nur einen einzigen Wermutstropfen: Weil die alten vier Bäder in Lünen dicht gemacht wurden, haben viele Bürger jetzt einen weiteren Weg zur Schwimmhalle.

    Annette Jensen
    18. Januar 2012

    www.baeder-luenen.de

    Bauuntersuchung zum Download

     Diese Geschichte weitererzählen… 

  • 79-lemonaid

    coole Brause

    Junge Leute vertreiben leckere Fair-Trade-Limonaden und Bio-Eisteesorten. Die Gewinne aus LemonAid und ChariTea stecken sie in Sozialprojekte.

    Flüssige Entwicklungshilfe

    Junge Leute vertreiben leckere Fair-Trade-Limonaden und Bio-Eisteesorten. Die Gewinne aus LemonAid und ChariTea stecken sie in Sozialprojekte.

    In einer Wohngemeinschaftsküche im Hamburger Stadtteil St. Pauli pressten Paul Bethke und Jakob Berndt wochenlang Limetten aus, der Schweiß triefte ihnen fast in den Saft. Sie mixten ihre Zutaten – ohne den Schweiß – so lange, bis ihnen die Mischung schmeckte. Das war, im Jahr 2009, der Anfang des Erfrischungsgetränkes LemonAid und des Eistees ChariTea. Mittlerweile gibt es fünf Sorten: Limonen- und Maracuja-Limonade, Grün-, Rot- und Schwarztee. Alle Zusätze stammen aus zertifiziertem Bioanbau und fairem Handel.


    Man nehme eine Prise fairen Grüntee aus Sri Lanka. Der Ökonom Paul Bethke, mittlerweile 30 Jahre alt, ging zeitweise in Sri Lanka zur Schule, später arbeitete er dort für die deutsche Entwicklungsorganisation GTZ. Was er sah, gefiel ihm aber nicht: Gelder seien oftmals ziellos ausgegeben worden, sagt er, die Entwicklungshelfer seien vor allem in der Business Class geflogen und hätten sich über Land in dicken Jeeps fortbewegt. Wenn man das Geld für Projekte selbst verdienen müsste, würde man es nicht so sorglos rauswerfen, sagte er sich damals. Also sprach er im Jahre 2009 seinen alten Schulfreund an, den gleichaltrigen Jakob Berndt. Der sei in seiner Werbeagentur doch auch beruflich unzufrieden – wie wäre es denn, schlug Bethke vor, wenn sie ihre Talente ab sofort für den sozialen Wandel einsetzen würden? Jakob Berndt war begeistert, kündigte, und zusammen machten die beiden sich an die Arbeit.


    Man nehme eine Portion gerechten Schwarztee, ebenfalls aus Sri Lanka. ChariTea – dass der Name des Teegetränks an das englische Wort für Wohltätigkeit erinnert, ist natürlich kein Zufall. Aber die Initiatoren, zu denen sich bald darauf der Ex-Unternehmensberater Felix Langguth gesellte, wollten mehr als Wohlfahrt; sie wollten sich für soziale Gerechtigkeit engagieren. Sie gründeten neben ihrer LemonAid Beverages GmbH einen gemeinnützigen Verein, der die Gewinne aus dem Getränkeverkauf zurück in die Anbauländer der Rohstoffe bringt. Bislang sind das fünf Cent pro 0,33-Liter-Pflandflasche, die für 1,60 Euro verkauft wird.


    In Sri Lanka trägt der Verein damit zu kostenfreier medizinischer Versorgung bei und unterstützt ein Gemeindezentrum in Colombo sowie das Bildungszentrum DTI, das Jugendlichen handwerkliche Ausbildungs- und Computerkurse anbietet. Um ethnische Spannungen zwischen Tamilen und Singhalesen im früheren Bürgerkriegsland abzubauen, werden die Schüler in den Klassen und den Wohntrakten des DTI bewusst gemischt. Und auf der Plantage, von der die Hamburger ihren Tee beziehen, bestimmt ein 30-köpfiges Komitee von Plantagenarbeitern, was mit den Gewinnen aus dem fairen Handel passieren soll. Die Gruppe hat damit bisher unter anderem einen Kindergarten, ein Kulturzentrum, medizinische Betreuung und Bildungsstipendien für Kinder finanziert.


    Man nehme eine Prise fairen Tee aus Südafrika. Den Rooibostee für den roten ChariTea bezieht LemonAid Beverages von der Kleinbauernkooperative Heiveld nordwestlich von Kapstadt. Während des Apartheid-Regimes war es den Schwarzen verboten gewesen, Rooibos-Tee in großem Stil anzubauen. Die Heiveld-Genossenschaft schrieb Geschichte, denn zusammen mit einer weiteren Kooperative ist sie der bisher einzige Zusammenschluss schwarzer Bauern in Südafrika. In Zusammenarbeit mit einer lokalen Nichtregierungsorganisation hat der Hamburger Verein in den letzten Jahren Solarpanels und energieeffiziente Holzöfen für Genossenschaftsmitglieder zur Verfügung gestellt.

     

    „Wir haben den fairen Handel aus dem Reformhaus befreit“, sagt Jakob Berndt nicht ohne Stolz. Ein Ziel des Hamburger Trios ist es, „junge Leute für die Idee des nachhaltigen Konsums zu begeistern“, wie Berndt es nennt. Die LemonAid- und ChariTea-Pfandflaschen kreisen mit ihrem coolen Design mittlerweile auf vielen Partys und Festivals; daneben sind sie in Kneipen, Cafés, BIO-COMPANY- und Alnatura-Supermärkten zu kaufen. Viel verdienen würden die Drei nicht, dafür erführen sie jede Menge immaterielle Bereicherung, unter anderem durch ihre Reisen in die Anbaugebiete ihrer Rohstoffe.


    Man nehme einen Schluck gerechten Limettensaft aus Brasilien. Jakob Berndt hat schon mehrfach die lateinamerikanischen Produzenten besucht. Zum Beispiel die Kooperative Coagrosol, in der sich 60 Kleinbauern aus der brasilianischen Region Itápolis nach einem Aufstand zusammengeschlossen hatten. Sie hatten es satt, der Ausbeutung durch internationale Lebensmittelkonzerne schutzlos ausgeliefert zu sein. Dank des Kontakts zu den jungen Hamburgern und zu anderen Fair-Trade-Projekten können sie ihren Limettensaft nun zu fairen Pr